Fleischeslust, Grillklischees und Geschlechterhierarchie

Gerade mal 11:30 Uhr und schon den Tiefpunkt der RosaHellblauFalle erreicht:

Die Grill-Kampagne von Edeka fanden wir schon reif für den Goldenen Zaunpfahl, als Männer und Frauen noch gemeinsam grillen durften. Zwar wurde auch da schon das Grillgut nach Geschlecht getrennt, aber immerhin lagen Zucchini, Fisch und Fleisch noch gemeinsam auf dem Rost.

Gestern hat der Laden nun mit Hilfe der Werbeagentur Jung von Matt ein paar Klischees nachgelegt und einen neuen Spot auf youtube hochgeladen. Ich mag ihn hier nicht einbauen, 3 Screenshots sollen genügen zur „Flamme, die aus Knaben Männer macht“:

Nein, dieser Spot ist nicht „nur lustig“. Seine Geschichte basiert darauf, dass „Ein Puppenfest, ein Barbie-Q“ lächerliches, verweichlichtes Chichi sei, dass Frauen* (und andere spießige Weicheier), die Gemüse und Dips beim Grillessen mögen, von den Horden aus dem Wald in die Flucht geschlagen werden müssen. Übrig bleibt nur der standhafte Mann.

Und wo bin ich in diesem Bild,

meine Kinder, mein Mann, mein Grillfeuer?

Vom Abschlussbild und dem Braten im Feuer beim Gelage im Wald mal abgesehen: Feuer steht in diesem Spot nur in Verbindung mit Krieg, Angriff, Verjagen derer, die es anders und damit falsch machen. Es gibt kein gleichwertiges Nebeneinander, stattdessen Verhöhnung der Spießer mit ihren Lampions und Champignons. Weil der weiße, alte Mann nichts von Deko hält, muss sie niedergetrampelt werden. Ungewohnte Essensgewohnheiten genügen also, um einen Krieg zu beginnen. Analogien zur eigenen Nachbarschaft natürlich ausgeschlossen.

Durch die Nähe zum Hollywood-Actionfilm hat die Angriffsszene, bei der eine aggressive, bewaffnete Horde in breiter Front den Gartenzaun niedermäht, mehr von Napoleons Kriegen, von Hetzjagd, Kolonialismus und Freibeutern, die ein Dorf überfallen.

Augenzwinkern? Humorvoll? Ihr möchtet nicht diskriminieren?

Sexismus wird durch den Effekt (von Sprache, Handlungen, eines Spots…) reproduziert, die Intention („lustig gemeint“, „gut gemeint“…) ändert daran nichts. Und es ist der Empfänger / die Zuschauerin, die über den Inhalt einer Botschaft entscheidet, nicht der Sender (Kommunikationstheorie nach Watzlawick) oder das Unternehmen und seine Werbeagentur.

Es hinterlässt mich ratlos, dass viele Menschen in Deutschland nicht nur damit einverstanden sind, dass Werbung so viel Geld und Wissen in die Reproduktion von Geschlechterhierarchie steckt, sondern diese auch noch bei jeder Gelegenheit in Kommentarspalten rechtfertigt. Warum und wofür investieren so viele Menschen Lebenszeit in das Verbreiten von Rollenklischees, anstatt ihre Fähigkeiten für mehr Wahlfreiheit, Toleranz und gleichwertiges Miteinander einzusetzen? Wo könnten wir heute schon sein, wenn die vielen, kleinen rosa-hellblauen Momente des Alltags als solche erkannt und angegangen würden? Stattdessen werden sie kleingeredet, verharmlost, das Gegenüber und seine Kritik als humorlos weggewischt, denn der Umsatz toppt jedes ungute Gefühl.

Und Kinder und ihre Wahrnehmung? Die Tatsache, dass sie erst im Lauf der Grundschulzeit Ironie verstehen lernen? Weggewischt. Ist ja nicht die Zielgruppe. Und überhaupt: „Wir“ geben ja keine Rollenklischees an Kinder weiter. I wo denn, die entscheiden sich ganz frei.

#not

 

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2 Kommentare zu “Fleischeslust, Grillklischees und Geschlechterhierarchie”

  1. XUnicorn 19. Mai 2017 am 7:31 # Antworten

    edeka soll sich für Wahlfreiheit einsetzen?
    das wäre eine Werbung die keinen Umsatz erzielt

    • almut 22. Mai 2017 am 15:23 # Antworten

      Übersetzt meinst Du also: Der Zweck heiligt die Mittel? Interessante Weltsicht…🤔
      Niemand (schon gar nicht in öffentlichkeitswirksamer Position) sollte sein Handeln und Sprechen allein mit „weil es funktioniert / weil es Geld bringt“ rechtfertigen, ohne Blick darauf, wieviel Gras dadurch rundum verbrannt wird.

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