Christine Prayon: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

(Foto: Marc Hetterle)

(Foto: Marc Hetterle)

 

Christine Prayon ist Schauspielerin und Kabarettistin. Sie gehört zum Ensemble der ZDF-heute-Show, zur Comedystube in Tübingen und bespielt mit ihrem Soloprogramm die Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum. Hier antwortet sie auf die Fragen unseres Blogstöckchens #WasAnderswäre.

 

(Viele Menschen haben sich von unseren Fragen angesprochen gefühlt und darüber gebloggt; ihre Artikel sind *hier* verlinkt. Eine Übersicht über alle Gastbeiträge zum #WasAndersWäre-Projekt auf unserem Blog findet sich *hier*.)

 

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Ich müsste vielleicht nicht so oft unter Beweis stellen, dass ich was in der Birne habe. Vielleicht hätte ich auch für Einiges in meinem Leben nicht ganz so kämpfen müssen. Vielleicht hätte ich aber dafür einen ganz anderen Druck gehabt: Was weiß ich, wie sehr man sich als Mann genötigt fühlt, immer stark sein zu müssen. Jedenfalls denke ich, dass ich gelassener wäre, nicht so vorsichtig. Als Mann fühlt man sich bestimmt in mehrerlei Hinsicht nicht so oft bedroht wie als Frau.

(Foto: Matthes  Schrof)

(Foto: Matthes Schrof)

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Ich bleibe sehr lange freundlich und diplomatisch, selbst wenn längst ein anderer Ton angebracht wäre. Oder anders gesagt: Ich erlaube es mir nicht, auch mal hin und wieder ein Arschloch zu sein. Ich staple tief. Und wenn ich tatsächlich mal laut werde oder unverblümt meine Meinung sage, bin ich mir sofort bewußt, dass das gesellschaftlich gesehen gerade eine Grenzüberschreitung ist, und dass mir das als Frau mit Sicherheit übel genommen wird, wohingegen man ein solches Verhalten beim Mann generell als ein Zeichen von Stärke, Macht, Durchsetzungsvermögen sieht und ihn dafür bewundert.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Manchmal breche ich gerne mit den ungeschriebenen Regeln. Ich finde es dann wunderbar, ungeschminkt und mit Turnschuhen und Pulli zu erscheinen, wenn eigentlich adrettes Aussehen erwartet wird. Oder gerade als Frau in einer Männerrunde einen guten Witz zu machen und schlagfertig zu sein, obwohl darauf ja eigentlich die Herren abonniert sind. Oder ganz einfach im Alltag, im Gespräch mit anderen, egal ob Mann oder Frau: Da widerstrebt es mir, die mir (tatsächlich oder gefühlt) zugedachte Rolle des braven Mädchens zu spielen. Ich rede mit Leuten z.B. sehr gerne gleich über Politik, über die Welt anstatt über meine Beziehungen oder meine Befindlichkeit zu sprechen. Ich meide die typischen „Frauenthemen“, weil sie mich meistens langweilen, vielleicht aber auch gerade, weil ich Frau bin.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ganz klar: Frauen sind nicht komisch. Das ist ein Klischee, mit dem ich Tag für Tag konfrontiert werde durch meine Arbeit. Die Beeinträchtigung liegt sicherlich darin, dass ich permanent das Gefühl habe, dieses Klischee widerlegen zu müssen, dass ich Witzigkeit und Intelligenz (denn Witz hat ja vor allem was mit Intelligenz zu tun) ständig unter Beweis stellen muss.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

So sehr das Klischee, Frauen seien nicht komisch, mich in meinem Beruf beeinträchtigt, so sehr kann es aber auch von Vorteil sein, als Frau und eben nicht als Mann Kabarett zu machen. (Diese Vorteile sehe ich wohlgemerkt nur in inhaltlicher Hinsicht, niemals in wirtschaftlicher – sei es, was die Zahl der Engagements, den Grad des Erfolgs oder die Höhe der Gage angeht.) Wenn ich nicht gerade über Männer, Schuhe und Bindegewebe spreche, breche ich als Kabarettistin ja schon die Erwartungshaltung der Zuschauer. Das ist im Kabarett schon mal per se nicht verkehrt. Auf der Bühne ist es ja meine Aufgabe, Klischees und Vorurteile aufzuzeigen, zu hinterfragen, auch zu bekämpfen. Da kann ich nicht zuletzt auch als Frau in eigener Sache noch so viele Dinge ansprechen und bestenfalls durch Witz entlarven. Was Gleichberechtigung angeht, ist ja in unserer Gesellschaft durchaus noch Spielraum. Deshalb empfinde ich es neben all den tatsächlich immer noch vorhandenen Vorurteilen und Benachteiligungen, mit denen ich auch in meinem Beruf konfrontiert werde, vielleicht sogar gerade deswegen mitunter als Vorteil, Frau zu sein und das direkt auf der Bühne ansprechen zu können. Da bietet sich mir die Möglichkeit des humorvollen Widerstands. Das kann befreiend wirken, für mich und im besten Falle auch für das Publikum.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wollte jetzt direkt antworten: „Na klar, wenn ich mich mit Leuten z.B. über nicht geschlechterspezifische Dinge, über Politik, übers Weltgeschehen o.a. unterhalte, dann spielt es keine Rolle.“ Aber in dem Moment, wo ich das formuliere, merke ich, dass es wahrscheinlich unterschwellig doch immer eine Rolle spielt. Selbst in solchen Gesprächen schießt mir oft – wenn auch nur kurz – durch den Kopf „Oh, hoffentlich nehmen die mich ernst, wenn ich als Frau das sage.“ Also, irgendwie ist diese Unsicherheit und dieses Sich behaupten müssen gegenüber Männern offensichtlich doch ganz tief drin. Es ist wirklich eine gute Frage, ob es irgendeinen Bereich gibt, in dem das keine Rolle spielt. Vielleicht in sehr existenziellen Situationen.

Ich will, dass das keine Rolle spielt in vielen Bereichen. Dafür arbeite ich. Das ist sozusagen mein täglich Brot. Ich stelle mir manchmal vor, wie angenehm es wäre – klingt jetzt pathetisch – wenn wir einfach als Menschen miteinander sprächen. Aber da gibt’s noch viel zu tun. Manchmal frage ich mich, warum es diese Rollenvorstellungen eigentlich gibt. Wem nützt es, dass wir alle so denken?

 
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Über Christine Prayon gibt es ein Radiofeature, das wir 2011 für den Deutschlandfunk produziert haben: „Christine Prayon & Freunde“:

 
 

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