Schulaktion: Klischees auf Postkarten

„Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Wie eine offizielle Kampagne die Gleichstellungsbemühungen an Schulen torpediert

 

männlichesGehirnKlischeeDas jugendlich-männliche Denken kreist um Sex und Zocken, Fußball, Autos und Abhängen, im jugendlich-weiblichen Gehirn dominieren dagegen die Areale für Beauty und Styling, Sex und Selfies. Diese klischeehaft-sexistische Zweiteilung stammt nicht etwa von Mario Barth, juliensblog auf Youtube oder King Orgasmus One,  sondern sie ist auf zwei Postkarten verewigt, die aktuell an 200 Schulen in Nordrhein-Westfalen verteilt werden.

 

Das eigentliche Ziel der Kampagne ist, auf den von der Unfallkasse NRW und der Hannelore Kohl-Stiftung initiierten Wettbewerb aufmerksam zu machen, eine Aktion, die Schülerinnen und Schüler überzeugen möchte, Fahrradhelme zu tragen. Das Motto auf der Rückseite der Postkarten lautet entsprechend: „Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Das hätte sich die „Deutsche Schulmarketing Agentur youngstar„, die mit der Postkartenaktion betraut ist, besser zu Herzen genommen, denn dort weiß man: „Mit lustigen Sprüchen heizen Sie die Kommunikation auf dem Schulhof an und machen sich spielerisch und ohne großen Aufwand zum Gesprächsthema Nummer 1.“ Was im Fall der Postkarten vom Klischee im Gehirn kaum in ihrem Interesse liegen dürfte, denn Bildungsministerin Sylvia Löhrmann hat die Schirmherrschaft übernommen und unterstützt damit den Wettbewerb. Sie steht an der Spitze eines Ministeriums, das dafür verantwortlich ist, dass Gleichstellung im Schulalltag umgesetzt wird und zum Ziel hat, „eine Chancengleichheit für Frauen und Männer im Sinne einer echten Wahlfreiheit für eine gleichwertige freie Lebensgestaltung zu realisieren und Benachteiligungen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ In der Pflicht zur Umsetzung seien alle, die in Politik und Verwaltung verantwortlich agieren. Wenig verwunderlich also, dass man dort nicht einig ist mit dem Motiv, das Klischees in Schulhöfen weiterverbreitet. Barbara Löcherbach, Pressesprecherin des Bildungsministeriums hat erst durch Nachfrage davon erfahren und hält es für „nicht gelungen“. „Nur lustig gemeint“ sei es, verteidigt Nil Yurdatap, Pressesprecherin der Unfallkasse NRW die Gehirn-Postkarten. Ein Spiel mit den Geschlechterrollen, das die Schüler und Schülerinnen sofort durchschauen. Wirklich? „Sex und Fußball“, ist da nicht doch was Wahres dran?“

weiblichesGehirnKlischeeKlischees aufzufahren, um sie dann im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern wieder mühsam aus der Welt und den Gehirnen zu schaffen, wäre allein schon ein zweifelhafter Ansatz, um in eine Unterrichtsreihe über Geschlechterrollen einzusteigen. Doch hier ist kein Gespräch geplant, in dem Vorurteile infrage gestellt werden könnten, sondern es geht um Verkehrssicherheit. Die Rollenklischees in Rosa und Hellblau bzw. Grün werden beiläufig vermittelt und deshalb unbewusst aufgenommen. Die vielfältigen Studien zur Stereotypbedrohung (‚stereotype threat‚) haben immer wieder gezeigt, dass genau diese Botschaften ihre Wirkung nicht verfehlen. Frauen, die im Vorfeld eines Mathematiktests auf ihr Frausein aufmerksam gemacht werden (und sei es nur, dass sie auf dem Testblatt ein Kreuzchen bei „weiblich“ setzen mussten), schneiden schlechter ab, als Frauen, die den Test ohne Hinweis auf ihr Geschlecht ablegen konnten. Weil schlechtere Kenntnisse in mathematisch-naturwissenschaftlichen Themengebieten nach wie vor zum weiblichen Rollenklischee gehören (Nicht zufällig hat eine aktuelle OECD-Studie ergeben, dass Mädchen sich trotz gleicher Fähigkeiten in Mathematik schlechter einschätzen und mehr Angst vor diesem Schulfach haben als Jungen.), sorgt schon allein der allgemeine Hinweis dafür, dass Frauen und Mädchen schlechter abschneiden. Das negative Vorurteil beeinflusst sie in ihren Leistungen, denn ein Teil ihrer Denkens ist permanent damit beschäftigt, die negativen und störenden Gedanken zu unterdrücken. „Nur lustig gemeint“ sei es, in Schulhöfen eine Postkarte vom weiblichen Gehirn und seinem Beauty-Zentrum an Schülerinnen, zu verteilen, die vielleicht im Anschluss eine Mathearbeit schreiben. Tatsächlich ist es eine sinnlose Ungleichbehandlung, die den sonstigen Bestrebungen von Schule zuwider läuft, die all die MINT-Kampagnen und die Ziele des Girls‘ Day verhöhnt, einfach so, beiläufig, ohne dem guten Zweck der eigentlichen Kampagne in irgendeiner Weise zu nützen.

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  • Papiernote

    Hatte die auch an unserer Schule. Alle eingesammelt und gleich mal im Unterricht verwertet. Ist doch prima, wenn die schlechten Beispiele gleich klassensatzweise frei Haus geliefert werden, um Gendersensibilisierung zu thematisieren. :)

    (Leider haben es wohl weit nicht alle Kolleg_innen als derartige Aufforderung an ihren Unterricht verstanden.)

    • almut

      Ach klasse, da wäre ich ja gern dabei gewesen! :)

      (Leider haben es wohl weit nicht alle Kolleg_innen als derartige Aufforderung an ihren Unterricht verstanden.)

      Ich nehme an, hier hat der verbreitete „Naja, aber ist doch was dran, so sind sie eben“-Reflex gegriffen und am Weiterdenken gehindert.

  • Hallo an alle und auch an Almut,

    die Postkarten sind ja nun wirklich nicht sonderlich gelungen. Etwas Feingefühl sollte man schon erwarten.

    Ich bin aber ehrlich: Wir (http://www.agentur-jungesherz.de/schulmarketing/) beschäftigen uns auch mit dem Thema Schulmarketing und kennen die Kollegen der Agentur auch etwas. Ich muss hier einfach eine Lanze brechen, dass die Jungs aus Hamburg echt gute Arbeit leisten und wirklich kritisch mit Kampagnen umgehen. Manchmal kann man aber auch so kritisch sein wie man will, es wird immer etwas Störendes geben.

    Grundsätzlich sehen wir das aber ähnlich wie ihr: Sexismus als Werbezweck sollte man sich doch öfter überlegen. Hier gilt es aber direkt den werbetreibenden Kunden auf (freundliche) Art und Weise zu vermitteln, dass diese Karten vielleicht etwas daneben waren.

    Aber: Der Gedanke der Kampagne ist klasse. Die Umsetzung sicherlich überdenkbar. Ich werbe hier einfach mal für Nachsicht mit den Kollegen und dem Hinweis, dass sowohl der Kunde als auch die ausführende Agentur durchaus aufgeklärte und freundliche Menschen sind :)

    Ich freue mich von euch zu hören!

    • sascha + almut

      Das freut uns zu lesen. Nur an der Beschreibung „aufgeklärt“ haben wir so unsere Zweifel, wenn es um Gendermarketing geht. Da würden wir uns z.B. mehr Bewusstsein über den „Stereotype Threat“ wünschen und einen ehrlicheren Umgang mit der Tatsache, dass Gendermarketing sehr wohl Einfluss nimmt auf Geschlechterrollen und keinesfalls nur auf vorhandene „Grundbedürfnisse“ reagiert (vielfach gehörtes Mantra, immer gerne mit Bezug auf iconkids&youth). In der Hoffnung, dass es bald mehr aufgeklärte und freundliche Menschen gibt, die aufstehen und ihr Veto einlegen, auf dass z.B. Spots wie dieser *klicken-staunen-wundern* gar nicht erst entstehen.
      Mit vielen Grüßen!