Anders und trotzdem gleich(wertig) ?

Gendermarketing, die Aufteilung der Produktpaletten nach Geschlechtern liefert das alltägliche Mantra, das unseren Kindern einbläut, wie wir Frauen so sind und was wir Männer so mögen, was wir können, was wir essen, womit wir unsere Zeit verbringen … und was Jungen bzw. Mädchen tunlichst unterlassen sollten, wollen sie dazugehören und sich nicht selbst zu Sonderlingen und Außenseiterinnen machen. Geschmack, Vorlieben, Interessen, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften … (Gender-)Marketing behauptet, auf unterschiedliche BadBoy-DramaQueenGruppen und ihre Interessen zu reagieren, und das klingt ganz wertfrei und wunderbar nach Vielfalt. Und das bunte Marketingangebot für Mädchen und für Jungen macht ja tatsächlich auch sichtbar, dass es nicht nur Männer gibt in dieser Welt, sondern auch Frauen und Mädchen. Aber warum müssen diese Darstellungen so klischeehaft sein? Alles nur spielerisch und ironisch… ? Geschenkt! Denn das eigentliche Problem liegt ganz woanders: im sogenannten Fremdgruppen-Homogenitätseffekt und in der Eigengruppen-Verzerrung (Ingroup-Bias) – harmlos-spaßig und spielerisch geht leider anders.

Zweiteilung führt zu Diskriminierung

Eine Trennung in zwei Welten führt zu einer spürbaren Homogenisierung innerhalb der jeweiligen Gruppe und zum sogenannten ‚Fremdgruppen-Homogenitätseffekt‘: Der „alle anderen sind gleich“-Effekt tritt bei jeder Art von Gruppenmitgliedschaft ein, er betrifft nicht nur das Aussehen, sondern auch das Verhalten. Mögen aus amerikanischer Sicht nicht doch alle Deutschen Bier? Und können Menschen afrikanischer Herkunft nicht irgendwie alle besser tanzen? Wir weisen also den Mitgliedern einer anderen Gruppe ähnliche Eigenschaften und Charakterzüge zu, während wir in unserer eigenen Gruppe die besonderen Eigenheiten der Mitglieder deutlicher erkennen. Und auch wenn es nicht abwertend gemeint ist, bleibt es doch diskriminierend, Geschmacksvorlieben oder rhythmische Fähigkeiten an Nationalität oder Hautfarbe festzumachen. Beides sind Urteile, die von natürlichen Merkmalen ausgehen und aus der Distanz gefällt werden; Individualität wird dabei ignoriert: In der Theorie gestehen wir Mädchen und Jungen alle menschenmöglichen Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zu. Wir sind uns einig, dass wir ihnen unabhängig vom Geschlecht alle Entfaltungsmöglichkeiten geben wollen. Doch im Alltag zeigt sich: Der Einfluss von Gewohnheiten, von historischen Entwicklungen und Werten ist immer noch so groß, dass wir mit Begrifflichkeiten wie ’normal‘, ‚typisch‘ oder ’so sind sie eben‘ hantieren. Jedes ‚anders‘ Handeln wird somit zur offensichtlichen Grenzüberschreitung.

Wir bevorzugen die eigene Gruppe

Grundsätzlich gibt es ja gar keinen Grund, ein gleichwertiges Nebeneinander von zwei oder mehreren Gruppen zu problematisieren, wenn jede mit den ihr zugeschriebenen Rechten und Pflichten einverstanden ist. Doch das Phänomen der ‚Eigengruppen-Verzerrung‘, der ‚Ingroup-Bias‘, führt dazu, dass wir die eigene Gruppe bevorzugen und Nichtmitglieder benachteiligen. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass dieser Effekt selbst dann eintritt, wenn Gruppen willkürlich in eine Ingroup und eine Outgroup eingeteilt werden. Kinder spielen zum Beispiel lieber mit Kindern derselben Gruppe, nachdem ihre Zugehörigkeit zu dieser beliebig zusammengesetzten Gruppe mehrere Tage lang betont worden war (z.B. durch Tragen eines T-Shirts derselben Farbe).

Die sogenannte ‚Minimalgruppen-Forschung‘ aus den 1970er-Jahren des Sozialpsychologen Henri Tajfel ging noch einen Schritt weiter: Er zog den Schluss, dass allein die Einteilung in zwei Gruppen, selbst wenn sie künstlich zustande kam, zu Diskriminierung führt. Zur Minimalgruppen-Forschung gehören Experimente, in denen Versuchspersonen willkürlich zwei Gruppen zugeteilt werden, durch Münzwurf, Losentscheid oder durch triviale Eigenschaften, zum Beispiel die Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung. Wenn sie später in einem Scheinexperiment der Eigen- oder der Fremdgruppe Geld zuweisen sollen, dann zeigt sich, dass die Teilnehmenden ihrer Eigengruppe deutlich mehr Geld geben. Auffällig und besonders absurd dabei ist, dass es gar nicht mal darum geht, der eigenen Gruppe zu einem möglichst großen Gewinn zu verhelfen, sondern die Versuchspersonen behalten immer im Auge, einen maximalen Unterschied zur Fremdgruppe herzustellen, selbst auf die Gefahr hin, dass der Gesamtgewinn für die eigene Gruppe am Ende kleiner ausfällt. Den Schaden der anderen zu vergrößern ist wichtiger, als die Vorteile der eigenen Gruppe. Die Fremdgruppe wurde in diesen Fällen diskriminiert, und das, obwohl sich die Teilnehmer*innen nicht einmal kannten und obwohl sie das zu verteilende Geld nicht behalten durften.

Wir haben gewonnen

Dahinter steckt laut Henri Tajfel, dass wir eine Identität haben, die über das Ich hinausgeht, eine Art Wir-Identität, die dafür sorgen soll, dass es der eigenen Gruppe besser geht als den anderen. Wir versuchen die eigene Gruppe aufzuwerten, denn wenn es unserer Gruppe gut geht, geht es auch uns selbst gut, so unsere innere Logik. Geht es der Gruppe gut, wächst wiederum auch unser Zugehörigkeitsgefühl. Gewinnt Deutschland bei der Fußball-WM, schreiben die Zeitungen „Wir haben gewonnen“, verliert die deutsche Mannschaft, liegt der Fehler bei einzelnen Fußballer*innen, beim Trainer oder der Trainerin,  im Zweifel am Wetter. „Wir sind Papst“ freut deshalb auch Menschen, die sich bis dahin wenig für Kirchenoberhäupter interessiert hatten. Die Sozialpsychologin Sabine Otten erklärt, die Eigengruppe werde als Teil des Selbst verstanden. Und da wir wissen, dass ein gesunder Mensch sich selbst gegenüber eine positive Einstellung hat, überträgt sich diese Einschätzung auch auf die Eigengruppe: Wir finden sie wunderbar, sogar dann, wenn wir ihr erst seit kurzem angehören.

Der Wunsch, sich von der Fremdgruppe abzusetzen, wächst, wenn Wettbewerb mit ins Spiel kommt. Der Sozialpsychologe Jens Förster nennt in seinem Buch über „Nutzen und Nachteil des Vorurteils“ (Kleine Einführung in das Schubladendenken) zwei Bedingungen, unter denen negative Diskriminierung auftritt, allein durch die Bildung von zwei Gruppen: zum einen, wenn die Eigengruppe als wichtig erlebt wird, und zum anderen, wenn die positive Identität der eigenen Gruppe in irgendeiner Weise durch eine andere Gruppe bedroht wird. Etwas anders verhält es sich, wenn es um Geschlechtergruppen geht. Hier genüge schon „die Geschlechtsidentität, also die Frage, wie sehr wir uns als Mann oder Frau fühlen, und der feste Glaube daran, dass sich Männer und Frauen fundamental voneinander unterscheiden“. Beides zusammen führe selbst ohne den Faktor Wettbewerb zu Diskriminierung, betont Jens Förster. Zum Beispiel dann, wenn jemand durch sein Verhalten unsere Rollenklischees von Frau und Mann, von Mädchen und Jungen infrage stellt.

Wettbewerb ist Alltag

Auch außerhalb von Wettbewerbssituationen also geraten die Gemeinsamkeiten von Menschen aus dem Blick, wenn man sie fortwährend in zwei Gruppen teilt. Mehr noch, wenn man sie immer wieder in dieselben zwei Gruppen trennt: Die Kategorie Geschlecht nehmen wir jeden Tag viele Male wahr, und wir stellen sie weit über Größe, Einkommen, Alter, Augenfarbe … oder jede beliebige andere Kategorie, die uns aus der rosa- oder hellblauen Schublade heraushelfen könnte, würden wir sie nicht als weniger wichtig einstufen. (Nur die Religion scheint dieser Tage genauso relevant und streng beurteilt, wenn es um Gruppenzugehörigkeit geht).

Im Alltag spielt Wettbewerb unter Mädchen und Jungen natürlich immer wieder eine Rolle, allein schon durch die wiederkehrenden Vergleiche der Erwachsenen (besser lesen, schneller rennen, schöner malen, Schwereres tragen …). Auch der Wettbewerb unter Erwachsenen, die im Berufsleben um Status und Anerkennung kämpfen, bleibt Kindern nicht verborgen, sie erkennen darin die Spielregeln der Erwachsenenwelt. Der Neurobiologe Gerald Hüther ist überzeugt: „Weil sie in unserer Wettbewerbsgesellschaft ständig aufeinander gehetzt werden, haben sich beide Geschlechter schon weit voneinander entfernt.“ Die Tatsache, dass mehr Frauen in Männerdomänen Erfolg haben wollen als Männer in Frauenberufen, der Umstand auch, dass immer mehr Frauen vordringen in Berufe, die besser bezahlt sind und höheren Status versprechen, vermittelt den Kindern die jeweilige Wertigkeit verschiedener Tätigkeiten. Diese Hierarchie überträgt sich sehr oft auch auf die Familie, was einem gleichberechtigten Zusammenleben von Mutter und Vater, Brüdern und Schwestern nicht gerade zuträglich ist.

Gendermarketing mag also durchaus ein Zeichen dafür sein, dass unsere Welt vielfältiger geworden ist, der Blick auf unterschiedlichste Gruppen, die bisher weniger gehört, weniger wahrgenommen wurden, spricht dafür. Doch wenn wir Vielfalt auf das Individuum beziehen wollen, also Vielfalt verstehen als individuelle Wahlfreiheit, dann zeigt sich, dass Frauensenf und Männerchips, Mädchenschnuller und Jungsshampoo eine Einengung bedeuten und unsere persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten reduzieren.

Im übrigen nehmen Kinder die Werbe- und Warenwelt ganz anders wahr als wir Erwachsenen, nämlich schlicht als Wahrheit: wenn Männer im medialen Care-Bereich von Kinder, Haushalt, Pflege nicht abgebildet werden, dann, weil das wohl so sein muss, weil sie es offenbar nicht können. Und diese seltsam verzerrte Vorbildwelt erleben Jungen und Mädchen abertausende Mal bevor sie  selbst vor der Entscheidung stehen, welche Rolle sie in ihrer eigenen Familie denn einnehmen wollen. Was also in der Erwachsenenwelt ermutigend wirken kann, eine neu und endlich abgebildete Vielfalt, wird schnell zur self-fulfilling prophecy, denn die wieder und wieder reproduzierten Werbeklischees werden diese Vielfalt schnell wieder zerstören.

 

 

*Passagen dieses Artikels sind dem Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ entnommen.

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