Offener Brief an die Leo-Redaktion: Sind Klischees Jungssache oder Mädchensache?

Liebe (Zeit-)Leo-Redaktion,

ich wünschte, Sie würden sich einmal damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn Kinder mit Klischees konfrontiert werden. Ich wünschte, Sie würden sich einmal Gedanken machen über die Wirkungsweise des Stereotype Threat, um dann Ihre ZeitLeo-vollerKlischeesRubrik “… Jungssache oder Mädchensache?” neu zu überdenken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es doch darum, die gewohnten Rollenklischees zu hinterfragen, vielleicht sogar aufzulösen: „Stimmt das überhaupt?“ Die letzten Male gab es immerhin unter den Kindern einzelne Stimmen, die klar machten: diese Zuordnungen sind Quatsch, denn Interessen sind nicht geschlechtsabhängig, sie unterscheiden sich individuell. Doch die aktuelle Ausgabe steckt einmal mehr voller Geschlechterklischees und führt vor: werden Menschen auf Kategorien hingewiesen und in Gruppen eingeteilt, entsteht automatisch ein Wir-Gefühl („Wir Jungs sind eben…“) sowie das starke Bedürfnis, sich von der jeweiligen Fremdgruppe („Die Mädchen sind aber …“) abzugrenzen. Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Gruppen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.

Den Kindern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie übernehmen, was die Erwachsenen ihnen durch Gendermarketing, Werbung, Sprüche, Bilder… täglich vermitteln, sie wachsen hinein in unsere Regelwelt und übernehmen unsere Zuordnungen. Grade deshalb finde ich es für die Redaktion einer Kinder-Zeitschrift inakzeptabel, Sätze wie die folgenden unkommentiert stehen zu lassen: “Die Jungs bei uns können schon ganz gut malen – zumindest für Jungs.”, “Comics sind eine Jungssache, weil sie oft brutal sind.”, “Mädchen schreien immer sofort, wenn es mal zur Sache geht.” Wo bleibt die Einordnung? Wo das Gegenbeispiel?

In der Kinder- und Jugendarbeit sind Pädagog*innen täglich damit konfrontiert, dass sich viele Jungen zu wenig fürs Lesen interessieren, dass es cool ist, Schule blöd zu finden, dass zu viele von ihnen Auseinandersetzungungen nicht verbal sondern körperlich lösen wollen und ihre Probleme externalisieren. Mit ein Grund dafür ist, dass wir ihnen täglich vermitteln: “So sind sie eben, die Jungs und so ganz anders die Mädchen.” Sich diesen Vorstellungen zu widersetzen, sich anders zu verhalten, als es die Umwelt erwartet, wird Kindern immer schwerer gemacht, da folgen sofort komische Blicke und Bemerkungen. Und egal ob Kommentare vordergründig positiv (”toll! … für einen Jungen.”) oder explizit negativ gemeint sind, sie machen Kindern deutlich: das erwartet diese Gesellschaft von Mädchen und von Jungen: Jungs, die brutale Comics gut vertragen, sonst eher wenig lesen, wilde Geschichten brauchen etc. Und Mädchen, die gleich loskreischen, feinmotorisch im Vorteil sind und Pferdegeschichten bevorzugen… – typisch! Der Alltag von Kindern ist doch schon genug nach Geschlecht getrennt, er ist voll von Botschaften zum „normalen“ Verhalten von Mädchen bzw. Jungen. Da erhoffe ich mir, dass wenigstens in einer Zeitschrift, die von Kindern gelesen wird, Widerspruch laut wird.

Denn wenn sich an diesem Jungen- und Mädchenbild etwas ändern soll, dann, indem wir Kindern helfen, Klischees und Verallgemeinerungen wahrzunehmen, indem wir ihre und unsere Zuordnungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen etc. infrage stellen. Und indem wir ihnen helfen, frei zu entscheiden, unabhängig von unseren eigenen, traditionellen Vorstellungen vom “richtigen Kerl” und “echten Mädchen”. Doch Ihre regelmäßige Frage nach Jungssache / Mädchensache fordert Kinder immer wieder dazu auf, sich aufgrund ihres Geschlechts einzuordnen, nicht aufgrund ihrer individuellen Interessen. Sie fordern sie wieder und wieder auf, in rosa-hellblauen Schubladen zu denken, genau jenen, die uns Erwachsenen allzu geläufig sind. Das ist kontraproduktiv und verhöhnt die Arbeit derer, die sich um Gleichstellung bemühen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine Chance haben auf ihr grundgesetzlich zugesichertes Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichstellung beginnt nicht in der Debatte der Erwachsenen um Quoten und PayGap, sondern in der Kinderwelt!

Mit freundlichen Grüßen, Almut Schnerring

Artikel teilen…
Share on Facebook42Tweet about this on TwitterShare on Google+0Share on LinkedIn0Pin on Pinterest0Share on Tumblr0Print this page
  • Liebe Frau Schnerring,

    dass Sie sich als Kämpferin gegen Rollenklischees bei Kindern ausgerechnet an ZEIT LEO stoßen, wundert mich. Wenn Sie unsere Ausgaben aufmerksam lesen, werden Sie feststellen, welch großen Wert ZEIT LEO auf Vielfalt legt, auch, was die Ausgestaltung von Rollen anbelangt.

    Diese Vielfalt spiegelt sich auch in „Jungssache oder Mädchensache“. Durch ihre Antworten zeigen die Kinder ja gerade, dass es eben keine reinen Jungs- oder Mädchensachen gibt. Manche finden, „Jeder Mensch kann Comics lesen“, andere sprechen sich für spezielle Comics für entweder Jungs oder Mädchen aus, stellen das dann aber selbst in Frage. So überlegt Elisabeth etwa, ob Mädchen lieber über Feen lesen – um dann anzufügen, dass ihr selbst Geschichten von Tim und Struppi und Asterix und Obelix am besten gefallen.

    Jungssache oder Mädchensache? Wer unsere Rubrik liest, stellt fest, dass sich diese Unterscheidung eben gerade nicht treffen lässt. Deswegen halte ich die Seite für einen sehr gelungenen Beitrag, um Kinder für überholte Stereotype zu sensibilisieren.

    Es stimmt, nirgendwo steht plakativ: „Liebe Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchensachen!“ Darauf verzichten wir mit Absicht, denn es wäre eine unpassende Bevormundung. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder als Leser durchaus klug genug sind, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

    Freundliche Grüße,
    Inge Kutter
    Chefredakteurin ZEIT LEO

    • almut

      Liebe Frau Kutter, liebe Leo-Redaktion,

      ich beziehe mich tatsächlich auf Ihre wiederkehrende Aufforderung an Kinder, einen Aspekt Ihres Lebens nach Geschlecht zu trennen, und nicht auf das Leo-Heft als Ganzes. Meine Tochter hat seit 2 Jahren ein Abo und ich bin froh, dass sie sich nicht für BravoGirl, Germanys Next Topmodel oder eine ähnliche Zeitschrift „extra für Mädchen“ entschieden hat. Ich lese also gerne mit, stelle aber fest, dass die Frage dieser Rubrik regelmäßig zur Reproduktion von Rollenklischees führt.

      Werden wir explizit oder unterschwellig auf unser Geschlecht und damit verbundene Klischees hingewiesen, kommt automatisch das Phänomen des ‚Stereotyp Threat‘ zum Tragen, auch bei Erwachsenen. (So führt z.B. schon die flüchtige Begegnung mit stereotypen Frauenfiguren in einem Werbespot dazu, dass Studentinnen auffällig weniger Interesse für „quantitative“ Fachbereiche angeben). Und diese Wirkung ist leider stärker und unmittelbarer, als die Analyse einer Kinderaussage auf Subtext und Widersprüche, in der von Lillifee und Pferden die Rede ist, von Spiderman und Jungs, die nicht malen können.

      Wenn Sie sich aber auf die Vielfalt in ZEIT LEO insgesamt beziehen wollen, dann fällt mir auf, dass beispielsweise im Themenbereich ‚Fußball‘ Frauen und Mädchen kaum als aktiv Handelnde vorkommen, es sei denn sie weinen über ein verlorenes Spiel.
      Vermutlich wären Sie also ähnlich überrascht wie die Redaktion der taz, wenn Sie die letzten 10 Leo-Hefte untersuchten und dabei nicht nur Mädchen als handelnde Individuen zählten, sondern auch einen genauen Blick auf die Abbildungen, Autor*innen und Themenverteilung berücksichtigten.

      Es freut mich, dass Sie Ihren Leserinnen und Lesern zutrauen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, noch besser fände ich, Sie würden meine Anregung nicht als Bevormundung der Kinder missverstehen, denn es geht mir einzig um ein größeres Bewusstsein um Wirkungsmechanismen, die unterhalb der intellektuellen Verstehensebene ablaufen.

      Schöne Grüße
      Almut Schnerring