Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

geschrieben von: almut

almut

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5 Kommentare zu “Ich bin pessimistisch”

  1. Melanie 19. März 2016 am 21:37 # Antworten

    Mein Sohn ist ja grad 5 geworden, und ich habe das versucht, im Detail zu beobachten. Ich hoffe, es ist ok wenn ich die Artikel dazu poste. Mein Zwischenfazit: Ja, ich traue ihm viel zu und lasse ihm viel Freiraum, aber meine Meinung zählt nur begrenzt in einer (Kindergarten)welt, die in zwei Geschlechter geteilt ist, die miteinander unvereinbar scheinen:
    http://gluecklichscheitern.de/rosa-brotdose/
    http://gluecklichscheitern.de/wie-mein-kind-ein-junge-wurde-part-2/
    Lasst uns schön weiter an einer gendersensiblen Welt arbeiten, unsere Kinder machen dann das Beste was sie können draus ;-)

  2. Wiebke (Verflixter Alltag) 20. März 2016 am 20:21 # Antworten

    Hallo Almut,

    ich verstehe Deine Gedanken. Es ist schwer zu sagen, was man noch individuell entscheidet, und wo Gruppenzwänge greifen. Aber vielleicht gibt es irgendwann so viele Eltern, die ihren Kindern in einer rosa-hellblau-freien Welt aufwachsen lassen wollen, dass diese wieder ihre eigene Gruppe bilden und damit auch tatsächlich etwas bewirken können. Denn alleine ist es aus meiner Sicht echt schwer dagegen anzukommen.

    Ich hoffe ich habe Dich nun nicht von meinem Blog gänzlich vergrault. Gerne würde ich Deinen Beitrag in meiner aktuellen verflixten Linkparty (http://verflixteralltag.blogspot.de/2016/03/verflixte-linkparty-im-marz-alles.html) verlinken. Wäre das in Ordnung für Dich?

    Viele Grüße, Wiebke

    • almut 22. März 2016 am 9:40 # Antworten

      Hallo Wiebke,

      Gerne würde ich Deinen Beitrag in meiner aktuellen verflixten Linkparty verlinken.

      Ja klar, gerne, das passt doch gut.
      Und nein, von wegen vergrault, ich bin froh über den Austausch darüber!
      Bis bald wieder!
      vg
      almut

  3. Julia 24. April 2016 am 14:10 # Antworten

    Hallo Almut,

    ich musste bei deinem Artikel gerade an meine eigene Kindheit und besonders Teenager-Zeit denken. Denn so kommt mir die Entwicklung, die du beschreibst vor: als Teil der laufenden oder beginnenden Pubertät. Da ist es so wichtig, was die Freunde sagen, da wird nicht nur de Einfluss der Eltern, sondern sogar die eigene Haltung zurückgestellt, um sich der Gruppe anzupassen. Peer Pressure – nicht schön von außen anzusehen, aber doch so natürlich. Und irgendwann (bei den meisten) vorbei. Vielleicht probieren deine Kinder jetzt die Rollenklischees genauso aus wie schlechte Musik oder komische Accessoires. Und irgendwann wachsen sie da raus. Dann kommt ihr Selbstvertrauen, ihre Stärke zurück, dann sind sie noch stärker.
    Vielleicht musst du nicht so pessimistisch sein, sondern etwas Abstand halten und warten…

    • almut 27. April 2016 am 14:49 # Antworten

      Da hast Du womöglich recht, denn tatsächlich käme ich mit wilden Accessoires, Glatze, grünen Haaren, zerrupfter Kleidung o.ä. gut klar. Und wenn sich meine Kinder nun grade Geschlechterklischees aussuchen, dann wohl, weil es meine Kinder sind, die genau wissen, was mir wichtig ist und womit sie mich… okay, verstanden. Passt. :)

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