Bin ich schön? Der Schulfotograf steht auf Photoshop

Meine Älteste geht in der 7.Klasse, ich bin sprachlos, wenn sie erzählt, wie unfreundlich es dort zugeht: „Du weißt schon, dass du fett bist, oder?“, „Trink nicht so viel, sonst wirst du so fett wie Jenny!“ Natürlich bin ich froh, dass sie nicht die Zielscheibe ist, und ich hoffe sehr, dass unsere Gespräche darüber ausreichen, dass sie genausowenig zu denen gehört, die die Beleidigungen losschießen. Mich beschäftigt, welche Wichtigkeit dieses Thema an dem Ort hat, an dem sie über die Hälfte ihres Tages verbringt. „Richtig sein“ scheint oberstes Kriterium in diesem Alter. War es in meiner Schulzeit auch schon genauso entscheidend wie heute? Auch ich glaubte daran, dass es ein „Normalgewicht“ gibt, machte eine Diät, nachdem mich ein Schüleraustausch in den USA aus den gewohnten Hosen hatte rauswachsen lassen, und bis heute erinnere ich, dass eine Banane 100 Kalorien hat, ein Apfel 50, ein Gummibärchen 7. Stimmt’s? Falsch erinnert? Wen kümmert’s!! Ist das nicht fürchterlich, sich mit solchen Zahlen das Gehirn zuzumüllen? In meiner Erinnerung gab es wenigstens keinen Gewichtsvergleich unter Freundinnen, aber es gab auch keine Smartphone-App zur Gewichtskontrolle und keine Castingshow, die mitbestimmt, was richtig und was schön ist.

„Richtig“ sein hat oberste Priorität

Aktuell läuft wieder eine Heidi-Staffel. Als ich meine Tochter frage, ob sie schon mal eine Folge gesehen hat – Fernsehabende bei Freundinnen oder so – sagt sie ‚Ja‘, ist sich aber nicht ganz sicher, ob wir von derselben Show sprechen. Sie kennt den Titel und möchte am liebsten sofort und jetzt eine Folge anschauen – dabei weiß sie gar nicht genau, was ich meine? Heidis Werbung funktioniert offenbar und die Freundinnen tragen ihren Rest dazu bei. Also was jetzt? Verbieten macht ja wenig Sinn, stur gucken lassen auch nicht. Also schaue ich mit? Meine Kritik daran kennt sie schon (Mädchen, die regelmäßig GNTM schauen, fühlen sich zu dick und haben mehr an ihrem Körper auszusetzen als zuvor.) über Körperbilder, Möglichkeiten von Photoshop und Schönheitsideale der Werbung haben wir uns schon mehrfach unterhalten. Letzter Anlass war das aktuelle Foto des Schulfotografen, das mich immer noch sprachlos macht:

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Das linke ist aus der 6.Klasse, das rechte aus dem laufenden Schuljahr. Die Zahnlücke ist zugewachsen, soweit so gut. Aber wieso haben auch die Sommersprossen abgenommen, wo ist die Lachfalte rechts und links vom Mund? Das Kinn ist geglättet, der Hals, die Haut unter den Augen genauso.

Verantwortung auf die Eltern abgeschoben

Schön und richtig sein ist also ein ständiges Thema, das nicht ausbleibt, selbst dann nicht, wenn es gelingen sollte, Heidi & Co aus dem Haus zu verbannen. Denn dann kommt der Schulfotograf und teilt uns ohne Worte mit, die glatte, makellose Haut eines 12-jährigen Kindes ist nicht schön genug! Geht’s noch? Nein, sie muss noch glatter sein, völlig ohne Falten, und ohne Sommersprossen ist sie noch besser.

Ohne Kinder könnte ich mich einfach umdrehen, weggehen, abtauchen und dieses Thema anderen überlassen. Nichts würde ich lieber. Es gibt so viele andere Themen, die mich faszinieren, Dinge, für die ich gerne Zeit aufbringen möchte. Aber mit drei Kindern ist Wegducken keine Alternative. Mir steht also mindestens eine Folge GNTM bevor, Gespräche über XXL-Plakate von Bikini-Schönheiten an der Bushaltestelle, über Werbespots, in denen schlanke Models langhaarig durchs Bild hüpfen und sich über ihr Joghurt freuen. Und deshalb ärgere ich mich über Kommentar-SchreiberInnen, die unter Artikeln verbreiten, es sei an den Eltern, ihren Kindern ein gesundes Körperbild und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Den Unternehmen könne man da nichts vorwerfen, die seien schließlich der Marktwirtschaft und dem Wettbewerb unterlegen. Ich kippe gleich um vor Mitleid!

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Nachtrag:

Spielkarte aus dem "Lesespiel Komplimente"

Spielkarte aus dem „Lesespiel Komplimente“

Beim Abendessen erzählt unsere Jüngste von einem Spiel aus dem Unterricht, 3.Klasse: „Alle sollten von einem Kärtchen was vorlesen und das zu jemandem sagen. Bei mir stand: >Du könntest später mal Model werden<„. Wir Eltern blicken stumm und wissen nicht, wie wir die Geschichte einordnen sollen. Sie erzählt weiter, freut sich, dass zu ihr jemand sagen sollte: >Du bist fast noch klüger als unsere Lehrerin<. Ok, schön vs. schlau, was noch? >Du kannst so elegant Treppen steigen< und >Deine Haare glänzen so schön<. Die Stichwörter genügen, um das Spiel als pdf-Download im Netz zu finden, es nennt sich „Lesespiel Komplimente“. Zwar gibt’s auch Komplimente für die Sportskanone, Sänger und Geschichtenschreiber, aber alles in allem zweifelhaft, da sich die Hälfte der Karten aufs Aussehen beziehen: >Ich hasse meine Nase, aber deine ist so richtig wunderschön< – wer denkt sich denn so was aus?

 

 

Mehr Hintergrundinfos:

Unterrichtssstunde zu Germany’s Next Topmodel der Landesanstalt für Medien, NRW
Studien über den Einfluss von Castingshows vom Internationalen Zentralinsititut für das Jugend- und Bildunsfernsehen, Maya Götz

 

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