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Antworten auf das Bullshit-Bingo des Gendermarketing

Wir haben vor einiger Zeit in unserem Bullshit-Bingo die beliebtesten unter den kurz gedachten Reaktionen auf Kritik am Gendermarketing versammelt. Nachdem unsere Initiative der Goldene Zaunpfahl mancherorts auf Unverständnis stößt, und Reaktionen bei Menschen provoziert, die wohl schon lange nicht mehr für oder mit Kindern einkaufen waren (Motto: „Wen’s stört, der musses ja nicht kaufen“), wollen wir heute ein paar Antworten liefern. Bestimmt sieht sich die eine oder der andere auch manchmal mit diesen Reaktionen konfrontiert, dann freuen wir uns, wenn wir ein paar Argumente beisteuern können, um die Diskussion über die einengenden Botschaften des Gendermarketing am Laufen zu halten  :)

Überarbeitet am 22.2.17

Es sind doch nur Farben

1Mit Rosa und Hellblau sind, so wie mit anderen Farben auch, unterschiedliche Eigenschaften verbunden, abhängig von Kultur und Epoche. Es ist ja kein Zufall, dass die Bösen im Hollywoodfilm Schwarz tragen, während die gute Fee (Braut, Königin…) in Weiß gekleidet ist.

Es spricht auch überhaupt nichts gegen die Farben Rosa, Lila oder Pink, aber sie werden vereinnahmt von der Werbeindustrie und zunehmend mit Schönheit, Anmut und Zartheit in Verbindung gebracht. Gendermarketing hat mit dazu beigetragen, dass Rosa heute als niedlich und sexy gilt und dass die Farbe Mädchen vorbehalten ist („Das ist aber ne Mädchenfarbe!„), anstatt dass sie für alle da wäre, denen sie gefällt.

Deshalb lässt sich erst dann, wenn Spielzeug aus den Bereichen Schönheit, Pflege, Haushalt auch öfter mal in schwarz oder grün verpackt wird und erst dann, wenn auch Experimentierkästen und Konstruktionssets, deren Verpackung mit Jungs bebildert sind, mit Pink beworben werden, vielleicht sagen „Es sind einfach nur Farben“.

 

Unternehmen müssen ihre Produkte nun mal verkaufen.

2Ja, richtig. Der Umsatz steht über der sozialen Verantwortung, und die Idee der Corporate Social Responsibility taugt oft nur als Feigenblatt. Das gilt ja auch für Smartphones, die nicht ohne Kinderarbeit hergestellt werden, und doch wird uns vermittelt, wir bräuchten alle 2 Jahre ein neues. Unternehmen müssen ja schließlich verkaufen. Vielleicht funktioniert unsere Welt auch deshalb so fair und frei von Diskriminierung, weil wir Wirtschaftswachstum über alles stellen und diese Priorität auch bei den Botschaften des Gendermarketing nicht infrage stellen.

 

Ich lasse mich von Werbung sowieso nicht beeinflussen.

3Die Marketingindustrie beziffert ihren eigenen, jährlichen Umsatz auf 30 Milliarden Euro und sie erforscht seit vielen Jahrzehnten, wie sich KäuferInnen am besten beeinflussen und zum Kauf bewegen lassen, idealerweise unbewusst. Ziel von Werbung ist es, in zufriedenen, wunschlos glücklichen Menschen, völlig neue Bedürfnisse zu wecken, die sie zuvor noch nicht hatten. Nur bei mir schafft sie das nicht, denn ich entscheide selbst. #findedenfehler

 

Mädchen lieben eben Rosa.

4Es ist grade einmal 100 Jahre her, da war Rosa gar keine „Mädchenfarbe“ und die Zuweisung „Mädchen lieben Rosa“ galt genau umgekehrt: Rot war in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Könige trugen Rot (der Papst trägt bis heute Violett). Rot war also eine männliche Farbe, und Rosa, „das kleine Rot“ war Jungen vorbehalten, es galt als die stärkere Farbe. Blau dagegen war in der christlichen Tradition die Farbe Marias und Hellblau, „das kleine Blau“ dementsprechend die Farbe für Mädchen, es galt als feiner und eleganter. Heute lernen Mädchen von Geburt an, dass Rosa eine weiblich konnotierte Farbe ist, in 100 Jahren könnte das schon wieder ganz anders aussehen.

 

Nur wer keine Hobbys / echten Probleme hat, regt sich darüber auf.

Wir wünschen allen viel Energie und Ausdauer, sich nicht hier, sondern genau dort zu engagieren, wo sie die wahren Probleme dieser Welt sehen. Kommentieren Sie gerne im Tierschutzforum oder engagieren Sie sich für mehr Fahrradwege. Wir sind die Letzten, die sich Ihnen in den Weg stellen werden, denn wir sind schon mit unserm Hobby der Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt.

 

Ich habe früher auch  mit xx gespielt und bin heute ja auch emanzipiert, also!“

Wer Teil einer Gesellschaft ist, hat auch deren Werte verinnerlicht. Deshalb melden auch nur ganz wenige Väter ihre Söhne, wenn die sich für Musik und Tanz interessieren, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit zum Ballettunterricht an. Und selbst jene, denen es gelingt, sich in vielen, persönlichen Entscheidungen von kulturellen Zuschreibungen frei zu machen, sind doch angewiesen auf die vorhandenen Strukturen, selbst wenn diese bestimmte Gruppen benachteiligen. Dass Frauen mehr Geld in Schönheitsprodukte investieren, sich mehr von ihnen für die schlechter bezahlte Carearbeit entscheiden[1] und später häufiger in Altersarmut leben, wird als „natürlich“ empfunden.

6Doch Studien belegen einen Zusammenhang zwischen stereotypem Spielzeug und dem Selbstbewusstsein von Kindern. Für Jungen und Mädchen gilt: Je tiefer sie in die Spielzeugwelt der schönen, schlanken, passiven Prinzessinnen eintauchen, desto stereotyper wird ihr eigenes Verhalten: „We know that girls who strongly adhere to female gender stereotypes feel like they can’t do some things,“ sagt Sarah M. Coyne, Leiterin der Studie. „They’re not as confident that they can do well in math and science. They don’t like getting dirty, so they’re less likely to try and experiment with things.“ [2]

[1] 80% der Carearbeit wird von Frauen übernommen. Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Gesundheits- und Pflegeberufe. Arbeitsmarktberichterstattung – 2011. 2011, S. 8
[2] https://news.byu.edu/news/disney-princesses-not-brave-enough und http://well.blogs.nytimes.com/2016/06/27/disney-princesses-do-change-girls-and-boys-too/?_r=0

 

Wir reproduzieren keine Geschlechterklischees, wir reagieren nur auf Wünsche der KonsumentInnen

7Werbung setzt durch Wiederholung Regeln und schafft Normen, wie ein Mann, eine Frau zu sein, zu essen, sich zu kleiden, wofür er oder sie sich zu interessieren hat. Die schiere Masse an Bildern, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert werden, führt zu einer Verstärkung und Einengung dessen, was angeblich normal ist. Schwierig bis unmöglich schon für einen Erwachsenen, davon unabhängige Entscheidungen zu treffen. Undenkbar für ein Kind, das gerade erst dabei ist, die eigenen Vorlieben zu entdecken.[1]

[1] http://blog.hubspot.de/marketing/wie-marken-uns-manipulieren

 

Es wird gekauft, also gibt es einen Bedarf“

8Für die Werbung der 1950er mag das zutreffen. Doch Marketing heute funktioniert anderherum: der Fokus liegt darauf, zuerst einen (nicht vorhandenen) Bedarf zu schaffen, um ihn dann zu befriedigen.[1]

[1] Beispiel Fitness-Armbänder / Wearables:
http://www.stroeer.de/magazin/bewegte-zukunft-in-einer-mobilen-welt-update/wearables-potenziale-fuer-werbung-und-marketing.html

 

Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür.“

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen. Kinder lernen nicht allein von ihren Eltern, die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders erfahren sie auch durch den Nachbarn, die Bäckerin, den Erzieher und die Lehrerin, durch Bücher und das Fernsehprogramm. Kinder lernen vieles ganz nebenbei, im alltäglichen Spiel nähern sie sich der Welt der Erwachsenen an, üben Regeln ein und finden so allmählich ihren Platz in der Familie und in der Gesellschaft. Sie experimentieren und bilden Kategorien und lernen dabei, nicht nur in Groß vs. Klein, Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau einzuordnen, sondern auch in ‚typisch‘ und ‚anders‘, in ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Schnuller und Teddys, Laufräder und Bilderbücher, 9Filme, Computerspiele und Werbung begleiten sie dabei und beeinflussen ihren Lebensweg. Und die Welt, die ihnen aktuell angeboten wird, ist in sehr viel mehr Bereichen in rosa und hellblau geteilt, als das bisher der Fall war [1]. Selbst wenn sich also Eltern dieser Strategie verweigern und Kindern alle Bereiche jenseits von rosa und hellblau anbieten, so sind Mädchen und Jungen immer auch durch die Botschaften ihrer Umwelt beeinflusst.

[1] „In the Sears catalog ads from 1975, less than 2 percent of toys were explicitly marketed to either boys or girls.“ https://www.theatlantic.com/business/archive/2014/12/toys-are-more-divided-by-gender-now-than-they-were-50-years-ago/383556/

 

Also wir haben unseren Kindern nichts aufgezwängt, wir lassen ihnen die freie Wahl.

10Die Mehrheit der Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen. Und wenn sich die Tochter dann doch fürs Ballett entscheidet, obwohl sie einen Fußball geschenkt bekommen hat und wenn der Sohn die Autokiste vorzieht, obwohl er sich eine Puppe aussuchen durfte, dann ziehen viele den Rückschluss, es müsse an der Biologie liegen, die Gene seien verantwortlich, die Hormone, die Steinzeit… der eigene Einfluss und die allgegenwärtigen Botschaften werden dabei komplett ausgeblendet. Forts. unter: „Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür„)

 

Es steht ihrem Sohn ja frei, trotzdem ein rosa xx zu kaufen.

Es steht Männern ja auch frei, sich für den Beruf des Erziehers zu entscheiden oder Frauen, Maschinenbau zu studieren. Mit den Kommentaren müssen sie dann eben klarkommen, wussten sie ja vorher, dass es nicht einfach würde. Sorry, aber Wahlfreiheit sieht anders aus. Wer sich über die Regeln des „Üblichen“ hinwegsetzt, bekommt das von der Umwelt zu spüren, und wer meint, ein „Du kannst ja trotzdem…“ reiche aus, um dem Vierjährigen seine Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, irrt.[1]11

Allein das Labeln eines Spielzeuges durch Farben oder Fotos als „Mädchen-„ oder „Jungespielzeug“ führt zu genderstereotypem Verhalten. Wird Kindern ein zunächst neutrales Spielzeug (z.B. ein Xylophon oder ein Ball) als „extra für Mädchen“ vorgestellt, spielen Mädchen länger und interessierter damit, Jungen wenden sich früher davon ab. Andersherum spielen Jungen länger damit, wenn ihnen zuvor gesagt wurde, es sei für Jungen gedacht [2]. Kinder übernehmen also die Zuordnung der Erwachsenen ganz unabhängig vom jeweiligen Spielzeug, und sie lassen sich schon früh in ihren Entscheidungen vom Gruppenkonsens beeinflussen [3]. Das ist menschlich und wird Ihrem Sohn ähnlich gehen.

[1] Beispiel: rosa Überraschungs-Eier „für Mädchen“: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/10/ue-ei-twittergewitter/
[2] Bradbard, M.R.; Endsley, R.C. (1983). The effects of sex-typed labeling on preschool children’s information-seeking and retention. Sex Roles, 9 (2), 247-260.
[3] Studie: https://www.mpg.de/4611532/gruppenzwang_vorschulalter

 

Die Tochter meiner Nachbarin mag grün, also kann der Einfluss nicht so groß sein.

12Und mein Sohn zum Beispiel hat mal ein Kleid in die Kita angezogen und ist trotzdem hetero, und meine Tochter kann besser Fußballspielen als mein Mann, also kann ja das mit dem Frauenfußball… Sorry, private Einzelbeispiele taugen nicht als Beleg für biologistische Theorien ;)

 

 

Jungs und Mädchen haben nun mal unterschiedliche Grundbedürfnisse.

13Zu den Grundbedürfnissen gehören Liebe, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und sie gelten für alle Menschen gleichermaßen. Ein geschlechtergetrenntes Angebot auf der Speisekarte oder beim Bürobedarf gehört nicht dazu. Rosa geblümte Glitzerponys mit Flügeln und schwarze Monsterfighterfiguren auch nicht. Und wenn, dann sollten sie für alle da sein.

 

 

Lasst doch die Kinder Kinder sein und hört auf mit Eurem Genderismus.

14Erwachsene ändern ihr Verhalten gegenüber einem Kind schon vor Geburt, sobald sie das Geschlecht des Ungeborenen erfahren: Sie sprechen mit einem Fötus in höherer Stimmlage, wenn der Ultraschall ihnen ein Mädchen zeigt. Sie beschreiben einen Säugling, von dem sie annehmen, es sei ein Mädchen, als niedlich und zart. Wird ihnen dasselbe Kind später als Junge präsentiert, beschreiben sie es als kräftig und schätzen es schwerer ein.[1]

Da wir davon ausgehen, Jungen und Mädchen hätten grundsätzlich unterschiedliche Bedürfnisse, behandeln wir sie unterschiedlich, selbst in Momenten, in denen es überhaupt keinen Anlass dafür gibt. Insofern einverstanden: Lasst doch die Kinder Kinder sein, und hört auf, sie in allen Lebenslagen nach Geschlecht zu sortieren und mit Euren rosa-hellblauen Erwartungen zu konfrontieren.

[1] Sog. Baby X Studien, z.B.: http://link.springer.com/article/10.1007/BF00288004

 

Wer sich daran stört, muss es ja nicht kaufen.

15Weit über 500 Werbebotschaften erreichen jeden einzelnen von uns täglich. Auf Werbung treffen wir in Bahnhöfen und an Bushaltestellen, auf Plakatwänden und Aufstellern, im Fernsehen, Radio und Internet, Zeitungen und Magazinen, im Kino, in Sportstadien, Gaststätten und Konzerthallen, auf Hochhausdächern und Häuserfassaden, im Himmel und buchstäblich auf dem Boden werden wir mit den Botschaften der Marketingindustrie konfrontiert. Werbung hat den öffentlichen Raum längst in Besitz genommen und beansprucht unsere Aufmerksamkeit über die Maßen. Die Geschlechterklischees der Werbung erreichen einen auch an Tagen, an denen man keinen einzigen Euro ausgibt.

 

Kleine Jungs stehn nun mal auf Autos.

Gern werden bei diesem Argument Studien mit Primaten genannt als vermeintlicher Beleg, dass ja selbst bei Affen die männlichen Tiere Spielzeugautos bevorzugten. Doch das Setting der Studien sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Für eine gern zitierte Untersuchung mit Meerkatzen, wurde den Tieren unter anderen Gegenständen eine Pfanne als ‚Mädchenspielzeug’ ins Gehege gegeben. Rätselhafte Grundvoraussetzungen für eine Studie, gibt es doch keinen Primatenforscher, dem in seiner beruflichen Laufbahn Affen begegnet sind, die kochen konnten. In einer anderen Studie wurden Rhesusaffen beobachtet, die Spielsachen mit Rädern sowie Plüschtiere bekamen. Ein Durchgang musste zunächst abgebrochen werden, weil „ein Plüschtier in mehrere Teile zerfetzt worden war“.[1] Beides verdeutlicht die Problematik dieser Studien: Wir wissen überhaupt nicht, ob ein Kinderspielzeug für einen Affen, der es noch nie gesehen hat, dieselbe Bedeutung hat wie für uns. Welchen Wert haben dann die in solchen Studien gezogene Schlüsse?

Deshalb halten wir andere Aspekte für relevanter:16

(Spielzeug-)Autos sind männlich konnotiert, das lernen schon Kleinkinder noch bevor sie sprechen können, Mädchen bekommen sie seltener geschenkt, Mütter spielen seltener mit ihren Kindern damit, beim Spaziergang erklären Väter ihren Söhnen von Anfang an mehr über Automarken als ihren Töchtern. Schon bei 6 bis 12 Monate alten Kindern haben Jungen mehr „Außenweltspielsachen“ (Lastwagen, Werkzeug u.a.) während Mädchen eher „Haushaltsspielsachen“ bekamen [2].

Fünfjährige Jungs sind außerdem stärker an Jungsspielzeug interessiert, wenn sie damit rechnen müssen, von Freunden gesehen zu werden. [3] Viele kleine Jungen, die in der Kita nie mit Puppen spielen, machen das zuhause durchaus, sofern ihnen von den Eltern keine geheimen Lektionen dazu erteilt wurden. Und übrigens: „fünfjährige Kinder [klassifizieren] eine Babypuppe mit zornigem Gesichtsausdruck, die grobe schwarze Kleidung trägt, als Jungespielzeug, ein lächelndes, gelbes Auto, das mit Herzchen geschmückt ist, als Mädchenspielzeug“ [4].

Also ab wann und für wen genau soll sie zutreffen, die Aussage „Jungs stehn nun mal auf Autos“?

[1] Hasset, J.M.; Siebert, E.R.; Wallen, K. (2008). Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. Hormones and Behavior, 54 (3), 359-364.
[2] Nash, A.; Krawczyk, R. (1994). Boys’ and girls’ rooms revisited. Vortrag vor der Conference on Human Development. Pittsburgh, Pennsylvania (nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge, München 2012, S. 315)
[3] Bannerjee, R; Lintern V. (2000). Boys will be boys. The effect of social evaluation concerns on gender-typing. Social Development, 9 (3), 397-408.
[4] Leinbach, Hort & Fagot, nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge. S.351

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Wer bis hierher gelesen hat, hat jetzt garantiert zur einen oder anderen Antwort eine Reaktion auf der Zunge liegen, ein Erlebnis vor Augen, ein „Ja, aber…“ auf dem Herzen. Wir sind gespannt, die Diskussion soll weiter gehen, bitte schreibt Eure Gedanken dazu in die Kommentare.

Viele Grüße,

Sascha und Almut

 

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Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

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*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

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Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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Bullshit-Bingo des Gendermarketing

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Und >> hier << geht es zu unseren Antworten.

 

 

#rausausderfalle

Twittergewitter

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Der Austausch über Geschlechterrollenklischees im Alltag von Kindern kann ganz lustig sein, hinterlässt uns aber auch oft sehr ratlos. Zum Beispiel dann, wenn Erwachsene überzeugt sind, Kinder hätten doch die freie Wahl, wir sollten es mal nicht übertreiben mit unserer Arbeit, schließlich gäbe es Wichtigeres… . Twitter ist eine prima Quelle für Kommentare, die diese Haltung, veranschaulichen, und gleichzeitig bekommen wir dort auch sehr viel Rückhalt und Zustimmung von Gleichgesinnten.

So haben wir im letzten Jahr hier auf diesem Blog einige Tweet-Sammlungen veröffentlicht: rosa-hellblaue Twittergewitter. Das letzte liegt einige Monate zurück, höchste Zeit also für ein neues, nur dieses Mal andersherum: Eine optimistische Sammlung in Sachen #rausausderfalle! :) Los geht’s:

 

 


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Wer weiter lesen möchte: Mehr Optimismus sammeln wir auf unsrem Tumblr-Blog

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?

Schnauze voll von Rosa? – Suli Puschban

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Interview mit Suli Puschban

Mit dem Refrain von „Ich hab die Schnauze voll von rosa“ laufen unsere Kinder schon eine ganze Weile durch die Gegend, der Ohrwurm wird immer mal wieder aktualisiert, und es genügt, dass eins das Wort „Schnauze“ in den Mund nimmt, garantiert greift es das nächste auf und schon schreien wieder alle drei im Chor durchs Haus: „Ich mach jetzt was ich will!“. Und weil der Text so gut zu unserem Anliegen rund um Rollenklischees und zur rosa-Hellblau-Falle passt, haben wir Suli ein paar Fragen dazu gestellt.

Suli Puschban ist…

…“Wienerin in Berlin, Liedermacherin, Kinderliedermacherin und Kabarettistin, sie schreibt und performt ihre Lieder, spielt solo und mit ihrer ‚Kapelle der guten Hoffnung‘, liebt die Berge, verehrt das Meer, ist Poetin, Feministin und feinsinnig rockenende Rotzgöre.“

Gab es einen konkreten Anlass für den Songtext?

>> Angesichts des derzeitigen Rollbacks, dass die Geschlechterrollen wieder vermehrt in rosa und hellblau und allem, was sonst noch dazu gehört, zementiert werden und der Tatsache, dass Lilifee und andere Figuren von Merchandise-Imperien flankiert werden, unter denen Eltern stöhnend leiden, musste ich irgendwann einfach mal einen Anti-rosa-Songschreiben. Der erhobene Zeigefinger interessiert mich nun herzlich wenig, und es geht mir auch nicht um die Farbe, sondern die Haltung dahinter. Mädchen und Frauen müssen sich nicht den stereotypen Bildern beugen, sondern können sein und werden, was sie wollen: Astronautinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Der Song enthält also auch noch etwas Kapitalismuskritik als Subtext. Wenn man bedenkt, was Frauen teilweise an Geld ausgeben (müssen), um den vermeintlichen Anforderungen der Rolle als Frau gerecht zu werden!

SuliPuschban

Wieso hast Du die Schnauze voll von rosa?

>> Vielleicht sollte ich vorweg sagen, dasss Mädchen und Frauen, die ROSA heißen, sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen sollen. Manche schreiben ‚rosa‘ im Song auch vorne mit Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um einen Namen handeln könnte. Aber nein, es ist die Farbe! Und dieses ‚rosa‘ steht für Einschränkung: Frauen, die auf hohen Schuhen balancieren, zugekleistert mit Make-Up, eingelullt in der heteronormativen Überzeugung, dass der sie rettende Prinz bestimmt auftauchen wird, rufen sie mit hoher Stimme: „Hilfe! Hilfe“

Hast Du ein bestimmtes Erlebnis in dem Zusammenhang , das dich genervt hat?

>> Mein ganz Leben ist ein solcher Moment: ich war ein burschikoses Mädchen, ich bin aufgewachsen mit dem Satz: „Was willst du denn, Junge?“, und mit Kommentaren und abblocken, wenn ich eine Toilette aufsuche. Ich hatte immer kurze Haare, trug Turnschuhe, Jeans und entzog mich der Norm. Das wurde stets kommentiert. Heute noch fragen mich Kinder oft: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Kurze Haare und mein non-konformes Verhalten stiften da manchmal Verwirrung. Macht nix! Ich war schon als Kind ein Lausbub!

Wo trittst Du auf, wann singst Du den Song?

>> Ich spiele den Song auf allen meinen Konzerten, die ich solo oder mit meiner Kapelle der guten Hoffnung spiele. Aber auch bei Workshops in Schulen oder Fortbildungen für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Alle lieben dieses Lied.

 

Auch vor Leuten, die sehr auf Rosa stehen? Oder laden die Dich erst gar nicht ein?

>> Ich hatte noch nie negative Reaktionen auf das Lied. Es gibt auch Mädchen, die komplett rosa tragen und singend und tanzend ausrasten zu dem Song. Einmal standen zwei Freundinnnen vor der Bühne, die waren so 10 Jahre und die eine sagte: „Ich hasse rosa!“, und die andere rief ganz stolz: „Ich nicht!“

Mir geht es darum, den Kindern zu vermitteln, dass alles geht, dass sie sein dürfen, wie sie wollen, dass in dieser Welt „Platz für uns alle“ ist, so wie es mein anderer Song ROSA PARKS BIST DU einfordert. Wenn andere kommen, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die anders sind als wir, dann sollten wir keine Zäune bauen, sondern zusammenrutschen.

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Gab’s eine konkreten Moment, von dem Du erzählen magst?

>> Also ich liebe diesen Moment, wenn der Refrain einsetzt. Die Blicke, die Überraschung ist einfach zum Schreien schön. Manchmal sitzen Jungs im Publikum und ich sage meist vor dem Song: „Neulich hab ich Lilifee getroffen …“ Dann kommt schonmal ein: „Och nee …“ Aber dann gebe ich den Rat, erst abzuwarten bis zum Liedende und dann zu urteilen. Danach ist die Begeisterung immer groß, und auch Jungs singen begeistert mit.

Manchmal klopfen mir junge Mütter auf die Schulter und sagen: „Endlich, danke!!!“ Sie sind oft genervt von der rosa Klamottenfront, die ihnen beim Einkaufen gegenübersteht. Mädchen- und Jungs- Kleidung, ist doch Quatsch eigentlich. Manche Väter kaufen eins der T-Shirts mit dem „Ich hab die Schnauze voll von rosa“-Aufdruck für sich selbst.

Neulich kam ein kleines Mädchen und wollte wissen, ob ich Lilifee wirklich getroffen hätte. „So wirklich, wie es sie gibt!“, habe ich geantwortet, und sie hat wissend gelächelt.

 

Ist ‚Ich hab die Schnauze voll von rosa‘ überhaupt ein Kinderlied?

>> Eine gute Frage. Was ist ein Kinderlied? Was macht ein Lied zum Kinderlied? Ich glaube, dass es Kindern gefällt, dass sie sich damit identifizieren können oder dass es einfach nur witzig ist und zum Mitsingen einlädt. Das schafft meine Lilifee!

 

Vielen Dank an Suli Puschban mit Grüßen aus der Rosa-Hellblau-Falle :)

 

 

Ist die Debatte um den EqualPayDay überholt?

Der PayGap sei eine Mär, die Debatte rund um den Equal Pay Day sei überholt, es sei doch eigentlich (wenn überhaupt) ein Kinder-Gap, eine Benachteiligung derer, die der Familie wegen zurücktreten, egal ob Mann oder Frau. (Quelle Fokus; Quelle DieZeit; Quelle fischundfleisch)

Doch erst gestern noch habe ich einen Tweet meiner Timeline weiterverbreitet, über eine Studie mit dem Fazit: Steigt der Frauenanteil, sinkt der Lohn, „Wo viele Frauen beschäftigt sind, meinen Arbeitgeber offenbar, weniger zahlen zu müssen.“ (>zum Artikel)

Auffällig auch: Wer den PayGap als verlogenen Rechenfehler outen möchte, lässt Studien zu Gender Status Beliefs völlig außer acht (z.B. das Heidi Roizen-Experiment). Und sollte es tatsächlich keine glaubwürdige Gegenstudie geben zur Aussage, Frauen ohne Kinder spürten so gut wie keinen #PayGap (0-2% Lohnlücke), so ist doch die Aggression zwischen den Zeilen erstaunlich: Lüge, feministische Rechentricks, können nicht logisch denken, Ideologie…

Sagen wir also, es gibt gar keine ungleiche Bezahlung zwischen Mann und Frau, ignorieren wir also den Renten-PayGap von 60%, der sei eben verursacht durch Teilzeit und Ehegattensplitting und hätte nichts mit ungleicher Bezahlung zu tun. Lassen wir auch mal außen vor, dass Männer früher und in größerer Zahl in Führungspositionen landen, selbst in Bereichen, in denen mehr Frauen arbeiten (z.B. Kita), dass Auszeiten wegen Kindern bestraft werden, dass (unsichtbare) CareArbeit (zu 80% von Frauen ausgeführt) in unserem Lohnsystem nur wenig zählt. Was bleibt: der Verdienst in MINT-Berufen ist höher als in Berufen mit geisteswissenschaftlichem Studium, und wer Steine hebt bekommt eine Zulage, wer dagegen Menschen hebt, der_m ist das in die Wiege gelegt. Und so werden mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Gendermarketing Puppen wieder verstärkt als Mädchenspielzeug und Technikbaukästen als „Jungsinteressen“ verkauft – und die Mehrheit der Erwachsenen stimmt dem zu.

bügeln

In der Debatte um den PayGap heißt es dann:

Wenn all das trotzdem kein Anlass sein soll, an einem EqualPayDay auf einen PayGap aufmerksam zu machen, weil doch die Ursache – nur? – in den Rollenbildern liegt, es ein FamilienGap ist, ein Sich-um andere-KümmernGap, beruflich wie privat. Dann bleibt doch trotzdem: das Gap. Das Weniger-Rente-Gap, das weniger Geld-zur-Verfügung-Gap, das Weniger-Mitspracherecht-durch-weniger-gut-dotierte-Stelle-Gap. Warum also die Gegenwehr? Warum nicht Vorschläge, wie die Misere so formuliert und thematisiert werden könnte, dass es keine Missverständnisse darum gibt? Dass wir uns gemeinsam dran machen könnten, diese Lücken, wie auch immer eins sie benennen möchte, zu verkleinern?

Und nur mal so nebenbei: Bloß weil es eine stichhaltige Erklärung für einen Missstand gibt, bedeutet das schließlich nicht, dass die Ungerechtigkeit damit aus der Welt sei, sie ist immer noch vorhanden.

Die gute Nachricht: Wer sich also an der Berechnung des EqualPayDay, dem Vergleich des bloßen Bruttoeinkommens stört und lieber über Rollenbilder sprechen möchte, kann sich ja gerne in Zukunft auf den –> equalcareday.de konzentrieren.

Die schlechte Nachricht: auch beim GenderCareGap liegt die Ursache an der ungleichen Verteilung von Last und Lohn.

 

 

 

Gender Status Beliefs – #equalpayday

Gender Status Beliefs

Beitrag zum Equal Pay Day 2016, #EPD2016

Mit der Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich, mit der Zweiteilung der Menschen in Männer und Frauen ist eine Hierarchisierung verknüpft, die Männern mehr Macht, mehr Status und mehr Autorität zugesteht. Sie ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft und hält sich hartnäckig, obwohl die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die aktuellen Lebensumstände das in keiner Weise rechtfertigen.

Laut der Soziologin Cecilia Ridgeway wird Männern ein grundsätzlich größeres Grundvertrauen in ihre berufliche Leistungsfähigkeit entgegengebracht als Frauen. Entsprechend werden die Leistungen von Männern auch anders wahrgenommen als die von Frauen. Ihnen wird weniger Leistungsbereitschaft und -fähigkeit zugetraut, weshalb sie diese immer wieder neu beweisen müssen. Auch werden Leistungen von Männern stärker beachtet als jene von Frauen. Experimente haben zum Beispiel ergeben: Anonyme Texte werden von der Mehrheit männlicher Professoren höher bewertet, wenn behauptet wird, der Autor sei ein Mann, während Arbeiten von Frauen bessere Bewertungen erhalten, wenn das Geschlecht unbekannt ist. Ein ähnliches Phänomen hat Auswirkungen auf die Besetzung politischer Ämter. Müssen sich Wähler_innen zwischen einem Mann und einer Frau entscheiden, tendieren sie eher zu einem vertrauenerweckenden Mann: »Wählerinnen bestätigten die kulturelle Erwartungshaltung, dass nur Frauen einen hohen Status verdienen, die gleichzeitig attraktiv und kompetent sind«, so Joan Y. Chiao, Professorin für Psychologie an der Northwestern University. (Vgl. auch das Heidi/Howard Roizen-Experiment).

Birgit Sauer, Politologin an der Universität Wien, die sich mit dem Thema Frauen in der Politik auseinandersetzt, ist auf ähnliche Ergeb- nisse gestoßen. »Wenn Personen mehr oder weniger direkt gewählt werden, werden immer Männer bevorzugt und Frauen benachteiligt«, so ihre Zusammenfassung mehrerer international vergleichender Studien. »Sowohl Frauen als auch Männer wählen lieber Männer in die Politik, schlicht deswegen, weil sie glauben, dass es Männer besser können. Politik wird als Männergeschäft verstanden, Frauen und Männer glauben, dass männliche Politiker besser mit Macht umgehen können. Ausnahmen gibt es vor allem in Krisenzeiten, dann werden häufig Frauen an die Macht gewählt«, sagt Birgit Sauer. So habe Angela Merkel es leichter gehabt, eine von Korruptionsfällen gebeutelte CDU zu übernehmen, denn eine Frau sei sauber und könne damit nichts zu tun haben. Doch genauso wenig wie Barack Obamas Wahl zum Präsidenten ein Zeichen für einen grundlegenden Wandel im alltäglichen Rassismus in den USA war, läutete die Tatsache, dass Deutschland in Angela Merkel zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin hat, den Beginn der Gleichstellung in den Vorstandsetagen oder gar in Kindertagesstätten ein. Der ›Gender Status Belief‹ hat zur Folge, dass mehr Männer als Frauen politische Ämter besetzen. Männer sind die »Bestimmer«, wie Kinder sagen, denn wir als Bevölkerung wählen sie häufiger in Positionen, in Rollen und Funktionen, in denen Entscheidungen getroffen und die Regeln festgelegt werden, die unser Miteinander beeinflussen. Die Situations- und Trendanalyse der EU »Frauen und Männer in Entscheidungspositionen 2007« vergleicht in den drei Hauptbereichen Politik, Wirtschaft und öffentlicher Dienst das Verhältnis von Frauen und Männern beim Zustandekommen von Beschlüssen. Ob in nationalen Parlamenten, Regionalversammlungen, Regierungen, EU-Zentralbanken, obersten Gerichtshöfen oder wirtschaftlichen Führungspositionen, alle Gremien bestanden mehrheitlich oder ausschließlich aus Männern. Es sind dann also auch mehrheitlich Männer, die beschließen, dass Kindergartenkinder ihre Tage in Gruppen von über 25 Kindern verbringen, betont Melitta Walter. Diese männlich dominierten Gremien sind es, die »bestimmen, ob Väter Probleme am Arbeitsplatz bekommen, wenn sie den Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen wollen. Männer entscheiden überwiegend, wo unsere Steuergelder hinfließen, sie bestimmen, wie Städte und Siedlungsräume entwickelt werden, ob Kinderbetreuungseinrichtungen gebaut werden.«

Trotzdem würden auf dem Weg zu mehr Frauen in Entscheidungspositionen nur langsam Fortschritte erzielt, so die Zusammenfassung der Situationsanalyse der EU: Eine gesetzliche Geschlechterquote könnte zu einem schnelleren Wandel beitragen, »auch wenn der Einsatz derartiger positiver Aktionen nach wie vor umstritten ist«. Die Sprecherin des Deutschen Frauenrats, Ulrike Helwerth, ist überzeugt, viele Männer befürchteten bloß, bei einer tatsächlichen Gleichberechtigung Privilegien zu verlieren. Natürlich sieht, wer von Privilegien pro- fitiert, in aller Regel keinen Anlass, sie infrage zu stellen: Fast zwei Drittel aller Männer (64 %) sind einer Allensbach-Studie zufolge der Meinung, dass es mit der Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland mittlerweile reicht. 28 Prozent finden sogar, dass damit übertrie- ben wird. In der Sinus-Studie der Bundesregierung von 2007 über die Einstellungen 20-jähriger Frauen und Männer drückten junge Männer zwar ihre Sympathie für die Gleichberechtigung aus, doch sie kritisieren, dass Gleichstellung Frauenpolitik geblieben sei. Walter Hollstein, Soziologe und Gutachter des Europarats für Männerfragen, kritisiert, es gebe immer neue Fördermaßnahmen für Mädchen und Frauen, doch kaum welche für Jungen und Männer.

Männerpolitik wird überwiegend aus einer vermeintlichen Verlierersicht diskutiert. Die Jungen gelten als Bildungsverlierer, Männer seien beim Sorgerecht benachteiligt etc. Dabei ist es gerade männliches Festhalten an Privilegien beziehungsweise deren hartnäckige Leug- nung, die dazu führt, dass sie die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Aushandlungsprozess verlieren. Sie schwächen die Argumentation und Überzeugungskraft der Männer, wenn sie für ihre Söhne etwas erreichen wollen, gar Forderungen stellen. Wenn Männer mehrheitlich auf der gewohnten Machtverteilung beharren, fehlt ihnen schlicht die moralische Legitimation, Forderungen zu stellen, insbesondere an Frauen im Erziehungs-, Bildungs- und Pflegebereich.

Der Text ist ein Auszug aus Schnerring/Verlan. Die Rosa-Hellblau-Falle. Kunstmann, München 2014, S. 220 – 223

Fragen zum Equal-Care-Day

Wer springt ein, wenn „Not am Mann“ ist?

Fragen zum Equal Care Day am 29.Februar

 

Ein Kind kommt auf die Welt.

Foto: StarMama

Foto: StarMama

Wer begleitet die Schwangere? Wer übernimmt die Erstversorgung des Neugeborenen? Wer kümmert sich um die junge Mutter? Wer hat die ersten Kleider besorgt? Wer achtet darauf, dass mit dem Stillen / Trinken alles klappt? Wer ruft zuerst an, wird angerufen? Wer kommt zu Besuch? Wer bietet Unterstützung an? Wer kocht in den ersten Tagen und später? Wer wäscht und putzt und kauft ein, wer sorgt dafür, dass die Mutter sich im Wochenbett erholen, um sich selbst kümmern kann? Auf wen kann sich die neue Familie in dieser Situation wirklich verlassen? Und wenn schon Geschwisterkinder da sind, wer hat sich um die gekümmert während der Geburt und in den Stunden, Tagen danach? Wo waren sie untergebracht? Und wenn nicht alles gut ging? Das Kind krank ist, vielleicht beHindert, die Mutter noch länger medizinisch versorgt werden muss? Wer wäscht, wer badet, wer wickelt? Wer kennt die aktuelle Windelgröße und weiß, wann neue gekauft werden müssen? Wer bringt das Kind ins Bett? Wer singt, wer liest vor? Wer wacht auf und wer steht nachts auf, wenn es weint? Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer weiß, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht? Wer hat die Karten der Krankenversicherung im Geldbeutel, und wer geht zum Kinderarzt, zur Kinderärztin, ins Krankenhaus? Wer übernachtet dort auf der Liege? Wer weiß, wo das Nasenspray steht und welches Zäpfchen das richtige ist? Wer tröstet das Kind, wenn es sich weh getan hat, wenn es traurig ist? Wie wird getröstet, wenn es ein Junge, wenn es ein Mädchen ist? Wer wird liebevoll getröstet, und wem wird gesagt, er soll sich mal nicht so haben? Wer wird ermahnt, gut auf sich aufzupassen?

 

Babyschwimmen und Kinderturnen, Pekip und musikalische Früherziehung, Tageseltern, Kita, Baby-Sitter*in? Wer wählt aus, wer geht mit? Wer führt die Gespräche, macht Termine? Wer übernimmt die Eingewöhnung? Wer hat den Kinderanhänger am Fahrrad – und dann auch beim Familienausflug am Wochenende? Wer kümmert sich um die Verabredungen des Kindes? Wer telefoniert und vereinbart die Treffen? Wer bringt und holt ab? Wer geht mit auf den Spielplatz? Wer weiß, welcher Geburtstag ansteht, bereitet vor, bastelt Einladungen, besorgt die Geschenke? Wer weiß, welche Kleidergröße die Kinder haben? Breiter Fuß oder eher schmal? Wer kauft neue Hosen, und wer verkauft die alten auf dem Flohmarkt? Wer hat rechtzeitig neue Handschuhe gekauft, wenn es kalt wird? Wer packt für den Urlaub? Wer kümmert sich um die Haustiere, wenn es die Kinder vergessen? Wer geht mit zum Tierarzt? Wer geht mit zur Zahnärztin? Wer hat sich über die nächste Impfung informiert, wer weiß, wann sie ansteht? Wer weiß, wer noch kein Taschengeld bekommen hat? Wer kennt sich aus mit der Lineatur von Schulheften? Wer streicht die Schulbrote? Wer spült die Wasserflasche, die nach dem Wochenende noch in der Schultasche liegt? Wer weiß, wo der Turnbeutel liegt? Wer fragt Vokabeln ab? Wer erinnert ans Klavier Üben und schaut mit über die Schulter? Wer macht sich Gedanken übers Essen? Über die (eigene) Ernährung? Wer hält sich zurück, wer langt kräftig zu? Wer kocht? Wer sortiert die Wäsche? Und weiß, wann die Bettwäsche wieder gewechselt werden muss? Wer ist verantwortlich für welchen Bereich und wer muss mithelfen? Wie viel, bei welchen Tätigkeiten, mit welcher Selbstverständlichkeit? Wer kümmert sich um kleinere Geschwister? Von wem wird das ausdrücklich verlangt? Wer lernt, sich in andere hinein zu versetzen? Wer lernt, auf die Wünsche anderer zu achten? Wer lernt, seine eigenen Wünsche auch mal hinten anzustellen? Wessen Wünsche werden eher mal ignoriert?

 

Wer erklärt dem Kind die Welt, antwortet auf seine Fragen? Mit wem spricht es, wenn es Sorgen hat, wen fragt es, wenn es Rat braucht? Wie wird reagiert, wenn der Sohn Liebeskummer hat, und bei der Tochter? Und wenn die Eltern selbst Probleme haben, die auch die Kinder betreffen? Wie reden sie mit einer Tochter, wie mit einem Sohn? Wem fühlen Sie sich näher? Wie ist es bei Krankheit, Problemen in der Schule, Ärger, Sorgen in der Pubertät? Wer kennt die Freundinnen und Freunde? Wer fühlt sich verantwortlich? Wer ist ansprechbar, auch wenn der Zeitrahmen kaum Luft lässt? Wer redet mit den Lehrer*innen? Und zu welchen Anlässen? Wer geht auf die Elternabende? Wer lässt sich als Vertreter*in wählen? Und in den Gremien, wer übernimmt den Vorsitz? Und die Handy-Notfallnummer? Von der Mutter, vom Vater? Wer lässt alles stehen und liegen im Fall der Fälle?

Wer erlaubt sich, krank zu sein? Wer achtet auf sich selbst, auf genügend Schlaf, auf Ausgleich und Ruhephasen? Wer geht zur Vorsorge? Wer macht weiter, obwohl es weh tut? Wer redet über seine*ihre Bedürfnisse? Wer hält Monologe? Wer fragt, was die anderen brauchen? Was ihnen fehlt? Wer bestimmt in letzter Konsequenz? Auf welcher Grundlage?

 

Wer fährt zu den Großeltern? Wer sieht, was Opa fehlt? Wem vertraut er? Wer organisiert seinen runden Geburtstag? Wer begleitet Oma zum Arzt? Wen ruft sie an, wenn sie Hilfe braucht? Wer organisiert eine Pflegekraft und das Essen auf Rädern? Wer weiß, wie die Pflegekraft heißt? Ist es ein Mann oder eine Frau? Woher kommt sie? Wer stellt Fragen? Wer hört zu? Wer bleibt auf dem neusten Stand? Wer macht sich nachts Sorgen und kann nicht schlafen? Wer weiß, welches Medikament fehlt? Wer hilft beim Einzug ins Pflegeheim? Wer redet mit dem Pflegepersonal? Wer besucht, wer bringt was mit, sieht, was im Zimmer fehlt? Wer macht ein Spiel mit, wer singt, wer puzzelt, wer liest was vor? Wer füttert, wer wischt auf, wer wischt ab. Wer hilft beim an- und ausziehen? Wer bekommt die Vollmacht? Wer erbt? Wer bekommt die Unzufriedenheit zu spüren? Wer macht immer alles falsch? Wer steht über allem? Wer zahlt drauf? Und wenn jemand gestorben ist? Aus der Familie oder im Bekanntenkreis? Wer findet die passenden Worte? Wer druckst rum? Wer sucht den Kontakt zu den Hinterbliebenen? Wer zieht sich zurück?

Wer spricht ein Machtwort? Wer hält den Rücken frei?

 

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Was ist der Equal-Care-Day?

www.equalcareday.de