Ein Virus, erträumt von Waldemar Kobus

Aggrolepsie

von Waldemar Kobus

Waldemar Kobus ist Schauspieler. Er hat in Bully Herbigs Wickie-Verfilmung den Vater Halvar gespielt, stand mit Tom Cruise vor der Kamera für Brian Singers ‚Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat und strickt sowohl in Drehpausen als auch außerhalb des Sets:

 

Vor vielen Jahren hörte ich von einer sehr seltenen Krankheit, der Narkolepsie. Von dieser Krankheit Betroffene schlafen einfach ein, sobald sie Glück, Freude, Euphorie oder andere starke Emotionen empfinden. (Selten ist diese Krankheit nebenbei bemerkt deshalb, weil es sich um eine Erbkrankheit handelt und der Narkoleptiker rechtzeitig vor’m Orgasmus einschläft.) Seither lässt mich der Gedanke an diese Krankheit nicht mehr los:

Was wäre, wenn sich eine seltsame, der Narkolepsie sehr ähnliche, allerdings hoch ansteckende Krankheit sprunghaft und unaufhaltsam unter der Erdenbevölkerung ausbreitete? Ich nenne sie mal Aggrolepsie. Die Erkrankten zeigen keinerlei Symptome. Erst wenn bei einer infizierten Person Aggression umschlägt in den Entschluss, körperliche Gewalt anzuwenden, wenn aus dem Gefühl der Überlegenheit heraus im Hirn die Leuchtreklame angeht: „Jetzt hau ich drauf, jetzt stech ich zu, jetzt tret ich rein!“, wenn sie ausholt zum Schlag gegen einen anderen Menschen, genau dann schlägt die Aggrolepsie zu und die betroffene Person schläft friedlich ein.

Da kommt dann also die infizierte Kugelstoßerin frustriert vom Wettkampf nach Haus, findet das Bier ekelhaft warm, will ihrem zwei Köpfe kleineren Ehemann deshalb grade mal ordentlich auf die Fresse hauen und … schläft ein. Oder der gut gelaunte Neonazi torkelt mit seinen Kumpels die Straße lang, entscheidet, dass die entgegenkommende 12-jährige Kopftuchträgerin viel zu gut aussieht, will nur mal kurz mit seinem Schlagring etwas daran ändern und … liegt im nächsten Augenblick schlafend auf dem Bürgersteig. Oder der saucoole IS-Kämpfer will der heidnischen Welt vor laufender Kamera zeigen, wo der Hammer hängt, indem er seinen gründlich gefesselten, knienden Gefangenen noch etwas kleiner macht, holt aus mit seiner Machete, kippt geschmeidig nach vorne und schnarcht los. Kamera läuft weiter, der nächste selbst ernannte „Gotteskrieger“ tritt ins Bild, holt aus und legt sich für ein nettes Schläfchen auf seinen Kollegen. Die Kamera läuft weiter … Oder nach ’nem Fußballspiel – da sieht ’s dann auch etwas anders aus, als wir das heute so kennen. Da gehen dann die Fans der einen Mannschaft feiern, die der anderen Mannschaft gehen trauern, und ein paar wenige, besonders Engagierte aus beiden Lagern treffen sich irgendwo zu einem erholsamen Sleep In.

Gesellschaftlich veränderte die Aggrolepsie so Einiges: Jede Menge Polizei- und Justizvollzugsbeamte bevölkern die Jobcenter der Agenturen für Arbeit, wo sie auf ihre Umschulungsmaßnahmen warten. Die wenigen verbliebenen Polizisten sind hauptsächlich damit beschäftigt, Schlafende zu wecken oder in besonders schwer wiegenden Fällen den Verkehr drum herum zu leiten. Und vollends abenteuerlich wird ’s, wenn man sich ausmalt, wie das Ganze sich wohl auf die klassische Rollenverteilungen auswirkt. Was lässt sich die Mutter in Afrika nach Feldarbeit, Wasser schleppen, Kochen, Kinder gebären und versorgen … noch von ihrem Ehemann sagen, wenn dessen Argumente auf ein Mal nicht mehr so richtig schlagkräftig sind?

Ich glaube, ich werde mal beim Robert Koch-Institut anfragen, ob man so eine Krankheit nicht züchten könnte.

 

——

Nachtrag vom 28.1. auf den Kommentar von Martin hin:

Hallo Martin!

Es freut mich sehr, dass Sie sich so eingehend mit meinen Phantasien zur Aggrolepsie auseinander gesetzt haben und dabei auch gleich auf den wundesten Punkt meiner karikaturhaft, verknappt skizzierenden Vision gestoßen sind.
Ja! Die Darstellung der Polizei ist klischeehaft. Nach Rücksprache mit den drei Polizistinnen und Polizisten in meinem Familienkreis, durch die ich einen kleinen Einblick in die Vielfalt polizeilicher Aufgaben genieße, habe ich aber mit deren Einverständnis beschlossen, die Polizei auf ihre Funktion als eines der Instrumente des Gewaltmomopols unserer modernen Industrienationen zu reduzieren und so den Seitengedanken an unsere ordnungshütenden Mitbürger innerhalb dieses Textes nicht zu sehr ausufern zu lassen.

Was die „Mutter in Afrika“ angeht, so war ich mir sicher, dass die Willkür in der Auswahl meiner Beispiele ( frustrierte Kugelstoßerin, torkelnder Nazi, ….) den Verdacht der Allgemeingültigkeit gar nicht erst aufkommen lässt. Weder sage ich mit diesem Beispiel etwas über Mütter im Allgemeinen noch über einen Kontinent und dessen Vielfalt aus. Genau so gut hätte ich die asiatische Diplomatengattin anführen können, die von ihrem Ehemann seit Neustem nicht mehr verprügelt wird, oder den Baggerfahrer in Leinfelden-Echterdingen, bei dem die Zahl der Hämatome und Knochenbrüche rapide abgenommen hat, seit seine Freundin unter Narkolepsie „leidet“.

Womit wir beim vorletzten Punkt wären. Schlafentzug ist als Foltermethode anerkannt, – aber Schlaf? Na gut, es wäre wahrscheinlich für den bereits erwähnten Rechtsradikalen nicht gerade angenehm, in einem zufällig rumliegenden, feuchten  Schäferhundhaufen einzuschlafen. Aber Schlaf mit den von Ihnen beschriebenen Stromstößen in der Serie „Futurama“ (oder der Folter in „Clockwork orange“)  zu vergleichen, fällt mir etwas schwer. Wobei ich übrigens immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass der aggroleptische Schlaf ein erholsamer und nicht nur friedlicher sondern sogar befriedender ist, somit Nachtschlafzeit einspart und also keineswegs als „Entzug von Lebenszeit“ zu werten ist. Aber das sind letztenendes Details, die man gründlich mit den Virologen vom Robert Koch Institut planen und verhandeln müsste.

Was mich denn auch zum letzten Punkt führt:
Natürlich fände auch ich es sehr viel ehrenwerter, der Homo Sapiens nähme sich endlich seiner gattungsinternen Gewaltprobleme an und löste sie aus eigener Kraft, statt sich von einer Krankheit helfen zu lassen. Aber aus irgendeinem Grund fällt mir bei jeder Nachrichtensendung die Aggrolepsie ein.

Mit freundlichem Gruß,
Waldemar Kobus

 

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  • Die Idee ist schön, doch das Szenario ein wenig klischeehaft weitergedacht. Polizisten beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit Schlägereien und Verkehr. Drogenhandel, Wirtschaftskriminalität und dann neuerdings das Ausrauben schlafender Personen wären weiterhin an der Tagesordnung. Und allein der Gedanke, dass ‚die Frau‘ in ‚Afrika‘ sich nicht auch emanzipiert hätte … Zunächst ist Afrika kein Land, sondern ein Kontinent, noch größer als auf den meisten Karten dieser Welt verzeichnet. Und wer Afrika bereist stellt die großen kulturellen Unterschiede quer über diesen Kontinent fest – meist sogar innerhalb einzelner Länder.

    Gerade hier hätte ich einen feiner formulierten Beitrag zu dieser Vision erwartet. Und dann kommt mir die Frage in den Kopf: Sollten wir wirklich mit einem Virus Menschen mit Aggressionen durch Entzug von Lebenszeit ’strafen‘ oder uns vielleicht doch den darunter liegenden Problemen annehmen? Ich empfehle dazu die Folge „Benders Game“ der Serie Futurama, in der die Hauptcharakterindurch Stromstöße von ihren aggressiven Gedanken geheilt werden soll.

    • A und S

      Hallo Martin!

      Es freut mich sehr, dass Sie sich so eingehend mit meinen Phantasien zur Aggrolepsie auseinander gesetzt haben und dabei auch gleich auf den wundesten Punkt meiner karikaturhaft, verknappt skizzierenden Vision gestoßen sind. Ja! Die…

      (Waldemars komplette Antwort ist oben eingefügt als Nachtrag)

      • Hallo Waldemar!

        Vielen Dank für die fixe und ausführliche Antwort. Die Rücksprache mit Polizisten in der Bekanntschaft ist lobhaft, akzeptiert. Auch dass man bei „misshandelten Menschen“ immer zum einfachsten Beispiel greift (Frau von Mann misshandelt, auf einem dem Westeuropäer noch immer unheimlichen Kontinent), geschenkt.

        Doch dass der Gedanke nicht entsprang, dass Zwangs-Schlaf einem Entzug von Lebenszeit nahekommt, macht mich stutzig. Mit 14 gab ich einem Freund Nachhilfe. Er hatte eine angeborene Einschränkung in der Kommunikation seiner beiden Hirnhälften (aka „geistige Behinderung“). Bei Reizüberflutung oder schwierigen Aufgaben konnte er so nicht das vor ihm liegende verwerten und reagieren. Dies endete oft in unkontrollierten Wutausbrüchen.

        Ein solcher Mensch – und ich gehe davon aus dass es viele davon gibt – könnte unter Einfluss eines solchen Virus nur schwer an der Kontrolle seiner Aggression arbeiten. Denn Therapie hat immer etwas mit dem „in die Situation hineinbegeben und verstehen“ zu tun. In unserer normalen Welt hatte er die Chance daran zu arbeiten, diese Energie zu kanalisieren – quasi wie der Hulk in den Marvel Comics – und trotz seiner angeborenen Einschränkung ein normales Leben zu führen.

        Auch ich stand gerade eben vor meinem Drucker, der mir jeden Ausdruck mit einem Absturz auf halbem Weg quittierte. Enttäuschung führte zu Frustration, die kanalisiert auf diesen Drucker auch eine gewisse Wut mit sich brachte. Der Drucker fing sich zwischenzeitlich einen Tritt ein, die Wut war raus, normale Methoden wie Stecker raus & rein brachten schließlich Erfolg. Doch unter Einfluss des Virus hätte ich zunächst mal eine Runde geschlafen, wäre aufgewacht, hätte weiterhin vor dem selben Problem gestanden, aber Stunden verloren (und meinen Papierhaufen für das Finanzamt heute sicher nicht mehr angetastet).

        Und auch der Mann der seine Frau schlagen will, verfällt in einen Schlaf und wacht später auf. Der Grund für die Aggression wird noch immer in ihm wohnen. Solche Dinge gehen nicht einfach weg. Natürlich wäre er gehemmt es wieder zu versuchen, die Frau wäre sicher. Und das ist gut so, ich möchte keineswegs die feigen Typen in Schutz nehmen, deren einzige Argumentationsform die Faust ist. Doch es ist wie nach einem Streit mit der Ehefrau ärgerlich schlafen zu gehen – am nächsten Tag sind die Gründe des Streits noch immer da und die Zeit zur Reflexion nimmt sich der Körper nicht im Schlaf, sondern in der Zeit davor, wenn man vor Ärger oder Sorge nicht einschlafen kann…

        Doch denken wir weiter – was kann ein Mensch tun, wenn er die Wut im Bauch hat, doch keine Möglichkeit sie rauszulassen? Dann landen wir bei der IS und den selbsternannten „Gotteskriegern“ – und zwar den kühlen, berechnenden, die ohne Wut und mit eiskalter Berechnung eine Bombe bauen, sie einem jungen Menschen umschnallen und ihn ins Kino schicken.

        Im Science Fiction wurde auch immer wieder die Methode des Schlafes als „platzsparendes Gefängnis“ angedacht. Z.B. in Demolition Man das Cryogefängnis. In diesem Fall wurde den Menschen zwar keine Lebenszeit genommen, doch wurden sie unmittelbar in eine Gesellschaft verpflanzt ohne Freunde, Familie, Bekannte, ohne Kenntnis alltäglicher Abläufe (jeder erinnert sich an die „drei Muscheln“) – aus dem Leben gerissen. Doch auch hier wieder mit der Änderung der Hirnströme zur Verhaltensanpassung, da der Schlaf allein nicht heilt.

        Zudem geht das Gedankenspiel davon aus, dass wir in einer „lebenswerten Welt“ leben. Mit der Aggrolepsie hebelt man allen voran unser Grundgesetz aus: Artikel 20 Absatz 4 gesteht uns das Recht zu „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“. Aggrolepsie würde die perfekte Waffe für die Diktatoren dieser Welt, die sich mit Wirtschaftseinfluss in Machtpositionen gehievt haben und nun fröhlich vor sich hingerieben, während die unzufriedenen Menschen im Land beim kleinsten Gedanken an Rebellion sich schlafen legen.

        Die Volkssouveränität wäre dahin, wir alle Sklaven unserer lächelnden Zustimmung, denn anders verschlafen wir unser Leben und ändern nichts. So ist der Gedanke der Aggrolepsie wie in meinem ersten Kommentar geschrieben ein schöner. Doch je länger ich mit dem Gedanken spiele, umso mehr entwickelt er sich zu einem Horrorszenario.

        Schalte ich die Nachrichten an, wünsche ich mir oft, die Menschen würden miteinander sprechen und sich auf die Nöte und Wünsche des jeweils anderen einlassen.

        Gruß
        Martin

        • Waldemar Kobus

          Hallo Martin!

          Danke für die gründliche, durchdachte Reaktion auf mein Gedankenspiel. 
          Thema Afrika und Mutter ist immer noch nicht richtig angekommen, aber das ist einfach nur ein Missverständnis, weiter oben steht alles, was ich dazu zu sagen habe.

          Ich stimme absolut zu, dass ein Volk von Aggroleptikern das gefundene Fressen für sämtliche Diktatoren, Oligarchen, Bankiers, Finanzverbrecher und Taschendiebe wäre. Aggrolepsie wäre Symptombekämpfung, wäre so, als wollte man Grippe ausrotten, indem man Fieber verbietet. Natürlich wär ’s wesentlich sinnvoller, die Menschen würden nach mehreren tausend Jahren zivilisatorischer Evolution endlich mal anfangen, miteinander zu sprechen und sich auf die Nöte und Wünsche des jeweils anderen einzulassen. All das vernachlässige ich sträflich und stürze mich einfach nur auf den einen positiven Effekt der Narkolepsie: Sie könnte körperliche Gewalt unter Menschen verhindern, könnte verhindern, dass Menschen zu Opfern werden, die dann ihrerseits ein paar Jahre später zuschlagen, weil sie selber geschlagen worden sind und so weiter. Ich nehme mir in meinem Text da oben die Freiheit, unvollständig und einseitig zu spinnen, und freue mich, wenn er zum Denken rund um Gewaltfreiheit anregt. 

          Und vielleicht führen unsere Gedanken ja dazu, dass wir ganz weg kommen von der Aggrolepsie und stattdessen die Aggrognostie beim Robert Koch Institut in Auftrag geben. Das ist nämlich eine Krankheit, bei der die Infizierten in dem Moment, da sie drohen gewalttätig zu werden, den wahren Grund für ihre Aggressionen erkennen und ihre Gewalt sofort dorthin lenken, wo ihr eigentlicher Ursprung liegt. Da packt dann zum Beispiel die Kugelstoßerin zu Hause ihr Bier an, stellt es sofort wieder weg, rennt zu ihrem Trainer und haut ihm auf die Fresse. Oder der Nazi guckt der jungen, hübschen Kopftuchträgerin ins Gesicht, dreht sich um und geht zum nächsten Laternenpfahl, um sich damit sein eigenes Gesicht zu verhübschen. Oder der IS-Kämpfer läuft aus dem Bild und köpft seinen Anführer. Oder … Aber das wäre dann ja … da würde ja seelischer oder verbaler Druck dann beantwortet mit körperlicher Gewalt. Und das wäre ja … also damit wäre der Kreislauf der Gewalt ja wieder nicht wirklich durchbrochen. 

          Oder wir probieren ’s doch ganz ohne Krankheiten? Aber wenn man sich die menschliche Geschichte so anschaut über die letzten, sagen wir 4000 Jahre, dann sieht ’s ja irgendwie nicht so aus als könnte das ohne … also irgendwie Fremdhilfe … naja … das ist nicht so …

          Noch mal danke fürs Mitdenken.