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Geschichten, die Männern nie passieren würden

Ein paar Gedanken zu „Hinten sind Rezepte drin. Geschichten, die Männern nie passieren würden“, Buch von Katrin Bauerfeind

Männer und Bücher…

…überhaupt Männer und Sprache, das sei so eine Sache, obwohl die überwiegende Mehrheit der anerkannten, preisgekrönten und u1_978-3-596-03396-6.41829083erfolgreichen Schriftsteller*innen bis heute Männer sind. Und folgenschwer handeln die meisten Bücher deshalb von Protagonisten, also wirklichen Männern und nicht nur generischen Maskulina. Trotzdem hält sich das Klischee beharrlich, Männer und Sprachen, Kommunikation, Ausdruck von Gefühlen gar … Ich muss mich deshalb gleich schon mal entschuldigen für diesen Text hier, also als Mann meine ich, weil ich ganz deutlich die Stereotypbedrohung im Nacken spüre, und das ist eine denkbar schlechte Muse. Sie kuckt mir über die Schulter, prüft kritisch jeden Buchstaben, jedes Wort, jeden Absatz. Ist das auch alles gut so, korrekt geschrieben und treffend im Ausdruck? Kann er das auch wirklich? Kriegt er das hin? Das setzt mich unter Druck, ich bin im Fehlervermeidungsmodus, und deshalb alles andere als souverän und kreativ schon gleich gar nicht. Weil ich dem Klischee nicht entsprechen will, will beweisen, dass ich das sehr wohl kann, Bücher lesen, mit Sprache umgehen, meinen Gefühlen Ausdruck verleihen, das ist mir wichtig, und so ein Klischee soll mich da nicht zurückhalten. Und trotzdem beeinflusst es mich, unbewusst, es zieht Energie und Aufmerksamkeit ab von der eigentlichen Aufgabe, nämlich hier einen guten Text zu Papier zu bringen, eine Beschreibung, wie es mir als Mann geht, wenn ich Katrin Bauerfeinds Buch lese „Vom Wahnsinn, eine Frau zu sein“, ihre „Geschichten, die Männern nie passieren würden“. Und ganz besonders bei einem Buch, das mich mit diesem Klappentext zum Lesen einlädt: „Kann ich emanzipiert sein und trotzdem ohne Unterwäsche in die Stadt? Bin ich schon eine moderne Frau, nur weil ich nicht kochen kann? […] Wenn Sie solche Fragen mögen, werden Sie mit diesem Buch viel Spaß haben. Wenn nicht, sind Sie vermutlich ein Mann, dann ist es eh wurscht, weil Männer keine Bücher kaufen, geschweige denn lesen.“

Empathie und die sog. Stereotypbedrohung

Wenn Männer vor einem Test, in dem es darum geht, Portraitfotos mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bestimmte Gefühle zuzuordnen, wenn ihnen vor dem Test gesagt wird, dass es sich um einen Empathie-Test handelt, bei dem Männer in der Regel schlechter abschneiden als Frauen, dann – selffullfilling prophecy – sind ihre Ergebnisse auch deutlich schlechter, schließlich haben sie ja oft genug schon gehört und verinnerlicht: Männer und Gefühle, naja, Sie wissen schon… Und die Werbung packt da gerne noch einen drauf: „Auch Männer haben Gefühle: Durst.“ Lustig, nicht? Erwachsene erkennen die Ironie, im Gegensatz zu Kindern, die solche Sprüche noch sehr lange als Wahrheit mit auf den Weg nehmen. Aber auch Erwachsene beeinflussen diese Botschaften, zu oft werden wir damit konfrontiert in Situationen, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen.

Zurück zum Empathie-Test. Fällt der Hinweis aufs Geschlecht weg, wird für jede richtige Antwort gar eine Belohnung in Aussicht gestellt, schneiden Männer genauso gut ab wie Frauen (Klein + Hodges: „When it pays to understand„). Kein Unterschied also in der grundsätzlichen Empathiefähigkeit der Geschlechter. Dasselbe Ergebnis bei Tests, die den Vorurteilen um Frauen und Technik, Informatik und Mathematik nachgingen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden, sobald die Macht der Klischees, sobald der Stereotype Threat ausgeschaltet, ausgetrickst ist. Ach, wie gut könnte dieser Text erst sein, wenn mir die Stereotypbedrohung gerade nicht im Nacken säße?

Katrin Bauerfeind – weiblicher als sie tatsächlich ist?

Katrin Bauerfeind schreibt nun Geschichten, die Männern nie passieren würden. Die sind witzig, das ist pointiert, gut geschrieben, kurzweilig und mit viel Hintersinn. Auf der Oberfläche aber handeln ihre Geschichten von Klischees, von den Männern an sich und wie die Frauen nun mal so sind. Das ist einigermaßen paradox, weil Katrin Bauernfeind am Anfang des Buches ihr kindliches Erleben ganz anders schildert. Sie erinnert sich, dass sie ein untypisches Mädchen war. Wie kam es, dass sie sich heute doch von all diesen weiblichen Klischees beeinträchtigt fühlt? Wann kamen die Klischees in ihr Leben, haben sie verändert? Warum hat sie sich dann ganz anders entwickelt? Wie kam es, dass sie so viel weiblicher wurde, als sie doch angeblich eigentlich ist? Als sie hätte sein müssen? Oder ist sie gar nicht? Bin ich klischeehaft männlicher, als ich es in meinem tiefsten Innern eigentlich bin, wäre? Und was ist das überhaupt, der innere Kern? Gibt es den und wenn ja wo genau?

Am Ende bleiben Klischees und Stereotype, die einmal mehr reproduziert werden, um sie dann zu hinterfragen, zu widerlegen, zu problematisieren, sich drüber lustig zu machen, eine Ja-aber-Spirale, die nicht weiter führen kann. Das ist das Dilemma von Comedy und Kabarett, Humor und Battle Rap: Klischees werden reproduziert und überhöht, das bringt Lacher und Aufmerksamkeit. Dass sie eigentlich reproduziert werden, um zu … was auch immer … hat in der Erinnerung kaum noch Relevanz, das ist Intellekt und Überbau. Die Klischees aber, die wirken auf der unbewussten, emotionalen Ebene und schränken unsere Wahlfreiheit ein, auch wenn wir das nur in den seltensten Fällen merken. Und weil Katrin Bauerfeind sich in vielen Situationen, in ihrer Kindheit anders wahrgenommen hat, möchte ich ihr gerne die sechs Fragen unseres Projekts „Was Anders Wäre“ stellen:

#WasAndersWäre

– Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

– Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

– Was tust du nicht / welche Dinge unterlässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

– Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

– Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

– Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

 

Außerdem stimmt es ja gar nicht, dass die erzählten Geschichten Männern nie passieren würden. Das eine oder andere ist mir genau so auch schon passiert. Die Sache mit der Angst zum Beispiel nachts in einem fremden Haus. Andere Geschichten hätte ich durchaus erleben können, kann ich mir zumindest vorstellen. Ja, ich habe, hätte sie anders erlebt. Anders, weil ich ein Mann bin? Oder anders, weil ich nicht Katrin Bauerfeind bin? Und in vieles kann ich mich hineinfühlen, echt, voll empathisch und so. Und ich lese Bücher! Gekauft habe ich ‚Hinten sind Rezepte drin‘ allerdings tatsächlich nicht. Es kam als Rezensionsexemplar vom Fischer-Verlag frei Haus. Damit ich drüber schreibe. Oder wollten die womöglich, dass meine Frau drüber schreibt? Als Vertreterin der Zielgruppe, weil sie das besser nachvollziehen kann, nachempfinden, gut finden? Egal, ich kümmere mich jetzt erst einmal um meine drei Kinder, neuer Vater, toller Hecht und keines ist krank. Ich bin noch viel superer Papa als Sigmar Gabriel, und die 5000,- Euro – Belohnung habe ich trotzdem nicht bekommen.

Verdammt, in dem Buch hinten sind gar keine Rezepte drin, das ist ja nur eine Verkaufsmasche. Und was gibt es jetzt zu essen?

 

PS: Gerne möchte ich das Buch weiterreichen, weil ich es ja auch nur als Sprungbrett für meine eigenen Gedanken genutzt habe. Und auch wenn ich vielleicht nicht wirklich einladend darüber geschrieben habe, ich habe so viel ausgelassen, vielleicht sogar die besten Seiten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, zu einer anderen Zeit, in einer anderen Grundstimmung wäre alles ganz anders gekommen. Vielleicht möchte jemensch anderes darüber schreiben? Meldet Euch, dann schicken wir ’s raus.

 

 

 

 

 

meine ganz persönliche Rosa-Hellblau-Falle

„schwarzbrot, weißbrot … scheiß auf den farbcode“*

Auf einem Blatt Papier sind Punkte unterschiedlicher Größe und Farbschattiertung eng aneinander abgebildet. Ich soll in diesem Punktegewirr Zahlen erkennen oder Buchstabenkombination, manchmal auch Figuren … und sehe meistens nichts. Und wenn doch, dann sehe ich das Falsche. Ich sei eben rot-grün-blind. Als Kind fand ich das einigermaßen seltsam, farbenblind? Ich? Meine Welt war doch ausgesprochen bunt, die Wiesen grün, der Himmel blau und die Erdbeeren rot mit gelben Pünktchen. Nur manchmal war mein Rot für andere grün oder braun, mein Blau wohl eigentlich lila oder türkis, und mein Hellblau war in der Tat für andere oft rosa. Als ich mir irgendwann meine Kleider selbst ausgesucht und gekauft habe, mag es bisweilen zu eigenwilligen Farbkombinationen gekommen sein, in den 1980er Jahren meiner Jugend schien das aber nicht so wichtig, zumindest kann ich mich an keine Ausgrenzungserfahrung erinnern, als ich mit einer ersten selbst gekauften Herbstjacke in die Schule kam: sie war leuchtend lila, das Innenfutter hatte hellrosa Blümchen.

Bei der Eingangsuntersuchung zum Zivildienst wurde statt meiner Rot-Grün-Blindheit eine allgemeine Farbsehschwäche diagnostiziert. Für mich aber ist es nur eine Farb-„Benennungsschwäche“, denn, wie gesagt, meine Welt ist ausgesprochen bunt. Farben haben für mich hin und wieder andere Namen und sind mir vielleicht nicht so wichtig wie manch anderen, schon gar nicht Rosa und Hellblau. Meinem Onkel mütterlicherseits – Farbsehschwäche wird ja vererbt, rezessiv auf dem x-Chromosom, weshalb mehrheitlich Männer davon betroffen sind – geht es ähnlich; auch wenn wir uns keineswegs einig sind bei der Benennung einzelner Farben. Mein Onkel traf also eine Bekannte beim Spazierengehen, die ihm stolz ihr Neugeborenes zeigte. Und er ganz unbedarft: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Und sie überrascht, leicht fassungslos: „Aber das sieht man doch! Ein Junge!“ Dem Kind sah man es freilich nicht an, aber eben seiner Ausstaffierung: zartes Hellblau allüberall, das sich aber für meinen Onkel und mich erstens nicht so ins Bewusstsein drängt und zweitens auch hätte Rosa sein können oder eine Mischung von beidem. Auf jeden Fall konnte er sich nicht sicher sein und hat deshalb lieber nachgefragt, bevor er in sein persönliches Rosa-Hellblau-Fettnäpfchen tritt. Wie hätte sie erst reagiert, wenn er auf Mädchen getippt hätte?

Ich weiß nicht, was ich meinen Töchtern, meinem Sohn schon alles angezogen habe morgens, wenn es schnell gehen musste. Aber da für mich das alles selbstverständlich und normal war, haben sie es auch mit derselben Selbstverständlichkeit in ihre Kitas und Grundschulen getragen, war eben mal wieder Karneval und Verkleiden angesagt trotz anderer Jahreszeit. Auf jeden Fall empfinde ich es zunehmend als Vorteil, nicht mit drin zu stecken in dieser Farbhierarchie und dem Bestreben, richtig zu sein, dazu zu gehören. Es ist schön, es ist ungemein angenehm, diese farbliche Zuordnung und Zumutung Jungs = hellblau, Mädchen = rosa einfach nicht wahrzunehmen.

Meine Kinder haben die Farbsehschwäche nicht geerbt, ich hoffe aber, dass sie Farben und ihre Zuordnung auch nie so wichtig nehmen werden. Farben sind relativ und vor allem ihre Bewertung und die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Denn wie auch Jana Pikora in ihrem Gastbeitrag schreibt, gibt es schließlich Farben:

„… die im Außen nicht zu finden sind, für die es keine Namen gibt. In unserer Wahrnehmung existieren weit mehr Schattierungen und Abstufungen als wir mit Sprache zu fassen vermögen.“

*Grüße an die Rap-Gruppe Fettes Brot aus Hamburg

 

 

#WasAndersWäre – eine Zwischenbilanz

Edit:
Einige der Blogs, die sich von unseren #WasAndersWäre-Fragen angesprochen fühlen, vertreten eine Haltung, die definitiv nicht unserem Weltbild entspricht. Doch wir sind Verfechter*innen der Gewaltfreien Kommunikation und fast immer hoffnungsvoll, dass sich mit letzterer auch zerstrittene Parteien an einen Tisch holen lassen. Aus gegebenem Anlass deshalb hier unsere Meinung zur Kommentarfunktion und zum Vorwurf der Zensur. Bitte *hier weiter*

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Wer hätte gedacht, dass sich Antifeminist*innen für unser Blogstöckchen interessieren? Dass sie es spannend finden, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was anders wäre in ihrem Leben, wenn sie eine Frau wären. Schade, dass manche in ihren Antworten Häme und Stereotype von DER Frau und DEM Mann an sich verbreiten, denn genau in dem Punkt, nämlich bei der Frage „Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?“ sind sich (überraschend?) im Grunde alle einig.

Christian beispielsweise antwortet:

„Das Klischee des gefährlichen Mannes: Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewusstes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.“

Und Matze stimmt ihm in einem direkten Kommentar zu:

“Das Klischee des gefährlichen Mannes. – Ja, so einen Scheiß durfte ich letztes Jahr in einer Zugfahrt erleben. Da war eine Mutter mit zwei Kindern, wahrscheinlich Grundschulalter, unterwegs. Sie saß mit ihrer Tochter auf einem 2er-Sitz, und der Sohn saß alleine auf dem 2er-Sitz daneben. Der Zug war ziemlich voll, ich wollte sitzen, um noch ein bisschen zu lesen, und fragte ob der Platz frei wäre. “Ja, ist noch frei”. Hab dann noch angeboten mich ans Fenster zu setzen. Also hingesetzt Buch rausgeholt und gelesen, sonst nix gemacht, saß auch nicht auf seiner Hälfte oder sowas. Während der ganzen Fahrt hat die Mutter dann immer übermäßig viel Acht auf ihren Sohn gegeben. “Ist es da okay?”, “Willst du lieber hier sitzen?”, “Alles gut?”. Fast im Minutentakt. Das war ein richtiges Scheißgefühl.“

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen. (Ich denke, ich weiß, wovon die beiden reden, ich durfte selbst meine Erfahrungen mit dem Generalverdacht machen.)

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. Wie hat es Dirk Engehausen, damals Europachef von Lego (heute Schleich), in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ausgedrückt: „Bei Jungs geht ’s eher darum, den Schwächling zu besiegen und auszuschließen.“ Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Um also nur ein Beispiel aus den Antworten über einengende Klischees herauszugreifen:

-> Viele Frauen fühlen sich unwohl, haben Angst, wenn ein Mann hinter ihnen läuft, sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, nehmen lieber ein Taxi, fahren mit dem Bus oder haben Pfefferspray, einen Schlüssel zwischen den Fingern …

-> Und viele Männer fühlen sich dadurch zu Unrecht verdächtigt, denn mit ihnen persönlich im Rücken habe frau ja nichts zu befürchten, ihre Angst sei also unberechtigt, ungerecht.

 

Sind nicht beide Perspektiven nachvollziehbar? Braucht es hier wirklich eine Auseinandersetzung darum, wer Recht hat, wer mehr Recht hat? Oder wäre es nicht im Interesse aller, wäre es nicht an der Zeit, an diesem Männlichkeitsbild etwas zu ändern, da es zum einen nicht mit dem Selbstverständnis vieler Männer übereinstimmt, und zum anderen von vielen als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit empfunden wird?

Rollenzuschreibungen scheinen für viele solange akzeptabel, solange sie nicht auf die eigene Person bezogen sind. Betreffen sie einen selbst, sind sich alle einig, dass Klischees einengen. Niemand will aufgrund eines Etiketts, einer Kategorie beurteilt werden, egal ob sie Herkunft, Alter, Geschlecht o.a. betrifft. Doch wenn es um andere geht, soll plötzlich auch Positives an Verallgemeinerungen dran sein (praktisch im Alltag, war schon immer wichtig fürs Überleben, Kategorisierungen sind natürlich und notwendig …). Geht es also um einen selbst, ist das Individuum wichtiger, geht es um die Anderen (Stichwort „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“) kommt es auf deren Einzigartigkeit nicht mehr so an?

Die Antworten auf die vierte unserer sechs Fragen zeigen aber, dass wir alle unter Klischees und Vorverurteilungen leiden – vielleicht ist das für einige ein zu starker Ausdruck, aber uns doch unwohl fühlen. Warum überlegen wir dann nicht gemeinsam, wie wir von gegenseitigen Rollenzuschreibungen wegkommen? Wie wäre es, wenn wir gemeinsam als Gesellschaft dazu beitragen, dass sich unser aller Bild vom unabhängigen, coolen, kompromisslosen, allzeitbereiten, und für die Familie nur finanzielle Verantwortung tragenden Mann ändert? Vom Bild der empathischen, irrationalen, technisch unbegabten, sich für die Kinder aufopfernden, allzeit verführenden, aber letztlich passiven Frau? Denn wozu führt eine Schuldzuweisung, die das jeweils andere Geschlecht oder einen wie auch immer definierten „-ismus“ dafür verantwortlich macht, diese Bilder in die Welt gesetzt zu haben und weiter diskriminierende Stereotype zu reproduzieren? Sind es nicht vielmehr Menschen, z.B. in Entscheidungspositionen in den großen Medienhäusern, in den Marketingabteilungen und Forschungsinstituten, die konkret Einfluss nehmen darauf auf das Bild vom „echten“ Kerl und der „typischen“ Frau? Wie wäre es, wir verwendeten nicht so viel Zeit und Energie für Erklärungsversuche, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind, und wer sie zu verantworten hat, suchen nicht wie Kinder im Streit nach den Schuldigen, sondern überlegen, wo die Überschneidungen sind, auf welche Ziele wir uns einigen können.

Vielleicht sollten wir uns als Erwachsene nicht so ernst nehmen und mehr auf die nächste Generation schauen: wie soll die Welt denn aussehen, in die Kinder hineinwachsen, in die hinein wir selbst alt werden? Eine Welt, in der zum Beispiel Jungen mit Puppen spielen können, ohne ausgegrenzt zu werden, sondern sich spielerisch einfühlen können in eine Welt, in der ihnen dann nicht voreilig das Sorgerecht entzogen wird. Eine Welt, in der alle wissen und gelernt haben, dass sich Väter genauso liebevoll und fürsorglich um ihre Kinder kümmern können wie ihre Mütter.

#WasAndersWäre – Saschas Antworten

#WasAndersWäre

Sascha Verlan

Wir hatten uns diese Fragen ausgedacht, um die vielen, so unterschiedlichen Menschen, die wir für unser Buch und die ‚Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ interviewt haben, auf einer gemeinsamen Gedankenebene zusammen zu führen. Auf dem Weg zum ersten Interview war ich alles andere als überzeugt … ob das wirklich gute Fragen sind? Würden sie sich in der Kürze eines Interviews sinnvoll beantworten lassen, oder bekommen wir doch nur Allgemeinplätze zu hören? Und da die meisten unserer Gesprächspartner*innen tagtäglich mit Genderfragen befasst sind: sind die Fragen überraschend und originell genug, dass da spannende, inspirierte Antworten kommen? Und ich musste mich tatsächlich erst selbst an diese Fragen gewöhnen, den richtigen Tonfall finden, die passende, der Situation angemessene Haltung. Die Fragen sind mit den Interviews gewachsen, ihre Relevanz wurde erst mit der Zeit deutlich.

Erst jetzt, nachdem wir die Fragen schriftlich in die Runde geschickt hatten, ist mir bewusst geworden, dass ich sie mir selbst noch gar nicht ehrlich beantwortet habe. Vielleicht war das notwendig, um in all den Interviews unvoreingenommen, persönlich beteiligt sein zu können, jedes Mal aufs Neue mitdenken, überrascht sein, empathisch, überwältigt auch von der ungefilterten Ehrlichkeit … auf jeden Fall ist jetzt die Zeit:

 

Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du eine Frau wärst?

Ich weiß nicht, ob ich als Frau auch drei Kinder bekommen hätte. Ich habe abgesehen vom Zivildienst und ein paar kleineren Jobs während des Studiums nie in einem festen Angestelltenverhältnis gearbeitet, war immer freiberuflich und wollte nie etwas anderes. Ich fürchte, dass ich als Mann so aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, dass Kinder in meinen beruflichen Plänen einfach keine Rolle gespielt haben, dass ich sie einfach nicht mitbedacht habe, als ich mich für diesen Weg entschied. Kinder zu bekommen, bedeutete für mich als Mann nicht diesen gravierenden Einschnitt. Der kam erst, als ich wirklich zur Hälfte für sie zuständig war, als mich die Elternschaftsstrafe ereilte, kinderlose Kollegen und Kolleginnen all die spannenden Projekte machen, für die mir die Zeit, mehr noch die Kraft fehlt. Im Rückblick denke ich, dass mir damals die Konsequenzen meiner Entscheidungen einfach egal waren, und wahrscheinlich hätte ich mir bei der Entscheidung für Kinder diese Scheiß-drauf-Haltung als Frau nicht bewahren können – wenn sie mir nicht schon viel früher abtrainiert worden wäre.

 

Was tust Du nur deshalb, weil Du ein Mann bist?

Ich rede wenig, schweige eher, und überlege oft viel zulange, ob und was ich sagen könnte. Ich mag keinen Small-Talk, weil ich das belanglos finde, vor allem aber weil ich mich in solchen Situationen fehl am Platz fühle, also unsicher und gehemmt. Ich hab das einfach nicht gelernt, nie lernen müssen. In unserer Familie hat meine Mutter das Reden für mich und für meinen Vater übernommen. Ich bin immer so durchgekommen.

 

Was tust Du nicht, welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann ist?

Die Frage bedeutet für mich: würde ich gerne etwas anders machen in meinem Leben und tue es nicht, weil es dem verbreiteten Männerbild widersprechen würde. Alles okay soweit. Aber ich gehe definitiv selten zum Arzt, und bisher ging ja alles gut :-) Ich lasse mir definitiv nur selten helfen bei was auch immer, frage ungern um Hilfe, nach dem richtigen Weg, im Zweifelsfall weiß ich ohnehin alles selbst am besten, auch wenn es nachweislich nicht stimmt. Ich externalisiere gerne meine Probleme, meist sind die anderen schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Ich weiß nicht, was davon individuell ist, es entspricht aber schon sehr dem männlichen Klischee.

 

Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Wir hatten für unsere jüngste Tochter einen Kita-Platz bis 14:00 Uhr. Und während morgens und am späten Nachmittag auch einige Väter in der Kita zu sehen waren, die ihre Kinder brachten und abholten, war ich um 14:00 Uhr dort der einzige Mann. Also war ich auch zuständig für die nachmittäglichen Verabredungen. Ich erinnere mich ungern an die Situationen an der Haustüre, wenn mancher Mutter klar wurde, dass meine Frau nicht da ist, dass sie Lili, Marlene, Tom, Jonas nun in meine Obhut übergeben würde. Da war ein kurzes Zurückzucken, ein Flackern im Blick, und auch beim zweiten und dritten Mal noch ein Unbehagen zu spüren, das ich verletzend empfand. Vielleicht war das auch nur mein eigener Film, meine eigene Unsicherheit und Prägung durch ‚Es geschah am helllichten Tag‘, vielleicht auch nicht. Es hat auf jeden Fall meine Freiheit und vor allem meine Unbefangenheit (im Umgang mit den Besuchsfreund*innen meiner Kinder, als sie noch klein waren) eingeschränkt.

 

Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es ein Vorteil ist, zur Gruppe der Männer zu gehören?

Ich war es, der unseren Sohn in die Kita brachte, als er eine Zeit lang Spaß daran hatte, Röcke und Kleider zu tragen. Uns war klar, dass die Scheu der Mütter und Erzieherinnen größer sein würde, mich damit zu konfrontieren oder die Entscheidung infrage zu stellen. Vielleicht, weil ich auch davor schon eher weniger Gespräche mit den vielen Frauen dort geführt hatte, weil ich unnahbarer wirke, eher eine Mir-doch-egal-Haltung ausstrahle. Und so war es dann auch. Unser Sohn konnte unbehelligt im Kleid in die Kita gehen und übernahm dort mit Freude beim Mutter-Vater-Kind-Spiel die Rolle der Mutter. An Tagen, an denen meine Frau ihn brachte, erzählte sie von Kommentaren anderer Eltern, die bei mir nie fielen oder die ich unbewusst ignoriert hatte.

Ein zweites Beispiel ist die (geschäftliche) Verbrüderung unter Männern. Ich weiß, wie dieses Wir-Männer-unter-uns-Spiel läuft, auch wenn es mir nicht gefällt. Da werden ein paar Namen in den Raum geworfen, die Reaktionen abgecheckt und wenn die richtigen Schlagwörter als Antwort kommen, ist der Auftrag unter Dach und Fach. Da braucht es keine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung, stattdessen ein bisschen Namedropping, ein kräftiger Händedruck und die Sache läuft. Über Inhalte wird dann später am konkreten Projekt diskutiert.

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich würde jetzt gerne sagen, dass das Geschlecht in Interviewsituationen keine Rolle spielt, wenn es nur um die Sache geht, um die Geschichte und Gedanken der Person, die mir da gegenüber sitzt. Aber bloß weil ich mich in diesen Situationen als das Medium, also geschlechtslos fühle, heißt das nicht, dass Geschlecht gerade keine Rolle spielt. Dass das Geschlecht gerade auch im Interview eine Rolle spielt, wurde mir vor allem in den Interviews zur ‚Rosa-Hellblau-Falle‘ bewusst. In den Gesprächen mit Frauen hatte ich stets das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen müsste, beweisen, dass ich auf der richtigen Seite stehe, soweit mir das als Mann eben möglich ist. Und in den Gesprächen mit einigen Männern musste ich diese Verbrüderungsversuche abwehren, weil ich eben nicht der Meinung war, dass die Marketingindustrie nur auf die Wünsche und Strömungen der Gesellschaft reagiert, sondern diese Wünsche und Bedürfnisse aktiv steuert. Nein, mir fällt keine Situation ein, in der Geschlecht keine Rolle spielt.

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Wer mit machen möchte,  >hier< gehts zum Blogstöckchen-Artikel

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an alle, die sich mehr Kinder für Deutschland wünschen und so wenig dafür tun.

„Seid fruchtbar und beschwert Euch!“ – Buch von Malte Welding

 

„An der offensichtlichen Ungerechtigkeit hat sich innerhalb der vergangenen knapp dreißig Jahre […] nichts geändert. Und eigentlich ist das so ein Moment, wo mir danach ist, die Arbeit an diesem Buch zu beenden. Man macht sich als Kassandra doch lächerlich, wenn die Mauern längst geschleift sind.“, fruchtbarschreibt Malte Welding in seinem neuen Buch ‚Seid fruchtbar und beschwert Euch! Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem‘. Auf jener Seite 90, nach knapp der Hälfte, hatte auch ich beim Lesen das dringende Bedürfnis, dieses Buch zur Seite zu legen, mich zu meinen Kindern zu setzen, das Thema einfach wieder zu vergessen, lieber was spielen, reden, schlafen… Und vielleicht hätte ich es ohne diesen Satz auch getan, denn es braucht schon einiges an lektüregeschulter Selbstüberzeugung, Malte Welding, den Autor, den Überbringer der schlechten Nachrichten nicht für den Missmut verantwortlich zu machen, der mich zunehmend befallen hatte. Dieser Satz macht klar, warum der für Malte Welding sonst so typische bissig-lockere Schreibstil hier nur ganz am Rande aufblitzt und dann oft gewollt wirkt, wie eine Reminiszenz an alte, an bessere Zeiten. Dieser Satz macht klar: wir leiden hier gemeinsam an den Verhältnissen in diesem seltsamen Land, wir Eltern, wir Mütter und Väter, letztere allerdings eher seltener, mein Eindruck. Wenn dem nicht so sein sollte, liebe Mitväter, dann wehrt Euch, beschwert Euch! Jetzt, nicht erst nach der Scheidung.

ausgebremst und überrundet

Malte Welding schreibt von der äußert erfolgreichen Kein-Kind-Politik in Deutschland, darüber, wie die gesellschaftliche Grundstimmung, die politischen Rahmenbedingungen und die wirtschaftlichen und nur selten hinterfragten Erfordernisse der Unternehmen zuverlässig dafür sorgen, dass die Geburtenrate in Deutschland unverändert eine der niedrigsten bleibt weltweit. Malte Welding beschreibt, wie schwer es geworden ist in den vergangenen Jahren, den sich widersprechenden Ansprüchen von Berufs-, Familien- und Kinderwelt gerecht zu werden, ohne sich zu zerreiben. Wie wenig ernst gemeinte Unterstützung es gibt, wie wenig offenes Verständnis. Wie wir ausgebremst und überrundet werden von kinderlosen Kollegen und Konkurrentinnen, weil wir einfach keine ungeteilten sechzehn Stunden wache Zeit pro Tag haben, uns auf den Job zu konzentrieren, weil wir die Wochenenden nicht frei haben, um unsere sozialen Kontakte zu pflegen, um uns mal richtig auszuschlafen.

Vor einiger Zeit gab es eine Studie, die zeigte, dass Kinder gar nicht glücklich machen. Im Gegenteil, Eltern seien weniger glücklich als ihre kinderlosen Mitmenschen im gleichen Alter. Was soll diese Studie, fragt Malte Welding, Kinder sollen uns gar nicht glücklich machen, dafür sind sie weder zuständig noch verantwortlich. Außerdem ist es nahe liegend, dass Eltern oft weniger glücklich sind, weil sie eben auf vieles verzichten müssen, einfach weil die Zeit fehlt. Glück ist aber immer nur eine Momentaufnahme. Bist du zufrieden, bist du glücklich … der Zustand kann sich in wenigen Augenblicken verändern. Malte Welding fragt stattdessen nach dem Sinn des Lebens, was das sein könnte, also ein erfülltes Leben, nicht ein Lebensabschnitt, sondern ein ganzes Leben! Er liefert seine persönliche Antwort, und ich frage mich, ob man seine Worte nachvollziehen kann, wenn man keine Kinder hat? Kann man sich Elternschaft wirklich vorstellen? Und kommt diese Vorstellung dem tatsächlichen Zustand nahe? Gustave Flaubert hat einmal geschrieben: „Man muss kein Spiegelei in der Pfanne sein, um ein Spiegelei beschreiben zu können“. Aber was soll der Autor, der mit Madame Bovary (einem Roman, der für seine weibliche Innenperspektive gelobt wird) berühmt geworden ist, auch anderes sagen. Ich jedenfalls bezweifle, dass man Vaterschaft und Mutterschaft wirklich imaginieren kann.

Pflichtlektüre für Vorgesetzte, Auftraggeber und Chefinnen

Und das ist der einzige Haken an diesem Buch, dass die eigentliche Zielgruppe doch Menschen sind, die noch keine Kinder haben, Malte Welding möchte ihnen Mut machen – ob das so gelingen kann? Auch Eltern und Menschen, die sich Kinder wünschen sollten dieses Buch lesen, weil es eine ehrliche Bestandsaufnahme liefert und klar macht, dass die eigene Unentschiedenheit oder Überforderung kein individuelles Problem ist, sondern Teil des Systems. Aber mehr noch möchte ich dieses Buch zur Pflichtlektüre machen für all jene, die über die anhaltende Kinderarmut in Deutschland lamentieren und dann Manuela Schwesig zurück pfeifen und ihren Vorstoß zur Familienarbeitszeit als Privatmeinung abtun. All jene, die sich gegen Kinder entschieden haben – oder sich nur ganz nebenbei in kurzen Qualitätszeitintervallen* um sie kümmern (was ein armseliger Euphemismus) – und flexibelste Kinderlosigkeit nun zum Maßstab erkoren haben. An sie die Frage, ob sie schon einmal in Erwägung gezogen haben, dass so manche Mutter, mancher Vater den Job sehr viel wichtiger nimmt, als es die kinderlose Konkurrenz vielleicht tut, weil sie nicht nur für sich selbst Verantwortung tragen und eben nicht zur nächsten Arbeit in der nächsten Stadt wechseln können?

Also lest dieses Buch und dann gebt es weiter an Eure Vorgesetzten, Auftraggeber und Chefinnen, an die Abgeordneten Eures Vertrauens, an Politikerinnen und Journalisten, an alle, die sich so gerne mehr Kinder für Deutschland wünschen und so wenig dafür tun. Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem!

 

*Malte Welding in einem kurzen Interview-Ausschnitt für eines unserer Radiofeatures: >klick<

ein rosa-hellblaues Jahr geht zuende

Gut sieben Jahre ist es jetzt her, dass sich unser Sohn eines Morgens mit dem Selbstverständnis eines Dreijährigen aufmachte, in roten Gummistiefeln und grünem Nicki-Kleid seiner älteren Schwester in die Kita zu gehen. Da wurde uns sehr plötzlich und schmerzhaft bewusst, wie stark das Thema Geschlechtergerechtigkeit hineinreicht in die Familie, und wie weit in die Kindheit. Dass die Haltung „Lasst die Kinder doch Kinder sein“ nur in dem Sinne funktioniert, dass wir uns einmischen, positionieren und dafür kämpfen müssen, dass unsere Kinder Kinder sein dürfen, also sich ausprobieren, im Kleid in die Kita gehen und sich dann trotzdem vom Baum ins nächste Matschloch stürzen. Wenn wir Kinder Kinder sein lassen aber verstehen als In-Ruhe-lassen, weil die Probleme der Erwachsenenewelt noch früh genug kommen, dann überlassen wir sie den Einflüsterungen von Film und Literatur, von Medien, Werbung und Konsumgüterindustrie – und Flüstern ist definitiv das falsche Wort für das, was auf uns und unsere Kinder einprasselt Tag für Tag, das ist schon mehr ein Gebrüll: So sind sie, die Jungs! (wild und abenteuerlustig) Das mögen Mädchen! (extra Ü-Eier und viel Rosa) Und das geht ja schon mal gar nicht für einen Jungen, ein Kleid zum Beispiel. Oder vielleicht doch?

Wir begleiteten unseren Sohn also im Kleid in die Kita und eine Weile ging alles ganz gut: keine Hänseleien seitens der anderen Kinder, leider einige total lustige bzw. bemüht anerkennende Kommentare von anderen Eltern und Nachbarn. Jedenfalls fühlten wir uns mit einem Mal ziemlich verlassen und allein mit dieser Entscheidung, mit unserer Haltung insgesamt. Stevie Schmiedel, die Initiatorin von Pinkstinks Germany  hat es gerade erst in unserer ‚Langen Nacht der Geschlechterrollen‚ gesagt: es ist einfacher und bringt mehr Anerkennung, sich als radikale Öko-Familie zu outen, als sich mit aller möglichen Konsequenz gegen die wieder zunehmende Aufteilung in Frauenwelten und Männerwelten zu stellen:

 

Und der Spiegel bestätigt es, indem er ein junges Elternpaar portraitiert, das komplett auf Plastik verzichtet. Wir wollen nicht vorschnell urteilen, vielleicht kommt ja im nächsten Jahr das Portrait einer Familie, die sich dem Gendermarketingwahn der Konsumgüter- und Lebensmittel- und Werbeindustrie entzieht. Doch da das letztlich gar nicht mehr möglich ist, wird es dieses Portrait wohl auch nicht geben.

Aus diesem Gefühl heraus jedenfalls, mit unserer Haltung ziemlich allein zu sein, begannen wir mit unserer Recherche. Seit Februar gibt es unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ nun, und die schönste Erfahrung sind die vielen Zuschriften von Menschen, die genau so fühlen, die ihre Geschichten mit uns teilen. Vielen Dank dafür! Sie machen deutlich, dass wir den Trugschluss „Es ist ja nur eine Phase“ aus der Kinderzimmernische hervorholen und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, wenn es uns wirklich Ernst und Hilde ist mit einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Sonst bleiben all die Debatten um Pay Gap und Care Gap, um Alltagssexismus und Frauenquote bloß Stückwerk.

Wir wünschen Ihnen / Euch eine glitzernd grüne Weihnacht, bei der Rosa und Hellblau im Hintergrund bleiben für alle da sind. Und gute Nerven beim Umtausch der Geschenke im neuen Jahr, wenn die Klassikerfrage wieder kommt: Ist es für einen Jungen oder für ein Mädchen?

 (kurzer Ausschnitt aus der "Langen Nacht der Geschlechterrollen")
 

Wie weit gehen?

servustv2Sascha bei ServusTV in Salzburg

Wir haben schon überlegt, ob ich das überhaupt machen soll, schließlich gehört Servus TV zur Red Bull Media House GmbH, und die stehen nicht gerade für ein modernes, fortschrittliches Männer- und Frauenbild. Aber gut, da ist eine Redaktion, die sich für unser Thema interessiert und uns unterstützen kann. Also bin ich nach Salzburg gefahren und habe mich zu Thomas Ohrner und Andrea Schlager an den Frühstückstisch gesetzt und über unser Buch gesprochen.

servustv

Unter den anderen Themen, um die es in der Sendung ging, waren zwei, die nun nicht gerade den passenden Rahmen bildeten für unser Thema: das Erzbergrodeo, „das härteste Motorrad-Offroad-Einzelrennen der Welt“, und ein Geburtstag: 100 Jahre BH … das hab ich am Rande mitbekommen, war aber zu aufgeregt und habe nicht realisiert, dass diese Kombination nicht wirklich gut ist, um über Rollenklischees zu sprechen. Was ich nicht wusste: Thomas Ohrner und Andrea Schlager haben vor meinem letzten Interviewabschnitt heiteres Dekolleté-Raten gespielt. Die drängenden Fragen waren Körbchengröße und Besitzerin.

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Jetzt freuen wir uns ja wirklich über jede Gelegenheit, unser Thema und Buch vorzustellen und damit auf all die Einschränkungen aufmerksam machen zu können, mit denen unsere Kinder konfrontiert sind. Aber war das wirklich eine gute Idee? Erst Fremdschämen mit Thomas Ohrner und dann locker-lustig über Rollenklischees plaudern? Gehört das zum Geschäft? Oder sollten wir beim nächsten Mal nach einem Ablaufplan fragen und in so einem Fall dann kurzfristig absagen? Oder trotzdem hingehen und das Ganze dann zum Thema machen? Keine gute Miene mehr zum bösen Spiel? Wieviel Medientraining braucht es, um in einem Live-Interview die Situation zu erfassen, die Rollenverteilung der Moderatoren zu thematisieren: sie hat Dekolleté-Fotos für ihn vorbereitet und freut sich, immer freundlich lachend, über seine männliche Unwissenheit in Sachen BH-Größen. Er tippt auf Brüste und kommentiert deren Größe. Um dann im Anschluss im Gespräch mit mir zu fragen, warum wir die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau denn in Frage stellten, die Rollen seien schließlich schon in der Steinzeit verteilt gewesen.

Da wäre es passend gewesen, klar zu machen (höflich-freundlich, versteht sich, immer auf Unterhaltung bedacht, um nicht als Spaßverderber und Mießmacher ungehört zu bleiben), dass ich es bezweifle, dass Männer schon damals derart despektierlich und abschätzig über das Aussehen von Frauen gesprochen und geurteilt haben, wie es heute für manche Menschen normaler Alltag beziehungsweise Teil des lustig- („Komm, war doch nur ironisch gemeint“) geschlechtshierarchischen Medienprogramms zu sein scheint. Mir jedenfalls war das in diesem Moment nicht möglich. Schade eigentlich!

 

 

 

 

Sookee im Deutschlandfunk

„ich will mich nicht immer scheiße fühlen, wenn ihr scheiße verkauft“

Die Quing of Berlin, Sookee, Rapperin und Feministin

„Jedes Mal, wenn ich einen Artikel lese, der sich gegen HipHop, HipHop-Musiker oder HipHop-Hörer wendet, werde ich wütend, egal wie viel Richtiges in dem Artikel steht“, schreibt mir Nelson George, der einflussreiche HipHop- und Musikjournalist aus New York in seinem Buch ‚XXX. Drei Jahrzehnte HipHop‘ aus dem Herzen. „Die Angriffe […] sind in der Regel wohl formulierte Anklagen aus durchaus berechtigter Wut – aber nie aus Liebe.“

Selten zuvor hat jemand in Deutschland HipHop in einer Schärfe und Deutlichkeit kritisiert, wie das Sookee in ihrem neuen Album ‚Lila Samt‘ tut. – ‚Lila Samt‘ ist an sich schon eine Ansage, bezieht sie sich damit doch direkt auf ‚Blauer Samt‘, das erste Soloalbum der Heidelberger HipHop-Legende Torch (Advanced Chemistry) aus dem Jahr 2000. Und wie ‚Blauer Samt‘ ist auch ‚Lila Samt‘ ein Meilenstein in der Geschichte von Rap in Deutschland, doch dazu später mehr. – Sookee ist wütend, sehr wütend, doch ihre berechtigte Wut ist gepaart mit einer Liebe zu HipHop, die sie nur schwer auszuhalten vermag:

„Ich wünschte, ich hätte Cello gelernt oder irgendwas ganz anderes, aber HipHop ist nun mal leider meine große Leidenschaft. Ich bereue das manchmal, aber es ist das Feld, in dem ich mich einfach schon ganz lange bewege und das mir Spaß macht, das ich kulturell und ästhetisch einfach schätze. Aber natürlich große, große, große Probleme mit vielen Inhalten und Szene-Dominanzen hab. Das ist streckenweise sehr, sehr unschön. Und das ist eine blöde Position, weil einerseits feier ich so die Potenziale von HipHop und auch bestimmte Leute, die darin aktiv sind. Zum andern ist natürlich das Spannungsfeld, da drin meckern zu müssen und unglücklich zu sein über bestimmte Selbstverständlichkeiten. Das zehrt halt schon.“

Anfang des Jahres habe ich Sookee für ein Interview in Berlin getroffen. Teile daraus sind in unseren Kurzbeitrag für den Deutschlandfunk eingeflossen: *Beitrag hören*

(Download-Link auf der Seite des Deutschlandfunk)

 radiohoeren

 

Death Comedy: „eher so natürlicher Tod“

Letzte Woche war der Tod bei uns zum Mittagessen…

Es gab Kürbissuppe mit Birnenmus und Zimtsahne, ein Rezept aus dem schönen Suppenkochbuch von Sonia Rieker: „Suppenglück„. Ich muss sagen, das war überraschend und interessant, das Essen … und der Tod auch. Der will nämlich nicht mehr furchterregend sein, angsteinflößend und unheimlich, sondern vielmehr unterhaltsam, lustig, „eher so natürlicher Tod“. Read More…

Typisch Mädchen? Typisch Junge?

Einladung zum Radiohören

Dass Rosa und Hellblau in unserer Kultur und Zeit eben nicht „nur“ Farben sind, sondern mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Dinge assoziiert werden, das wird klar und auch spürbar beim Anblick der Kinderzimmer, die die Fotografin JeongMee Yoon seit 2005 in ihrem „Pink & Blue Project“ festhält. Was in den Fotos übertrieben scheint, findet sich aber auch im Alltag von Vorschulkindern hier und heute. Einmal den Blick geöffnet, einmal das Ohr gerichtet auf Kommentare, Zuordnungen, Bewertungen fällt auf, dass schon die Kleinsten lernen, wie ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat und was einen „richtigen“ Jungen ausmacht“.

Zu diesem Thema haben wir ein Radiofeature (25 Minuten) produziert, das am Samstag, 1.2. ausgestrahlt wird wurde – hier geht es zum Audio und zu dem wir gerne einladen wollen:

1. Februar um 8:30 – 9:00 Uhr auf SWR2 und danach auch als Podcast:

Typisch Mädchen? Typisch Junge? –

Geschlechterstereotype im Vorschulalter“

 

Mädchen lieben rosa, und Jungs sind nun mal wild. Was soll man da schon machen als aufgeklärte Eltern? Hat sich an dieser strikten Rollenzuweisung eigentlich etwas Grundlegendes verändert in den letzten Jahrzehnten? In den 1970ern wollten viele Eltern es unbedingt vermeiden, ihre Kinder auf Geschlechterrollen festzulegen. Wie sieht das heute aus? Befinden wir uns auf einem stetig, wenn auch langsam aufsteigenden Weg hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Oder ist rosa vielleicht noch süßer geworden und himmelblau dem Nintendo-Schwarz gewichen? Eine Sendung über Tanzkurs und Fußballtraining, Puppen- und Bauecke, Röckchen und Camouflage-Pullis und über die Rollenvorstellungen in Kindertageseinrichtungen und Kinderzimmern.

Eine Sendung mit Sigrid Schmitz, Professorin für Gender Studies an der Universität Wien. Mit der Diplom-Pädagogin Susanne Wunderer aus Köln, und mit Erzieherinnen und Kindern der KiTa Sonnenblume in Burscheid-Hilgen.

Vielen Dank noch einmal an alle Mitwirkenden!

 Hier der Anfang des Radiofeatures zum Reinhören:

Ausschnitt zum Reinhören

„Typisch Mädchen? Typisch Junge?“ – Ausschnitt zum Reinhören