Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

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6 Kommentare zu “Ach, Hermine!”

  1. Mare 4. Juli 2016 am 14:51 # Antworten

    Eine schöne und kritische Analyse der Harry Potter Bücher und Filme bietet der „OH, Witch Please!“ Podcast. Das ist vielleicht zu dem Thema eine Empfehlung Wert.

    • almut 4. Juli 2016 am 16:51 # Antworten

      Dankeschön für den Link!

  2. LangWeilig 7. Juli 2016 am 22:04 # Antworten

    Im Buch kommt dieser Spruch von McGonagall garnicht vor. Ausserdem gibt es dort deutlich mehr starke weibliche Charaktere als in den Filmen. Grade Ginny entwickelt sich von einem kleinen schüchternen Mädchen zu einer sehr coolen selbstbewussten Frau.

    Ich finde die Bücher wirklich super, allerdings sind grade die Bände 4-7 für kleine Kinder doch ein bischen zu hart

    • almut 8. Juli 2016 am 11:26 # Antworten

      Ja, ich glaube deshalb steigen wir jetzt erstmal wieder aufs Lesen und Hören um! Wär echt schade drum!

  3. Kerstin 20. Juli 2016 am 9:20 # Antworten

    Ich höre gerade noch einmal alle Bände, nachdem ich sie schon ein paar Jahre nicht mehr gelesen oder gehört hatte. Jetzt bin ich schon fast am Ende vom letzten Band und muss sagen, dass sich mein Blick auf die Bücher sehr geändert hat. Früher war ich ein riesen Fan der Reihe. Jetzt habe ich sie auch genossen, aber vieles hat mich doch auch sehr gestört. Und ich gebe dir absolut Recht, es fehlen einfach die weiblichen Figuren! Es wäre doch kein Problem, wenn entweder Lord Voldemort oder Dumbledore eine Frau wären. Oder wenigstens mehr Figuren aus „der zweiten Reihe“. Im Orden des Phoenix zum Beispiel kommt mir die einzige weibliche Figur etwas zu tollpatschig beschrieben vor, dafür, dass sie sozusagen zu einer Elitetruppe des Ministeriums gehört. Und auch in den kleinen Szenen kochen, kümmern und heilen die Frauen, während die Männer Pläne schmieden.
    Aber ich glaube J.K.Rowling geht es auch so. Auf Pottermore (bin eben doch ein echter Fan) hat sie gerade die Geschichte einer Amerikanischen Zauberschule veröffentlicht. Und was soll ich sagen: Endlich weibliche Hauptfiguren – gute und böse! Die sich kümmern, kämpfen, rächen, sorgen… richtig tolle Geschichte!

    • almut 15. August 2016 am 9:45 # Antworten

      Danke für Deinen Kommentar, Kerstin. Ich habe jetzt den 6.Band gelesen, und wieder sind es die Mädchen, die kichern bzw. weinen. Nur dem großen, bärigen Hagrid sind als einzigem Mann Tränen erlaubt, Harry muss ständig die Zähne zusammen beißen. Schade, dass Du keine besseren Nachrichten für die nächsten Folgen hast :)

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