Geschichten, die Männern nie passieren würden

Ein paar Gedanken zu „Hinten sind Rezepte drin. Geschichten, die Männern nie passieren würden“, Buch von Katrin Bauerfeind

Männer und Bücher…

…überhaupt Männer und Sprache, das sei so eine Sache, obwohl die überwiegende Mehrheit der anerkannten, preisgekrönten und u1_978-3-596-03396-6.41829083erfolgreichen Schriftsteller*innen bis heute Männer sind. Und folgenschwer handeln die meisten Bücher deshalb von Protagonisten, also wirklichen Männern und nicht nur generischen Maskulina. Trotzdem hält sich das Klischee beharrlich, Männer und Sprachen, Kommunikation, Ausdruck von Gefühlen gar … Ich muss mich deshalb gleich schon mal entschuldigen für diesen Text hier, also als Mann meine ich, weil ich ganz deutlich die Stereotypbedrohung im Nacken spüre, und das ist eine denkbar schlechte Muse. Sie kuckt mir über die Schulter, prüft kritisch jeden Buchstaben, jedes Wort, jeden Absatz. Ist das auch alles gut so, korrekt geschrieben und treffend im Ausdruck? Kann er das auch wirklich? Kriegt er das hin? Das setzt mich unter Druck, ich bin im Fehlervermeidungsmodus, und deshalb alles andere als souverän und kreativ schon gleich gar nicht. Weil ich dem Klischee nicht entsprechen will, will beweisen, dass ich das sehr wohl kann, Bücher lesen, mit Sprache umgehen, meinen Gefühlen Ausdruck verleihen, das ist mir wichtig, und so ein Klischee soll mich da nicht zurückhalten. Und trotzdem beeinflusst es mich, unbewusst, es zieht Energie und Aufmerksamkeit ab von der eigentlichen Aufgabe, nämlich hier einen guten Text zu Papier zu bringen, eine Beschreibung, wie es mir als Mann geht, wenn ich Katrin Bauerfeinds Buch lese „Vom Wahnsinn, eine Frau zu sein“, ihre „Geschichten, die Männern nie passieren würden“. Und ganz besonders bei einem Buch, das mich mit diesem Klappentext zum Lesen einlädt: „Kann ich emanzipiert sein und trotzdem ohne Unterwäsche in die Stadt? Bin ich schon eine moderne Frau, nur weil ich nicht kochen kann? […] Wenn Sie solche Fragen mögen, werden Sie mit diesem Buch viel Spaß haben. Wenn nicht, sind Sie vermutlich ein Mann, dann ist es eh wurscht, weil Männer keine Bücher kaufen, geschweige denn lesen.“

Empathie und die sog. Stereotypbedrohung

Wenn Männer vor einem Test, in dem es darum geht, Portraitfotos mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bestimmte Gefühle zuzuordnen, wenn ihnen vor dem Test gesagt wird, dass es sich um einen Empathie-Test handelt, bei dem Männer in der Regel schlechter abschneiden als Frauen, dann – selffullfilling prophecy – sind ihre Ergebnisse auch deutlich schlechter, schließlich haben sie ja oft genug schon gehört und verinnerlicht: Männer und Gefühle, naja, Sie wissen schon… Und die Werbung packt da gerne noch einen drauf: „Auch Männer haben Gefühle: Durst.“ Lustig, nicht? Erwachsene erkennen die Ironie, im Gegensatz zu Kindern, die solche Sprüche noch sehr lange als Wahrheit mit auf den Weg nehmen. Aber auch Erwachsene beeinflussen diese Botschaften, zu oft werden wir damit konfrontiert in Situationen, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen.

Zurück zum Empathie-Test. Fällt der Hinweis aufs Geschlecht weg, wird für jede richtige Antwort gar eine Belohnung in Aussicht gestellt, schneiden Männer genauso gut ab wie Frauen (Klein + Hodges: „When it pays to understand„). Kein Unterschied also in der grundsätzlichen Empathiefähigkeit der Geschlechter. Dasselbe Ergebnis bei Tests, die den Vorurteilen um Frauen und Technik, Informatik und Mathematik nachgingen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden, sobald die Macht der Klischees, sobald der Stereotype Threat ausgeschaltet, ausgetrickst ist. Ach, wie gut könnte dieser Text erst sein, wenn mir die Stereotypbedrohung gerade nicht im Nacken säße?

Katrin Bauerfeind – weiblicher als sie tatsächlich ist?

Katrin Bauerfeind schreibt nun Geschichten, die Männern nie passieren würden. Die sind witzig, das ist pointiert, gut geschrieben, kurzweilig und mit viel Hintersinn. Auf der Oberfläche aber handeln ihre Geschichten von Klischees, von den Männern an sich und wie die Frauen nun mal so sind. Das ist einigermaßen paradox, weil Katrin Bauernfeind am Anfang des Buches ihr kindliches Erleben ganz anders schildert. Sie erinnert sich, dass sie ein untypisches Mädchen war. Wie kam es, dass sie sich heute doch von all diesen weiblichen Klischees beeinträchtigt fühlt? Wann kamen die Klischees in ihr Leben, haben sie verändert? Warum hat sie sich dann ganz anders entwickelt? Wie kam es, dass sie so viel weiblicher wurde, als sie doch angeblich eigentlich ist? Als sie hätte sein müssen? Oder ist sie gar nicht? Bin ich klischeehaft männlicher, als ich es in meinem tiefsten Innern eigentlich bin, wäre? Und was ist das überhaupt, der innere Kern? Gibt es den und wenn ja wo genau?

Am Ende bleiben Klischees und Stereotype, die einmal mehr reproduziert werden, um sie dann zu hinterfragen, zu widerlegen, zu problematisieren, sich drüber lustig zu machen, eine Ja-aber-Spirale, die nicht weiter führen kann. Das ist das Dilemma von Comedy und Kabarett, Humor und Battle Rap: Klischees werden reproduziert und überhöht, das bringt Lacher und Aufmerksamkeit. Dass sie eigentlich reproduziert werden, um zu … was auch immer … hat in der Erinnerung kaum noch Relevanz, das ist Intellekt und Überbau. Die Klischees aber, die wirken auf der unbewussten, emotionalen Ebene und schränken unsere Wahlfreiheit ein, auch wenn wir das nur in den seltensten Fällen merken. Und weil Katrin Bauerfeind sich in vielen Situationen, in ihrer Kindheit anders wahrgenommen hat, möchte ich ihr gerne die sechs Fragen unseres Projekts „Was Anders Wäre“ stellen:

#WasAndersWäre

– Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

– Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

– Was tust du nicht / welche Dinge unterlässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

– Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

– Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

– Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

 

Außerdem stimmt es ja gar nicht, dass die erzählten Geschichten Männern nie passieren würden. Das eine oder andere ist mir genau so auch schon passiert. Die Sache mit der Angst zum Beispiel nachts in einem fremden Haus. Andere Geschichten hätte ich durchaus erleben können, kann ich mir zumindest vorstellen. Ja, ich habe, hätte sie anders erlebt. Anders, weil ich ein Mann bin? Oder anders, weil ich nicht Katrin Bauerfeind bin? Und in vieles kann ich mich hineinfühlen, echt, voll empathisch und so. Und ich lese Bücher! Gekauft habe ich ‚Hinten sind Rezepte drin‘ allerdings tatsächlich nicht. Es kam als Rezensionsexemplar vom Fischer-Verlag frei Haus. Damit ich drüber schreibe. Oder wollten die womöglich, dass meine Frau drüber schreibt? Als Vertreterin der Zielgruppe, weil sie das besser nachvollziehen kann, nachempfinden, gut finden? Egal, ich kümmere mich jetzt erst einmal um meine drei Kinder, neuer Vater, toller Hecht und keines ist krank. Ich bin noch viel superer Papa als Sigmar Gabriel, und die 5000,- Euro – Belohnung habe ich trotzdem nicht bekommen.

Verdammt, in dem Buch hinten sind gar keine Rezepte drin, das ist ja nur eine Verkaufsmasche. Und was gibt es jetzt zu essen?

 

PS: Gerne möchte ich das Buch weiterreichen, weil ich es ja auch nur als Sprungbrett für meine eigenen Gedanken genutzt habe. Und auch wenn ich vielleicht nicht wirklich einladend darüber geschrieben habe, ich habe so viel ausgelassen, vielleicht sogar die besten Seiten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, zu einer anderen Zeit, in einer anderen Grundstimmung wäre alles ganz anders gekommen. Vielleicht möchte jemensch anderes darüber schreiben? Meldet Euch, dann schicken wir ’s raus.

 

 

 

 

 

, , , , ,

2 Kommentare zu “Geschichten, die Männern nie passieren würden”

  1. Lotti 22. März 2016 am 15:53 # Antworten

    Hallo,
    also wenn es sonst keiner will, würde ich das Buch gern adoptieren. Mal sehen, ob ich mich als Frau besser darin wiederfinden würde.
    LG Lotti

    • Almut 9. April 2016 am 18:14 # Antworten

      Ging gestern zur Post an dich. :) viel Spaß!

Schreibe einen Kommentar


*