Archive by Author

Junge? Ist ein rotes Wort

Gastbeitrag von Jana Pikora

Jana Pikora ist Synästhetikerin, sie hört Farben. Stimmen, Musik und Geräusche sind in ihrer Wahrnehmung also mit ganz bestimmten Farben verbunden. Bei ihr wandern aber auch Zahlen in menschlichem Antlitz durch einen eigenen Raum und in Wörtern sieht sie Figuren mit menschlichen Eigenschaften. Jana Pikora vereint in sich viele verschiedene Synästhesietypen, was sie als Probandin für die Hirnforschung ungeeignet macht. Als @piksyn bei Twitter und auf Ihrem Blog www.piksyn.wordpress.com schreibt sie über ihre Wahrnehmung. Hier findet sie Wörter für ihre Farben, Frisuren, Muster und Texturen und freut sich jedes Mal, wenn sie einen sprachlichen Ausdruck oder ein Foto findet, das ihrem inneren Bild annähernd entspricht.

Foto: (c) Jana Pikora

Foto: (c) Jana Pikora

Als Kind war mir nicht bewusst, dass es nicht ’normal‘ sein könnte, dass ich Farben sehe, vor allem weil es einigen Kindern in der Verwandtschaft ebenso ging wie mir. Mit denen stritt ich mich ein paar Mal bitterlich, denn dass mein Name nicht grün sondern orange sein sollte, das war so unvorstellbar für mich, wie die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Porrée mögen. Inzwischen esse ich Porrée und weiß obendrein, dass wir alle die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Und dass mein Name in verschiedenen Farben existiert, wirkt auf mich nicht mehr bedrohlich, sondern bereichernd und beruhigend gleichermaßen. Denn was wäre das für eine langweilige Welt, wenn mein Name allerorten grün wäre?

Es ist ein Ringen um Wörter für all diese Farben, denn Synästhesie gleicht einem Traum, den man während des Erlebens klar sieht und dessen Fetzen man mühsam am Morgen einsammelt. Aber wie man lernen kann, sich besser an Träume zu erinnern, so habe ich gelernt, meine Synästhesien länger zu bewahren, die Wörter bleiben nun länger vor mir stehen und lassen sich anschauen und beschreiben. Es gibt Farben, die im Außen nicht zu finden sind, für die es keine Namen gibt. In unserer Wahrnehmung existieren weit mehr Schattierungen und Abstufungen als wir mit Sprache zu fassen vermögen.

Und dann diese Sehnsucht nach Rosa. Die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte ich rosalos in einer Wohnung mit vielen Farbtönen: Beige, Creme, Braun, Rot, Grün, Olivfarben, Geigenfarben, Orange, Blau, Mutterfarben, Gelb, Vaterfarben, Vanille und diversen Musikfarben. Grau, Graublau natürlich auch. Gedämpfte 70er-Jahre-Töne. Diese Farben sind in meine Synästhesien übergegangen. In den 1980ern trat dann Türkis in mein Leben und: Rosa. Rosa war eine wertvolle Währung. Ich wollte unbedingt mal einen rosa Pullover tragen, außerdem spielte ich gerne Barbie, wenn ich nicht gerade irgendeinen Ball irgendwohin trat oder mich auf Bäumen aufhielt. Für mich hatte Rosa jedoch nichts mit ‚Mädchen‘ zu tun. Ein Mädchen war ich auch so, das wusste ich, denn ich hatte schließlich weibliche Geschlechtsorgane. Ich konnte nicht im Stehen pinkeln, das nervte mich. Und dass ich eines Tages dafür zuständig sein sollte, schwanger zu werden, fand ich hochinteressant und gleichermaßen belastend. Das war auch schon alles.

Für mich war Rosa das sensiblere Rot. Es war genauso wichtig wie Türkis, das variierte Blau oder Grün. Meine Lieblingsfarbe blieb bei aller Sehnsucht nach Frische und Neuem jedoch immer Blau, ich bin sehr treu. Rosa war schlichtweg eine weitere Variante. Bis heute haben nur ganz wenige Wörter einen Rosaschimmer, denn die meisten Wörter habe ich in der Vorrosazeit kennenglernt. Eine Spülmaschine hingegen gab es erst im Rosazeitalter und sie klingt geborgenheitsfarben (blaugrau mit einem rosa Strom). Liebe blieb gelb, rosa Herzen irritierten mich maßlos und nur mühsam gewöhnte ich mich daran, dass diese Dinge zusammenhängen sollten. Ich nahm es schließlich so hin, wie alles, was nicht meiner synästhetischen Logik folgte. Im Übrigen beinhaltet das Wort ‚Glück‘ einen kleinen Rosaschimmer, doch auch das ist nur Zufall. Wie alles in der Synästhesie: Sie folgt Zufällen, der Freiheit, dem Moment. In dem Augenblick, in dem ein Wort zum ersten Mal auftritt, teilt ihm das Gehirn irgendeine Farbe, eine Frisur und ein Gesicht zu. Manchmal auch nur ein Muster. Mein Gehirn war da sehr freigiebig und folgte stringent eigenen Gesetzen. Das Wort ‚Mädchen‘ ist und bleibt für immer weißlich, gelb und mit einem Hauch Grau. Und ‚Junge‘? Ist ein rotes Wort. Mit einem weißen Streifen.

———————–

 

„Synästhesie im weiteren Sinne – verstanden als verstärkte innere Wachheit oder als Fähigkeit, die eigenen Gefühlszustände etwa bildhaft wahrzunehmen -, kann man sich aneignen. Synästhesie macht sensibler und innerlich sicherer, weil sie eine neue, bewusstseinserweiternde Dimension der Verankerung im eigenen Selbst und der Welt eröffnet.“  Hinderk Emrich (Psychiater und Philosoph)

 

Christine Prayon: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

(Foto: Marc Hetterle)

(Foto: Marc Hetterle)

 

Christine Prayon ist Schauspielerin und Kabarettistin. Sie gehört zum Ensemble der ZDF-heute-Show, zur Comedystube in Tübingen und bespielt mit ihrem Soloprogramm die Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum. Hier antwortet sie auf die Fragen unseres Blogstöckchens #WasAnderswäre.

 

(Viele Menschen haben sich von unseren Fragen angesprochen gefühlt und darüber gebloggt; ihre Artikel sind *hier* verlinkt. Eine Übersicht über alle Gastbeiträge zum #WasAndersWäre-Projekt auf unserem Blog findet sich *hier*.)

 

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Ich müsste vielleicht nicht so oft unter Beweis stellen, dass ich was in der Birne habe. Vielleicht hätte ich auch für Einiges in meinem Leben nicht ganz so kämpfen müssen. Vielleicht hätte ich aber dafür einen ganz anderen Druck gehabt: Was weiß ich, wie sehr man sich als Mann genötigt fühlt, immer stark sein zu müssen. Jedenfalls denke ich, dass ich gelassener wäre, nicht so vorsichtig. Als Mann fühlt man sich bestimmt in mehrerlei Hinsicht nicht so oft bedroht wie als Frau.

(Foto: Matthes  Schrof)

(Foto: Matthes Schrof)

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Ich bleibe sehr lange freundlich und diplomatisch, selbst wenn längst ein anderer Ton angebracht wäre. Oder anders gesagt: Ich erlaube es mir nicht, auch mal hin und wieder ein Arschloch zu sein. Ich staple tief. Und wenn ich tatsächlich mal laut werde oder unverblümt meine Meinung sage, bin ich mir sofort bewußt, dass das gesellschaftlich gesehen gerade eine Grenzüberschreitung ist, und dass mir das als Frau mit Sicherheit übel genommen wird, wohingegen man ein solches Verhalten beim Mann generell als ein Zeichen von Stärke, Macht, Durchsetzungsvermögen sieht und ihn dafür bewundert.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Manchmal breche ich gerne mit den ungeschriebenen Regeln. Ich finde es dann wunderbar, ungeschminkt und mit Turnschuhen und Pulli zu erscheinen, wenn eigentlich adrettes Aussehen erwartet wird. Oder gerade als Frau in einer Männerrunde einen guten Witz zu machen und schlagfertig zu sein, obwohl darauf ja eigentlich die Herren abonniert sind. Oder ganz einfach im Alltag, im Gespräch mit anderen, egal ob Mann oder Frau: Da widerstrebt es mir, die mir (tatsächlich oder gefühlt) zugedachte Rolle des braven Mädchens zu spielen. Ich rede mit Leuten z.B. sehr gerne gleich über Politik, über die Welt anstatt über meine Beziehungen oder meine Befindlichkeit zu sprechen. Ich meide die typischen „Frauenthemen“, weil sie mich meistens langweilen, vielleicht aber auch gerade, weil ich Frau bin.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ganz klar: Frauen sind nicht komisch. Das ist ein Klischee, mit dem ich Tag für Tag konfrontiert werde durch meine Arbeit. Die Beeinträchtigung liegt sicherlich darin, dass ich permanent das Gefühl habe, dieses Klischee widerlegen zu müssen, dass ich Witzigkeit und Intelligenz (denn Witz hat ja vor allem was mit Intelligenz zu tun) ständig unter Beweis stellen muss.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

So sehr das Klischee, Frauen seien nicht komisch, mich in meinem Beruf beeinträchtigt, so sehr kann es aber auch von Vorteil sein, als Frau und eben nicht als Mann Kabarett zu machen. (Diese Vorteile sehe ich wohlgemerkt nur in inhaltlicher Hinsicht, niemals in wirtschaftlicher – sei es, was die Zahl der Engagements, den Grad des Erfolgs oder die Höhe der Gage angeht.) Wenn ich nicht gerade über Männer, Schuhe und Bindegewebe spreche, breche ich als Kabarettistin ja schon die Erwartungshaltung der Zuschauer. Das ist im Kabarett schon mal per se nicht verkehrt. Auf der Bühne ist es ja meine Aufgabe, Klischees und Vorurteile aufzuzeigen, zu hinterfragen, auch zu bekämpfen. Da kann ich nicht zuletzt auch als Frau in eigener Sache noch so viele Dinge ansprechen und bestenfalls durch Witz entlarven. Was Gleichberechtigung angeht, ist ja in unserer Gesellschaft durchaus noch Spielraum. Deshalb empfinde ich es neben all den tatsächlich immer noch vorhandenen Vorurteilen und Benachteiligungen, mit denen ich auch in meinem Beruf konfrontiert werde, vielleicht sogar gerade deswegen mitunter als Vorteil, Frau zu sein und das direkt auf der Bühne ansprechen zu können. Da bietet sich mir die Möglichkeit des humorvollen Widerstands. Das kann befreiend wirken, für mich und im besten Falle auch für das Publikum.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wollte jetzt direkt antworten: „Na klar, wenn ich mich mit Leuten z.B. über nicht geschlechterspezifische Dinge, über Politik, übers Weltgeschehen o.a. unterhalte, dann spielt es keine Rolle.“ Aber in dem Moment, wo ich das formuliere, merke ich, dass es wahrscheinlich unterschwellig doch immer eine Rolle spielt. Selbst in solchen Gesprächen schießt mir oft – wenn auch nur kurz – durch den Kopf „Oh, hoffentlich nehmen die mich ernst, wenn ich als Frau das sage.“ Also, irgendwie ist diese Unsicherheit und dieses Sich behaupten müssen gegenüber Männern offensichtlich doch ganz tief drin. Es ist wirklich eine gute Frage, ob es irgendeinen Bereich gibt, in dem das keine Rolle spielt. Vielleicht in sehr existenziellen Situationen.

Ich will, dass das keine Rolle spielt in vielen Bereichen. Dafür arbeite ich. Das ist sozusagen mein täglich Brot. Ich stelle mir manchmal vor, wie angenehm es wäre – klingt jetzt pathetisch – wenn wir einfach als Menschen miteinander sprächen. Aber da gibt’s noch viel zu tun. Manchmal frage ich mich, warum es diese Rollenvorstellungen eigentlich gibt. Wem nützt es, dass wir alle so denken?

 
————————————

Über Christine Prayon gibt es ein Radiofeature, das wir 2011 für den Deutschlandfunk produziert haben: „Christine Prayon & Freunde“:

 
 

Andrea Meyer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag zum Thema Geschlechterrollen(-klischees) im Alltag, dieses Mal von

Andrea Meyer

Sie ist Spieleautorin und arbeitet im Umweltschutz. Sie lebt mit ihrer Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin. Auf dem Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org veröffentlicht sie zurzeit eine Reihe über ihre Erfahrungen als lesbische Co-Mutter in Berlin. Sie twittert unter @andreacmeyer.

andreameyer Kopie

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Als dicke lesbische Frau entspreche ich weder dem „klassischen“ Stereotyp von Frau oder Mann. Für das Bild von „Frau“ bin ich zu dick und zu männlich, für das Bild von „Mann“ bin ich zu weiblich. Als dicker Mann mit allen meinen sonstigen Eigenschaften würde das vermutlich insbesondere im Job weniger auffallen. Mein Einsatz für meine Familie würde hingegen positiver auffallen – wenn ich vergleiche, wie manche Hetero-Paare sich die Erziehungs- und Haushaltsarbeit aufteilen. Im Job hätte ich vermutlich leichter Karriere gemacht, weil es mehr Leute wie mich gegeben hätte und ich nicht so herausgestochen hätte. Ich hätte insgesamt weniger leidige Erfahrungen mit Sexismus machen müssen. Und ich hätte weniger strategisch sein müssen dabei, wann ich in einem Meeting etwas sage, um tatsächlich gehört werden zu müssen. Ich vermute, ich wäre in Bezug auf die Arbeit entspannter, würde aber vielleicht im Alltag mehr Druck bekommen, dass ich nicht der Norm entspreche.

Insbesondere als Jugendliche habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein. Die Jungen durften die cooleren Sachen machen, waren weniger „behütet“, wurden nach meinem Gefühl weniger reglementiert. Heute freue ich mich, dass ich „meine eigene Frau“ bin, um es mit Charlotte von Mahlsdorf zu sagen.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Vielleicht mit unseren Kindern schmusen? Da würde ich mir wünschen, dass ich das auch als Mann tun würde. Ich habe mit meiner Frau eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen – als Mann hätte ich sie geheiratet. Rechtlich ist es so, dass ich als Ehemann meiner Frau unseren Sohn nicht als Stiefkind hätte adoptieren müssen, sondern das Kind qua Gesetz meins gewesen wäre, auch wenn der leibliche Vater bekanntermaßen ein anderer Mann ist. Damit hätte ich mir und uns eine lange und kostspielige Prozedur gespart und unsere Kinder wären vom Tag ihrer Geburt an rechtlich abgesichert gewesen.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Es fällt mir schwer, hier nicht in Stereotype zu verfallen. Ich vermeide es, im Dunkeln durch schlecht beleuchtete Straßen oder Parks zu radeln oder zu laufen. Ich fahre nicht per Anhalter mit. Wenn ich allein unterwegs bin, weiß eigentlich immer jemand Vertrautes, wo ich bin. Ich uriniere nicht auf der Straße – das würde ich aber als Mann hoffentlich auch nicht tun.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Eigentlich durch alle Stereotype, wie Lesben sind, selbst wenn sie an manchen Stellen auf mich zutreffen. Das „Männerhasserin“-Attribut ist dabei vielleicht noch am lustigsten, weil absurdesten. Es ist aber auch extrem menschenfeindlich, weil Menschen, die andere hassen, unterstellen, dass ich das auch tue. Und dazu habe ich ehrlich gesagt weder Zeit noch Energie.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Ich hatte mich immer gewundert, ob es wirklich Frauen gibt, die „per Tränendrüse“ versuchen, Probleme zu lösen. Dann saß ich nach einem finalen Streit mit meiner direkten Chefin beim Personalchef und versuchte, ihm die Situation zu erklären. Und weinte, und konnte nicht aufhören. Er war offensichtlich leicht überfordert, holte Taschentücher und sagte etwas hilflos: „Das wird schon wieder.“ Und fand dann eine Lösung, wie es für mich weitergehen könnte. Ich glaube nicht, dass es ansonsten keine Lösung gegeben hätte, aber meine Tränen haben die Situation definitiv verändert.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich glaube das nicht bzw. nicht mehr. Bevor wir Kinder hatten, war ich da optimistischer. Aber wie schon Kleinstkinder in Gender-Rollen gedrückt werden, hat mich sehr desillusioniert. Ob nun Jungen mit leichtem Vorwurf in der Stimme zu hören bekommen, sie hätten ja (sehr) lange Haare, oder Mädchen, die sich durchsetzen, mit leiser aber bestimmter Stimme (und früher und öfter als Jungen) darauf hin gewiesen werden, das „man“ das nicht macht, ist da schon egal. Unseren Kindern verschiedene Perspektiven auf Geschlechtsrollen zu ermöglichen, ist definitiv eine der größeren Herausforderungen der Erziehung.

———————————

Hintergrund zum Blogstöckchen #WasAndersWäre und Liste derer, die bisher mitgemacht haben.

Nora Gomringer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Mein Name ist Nora Gomringer,

ich bin Lyrikerin und leite als Direktorin eine staatliche Institution. Ich bin einzige Schwester meiner sieben Brüder. Rollenverwirrungen, Travestie, Horror, Körper und Versehrtheit, Theater, Selbstbestimmung und Mode interessieren mich als literarische Stoffe – ich glaube, das prädestiniert mich.

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

  1. Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich wohl anders erzogen worden von meinen Eltern, meiner Umwelt. Das hätte meine Wahrnehmung für die Welt und mich selbst geprägt. Ich hätte andere Freunde, anders gelagerte Komplexe, die sich wahrscheinlich weniger auf generell Körperliches beziehen würden, dafür auf meine Sexualität, meine Leistungsfähigkeit. Ich wäre kompetitiver, geradliniger, aufgeräumter, weniger pathetisch, weniger dramatisch, kontrollierter. Vielleicht wäre ich homosexuell und wenn hetero, wäre ich sicher eher oberflächlich. Ich wäre, je nachdem welche Erfahrungen ich gemacht hätte, sexuell freizügiger. Ich wäre sicherlich sehr daran interessiert, auszusehen wie Steve McQueen oder Paul Newman.

 

  1. Was tust Du nicht / welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann/eine Frau bist?

Weil ich eine Frau bin und dazu eine generell eher unsichere, überlege ich bei Dingen, die mir etwas bedeuten oder Handlungen, die weitreichende Konsequenzen haben intensiv, ob ich sie tun soll, tun darf. Weil ich eine Frau in Therapie bin, versuche ich, aktiv gegen dieses Auferlegte zu gehen und den erhaltenen Ratschlägen zu folgen. Ich glaube, dass ich mich als Mann nicht in Therapie begeben hätte.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Frauen seien schwach. Frauen seien von ihren Gefühlen geleitet und bisweilen beeinträchtigt. Frauen lebten für Männer. Frauen liebten Kinder und alle wären geborene Mütter. Frauen müssten schön sein, sich aktiv für ihre Beziehungen einsetzen, um nicht verlassen, ihre Beziehungen nicht beendet zu sehen. Frauen wären manipulierbar, Frauen manipulierten.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Wenn 10 Dichter bei einem Festival auftreten und nur eine Frau unter ihnen ist, ist diese Frau wie eine Oase. Ich war oft Oase. Mindestens Palme oder Kamel.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Beim Sex. Bei der Anbahnung ist es sehr wichtig. Beim Akt dann nicht mehr. Überall sonst und generell ist das Geschlecht viel zu entscheidend.

———————-

 

#WasAnderswäre

—> Zur Liste aller Namen und Links derer, die bisher mitgemacht und geantwortet haben

und zum Ausangsartikel des Blogstöckchens.

 femailgmail

Anne Wizorek: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anne Wizorek, die auch in unserem Radiofeature zu Wort kam und die sechs Fragen dafür beantwortet hatte. Hier sind sie noch einmal alle in ungekürzter Form.

(Foto: CC-BY Anne Koch)

(Foto: CC-BY Anne Koch)

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien und lebt im Internet und Berlin. Sie ist Initiatorin des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei und Autorin des 2014 erschienenen Buchs „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute“. Auf dem von ihr gegründeten Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org schreibt sie zu Herzenshemen von Politik bis Popkultur.

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich das Haus verlasse, ist es für mich ist ein elementarer Bestandteil, dass ich Kopfhörer dabei habe. Nicht nur um Musik zu hören, sondern als Abgrenzung, um blöde Sprüche und belästigende Kommentare, auf der Straße eben nicht mitbekommen zu müssen. Das wäre also wahrscheinlich anders und sorgloser, wenn ich ein Mann wäre. Außerdem glaube ich, dass mir wesentlich mehr Menschen zuhören würden, wenn ich über Feminismus rede, weil das mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn solche Dinge von einem Mann gesagt werden. Es ist tatsächlich schwer, mir das vorzustellen, denn wäre ich Mann, würde ich mich überhaupt so mit Feminismus auseinandersetzen? Denn dann wäre ich ja in der privilegierten Lage, Sexismus auch einfach mal ignorieren zu können im Gegensatz dazu, wie ich es als Frau erfahre. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich dann ein feministischer Mann wäre, und dann wäre ich zumindest ganz schön genervt davon, wie unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch über Männer denkt.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Schminken vielleicht? Als Mädchen oder Frau besteht ja ein ganz anderer Zugang um sich auch über Schminke selbst auszudrücken. Dabei sollte Schminken natürlich weder als Muss für Frauen gelten, noch als „Niederlage“ gegenüber patriarchalischen Strukturen ausgelegt werden, wenn sie es ganz einfach gerne tun. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich als Mann ebenso schminken würde. Also wie es einerseits von Frauen erwartet wird, ist es andererseits für Männer ja total verpönt – weil es eben vor allem mit Weiblichkeit verbunden wird und so das patriarchalische Männlichkeitskonzept in Frage stellt.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Einfach sorglos aus dem Haus zu gehen und die Straße entlang, wenn es dunkel ist zum Beispiel. Also ich denke da schon auch immer noch drüber nach. Auch gerade in Bezug auf Freundinnen, wenn ich weiß, dass sie zum Beispiel ein Blind Date haben. Dann muss auch immer irgendwie eine Absicherung da sein, als dass sie einfach dort hingehen könnten. Sich in solchen Situationen keine Sorgen wegen der körperlichen Sicherheit machen zu müssen, das fehlt.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Was mich immer wieder irritiert, ist wirklich, wie viele Menschen nicht damit klarkommen, wenn Frauen mal nicht nett sind. Das wurde ja auch im Rahmen von #aufschrei nochmal ganz deutlich: Frauen dürfen sich nicht beschweren, denn dann wird es so empfunden, dass sie nur am Meckern und am Rumnölen sind. Frauen haben im Grunde keine legitime Position, um einfach mal sauer über Ungerechtigkeiten sein zu dürfen, sonst sind sie gleich hysterische Zicken, hässliche ungeliebte Männerhasser und was weiß ich nicht alles. Also entweder du hältst die Klappe, dann musst du es eben ertragen, was scheiße ist, oder du regst dich auf, und dann kriegst du die Kritik: „Du regst dich ja immer nur auf!“. Dass das so durch diesen sexistischen Doppelstandard ausgehebelt wird, ist sehr anstrengend. Und ich finde es auch immer wieder krass, wie das bei Männern gewertet wird: „Ja, der haut halt mal ordentlich auf den Tisch, der hat die Hosen an und der sagt halt, was Phase ist!“ Aber wenn Frau das macht, dann ist es einfach nur nervig und sie soll sich mal nicht so haben und nicht so hysterisch sein.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Als ich mal mit meinem Fahrrad unterwegs war und nicht auf dem Radweg fuhr, weil da Glasscherben lagen – Willkommen in Berlin! – und ich dann aber von einer Fußstreife, einem Polizisten angehalten wurde. Der war kurz davor, mir eine Geldstrafe deswegen zu verpassen, legitim, weil ich ja auf dem Bürgersteig gefahren bin. Aufgrund der Tatsache, dass ich so perplex war, hatte ich echt so ein bisschen feuchte Augen und war ziemlich durch den Wind. Und ich fürchte, da hat tatsächlich dieses Mädchenschema gegriffen, dass er dann doch noch ein Auge zugedrückt hat und meinte: „Ja, aber beim nächsten Mal nicht mehr!“

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wünsche mir das, und ich glaube, dass es auch durchaus möglich ist, aber so wie wir alle erzogen und geprägt sind und wie das so viele Aspekte des Alltags durchdringt, glaube ich, ist das derzeit leider nicht möglich. Es spielt ja selbst eine Rolle, wenn ich mich im Internet zum Beispiel in einem Chat als Mann ausgebe, damit ich sonst in Ruhe gelassen werde. Also insofern gibt es solche Räume, glaube ich, leider gerade nicht.

—————–

 

–> Wer gerne weiterlesen möchte, >hier< geht es zur Liste derer, die am Blogstöckchen #WasAndersWäre teilgenommen haben.

„Ein bisschen gleich ist nicht genug“

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anke Domscheit-Berg. Sie ist Publizistin, Unternehmerin und Netzaktivistin mit den Schwerpunkten digitale Gesellschaft, Open Government und Geschlechtergerechtigkeit. 2015 erschien ihr zweites Buch: “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind”

Überall kriegt ein kleines Kind heute verklickert, was zu seinem Geschlecht gehört und was nicht. Und Kinder wollen Erwartungen erfüllen. Das heißt, sie wünschen sich tendenziell eher Dinge, von denen sie glauben, die passen zu ihnen und führen zu Akzeptanz in der Gruppe und nicht zu Ablehnung. Und Eltern wollen auch nicht nach Hause kommen mit einem Geschenk, bei dem das Kind eine lange Nase zieht und sagt: „Ich wollte was ganz Anderes haben.“ Das heißt, man erfüllt als Eltern Erwartungen, die Kinder haben, die sie aber von ihrer sozialen Umwelt quasi eingetrichtert bekamen. Und selbst, wenn man diese Effekte als Elternteile, Patentanten und -onkel oder Großeltern ignorieren will – wer in den Laden geht und versucht, heute etwas Anderes zu kaufen, der oder die hat es extrem schwer. Ich kann kaum Mädchenkleidung finden, die neutral ist, die kein schickimicki Gedöns drauf hat und nicht nach Prinzessin aussehen will. In der Spielzeugabteilung das Gleiche. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, aber es ist mit einem bestimmt fünf- bis zehnfachen Aufwand verbunden, alternative Dinge zu kaufen. Und diese beiden Effekte wirken wie eine Klammer: die eine Hälfte erzeugt die Nachfrage, die andere ist das extrem einseitige Angebot. Das ist ein sehr fataler Teufelskreislauf, der sich selbst verschärft.

 Außer Rosa noch nichts gesehen

 Als ich für meinen Sohn vor 14 Jahren einen Kinderwagen und Wickelutensilien gekauft habe, gab’s das vor allem in sehr praktischen Farben. Gerade Kinderwagen waren in der Regel irgendwie dunkelbunt, weil sie ja schnell dreckig werden. Es gab weder rosa Wickelsets noch rosa Kinderwagen. Wenn man heute in die gleiche Ladenabteilung geht, da findet sich das alles komplett gegendert: vom Windelset übers Fütterset bis zu diesen Bammelspielchen, die zum Spielen am Kinderwagen hängen. Und dann wird einem bei einem dreijährigen Mädchen erzählt, dass es Rosa halt schon immer gemocht hat, dabei hat es außer Rosa in seiner unmittelbaren Umgebung ja schon als Baby fast nichts Anderes gesehen! Vielleicht ein bisschen himmelblau am Himmel und ein bisschen grün an den Bäumen, aber alles was mit ihm selbst assoziiert wurde, war meistens irgendwie rosa. Und das hat für mich dann mit Freiheit oder Präferenzen gar nichts mehr zu tun, weil ein so geprägtes Kind gar nicht heraus finden kann, welche Farben ihm oder ihr gefallen.

 Ethischer Algorithmus

 Warum müssen Holzeisenbahnen mit Jungs assoziiert werden? Warum sollte ein kleines Mädchen damit nicht spielen? Es gibt keinen Grund dafür. Ich kann mir Gründe vorstellen, warum man Tampons unter „Frau“ einsortiert, aber zu Bauklötzchen und Holzeisenbahn fällt mir da kein Grund ein. Das ist doch eine unzulässige Einschränkung für Kinder! Da werden zum Beispiel in Online-Shops Filter eingebaut, wo gar keine hingehören. Da fängt für mich die Diskussion um die Ethik von Algorithmen an, denn diese Filter sind stark zu hinterfragen: an welchen Stellen machen sie Sinn beziehungsweise, wo schränken sie Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder ein? Diese stereotypen Zuschreibungen zeigen sich ja nicht nur im Spielzeugangebot, sondern in allem, was Kinder oder Heranwachsende umgibt, Erwachsene natürlich auch. Ob das Videospielzeuge sind oder Hollywood-Filme, Schulbücher oder Werbungen in Zeitschiften. Das ist eine massive Prägung, von der ich glaube, dass sie schlicht eine Folge des Kapitalismus ist, einer Marktgesellschaft, die einfach um jeden Preis versucht, immer noch mehr zu verkaufen, denn wir sind ja eine Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Wirtschaft immer irgendwie wachsen muss – was schon aus vielen anderen Gründen ein bescheuertes Konzept ist.

 Corporate Social Responsibility

 Dabei können wir es uns gar nicht leisten, dass die Einen sich kaum mit Mathe befassen, weil ihnen eingeredet wird, sie seien dafür zu doof. Oder dass andere sich mit bestimmten sozialen Fragen weniger befassen, weil sie denken, „Pflegearbeit ist uncool“. Das ist nicht nachhaltig als Gesellschaft und es beschränkt individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Man redet ja oft von diesem hohen Begriff „Corporate Social Responsibility“, also der Verantwortung, die Unternehmen in der Gesellschaft haben. Meistens meint man damit, man ist ein bisschen umweltfreundlicher, sponsert einen lokalen Sportverein oder kauft vielleicht ein Kunstwerk von einem prekären Künstler an. Eigentlich müsste diese Verantwortung aber viel weiter gehen, denn Unternehmen prägen, sie gestalten die Gesellschaft mit. Deshalb sollte zur „Corporate Social Responsibility“ auch die Frage gehören: mache ich mit dem, was ich als Unternehmen produziere und wie ich darüber kommuniziere, die Gesellschaft besser oder mache ich sie schlechter? Und die meisten Unternehmen entscheiden sich aktiv dafür, sie schlechter zu machen, nur weil ihnen das mehr Profit bringt. Denn dieses Thema ist keines, bei dem man sagen kann: „Ich bleibe neutral“, das gibt es nicht, für eine Seite muss man sich entscheiden.

Anke Domscheit-Berg Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

Anke Domscheit-Berg
Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

 

 

6 Fragen an Anke Domscheit-Berg:

Für unser Radiofeature im Deutschlandfunk ‚Die Rosa-Hellblau-Falle. Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ haben wir allen Teilnehmenden im Anschluss an die Interviews dieselben sechs Fragen gestellt und Ausschnitte davon ins Feature eingebaut. Die Antworten von Anke Domscheit-Berg auf die sechs Fragen hier in voller Länge:

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst:

Also für mich wären extrem viele Dinge anders. Ich bin ja DDR-sozialisiert und groß geworden mit einer Vorstellung, dass zum Beispiel arbeiten und Kinder haben keinerlei Widerspruch ist. Als ich dann aber bei einem westdeutschen Unternehmen arbeitete und ein Kind hatte, dann war das auf ein Mal ein Problem. Meine Umwelt erwartete von mir, dass ich zu Hause bleibe, jedenfalls nicht mehr Unternehmensberaterin auf Projekten bin. Und der Vater meines Kindes hat bei der gleichen Firma, im gleichen Job gearbeitet, für den hat sich in dem Punkt nichts verändert. Und das war für mich deshalb so eine extrem überraschende Erkenntnis, weil das mit meiner DDR-Erfahrung überhaupt nicht zusammen ging, und ich kannte weder Begriffe wie „gläserne Decke“ noch wie „Rabenmutter“, die hatte ich weder gehört, noch habe ich das Konzept verstanden. Und das, glaube ich, hätte ich als Mann ja einfach gar nicht mitgekriegt, sondern dann hätte ich genau mein Leben so weiter gelebt wie der Vater meines Kindes, der Montag bis Freitag auf Dienstreise war, und am Wochenende war er halt dann mal da. Nie hat ihn einer gefragt: „Wer kümmert sich denn um Dein Kind“ oder „Wie machst Du das denn mit der Familie?“. Und vielleicht hätte ich das als Mann ja auch so gemacht und genau wie er schneller Karriere gemacht, mehr Geld verdient, mehr Rentenbeiträge eingezahlt und würde jetzt viel mehr Geld haben, selbst als Oma noch. Vielleicht (das hoffe ich natürlich) hätte ich mir die Arbeit auch mit der Mutter des Kindes geteilt – aber selbst dann wäre es nur noch die halbe Belastung gewesen im Vergleich zu dem, wie ich es als Frau erlebt habe.

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ich war ja 15 Jahre in der Industrie und auch in Führungspositionen, und das ist tatsächlich so, dass man als Frau eine extrem schwierige Gradwanderung zu bewältigen hat. Denn einerseits erwartet man von einer Führungsperson bestimmte Verhaltungsweisen, die in der Regel identisch sind, mit dem, was man von einem typischen männlichen Mann erwartet, die man aber nicht mit Weiblichkeit verbindet. Das heißt, ich verletze als Frau immer ein Stereotyp, entweder das, das man mit Managern assoziiert oder das, was man mit Weiblichkeit assoziiert. Ich kann mir jetzt aussuchen welches. Also entweder bin ich Weichei-Managerin und dann eigentlich nicht führungsstark oder aber bin ich halt so eine eiserne Lady und dann aber total unweiblich. Es gibt grenzenlos wissenschaftliche Forschung dazu, die aufzeigt, dass man, wenn man sich führungsstark verhält als Frau, einfach nicht gemocht wird. Man wird abgelehnt, von Kollegen, von Vorgesetzen, und persönliche, menschliche Ablehnung führt auch zu einer Einschränkung bei weiteren Karriereentwicklungen. Viele Frauen können diese Geschichten erzählen, dass sie entweder den „Mäuschen“-Vorwurf kriegen oder den „aggressiv und karrieregeil“-Vorwurf kriegen – dazwischen gibt’s fast nichts. Diese Art der Gratwanderung war mir oft durchaus bewusst, wenn ich genau überlegte, wie ich auftrete und welche Formulierungen ich benutze, um eine gewisse Balance zu erreichen, weder zu unweiblich noch zu dominant rüberzukommen. Das ist ein beschissenes Spiel, aber als Frau hat man oft keine andere Wahl. Ich habe Männer oft darum beneidet, diese Art von Rücksicht nicht üben zu müssen, da es bei ihnen keinen Widerspruch zwischen stereotyper Männlichkeit und Managementkompetenz gibt.

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist:

Mir fallen ganz viele Dinge ein, aber es sind eigentlich eher traurige Dinge, weil es Freiheit einschränkende Dinge sind. Also ich würde nicht nachts durch irgendwelche Parks gehen, ich würde beliebige Umwege in Kauf nehmen oder Taxi-Geld verschwenden, auch wenn ich eigentlich prima hätte laufen können, ich würd’s einfach nicht tun aus Angst. Ich gehe durch bestimmte Unterführungen nicht. Ich gehe niemals mit lauten Kopfhörern mit Musik irgendwo im Dunkeln lang, weil ich dann nicht höre, wenn mir einer hinterher kommt. Ich habe dann immer die Lauscher ganz weit offen, um das mitzukriegen. Ich würde nicht (mehr) trampen. So gibt’s ganz, ganz viele Dinge. Ja, ich weiß, nicht alle Männer machen schlimme Sachen, ich weiß aber auch, dass zu viele Männer für zu viele Frauen gefährlich sind und dass ich versuchen muss, für mich das Risiko zu minimieren, auch wenn ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Man sieht auch keinem Mann an, wie gefährlich er werden kann. Und ich habe selber schlechte Erfahrungen gesammelt diverser Art, das ist also eine ganz reale Gefahr, die ist nicht bloß Theorie, das wird durch gruselige Statistiken ja auch jedes Jahr neu bestätigt.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ich habe mehrere sehr unschöne Erfahrungen auch mit direkter Diskriminierung in unterschiedlichen Arbeitsplätzen gehabt, unter anderem auch als IT-Projektleiterin, wo mir immer wieder suggeriert wurde, teilweise auch von Kunden, IT-Leitern, die mich noch nicht kannten, die dann so Panik äußerten, wenn ich angekündigt wurde als neue Projektleiterin, und meinten: „Kann die das überhaupt? Das ist doch eine Frau.“ und „Da sind doch nur Jungs oder Männer im Team, und da geht’s um X-Millionen Euro IT-Einkauf im Jahr, da darf doch nichts schief gehen.“ Und nach ein paar Wochen mich testen, wo ich dann so fachliche Sachen gefragt wurde, wie in kleinen Prüfungen, hießt es dann halt irgendwann: „Joa, die kann das ja doch und alles wieder gut. Wir sind ja jetzt entspannt.“ Aber ich habe das die ganze Zeit gespürt! Auf jedem neuen Projekt kam immer dieses subtile: „die kann das eigentlich nicht; die gehört hier eigentlich nicht hin“. Und das hat mich in meiner Arbeit behindert, weil es mir Stress verursacht hat, es hat mich unter Druck gesetzt, mir Angst gemacht hat und hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich nach 15 Jahren IT-Industrie neben anderen Gründen gesagt habe: ich will mir das einfach nicht mehr antun.

Krass fand ich auch, als mein Kind 6 Monate alt war und ich wieder arbeiten wollte. Und da hörte ich wirklich dieses: „Was?! Du willst schon wieder arbeiten?! DAS ARME KIND! Wozu braucht eine Mutter denn Karriere, wenn sie ein Kind hat?“ Ich kriegte so etwas von Vorgesetzen ins Gesicht gesagt, aber auch Arbeitskollegen waren da recht unverblümt.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören:

Als ich mal ein halbes Jahr vorher Urlaub beantragt habe für den Geburtstag meines Sohnes, weil mir das wichtig war, sagte mir mein Chef: „Naja, so als Muttertier sei das ja ok, aber für ihn komme das nicht in Frage, er hätte 3 Kinder, da müsse er ja drei Mal im Jahr Urlaub nehmen, wo käme man denn da hin, ne?“ Wo ich noch dachte, okay, jetzt ist das Klischee zwar zu meinem Vorteil, aber was für eine arme Gesellschaft…

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Hm, diese Frage ist verdammt schwer. Ich wollte erst „Sport“ antworten, aber das stimmt ja nicht. Wer einmal 20 Sekunden über Männer- und Frauenfußball nachdenkt oder wie Frauen und Männer in Fitnesscentern unterschiedlich angeschaut werden, merkt schnell, dass auch da das Geschlecht eine Rolle spielt. Beim Filme schauen? Da fällt mir dann Game of Thrones ein, eine Serie, in der viele Vergewaltigungsszenen vorkommen, die vermutlich auch von Frauen anders rezipiert werden als von Männern. Vielleicht Spaghetti kochen… außer man stellt sich ein größeres Spaghetti-Kochen im Freundeskreis vor, wo nach dem Essen auf magische Weise eine Geschlechterteilung entsteht, bei der mehrheitlich oder ausschließlich Frauen den Tisch abräumen und Ordnung wieder herstellen… Für spezifische Situationen wäre das einfacher, bei uns zuhause hat das Geschlecht zum Beispiel auf Hausarbeit keine Auswirkungen, es hängt bei uns nur von zufälligen Anwesenheiten und Zeitverfügbarkeiten ab, wer die Spüle ausräumt, Müll wegbringt oder Essen kocht und das hält sich ungefähr die Waage. Mir fällt aber tatsächlich keine generische Situation ein, in der Geschlecht prinzipiell keine Rolle spielt. Leider, denn ich wünschte mir, diese Kategorie würde nicht in allen Bereichen so wichtig genommen.

 

——————–

 

Anm. von Sascha und Almut:

Diese 6 Fragen wollen wir zum Anlass nehmen für ein Blogstöckchen:

Mehr dazu hier …

Ein Virus, erträumt von Waldemar Kobus

Aggrolepsie

von Waldemar Kobus

Waldemar Kobus ist Schauspieler. Er hat in Bully Herbigs Wickie-Verfilmung den Vater Halvar gespielt, stand mit Tom Cruise vor der Kamera für Brian Singers ‚Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat und strickt sowohl in Drehpausen als auch außerhalb des Sets:

 

Vor vielen Jahren hörte ich von einer sehr seltenen Krankheit, der Narkolepsie. Von dieser Krankheit Betroffene schlafen einfach ein, sobald sie Glück, Freude, Euphorie oder andere starke Emotionen empfinden. (Selten ist diese Krankheit nebenbei bemerkt deshalb, weil es sich um eine Erbkrankheit handelt und der Narkoleptiker rechtzeitig vor’m Orgasmus einschläft.) Seither lässt mich der Gedanke an diese Krankheit nicht mehr los:

Was wäre, wenn sich eine seltsame, der Narkolepsie sehr ähnliche, allerdings hoch ansteckende Krankheit sprunghaft und unaufhaltsam unter der Erdenbevölkerung ausbreitete? Ich nenne sie mal Aggrolepsie. Die Erkrankten zeigen keinerlei Symptome. Erst wenn bei einer infizierten Person Aggression umschlägt in den Entschluss, körperliche Gewalt anzuwenden, wenn aus dem Gefühl der Überlegenheit heraus im Hirn die Leuchtreklame angeht: „Jetzt hau ich drauf, jetzt stech ich zu, jetzt tret ich rein!“, wenn sie ausholt zum Schlag gegen einen anderen Menschen, genau dann schlägt die Aggrolepsie zu und die betroffene Person schläft friedlich ein.

Da kommt dann also die infizierte Kugelstoßerin frustriert vom Wettkampf nach Haus, findet das Bier ekelhaft warm, will ihrem zwei Köpfe kleineren Ehemann deshalb grade mal ordentlich auf die Fresse hauen und … schläft ein. Oder der gut gelaunte Neonazi torkelt mit seinen Kumpels die Straße lang, entscheidet, dass die entgegenkommende 12-jährige Kopftuchträgerin viel zu gut aussieht, will nur mal kurz mit seinem Schlagring etwas daran ändern und … liegt im nächsten Augenblick schlafend auf dem Bürgersteig. Oder der saucoole IS-Kämpfer will der heidnischen Welt vor laufender Kamera zeigen, wo der Hammer hängt, indem er seinen gründlich gefesselten, knienden Gefangenen noch etwas kleiner macht, holt aus mit seiner Machete, kippt geschmeidig nach vorne und schnarcht los. Kamera läuft weiter, der nächste selbst ernannte „Gotteskrieger“ tritt ins Bild, holt aus und legt sich für ein nettes Schläfchen auf seinen Kollegen. Die Kamera läuft weiter … Oder nach ’nem Fußballspiel – da sieht ’s dann auch etwas anders aus, als wir das heute so kennen. Da gehen dann die Fans der einen Mannschaft feiern, die der anderen Mannschaft gehen trauern, und ein paar wenige, besonders Engagierte aus beiden Lagern treffen sich irgendwo zu einem erholsamen Sleep In.

Gesellschaftlich veränderte die Aggrolepsie so Einiges: Jede Menge Polizei- und Justizvollzugsbeamte bevölkern die Jobcenter der Agenturen für Arbeit, wo sie auf ihre Umschulungsmaßnahmen warten. Die wenigen verbliebenen Polizisten sind hauptsächlich damit beschäftigt, Schlafende zu wecken oder in besonders schwer wiegenden Fällen den Verkehr drum herum zu leiten. Und vollends abenteuerlich wird ’s, wenn man sich ausmalt, wie das Ganze sich wohl auf die klassische Rollenverteilungen auswirkt. Was lässt sich die Mutter in Afrika nach Feldarbeit, Wasser schleppen, Kochen, Kinder gebären und versorgen … noch von ihrem Ehemann sagen, wenn dessen Argumente auf ein Mal nicht mehr so richtig schlagkräftig sind?

Ich glaube, ich werde mal beim Robert Koch-Institut anfragen, ob man so eine Krankheit nicht züchten könnte.

 

——

Nachtrag vom 28.1. auf den Kommentar von Martin hin:

Hallo Martin!

Es freut mich sehr, dass Sie sich so eingehend mit meinen Phantasien zur Aggrolepsie auseinander gesetzt haben und dabei auch gleich auf den wundesten Punkt meiner karikaturhaft, verknappt skizzierenden Vision gestoßen sind.
Ja! Die Darstellung der Polizei ist klischeehaft. Nach Rücksprache mit den drei Polizistinnen und Polizisten in meinem Familienkreis, durch die ich einen kleinen Einblick in die Vielfalt polizeilicher Aufgaben genieße, habe ich aber mit deren Einverständnis beschlossen, die Polizei auf ihre Funktion als eines der Instrumente des Gewaltmomopols unserer modernen Industrienationen zu reduzieren und so den Seitengedanken an unsere ordnungshütenden Mitbürger innerhalb dieses Textes nicht zu sehr ausufern zu lassen.

Was die „Mutter in Afrika“ angeht, so war ich mir sicher, dass die Willkür in der Auswahl meiner Beispiele ( frustrierte Kugelstoßerin, torkelnder Nazi, ….) den Verdacht der Allgemeingültigkeit gar nicht erst aufkommen lässt. Weder sage ich mit diesem Beispiel etwas über Mütter im Allgemeinen noch über einen Kontinent und dessen Vielfalt aus. Genau so gut hätte ich die asiatische Diplomatengattin anführen können, die von ihrem Ehemann seit Neustem nicht mehr verprügelt wird, oder den Baggerfahrer in Leinfelden-Echterdingen, bei dem die Zahl der Hämatome und Knochenbrüche rapide abgenommen hat, seit seine Freundin unter Narkolepsie „leidet“.

Womit wir beim vorletzten Punkt wären. Schlafentzug ist als Foltermethode anerkannt, – aber Schlaf? Na gut, es wäre wahrscheinlich für den bereits erwähnten Rechtsradikalen nicht gerade angenehm, in einem zufällig rumliegenden, feuchten  Schäferhundhaufen einzuschlafen. Aber Schlaf mit den von Ihnen beschriebenen Stromstößen in der Serie „Futurama“ (oder der Folter in „Clockwork orange“)  zu vergleichen, fällt mir etwas schwer. Wobei ich übrigens immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass der aggroleptische Schlaf ein erholsamer und nicht nur friedlicher sondern sogar befriedender ist, somit Nachtschlafzeit einspart und also keineswegs als „Entzug von Lebenszeit“ zu werten ist. Aber das sind letztenendes Details, die man gründlich mit den Virologen vom Robert Koch Institut planen und verhandeln müsste.

Was mich denn auch zum letzten Punkt führt:
Natürlich fände auch ich es sehr viel ehrenwerter, der Homo Sapiens nähme sich endlich seiner gattungsinternen Gewaltprobleme an und löste sie aus eigener Kraft, statt sich von einer Krankheit helfen zu lassen. Aber aus irgendeinem Grund fällt mir bei jeder Nachrichtensendung die Aggrolepsie ein.

Mit freundlichem Gruß,
Waldemar Kobus

 

Heldin im Verborgenen

Heldin im Verborgenen

von Ulrike Draesner

 

Foto: Anne L via flickr cc

Foto: Anne L via flickr cc

Ulrike Draesner, 1962 geboren in München, lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin (www.draesner.de). Ihr erstes Buch, ‚gedächtnisschleifen, Gedichte‘, erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Erzählungen und Romane folgten (März 2014: Sieben Sprünge vom Rand der Welt). Gast- und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des P.E.N Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013 und den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014.
 

Jeder, der es ein paar Mal gemacht hat, kennt den Effekt: kaum erzählt man die eigene Biographie in einer anderen Sprache – wird man eine andere. Ein wenig nur, gewiss – leicht, doch merklich verschoben. Die Übergänge zwischen den Sätzen vollziehen sich auf andere Weise, obwohl doch die ‚Fakten‘ einander gleich bleiben mögen; allein: hier scheint die Abfolge dringender geboten, dort unvermutet, zufälliger. Und  fühlt man sich beim Erzählen nicht auch anders: blickt, unerwartet, neu auf einen sonst übersehenen Lebensabschnitt, wundert sich über sich selbst?

Das kleine Beispiel zeigt, dass unsere Sprache sehr wohl unsere Welt macht. Nicht nur an ihren Grenzen, wie das berühmt-berüchtigte Wittgenstein-Diktum besagt, nein – viel stärker noch, so mein Verdacht, innerhalb dieser Grenzen. Dass Geschlechtsbezeichnungen ihr Teil beitragen, wäre nur logisch; sie tun dies im normalen, also unbemerkten Sprachfließen im Chor mit anderen Kategorien, die wir zum Beispiel zur Identitätsbestimmung verwenden.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich von einer Tante zu Weihnachten ein Buch mit dem Titel Heldin im Verborgenen bekam. Wer wohl Heldin war – die, natürlich, männliche Hauptperson mit dem langen ‚i‘ im Namen? Eines war für mich so klar, dass ich es vor Sonnenklarheit nicht bemerkte: Hauptfiguren von Büchern waren männlich, außer sie erschienen im Doppelpack (Hanni und Nanni), oder als Nesthäkchen. Ich las das Buch; dass Held-i-n nicht vorkam, wunderte mich zunächst nicht; der Titel sagte ja, dass er im Verborgenen handeln würde. Erst auf den letzten Seiten wollte ich daran nicht mehr recht glauben. Ich blätterte zum Ende – und begriff, dass das nervige Mädchen, das von Anfang an durch die Geschichte gehampelt war, die Hauptfigur sein musste. Und dass der Titel Heldin im Verborgenen lautete, mit kurzem ‚i‘. Heldinnen aber gab es nicht…

Heute spricht man davon, dass es in Kinder- und Jugendbüchern wichtig sei, sowohl Jungs als auch Mädchen Figuren anzubieten, mit denen sie sich identifizieren können. Doch sind Kinder darin vielleicht besser als wir glauben? Sprich: wenn Mädchen sich mit Jungs identifizieren können (lesende Mädchen und Frauen haben das über Jahrhunderte hin vorgeführt), warum sollten Jungs sich nicht in Mädchen zu spiegeln vermögen? And they can! An meinen drei Neffen habe ich das oft gesehen. Mehr als das: sie tun es lustvoll. Die imaginäre-phantastische Reise auf die andere Seite der Genderrollen erweitert die Welt. Denn eben das erlaubt Literatur uns wie kein anderes Medium: ich erfahre mich als andere/anderer/anderes. Ich bin das Tier, der Baum, die Vase. Bin der Chinese, der vor 2000 Jahren lebte. Gebt Jungen und Männern „Frauen“-Bücher zu lesen. Erlaubt Männern und Jungs, Röcke anzuziehen, wenn sie wollen. Und lasst uns Sätze ausprobieren wie: „Wer hat ihren Schmöker da liegen lassen?“

Erinnern Sie sich: auch das Wort „Kanzlerin“ klang anfangs sehr komisch.

—-

Ulrike Draesner haben wir für unser Radiofeature „Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen“ für den Deutschlandfunk getroffen. Der folgende O-Ton ist ein Ausschnitt aus dem Interview im September 2014, in dem das Missverständnis um die Buchheldin schon einmal kurz zur Sprache kam: