Der unterschätzte Kleinkram

Die größte Aufmerksamkeit im Themenkreis Rosa-Hellblau-Falle bekommen Nachrichten über sexistische Produkte, deren Geht-ja-sowas-von-gar-nicht-Level für ganz viele sehr hoch liegt. Aktuelles Beispiel aus meiner Timeline ist die Stellenanzeige einer Metzgerei mit einer Frau im Bikini, die eine (Rinder-?)Keule auf der Schulter trägt. – Nein, kommt nicht infrage, dass ich den Tweet hier einbette, ich finde gruselig genug, dass grade das Posten dieser sexistische Anzeige mir bald 200 Retweets beschert hat. Ein Trauerspiel, wenn ich bedenke, wieviele tolle, wertvolle, aussagekräfige, informative… Tweets ich doch sonst immer… ODER?!! Aber das ist trotzdem kein Beweis für ‚Sex sells‘, nur für höhere Aufmerksamkeit. Die führt nämlich noch lange nicht zum Kauf, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass Leute das Produkt selbst gar nicht wahrnehmen (Die Studie dazu und ein Artikel über dieselbe). Ob die Metzgerin nun durch die Anzeige eine neue Fleischfachverkäuferin gefunden hat, ist damit ja noch nicht raus.

Zurück zum unterschätzen Kleinkram. Heute früh ist @luebue über einen solchen gestolpert und hat ihn nicht unterschätzt, sondern in die Tonne gekloppt:

Genau das sind diese Zuschreibungen im Alltag von Kindern, die wir mit „Rosa-Hellblau-Falle“ meinen. Die sind klein und rutschen uns ganz oft durch im Alltag. Sie kommen nicht Schweinekeule schwingend daher und kündigen sich groß als Sexismus an, sondern reihen sich ein in die Menge der Botschaften, die wir und mehr noch unsere Kinder Tag für Tag aufnehmen darüber, wie mann so tickt und was frau so mag. Und am Ende des Tages finde ich die sehr viel übler, als eine einzelne Stellenanzeige. Deshalb habe ich den Käsetweet mit einem ? versehen und weiterverbreitet.

Nun habe ich auf Twitter seit der Schweinekeulen-Anzeige bestimmt 30 neue Follower. Sind sie alle über diesen Post zu mir gekommen? Dann hat das bestimmt bei manchen falsche Erwartungen geweckt.

Und genau darüber lässt sich streiten. Beziehungsweise prima diskutieren. Auch für den Fall, dass @LesTramms gar nichts von der Schweinekeule weiß und aus ganz anderen Gründen mehr erwartet hatte. Ich finde Käse mit der Aufschrift ‚Lieblingszicke‘ in der Brotdose meiner Kinder nicht banal. Denn ich weiß, dass sie im Lauf des Tages noch sehr viele solcher nach Geschlecht sortierten Botschaften aufschnappen werden. Wir essen zwar keine Herrenkonfiture mit Whiskey zum Frühstück (sonst auch nicht :), ich kaufe kein Feenmüsli und auch unsere Schuhe sind frei von Piraten und Prinzessinnen.

Aber an der Bushaltestelle, an der sie vorbeikommen, hängt eigentlich immer irgendein Plakat mit der Botschaft von einem „echten Kerl“ oder einer Bikinischönheit oder von Vätern und Salat und anderen Geschlechterklischees. Auch auf die Auswahl der Übungsblätter in der Schule habe ich keinen Einfluss. Und auf die Botschaften in der Bäckerei auch nicht.

Kinder bekommen den ganzen Tag über jede Menge, für sich gesehen banale Botschaften mit auf den Weg. Aber in der Summe formt sich so ihr Bild von Mann und Frau und davon, wie wir Erwachsenen, die wir Käse verpacken, Plakate gestalten, Schulbücher machen, Brötchen verkaufen… sie uns vorstellen. Nun kann ich mich entweder zurücklehnen und sagen: „Kann ich nicht ändern. So ist das eben, da müssen sie reinwachsen, früh übt sich [was ein ganzer Kerl werden möchte]!“ oder ich versuche wenigstens hier zuhause die eine oder andere Keule auszusortieren. Ich habe mich entschieden, (Käse-)Botschaften, mit deren Inhalt ich nicht einverstanden bin, nicht auch noch an meine Kinder weiterzureichen, denn ich bin nicht der Meinung, Mädchen seien nun mal ab und an zickig und Jungs liebten eben Hackfleisch-Plätzchen. Ja, das ist anstrengend und an schlechten Tagen nenne ich mich Sisyphus, aber hey, das bisschen Fels! ;-)

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-> Und hier gehts zum Blogpost von @luebue in Sachen Zickenkäse; der ist wohl zeitgleich entstanden :)

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