2 Rätsel und 2 Puzzelteile

Ein Rätsel vorweg:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

(Quelle: Uni Göttingen)

 

Nach einem Tag, den ich mit der Lektüre vieler Studien und Artikel verbracht habe, kommt eben meine Tochter mit ihren Mathehausaufgaben und einer Frage an meinen Schreibtisch. Prozentrechnen, 7.Klasse.  (Über Arbeitsblätter und Schulbücher, in denen Schulkindern so nebenbei Geschlechterklischees vermittelt werden, ohne dass darüber weiter diskutiert würde, habe ich vor kurzem hier geschrieben, die Sammlung ließe sich ständig erweitern.) In der Matheaufgabe ist mehr verpackt als das Rätel um Prozentsatz und Prozentwert. An welcher Stelle im vorliegenden Text verbirgt sich eine Rosa-Hellblau-Falle?

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Der Text kommt auf den ersten Blick geschlechtergerecht daher: „Schülerinnen und Schüler“ kommen zu spät, 420 „Lernende“ gehen in die Schule… Allerdings ist der Chef aller – natürlich –  ein Mann, der strenge Direktor, der aufschreibt, wer zu spät kommt. Und ich werde nicht die einzige sein, die beim ersten Lesen einen Mann vor sich sah, wie er mit Notizblock vor dem Schultor steht. „Ist ja nur ein Beispiel“, könnte hier eingeworfen werden. Ja, geschenkt, hier geht’s natürlich um einen einzelnen Direktor, nicht um eine Gruppe, in der Frauen nicht genannt werden. Und ja, in der nächsten Aufgabe könnte ja dann, auch als Beispiel, eine Direktorin vorkommen. Tut sie aber nicht. Chefs in Schulbüchern sind überwiegend Männer, und die paar Chefinnen auf der Welt, dürfen sich gern mitgemeint fühlen.

„Mitgemeint“ ist sowieso beliebtes Argument, wenn bessere-Lesbarkeit und War-schon-immer-so nicht mehr ziehen. Doch auch das ist nicht mehr haltbar. Wie das Eingangsrätsel zeigt und wie jetzt auch eine Studie widerlegt hat – Hier zeigten selbst Frauen, die versicherten, sich mitgemeint zu fühlen, im MRT Gehirnaktivierungen, die das Gegenteil bewiesen. Beim generischen Maskulinum sehen wir einen Mann oder eine männliche Gruppe vor dem inneren Auge. Nach Sportlern oder Politikern befragt, fallen Menschen mehr Männer ein, als wenn sie nach Sportlerinnen und Sportlern, nach Politikerinnen und Politikern gefragt werden. Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch. Und doch nutzen wir eine Sprache, in der Frauen nur dann vorkommen, wenn sie explizit genannt werden.

Und heute ist mir ein weiteres Puzzleteil zum Thema geschlechtersensible Sprache begegnet, eine Studie, die zeigt, wie sich unser Blick auf die Welt verändert, wenn wir eine andere Sprache verwenden. Das Team um Panos Athanasopoulos von der Lancaster University bat in Deutschland lebende deutsche MuttersprachlerInnen, in Großbritannien lebende englische Muttersprachlerinnen sowie zweisprachige Teilnehmer*innen in beiden Ländern Szenen in Videoclips zu beschreiben. Am Ende zeigte sich: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ordneten die gesehenen Ereignisse anders ein, abhängig von den grammatikalischen Rahmenbedingungen der jeweils gesprochenen Sprache (Link zur Studie). Wenn wir in einer anderen Sprache sprechen, verändert das also nicht nur unsere moralischen Entscheidungen, sondern auch die Kategorien, in denen wir denken.

Der Sprung zur Kategorie männlich-weiblich, zu den Eigenschaften, die wir mit unserem Männer- bzw. unserem Frauenbild verbinden, ist damit nur noch ein kleiner. Geschlechtersensible Sprache verhindert, dass wir alle Menschen zunächst in die hellblaue Schublade stecken und nur in besonderen Fällen einzelne herausgreifen, bloß um sie dann in die rosafarbene umzusortieren. Ein flexibleres Sprechen zu und über einen Menschen, ermöglicht also auch einen flexibleren Blick, mit dessen Hilfe wir Individualität automatisch mehr Raum und Gewicht geben, als der Kategorie Geschlecht.

 

 

 

 

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