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noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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Geschichten, die Männern nie passieren würden

Ein paar Gedanken zu „Hinten sind Rezepte drin. Geschichten, die Männern nie passieren würden“, Buch von Katrin Bauerfeind

Männer und Bücher…

…überhaupt Männer und Sprache, das sei so eine Sache, obwohl die überwiegende Mehrheit der anerkannten, preisgekrönten und u1_978-3-596-03396-6.41829083erfolgreichen Schriftsteller*innen bis heute Männer sind. Und folgenschwer handeln die meisten Bücher deshalb von Protagonisten, also wirklichen Männern und nicht nur generischen Maskulina. Trotzdem hält sich das Klischee beharrlich, Männer und Sprachen, Kommunikation, Ausdruck von Gefühlen gar … Ich muss mich deshalb gleich schon mal entschuldigen für diesen Text hier, also als Mann meine ich, weil ich ganz deutlich die Stereotypbedrohung im Nacken spüre, und das ist eine denkbar schlechte Muse. Sie kuckt mir über die Schulter, prüft kritisch jeden Buchstaben, jedes Wort, jeden Absatz. Ist das auch alles gut so, korrekt geschrieben und treffend im Ausdruck? Kann er das auch wirklich? Kriegt er das hin? Das setzt mich unter Druck, ich bin im Fehlervermeidungsmodus, und deshalb alles andere als souverän und kreativ schon gleich gar nicht. Weil ich dem Klischee nicht entsprechen will, will beweisen, dass ich das sehr wohl kann, Bücher lesen, mit Sprache umgehen, meinen Gefühlen Ausdruck verleihen, das ist mir wichtig, und so ein Klischee soll mich da nicht zurückhalten. Und trotzdem beeinflusst es mich, unbewusst, es zieht Energie und Aufmerksamkeit ab von der eigentlichen Aufgabe, nämlich hier einen guten Text zu Papier zu bringen, eine Beschreibung, wie es mir als Mann geht, wenn ich Katrin Bauerfeinds Buch lese „Vom Wahnsinn, eine Frau zu sein“, ihre „Geschichten, die Männern nie passieren würden“. Und ganz besonders bei einem Buch, das mich mit diesem Klappentext zum Lesen einlädt: „Kann ich emanzipiert sein und trotzdem ohne Unterwäsche in die Stadt? Bin ich schon eine moderne Frau, nur weil ich nicht kochen kann? […] Wenn Sie solche Fragen mögen, werden Sie mit diesem Buch viel Spaß haben. Wenn nicht, sind Sie vermutlich ein Mann, dann ist es eh wurscht, weil Männer keine Bücher kaufen, geschweige denn lesen.“

Empathie und die sog. Stereotypbedrohung

Wenn Männer vor einem Test, in dem es darum geht, Portraitfotos mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bestimmte Gefühle zuzuordnen, wenn ihnen vor dem Test gesagt wird, dass es sich um einen Empathie-Test handelt, bei dem Männer in der Regel schlechter abschneiden als Frauen, dann – selffullfilling prophecy – sind ihre Ergebnisse auch deutlich schlechter, schließlich haben sie ja oft genug schon gehört und verinnerlicht: Männer und Gefühle, naja, Sie wissen schon… Und die Werbung packt da gerne noch einen drauf: „Auch Männer haben Gefühle: Durst.“ Lustig, nicht? Erwachsene erkennen die Ironie, im Gegensatz zu Kindern, die solche Sprüche noch sehr lange als Wahrheit mit auf den Weg nehmen. Aber auch Erwachsene beeinflussen diese Botschaften, zu oft werden wir damit konfrontiert in Situationen, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen.

Zurück zum Empathie-Test. Fällt der Hinweis aufs Geschlecht weg, wird für jede richtige Antwort gar eine Belohnung in Aussicht gestellt, schneiden Männer genauso gut ab wie Frauen (Klein + Hodges: „When it pays to understand„). Kein Unterschied also in der grundsätzlichen Empathiefähigkeit der Geschlechter. Dasselbe Ergebnis bei Tests, die den Vorurteilen um Frauen und Technik, Informatik und Mathematik nachgingen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden, sobald die Macht der Klischees, sobald der Stereotype Threat ausgeschaltet, ausgetrickst ist. Ach, wie gut könnte dieser Text erst sein, wenn mir die Stereotypbedrohung gerade nicht im Nacken säße?

Katrin Bauerfeind – weiblicher als sie tatsächlich ist?

Katrin Bauerfeind schreibt nun Geschichten, die Männern nie passieren würden. Die sind witzig, das ist pointiert, gut geschrieben, kurzweilig und mit viel Hintersinn. Auf der Oberfläche aber handeln ihre Geschichten von Klischees, von den Männern an sich und wie die Frauen nun mal so sind. Das ist einigermaßen paradox, weil Katrin Bauernfeind am Anfang des Buches ihr kindliches Erleben ganz anders schildert. Sie erinnert sich, dass sie ein untypisches Mädchen war. Wie kam es, dass sie sich heute doch von all diesen weiblichen Klischees beeinträchtigt fühlt? Wann kamen die Klischees in ihr Leben, haben sie verändert? Warum hat sie sich dann ganz anders entwickelt? Wie kam es, dass sie so viel weiblicher wurde, als sie doch angeblich eigentlich ist? Als sie hätte sein müssen? Oder ist sie gar nicht? Bin ich klischeehaft männlicher, als ich es in meinem tiefsten Innern eigentlich bin, wäre? Und was ist das überhaupt, der innere Kern? Gibt es den und wenn ja wo genau?

Am Ende bleiben Klischees und Stereotype, die einmal mehr reproduziert werden, um sie dann zu hinterfragen, zu widerlegen, zu problematisieren, sich drüber lustig zu machen, eine Ja-aber-Spirale, die nicht weiter führen kann. Das ist das Dilemma von Comedy und Kabarett, Humor und Battle Rap: Klischees werden reproduziert und überhöht, das bringt Lacher und Aufmerksamkeit. Dass sie eigentlich reproduziert werden, um zu … was auch immer … hat in der Erinnerung kaum noch Relevanz, das ist Intellekt und Überbau. Die Klischees aber, die wirken auf der unbewussten, emotionalen Ebene und schränken unsere Wahlfreiheit ein, auch wenn wir das nur in den seltensten Fällen merken. Und weil Katrin Bauerfeind sich in vielen Situationen, in ihrer Kindheit anders wahrgenommen hat, möchte ich ihr gerne die sechs Fragen unseres Projekts „Was Anders Wäre“ stellen:

#WasAndersWäre

– Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

– Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

– Was tust du nicht / welche Dinge unterlässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

– Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

– Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

– Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

 

Außerdem stimmt es ja gar nicht, dass die erzählten Geschichten Männern nie passieren würden. Das eine oder andere ist mir genau so auch schon passiert. Die Sache mit der Angst zum Beispiel nachts in einem fremden Haus. Andere Geschichten hätte ich durchaus erleben können, kann ich mir zumindest vorstellen. Ja, ich habe, hätte sie anders erlebt. Anders, weil ich ein Mann bin? Oder anders, weil ich nicht Katrin Bauerfeind bin? Und in vieles kann ich mich hineinfühlen, echt, voll empathisch und so. Und ich lese Bücher! Gekauft habe ich ‚Hinten sind Rezepte drin‘ allerdings tatsächlich nicht. Es kam als Rezensionsexemplar vom Fischer-Verlag frei Haus. Damit ich drüber schreibe. Oder wollten die womöglich, dass meine Frau drüber schreibt? Als Vertreterin der Zielgruppe, weil sie das besser nachvollziehen kann, nachempfinden, gut finden? Egal, ich kümmere mich jetzt erst einmal um meine drei Kinder, neuer Vater, toller Hecht und keines ist krank. Ich bin noch viel superer Papa als Sigmar Gabriel, und die 5000,- Euro – Belohnung habe ich trotzdem nicht bekommen.

Verdammt, in dem Buch hinten sind gar keine Rezepte drin, das ist ja nur eine Verkaufsmasche. Und was gibt es jetzt zu essen?

 

PS: Gerne möchte ich das Buch weiterreichen, weil ich es ja auch nur als Sprungbrett für meine eigenen Gedanken genutzt habe. Und auch wenn ich vielleicht nicht wirklich einladend darüber geschrieben habe, ich habe so viel ausgelassen, vielleicht sogar die besten Seiten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, zu einer anderen Zeit, in einer anderen Grundstimmung wäre alles ganz anders gekommen. Vielleicht möchte jemensch anderes darüber schreiben? Meldet Euch, dann schicken wir ’s raus.

 

 

 

 

 

Rückblick und Wiedereinstieg

Schöne Sommergrüße aus der Wort & Klang Küche!

Hier in NRW gehen die Ferien schon zu Ende und wir jonglieren die Übergangsphase: die Eltern müssen wieder arbeiten, die Kinder haben noch frei (ok, vor 1 Woche begonnen, heute erst gepostet). Da ist es sehr praktisch und zugleich ein organisatorisches Unding, dass wir das Büro im Haus haben. Wenn wir das Abendessen ans Rheinufer verlegen, Feuer machen und grillen, die Kinder länger aufbleiben dürfen, dann fällt dafür die abendliche Bürozeit weg, die uns sonst im Alltag oft rettet, wenn eine Deadline naht. Und wenn der Eiswagen sich schon mittags um zwölf mit dem „Für Elise“-Motiv ankündigt, weiß ich, ich kann den Stift weglegen, denn gleich kommt eins der Kinder ins Büro gerannt und braucht dringend Kleingeld, und überhaupt will ich auch ein Eis …

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Links: Lidl-Plakat in Schottland fotografiert, Rechts: deutscher Prospekt

Die Rosa-Hellblau-Falle ließ uns natürlich auch im Urlaub nicht los: auch in Schottland sortiert z.B. Lidl sein Angebot nach Farben und Motiven, aber immerhin steht daneben, alles sei „for kids“. Im Unterschied zu Deutschland, wo im selben Zeitraum dieselben Shirts an „süße Kätzchen“ und „starke Helden“ verkauft wurden. Warum?

Okay, vielleicht hat meine Ferienlektüre (–> 3 Buchtipps) mit dazu beigetragen, dass uns das Thema auch in der schottischen Einöde von Wanderstiefeln und Regenjacken begleitet hat.

 

Felix übt einparken…

Im Briefkasten lag nach dem Urlaub das neue Geolino. Auf der Rückseite übt Papa einparken mit Felix: „Gut gemacht, Papa! – Typisch Felix“ – Damit wir nicht auf die Idee kommen, Papa übe mit der Tochter? (Oder weil Mutter und Tochter erstens gar nicht üben müssen, um gut einzuparken und zweitens schon gar keine Einparkhilfe brauchen, die hier beworben wird? :-) Klischees auf der Rückseite einer Kinderzeitschrift, typische Rosa-Hellblau-Falle des Alltags. Die unauffällige Variante, kaum jemand wird sich daran stören, und doch wundern wir uns über das hartnäckige Vorurteil, Frauen könnten nicht einparken. Tatsache ist ja: Frauen können nur dann nicht einparken, wenn sie meinen, sie könnten es nicht. Klassischer Fall des Stereotype Threat: Vorurteile beeinflussen unser Verhalten. Und wenn wir sie ihm Unterbewusstsein mit uns tragen, wir ihnen aber nicht entsprechen wollen, dann kostet das Energie und wir machen fehler. Es ist also völlig unnötig, Kinder auf diese Weise fehl zu „informieren“, und so der nächsten Generation unsere hierarchischen Klischees mit auf den Weg zu geben. Auch wenn es von den MacherInnen (so vermute ich, weil Déjà-vu) lustig gemeint war. IMG_0329    

#rosahellblaufalle

Wieder in Bonn und mit Zugriff auf Facebook entdeckten wir das Foto von Luisa auf den Seiten von Wer braucht Feminismus. Sie sagt „Ich brauche Feminismus, weil kein Kind in der #RosahellblauFalle feststecken soll“. Wir haben uns gefreut, unseren Hashtag hier wiederzusehen und sind absolut Luisas Meinung. Die Kommentare unter ihrem Bild machen dagegen wieder deutlich, wie schnell Menschen bereit sind, etwas abzulehnen, ohne sich mit den Hintergründen auseinandergesetzt zu haben oder, wie in diesem Fall, allein aufgrund eines Wortes, eines Hashtags, nach dessen Bedeutung sie sich nicht weiter erkundigt haben. Schade. luisa   Ähnliches haben wir in Wolfsburg erlebt, als wir im Juli im Elternforum der Autostadt einen Vortag zur Rosa-Hellblau-Falle hielten. Ein Vater fand unsere Haltung völlig übertrieben, die Welt sei besser, als wir sie darstellten, er habe schließlich drei Söhne und könne absolut nicht nachempfinden, was wir da erzählten. Sein Motto: „Das Problem, das Ihr beschreibt, kenne ich aus meinem Alltag nicht, also ist es auch keins.“ Am selben Abend im Hotel sind wir durch die Fernsehkanäle gezappt. Zuhause haben wir keinen Fernseher, und Hotelübernachtungen sind immer wieder eine klasse Gelegenheit, sich die Bestätigung dafür zu holen. Auf Kika lief was mit Mädchen und Pferden. Eine war zickig, da haben sie die anderen aus ihrem Kreis ausgeschlossen und waren auch zickig. Oder so. Fortsetzung folgt. Aber ohne uns. tv   Anderswo in Deutschland hat ein Kind ein klasse Taufgeschenk bekommen, inklusive Rosa-Hellblau-Falle für die Eltern. Da freuen wir uns gleich mit :)

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Die nächste Radiosendung

Nachdem wir jetzt zu unseren geregelten Bürozeiten zurückgekehrt sind, ist neben anderen Projekten die Produktion unserer nächsten Radiosendung dran: „Im Rosa-Bann“. Der Sendetermin auf SWR2 ist am 1.Oktober 2015 und es geht darin um eine Familie mit zwei Kindern. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, die sie im Kindergarten gemacht haben, als ihr Sohn für seine Lieblingsfarbe Rosa ausgelacht wurde, oder als eine eigene Mädchenecke eingerichtet wurde (zum Schutz vor den wilden Jungs!), so dass ihr Sohn von da an keinen Zugang mehr zum Puppenhaus hatte.

 

Interviewpartner*in gesucht

Hier noch ein Aufruf mit der Bitte um Weiterleitung. Wir suchen noch Gesprächspartner*innen für ein Radiofeature und sind dankbar für Kontakte. (Klick auf den Brief führt zum pdf-Download):

Hier nochmal der Text mit den genauen Infos auf unserem Radioblog.

Oder gerne auch als Retweet auf Twitter oder via Facebook:

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Slam

Den Abschluss dieser Sammlung macht das Video eines grandiosen Slam-Auftritts, mit dem wir gerne wieder in den Alltag einsteigen. Wir wünschen allen weiterhin einen schönen Sommer, mit oder ohne Ferien, so oder so mit möglichst wenigen rosa-hellblauen Zuschreibungen:

 

 

Wander-Bingo für Kinder

P.S.

Ein Mitgebsel zum Schluss, völlig ohne Rosa-Hellblau: Ein selbstgemachtes „Wander-Bingo“, das wir jetzt schon im vierten Jahr bei Wanderungen mit Kindern nutzen. Bleistifte mitnehmen und jedem Kind einen A6 Zettel geben: Alle Dinge, die es unterwegs sieht, darf es auf dem Blatt einkreisen. (Wir machen öfter Wanderungen mit mehreren Familien, und die Kinder finden sich dann schnell zu zweit, zu dritt zusammen und sind plötzlich mit offeneren Augen unterwegs.) Wer Lust hat, das auszuprobieren: ein Klick aufs Bild führt zur jpg-Version zum Ausdrucken. Viel Spaß!

WanderBingo

Drei Buchtipps

… aus dem Urlaubsstapel

In den Ferien ( –> rosa-hellblaue Sammlung der letzten Wochen)  habe ich endlich IMG_0406„Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation“ fertig gelesen, von Katrin Rönicke, das ich gerne weiter empfehlen möchte. Es liefert Informationen und Denkanstöße zu vielen Themenbereichen, mit denen sich Frau* (und Mann*) irgendwann einmal auseinandergesetzt haben sollte. Wäre toll, es würde auch die Zielgruppe erreichen, die von sich sagt: „Ich bin ja kein/e Feminist/in, aber …“. (Das generische Maskulinum empfand ich in einem feministischen Buch allerdings befremdlich.) – Nachtrag, Korrekturbedarf! Zufallsverteilung von weiblicher und männlicher Form! @diekadda klärt: Generisches Randominum :) – ist mir nicht aufgefallen, und so soll’s ja sein.

Pubertät, Körperwahrnehmung und Schönheitsbilder, Aufklärung, Flirten und Sex, Elternsein und rosa-hellblaues Gendermarketing bis hin zu PayGap und HartzIV, Politik, Konflikt- und Kriegsführung … viel zu viel eigentlich für ein einzelnes Buch. Die Stichwörter „Weltgewissen“, „Verantwortungsethik“ werden mich auf jeden Fall weiter beschäftigen, und ich habe viele Empfehlungen zum Weiterlesen mitgenommen.

 

Ein zweites Buch meines Urlaubsstapels:

SeidelCoverDie Frau in mir. Ein Mann wagt ein Experiment“ von Christian Seidel. Seine Beobachtungen als Mann, der als Frau auftritt und damit seine Umgebung herausfordert, ist interessant zu lesen. Sie verdeutlichen, wie viele Bereiche willkürlich nach Geschlecht sortiert sind.

„Während ich […] meinen Weg zur Kasse suchte, geriet noch mehr in mir in Proteststimmung. Mir fiel auf, wie vieles als weiblich und damit als unberührbar galt. Röcke, Kosmetik, fantasievolle Kleidung. Auch bestimmte Gerüche […] Vorsicht, weiblich!“

Insgesamt sind mir ein paar Klischees zu viel versammelt, Vorstellungen vom Mann an sich, und wie Frauen im Allgemeinen so seien. „Ich kannte dieses Smartphone-Getue nur zu gut. Männer müssen sofort alles überprüfen, einordnen, interpretieren. Seit es diese Tools gab, hatten sie den passenden Spielknochen dafür“. Hier hätte ich mir differenziertere Formulierungen gewünscht, weniger Alle-über-einen-Kamm, denn dadurch werden genau die Stereotype reproduziert, gegen die sich der Autor ja wendet. Die spannendsten Stellen waren für mich die, in denen nochmal deutlich wird, dass die Biologie uns zwar Vorgaben macht, dass unser Verhalten diese aber beeinflusst: Hormone Männer und Verhaltensweisen, die Seidel als allgemein männlich definiert, kommen eher schlecht weg im Buch, Frauen dagegen sind überwiegend feinfühlige, zarte, elegante, emotionale Wesen. Dass es viele unter ihnen gibt, die High Heels und Feinstrümpfe unpraktisch und ungemütlich finden, die nicht jede Menge Zeit und Aufmerksamkeit für ihr Äußeres aufbringen wollen – keine Zeile über sie. Die Welt des Autors ist zweigeschlechtlich, doch seine Erfahrung zeigt ihm und Leser*innen: da ist offenbar mehr. Um als weiblich wahrgenommen zu werden, verwandelt sich Christian Seidel in eine langhaarige Blondine im engen Minikleid, die es genießt, von Männern begehrt zu werden. Dass auch Frauen schwitzen, stoppelhaarig und piefig sind, linkisch und schlecht gelaunt auftreten, ist deshalb nicht Thema des Buches. Aber auf Dauer hat mich das ständige Feinstrumpf-Geraschel und das süße Parfüm zwischen den Zeilen etwas genervt.

 

Zuletzt und eigentlich ganz vornedran das Buch „Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf IMG_0382Erziehung zurückfordern müssen“ von Herbert Renz-Polster. Ich habe erst das erste Drittel gelesen, aber schon diese Seiten sind voller Eselsohren und Zettelchen zur Kennzeichnung für mich relevanter Stellen. Das Buch zeigt, wie sehr die Ziele von Eltern, ihre Entscheidungen, von denen sie meinen, sie seien individuell und aufs eigene Kind bezogen, wie Erziehung, wie (Früh-)Pädagogik insgesamt beeinflusst wird von wirtschaftlichen Interessen. Wieviel Übereinstimmung besteht in dem, was wir für unsere Kinder wünschen und dem, wie sich Politik und Wirtschaftswelt den Nachwuchs für Morgen vorstellen.

„Wie durch Zauberhand scheint sich der Bedarf der Wirtschaft in die Köpfe der Eltern gemogelt zu haben.“

Das ist unheimlich und alarmierend. Und an vielen Stellen wurde mir bewusst, wieviele Eigenschaften und Verhaltensweisen ich positiv werte, die in der Vergangenheit ganz anders wahrgenommen wurden. Die Beispiele von Herbert Renz-Polster machen es möglich, einen Schritt zurückzutreten und mit zusätzlichen Informationen nochmal neu zu überdenken, wie man selbst zu „Durchsetzungskraft“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Bildung“ etc. steht. Und wieso zum Beispiel arbeiten derart viele Kindergärten mit dem Material des „Haus der kleinen Forscher“? Wer steckt hinter dieser aus Steuergeldern finanzierten Initative (ohne nennenswerten öffentlichen oder bürgerschaftlichen Einfluss), welche Ziele verfolgt sie, wie kam es zu dieser großen Akzeptanz? Was passiert da im Alltag unserer Kinder, was sich für Eltern als Plus im Kita-Alltag vermittelt, denn wer hat schon etwas gegen Projekte, die Kindern Spaß machen und ihnen naturwissenschaftliches Wissen vermitteln. Die Antworten sind nicht lustig.

 

Nach dieser ernsthaften Lektüre freue ich mich jetzt auf eine Arschbombe und hoffe, dass das Buch von Patricia Cammarata, unter Blogger*innen als „das nuf“ bekannt, morgen mit in der Post liegt.

:-)