Archive by Author

U20 – Poetry Slam – Feature am 11.7.

Absolute Beginner

U20-Slams erzählen vom Erwachsenwerden

Radiofeature von Almut Schnerring und Sascha Verlan am 11. Juli 2014, 19:30 Uhr, Deutschlandradio Kultur

Poetry Slam hat sich in Deutschland längst etabliert als literarisches Veranstaltungsformat, bei dem Dichter und Poetinnen auf die Bühne treten und gemeinsam und gegeneinander um die Gunst des Publikums wetteifern. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es den Poetry Slam auch für Jugendliche und junge Erwachsene unter 20 Jahren als regelmäßige Veranstaltungen, als Workshop-Konzept und als externe Bereicherung des Literaturunterrichts an Schulen.
10 Jahre U20-Slams in Deutschland: Wer sind diese jungen Menschen, die sich ins literarische Getümmel werfen? Was treibt sie um? Warum brauchen sie überhaupt eine eigene Bühne? Warum treten sie nicht ganz selbstverständlich auf den erwachsenen Bühnen auf? Gibt es ein Mindestalter für wirklich gute Literatur? Es ist Poetry Slam, Sie sind das Publikum, entscheiden Sie selbst! Die Bühnentexte der ‚Absoluten Beginner‘ sprechen ohnehin für sich. Und die Dichterinnen und Poeten von zwei U20-Slams in Stuttgart und Bochum erzählen, was sie fasziniert an der neuen Form, die eigenen, ersten Schreibversuche einem unbekannten Publikum zu präsentieren.

 

Einladung zum Radiohören.

 

 

Jungen oder Mädchen? Gehörlose, Braunäugige oder Weiße?

Wodurch unterscheidet sich eine Tüte Chips ‚Nur für Mädchen‘ von einer Kekspackung ‚Nur für Weiße‘?

 

In seinem Vortrag auf TEDx: „Why we must go beyond pink and blue“ beschreibt der Spiel-Designer Jens Peter de Pedro einen McDonalds-Besuch am Drive-Through-Schalter, da werden Kunden und Kundinnen gefragt: „Haben Sie einen Jungen oder ein Mädchen im Auto sitzen?“. Denn Mädchen sollen ein Pferd, Jungen aber eine Rakete zu ihrem Burger bekommen. De Pedro weist darauf hin, dass die vergleichbare Frage: „Sitzen schwarze oder weiße Kinder in Ihrem Auto?“ undenkbar wäre. Das ließe sich weiter treiben:

„Sitzen in ihrem Auto Kinder mit Behinderung?“, „Sitzen in Ihrem Auto übergewichtige Kinder?“, „Kinder mit Essstörungen?“ „Gehörlose? Blauäugige? X-Beinige? Sehbehinderte? Homosexuelle?“ Damit die eine Gruppe ein anderes Spielzeug bekommt als die andere? Das würden wir uns nicht gefallen lassen, zurecht! Warum also akzeptieren wir dann schwarz-weißes Denken, wenn es um das Geschlecht unserer Kinder geht, um ihr Spielzeug, ihre Ernährung, ihre Interessen?

Wer Sexismus mit Geschlechtertrennung bekämpfen möchte, der handele wie jemand, der Rassismus mit Apartheid begegnet, so das Fazit einer Gruppe von Forscher*innen (unter ihnen zum Beispiel Lise Eliot, Autorin des Buches ‚Wie verschieden sind sie‘; ‚Pink Brain, Blue Brain‘) in einem Artikel über „Die Pseudowissenschaft der Monoedukation„: there is evidence that sex segregation increases gender stereotyping and legitimizes institutional sexism.“

Was momentan in den Marketingabteilungen der Unternehmen ausgedacht oder schon längst umgesetzt wird, führt genau dazu: Geschlechtertrennung. Am Spielwarenregal, in Filmen, Büchern, Freizeitangeboten und vor allem bei Produkten, die „extra für Mädchen“ angeboten werden und Jungen explizit ausschließen – und umgekehrt. Es scheint nicht verwerflich, Chipstüten mit Verbotsschildern in die Regale zu reihen: die scharfen Chips sind für den „Männerabend“ und deshalb für Frauen verboten, die mild-cremigen dagegen sind für den „Mädelsabend“ und für Männer tabu. Ja, natürlich, ist ja nur lustig gemeint. Aber funktioniert es wirklich, die Abwertung, die in einer Aussage enthalten ist, unwirksam zu machen, indem man auf die ironische Absicht verweist? „War doch ironisch gemeint“ ist kein Garant für lustig. Denn nicht der Sender entscheidet über Inhalt und Wert einer Aussage, sondern der Empfänger. Jedenfalls ändert Ironie nichts an der Abwertung durch das rosa-hellblaue Warenangebot des Gendermarketing, das beide Geschlechter auf Stereotype reduziert. Sie fördert nur ihre Akzeptanz und verschleiert die tatsächliche Diskriminierung.

Natürlich bilden wir Kategorien, weil wir uns sonst verlieren im Alltag. Wir nutzen Kategorisierungen als Wegweiser, um schnell erste Informationen zu haben, wie wir uns verhalten müssen. Wir brauchen es übersichtlich. Doch dafür nehmen wir in Kauf, Menschen in Schubladen zu stecken. Oft können wir nicht anders, bei Chips und Spielzeug dagegen wäre es ein Leichtes. Wenn sich jemand nicht unserer Erwartungshaltung entsprechend verhält, also quasi der Beschriftung unserer Schublade z.B. für „weiblich“ nicht entspricht, dann sind auch wir Erwachsenen immer noch leicht zu irritieren. Wenn auf der Schublade „weiblich“ nun mal „hilfsbereit, kreativ, einfühlsam“ steht, was ja durchaus zu vielen Frauen passen mag, dann haben es die Frauen schwer, die mit diesen Etiketten nichts anfangen können und sich auch selbst anders einschätzen. Noch schwieriger ist es für Jungen, die genau diese angeblich weiblichen Eigenschaften haben, wenn sie auf Menschen treffen, deren „männlich“-Schublade beschriftet ist mit „stark, ehrgeizig, unabhängig“. Was dann passiert, nennt sich schlicht Diskriminierung.

Doch unser Bewusstsein dafür ist nur in bestimmten Richtungen wachsam. So würde ein Wissenschaftler in heftige Erklärungsnot geraten, wenn er verkündete, in einer Studie herausfinden zu wollen, ob Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht doch von Geburt an einfühlsamer sind als Menschen mit heller Haut. Oder ein Forscherteam, das untersuchen möchte, ob Menschen mit roten Haaren nicht doch genetische Anlagen haben, die ihnen helfen, sich im Raum zu orientieren, als Menschen mit blonden oder schwarzen Haaren, ob Homosexuelle besser rechnen können und logische Aufgaben schneller lösen als heterosexuelle Menschen?

Wenn wir hier Haut- und Haarfarbe beziehungsweise die sexuelle Orientierung ersetzen durch das biologische Geschlecht, dann scheinen wir damit kein Problem zu haben. Da scheint eine beständige Suche nach den Unterschieden völlig legitim. Warum eigentlich? Ist Sexismus weniger schlimm als Rassismus? Ableismus? Und Homophobie? Wie kann es eine derartige Übereinkunft darüber geben, dass Studien durch staatliche Fördergelder unterstützt werden, die weiter dazu beitragen, Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu verbreiten? Dass Werbung sich dieser Unterschiede bedient, sie weiter mit angeblich „natürlichen“ Eigenschaften und Interessen verknüpft und den Graben dadurch tiefer zieht? Wir nehmen hin, dass Überraschungseier, in denen Feen, Fingerringe und dünne Püppchen versteckt sind, mit dem Zusatz „für Mädchen“ beschriftet werden, was Jungen ausschließt und ihnen deutlich macht: Rosa und Feen passen nicht zu Jungen, also bist du irgendwie falsch, wenn du dich dafür interessierst. In der Buchhandlung stören wir uns nicht an Büchern mit der Aufschrift „Nur für Jungs“, und wir sind einverstanden, dass ein Getränkehersteller ein Produkt mit süßen Früchten „nur für Mädchen“ anbietet und sich mit einem Getränk aus sauren Früchten und Zusätzen wie „Abenteuer“ und „Monster“ explizit an Jungen richtet.

Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln „nur für Deutsche“ freizugeben ist verboten. Eine Werbeaktion „Kaugummi – extra für Türken“ würde einen Aufschrei auslösen … das darf nur Bülent Ceylan und auch nur auf der Comedybühne: Kaugummi mit Knoblauchgeschmack anzubieten, extra für den aufgeklärten Türken, damit er in seiner ultratraditionellen Familie nicht auffällt und anerkannt wird. Vielleicht ein Produkt nur für Katholiken? Das fühlt sich alles falsch an, bloß Gendermarketing soll richtig sein?

 

 

Die Rosa-Hellblau-Falle auf Deutschlandradio Kultur

… das hat uns sehr gefreut! Im Deutschlandradio kam heute eine Buchbesprechung der Rosa-Hellblau-Falle von Susanne Billig.

Nachdem wir in den letzten Tagen viele Gespräche geführt haben, die in Sackgassen geendet sind, ist es toll, mal wieder jemanden über das Thema und unser Buch spechen zu hören, die offenbar verstanden hat, was wir meinen, was unser Anliegen ist.

In der letzten Woche habe ich zum Beispiel von einem Kindergarten erfahren, in dem es einen extra Bereich für Mädchen gibt, damit diese auch mal vor den ach so wilden Jungs geschützt sind. Hallo? Ein ganzer Kindergarten und ALLE Jungs sind wild, und ALLE Mädchen brauchen Schutz? Dort hat offenbar noch niemand von überholten Rollenklischees gehört, und dass die Erwartungshaltung der Erwachsenen, wie Mädchen bzw. Jungen „nun mal so sind“, durch solch eine Regel an alle Kinder weiterverbreitet wird. Und später, wenn dann auch das letzte U2 Kind in die bereit gestellte Schublade passt, dann können alle Beteiligten sagen: Seht Ihr, wir haben’s ja gesagt. Kein Gedanke daran, dass Kinder es richtig machen wollen, dass sie dazugehören wollen und nicht mit Absicht anders sein wollen als ihre Freund*innen? Welcher Junge hat in so einer Umgebung noch die Chance, sich für Dinge zu interessieren, die durch das Kita-Team den Mädchen zugeschrieben werden? Welches Mädchen darf hier wild rennen, schubsen, laut sein, ohne zurecht gewiesen zu werden, ist schließlich untypisch und passt doch sowieso eher zu Jungs … ???

In einem anderen Kindergarten gab es letzte Weihnachten für die Jungen Merchandising-Autos aus dem Film ‚Cars‘ und für die Mädchen … Barbies! Kein Scherz! Ich wusste gar nicht, dass es die Plastik-Schlackse auch in Kitas gibt, ging naiv davon aus, die deutsche Kita sei ein Raum, wo jeder Gegenstand, bevor er gekauft werden darf, jedes Regal, jeder Stuhl, jeder Bauklotz auf seine Gefährlichkeit hin untersucht wird. Aber da geht es wahrscheinlich nur ums Ersticken und Runterfallen. Verschlucken am Schubladendenken wird hier wohl nicht als Gefahr eingestuft.

Harmlos dagegen die Anekdote einer Nachbarin: Deren Tochter antwortete im Kindergarten auf die Frage, was denn ihre Lieblingsfarbe sei: „Hellgelb“. Die Erzieherin darauf: „Nicht Rosa? Das ist aber ungewöhnlich.“

Zu diesen Beispielen passt mein Vortragserlebnis mit einer Gruppe Erzieherinnen. Ein Teil von ihnen war nämlich bis zum Schluss der Veranstaltung der festen Überzeugung, dass es zwar Werbung und Eltern echt übertreiben mit diesem rosa Spielzeug und der rosa Kleidung, dass sie selbst aber in ihrem Alltag mit Kindern völlig neutral handeln. „Was wollen Sie denn eigentlich von uns?“ – war eine Stimme aus dem Publikum, das doch eigentlich gekommen war, um einen Vortrag zu hören zum Thema „Geschlechtergerechte Pädagogik. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“. Eine andere meinte, ich hätte wohl ein etwas pessimistisches Weltbild. Dabei sollte ich vielleicht erwähnen, dass in einem Saal voller Erzieherinnen – wie so oft – nur ein einziger Mann saß. Aber auch das war an diesem Tag für manche nicht Beweis genug, dass Rollenklischees Teil unseres Alltags sind. „Bei uns? Niemals, die anderen sind Schuld!“ – praktisch, oder?

Tatsächlich gibt es eine aktuelle Studie, (Interview darüber in derstandard.at) die belegt, dass weibliche Fachkräfte mehr Unterschiede zwischen den Geschlechtern machen, weil sie für das Thema weniger sensibilisiert sind als Männer, die sich für den Beruf des Erziehers entscheiden.

Doch, es gibt auch die anderen Beispiele von Erzieher*innen, die kleine Jungs im Spiel mit dem Puppenhaus gegenüber ihren Müttern verteidigen und ihnen erklären, dass es hier um Interessen und Verhaltensweisen geht und keinesfalls um Homosexualität und die Frage, wen das Kind als Erwachsener einmal lieben wird. Es gibt sie, die Erzieher*innen, die Fortbildungen besuchen, die zum Beispiel am Projekt MAIK teilgenommen und/oder sich ins Thema geschlechtergerechte Pädagogik eingelesen haben. Und es gibt Kindertagesstätten, die die geschlechtergerechte Pädagogik als wesentlichen Teil ihres Konzeptes anführen. Nur leider haben solche Überlegungen bei den Begegnungen, die ich in den letzten Tagen hatte, so gar keine Rolle gespielt. Schade.

Vor diesem Hintergrund also herzlichen Dank an Susanne Billig für diese positive Buchbesprechung :-)  Hier geht’s zur Audioversion des Gesprächs, und hier der Link zu den Seiten des Deutschlandradio:

dlr

 

 

Hähnchen oder Ei ? Das Fleisch und unser Bild vom Mann

Beim Aufräumen der Inbox meines Mailprogrammes bin ich über eine alte Ankündigung des Burda-Zeitungsverlages gestolpert, da ging es um das Lifestylemagazin: ‚meet & eat like a man‘. Rezeptideen für starke Jungs. Auf dem Titelbild liegt was Schwarzes in einer Pfanne, darunter knackige Hinweise aufs Innere des Heftes: ‚Hot Chicks, hot Chocolate‘ und ‚Das schmeckt nach Profi‘. Mir vergeht zwar

direkt der Appetit, aber ist ja auch nicht für mich gemacht. Es richtet sich an Männer zwischen 25 und 45 Jahren, also reiche ich das mal an meinen Mann weiter. Und bei all dem betörenden Schokoladenduft, der demnächst durchs Haus ziehen wird, werde ich  bestimmt zur ultrahotten Chiquita. ‚Hot Chicks, hot Chocolate‘ … Menschen mit Familie können damit wohl nicht gemeint sein. Oder bezieht sich das irgendwie darauf, dass meine Kinder immer und zu allem Schokocreme essen würden, auch zu Hühnchen? Den Artikel übers Pizza Backen an Kindergeburtstagen suche ich jedenfalls vergeblich, auch eine Küchenaktion mit Kindern, zum Beispiel ‚Burger selbst gemacht‘, gibt es hier nicht. Dafür vielleicht ‚Die Turbo-Küche für wenn die Kinder gleich aus der Schule kommen, ich aber schnell noch meine Redakteurin zurückrufen muss‘? Fehlanzeige. Bei ‚meet‘ gibt es keine Kindergerichte, hier geht ’s nicht um den Vater in der Küche, sondern, lustiges Wortspiel mit dem englischen ‚meat‘: es gibt natürlich FLAaaaiSCH! Möglichst schwarz gebraten oder wenn nicht, dann eben blutig! Hauptsache keine Kompromisse!

Doch Stopp! Auch bei ‚meet‘ gilt die journalistische Grundregel: immer auch der anderen Seite Gehör verschaffen. Das wirkt seriös und erweitert zugleich die potentielle Leserschaft. Also kommt auch das Gemüse zu Wort: ‚Caesar – der einzig wahre Salat für Männer‘.SalatesserInnen

Gestern war nur die Modewelt nach Geschlechtern getrennt, heute wird schon das Gemüse in männlich-weiblich aufgeteilt. Warten wir noch ein paar Jahre, dann dürfen Frauen nur noch Beeren essen, die sind nämlich so schön rund und süß und mit rosa Saft drin. Das war schließlich früher auch nicht anders, sagte sich ein amerikanisches Forscherteam und überlegte weiter: da die Frauen ja schon immer fürs Beerensammeln zuständig waren (eine These, deren Wahrheitsgehalt umstritten und deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist) entwickelte sich im Lauf der Jahrtausende diese Vorliebe für rosa. Auch der gründliche Journalist Martin Wainwright fand das einleuchtend. In seinem Artikel für den Guardian erklärte er damit die natürliche Vorliebe von kleinen Mädchen für rosarote Kuchenglasur. Bei ihrer Ursachenforschung in der Steinzeit verloren er und auch die Wissenschaftler aus dem Blick, dass dann die jagenden Männer ebenso auf rosa anspringen müssten. Bei all dem roten Blut, das auf der wilden Jagd floss, und all dem blassrosa Fleisch, das sie da erbeuteten, hat doch bestimmt die Evolution auch dafür gesorgt, dass Männer heute gar nicht mehr ohne Rosa können. Sie kaschieren es nur vor sich selbst und den anwesenden Frauen, indem sie ihr Grillgut grundsätzlich schwarz durchbraten, und dazu gibt es dann Schwarzwurzel! Ist es nicht wunderbar, was sich mit den Jägerinnen und Sammlern alles beweisen lässt?

Schwarz muss es also sein. Deshalb wissen Männer am Turbogrill auch ganz genau, wie lange so ein Würstchen zu brutzeln hat oder das Stück Fleisch. Wenn die Zuständigkeiten und Gewohnheiten über den Haufen geworfen werden, gibt es eben Verwirrung: frau ruft also vom Salatbuffet herüber, dass die Würstchen doch schon längst fertig sein müssten … denk doch an die Kleinen, das ist nicht gesund. Die Würstchen sind nicht fertig, brummelt er in seinen imaginären Steinzeitbart und lässt sie grade zum Trotz noch ein bisschen länger auf dem Rost. Später am Tisch ist sie mit ihrem Stück Fleisch wieder nicht zufrieden, und er kann noch nicht einmal antworten: „Dann mach ’s beim nächsten Mal doch selber!“ Denn das macht sie in der Regel ohnehin, und spießig wie sie ist, muss sie ihm jetzt auch noch den Spaß am Feuer vermiesen.

Wenn die Welt tatsächlich so zweigeteilt und zerstritten ist, warum dann nicht konsequent auch noch beim Essen trennen? Wie früher in der Kirche: die Frauen sitzen links, die Männer rechts. Oder es gibt für Frauen und Mädchen einen separaten Tisch, an dem wird Milchreis serviert, Süßkartoffeln und lustige Veggie-Burger *kicher, kicher*. Plätze tauschen will keiner, dafür sorgt das echte Männeressen am Tisch nebenan: Männer-Knoblauch zum Beispiel und Männer-Bohnensuppe, mit Rülpsen und Furzen, und die Knochen werden einfach nach hinten geworfen. Betten und Schlafzimmer sind bis dahin sowieso längst getrennt, und ein paar Jahrzehnte später gibt’s dann auch keine Kinder mehr, dann hat sich die Rosa-Hellblau-Falle von selbst erledigt: man muss nur mal anfangen und die Dinge konsequent zu Ende führen, dann kommt die Freiheit ganz von allein.

Kochbücher für Ihn und für Sie

Damit wir uns diesem paradiesischen Zustand möglichst schnell annähern, gibt es reihenweise Bücher zum Thema ‚Eat like a man‘. Entweder sind sie ultimativ und knallhart und nach dem Motto: „Mir doch egal, wer das Chaos hinter mir aufräumt“. Oder es geht um schnell, einfach und ausnahmsweise, Titel wie: ‚Heute koche ich‘, ‚Null Bock, aber Hunger. Einfache Gerichte, auf die man Lust hat‘, oder das Foto-Kochbuch: ‚Schritt-für-Schritt, es geht auch einfach‘, für den, der keine Frau im Haus und dafür zwei linke Hände hat. Wehe einem Mann gelingt es einfach so, ohne Kochbuch, genug Nudeln für alle in den passenden Topf zu werfen und sie samt Soße und Gemüse, dafür ohne FLAaaaiSCH und Küchenchaos zu servieren. Dann aber besser Rollladen runter und nicht weitererzählen, die Welt hat schon genügend schlechte Vorbilder zu bieten. ‚Wenn sie zum Frühstück bleibt. Wir erklären, was MANN braucht, um auch am Morgen danach zu bestehen.‘ Die ‚meet‘-Chefredakteurin Anke Krohmer hat doch bestimmt ihren Job bekommen, weil sie weiß, wovon sie spricht, also was Frau so will, und wie Mann zu sein hat. Anke Krohmer hat entweder keine Kinder oder es gelingt ihr total gut, Beruf und Privat zu trennen. Ist ja sowieso besser, wenn frau das kann, oder?

Ich erinnere mich an ähnliche Geschichten und Fotos beim Magazin ‚BEEF! für Männer mit Geschmack‘. Das muss gut laufen mit dem Fleisch für Männer, sonst würde wohl kaum ein Verlag das Risiko eingehen und ein zweites Blatt zum selben Thema auf den Markt werfen. Auch bei ‚BEEF!‘ schon durfte das hintersinnige Wortspiel nicht fehlen. Beef heißt nicht nur Rindfleisch, sondern auch Ärger, Streit, Stress miteinander haben. ‚meet‘ bildet da den natürlichen Gegenpol, wobei allerdings bei all den Fleischbergen, die da aufgefahren werden, der Ärger vorprogrammiert ist. Da beißt sich das Hähnchen dann irgendwann in den Schwanz, denn Fleisch essen macht ja angeblich aggressiv.Floisch

Fleisch macht „Beef“, also Ärger

Das belegte eine Studie des Phia-Instituts in Washington 2008. Die Nahrungsmittelindustrie war hochgradig alarmiert, insbesondere über den letzten Teil der Studie, der davon berichtete, dass die Gewalttaten unter den Insassen eines Gefängnisses um 20% zurückgingen, als die Ernährung schrittweise auf nahezu fleischlos umgestellt wurde. Und so wurden in der Folgezeit dann eine ganze Reihe Studien veröffentlicht, die diese Erkenntnisse widerlegen sollten. Folgen wir aber der ersten Studie, dann führt regelmäßiger Fleischkonsum zu einer Absenkung des Serotoninspiegels, jenes Hormons und Bestandteils von Schokolade, dem sie ihren Ruf als Glücklichmacher verdankt. Dieser Mangel an Serotonin führt zu destruktivem Verhalten, übersteigerter Reizbarkeit und senkt die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben. Da haben wir’s, die These für den Streit mit den Maskulinisten, die das Testosteron heranziehen, um zu erklären, dass Männer nun mal aggressiver seien als Frauen und Jungs rabaukiger. Nein, es gibt keine genetische Prädisposition, es liegt bloß an den unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten. Schließlich essen Männer laut ‚Nationaler Verzehrstudie‘ doppelt so viel Fleisch wie Frauen – und außerdem weniger Schokolade.

Eine andere Studie könnte dem männlichen Fleischkonsum ganz schnell ein Ende bereiten. Eine Forschergruppe um Yi Rao vom National Institute of Biological Science in Peking hat herausgefunden, dass eine gestörte Serotoninproduktion bei Mäusemännchen zu bisexuellem Verhalten führt. „Serotonin scheint bei Säugetieren maßgeblich dafür zu sorgen, dass das andere Geschlecht als Partner besonders attraktiv scheint. Warum das so ist, bleibt jedoch noch offen.“, schreibt die Zeitschrift ‚Geist und Gehirn‘ dazu in ihrer Märzausgabe 2011. Ob die ‚BEEF‘-Chefredaktion davon schon erfahren hat?

‚Größer Grillen‘ sind die Aufmacher von ‚BEEF!‘, oder ‚Dicke Dinger‘. Also noch mal Fleischbeschau, Bildschirmfoto 2014-04-10 um 14.03.10großformatige Hochglanzfotos von Fleisch aus allen Blickrichtungen. Zur Abwechslung mal nicht mit Bikini-, sondern mit Grillstreifen. Auf jeder Seite gibt es immer noch plumpere Assoziationen zum jagenden, starken und natürlich heterosexuellen Mann. Das Heft ist voll von „scharfen Teilen“ (Messer und Radieschen) und wilden Kerlen in Wort und Bild. Zum Abschluss gibt’s eine Liste, die das ganze gequirlte Klischeedenken noch mal zusammenfasst: „So kochen Männer. So Frauen.“ Dass nur ja kein Zweifel aufkommt: Kümmert sich Frau ums Mittagessen, ist das eine spießige, kleinliche Angelegenheit, nicht nachahmenswert und nur zu entschuldigen, wenn es danach schmeckt wie bei Muttern. Steht dagegen Mann in der Küche, dann ist das eine lässige Tat, er macht das mit coolem Hüftschwung und ausschließlich zum Spaß:

„Er packt mit beherztem Griff das französische Schwarzfederhuhn am Hintern, spreizt vergnügt dessen Schenkel und steckt die Hand tief hinein. Sie greift vorsichtig zur Hühnerburst und zupft mit spitzen Fingern die Cellophanfolie von der Styroporschale.“ (BEEF! 10/12)

Mann hat also nicht mal in der Küche seine Ruhe. Sogar wenn er sich nur was zu Essen machen will, muss er sicher gehen, dass seine Männlichkeit und Heterosexualität nicht einen Moment aus dem Zentrum rückt, selbst toten Hühnern muss er sich beweisen.

Geschlechtertrennung am Grill

Das Thema könnte ich beim nächsten Grillfest doch mal ansprechen und zur Stimmungsmache ein paar Froschschenkel auf den Rost legen. Ich bin mir sicher, die Diskussion um Frösche und Schnecken würde schnell abgelenkt von der großen Frage nach Henne und Ei: „Lass das doch die Männer machen, die spielen nun mal gern mit dem Feuer“. Sagen die Frauen und stehen den ganzen Tag in der Küche, bereiten Salate, Soßen, Dips & Co vor. Sagt die Lidl-Grillstudie von 2012: 80% der Männer geben die Grillzange nur ungern aus der Hand und die Mehrheit der Frauen will sich sowieso nicht rußig machen. Für die einen trauriges Klischee, für die anderen beruhigende Bestätigung. Die Stuttgarter Nachrichten fassen selig zusammen:

„Vielleicht liegt es also an der trauten Einigkeit am heißen Rost, dass das Grillen bei den Deutschen wieder so beliebt ist. Denn wo sonst begegnet man solch einem perfekten Zusammenspiel von Mann und Frau? Auch beim Essen ergänzen sich beide Geschlechter, denn die Männer greifen beherzt zu allen Arten von Fleisch, während sich die Frauen an fettarmes Geflügelfleisch und gesundes Gemüse und halten.“

Die Kinder schauen zu, registrieren wortlos die Zuständigkeitsbereiche. Und wenn sie älter sind, übernehmen sie die Mär von den Genen und sagen Sachen wie: „Wir Frauen sind nun mal so.“ Denn wer nie die Ausnahme sieht, erkennt Regeln, wo gar keine sind. Beim Grillausflug an der neuen Schule werfen deshalb die Jungs Zweige und Quatsch ins Feuer, damit die Mädchen schon von weitem sehen: das ist Männer-Terrain, also fern halten, sonst wirst du zur Außenseiterin. Lustige Sprüche gibt es garantiert, und zwar ganz besonders blöde von den Vätern, die es besser wissen müssten. Väter, die durchaus Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber das offene Feuer beim Picknick macht natürlich ein Mann, das versteht sich von selbst, da wird nicht groß darüber geredet, das wird nicht besprochen, da wird nichts in die Runde gefragt, sondern das macht der Mann, der am nächsten am Steinkreis steht. Mache ich das mal, kann ich mich vor Tipps kaum retten. Dabei kann ich Feuer machen, ziemlich zügig sogar und mit großer Erfolgsquote. Aber immer öfter lasse ich es, weil es offenbar als eine Art Übergriff wahrgenommen wird, als verbotener Seitenwechsel: „Ach, machst Du das heute … *hüstel*“. Oder ist da womöglich gar keine Wertung drin, sondern rein sachliche Beobachtung? Ist es vielleicht sogar positiv gemeint, im Sinne von „endlich macht das mal eine, sonst muss ich immer“? Bin ich nur zu misstrauisch?

Anerkennende Kommentare sind eigentlich noch schlimmer. „Oho, ganz professionell, warst wohl bei den Pfadfindern!“ Ich wünsche mir einfach Selbstverständlichkeit, Routine im sich Abwechseln. So häufig, dass es keinen Kommentar mehr wert ist. Kein extra Zugucken und Abwägen: „Ääh, schau mal, vielleicht solltest Du hier links noch was nachlegen!“, sondern umdrehen und weiter Gurken schneiden. Oder schon mal die Würstchen auspacken. Frau Krohmers Autorenteam sagt dazu: „Würstchen kann jeder. Zwischen T-Bone-Steak und Riesengarnelen und Spareribs entscheidet sich, wer der König der Kohle ist.“ Verstehe.

Übertrieben? Stimmt ja alles gar nicht mit dem Fleisch und mit den Männnern? Nein? Hier die ganze Klischeeversammlung in einem einzigen Spot: *Der Pizzaburger*- die kratzig-rauhe Männerstimme sagt den Typen, wie das ist, wenn Mann echten Hunger hat. Salat und Blumenvasen und all der Weiberkram ist dann doof, ist ja klar.

Appetit-Verderber

Sieht so die Freiheit aus, die wir uns für unsere Kinder wünschen? Bloß weil es in unserer Generation nicht geklappt hat und es uns heute schwer fällt zuzugeben, dass wir vielleicht gar nicht so glücklich sind mit den Rollen, in die wir uns freiwillig-erzwungen hinein gelebt haben? Ist es da wirklich eine gute Idee, den Klischeequirl noch höher zu drehen? Mit aller Macht zu beweisen, dass ganz bestimmt alles Biologie und Genetik ist, dass wir nichts dafür und nichts dagegen machen können, dass wir machtlos sind. Ich meine, wir könnten es eigentlich besser wissen, und trotzdem lassen wir unsere Kinder in die gleichen Fallen laufen. Hat uns ja auch nicht geschadet, dann kann es für unsere Kinder so schlecht nicht sein. Wirklich? Warum schauen wir so gern auf das, was unsere vorgefertigte Meinung bestätigt, und nicht auf das, was uns eines Besseren belehren könnte?

Also bitte: Es gibt kein Mädchen, an dem ein Junge verloren gegangen ist. Birne Helene oder Strammer Max, Crepe Suzette oder Bauernvesper, Salat mit Putenstreifen oder HolzfällerSteak? –  lasst uns endlich einen Punkt machen mit der Zweiteilung nach Geschlecht. Die Zuweisung  zur männlichen bzw. weiblichen Schublade verdirbt uns sonst mehr als den Appetit!

 

Foto: Nukamari via photopin cc

Foto: Nukamari via photopin cc

————————–

Anmerkung:

Das ist einer der Texte, die es nicht ins Buch geschafft haben. Zu viel bashing… *g* Wer die Fleischinfos also lieber wissenschaftlich unterfüttert möchte, sachlichere Hintergründe darüber lesen möchte, „Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat“, findet die im gleichnamigen Kapitel „Strammer Max und Elfentrank“.

 

 Nachtrag im Oktober:

In engem Zusammenhang steht das Thema Körperbild und Diät. Wieviel darf ein Mädchen essen, und wann wird die Grenze bei einem Jungen gesetzt? Darum geht es im Kapitel 5 der Rosa-Hellblau-Falle: „Strammer Max und Elfentrank. Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat“. Hier ein paar Zeilen daraus:

>>So haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen, die im Rahmen einer Mahlzeit wenig essen, als besonders weiblich erlebt werden: Sie erscheinen attraktiver, besser aussehend und gefühlsbetonter. […] Ganz anders, wenn sie mal „ordentlich zulangt“, sagt die Ernährungs-Soziologin Monika Setzwein, die das Esseverhalten von Männern und Frauen untersucht hat. Zuschlagen und reinhauen gelte als männlich, es zeugt von Kraft und Gesundheit. Er hat einen „gesunden Appetit“, sie dagegen gilt schnell als „maßlos“, wenn nicht spürbar bleibt, dasss sie ihr Gewicht im Blick behält.<<

Hierzu kann man jetzt entweder sagen „So sind sie eben“ und „Boys will be boys“. Das erlaubt einem, sich zurückzulehnen und wegzuschauen. Oder man schaut hin, wie Mareice Kaiser, dann merkt man schnell, dass nichts davon Zufall oder gar angeboren ist. sie erzählt in ihrem Artikel „Kinder, Körper, Kommentare – nur für Mädchen?“  von den Reaktionen auf das Essverhalten ihrer Tochter. Es fängt also an, kaum, dass wir auf der Welt sind.

 

Flattr zur Rettung des Radiopuzzles

Seit diesem Monat gehören auch wir zu den Flattr-Freund*innen.

Gelesen hatte ich schon viel darüber, aber da ich es bisher unter dem reinen Kosten-Nutzen Aufwand betrachtet hatte, kam es nicht weiter in Frage. Und auch Sebastian Heiser von der taz schrieb nichts Gutes darüber: „Auf taz.de ist Flattr kein Button, mit dem unsere Leser den besten Journalismus unterstützen, sondern es ist ein Button für Häme und Schadenfreude“. Also was sollten wir damit.

Als ich jetzt von Sandra Müller, unterstützt von Nele Heise via Twitter einen Schubs bekam, habe ich nochmal nachgelesen, was andere so sagen, wie sie die Idee einsetzen, warum sie dabei bleiben. Und schon öfter habe ich interessante Artikel im Netz gelesen und mir überlegt, wieviel Recherchearbeit wohl dahinter gesteckt haben muss, habe gestaunt über Blogger*innen, die viel Zeit ins Schreiben stecken und hätte meine Wertschätzung gerne lohnender zum Ausdruck gebracht als durch eine Tweetempfehlung. Ob Flattr da der passende Weg ist, ist umstritten, und was Christoph Amthor darüber schreibt, gibt mir zu denken. Doch die Idee von Tobias Baier, Flattr-Einnahmen nicht als willkommenes Zubrot zu sehen, sondern für eine ganz bestimmte Aktion einzusetzen, fand ich gut, und sie scheint ja auch funktioniert zu haben.

Trotzdem und deshalb habe ich nun auch bei uns Buttons eingebaut, hier unter den Share-Buttons, klar, aber vor allem auf der Seite unseres QR-Radiofeatures „Kulturelle Störgeräusche. Wer hat das Sagen im öffentlichen Raum„.

Das Motto des QR-Radio-Projektes ist: „Verschenke ein Radiofeature“ – feel free to ad. Der QR-Code bietet die Möglichkeit, codedas Feature an passender Stelle im öffentlichen Raum anderen zur Verfügung zu stellen. Und wir hoffen natürlich, dass auf diesem Weg viele Menschen auf die Sendung stoßen und sich von ihr durch die Straßen führen lassen. Und wer daran besonderen Gefallen gefunden hat, kann sich, wie bisher auch schon, den QR-Code selbst ausdrucken und das Featuregeschenk so weiterreichen. Doch jetzt gibt es eben darüberhinaus noch die Möglichkeit, uns zu flattern :)

Als Neueinsteiger*in haben wir ja noch so gar keine Vorstellung, wo uns das hinführen kann, ob das bei einem symbolischen Schulterklopfer bleibt. Sollten sich aber viele über das Feature freuen, dann wollen wir uns davon keine Gummibärchen kaufen, sondern das Geld in zwei wartende Projekte stecken:

Wohin fließt der Flattr?

 

Foto: resolution ©Franz Pfluegl via fotolia.com #551433

Foto: resolution ©Franz Pfluegl via fotolia.com #551433

1) in die Rettung des Radiopuzzles:  Für Deutschlandradio Kultur haben wir 2009 ein interaktives und nonlineares Feature über das Puzzeln in allen seinen Bedeutungen produziert: „Puzzle im Kopf. Oder die Rästel unserer Wahrnehmung„. Umgesetzt ist die Idee mit dem Korsakow System von Florian Thalhofer. Sie lässt sich hier ansatzweise erkennen: www.radiopuzzle.de, doch leider funktioniert inzwischen die damals verwendete Methode, Bild und Ton zu kombinieren, nicht mehr, die einzelnen Clips werden nicht bis zum Ende gespielt und brechen einfach ab. Das Feature besteht aus 81 Puzzleteilen, die jedes einzeln repariert werden müssen. Wir freuen uns deshalb über Unterstützung, damit die Idee nicht verloren geht, ein Feature von den Hörer*innen selbst und individuell zusammenpuzzlen zu lassen, die es so bis zu dem Zeitpunkt nicht gab.

2) in ein zweites QR-Radio-Projekt: Für die Idee, ein Feature im öffentlichen Raum zu verorten, hatten wir uns mehrere Themen überlegt, eines davon hat der SWR mit dem oben beschriebenen QR-Feature umgesetzt. Doch das soll erst der Anfang sein, für das zweite Feature haben wir schon Aufnahmen gemacht, die Idee steht – auch wenn wir inhaltlich hier noch nichts verraten wollen. Eine Redaktion beim öffentlich-rechtlichen gibt es auch schon, doch die ist nur an der reinen, klassischen Audio-Version interessiert. Das genügt uns aber nicht, wir finden die Verknüpfung im Raum ganz wesentlich, die Zeiten des Wohnzimmerradios sind vorbei.

Flattr-Beiträge fließen also in die Umsetzung des Features für Internet und öffentlichen Raum, und wir freuen uns über Unterstützung, damit das Feature raus aus der Schublade kommt!

 

 

Kommunikations-Seminare „extra für Frauen“

Einladung zum Radiohören: Podcast der SWR2-Wissen Sendung „Rhetorik für Frauen. Was bringen Kommunikationstrainings

„Starke Frauen reden Klartext.“

„Sagen Sie, was Sie meinen – erreichen Sie, was Sie wollen!“

So oder ähnlich lauten die Titel von Ratgebern, die Frauen bei der erfolgreichen Kommunikation im Job unterstützen sollen. Zugleich bieten immer mehr Rhetoriktrainer*innen Kurse speziell für weibliche Berufstätige an. Denn frauentypische Sprechweisen und Körperhaltungen gelten als Karrierebremse: lächelnd geneigter Kopf, hohe Stimme, Konjunktive statt klarer Ansage. In den Workshops sollen Frauen lernen, die eigenen Kommunikationsmuster zu durchbrechen und bei Bedarf eine „Sprache der Macht“ einzusetzen. Aber können solche Bücher und Trainings wirklich Rollenstereotype aufweichen und das Verstehen verbessern? Oder zementieren sie eher Klischees? Wie wäre es stattdessen mit einer wertschätzenden Kommunikation unabhängig vom Geschlecht und ganz gleich, wer mit wem spricht.

Ein Radiofeature mit

– Peter Modler, Unternehmensberater und Leiter der Arroganz-Trainings® für weibliche Führungskräfte

– Cornelia Topf. Buchautorin und Kommunikationstrainerin

– Lann Hornscheidt. Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität Berlin

 

Zu den Seiten des SWR mit dem Link zum mp3-Download geht es *hier*

 

 

Rollenklischees „für Väter und ihre Söhne“

Über die Seite und Tweets von @ichkaufdasnicht bin ich auf dieses tolle Produkt des Kosmos Verlages gestoßen:

„Der einzig wahre Chemie-Experimentierkasten für Väter und ihre Söhne“

Experimentierkasten-kosmos

Da gibt es an sich nichts groß darüber zu schreiben, reiht der sich doch ein in die Liste der Produkte, die gerade zunehmend auf den Markt geschmissen werden und Geschlechtertrennung betreiben, dass einem schwindlig wird, denn Gendermarketing ist offenbar der aktuelle Hit unter den Werber*innen: Klebestifte in rosa, extra für Mädchen. Schnuller in rosa für die „Drama Queen“ und das Pendant dazu für den „Bad Boy“ in Schwarz.

Feentraum-Tee in Rosa, Monster-Alarm-Tee in grün. Eine Spiele-App zum Beine Rasieren und Schnittwunden pflegen. Und eben habe ich noch einen Tweet über eine Kochzeitschrift gelesen, die sich Mutti nennt, darin ein Rezept für „Das Männerbaguette“: Nach Logik des Gendermarketing verkündet der Name einen Belag mit FLaAaaaiSCH! (- mein völlig sachlicher Artikel zu dem Thema ist in Vorbereitung fertig –> *klick*).

Aber erst jetzt sind die Dominosteine in meinem Kopf alle gefallen und mir fällt auf: Experimentierkästen von Kosmos? Das ist der Verlag, mit dem wir ein Interview über ‚Gendermarketing‘ gemacht haben. Unsere beiden Gesprächspartnerinnen des Verlags waren ganz begeistert von diesem Thema (damals ging es noch um eine Radiosendung) und freuten sich, dass daraus sogar ein Buch werden soll. Als das Manuskript der „Rosa-Hellblau-Falle“ dann vorlag, haben sie das Interview zurückgezogen. Sie sahen sich in der abgetippten Version nicht getroffen, so verkürzt wirke das banal und altbacken. Dem konnten wir nicht widersprechen.

Anlass für das Gespräch war eigentlich die Buchreihe „Die drei Ausrufezeichen“, Detektivbücher für Mädchen mit Titeln wie ‚Betrug beim Casting‘, ‚Gefährlicher Chat‘, ‚Gefahr im Fitness-Studio‘,

Foto: kosmos

Foto: kosmos

‚Popstar in Not‘, Gefahr im Reitstall‘, ‚Duell der Topmodels‘. Wir wollten wissen, warum es eine rosa Antwort brauchte auf „Die drei Fragezeichen“, eine Buchreihe mit langer Geschichte und großem Erfolg, in der die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews das Rätsel des Superpapageis, des Karpatenhunds oder des Phantomsees lösen. Und obwohl die Cover schwarz und nicht rosa waren, die drei Fragezeichen darauf keine Gesichter hatten, und obwohl es um drei Jungs ging, besaß ich als Kind einige Bände davon, die anderen holte ich mir aus der Bücherei. Heute stehen sie im Buchregal meiner eigenen Kinder, und ich kann nichts Positives daran erkennen, dass sie nun plötzlich als Jungsbücher gelten sollen.

Wo Bob, Peter und Justus als kluge Experten knifflige Fälle lösten – natürlich, beim Bechdel-Test sind sie durchgefallen, aber warum agieren stattdessen in den Geschichten mit den drei Ausrufezeichen keine taffen Frauen, sondern Mädchen, die Aerobic-Stunden nehmen, sich über Pferde und Schminke unterhalten und sich für ältere Jungs interessieren? Brüder, Väter und Kriminalkommissare springen ein, wenn die Drei mal Hilfe brauchen. Aber gut, lassen wir das mal so stehen, denn das Interview wurde ja zurückgezogen, also landen die Zitate in der Tonne, die verraten, dass Mädchen sich nun mal dafür interessieren und der Verlag ja nichts verstärkt, sondern die Leserinnen nur bei ihren Interessen abholt.

Das darf ich hier schreiben, denn auf diese Antwort hat der Kosmosverlag keinen Alleinanspruch, das sagen nämlich alle, die auf Gendermarketing setzen oder es rechtfertigen: Die Frauen/Männer, die Mädchen/Jungen „bei ihren Grundbedürfnissen abholen“. Als ob es ein Rosa-Gen gäbe, und eins für Pferdeinteressen (uuups, ich selbst habe wohl einen Gendefekt, was ein Glück!) und noch eins fürs Schminken… Und nein, niemand, den wir dazu befragt haben, kein Unternehmen hält sich für einflussreich genug, um Stereotype festzuschreiben. Nach dem Motto ‚Die anderen machen das ja auch‘. Das sagen meine Kinder auch immer, wenn sie verhindern wollen, für den letzten Unsinn alleine zur Verantwortung herangezogen zu werden.

Das Gespräch war trotzdem sehr erhellend, und die Informationen über die Vermarktung von Büchern und Experimentierkästen konnten wir für unser Buch trotzdem verwenden. Zum Beispiel, dass auf Produkten, die sich an Mädchen und Jungen richten, entweder beide Geschlechter abgebildet werden oder aber sicherheitshalber nur Jungs. Dagegen funktioniere ein Experimentierkasten, der für alle Kinder gedacht ist, nicht, wenn darauf nur Mädchen abgebildet sind. Die können sich zwar mit Jungs identifizieren, aber andersherum sagen dann die Jungs ‚Iiih, da ist ja ein Mädchen drauf, das will ich nicht haben‘. Eltern und Großeltern haben sich dann sowieso schon dagegen entschieden. Soviel zum Thema Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Kein Wunder, dass „Du Mädchen“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen ist. Aber da geht’s ja nuuur darum, dass sich Kinder eben vom anderen Geschlecht abgrenzen, das sei ganz normal in dem Alter. Ja, von wegen. Das kann als Argument erst gelten, wenn auch „Du Junge“ zum Schimpfwort taugt, tut es aber nicht.

Abgrenzung bedeutet immer auch Gleichmacherei dies und jenseits der willkürlich gesetzten Grenze. DIE Mädchen im allgemeinen mögen nun mal…, Und Jungs sind eben meistens…  – so so! Erwachsene, die Spielzeug herstellen, bewerben und verkaufen, sollten Kindern helfen, sie zu überwinden, ihre Wertung zu hinterfragen. Stattdessen sorgen die Befürworter*innen des Gendermarketing immer schön weiter dafür, dass Mädchen und Jungen in ihren Schubladen bleiben und sich vom anderen Geschlecht abgrenzen. Warum? Weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Seit es die Drei Ausrufezeichen gibt, sind die Verkaufszahlen beim Verlag insgesamt gestiegen.

Immerhin finde ich den Kasten ‚für Väter und ihre Söhne‘ nicht mehr auf den Kosmosseiten. Die letzten verbleibenden Exemplare werden noch in ein paar Läden verramscht, und das geschieht ihnen ganz recht.

 

 

Din 824C – Falten, aber richtig

Einladung zum Radiohören! Auf SWR2 am 6. Juli um 14:05 – 15 Uhr

Read More…

Abschied nehmen von den Dingen…

… von der Not und der Kunst sich zu verkleinern.

Read More…

Unser Buch ist da: Die Rosa-Hellblau-Falle

„Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

… so heißt unser neues Buch. Heute ist es aus der Druckerei gekommen, wir haben gerade unser erstes Exemplar mit der Post bekommen, und am 26. Februar wird es in den Buchhandlungen liegen. Jetzt sind wir gespannt, wie es sich in der Welt der Bücher und Ideen behaupten wird.

Hier steht mehr über den Inhalt. Wir freuen uns über Austausch und Beiträge zum Thema Rollenklischees und Schubladendenken im Alltag mit und ohne Kinder.

Rosa-Hellblau-Falle-Buchcover