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Wie Gendermarketing den Alltag von Kindern verändert

Ich habe gestern direkt hintereinander Tweets von ‪@dasnuf‬ und ‪von @soeesa‬ gelesen und daraufhin einen längeren Thread auf Twitter gepostet. Den möchte ich hier noch einmal zusammenfassen und ergänzen, ohne Abkürzungen und 140 Zeichen-Begrenzung (und vielleicht etwas weniger zornig, weil eine Nacht vergangen ist 😉 ).

Mein erster Gedanke: Irgendwann muss sich der Zusammenhang doch mal rumsprechen zwischen den Botschaften des Gendermarketing und dem Rollenverhalten von Kindern (bzw. ihren Eltern).

Zwar haben die drei Tweets auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und doch gibt es einen klare Verknüpfung: Gendermarketing setzt auf Geschlechtertrennung und unterschiedliche „Markierung“ von Jungen und Mädchen (schöner: „Zielgruppendifferenzierung„) und verbreitet deshalb stereotype Botschaften übers Mann- und Frau-Sein und deren Unterschiede.

 

Und Eltern widerum ist es ein Anliegen, dass sich ihre Kinder „richtig“ entwickeln, dass sie nicht ausgegrenzt werden und ihren Weg gehen. Auch wenn die Vorstellungen darüber, wie dieser Weg aussehen sollte, sehr unterschiedlich sind, haben sie schon lange bevor sie Eltern wurden internalisiert, was Mann-Sein und Frau-Sein im Hier und Heute bedeutet.

 

Da liegt es doch auf der Hand, dass es Auswirkungen hat, wenn man jahrelang in Gendermarketing investiert, es gutheißt und seine einengenden Rollenbilder verharmlost. Da ist es doch klar, dass das unser aller Vorstellungen von männlich und weiblich beeinflusst. Ich behaupte ja nicht, dass die Marketingbranche alleine für den Backlash hin zu tradionellen Rollenbildern verantwortlich ist, aber wir haben seit Veröffentlichung der Rosa-Hellblau-Falle in all unseren Interviews, in all den Artikeln und Social-Media-Diskussionen noch von keinem Unternehmen gehört oder gelesen, das die Verantwortung nicht auf Eltern abwälzt, Motto: „Wir verstärken keine Klischees, wir reagieren nur auf die Wünsche der Kundschaft“ – oft gehört.

Tatsache ist aber doch: Seit rund 10 Jahren unterstützt Gendermarketing das Bedürfnis von Jungen und Mädchen sich voneinander abzugrenzen. Und je höher diese Grenze zwischen niedlichen Prinzessinnen und coolen Helden, zwischen rosa und hellblau gezogen wird, umso wichtiger wird das DoingGender für Kinder, umso wichtiger wird es für das einzelne, sich mit denselben Attributen wie die Peergroup als „echtes Mädchen“, als „richtiger Junge“ zu kennzeichnen. Kinder im Vor- und Grundschulalter wollen selbstverständlich zu ihrer Gruppe dazugehören, sich nicht durch „untypische“ Interessen abgrenzen.

 

Aber im Austausch mit anderen Eltern, mit ErzieherInnen und GrundschulpädagogInnen fragen ich mich: welches Mädchen kommt noch an Rosa, Ponys oder Prinzessinnen vorbei, ohne Kommentare zu ernten, dass es „anders“ sei. Welcher Junge darf mit Puppen spielen, zum Ballet gehen oder einen pinken Schulranzen tragen, ohne dass sich wer Sorgen macht, er könnte schwul werden! (Jetzt rufen vielleicht manche Eltern „hier!“, und übersehen in dem Moment, wieviel Krfat und wieviel Selbstbewusstsein das ihrem Kind in seinem Alltag, im Austausch mit anderen, abverlangt!) Und dazu tragen die Befürworter der Gendermarketing jeden Tag kräftig bei, indem sie auf Geschlechtertrennung setzen, sie verstärken, sie fördern und fordern und uns das alles als „natürlich“ verkaufen.

Was tun? Sich dagegen aussprechen!

Es gab noch keine Generation vor uns, die derart medial mit trennenden Botschaften zugeschüttet wurde, niemand unter uns Erwachsenen kann ahnen, welche Auswirkungen das in 20 Jahren haben wird!

Wenn wir also den GenderCareGap, den #PensionGap, Alltagssexismus und Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht) angehen wollen, dann sollten wir uns

a) komplett gegen Gendermarketing aussprechen und

b) dringend ein Bewusstsein dafür entwickeln, wo wir uns davon haben schon beeinflussen lassen, so dass wir den Quatsch nicht munter an Kinder weiterreichen, ohne es zu merken.

Tatsächlich wird im Umgang mit Kindern das  Geschlecht allzu häufig „dramatisiert“, also überbetont und zum Thema gemacht in Situationen, in denen es keine Rolle spielen müsste (z.B. nur 2 Schultüten-Bastelsets zur Wahl, in rosa-hellblau oder durch Motive geschlechtlich gelabelt, anstatt eines bunten Angebots) – und hier ist Gendermarketing Vorbild und Förderer – und in anderen Momenten wird es ignoriert, obwohl wichtig wäre, den eigenen Blick auf die so unterschiedliche Erwartungshaltung gegenüber Jungen und Mädchen zu schärfen (z.B. unterschiedliches Bewegungsangebot: Jungen wird häufiger vorgeschlagen, sich „auszupowern“, Mädchen werden eher zum ruhig Sein angehalten)

 

Wer tatsächlich glaubt, er/sie reiche selbst keine Klischees weiter und sei frei von geschlechtlichen Zuordnungen im Kontakt mit Kindern, beweist damit das Gegenteil. Tut mir leid, dass so ausweglos zu formulieren, aber erst wenn wir erkennen, wie tief die Zuordnungen in unserer Kultur und in jedem einzelnen verankert sind, erst dann kann es gelingen, das eigene Handeln und Sprechen zu hinterfragen und öfter anders zu entscheiden. Schließlich sind wir ja selbst damit aufgewachsen, haben sie verinnerlicht und können sie deshalb nicht einfach abwerfen.

Doch leider ist die Mehrheit (lt. Umfragen) überzeugt, Kinder „gleich“ zu behandeln und findet Gendermarketing sei harmlos ¯\_(ツ)_/¯ (siehe das rosa-hellblaue Bullshitbingo). Ich unterstelle sicher keinen bösen Willen, aber ich wünschte, es gäbe mehr Aufklärung über die Wirkmechanismen stereotyper Botschaften im Alltag von Kindern und mehr Hilfen dabei, ein Bewusstein für die o.g. Zusammenhänge zu entwickeln.

 

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Fleischeslust, Grillklischees und Geschlechterhierarchie

Gerade mal 11:30 Uhr und schon den Tiefpunkt der RosaHellblauFalle erreicht:

Die Grill-Kampagne von Edeka fanden wir schon reif für den Goldenen Zaunpfahl, als Männer und Frauen noch gemeinsam grillen durften. Zwar wurde auch da schon das Grillgut nach Geschlecht getrennt, aber immerhin lagen Zucchini, Fisch und Fleisch noch gemeinsam auf dem Rost.

Gestern hat der Laden nun mit Hilfe der Werbeagentur Jung von Matt ein paar Klischees nachgelegt und einen neuen Spot auf youtube hochgeladen. Ich mag ihn hier nicht einbauen, 3 Screenshots sollen genügen zur „Flamme, die aus Knaben Männer macht“:

Nein, dieser Spot ist nicht „nur lustig“. Seine Geschichte basiert darauf, dass „Ein Puppenfest, ein Barbie-Q“ lächerliches, verweichlichtes Chichi sei, dass Frauen* (und andere spießige Weicheier), die Gemüse und Dips beim Grillessen mögen, von den Horden aus dem Wald in die Flucht geschlagen werden müssen. Übrig bleibt nur der standhafte Mann.

Und wo bin ich in diesem Bild,

meine Kinder, mein Mann, mein Grillfeuer?

Vom Abschlussbild und dem Braten im Feuer beim Gelage im Wald mal abgesehen: Feuer steht in diesem Spot nur in Verbindung mit Krieg, Angriff, Verjagen derer, die es anders und damit falsch machen. Es gibt kein gleichwertiges Nebeneinander, stattdessen Verhöhnung der Spießer mit ihren Lampions und Champignons. Weil der weiße, alte Mann nichts von Deko hält, muss sie niedergetrampelt werden. Ungewohnte Essensgewohnheiten genügen also, um einen Krieg zu beginnen. Analogien zur eigenen Nachbarschaft natürlich ausgeschlossen.

Durch die Nähe zum Hollywood-Actionfilm hat die Angriffsszene, bei der eine aggressive, bewaffnete Horde in breiter Front den Gartenzaun niedermäht, mehr von Napoleons Kriegen, von Hetzjagd, Kolonialismus und Freibeutern, die ein Dorf überfallen.

Augenzwinkern? Humorvoll? Ihr möchtet nicht diskriminieren?

Sexismus wird durch den Effekt (von Sprache, Handlungen, eines Spots…) reproduziert, die Intention („lustig gemeint“, „gut gemeint“…) ändert daran nichts. Und es ist der Empfänger / die Zuschauerin, die über den Inhalt einer Botschaft entscheidet, nicht der Sender (Kommunikationstheorie nach Watzlawick) oder das Unternehmen und seine Werbeagentur.

Es hinterlässt mich ratlos, dass viele Menschen in Deutschland nicht nur damit einverstanden sind, dass Werbung so viel Geld und Wissen in die Reproduktion von Geschlechterhierarchie steckt, sondern diese auch noch bei jeder Gelegenheit in Kommentarspalten rechtfertigt. Warum und wofür investieren so viele Menschen Lebenszeit in das Verbreiten von Rollenklischees, anstatt ihre Fähigkeiten für mehr Wahlfreiheit, Toleranz und gleichwertiges Miteinander einzusetzen? Wo könnten wir heute schon sein, wenn die vielen, kleinen rosa-hellblauen Momente des Alltags als solche erkannt und angegangen würden? Stattdessen werden sie kleingeredet, verharmlost, das Gegenüber und seine Kritik als humorlos weggewischt, denn der Umsatz toppt jedes ungute Gefühl.

Und Kinder und ihre Wahrnehmung? Die Tatsache, dass sie erst im Lauf der Grundschulzeit Ironie verstehen lernen? Weggewischt. Ist ja nicht die Zielgruppe. Und überhaupt: „Wir“ geben ja keine Rollenklischees an Kinder weiter. I wo denn, die entscheiden sich ganz frei.

#not

 

Blick hinter die Kulissen

Was hier aktuell passiert…

Da wir hier seit der Verleihung des Goldenen Zaunpfahls nichts mehr geschrieben haben, wollen wir kurz vorstellen, an welchen Projekten wir grade arbeiten. Unfertiges also, ein Blick hinter die Kulissen :)

>> Ganz aktuell, damit können wir jetzt einfach nicht mehr hinterm Berg halten 😊 überlegen wir, eine Art Qualitätssiegel zu erfinden, das analog zu Siegeln für Lebensmittel („Glutenfrei“) oder Textilien („frei von Schadstoffen“) Produkte, z.B. Spielzeug, Bücher, Computerspiele, auszeichnet, die „frei von Rollenklischees“ sind. Aktueller Stand:Siegel #klischeefreiWer uns auf Twitter folgt, weiß das schon, denn hier habe ich die unausgegorene Idee gepostet und sofort viel Rückenwind bekommen. Ein ganz herzlicher Dank 😊🎉 geht an dieser Stelle an @mimimibe, 🍰💐der sich sofort an die Gestaltung gemacht hat, von ihm ist dieser Entwurf, der vielleicht gar keiner ist, sondern das fertige Qualitäts-Siegel sein wird. Wir finden es jedenfalls total schick und wollen mehr aus der Idee machen. Mal schauen, wie es damit weitergeht.

Radiosendungen in der Mache…

>>Außerdem haben wir in den letzten Wochen ein Radiofeature vorbereitet, in dem es um Geschlechterrollenbilder vor der Geburt geht. Wir haben nach einer Mutter/ einem Paar gesucht, die das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes wissen möchte und eine, die das vor der Geburt überhaupt nicht interessiert, es auch nicht gesagt bekommen möchte. Dafür habe ich @mayamitKind getroffen und gemeinsam mit ihrer Partnerin ein interessantes Gespräch geführt. Yasmin habe ich getroffen, sie hat von ihrem Wunsch nach einem Mädchen erzählt, das sich beim Ultraschall als Junge entpuppte. Ich habe außerdem mit @zesyra gesprochen über Wünsche und Erwartungen an das Ungeborene, und habe die Kölner Gynäkologin Maria Beckermann interviewt. Das Feature wird am 2.Mai im Kulturradio rbb ausgestrahlt:

„Was wird es denn?!

Schon vor der Geburt eines Kindes greifen die Rollenklischees“

2. Mai 2017, 19:04 – 19:30, kulturradio rbb

(zur Vorschau auf den rbb-Seiten, bzw. zum Podcast nach dem Sendetermin)

photo credit: #smo Project 365: Day 16 via photopin (license)

 

>> Während der Recherche hat uns Lisa vom Blog Stadt-Land-Mama angeschrieben, was wir denn von dem Wunsch hielten, ein Kind nur dann zu bekommen, wenn man sein Geschlecht wünschen dürfte. Hier unsere Antworten auf ihre Fragen.

5. Mai im Deutschlandfunk

>> Und ein zweites Feature entsteht grade:

„10 Dinge, die an Mädchen nerven

Geschlechterklischees in der YouTube-Szene“

5. Mai, 20:10 – 21:00, Deutschlandfunk

(zur Vorschau auf den DLF-Seiten, bzw. zum Podcast nach Sendetermin)

Dafür war ich in einer Bonner Realschule und habe Schülerinnen und Schüler einer 9.Klasse interviewt. Ich habe mit Tarik über seine Genderkrise gesprochen und Marie Meimberg interviewt. Wir waren viel auf Youtube unterwegs, um uns all die Kanäle anzuschauen, die Kinder so zwischen 10 und 15 grade „liken“. Dabei habe ich mir angehört, was Jungs angeblich an Mädchen mögen, was sie nie tun sollten, was Mädchen dafür unbedingt wissen müssen, und wie Frauen… Dabei bin ich auf die Gruppe „Girrrl Voice Heroes Duisburg“ gestoßen mit ihrem Video „Wer glaubst du, dass du bist?!“, ein paar der Mädchen habe ich in Duisburg getroffen, auch sie kommen in der Sendung zu Wort. Das Manuskript ist fertig, es hätte noch mehr interessante Stimmen gegeben, Positivbeispiele zwischen all den Klischeebotschaften. LuLikes oder Lisa Sophie aka ItsColeslaw zum Beispiel, ihren Kanal habe ich jetzt meinen Kindern ans Herz gelegt, als Alternative zu Bibi & Co … ;)

Und noch mehr Radio…

>> Und wer jetzt denkt, die machen ja nur noch rosa-hellblaue Radiosendungen, mag ja vielleicht den Podcast zu unserem Feature für den SWR über den Dichter Lars Ruppel anhören:

 Weckworte für Demenzkranke.

Der Poetry Slammer und Kabarettist Lars Ruppel unterwegs in Pflegeheimen

 

>> Oder unser Feature, das Anfang des Monats beim Deutschlandfunk lief:

 R.E.S.P.E.K.T. 2.0 – Von Wertschätzung in einer globalisierten Welt 

Mehr zu unseren Radiosendungen jenseits der Rosa-Hellblau-Falle veröffentlichen wir auf unserem Radio-Blog: kulturelle-störgeräusche.de, und mehr zu unserem Dasein als Trainerin und Fortbildner posten wir hier: training-bonn.de, gestern zum Beispiel war ich auf dem LiteraturCamp Bonn und habe >hier< zusammengefasst, was ich dort mitnehmen durfte.

Viel Spaß beim Lesen und Hören! :)

 

Save the date: 3.3. in Berlin!

Jetzt dürfen wirs sagen, es ist amtlich, freut Euch mit uns und haltet Euch den Freitag Abend, 3.März frei:

Der Goldene Zaunpfahl wird in Berlin im HAU Hebbel am Ufer verliehen!

?????

Beginn: 18 Uhr

öffentlich, freier Eintritt

Heute früh war Anke dort und hat vor Ort alles besprochen und festgemacht. Vielen Dank an das Team des HAU Hebbel am Ufer!

Jetzt geht es an die Programmplanung, und auch da wird es Überraschungen geben. Wir freuen uns, wenn Ihr dabei seid. Einladung folgt.

Viele Grüße!

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring und Sascha Verlan

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–> Vorstellung der Jury 2017

–> Der Goldene Zaunpfahl, Negativpreis für Gendermarketing

–> Übersicht über die rund 50 Einreichungen

tba:

–> Die Nominierten

Twittergewitter

Vor kurzem habe unbedachtes Ich auf Twitter jemandem geantwortet und nicht auf das Datum seines Ausgangstweets geachtet. Antwort: „du hast Twitter voll verstanden, hm?“ Asche auf mein Haupt, gilt es unter manchen Twitter-Usern ja als verpönt, auf alte Tweets zu reagieren. Schade eigentlich. Denn im rosa-hellblauen Kontext hat so mancher Post einen zweiten Blick verdient. Diese hier zum Beispiel:

[Eine Art Suchspiel zwischen Voll-rein-in-die-#rosahellblaufalle und Yeah-Juhuu-Raus-aus-der-Falle!, dazwischen Ironie. Viel Spaß damit!]

Vielen Dank an all die Twitterer*innen (#SCNR ;) die hier versammelt und verlinkt sind!

 

 

 

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Jungen weinen nicht

Sind Hänseleien ein Zeichen von Zuneigung?

Sowohl @dasnuf als auch @mama_notes haben in der vergangenen Woche auf ihren Blogs Artikel geschrieben über die fatale Botschaft, die wir Kindern mit auf den Weg geben, wenn wir körperliche oder verbale Hänseleien mit einem „Der mag dich eben“ abtun  (Bezeichnend auch in dem Zusammenhang, dass es zumindest im Wortschatz keine ‚Greteleien‘ gibt). Für einen kurzen Moment mag es nachvollziehbar sein, dem geärgerten Kind zuliebe etwas Positives aus der Situation zu ziehen, aber ich teile die Meinung der beiden oben genannten Bloggerinnen, dass damit auf lange Sicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Und ich denke vor allem, dass wir dringend mehr Energie darauf verwenden sollten, Hänselnden jeden Alters beizubringen, wie sie ihre Zuneigung anders als durch Schubsen, Ärgern und Draufhauen ausdrücken, da die Erniedrigung anderer, nur der Versuch ist, sie auf das eigene Niveau herabzusetzen.

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

„Was sich liebt, das neckt sich“

Mama_notes schreibt: „‚Ich glaub‘ der mag dich‘, ist Victim-Blaming“, und ich halte es für durchaus angebracht, diesen Begriff hier einzubringen, der vor allem assoziiert ist mit Debatten um Vergewaltigungsfälle, in denen das Opfer für die Straftat mitverantwortlich gemacht wird. Von hänselnden Kindern zu Vergewaltigung zu springen mag auf den ersten Blick maßlos dramatisierend scheinen, aber es liegen nur zwei Gedankensprünge dazwischen, sobald sich eins überlegt, warum es Kinder (ich unterstelle, dass das mehr Jungs als Mädchen sind) gibt, die Zuneigung durch unfreundliches Verhalten ausdrücken:

1) „Jungs weinen nicht!“

Jungen lernen von klein auf, sich zusammenzureißen. Die Ermahnung: „Heul nicht, Du bist doch kein Mädchen!“ ist auch in 2016 nicht ausgestorben, den meisten Jungen wird Verletzlichkeit als etwas Negatives vermittelt. Eine Studie aus den USA (Quelle wird nachgeliefert > Leider nicht die im Folgenden beschriebene, dafür eine mit ähnlichem Ergebnis: Eltern “are four times more likely to tell girls than boys to be more careful”) zeigte, dass Eltern, deren Kind im Spiel hingefallen ist oder sich eine Schramme geholt hat, bei Söhnen häufiger dazu tendieren, sie nach einem kurzen Check wieder loszuschicken, und dass Töchter dagegen länger geströstet und außerdem häufiger ermahnt werden, besser auf sich aufzupassen. Mädchen lernen also schon früher, auf sich selbst und ihren Körper acht zu geben, sich um sich selbst zu kümmern, gilt als weiblich – zahllos die Witze über Männer, die bei einer leichten Erkältung zwar nicht aus dem Jammern herauskämen, sich aber bei ernsten Erkrankungen häufig zu spät in ärztliche Behandlung begeben.

Zu weinen, sich verletzlich zu zeigen, sich Sorgen zu machen, sich zu ängstigen, einfühlsam zu sein, ist überwiegend weiblich konnotiert. Auch wenn die Mehrheit überzeugt ist, Kinder „gleich“ zu behandeln und davon ausgeht, das Klischee im Umgang mit dem eigenen Kind, in der eigenen Erziehungspraxis aufzubrechen, so ist doch der Alltag von Kindern voll mit Boys-don’t-cry-Botschaften.

Und selbst wenn Eltern derartige Ermahnungen komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen haben, bleiben doch die „Die hard“-Helden aus Hollywood, die unnahbaren Dove-Models auf Werbeplakaten und die Piraten-Abenteurer-Feuerwehr-Sieger-Bilder des Gendermarketing. Wenn also besorgt, ängstlich, traurig, als Gefühle für Jungen eher nicht in Frage kommen, wenn Filmhelden und Werbebotschaften auf den coolen, unnahbaren, unabhängigen, unverletzbaren, souveränen Helden setzen, was bleibt dann?

2) Jungen lernen, dass ihnen Ärger zugestanden wird

Jungen erfahren also durch die Reaktionen Erwachsener, dass aus der großen Palette menschlicher Gefühle ein ganzer Bereich für Jungen und Männer tabu ist. Zu weinen ist peinlich, empathisch zu sein untypisch.

Im Gegenzug lernen sie, dass ihnen Ärger durchaus zugestanden, ja geradezu von ihnen erwartet wird: In sogenannten „Baby X-Studien“, in denen in unterschiedlichen Settings die Reaktionen Erwachsener auf Jungen bzw. Mädchen untersucht werden, zeigt sich, dass ein weinender Säugling häufiger als ärgerlich oder zornig wahrgenommen wird, wenn die Erwachsenen annehmen, es handle sich um einen Jungen. Wird ihnen dasselbe weinende Kind als Mädchen vorgestellt, lesen sie sein Weinen häufiger als Angst.

In einem Artikel der NewYorkTimes beschreibt Andrew Reiner eine Szene aus einem Video, in dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der offenbar zum ersten Mal eine Spritze bekommt und deshalb Angst hat. Man hört den Vater aus dem Off, der seinem Sohn sagt, er solle aufhören zu weinen:

Say you’re a man: ‘I’m a man!’ ” The video ends with the whimpering toddler screwing up his face in anger and pounding his chest. “I’m a man!” he barks through tears and gritted teeth. (Andrew Reiner: Teaching men to be emotional honest. New York Times, 4.4.2016)

Die Szene ist ein Beispiel dafür, wie Jungen beigebracht wird, ihre Angst oder ihren Schmerz in Ärger zu wandeln. Und auch die praktische, passiv-zurückgelehnte Haltung „Boys will be boys“ / „So sind sie eben, die Jungs“,  kann täglich in wilden bis rücksichtslosen Szenen auf Spielplätzen beobachtet werden. Sie impliziert ja, dass wir ungestümes oder gar unhöfliches Verhalten von Jungen geradezu erwarten können und es unterstellt, dass Jungen nicht fähig seien, Mädchen respektvoll zu behandeln.

Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass Vorschulkinder ein lächelndes Gesicht als weiblich und ein zorniges Gesicht als männlich erleben (> Untersuchungen von Hanns Martin Trautner), und uns das Bild eines weinenden, schluchzenden Mannes sehr viel mehr irritiert als das eines frustrierten, der vor Ärger gegen eine Wand tritt.

The fact that many of us would still be more confronted by the sight of a man crying than by seeing him kick a wall in anger or frustration shows there is still an urgent need for more open conversations around what defines both strength and vulnerability, and what defines masculinity as well. („Do real men cry? How redefining masculinity can save life“, Daily Telegraph, 15.10.2016)

Der Täter wird entschuldigt, der Übergriff verharmlost

Es ist also bestimmt was dran an der Erklärung, die manches Mädchen schon zu hören bekommen hat, als sie bei Erwachsenen Hilfe suchte: „Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich mag!“. Aber sie erklärt nicht, warum Erwachsene dieses Verhalten als so harmlos empfinden.

Jungs sollen und wollen, darauf ist ihre (nicht nur mediale) Sozialisation ausgerichtet, cool und stark sein, immer ‚Herr der Lage‘. Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Empathie insgesamt sind da eher hinderlich, weil sie verletzlich machen, weil sie zu Ablehnung, Spott und Ausgrenzung, zu Trauer führen könnten. Um dieses Risiko zu umgehen, lernen viele Jungen und auch Mädchen, diese (weiblich konnotierten) Gefühle in Ärger umzuwandeln und zu tarnen. Anstatt ihre Gefühle positiv auszudrücken, wählen sie den für sie männlich konnotierten Ausweg: sie ärgern, schubsen und raufen.

„Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich gern hat.“ – Vielleicht aber auch nicht. Mit dieser Botschaft wird der Täter entschuldigt und der Übergriff nicht nur verharmlost sondern sogar zum Kompliment umgedeutet.

Ist das die Botschaft, die Kinder daraus mitnehmen sollen? Sie passt zur Reaktion von Donald Trump, der auf die Vorwürfe von Frauen, er habe sie sexuell belästigt, antwortet: „Glaubt mir, sie wäre nicht meine erste Wahl, das kann ich Euch sagen.

„She would not be my first choice“

Und der verquere Rückschluss: Die Behauptung, diese oder jene Frau gar nicht attraktiv zu finden, soll als Beweis dafür dienen, dass er sie nicht sexuell belästigt haben kann. Sie hätte es also gar nicht verdient, von ihm begrapscht zu werden!?

Es ist die logische Fortführung in der Erwachsenenwelt: sexueller Übergriff, catcalling, Hinterherpfeifen, Anmache trotz wiederholtem Nein… – ein Kompliment?  Diese Form von victim-blaming wird von beiden Seiten bereits im Sandkasten eingeübt: Hänsel lernt, dass sein Verhalten als harmlos eingestuft wird, Gretel erfährt, dass es für eine Gegenwehr ja gar keinen Anlass gäbe, ihr ‚Nein‘ nicht zählt.

 

Perfekt in einer Minute

Perfekt mit einem Klick

Unsere Kinder haben alle drei Sommersprossen, und alle drei sind sich einig, dass Sommersprossen doof sind. Wie kommen sie nur darauf?

Im letzten Jahr hatte ich hier über das bearbeitete Porträtfoto unserer Tochter geschrieben. Der Schulfotograf hatte entschieden, die Fotos unserer damals Elfjährigen zu „verbessern“ und ihre Lachfalten mit Hilfe einer Software zu glätten, ihre Haut mit einem Weichzeichner zu bearbeiten: mikaphotoshopped2

Heute ein Nachtrag zu diesem Erlebnis:

Am Münchner Hauptbahnhof gibt’s das Vorbild für den Schulfotografen, offenbar hat er seine Ausbildung in der Werbung gemacht. Nun muss es ihm langweilig geworden sein, reihenweise Schulkinder mit glatter Haut zu fotografieren.
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„Perfekt aussehen in 1 Minute“. Seit wann bedeutet denn „perfekt“ = ohne Sommersprossen? Oder Lachfalten? Weg damit, wie unperfekt! Und das ganze mit Hilfe von Make-up. Glaubt man der Werbung, gibt’s jetzt also die Bildbearbeitungs-Funktion „verbessern“ schon aus dem Creme-Tiegel:

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One tap Beautification

Wem Creme-Tiegel oder Schulfotograf zu umständlich sind, um das Schönheitsideal von 2016 zu erreichen, lädt sich die BeautyPlus App aufs Handy.  Hier genügt ein Klick, ein bisschen Wischen, um diverse Schönheitsfilter aufs eigene Selfie anzuwenden: Pickelweg-Funktion, Augenringe-wegdamit-Klick, Gute-Laune-Falten-Lösch-Button.

Übrigens:

5% der Mädchen und 3% der Jungen sind schon im Alter von 8 Jahren unzufrieden mit ihrem Aussehen. Und zwar auch dann, wenn ihr Gewicht völlig ihrem Alter und Durchschnitt entspricht. Mit 14 Jahren machen 39% der Mädchen regelmäßig eine Diät. Und in Deutschland denkt jedes siebte Kind zwischen 9 und 14 Jahren über eine Schönheitsoperation nach. Die Rangfolge, welche Körperregionen verändert werden sollten, ist ähnlich wie bei den Erwachsenen: Hautunreinheiten stehen auf Platz zwei, direkt hinter Fettabsaugen (Quelle: LBS Kinderbarometer 2013).

Danke für Nichts.

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„Du bist doch kein Mädchen!“

… ist schnell dahergesagt, hat’s aber in sich.

Was, das würde ich gerne in 140 Zeichen oder im Gespräch zwischen Tür und Angel mal eben antworten können. Klappt aber nicht so wirklich. Deshalb poste ich hier das Interview, das Katja Köhler für die Esslinger Zeitung mit mir geführt hat, denn darin ging es genau darum, dass „Du Mädchen“ immer mehr zum Schimpfwort wird*. Das komplette Interview gibt es >hier als pdf< zu lesen, im Folgenden nur die Kurzversion:

K.Köhler: Haben Eltern schon etwas falsch gemacht, wenn der Sohn Fußball spielen geht und die Tochter ins Ballett?

A.Schnerring: Da dran ist gar nichts falsch. Jungen sollen ruhig zum Fußball gehen und Mädchen zum Ballett. Wichtig ist, dass wir zum Beispiel die fußballspielenden Mädchen nicht aus dem Blick verlieren. Oder die Jungen nicht vergessen, die zum Ballett wollen, die Glitzer mögen oder im Kindergarten immer wieder gerne zum Puppenhaus gehen.

K.Köhler: Was für ein Programm läuft da ab?

A.Schnerring: Sie werden oft durch – vielfach unbewusste – Kommentare und Reaktionen gerade von Erwachsenen in ihre „Schranken verwiesen“. Der Spruch „Heul’ nicht, du bist doch kein Mädchen!“ ist leider nicht ausgestorben, und auch ein nett gemeintes „Ein Mathe-Ass, das ist aber super für ein Mädchen“ macht Kindern bewusst, das Erwachsene unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen haben. Dabei wünschen wir uns doch, dass sich unsere Kinder frei entfalten und ihr Spiel wählen dürfen.

K.Köhler: Wann beginnt die Zuordnung der Geschlechter?

A.Schnerring: Die Erwachsenenwelt fängt damit schon an, bevor das Kind auf die Welt gekommen ist. 80 Prozent der Eltern wollen vor der Geburt das Geschlecht wissen. Es gibt Studien darüber, dass Eltern ihr Verhalten prompt ändern, sobald sie wissen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten.

K.Köhler: Wie äußert sich das?

A.Schnerring: Es geht nicht nur um oberflächliche Dinge wie die Einrichtung in Rosa oder Hellblau und darum, dass Eltern anderes Spielzeug kaufen. Eltern sprechen zum Beispiel in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen. Zudem neigen sie dazu, die Verhaltensweisen des Babys im Bauch schon dem Rollenklischee entsprechend zu deuten: Sie sprechen von einem energischen Jungen, einem ruhigen Mädchen, so dass das Kind schon vor Geburt nicht mehr die ganze Bandbreite zur Wahl hat, sondern nur noch die eine Hälfte.

 

Ein Aspekt, der fehlt:

„Du bist doch kein Mädchen!“ zu einem weinenden Jungen gesagt, vermittelt diesem, dass es wohl irgendwie etwas Schreckliches sein muss, ein Mädchen zu sein. Jedenfalls etwas, das er um jeden Preis vermeiden muss. Also bloß nicht „wie ein Mädchen“ rüberkommen, es könnte ja zu Verwechslungen kommen. WAS DANN!?! In dem Zusammenhang ist es dann gar nicht mehr rätselhaft, warum es Jungs gibt, die zwar zuhause gerne mit Rosa malen oder mit Elsa spielen, das aber im Beisein von anderen Kindern oder Erwachsenen vermeiden. Denn wer will schon als „Iiiiiihh, Mädchen!“ rüberkommen. Was für eine Beleidigung! Was für eine Abwertung! Für den Jungen. Und noch viel mehr für seine Schwester oder die Mädchen, die zuhören!

Was deshalb rätselhaft bleibt: warum manche Frau, die sich vielleicht selbst als „Mädel“ bezeichnet, wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum „Mädelsabend“ verabredet, so gar nichts dabei findet, einem kleinen Jungen diese negative Bewertung, die sie doch selbst, ganz persönlich betrifft, mit auf den Weg zu geben.

 

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*Aus juristischer Sicht ist „Mädchen“ schon heute ein Schimpfwort. Tatsächlich musste eine Frau, die einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als Mädchen bezeichnet hatte, 200 Euro Strafe bezahlen.

Artikel - Mädchen als Schimpfwort

 

Der PayGap beginnt im Kinderzimmer

Eine neue Studie zum PayGap beim Taschengeld

Jedes Jahr, wenn der Equal Pay Day begangen wird (der nächste liegt auf dem 18. März 17), beginnt sie von Neuem, die Diskussion um den Gender Pay Gap. Doch eine aktuelle Studie widerlegt erneut alle Argumente, die je nach Wetterlage mal lauter, mal leiser gegen den Lohnunterschied aufgrund des Geschlechts hervorgebracht werden und Initiativen den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Die fünf Beliebtesten noch einmal kurz zusammengefasst:

  1. „Aber es sind doch gar keine 21%, es sind doch „nur“ X* Prozent Unterschied!“ *beliebige Zahl 0<x<21
  2. „Frauen fallen nun mal wegen der Kinder länger aus, das liegt in der Natur der Sache.“
  3. „Frauen wählen häufiger Halbtagsstellen, soll das auch noch belohnt werden?“
  4. „Frauen wählen die falschen Jobs, selbst Schuld, wenn sie in Branchen einsteigen, in denen nun mal weniger verdient wird“
  5. „Frauen verhandeln eben schlechter!“

Zu 1) – Eigenartige Strategie, einen Missstand widerlegen zu wollen, als ob weniger Unterschied kein Unterschied und damit fair wäre. Und wenn der Unterschied nur bei 3% liegt, hat der Equal Pay Day doch trotzdem seine Berechtigung!

zu 2) + 3) – Frauen kümmern sich häufiger um Kinder, Kranke, Alte, Pflegebedürftige – soll das auch noch bestraft werden? (Wir verweisen dezent auf den Equal Care Day, eine der Hauptursachen für den PayGap.)

zu 4) – Stimmt nicht, auch in MINT-Berufen verdienen Frauen weniger als ihre Kollegen, in derselben Branche, in vergleichbarer Position. > Studie

zu 5) – stimmt nicht. Weder fragen sie seltener nach einer Gehaltserhöhung, noch verhandeln sie defensiver. > Studie

Mädchen bekommen weniger Taschengeld als Jungen

Wer weiterhin argumentiert, Frauen seien selbst Schuld, dass sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, möge einen Blick in die Kinderzimmer werfen. Schon hier gibt es den Gender Pay Gap: Mädchen bekommen im Durchschnitt weniger Taschengeld als Jungen.

Das zeigte schon eine Studie in 2009, auch in einzelnen Städten wurden Unterschiede belegt (z.B. in Frankfurt a.M.), und jetzt zeigt eine neue: bei den 16-25 Jährigen beträgt der Unterschied 19%. Jungen dieser Altersspanne in Deutschland haben im Durchschnitt 345 Euro zur Verfügung und Mädchen 291 Euro – für 44% ist das Taschengeld der größte Posten.

Keins der o.g. Argumente greift:

Eigenen Nachwuchs, um den sich gekümmert werden muss, gibt es bei Kindern noch nicht (auch bei den bis zu 25-Jährigen wohl eher die Ausnahme als Ursache für den Gap), auch keine zu pflegende Schwiegermutter. Am falschen Beruf kann es genauso wenig liegen, dass Mädchen weniger Taschengeld bekommen. Möchte jetzt noch jemand an Punkt 5 festhalten und den Gender Pay Gap damit begründen, dass Mädchen eben zu schlecht über die Höhe ihres Taschengelds verhandeln? Verlangen wir also wirklich von Mädchen, gefälligst selbst darum zu kämpfen, mehr Geld zu bekommen, damit Erwachsene keinen Unterschied machen, wenn sie Kindern den Umgang mit Geld vermitteln und ihnen eigenes zur Verfügung stellen?

Und es gibt eine weitere Erklärung, warum die Spanne über das Taschengeld hinaus noch größer wird, warum Jungen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben als Mädchen: Töchter müssen sich häufiger um jüngere Geschwister kümmern als Söhne. Jungen werden stattdessen mehr Jobs im Haushalt zugewiesen (z.B. Rasenmähen, Auto putzen) die den Erwachsenen offenbar Geld wert sind, ganz im Unterschied zum Wickeln, Schuhe binden, Zähne nachputzen, Brei löffeln. Womit wir wieder beim Equal Care Day wären…

 

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Der Artikel wurde zuerst am 19.9.16 auf www.equalcareday.de veröffentlicht

Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.