„Du bist doch kein Mädchen!“

… ist schnell dahergesagt, hat’s aber in sich.

Was, das würde ich gerne in 140 Zeichen oder im Gespräch zwischen Tür und Angel mal eben antworten können. Klappt aber nicht so wirklich. Deshalb poste ich hier das Interview, das Katja Köhler für die Esslinger Zeitung mit mir geführt hat, denn darin ging es genau darum, dass „Du Mädchen“ immer mehr zum Schimpfwort wird*. Das komplette Interview gibt es >hier als pdf< zu lesen, im Folgenden nur die Kurzversion:

K.Köhler: Haben Eltern schon etwas falsch gemacht, wenn der Sohn Fußball spielen geht und die Tochter ins Ballett?

A.Schnerring: Da dran ist gar nichts falsch. Jungen sollen ruhig zum Fußball gehen und Mädchen zum Ballett. Wichtig ist, dass wir zum Beispiel die fußballspielenden Mädchen nicht aus dem Blick verlieren. Oder die Jungen nicht vergessen, die zum Ballett wollen, die Glitzer mögen oder im Kindergarten immer wieder gerne zum Puppenhaus gehen.

K.Köhler: Was für ein Programm läuft da ab?

A.Schnerring: Sie werden oft durch – vielfach unbewusste – Kommentare und Reaktionen gerade von Erwachsenen in ihre „Schranken verwiesen“. Der Spruch „Heul’ nicht, du bist doch kein Mädchen!“ ist leider nicht ausgestorben, und auch ein nett gemeintes „Ein Mathe-Ass, das ist aber super für ein Mädchen“ macht Kindern bewusst, das Erwachsene unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen haben. Dabei wünschen wir uns doch, dass sich unsere Kinder frei entfalten und ihr Spiel wählen dürfen.

K.Köhler: Wann beginnt die Zuordnung der Geschlechter?

A.Schnerring: Die Erwachsenenwelt fängt damit schon an, bevor das Kind auf die Welt gekommen ist. 80 Prozent der Eltern wollen vor der Geburt das Geschlecht wissen. Es gibt Studien darüber, dass Eltern ihr Verhalten prompt ändern, sobald sie wissen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten.

K.Köhler: Wie äußert sich das?

A.Schnerring: Es geht nicht nur um oberflächliche Dinge wie die Einrichtung in Rosa oder Hellblau und darum, dass Eltern anderes Spielzeug kaufen. Eltern sprechen zum Beispiel in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen. Zudem neigen sie dazu, die Verhaltensweisen des Babys im Bauch schon dem Rollenklischee entsprechend zu deuten: Sie sprechen von einem energischen Jungen, einem ruhigen Mädchen, so dass das Kind schon vor Geburt nicht mehr die ganze Bandbreite zur Wahl hat, sondern nur noch die eine Hälfte.

 

Ein Aspekt, der fehlt:

„Du bist doch kein Mädchen!“ zu einem weinenden Jungen gesagt, vermittelt diesem, dass es wohl irgendwie etwas Schreckliches sein muss, ein Mädchen zu sein. Jedenfalls etwas, das er um jeden Preis vermeiden muss. Also bloß nicht „wie ein Mädchen“ rüberkommen, es könnte ja zu Verwechslungen kommen. WAS DANN!?! In dem Zusammenhang ist es dann gar nicht mehr rätselhaft, warum es Jungs gibt, die zwar zuhause gerne mit Rosa malen oder mit Elsa spielen, das aber im Beisein von anderen Kindern oder Erwachsenen vermeiden. Denn wer will schon als „Iiiiiihh, Mädchen!“ rüberkommen. Was für eine Beleidigung! Was für eine Abwertung! Für den Jungen. Und noch viel mehr für seine Schwester oder die Mädchen, die zuhören!

Was deshalb rätselhaft bleibt: warum manche Frau, die sich vielleicht selbst als „Mädel“ bezeichnet, wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum „Mädelsabend“ verabredet, so gar nichts dabei findet, einem kleinen Jungen diese negative Bewertung, die sie doch selbst, ganz persönlich betrifft, mit auf den Weg zu geben.

 

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*Aus juristischer Sicht ist „Mädchen“ schon heute ein Schimpfwort. Tatsächlich musste eine Frau, die einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als Mädchen bezeichnet hatte, 200 Euro Strafe bezahlen.

Artikel - Mädchen als Schimpfwort

 

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