„In der Höhle des Löwen“

Rückblick auf unseren Vortrag beim Verband der Deutschen Spielwarenindustrie

Wir haben uns ehrlich gefreut über diesen Auftrag! Sind wir doch unterwegs in Sachen Rosa-Hellblau-Falle, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir freuen uns über den Kontakt zu Unternehmen, die sich mit dem Thema Gendermarketing kritisch auseinandersetzen. „Jetzt sind sie sozusagen in der Höhle des Löwen“, meint einer der Spielwarenhersteller, bevor wir dran waren mit unserem Vortrag :)

 

In Altenburg, beim Spielkartenverlag ASS

Was sofort auffällt: Auch wenn die Betreuung von Kindern, das Spielen mit ihnen, Geschenke auswählen für so viele Menschen weiblich konnotiert ist: wenn’s ums Geschäft geht, sind Frauen doch wieder in der Minderheit. Spielwarenfirmen holen sich auch nicht mehr Frauen ins Boot als andere Vorstände, zumindest beim Treffen der Geschäftsführer und Marketingleiter gab es viel mehr weiße und hellblaue Hemden als bunte Blusen.

Aber schon am ersten Tag zeigte sich: auch unter jenen, die mit Spielzeug zu tun haben, gibt es so einige, die ihre Bedenken haben bei den sich so sehr ausbreitenden Botschaften über süße Prinzessinnen und wilde Abenteurer.

Es waren interessante Gespräche, auch über den Hype und das ausgelaufene Patent des Fidget Spinners. Über den zunehmenden Online-Einkauf und seine Gefahr für niedergelassene Spielwarenanbieter. Über Konstruktionsspielzeug, das weiterhin überwiegend für Jungen gekauft wird, auch die pinke Variante würde kaum etwas an den Zahlen ändern. Ein Hersteller von komplizierten Bausätzen, Zielgruppe 14+ sagt, sie hätten nur männliche Kunden. Die gesellschafliche Prägung sei so stark, sie hätten da keine Chance, was auch immer sie probiert hätten, ihre Produkte würden nicht für Mädchen gekauft.

In unserem Vortrag dann am zweiten Tag haben wir über das Minimalgruppen-Paradigma gesprochen, darüber, dass die Trennung einer Gruppe dazu führt, dass sich die Mitglieder der jeweiligen neu entstandenen Gruppen in ihren Entscheidungen und Ansichten an den Gruppenkonsens der eigenen „Wir-Gruppe“ anpassen.

> Dass das Farblabel Pink Mädchen einlädt, mit einem Gegenstand zu spielen, den sie vorher nicht kannten, und Jungen dagegen davon ausschließt (> zur Studie).

> Dass das Label „Für Mädchen“ bzw. „Für Jungs“ zur Folge hat, das Kinder länger mit dem für sie gedachten Spielzeug spielen und sich auch länger daran erinnern (> zur Studie).

Unser Schwerpunkt lag also auf Studien zu den Folgen des Gendermarketing und der eingeschränkten Wahlfreiheit, die diese Strategie für Kinder bedeutet. Und was der Verzicht auf die Trennung in zwei Welten, die geschlechtliche Zuweisung von Farben, Verhalten und Interessen bringen würde: mehr Toleranz und Wahlfreiheit, mehr Vielfalt und ja, mehr Demokratie.

(Schwedische Studie zum Thema geschlechtersensible Pädagogik, Spielzeug und Spielanweisungen ohne geschlechtliche Zuweisung: „Children at the gender-neutral school were more willing to play with unfamiliar other-gender children.“)

Es wurde unruhig, als wir Bilder von Puppen und Internetseiten von Puppenherstellern zeigten. Unsere These: ‚Puppen haben keine Väter’ und Gendermarketing erschwere Jungen den Zugang zu einem Bereich, für den wir aus gesamtgesellschaftlicher und politischer Sicht gerne mehr Männer gewinnen würden: Pflege, Erziehung, CareArbeit.

Wie erwartet kam auch das Argument: „Aber schon bei Affen sieht man Unterschiede…“, und Füßescharren und Kopfschütteln ließen vermuten, dass mancher bei sich dachte: „Aber Jungs mögen nun mal lieber…“. (Wir verweisen an dieser Stelle lieber auf unsere Antworten zum Bullshitbingo des Gendermarketing ;)

Rätselhaft bleibt für uns eine häufige Reaktion zur Kritik an der zweigeteilten Spielwarenwelt (z.B. bei Lego): Es würde doch sowieso zusammengeworfen und gemeinsam bespielt, in den Kinderzimmern würden die Kinder doch mit Phantasie beide Angebote verbinden. Und wir verstehn einfach die Logik dahinter nicht: Warum setzen denn dann alle auf getrennte Welten, wenn das Gemeinsame so ein beliebtes Argument gegen unsere Kritik daran ist?

Dass unser Anliegen manche Menschen emotional berührt, war ganz offensichtlich. Besonders als einer meinte, mal eben Saschas Pudelschuhe herabsetzen zu müssen: „Die sind ja auch hässlich!“ :-0  Dabei ziehen wir die oft bei Vorträgen zur Rosa-Hellblau-Falle an, um zu verdeutlichen, dass wir nichts gegen Rosa haben, sondern nur einfach finden, die Farbe sollte für alle da sein.

Klar haben wir uns gefreut, dass die Mehrzahl der Rückmeldungen im Anschluss  positiv waren, auch vom Vorstand eines Puppenherstellers. Er könne ja nur gewinnen, wenn er sich unserem Anliegen anschließt, denn er würde natürlich gerne Jungen für Puppen gewinnen. Auch er beobachtet den massiven Druck, der auf Jungs lastet, die gern mit Puppen spielen. Sobald sie in die Kita kommen, müssen sie viel aushalten bzw. die Eltern müssten sehr tough sein. Ob vor 10, 20 oder 30 Jahren, er sähe keine Anzeichen dafür, dass mehr oder weniger Puppen für Jungs gekauft werden, nach wie vor würden sie zu 99%  für Mädchen gekauft.

Es zeigt sich also wieder, dass weder Eltern alleine die Verantwortung tragen, es aber auch zu kurz gedacht wäre, nur den Herstellern die Verbreitung von einengenden Rollenbildern anzulasten. Es ist ein Zusammenspiel, das im Moment einfach zu gut funktioniert. Zu gut im Hinblick auf Kinder, deren Spielverhalten und Interessen dadurch beeinflusst und eingeschränkt werden. Wir hoffen jedenfalls, dass wir einige aus dem Publikum mit unseren Argumenten „erwischt“ haben, so dass sie sich noch lange gedanklich damit beschäftigen.

 

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