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Gedankenspiele

Was wohl anders wäre?

– in meinem Leben,

– in meinem Alltag,

– jetzt hier im Moment,

wenn ich ein Mann / eine Frau wäre?

In unseren Fortbildungen zu geschlechtergerechter Bildung stellen wir diese Frage(n) manchmal, um mit den Teilnehmer*innen ins Gespräch zu kommen. Natürlich gibt es keine richtige und keine falsche Antwort darauf, es ist rein hypothetisch, ein Gedankenspiel. Aber wenn alle bei sich bleiben damit, sich an Entscheidungen zurückerinnern, an Kommentare, an Argumente, verläuft das Gespräch danach sehr spannend, nachdenklich, manchmal traurig. Es sind sehr persönliche Antworten, manche sind schwer nachzuvollziehen (- erstaunte Rückfrage aus der Gruppe: „Ja, aber warum machst Du das denn nicht trotzdem?“), andere Geschichten haben alle so ähnlich selbst erlebt.

Wir wollen hier ist einen Ausschnitt aus den Antworten zeigen, denn sie machen spürbar, wie einschneidend die #RosaHellblauFalle für das eigene Leben sein kann. Wieviele sich mit etwas arrangieren mussten, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Verhaltensweisen, Interessen, Eigenschaften, Hobbys… Geschlechtern zugeordnet werden. Die Antworten zeigen, welche Folgen das hat. Und dass wir gut daran tun, bei Kindern nicht auf denselben Regeln zu bestehen, die uns selbst doch so stark in unserer Entwicklung beeinflusst und oft auch eingeschränkt haben.

Besonders berührt uns, wenn Leute erzählen, dass sie eigentlich einen anderen Berufsweg einschlagen wollten:

Eine Hebamme erzählte, sie wollte eigentlich Ingenieurin werden, aber Eltern und Familie hatten so große Zweifel, ob sie das als Frau wohl schaffen würde, bis sie irgendwann selbst nicht mehr an sich glaubte und einen ganz anderen Weg ging.

Ein Erzieher, Mitte 30, sagte, er wusste eigentlich schon als Schüler, dass er mal mit Kindern arbeiten möchte, und trotzdem sei er erst seit 2 Jahren in diesem Beruf, davor sei der Gegenwind aus seinem Umfeld zu stark gewesen.

Eine andere erzählte, sie würde so gerne Motorrad fahren, ihr Mann hätte auch eins, aber ein Elternteil müsse ja bei den Kindern bleiben, es sei ja ein gefährliches Hobby, und falls etwas passiert…

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Was wohl anders wäre, wenn ich ein Mann/eine Frau wäre?

Dieses Gedankenspiel ist nicht nur in der Gruppe interessant, sondern auch alleine oder zu zweit.

Wer möchte, kann hier nachlesen, was andere in ausführlicher Form darauf geantwortet haben oder auch selbst mit dem Hashtag #Wasanderswäre mitmachen. Dann freuen wir uns über einen Hinweis und Link darauf.

 

Christine Prayon: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

(Foto: Marc Hetterle)

(Foto: Marc Hetterle)

 

Christine Prayon ist Schauspielerin und Kabarettistin. Sie gehört zum Ensemble der ZDF-heute-Show, zur Comedystube in Tübingen und bespielt mit ihrem Soloprogramm die Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum. Hier antwortet sie auf die Fragen unseres Blogstöckchens #WasAnderswäre.

 

(Viele Menschen haben sich von unseren Fragen angesprochen gefühlt und darüber gebloggt; ihre Artikel sind *hier* verlinkt. Eine Übersicht über alle Gastbeiträge zum #WasAndersWäre-Projekt auf unserem Blog findet sich *hier*.)

 

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Ich müsste vielleicht nicht so oft unter Beweis stellen, dass ich was in der Birne habe. Vielleicht hätte ich auch für Einiges in meinem Leben nicht ganz so kämpfen müssen. Vielleicht hätte ich aber dafür einen ganz anderen Druck gehabt: Was weiß ich, wie sehr man sich als Mann genötigt fühlt, immer stark sein zu müssen. Jedenfalls denke ich, dass ich gelassener wäre, nicht so vorsichtig. Als Mann fühlt man sich bestimmt in mehrerlei Hinsicht nicht so oft bedroht wie als Frau.

(Foto: Matthes  Schrof)

(Foto: Matthes Schrof)

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Ich bleibe sehr lange freundlich und diplomatisch, selbst wenn längst ein anderer Ton angebracht wäre. Oder anders gesagt: Ich erlaube es mir nicht, auch mal hin und wieder ein Arschloch zu sein. Ich staple tief. Und wenn ich tatsächlich mal laut werde oder unverblümt meine Meinung sage, bin ich mir sofort bewußt, dass das gesellschaftlich gesehen gerade eine Grenzüberschreitung ist, und dass mir das als Frau mit Sicherheit übel genommen wird, wohingegen man ein solches Verhalten beim Mann generell als ein Zeichen von Stärke, Macht, Durchsetzungsvermögen sieht und ihn dafür bewundert.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Manchmal breche ich gerne mit den ungeschriebenen Regeln. Ich finde es dann wunderbar, ungeschminkt und mit Turnschuhen und Pulli zu erscheinen, wenn eigentlich adrettes Aussehen erwartet wird. Oder gerade als Frau in einer Männerrunde einen guten Witz zu machen und schlagfertig zu sein, obwohl darauf ja eigentlich die Herren abonniert sind. Oder ganz einfach im Alltag, im Gespräch mit anderen, egal ob Mann oder Frau: Da widerstrebt es mir, die mir (tatsächlich oder gefühlt) zugedachte Rolle des braven Mädchens zu spielen. Ich rede mit Leuten z.B. sehr gerne gleich über Politik, über die Welt anstatt über meine Beziehungen oder meine Befindlichkeit zu sprechen. Ich meide die typischen „Frauenthemen“, weil sie mich meistens langweilen, vielleicht aber auch gerade, weil ich Frau bin.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ganz klar: Frauen sind nicht komisch. Das ist ein Klischee, mit dem ich Tag für Tag konfrontiert werde durch meine Arbeit. Die Beeinträchtigung liegt sicherlich darin, dass ich permanent das Gefühl habe, dieses Klischee widerlegen zu müssen, dass ich Witzigkeit und Intelligenz (denn Witz hat ja vor allem was mit Intelligenz zu tun) ständig unter Beweis stellen muss.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

So sehr das Klischee, Frauen seien nicht komisch, mich in meinem Beruf beeinträchtigt, so sehr kann es aber auch von Vorteil sein, als Frau und eben nicht als Mann Kabarett zu machen. (Diese Vorteile sehe ich wohlgemerkt nur in inhaltlicher Hinsicht, niemals in wirtschaftlicher – sei es, was die Zahl der Engagements, den Grad des Erfolgs oder die Höhe der Gage angeht.) Wenn ich nicht gerade über Männer, Schuhe und Bindegewebe spreche, breche ich als Kabarettistin ja schon die Erwartungshaltung der Zuschauer. Das ist im Kabarett schon mal per se nicht verkehrt. Auf der Bühne ist es ja meine Aufgabe, Klischees und Vorurteile aufzuzeigen, zu hinterfragen, auch zu bekämpfen. Da kann ich nicht zuletzt auch als Frau in eigener Sache noch so viele Dinge ansprechen und bestenfalls durch Witz entlarven. Was Gleichberechtigung angeht, ist ja in unserer Gesellschaft durchaus noch Spielraum. Deshalb empfinde ich es neben all den tatsächlich immer noch vorhandenen Vorurteilen und Benachteiligungen, mit denen ich auch in meinem Beruf konfrontiert werde, vielleicht sogar gerade deswegen mitunter als Vorteil, Frau zu sein und das direkt auf der Bühne ansprechen zu können. Da bietet sich mir die Möglichkeit des humorvollen Widerstands. Das kann befreiend wirken, für mich und im besten Falle auch für das Publikum.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wollte jetzt direkt antworten: „Na klar, wenn ich mich mit Leuten z.B. über nicht geschlechterspezifische Dinge, über Politik, übers Weltgeschehen o.a. unterhalte, dann spielt es keine Rolle.“ Aber in dem Moment, wo ich das formuliere, merke ich, dass es wahrscheinlich unterschwellig doch immer eine Rolle spielt. Selbst in solchen Gesprächen schießt mir oft – wenn auch nur kurz – durch den Kopf „Oh, hoffentlich nehmen die mich ernst, wenn ich als Frau das sage.“ Also, irgendwie ist diese Unsicherheit und dieses Sich behaupten müssen gegenüber Männern offensichtlich doch ganz tief drin. Es ist wirklich eine gute Frage, ob es irgendeinen Bereich gibt, in dem das keine Rolle spielt. Vielleicht in sehr existenziellen Situationen.

Ich will, dass das keine Rolle spielt in vielen Bereichen. Dafür arbeite ich. Das ist sozusagen mein täglich Brot. Ich stelle mir manchmal vor, wie angenehm es wäre – klingt jetzt pathetisch – wenn wir einfach als Menschen miteinander sprächen. Aber da gibt’s noch viel zu tun. Manchmal frage ich mich, warum es diese Rollenvorstellungen eigentlich gibt. Wem nützt es, dass wir alle so denken?

 
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Über Christine Prayon gibt es ein Radiofeature, das wir 2011 für den Deutschlandfunk produziert haben: „Christine Prayon & Freunde“:

 
 

Andrea Meyer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag zum Thema Geschlechterrollen(-klischees) im Alltag, dieses Mal von

Andrea Meyer

Sie ist Spieleautorin und arbeitet im Umweltschutz. Sie lebt mit ihrer Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin. Auf dem Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org veröffentlicht sie zurzeit eine Reihe über ihre Erfahrungen als lesbische Co-Mutter in Berlin. Sie twittert unter @andreacmeyer.

andreameyer Kopie

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Als dicke lesbische Frau entspreche ich weder dem „klassischen“ Stereotyp von Frau oder Mann. Für das Bild von „Frau“ bin ich zu dick und zu männlich, für das Bild von „Mann“ bin ich zu weiblich. Als dicker Mann mit allen meinen sonstigen Eigenschaften würde das vermutlich insbesondere im Job weniger auffallen. Mein Einsatz für meine Familie würde hingegen positiver auffallen – wenn ich vergleiche, wie manche Hetero-Paare sich die Erziehungs- und Haushaltsarbeit aufteilen. Im Job hätte ich vermutlich leichter Karriere gemacht, weil es mehr Leute wie mich gegeben hätte und ich nicht so herausgestochen hätte. Ich hätte insgesamt weniger leidige Erfahrungen mit Sexismus machen müssen. Und ich hätte weniger strategisch sein müssen dabei, wann ich in einem Meeting etwas sage, um tatsächlich gehört werden zu müssen. Ich vermute, ich wäre in Bezug auf die Arbeit entspannter, würde aber vielleicht im Alltag mehr Druck bekommen, dass ich nicht der Norm entspreche.

Insbesondere als Jugendliche habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein. Die Jungen durften die cooleren Sachen machen, waren weniger „behütet“, wurden nach meinem Gefühl weniger reglementiert. Heute freue ich mich, dass ich „meine eigene Frau“ bin, um es mit Charlotte von Mahlsdorf zu sagen.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Vielleicht mit unseren Kindern schmusen? Da würde ich mir wünschen, dass ich das auch als Mann tun würde. Ich habe mit meiner Frau eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen – als Mann hätte ich sie geheiratet. Rechtlich ist es so, dass ich als Ehemann meiner Frau unseren Sohn nicht als Stiefkind hätte adoptieren müssen, sondern das Kind qua Gesetz meins gewesen wäre, auch wenn der leibliche Vater bekanntermaßen ein anderer Mann ist. Damit hätte ich mir und uns eine lange und kostspielige Prozedur gespart und unsere Kinder wären vom Tag ihrer Geburt an rechtlich abgesichert gewesen.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Es fällt mir schwer, hier nicht in Stereotype zu verfallen. Ich vermeide es, im Dunkeln durch schlecht beleuchtete Straßen oder Parks zu radeln oder zu laufen. Ich fahre nicht per Anhalter mit. Wenn ich allein unterwegs bin, weiß eigentlich immer jemand Vertrautes, wo ich bin. Ich uriniere nicht auf der Straße – das würde ich aber als Mann hoffentlich auch nicht tun.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Eigentlich durch alle Stereotype, wie Lesben sind, selbst wenn sie an manchen Stellen auf mich zutreffen. Das „Männerhasserin“-Attribut ist dabei vielleicht noch am lustigsten, weil absurdesten. Es ist aber auch extrem menschenfeindlich, weil Menschen, die andere hassen, unterstellen, dass ich das auch tue. Und dazu habe ich ehrlich gesagt weder Zeit noch Energie.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Ich hatte mich immer gewundert, ob es wirklich Frauen gibt, die „per Tränendrüse“ versuchen, Probleme zu lösen. Dann saß ich nach einem finalen Streit mit meiner direkten Chefin beim Personalchef und versuchte, ihm die Situation zu erklären. Und weinte, und konnte nicht aufhören. Er war offensichtlich leicht überfordert, holte Taschentücher und sagte etwas hilflos: „Das wird schon wieder.“ Und fand dann eine Lösung, wie es für mich weitergehen könnte. Ich glaube nicht, dass es ansonsten keine Lösung gegeben hätte, aber meine Tränen haben die Situation definitiv verändert.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich glaube das nicht bzw. nicht mehr. Bevor wir Kinder hatten, war ich da optimistischer. Aber wie schon Kleinstkinder in Gender-Rollen gedrückt werden, hat mich sehr desillusioniert. Ob nun Jungen mit leichtem Vorwurf in der Stimme zu hören bekommen, sie hätten ja (sehr) lange Haare, oder Mädchen, die sich durchsetzen, mit leiser aber bestimmter Stimme (und früher und öfter als Jungen) darauf hin gewiesen werden, das „man“ das nicht macht, ist da schon egal. Unseren Kindern verschiedene Perspektiven auf Geschlechtsrollen zu ermöglichen, ist definitiv eine der größeren Herausforderungen der Erziehung.

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Hintergrund zum Blogstöckchen #WasAndersWäre und Liste derer, die bisher mitgemacht haben.

Nora Gomringer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Mein Name ist Nora Gomringer,

ich bin Lyrikerin und leite als Direktorin eine staatliche Institution. Ich bin einzige Schwester meiner sieben Brüder. Rollenverwirrungen, Travestie, Horror, Körper und Versehrtheit, Theater, Selbstbestimmung und Mode interessieren mich als literarische Stoffe – ich glaube, das prädestiniert mich.

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

  1. Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich wohl anders erzogen worden von meinen Eltern, meiner Umwelt. Das hätte meine Wahrnehmung für die Welt und mich selbst geprägt. Ich hätte andere Freunde, anders gelagerte Komplexe, die sich wahrscheinlich weniger auf generell Körperliches beziehen würden, dafür auf meine Sexualität, meine Leistungsfähigkeit. Ich wäre kompetitiver, geradliniger, aufgeräumter, weniger pathetisch, weniger dramatisch, kontrollierter. Vielleicht wäre ich homosexuell und wenn hetero, wäre ich sicher eher oberflächlich. Ich wäre, je nachdem welche Erfahrungen ich gemacht hätte, sexuell freizügiger. Ich wäre sicherlich sehr daran interessiert, auszusehen wie Steve McQueen oder Paul Newman.

 

  1. Was tust Du nicht / welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann/eine Frau bist?

Weil ich eine Frau bin und dazu eine generell eher unsichere, überlege ich bei Dingen, die mir etwas bedeuten oder Handlungen, die weitreichende Konsequenzen haben intensiv, ob ich sie tun soll, tun darf. Weil ich eine Frau in Therapie bin, versuche ich, aktiv gegen dieses Auferlegte zu gehen und den erhaltenen Ratschlägen zu folgen. Ich glaube, dass ich mich als Mann nicht in Therapie begeben hätte.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Frauen seien schwach. Frauen seien von ihren Gefühlen geleitet und bisweilen beeinträchtigt. Frauen lebten für Männer. Frauen liebten Kinder und alle wären geborene Mütter. Frauen müssten schön sein, sich aktiv für ihre Beziehungen einsetzen, um nicht verlassen, ihre Beziehungen nicht beendet zu sehen. Frauen wären manipulierbar, Frauen manipulierten.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Wenn 10 Dichter bei einem Festival auftreten und nur eine Frau unter ihnen ist, ist diese Frau wie eine Oase. Ich war oft Oase. Mindestens Palme oder Kamel.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Beim Sex. Bei der Anbahnung ist es sehr wichtig. Beim Akt dann nicht mehr. Überall sonst und generell ist das Geschlecht viel zu entscheidend.

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#WasAnderswäre

—> Zur Liste aller Namen und Links derer, die bisher mitgemacht und geantwortet haben

und zum Ausangsartikel des Blogstöckchens.

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Anne Wizorek: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anne Wizorek, die auch in unserem Radiofeature zu Wort kam und die sechs Fragen dafür beantwortet hatte. Hier sind sie noch einmal alle in ungekürzter Form.

(Foto: CC-BY Anne Koch)

(Foto: CC-BY Anne Koch)

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien und lebt im Internet und Berlin. Sie ist Initiatorin des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei und Autorin des 2014 erschienenen Buchs „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute“. Auf dem von ihr gegründeten Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org schreibt sie zu Herzenshemen von Politik bis Popkultur.

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich das Haus verlasse, ist es für mich ist ein elementarer Bestandteil, dass ich Kopfhörer dabei habe. Nicht nur um Musik zu hören, sondern als Abgrenzung, um blöde Sprüche und belästigende Kommentare, auf der Straße eben nicht mitbekommen zu müssen. Das wäre also wahrscheinlich anders und sorgloser, wenn ich ein Mann wäre. Außerdem glaube ich, dass mir wesentlich mehr Menschen zuhören würden, wenn ich über Feminismus rede, weil das mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn solche Dinge von einem Mann gesagt werden. Es ist tatsächlich schwer, mir das vorzustellen, denn wäre ich Mann, würde ich mich überhaupt so mit Feminismus auseinandersetzen? Denn dann wäre ich ja in der privilegierten Lage, Sexismus auch einfach mal ignorieren zu können im Gegensatz dazu, wie ich es als Frau erfahre. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich dann ein feministischer Mann wäre, und dann wäre ich zumindest ganz schön genervt davon, wie unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch über Männer denkt.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Schminken vielleicht? Als Mädchen oder Frau besteht ja ein ganz anderer Zugang um sich auch über Schminke selbst auszudrücken. Dabei sollte Schminken natürlich weder als Muss für Frauen gelten, noch als „Niederlage“ gegenüber patriarchalischen Strukturen ausgelegt werden, wenn sie es ganz einfach gerne tun. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich als Mann ebenso schminken würde. Also wie es einerseits von Frauen erwartet wird, ist es andererseits für Männer ja total verpönt – weil es eben vor allem mit Weiblichkeit verbunden wird und so das patriarchalische Männlichkeitskonzept in Frage stellt.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Einfach sorglos aus dem Haus zu gehen und die Straße entlang, wenn es dunkel ist zum Beispiel. Also ich denke da schon auch immer noch drüber nach. Auch gerade in Bezug auf Freundinnen, wenn ich weiß, dass sie zum Beispiel ein Blind Date haben. Dann muss auch immer irgendwie eine Absicherung da sein, als dass sie einfach dort hingehen könnten. Sich in solchen Situationen keine Sorgen wegen der körperlichen Sicherheit machen zu müssen, das fehlt.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Was mich immer wieder irritiert, ist wirklich, wie viele Menschen nicht damit klarkommen, wenn Frauen mal nicht nett sind. Das wurde ja auch im Rahmen von #aufschrei nochmal ganz deutlich: Frauen dürfen sich nicht beschweren, denn dann wird es so empfunden, dass sie nur am Meckern und am Rumnölen sind. Frauen haben im Grunde keine legitime Position, um einfach mal sauer über Ungerechtigkeiten sein zu dürfen, sonst sind sie gleich hysterische Zicken, hässliche ungeliebte Männerhasser und was weiß ich nicht alles. Also entweder du hältst die Klappe, dann musst du es eben ertragen, was scheiße ist, oder du regst dich auf, und dann kriegst du die Kritik: „Du regst dich ja immer nur auf!“. Dass das so durch diesen sexistischen Doppelstandard ausgehebelt wird, ist sehr anstrengend. Und ich finde es auch immer wieder krass, wie das bei Männern gewertet wird: „Ja, der haut halt mal ordentlich auf den Tisch, der hat die Hosen an und der sagt halt, was Phase ist!“ Aber wenn Frau das macht, dann ist es einfach nur nervig und sie soll sich mal nicht so haben und nicht so hysterisch sein.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Als ich mal mit meinem Fahrrad unterwegs war und nicht auf dem Radweg fuhr, weil da Glasscherben lagen – Willkommen in Berlin! – und ich dann aber von einer Fußstreife, einem Polizisten angehalten wurde. Der war kurz davor, mir eine Geldstrafe deswegen zu verpassen, legitim, weil ich ja auf dem Bürgersteig gefahren bin. Aufgrund der Tatsache, dass ich so perplex war, hatte ich echt so ein bisschen feuchte Augen und war ziemlich durch den Wind. Und ich fürchte, da hat tatsächlich dieses Mädchenschema gegriffen, dass er dann doch noch ein Auge zugedrückt hat und meinte: „Ja, aber beim nächsten Mal nicht mehr!“

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wünsche mir das, und ich glaube, dass es auch durchaus möglich ist, aber so wie wir alle erzogen und geprägt sind und wie das so viele Aspekte des Alltags durchdringt, glaube ich, ist das derzeit leider nicht möglich. Es spielt ja selbst eine Rolle, wenn ich mich im Internet zum Beispiel in einem Chat als Mann ausgebe, damit ich sonst in Ruhe gelassen werde. Also insofern gibt es solche Räume, glaube ich, leider gerade nicht.

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–> Wer gerne weiterlesen möchte, >hier< geht es zur Liste derer, die am Blogstöckchen #WasAndersWäre teilgenommen haben.

#WasAndersWäre – eine Zwischenbilanz

Edit:
Einige der Blogs, die sich von unseren #WasAndersWäre-Fragen angesprochen fühlen, vertreten eine Haltung, die definitiv nicht unserem Weltbild entspricht. Doch wir sind Verfechter*innen der Gewaltfreien Kommunikation und fast immer hoffnungsvoll, dass sich mit letzterer auch zerstrittene Parteien an einen Tisch holen lassen. Aus gegebenem Anlass deshalb hier unsere Meinung zur Kommentarfunktion und zum Vorwurf der Zensur. Bitte *hier weiter*

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Wer hätte gedacht, dass sich Antifeminist*innen für unser Blogstöckchen interessieren? Dass sie es spannend finden, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was anders wäre in ihrem Leben, wenn sie eine Frau wären. Schade, dass manche in ihren Antworten Häme und Stereotype von DER Frau und DEM Mann an sich verbreiten, denn genau in dem Punkt, nämlich bei der Frage „Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?“ sind sich (überraschend?) im Grunde alle einig.

Christian beispielsweise antwortet:

„Das Klischee des gefährlichen Mannes: Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewusstes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.“

Und Matze stimmt ihm in einem direkten Kommentar zu:

“Das Klischee des gefährlichen Mannes. – Ja, so einen Scheiß durfte ich letztes Jahr in einer Zugfahrt erleben. Da war eine Mutter mit zwei Kindern, wahrscheinlich Grundschulalter, unterwegs. Sie saß mit ihrer Tochter auf einem 2er-Sitz, und der Sohn saß alleine auf dem 2er-Sitz daneben. Der Zug war ziemlich voll, ich wollte sitzen, um noch ein bisschen zu lesen, und fragte ob der Platz frei wäre. “Ja, ist noch frei”. Hab dann noch angeboten mich ans Fenster zu setzen. Also hingesetzt Buch rausgeholt und gelesen, sonst nix gemacht, saß auch nicht auf seiner Hälfte oder sowas. Während der ganzen Fahrt hat die Mutter dann immer übermäßig viel Acht auf ihren Sohn gegeben. “Ist es da okay?”, “Willst du lieber hier sitzen?”, “Alles gut?”. Fast im Minutentakt. Das war ein richtiges Scheißgefühl.“

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen. (Ich denke, ich weiß, wovon die beiden reden, ich durfte selbst meine Erfahrungen mit dem Generalverdacht machen.)

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. Wie hat es Dirk Engehausen, damals Europachef von Lego (heute Schleich), in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ausgedrückt: „Bei Jungs geht ’s eher darum, den Schwächling zu besiegen und auszuschließen.“ Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Um also nur ein Beispiel aus den Antworten über einengende Klischees herauszugreifen:

-> Viele Frauen fühlen sich unwohl, haben Angst, wenn ein Mann hinter ihnen läuft, sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, nehmen lieber ein Taxi, fahren mit dem Bus oder haben Pfefferspray, einen Schlüssel zwischen den Fingern …

-> Und viele Männer fühlen sich dadurch zu Unrecht verdächtigt, denn mit ihnen persönlich im Rücken habe frau ja nichts zu befürchten, ihre Angst sei also unberechtigt, ungerecht.

 

Sind nicht beide Perspektiven nachvollziehbar? Braucht es hier wirklich eine Auseinandersetzung darum, wer Recht hat, wer mehr Recht hat? Oder wäre es nicht im Interesse aller, wäre es nicht an der Zeit, an diesem Männlichkeitsbild etwas zu ändern, da es zum einen nicht mit dem Selbstverständnis vieler Männer übereinstimmt, und zum anderen von vielen als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit empfunden wird?

Rollenzuschreibungen scheinen für viele solange akzeptabel, solange sie nicht auf die eigene Person bezogen sind. Betreffen sie einen selbst, sind sich alle einig, dass Klischees einengen. Niemand will aufgrund eines Etiketts, einer Kategorie beurteilt werden, egal ob sie Herkunft, Alter, Geschlecht o.a. betrifft. Doch wenn es um andere geht, soll plötzlich auch Positives an Verallgemeinerungen dran sein (praktisch im Alltag, war schon immer wichtig fürs Überleben, Kategorisierungen sind natürlich und notwendig …). Geht es also um einen selbst, ist das Individuum wichtiger, geht es um die Anderen (Stichwort „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“) kommt es auf deren Einzigartigkeit nicht mehr so an?

Die Antworten auf die vierte unserer sechs Fragen zeigen aber, dass wir alle unter Klischees und Vorverurteilungen leiden – vielleicht ist das für einige ein zu starker Ausdruck, aber uns doch unwohl fühlen. Warum überlegen wir dann nicht gemeinsam, wie wir von gegenseitigen Rollenzuschreibungen wegkommen? Wie wäre es, wenn wir gemeinsam als Gesellschaft dazu beitragen, dass sich unser aller Bild vom unabhängigen, coolen, kompromisslosen, allzeitbereiten, und für die Familie nur finanzielle Verantwortung tragenden Mann ändert? Vom Bild der empathischen, irrationalen, technisch unbegabten, sich für die Kinder aufopfernden, allzeit verführenden, aber letztlich passiven Frau? Denn wozu führt eine Schuldzuweisung, die das jeweils andere Geschlecht oder einen wie auch immer definierten „-ismus“ dafür verantwortlich macht, diese Bilder in die Welt gesetzt zu haben und weiter diskriminierende Stereotype zu reproduzieren? Sind es nicht vielmehr Menschen, z.B. in Entscheidungspositionen in den großen Medienhäusern, in den Marketingabteilungen und Forschungsinstituten, die konkret Einfluss nehmen darauf auf das Bild vom „echten“ Kerl und der „typischen“ Frau? Wie wäre es, wir verwendeten nicht so viel Zeit und Energie für Erklärungsversuche, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind, und wer sie zu verantworten hat, suchen nicht wie Kinder im Streit nach den Schuldigen, sondern überlegen, wo die Überschneidungen sind, auf welche Ziele wir uns einigen können.

Vielleicht sollten wir uns als Erwachsene nicht so ernst nehmen und mehr auf die nächste Generation schauen: wie soll die Welt denn aussehen, in die Kinder hineinwachsen, in die hinein wir selbst alt werden? Eine Welt, in der zum Beispiel Jungen mit Puppen spielen können, ohne ausgegrenzt zu werden, sondern sich spielerisch einfühlen können in eine Welt, in der ihnen dann nicht voreilig das Sorgerecht entzogen wird. Eine Welt, in der alle wissen und gelernt haben, dass sich Väter genauso liebevoll und fürsorglich um ihre Kinder kümmern können wie ihre Mütter.

#WasAndersWäre – Saschas Antworten

#WasAndersWäre

Sascha Verlan

Wir hatten uns diese Fragen ausgedacht, um die vielen, so unterschiedlichen Menschen, die wir für unser Buch und die ‚Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ interviewt haben, auf einer gemeinsamen Gedankenebene zusammen zu führen. Auf dem Weg zum ersten Interview war ich alles andere als überzeugt … ob das wirklich gute Fragen sind? Würden sie sich in der Kürze eines Interviews sinnvoll beantworten lassen, oder bekommen wir doch nur Allgemeinplätze zu hören? Und da die meisten unserer Gesprächspartner*innen tagtäglich mit Genderfragen befasst sind: sind die Fragen überraschend und originell genug, dass da spannende, inspirierte Antworten kommen? Und ich musste mich tatsächlich erst selbst an diese Fragen gewöhnen, den richtigen Tonfall finden, die passende, der Situation angemessene Haltung. Die Fragen sind mit den Interviews gewachsen, ihre Relevanz wurde erst mit der Zeit deutlich.

Erst jetzt, nachdem wir die Fragen schriftlich in die Runde geschickt hatten, ist mir bewusst geworden, dass ich sie mir selbst noch gar nicht ehrlich beantwortet habe. Vielleicht war das notwendig, um in all den Interviews unvoreingenommen, persönlich beteiligt sein zu können, jedes Mal aufs Neue mitdenken, überrascht sein, empathisch, überwältigt auch von der ungefilterten Ehrlichkeit … auf jeden Fall ist jetzt die Zeit:

 

Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du eine Frau wärst?

Ich weiß nicht, ob ich als Frau auch drei Kinder bekommen hätte. Ich habe abgesehen vom Zivildienst und ein paar kleineren Jobs während des Studiums nie in einem festen Angestelltenverhältnis gearbeitet, war immer freiberuflich und wollte nie etwas anderes. Ich fürchte, dass ich als Mann so aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, dass Kinder in meinen beruflichen Plänen einfach keine Rolle gespielt haben, dass ich sie einfach nicht mitbedacht habe, als ich mich für diesen Weg entschied. Kinder zu bekommen, bedeutete für mich als Mann nicht diesen gravierenden Einschnitt. Der kam erst, als ich wirklich zur Hälfte für sie zuständig war, als mich die Elternschaftsstrafe ereilte, kinderlose Kollegen und Kolleginnen all die spannenden Projekte machen, für die mir die Zeit, mehr noch die Kraft fehlt. Im Rückblick denke ich, dass mir damals die Konsequenzen meiner Entscheidungen einfach egal waren, und wahrscheinlich hätte ich mir bei der Entscheidung für Kinder diese Scheiß-drauf-Haltung als Frau nicht bewahren können – wenn sie mir nicht schon viel früher abtrainiert worden wäre.

 

Was tust Du nur deshalb, weil Du ein Mann bist?

Ich rede wenig, schweige eher, und überlege oft viel zulange, ob und was ich sagen könnte. Ich mag keinen Small-Talk, weil ich das belanglos finde, vor allem aber weil ich mich in solchen Situationen fehl am Platz fühle, also unsicher und gehemmt. Ich hab das einfach nicht gelernt, nie lernen müssen. In unserer Familie hat meine Mutter das Reden für mich und für meinen Vater übernommen. Ich bin immer so durchgekommen.

 

Was tust Du nicht, welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann ist?

Die Frage bedeutet für mich: würde ich gerne etwas anders machen in meinem Leben und tue es nicht, weil es dem verbreiteten Männerbild widersprechen würde. Alles okay soweit. Aber ich gehe definitiv selten zum Arzt, und bisher ging ja alles gut :-) Ich lasse mir definitiv nur selten helfen bei was auch immer, frage ungern um Hilfe, nach dem richtigen Weg, im Zweifelsfall weiß ich ohnehin alles selbst am besten, auch wenn es nachweislich nicht stimmt. Ich externalisiere gerne meine Probleme, meist sind die anderen schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Ich weiß nicht, was davon individuell ist, es entspricht aber schon sehr dem männlichen Klischee.

 

Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Wir hatten für unsere jüngste Tochter einen Kita-Platz bis 14:00 Uhr. Und während morgens und am späten Nachmittag auch einige Väter in der Kita zu sehen waren, die ihre Kinder brachten und abholten, war ich um 14:00 Uhr dort der einzige Mann. Also war ich auch zuständig für die nachmittäglichen Verabredungen. Ich erinnere mich ungern an die Situationen an der Haustüre, wenn mancher Mutter klar wurde, dass meine Frau nicht da ist, dass sie Lili, Marlene, Tom, Jonas nun in meine Obhut übergeben würde. Da war ein kurzes Zurückzucken, ein Flackern im Blick, und auch beim zweiten und dritten Mal noch ein Unbehagen zu spüren, das ich verletzend empfand. Vielleicht war das auch nur mein eigener Film, meine eigene Unsicherheit und Prägung durch ‚Es geschah am helllichten Tag‘, vielleicht auch nicht. Es hat auf jeden Fall meine Freiheit und vor allem meine Unbefangenheit (im Umgang mit den Besuchsfreund*innen meiner Kinder, als sie noch klein waren) eingeschränkt.

 

Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es ein Vorteil ist, zur Gruppe der Männer zu gehören?

Ich war es, der unseren Sohn in die Kita brachte, als er eine Zeit lang Spaß daran hatte, Röcke und Kleider zu tragen. Uns war klar, dass die Scheu der Mütter und Erzieherinnen größer sein würde, mich damit zu konfrontieren oder die Entscheidung infrage zu stellen. Vielleicht, weil ich auch davor schon eher weniger Gespräche mit den vielen Frauen dort geführt hatte, weil ich unnahbarer wirke, eher eine Mir-doch-egal-Haltung ausstrahle. Und so war es dann auch. Unser Sohn konnte unbehelligt im Kleid in die Kita gehen und übernahm dort mit Freude beim Mutter-Vater-Kind-Spiel die Rolle der Mutter. An Tagen, an denen meine Frau ihn brachte, erzählte sie von Kommentaren anderer Eltern, die bei mir nie fielen oder die ich unbewusst ignoriert hatte.

Ein zweites Beispiel ist die (geschäftliche) Verbrüderung unter Männern. Ich weiß, wie dieses Wir-Männer-unter-uns-Spiel läuft, auch wenn es mir nicht gefällt. Da werden ein paar Namen in den Raum geworfen, die Reaktionen abgecheckt und wenn die richtigen Schlagwörter als Antwort kommen, ist der Auftrag unter Dach und Fach. Da braucht es keine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung, stattdessen ein bisschen Namedropping, ein kräftiger Händedruck und die Sache läuft. Über Inhalte wird dann später am konkreten Projekt diskutiert.

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich würde jetzt gerne sagen, dass das Geschlecht in Interviewsituationen keine Rolle spielt, wenn es nur um die Sache geht, um die Geschichte und Gedanken der Person, die mir da gegenüber sitzt. Aber bloß weil ich mich in diesen Situationen als das Medium, also geschlechtslos fühle, heißt das nicht, dass Geschlecht gerade keine Rolle spielt. Dass das Geschlecht gerade auch im Interview eine Rolle spielt, wurde mir vor allem in den Interviews zur ‚Rosa-Hellblau-Falle‘ bewusst. In den Gesprächen mit Frauen hatte ich stets das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen müsste, beweisen, dass ich auf der richtigen Seite stehe, soweit mir das als Mann eben möglich ist. Und in den Gesprächen mit einigen Männern musste ich diese Verbrüderungsversuche abwehren, weil ich eben nicht der Meinung war, dass die Marketingindustrie nur auf die Wünsche und Strömungen der Gesellschaft reagiert, sondern diese Wünsche und Bedürfnisse aktiv steuert. Nein, mir fällt keine Situation ein, in der Geschlecht keine Rolle spielt.

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Wer mit machen möchte,  >hier< gehts zum Blogstöckchen-Artikel

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Blogstöckchen #WasAndersWäre

 

(mitgemacht beim Blogstöckchen? –> Artikel gerne hier verlinken!)

Für das Radiofeature die ‚Lange Nacht der Geschlechterrollen‘ haben wir unseren vielen unterschiedlichen Gesprächspartner*innen 6 identische Fragen gestellt. Die Antworten gingen zum Teil in ganz unerwartete Richtungen, wurden persönlicher, empathischer, lustiger, trauriger … und vielleicht laden sie auch andere ein zum Nachdenken über Geschlechterklischees im eigenen Alltag und Lebenslauf. Wir freuen uns, wenn ihr sie beantwortet, aufgreift, euren Überlegungen anpasst, verändert, weiterschickt …  (Die Antworten von Anke Domscheit-Berg haben wir hier verschriftlicht, Sascha hat *hier* geantwortet)

Das sind unsere sechs Fragen, die wir nun als Blogstöckchen in die Runde werfen:

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
  2. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
  3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
  4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
  5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
  6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Wir reichen das Stöckchen an 6 Personen weiter und hoffen, dass sie es auffangen. Wenn es bei Dir angekommen sein sollte, dann verlinke doch bitte diesen Beitrag und wirf es weiter an andere Personen, für die das Thema interessant sein könnte.

Bitte verwendet den Hashtag #WasAndersWäre,

wenn Ihr darüber bloggt, twittert, facebooked…, damit wir Euch finden und verlinken können. Und verweist doch bitte auf diese Seite hier. Noch besser natürlich, Ihr schickt uns Euren Link direkt; wäre doch schade, wenn wir nicht alle hier versammeln könnten.

Nachtrag 5. Juni: Wir kommen leider nicht mehr hinterher, deshalb jetzt unten der Button >Add your link<

Wir schicken unsere 6 Fragen an die folgenden 6 Blogger*innen:

@Dr_Indie

@herrpfarrfrau

@dasnuf

@Mama_arbeitet

@DerPapaOnline

@mareicares

Dieses Blogstöckchen hat keine Frist und natürlich können alle daran teilnehmen, die sich von diesen Fragen angesprochen fühlen und Lust haben, Ihre Antworten zu teilen. Wir sind gespannt!

viele Grüße von Sascha und Almut

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#WasAndersWäre

hier die Antworten auf unsere Fragen:

–> von Anke Domscheit-Berg, @anked, Ihre Antworten hier als Gastbeitrag

–> von Christine Finke, @mama_arbeitet, sie hat hier geantwortet: mama-arbeitet.de

–> von @Robin_Urban auf robinsurbanslifestories

–> von @onyx auf onyxgedankensalat

–> von @tempovoyager auf Wolke Rosa

–> Katja Grach, @krachbumm_com auf krachbumm.com

–> @silkeplagge, @VerenaCarl und @estherlangmaack auf 40-something.de

–> @bee_jenni auf mrschaoslife

–> Sascha auf ich-mach-mir-die-welt.de

–> @ehrlichgesagt

–> munichs-working-mom

–> FalkSchreiber

–> Nicmag.de

–> nur-Miria

–> LuziaPimpinella

–> Paparockt

–> Charis auf wohlgeraten

–> Noch ein Gastbeitrag: die Antworten von Anne Wizorek

–> Mareice aus dem Kaiserinnenreich

–> Mama notes

–> Kolumne über #WasAndersWäre von Nils Pickert auf dieStandard.at

–> Karin von sweetsixty.de

–> Nicole von livelifedeeply-now

–> Feeistmeinname.de

–> Sonea-Sonnenschein.de

–> Große Köpfe

–> Inka auf blickgewinkelt

–> Hans auf tages-gedanken

–>

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Wir freuen uns sehr über die große Resonanz auf unsere Fragen!

Gerne wollen wir alle Beiträge hier versammeln, aber da wir sicher nicht alle gefunden und verlinkt haben, gibt es hier unten mit dem blauen Button >Add your link< die Möglichkeit, sich selbst einzutragen (ist unser erster Test mit inlinkz, bitten um Nachsicht, falls das noch Überarbeitung braucht).

Oder Ihr hinterlasst unten einen Kommentar und verlinkt auf diesem Weg zu Eurem Blog. Vielen Dank.

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„Ein bisschen gleich ist nicht genug“

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anke Domscheit-Berg. Sie ist Publizistin, Unternehmerin und Netzaktivistin mit den Schwerpunkten digitale Gesellschaft, Open Government und Geschlechtergerechtigkeit. 2015 erschien ihr zweites Buch: “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind”

Überall kriegt ein kleines Kind heute verklickert, was zu seinem Geschlecht gehört und was nicht. Und Kinder wollen Erwartungen erfüllen. Das heißt, sie wünschen sich tendenziell eher Dinge, von denen sie glauben, die passen zu ihnen und führen zu Akzeptanz in der Gruppe und nicht zu Ablehnung. Und Eltern wollen auch nicht nach Hause kommen mit einem Geschenk, bei dem das Kind eine lange Nase zieht und sagt: „Ich wollte was ganz Anderes haben.“ Das heißt, man erfüllt als Eltern Erwartungen, die Kinder haben, die sie aber von ihrer sozialen Umwelt quasi eingetrichtert bekamen. Und selbst, wenn man diese Effekte als Elternteile, Patentanten und -onkel oder Großeltern ignorieren will – wer in den Laden geht und versucht, heute etwas Anderes zu kaufen, der oder die hat es extrem schwer. Ich kann kaum Mädchenkleidung finden, die neutral ist, die kein schickimicki Gedöns drauf hat und nicht nach Prinzessin aussehen will. In der Spielzeugabteilung das Gleiche. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, aber es ist mit einem bestimmt fünf- bis zehnfachen Aufwand verbunden, alternative Dinge zu kaufen. Und diese beiden Effekte wirken wie eine Klammer: die eine Hälfte erzeugt die Nachfrage, die andere ist das extrem einseitige Angebot. Das ist ein sehr fataler Teufelskreislauf, der sich selbst verschärft.

 Außer Rosa noch nichts gesehen

 Als ich für meinen Sohn vor 14 Jahren einen Kinderwagen und Wickelutensilien gekauft habe, gab’s das vor allem in sehr praktischen Farben. Gerade Kinderwagen waren in der Regel irgendwie dunkelbunt, weil sie ja schnell dreckig werden. Es gab weder rosa Wickelsets noch rosa Kinderwagen. Wenn man heute in die gleiche Ladenabteilung geht, da findet sich das alles komplett gegendert: vom Windelset übers Fütterset bis zu diesen Bammelspielchen, die zum Spielen am Kinderwagen hängen. Und dann wird einem bei einem dreijährigen Mädchen erzählt, dass es Rosa halt schon immer gemocht hat, dabei hat es außer Rosa in seiner unmittelbaren Umgebung ja schon als Baby fast nichts Anderes gesehen! Vielleicht ein bisschen himmelblau am Himmel und ein bisschen grün an den Bäumen, aber alles was mit ihm selbst assoziiert wurde, war meistens irgendwie rosa. Und das hat für mich dann mit Freiheit oder Präferenzen gar nichts mehr zu tun, weil ein so geprägtes Kind gar nicht heraus finden kann, welche Farben ihm oder ihr gefallen.

 Ethischer Algorithmus

 Warum müssen Holzeisenbahnen mit Jungs assoziiert werden? Warum sollte ein kleines Mädchen damit nicht spielen? Es gibt keinen Grund dafür. Ich kann mir Gründe vorstellen, warum man Tampons unter „Frau“ einsortiert, aber zu Bauklötzchen und Holzeisenbahn fällt mir da kein Grund ein. Das ist doch eine unzulässige Einschränkung für Kinder! Da werden zum Beispiel in Online-Shops Filter eingebaut, wo gar keine hingehören. Da fängt für mich die Diskussion um die Ethik von Algorithmen an, denn diese Filter sind stark zu hinterfragen: an welchen Stellen machen sie Sinn beziehungsweise, wo schränken sie Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder ein? Diese stereotypen Zuschreibungen zeigen sich ja nicht nur im Spielzeugangebot, sondern in allem, was Kinder oder Heranwachsende umgibt, Erwachsene natürlich auch. Ob das Videospielzeuge sind oder Hollywood-Filme, Schulbücher oder Werbungen in Zeitschiften. Das ist eine massive Prägung, von der ich glaube, dass sie schlicht eine Folge des Kapitalismus ist, einer Marktgesellschaft, die einfach um jeden Preis versucht, immer noch mehr zu verkaufen, denn wir sind ja eine Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Wirtschaft immer irgendwie wachsen muss – was schon aus vielen anderen Gründen ein bescheuertes Konzept ist.

 Corporate Social Responsibility

 Dabei können wir es uns gar nicht leisten, dass die Einen sich kaum mit Mathe befassen, weil ihnen eingeredet wird, sie seien dafür zu doof. Oder dass andere sich mit bestimmten sozialen Fragen weniger befassen, weil sie denken, „Pflegearbeit ist uncool“. Das ist nicht nachhaltig als Gesellschaft und es beschränkt individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Man redet ja oft von diesem hohen Begriff „Corporate Social Responsibility“, also der Verantwortung, die Unternehmen in der Gesellschaft haben. Meistens meint man damit, man ist ein bisschen umweltfreundlicher, sponsert einen lokalen Sportverein oder kauft vielleicht ein Kunstwerk von einem prekären Künstler an. Eigentlich müsste diese Verantwortung aber viel weiter gehen, denn Unternehmen prägen, sie gestalten die Gesellschaft mit. Deshalb sollte zur „Corporate Social Responsibility“ auch die Frage gehören: mache ich mit dem, was ich als Unternehmen produziere und wie ich darüber kommuniziere, die Gesellschaft besser oder mache ich sie schlechter? Und die meisten Unternehmen entscheiden sich aktiv dafür, sie schlechter zu machen, nur weil ihnen das mehr Profit bringt. Denn dieses Thema ist keines, bei dem man sagen kann: „Ich bleibe neutral“, das gibt es nicht, für eine Seite muss man sich entscheiden.

Anke Domscheit-Berg Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

Anke Domscheit-Berg
Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

 

 

6 Fragen an Anke Domscheit-Berg:

Für unser Radiofeature im Deutschlandfunk ‚Die Rosa-Hellblau-Falle. Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ haben wir allen Teilnehmenden im Anschluss an die Interviews dieselben sechs Fragen gestellt und Ausschnitte davon ins Feature eingebaut. Die Antworten von Anke Domscheit-Berg auf die sechs Fragen hier in voller Länge:

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst:

Also für mich wären extrem viele Dinge anders. Ich bin ja DDR-sozialisiert und groß geworden mit einer Vorstellung, dass zum Beispiel arbeiten und Kinder haben keinerlei Widerspruch ist. Als ich dann aber bei einem westdeutschen Unternehmen arbeitete und ein Kind hatte, dann war das auf ein Mal ein Problem. Meine Umwelt erwartete von mir, dass ich zu Hause bleibe, jedenfalls nicht mehr Unternehmensberaterin auf Projekten bin. Und der Vater meines Kindes hat bei der gleichen Firma, im gleichen Job gearbeitet, für den hat sich in dem Punkt nichts verändert. Und das war für mich deshalb so eine extrem überraschende Erkenntnis, weil das mit meiner DDR-Erfahrung überhaupt nicht zusammen ging, und ich kannte weder Begriffe wie „gläserne Decke“ noch wie „Rabenmutter“, die hatte ich weder gehört, noch habe ich das Konzept verstanden. Und das, glaube ich, hätte ich als Mann ja einfach gar nicht mitgekriegt, sondern dann hätte ich genau mein Leben so weiter gelebt wie der Vater meines Kindes, der Montag bis Freitag auf Dienstreise war, und am Wochenende war er halt dann mal da. Nie hat ihn einer gefragt: „Wer kümmert sich denn um Dein Kind“ oder „Wie machst Du das denn mit der Familie?“. Und vielleicht hätte ich das als Mann ja auch so gemacht und genau wie er schneller Karriere gemacht, mehr Geld verdient, mehr Rentenbeiträge eingezahlt und würde jetzt viel mehr Geld haben, selbst als Oma noch. Vielleicht (das hoffe ich natürlich) hätte ich mir die Arbeit auch mit der Mutter des Kindes geteilt – aber selbst dann wäre es nur noch die halbe Belastung gewesen im Vergleich zu dem, wie ich es als Frau erlebt habe.

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ich war ja 15 Jahre in der Industrie und auch in Führungspositionen, und das ist tatsächlich so, dass man als Frau eine extrem schwierige Gradwanderung zu bewältigen hat. Denn einerseits erwartet man von einer Führungsperson bestimmte Verhaltungsweisen, die in der Regel identisch sind, mit dem, was man von einem typischen männlichen Mann erwartet, die man aber nicht mit Weiblichkeit verbindet. Das heißt, ich verletze als Frau immer ein Stereotyp, entweder das, das man mit Managern assoziiert oder das, was man mit Weiblichkeit assoziiert. Ich kann mir jetzt aussuchen welches. Also entweder bin ich Weichei-Managerin und dann eigentlich nicht führungsstark oder aber bin ich halt so eine eiserne Lady und dann aber total unweiblich. Es gibt grenzenlos wissenschaftliche Forschung dazu, die aufzeigt, dass man, wenn man sich führungsstark verhält als Frau, einfach nicht gemocht wird. Man wird abgelehnt, von Kollegen, von Vorgesetzen, und persönliche, menschliche Ablehnung führt auch zu einer Einschränkung bei weiteren Karriereentwicklungen. Viele Frauen können diese Geschichten erzählen, dass sie entweder den „Mäuschen“-Vorwurf kriegen oder den „aggressiv und karrieregeil“-Vorwurf kriegen – dazwischen gibt’s fast nichts. Diese Art der Gratwanderung war mir oft durchaus bewusst, wenn ich genau überlegte, wie ich auftrete und welche Formulierungen ich benutze, um eine gewisse Balance zu erreichen, weder zu unweiblich noch zu dominant rüberzukommen. Das ist ein beschissenes Spiel, aber als Frau hat man oft keine andere Wahl. Ich habe Männer oft darum beneidet, diese Art von Rücksicht nicht üben zu müssen, da es bei ihnen keinen Widerspruch zwischen stereotyper Männlichkeit und Managementkompetenz gibt.

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist:

Mir fallen ganz viele Dinge ein, aber es sind eigentlich eher traurige Dinge, weil es Freiheit einschränkende Dinge sind. Also ich würde nicht nachts durch irgendwelche Parks gehen, ich würde beliebige Umwege in Kauf nehmen oder Taxi-Geld verschwenden, auch wenn ich eigentlich prima hätte laufen können, ich würd’s einfach nicht tun aus Angst. Ich gehe durch bestimmte Unterführungen nicht. Ich gehe niemals mit lauten Kopfhörern mit Musik irgendwo im Dunkeln lang, weil ich dann nicht höre, wenn mir einer hinterher kommt. Ich habe dann immer die Lauscher ganz weit offen, um das mitzukriegen. Ich würde nicht (mehr) trampen. So gibt’s ganz, ganz viele Dinge. Ja, ich weiß, nicht alle Männer machen schlimme Sachen, ich weiß aber auch, dass zu viele Männer für zu viele Frauen gefährlich sind und dass ich versuchen muss, für mich das Risiko zu minimieren, auch wenn ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Man sieht auch keinem Mann an, wie gefährlich er werden kann. Und ich habe selber schlechte Erfahrungen gesammelt diverser Art, das ist also eine ganz reale Gefahr, die ist nicht bloß Theorie, das wird durch gruselige Statistiken ja auch jedes Jahr neu bestätigt.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ich habe mehrere sehr unschöne Erfahrungen auch mit direkter Diskriminierung in unterschiedlichen Arbeitsplätzen gehabt, unter anderem auch als IT-Projektleiterin, wo mir immer wieder suggeriert wurde, teilweise auch von Kunden, IT-Leitern, die mich noch nicht kannten, die dann so Panik äußerten, wenn ich angekündigt wurde als neue Projektleiterin, und meinten: „Kann die das überhaupt? Das ist doch eine Frau.“ und „Da sind doch nur Jungs oder Männer im Team, und da geht’s um X-Millionen Euro IT-Einkauf im Jahr, da darf doch nichts schief gehen.“ Und nach ein paar Wochen mich testen, wo ich dann so fachliche Sachen gefragt wurde, wie in kleinen Prüfungen, hießt es dann halt irgendwann: „Joa, die kann das ja doch und alles wieder gut. Wir sind ja jetzt entspannt.“ Aber ich habe das die ganze Zeit gespürt! Auf jedem neuen Projekt kam immer dieses subtile: „die kann das eigentlich nicht; die gehört hier eigentlich nicht hin“. Und das hat mich in meiner Arbeit behindert, weil es mir Stress verursacht hat, es hat mich unter Druck gesetzt, mir Angst gemacht hat und hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich nach 15 Jahren IT-Industrie neben anderen Gründen gesagt habe: ich will mir das einfach nicht mehr antun.

Krass fand ich auch, als mein Kind 6 Monate alt war und ich wieder arbeiten wollte. Und da hörte ich wirklich dieses: „Was?! Du willst schon wieder arbeiten?! DAS ARME KIND! Wozu braucht eine Mutter denn Karriere, wenn sie ein Kind hat?“ Ich kriegte so etwas von Vorgesetzen ins Gesicht gesagt, aber auch Arbeitskollegen waren da recht unverblümt.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören:

Als ich mal ein halbes Jahr vorher Urlaub beantragt habe für den Geburtstag meines Sohnes, weil mir das wichtig war, sagte mir mein Chef: „Naja, so als Muttertier sei das ja ok, aber für ihn komme das nicht in Frage, er hätte 3 Kinder, da müsse er ja drei Mal im Jahr Urlaub nehmen, wo käme man denn da hin, ne?“ Wo ich noch dachte, okay, jetzt ist das Klischee zwar zu meinem Vorteil, aber was für eine arme Gesellschaft…

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Hm, diese Frage ist verdammt schwer. Ich wollte erst „Sport“ antworten, aber das stimmt ja nicht. Wer einmal 20 Sekunden über Männer- und Frauenfußball nachdenkt oder wie Frauen und Männer in Fitnesscentern unterschiedlich angeschaut werden, merkt schnell, dass auch da das Geschlecht eine Rolle spielt. Beim Filme schauen? Da fällt mir dann Game of Thrones ein, eine Serie, in der viele Vergewaltigungsszenen vorkommen, die vermutlich auch von Frauen anders rezipiert werden als von Männern. Vielleicht Spaghetti kochen… außer man stellt sich ein größeres Spaghetti-Kochen im Freundeskreis vor, wo nach dem Essen auf magische Weise eine Geschlechterteilung entsteht, bei der mehrheitlich oder ausschließlich Frauen den Tisch abräumen und Ordnung wieder herstellen… Für spezifische Situationen wäre das einfacher, bei uns zuhause hat das Geschlecht zum Beispiel auf Hausarbeit keine Auswirkungen, es hängt bei uns nur von zufälligen Anwesenheiten und Zeitverfügbarkeiten ab, wer die Spüle ausräumt, Müll wegbringt oder Essen kocht und das hält sich ungefähr die Waage. Mir fällt aber tatsächlich keine generische Situation ein, in der Geschlecht prinzipiell keine Rolle spielt. Leider, denn ich wünschte mir, diese Kategorie würde nicht in allen Bereichen so wichtig genommen.

 

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Anm. von Sascha und Almut:

Diese 6 Fragen wollen wir zum Anlass nehmen für ein Blogstöckchen:

Mehr dazu hier …