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Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

Schnauze voll von Rosa? – Suli Puschban

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Interview mit Suli Puschban

Mit dem Refrain von „Ich hab die Schnauze voll von rosa“ laufen unsere Kinder schon eine ganze Weile durch die Gegend, der Ohrwurm wird immer mal wieder aktualisiert, und es genügt, dass eins das Wort „Schnauze“ in den Mund nimmt, garantiert greift es das nächste auf und schon schreien wieder alle drei im Chor durchs Haus: „Ich mach jetzt was ich will!“. Und weil der Text so gut zu unserem Anliegen rund um Rollenklischees und zur rosa-Hellblau-Falle passt, haben wir Suli ein paar Fragen dazu gestellt.

Suli Puschban ist…

…“Wienerin in Berlin, Liedermacherin, Kinderliedermacherin und Kabarettistin, sie schreibt und performt ihre Lieder, spielt solo und mit ihrer ‚Kapelle der guten Hoffnung‘, liebt die Berge, verehrt das Meer, ist Poetin, Feministin und feinsinnig rockenende Rotzgöre.“

Gab es einen konkreten Anlass für den Songtext?

>> Angesichts des derzeitigen Rollbacks, dass die Geschlechterrollen wieder vermehrt in rosa und hellblau und allem, was sonst noch dazu gehört, zementiert werden und der Tatsache, dass Lilifee und andere Figuren von Merchandise-Imperien flankiert werden, unter denen Eltern stöhnend leiden, musste ich irgendwann einfach mal einen Anti-rosa-Songschreiben. Der erhobene Zeigefinger interessiert mich nun herzlich wenig, und es geht mir auch nicht um die Farbe, sondern die Haltung dahinter. Mädchen und Frauen müssen sich nicht den stereotypen Bildern beugen, sondern können sein und werden, was sie wollen: Astronautinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Der Song enthält also auch noch etwas Kapitalismuskritik als Subtext. Wenn man bedenkt, was Frauen teilweise an Geld ausgeben (müssen), um den vermeintlichen Anforderungen der Rolle als Frau gerecht zu werden!

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Wieso hast Du die Schnauze voll von rosa?

>> Vielleicht sollte ich vorweg sagen, dasss Mädchen und Frauen, die ROSA heißen, sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen sollen. Manche schreiben ‚rosa‘ im Song auch vorne mit Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um einen Namen handeln könnte. Aber nein, es ist die Farbe! Und dieses ‚rosa‘ steht für Einschränkung: Frauen, die auf hohen Schuhen balancieren, zugekleistert mit Make-Up, eingelullt in der heteronormativen Überzeugung, dass der sie rettende Prinz bestimmt auftauchen wird, rufen sie mit hoher Stimme: „Hilfe! Hilfe“

Hast Du ein bestimmtes Erlebnis in dem Zusammenhang , das dich genervt hat?

>> Mein ganz Leben ist ein solcher Moment: ich war ein burschikoses Mädchen, ich bin aufgewachsen mit dem Satz: „Was willst du denn, Junge?“, und mit Kommentaren und abblocken, wenn ich eine Toilette aufsuche. Ich hatte immer kurze Haare, trug Turnschuhe, Jeans und entzog mich der Norm. Das wurde stets kommentiert. Heute noch fragen mich Kinder oft: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Kurze Haare und mein non-konformes Verhalten stiften da manchmal Verwirrung. Macht nix! Ich war schon als Kind ein Lausbub!

Wo trittst Du auf, wann singst Du den Song?

>> Ich spiele den Song auf allen meinen Konzerten, die ich solo oder mit meiner Kapelle der guten Hoffnung spiele. Aber auch bei Workshops in Schulen oder Fortbildungen für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Alle lieben dieses Lied.

 

Auch vor Leuten, die sehr auf Rosa stehen? Oder laden die Dich erst gar nicht ein?

>> Ich hatte noch nie negative Reaktionen auf das Lied. Es gibt auch Mädchen, die komplett rosa tragen und singend und tanzend ausrasten zu dem Song. Einmal standen zwei Freundinnnen vor der Bühne, die waren so 10 Jahre und die eine sagte: „Ich hasse rosa!“, und die andere rief ganz stolz: „Ich nicht!“

Mir geht es darum, den Kindern zu vermitteln, dass alles geht, dass sie sein dürfen, wie sie wollen, dass in dieser Welt „Platz für uns alle“ ist, so wie es mein anderer Song ROSA PARKS BIST DU einfordert. Wenn andere kommen, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die anders sind als wir, dann sollten wir keine Zäune bauen, sondern zusammenrutschen.

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Gab’s eine konkreten Moment, von dem Du erzählen magst?

>> Also ich liebe diesen Moment, wenn der Refrain einsetzt. Die Blicke, die Überraschung ist einfach zum Schreien schön. Manchmal sitzen Jungs im Publikum und ich sage meist vor dem Song: „Neulich hab ich Lilifee getroffen …“ Dann kommt schonmal ein: „Och nee …“ Aber dann gebe ich den Rat, erst abzuwarten bis zum Liedende und dann zu urteilen. Danach ist die Begeisterung immer groß, und auch Jungs singen begeistert mit.

Manchmal klopfen mir junge Mütter auf die Schulter und sagen: „Endlich, danke!!!“ Sie sind oft genervt von der rosa Klamottenfront, die ihnen beim Einkaufen gegenübersteht. Mädchen- und Jungs- Kleidung, ist doch Quatsch eigentlich. Manche Väter kaufen eins der T-Shirts mit dem „Ich hab die Schnauze voll von rosa“-Aufdruck für sich selbst.

Neulich kam ein kleines Mädchen und wollte wissen, ob ich Lilifee wirklich getroffen hätte. „So wirklich, wie es sie gibt!“, habe ich geantwortet, und sie hat wissend gelächelt.

 

Ist ‚Ich hab die Schnauze voll von rosa‘ überhaupt ein Kinderlied?

>> Eine gute Frage. Was ist ein Kinderlied? Was macht ein Lied zum Kinderlied? Ich glaube, dass es Kindern gefällt, dass sie sich damit identifizieren können oder dass es einfach nur witzig ist und zum Mitsingen einlädt. Das schafft meine Lilifee!

 

Vielen Dank an Suli Puschban mit Grüßen aus der Rosa-Hellblau-Falle :)

 

 

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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Drei Buchtipps

… aus dem Urlaubsstapel

In den Ferien ( –> rosa-hellblaue Sammlung der letzten Wochen)  habe ich endlich IMG_0406„Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation“ fertig gelesen, von Katrin Rönicke, das ich gerne weiter empfehlen möchte. Es liefert Informationen und Denkanstöße zu vielen Themenbereichen, mit denen sich Frau* (und Mann*) irgendwann einmal auseinandergesetzt haben sollte. Wäre toll, es würde auch die Zielgruppe erreichen, die von sich sagt: „Ich bin ja kein/e Feminist/in, aber …“. (Das generische Maskulinum empfand ich in einem feministischen Buch allerdings befremdlich.) – Nachtrag, Korrekturbedarf! Zufallsverteilung von weiblicher und männlicher Form! @diekadda klärt: Generisches Randominum :) – ist mir nicht aufgefallen, und so soll’s ja sein.

Pubertät, Körperwahrnehmung und Schönheitsbilder, Aufklärung, Flirten und Sex, Elternsein und rosa-hellblaues Gendermarketing bis hin zu PayGap und HartzIV, Politik, Konflikt- und Kriegsführung … viel zu viel eigentlich für ein einzelnes Buch. Die Stichwörter „Weltgewissen“, „Verantwortungsethik“ werden mich auf jeden Fall weiter beschäftigen, und ich habe viele Empfehlungen zum Weiterlesen mitgenommen.

 

Ein zweites Buch meines Urlaubsstapels:

SeidelCoverDie Frau in mir. Ein Mann wagt ein Experiment“ von Christian Seidel. Seine Beobachtungen als Mann, der als Frau auftritt und damit seine Umgebung herausfordert, ist interessant zu lesen. Sie verdeutlichen, wie viele Bereiche willkürlich nach Geschlecht sortiert sind.

„Während ich […] meinen Weg zur Kasse suchte, geriet noch mehr in mir in Proteststimmung. Mir fiel auf, wie vieles als weiblich und damit als unberührbar galt. Röcke, Kosmetik, fantasievolle Kleidung. Auch bestimmte Gerüche […] Vorsicht, weiblich!“

Insgesamt sind mir ein paar Klischees zu viel versammelt, Vorstellungen vom Mann an sich, und wie Frauen im Allgemeinen so seien. „Ich kannte dieses Smartphone-Getue nur zu gut. Männer müssen sofort alles überprüfen, einordnen, interpretieren. Seit es diese Tools gab, hatten sie den passenden Spielknochen dafür“. Hier hätte ich mir differenziertere Formulierungen gewünscht, weniger Alle-über-einen-Kamm, denn dadurch werden genau die Stereotype reproduziert, gegen die sich der Autor ja wendet. Die spannendsten Stellen waren für mich die, in denen nochmal deutlich wird, dass die Biologie uns zwar Vorgaben macht, dass unser Verhalten diese aber beeinflusst: Hormone Männer und Verhaltensweisen, die Seidel als allgemein männlich definiert, kommen eher schlecht weg im Buch, Frauen dagegen sind überwiegend feinfühlige, zarte, elegante, emotionale Wesen. Dass es viele unter ihnen gibt, die High Heels und Feinstrümpfe unpraktisch und ungemütlich finden, die nicht jede Menge Zeit und Aufmerksamkeit für ihr Äußeres aufbringen wollen – keine Zeile über sie. Die Welt des Autors ist zweigeschlechtlich, doch seine Erfahrung zeigt ihm und Leser*innen: da ist offenbar mehr. Um als weiblich wahrgenommen zu werden, verwandelt sich Christian Seidel in eine langhaarige Blondine im engen Minikleid, die es genießt, von Männern begehrt zu werden. Dass auch Frauen schwitzen, stoppelhaarig und piefig sind, linkisch und schlecht gelaunt auftreten, ist deshalb nicht Thema des Buches. Aber auf Dauer hat mich das ständige Feinstrumpf-Geraschel und das süße Parfüm zwischen den Zeilen etwas genervt.

 

Zuletzt und eigentlich ganz vornedran das Buch „Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf IMG_0382Erziehung zurückfordern müssen“ von Herbert Renz-Polster. Ich habe erst das erste Drittel gelesen, aber schon diese Seiten sind voller Eselsohren und Zettelchen zur Kennzeichnung für mich relevanter Stellen. Das Buch zeigt, wie sehr die Ziele von Eltern, ihre Entscheidungen, von denen sie meinen, sie seien individuell und aufs eigene Kind bezogen, wie Erziehung, wie (Früh-)Pädagogik insgesamt beeinflusst wird von wirtschaftlichen Interessen. Wieviel Übereinstimmung besteht in dem, was wir für unsere Kinder wünschen und dem, wie sich Politik und Wirtschaftswelt den Nachwuchs für Morgen vorstellen.

„Wie durch Zauberhand scheint sich der Bedarf der Wirtschaft in die Köpfe der Eltern gemogelt zu haben.“

Das ist unheimlich und alarmierend. Und an vielen Stellen wurde mir bewusst, wieviele Eigenschaften und Verhaltensweisen ich positiv werte, die in der Vergangenheit ganz anders wahrgenommen wurden. Die Beispiele von Herbert Renz-Polster machen es möglich, einen Schritt zurückzutreten und mit zusätzlichen Informationen nochmal neu zu überdenken, wie man selbst zu „Durchsetzungskraft“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Bildung“ etc. steht. Und wieso zum Beispiel arbeiten derart viele Kindergärten mit dem Material des „Haus der kleinen Forscher“? Wer steckt hinter dieser aus Steuergeldern finanzierten Initative (ohne nennenswerten öffentlichen oder bürgerschaftlichen Einfluss), welche Ziele verfolgt sie, wie kam es zu dieser großen Akzeptanz? Was passiert da im Alltag unserer Kinder, was sich für Eltern als Plus im Kita-Alltag vermittelt, denn wer hat schon etwas gegen Projekte, die Kindern Spaß machen und ihnen naturwissenschaftliches Wissen vermitteln. Die Antworten sind nicht lustig.

 

Nach dieser ernsthaften Lektüre freue ich mich jetzt auf eine Arschbombe und hoffe, dass das Buch von Patricia Cammarata, unter Blogger*innen als „das nuf“ bekannt, morgen mit in der Post liegt.

:-)

Anne Wizorek: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anne Wizorek, die auch in unserem Radiofeature zu Wort kam und die sechs Fragen dafür beantwortet hatte. Hier sind sie noch einmal alle in ungekürzter Form.

(Foto: CC-BY Anne Koch)

(Foto: CC-BY Anne Koch)

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien und lebt im Internet und Berlin. Sie ist Initiatorin des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei und Autorin des 2014 erschienenen Buchs „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute“. Auf dem von ihr gegründeten Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org schreibt sie zu Herzenshemen von Politik bis Popkultur.

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich das Haus verlasse, ist es für mich ist ein elementarer Bestandteil, dass ich Kopfhörer dabei habe. Nicht nur um Musik zu hören, sondern als Abgrenzung, um blöde Sprüche und belästigende Kommentare, auf der Straße eben nicht mitbekommen zu müssen. Das wäre also wahrscheinlich anders und sorgloser, wenn ich ein Mann wäre. Außerdem glaube ich, dass mir wesentlich mehr Menschen zuhören würden, wenn ich über Feminismus rede, weil das mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn solche Dinge von einem Mann gesagt werden. Es ist tatsächlich schwer, mir das vorzustellen, denn wäre ich Mann, würde ich mich überhaupt so mit Feminismus auseinandersetzen? Denn dann wäre ich ja in der privilegierten Lage, Sexismus auch einfach mal ignorieren zu können im Gegensatz dazu, wie ich es als Frau erfahre. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich dann ein feministischer Mann wäre, und dann wäre ich zumindest ganz schön genervt davon, wie unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch über Männer denkt.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Schminken vielleicht? Als Mädchen oder Frau besteht ja ein ganz anderer Zugang um sich auch über Schminke selbst auszudrücken. Dabei sollte Schminken natürlich weder als Muss für Frauen gelten, noch als „Niederlage“ gegenüber patriarchalischen Strukturen ausgelegt werden, wenn sie es ganz einfach gerne tun. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich als Mann ebenso schminken würde. Also wie es einerseits von Frauen erwartet wird, ist es andererseits für Männer ja total verpönt – weil es eben vor allem mit Weiblichkeit verbunden wird und so das patriarchalische Männlichkeitskonzept in Frage stellt.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Einfach sorglos aus dem Haus zu gehen und die Straße entlang, wenn es dunkel ist zum Beispiel. Also ich denke da schon auch immer noch drüber nach. Auch gerade in Bezug auf Freundinnen, wenn ich weiß, dass sie zum Beispiel ein Blind Date haben. Dann muss auch immer irgendwie eine Absicherung da sein, als dass sie einfach dort hingehen könnten. Sich in solchen Situationen keine Sorgen wegen der körperlichen Sicherheit machen zu müssen, das fehlt.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Was mich immer wieder irritiert, ist wirklich, wie viele Menschen nicht damit klarkommen, wenn Frauen mal nicht nett sind. Das wurde ja auch im Rahmen von #aufschrei nochmal ganz deutlich: Frauen dürfen sich nicht beschweren, denn dann wird es so empfunden, dass sie nur am Meckern und am Rumnölen sind. Frauen haben im Grunde keine legitime Position, um einfach mal sauer über Ungerechtigkeiten sein zu dürfen, sonst sind sie gleich hysterische Zicken, hässliche ungeliebte Männerhasser und was weiß ich nicht alles. Also entweder du hältst die Klappe, dann musst du es eben ertragen, was scheiße ist, oder du regst dich auf, und dann kriegst du die Kritik: „Du regst dich ja immer nur auf!“. Dass das so durch diesen sexistischen Doppelstandard ausgehebelt wird, ist sehr anstrengend. Und ich finde es auch immer wieder krass, wie das bei Männern gewertet wird: „Ja, der haut halt mal ordentlich auf den Tisch, der hat die Hosen an und der sagt halt, was Phase ist!“ Aber wenn Frau das macht, dann ist es einfach nur nervig und sie soll sich mal nicht so haben und nicht so hysterisch sein.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Als ich mal mit meinem Fahrrad unterwegs war und nicht auf dem Radweg fuhr, weil da Glasscherben lagen – Willkommen in Berlin! – und ich dann aber von einer Fußstreife, einem Polizisten angehalten wurde. Der war kurz davor, mir eine Geldstrafe deswegen zu verpassen, legitim, weil ich ja auf dem Bürgersteig gefahren bin. Aufgrund der Tatsache, dass ich so perplex war, hatte ich echt so ein bisschen feuchte Augen und war ziemlich durch den Wind. Und ich fürchte, da hat tatsächlich dieses Mädchenschema gegriffen, dass er dann doch noch ein Auge zugedrückt hat und meinte: „Ja, aber beim nächsten Mal nicht mehr!“

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wünsche mir das, und ich glaube, dass es auch durchaus möglich ist, aber so wie wir alle erzogen und geprägt sind und wie das so viele Aspekte des Alltags durchdringt, glaube ich, ist das derzeit leider nicht möglich. Es spielt ja selbst eine Rolle, wenn ich mich im Internet zum Beispiel in einem Chat als Mann ausgebe, damit ich sonst in Ruhe gelassen werde. Also insofern gibt es solche Räume, glaube ich, leider gerade nicht.

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–> Wer gerne weiterlesen möchte, >hier< geht es zur Liste derer, die am Blogstöckchen #WasAndersWäre teilgenommen haben.

#WasAndersWäre – eine Zwischenbilanz

Edit:
Einige der Blogs, die sich von unseren #WasAndersWäre-Fragen angesprochen fühlen, vertreten eine Haltung, die definitiv nicht unserem Weltbild entspricht. Doch wir sind Verfechter*innen der Gewaltfreien Kommunikation und fast immer hoffnungsvoll, dass sich mit letzterer auch zerstrittene Parteien an einen Tisch holen lassen. Aus gegebenem Anlass deshalb hier unsere Meinung zur Kommentarfunktion und zum Vorwurf der Zensur. Bitte *hier weiter*

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Wer hätte gedacht, dass sich Antifeminist*innen für unser Blogstöckchen interessieren? Dass sie es spannend finden, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was anders wäre in ihrem Leben, wenn sie eine Frau wären. Schade, dass manche in ihren Antworten Häme und Stereotype von DER Frau und DEM Mann an sich verbreiten, denn genau in dem Punkt, nämlich bei der Frage „Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?“ sind sich (überraschend?) im Grunde alle einig.

Christian beispielsweise antwortet:

„Das Klischee des gefährlichen Mannes: Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewusstes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.“

Und Matze stimmt ihm in einem direkten Kommentar zu:

“Das Klischee des gefährlichen Mannes. – Ja, so einen Scheiß durfte ich letztes Jahr in einer Zugfahrt erleben. Da war eine Mutter mit zwei Kindern, wahrscheinlich Grundschulalter, unterwegs. Sie saß mit ihrer Tochter auf einem 2er-Sitz, und der Sohn saß alleine auf dem 2er-Sitz daneben. Der Zug war ziemlich voll, ich wollte sitzen, um noch ein bisschen zu lesen, und fragte ob der Platz frei wäre. “Ja, ist noch frei”. Hab dann noch angeboten mich ans Fenster zu setzen. Also hingesetzt Buch rausgeholt und gelesen, sonst nix gemacht, saß auch nicht auf seiner Hälfte oder sowas. Während der ganzen Fahrt hat die Mutter dann immer übermäßig viel Acht auf ihren Sohn gegeben. “Ist es da okay?”, “Willst du lieber hier sitzen?”, “Alles gut?”. Fast im Minutentakt. Das war ein richtiges Scheißgefühl.“

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen. (Ich denke, ich weiß, wovon die beiden reden, ich durfte selbst meine Erfahrungen mit dem Generalverdacht machen.)

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. Wie hat es Dirk Engehausen, damals Europachef von Lego (heute Schleich), in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ausgedrückt: „Bei Jungs geht ’s eher darum, den Schwächling zu besiegen und auszuschließen.“ Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Um also nur ein Beispiel aus den Antworten über einengende Klischees herauszugreifen:

-> Viele Frauen fühlen sich unwohl, haben Angst, wenn ein Mann hinter ihnen läuft, sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, nehmen lieber ein Taxi, fahren mit dem Bus oder haben Pfefferspray, einen Schlüssel zwischen den Fingern …

-> Und viele Männer fühlen sich dadurch zu Unrecht verdächtigt, denn mit ihnen persönlich im Rücken habe frau ja nichts zu befürchten, ihre Angst sei also unberechtigt, ungerecht.

 

Sind nicht beide Perspektiven nachvollziehbar? Braucht es hier wirklich eine Auseinandersetzung darum, wer Recht hat, wer mehr Recht hat? Oder wäre es nicht im Interesse aller, wäre es nicht an der Zeit, an diesem Männlichkeitsbild etwas zu ändern, da es zum einen nicht mit dem Selbstverständnis vieler Männer übereinstimmt, und zum anderen von vielen als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit empfunden wird?

Rollenzuschreibungen scheinen für viele solange akzeptabel, solange sie nicht auf die eigene Person bezogen sind. Betreffen sie einen selbst, sind sich alle einig, dass Klischees einengen. Niemand will aufgrund eines Etiketts, einer Kategorie beurteilt werden, egal ob sie Herkunft, Alter, Geschlecht o.a. betrifft. Doch wenn es um andere geht, soll plötzlich auch Positives an Verallgemeinerungen dran sein (praktisch im Alltag, war schon immer wichtig fürs Überleben, Kategorisierungen sind natürlich und notwendig …). Geht es also um einen selbst, ist das Individuum wichtiger, geht es um die Anderen (Stichwort „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“) kommt es auf deren Einzigartigkeit nicht mehr so an?

Die Antworten auf die vierte unserer sechs Fragen zeigen aber, dass wir alle unter Klischees und Vorverurteilungen leiden – vielleicht ist das für einige ein zu starker Ausdruck, aber uns doch unwohl fühlen. Warum überlegen wir dann nicht gemeinsam, wie wir von gegenseitigen Rollenzuschreibungen wegkommen? Wie wäre es, wenn wir gemeinsam als Gesellschaft dazu beitragen, dass sich unser aller Bild vom unabhängigen, coolen, kompromisslosen, allzeitbereiten, und für die Familie nur finanzielle Verantwortung tragenden Mann ändert? Vom Bild der empathischen, irrationalen, technisch unbegabten, sich für die Kinder aufopfernden, allzeit verführenden, aber letztlich passiven Frau? Denn wozu führt eine Schuldzuweisung, die das jeweils andere Geschlecht oder einen wie auch immer definierten „-ismus“ dafür verantwortlich macht, diese Bilder in die Welt gesetzt zu haben und weiter diskriminierende Stereotype zu reproduzieren? Sind es nicht vielmehr Menschen, z.B. in Entscheidungspositionen in den großen Medienhäusern, in den Marketingabteilungen und Forschungsinstituten, die konkret Einfluss nehmen darauf auf das Bild vom „echten“ Kerl und der „typischen“ Frau? Wie wäre es, wir verwendeten nicht so viel Zeit und Energie für Erklärungsversuche, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind, und wer sie zu verantworten hat, suchen nicht wie Kinder im Streit nach den Schuldigen, sondern überlegen, wo die Überschneidungen sind, auf welche Ziele wir uns einigen können.

Vielleicht sollten wir uns als Erwachsene nicht so ernst nehmen und mehr auf die nächste Generation schauen: wie soll die Welt denn aussehen, in die Kinder hineinwachsen, in die hinein wir selbst alt werden? Eine Welt, in der zum Beispiel Jungen mit Puppen spielen können, ohne ausgegrenzt zu werden, sondern sich spielerisch einfühlen können in eine Welt, in der ihnen dann nicht voreilig das Sorgerecht entzogen wird. Eine Welt, in der alle wissen und gelernt haben, dass sich Väter genauso liebevoll und fürsorglich um ihre Kinder kümmern können wie ihre Mütter.

„Ein bisschen gleich ist nicht genug“

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anke Domscheit-Berg. Sie ist Publizistin, Unternehmerin und Netzaktivistin mit den Schwerpunkten digitale Gesellschaft, Open Government und Geschlechtergerechtigkeit. 2015 erschien ihr zweites Buch: “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind”

Überall kriegt ein kleines Kind heute verklickert, was zu seinem Geschlecht gehört und was nicht. Und Kinder wollen Erwartungen erfüllen. Das heißt, sie wünschen sich tendenziell eher Dinge, von denen sie glauben, die passen zu ihnen und führen zu Akzeptanz in der Gruppe und nicht zu Ablehnung. Und Eltern wollen auch nicht nach Hause kommen mit einem Geschenk, bei dem das Kind eine lange Nase zieht und sagt: „Ich wollte was ganz Anderes haben.“ Das heißt, man erfüllt als Eltern Erwartungen, die Kinder haben, die sie aber von ihrer sozialen Umwelt quasi eingetrichtert bekamen. Und selbst, wenn man diese Effekte als Elternteile, Patentanten und -onkel oder Großeltern ignorieren will – wer in den Laden geht und versucht, heute etwas Anderes zu kaufen, der oder die hat es extrem schwer. Ich kann kaum Mädchenkleidung finden, die neutral ist, die kein schickimicki Gedöns drauf hat und nicht nach Prinzessin aussehen will. In der Spielzeugabteilung das Gleiche. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, aber es ist mit einem bestimmt fünf- bis zehnfachen Aufwand verbunden, alternative Dinge zu kaufen. Und diese beiden Effekte wirken wie eine Klammer: die eine Hälfte erzeugt die Nachfrage, die andere ist das extrem einseitige Angebot. Das ist ein sehr fataler Teufelskreislauf, der sich selbst verschärft.

 Außer Rosa noch nichts gesehen

 Als ich für meinen Sohn vor 14 Jahren einen Kinderwagen und Wickelutensilien gekauft habe, gab’s das vor allem in sehr praktischen Farben. Gerade Kinderwagen waren in der Regel irgendwie dunkelbunt, weil sie ja schnell dreckig werden. Es gab weder rosa Wickelsets noch rosa Kinderwagen. Wenn man heute in die gleiche Ladenabteilung geht, da findet sich das alles komplett gegendert: vom Windelset übers Fütterset bis zu diesen Bammelspielchen, die zum Spielen am Kinderwagen hängen. Und dann wird einem bei einem dreijährigen Mädchen erzählt, dass es Rosa halt schon immer gemocht hat, dabei hat es außer Rosa in seiner unmittelbaren Umgebung ja schon als Baby fast nichts Anderes gesehen! Vielleicht ein bisschen himmelblau am Himmel und ein bisschen grün an den Bäumen, aber alles was mit ihm selbst assoziiert wurde, war meistens irgendwie rosa. Und das hat für mich dann mit Freiheit oder Präferenzen gar nichts mehr zu tun, weil ein so geprägtes Kind gar nicht heraus finden kann, welche Farben ihm oder ihr gefallen.

 Ethischer Algorithmus

 Warum müssen Holzeisenbahnen mit Jungs assoziiert werden? Warum sollte ein kleines Mädchen damit nicht spielen? Es gibt keinen Grund dafür. Ich kann mir Gründe vorstellen, warum man Tampons unter „Frau“ einsortiert, aber zu Bauklötzchen und Holzeisenbahn fällt mir da kein Grund ein. Das ist doch eine unzulässige Einschränkung für Kinder! Da werden zum Beispiel in Online-Shops Filter eingebaut, wo gar keine hingehören. Da fängt für mich die Diskussion um die Ethik von Algorithmen an, denn diese Filter sind stark zu hinterfragen: an welchen Stellen machen sie Sinn beziehungsweise, wo schränken sie Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder ein? Diese stereotypen Zuschreibungen zeigen sich ja nicht nur im Spielzeugangebot, sondern in allem, was Kinder oder Heranwachsende umgibt, Erwachsene natürlich auch. Ob das Videospielzeuge sind oder Hollywood-Filme, Schulbücher oder Werbungen in Zeitschiften. Das ist eine massive Prägung, von der ich glaube, dass sie schlicht eine Folge des Kapitalismus ist, einer Marktgesellschaft, die einfach um jeden Preis versucht, immer noch mehr zu verkaufen, denn wir sind ja eine Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Wirtschaft immer irgendwie wachsen muss – was schon aus vielen anderen Gründen ein bescheuertes Konzept ist.

 Corporate Social Responsibility

 Dabei können wir es uns gar nicht leisten, dass die Einen sich kaum mit Mathe befassen, weil ihnen eingeredet wird, sie seien dafür zu doof. Oder dass andere sich mit bestimmten sozialen Fragen weniger befassen, weil sie denken, „Pflegearbeit ist uncool“. Das ist nicht nachhaltig als Gesellschaft und es beschränkt individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Man redet ja oft von diesem hohen Begriff „Corporate Social Responsibility“, also der Verantwortung, die Unternehmen in der Gesellschaft haben. Meistens meint man damit, man ist ein bisschen umweltfreundlicher, sponsert einen lokalen Sportverein oder kauft vielleicht ein Kunstwerk von einem prekären Künstler an. Eigentlich müsste diese Verantwortung aber viel weiter gehen, denn Unternehmen prägen, sie gestalten die Gesellschaft mit. Deshalb sollte zur „Corporate Social Responsibility“ auch die Frage gehören: mache ich mit dem, was ich als Unternehmen produziere und wie ich darüber kommuniziere, die Gesellschaft besser oder mache ich sie schlechter? Und die meisten Unternehmen entscheiden sich aktiv dafür, sie schlechter zu machen, nur weil ihnen das mehr Profit bringt. Denn dieses Thema ist keines, bei dem man sagen kann: „Ich bleibe neutral“, das gibt es nicht, für eine Seite muss man sich entscheiden.

Anke Domscheit-Berg Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

Anke Domscheit-Berg
Foto: CC-BY Julia Tham (www.foto-tham.de)

 

 

6 Fragen an Anke Domscheit-Berg:

Für unser Radiofeature im Deutschlandfunk ‚Die Rosa-Hellblau-Falle. Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ haben wir allen Teilnehmenden im Anschluss an die Interviews dieselben sechs Fragen gestellt und Ausschnitte davon ins Feature eingebaut. Die Antworten von Anke Domscheit-Berg auf die sechs Fragen hier in voller Länge:

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst:

Also für mich wären extrem viele Dinge anders. Ich bin ja DDR-sozialisiert und groß geworden mit einer Vorstellung, dass zum Beispiel arbeiten und Kinder haben keinerlei Widerspruch ist. Als ich dann aber bei einem westdeutschen Unternehmen arbeitete und ein Kind hatte, dann war das auf ein Mal ein Problem. Meine Umwelt erwartete von mir, dass ich zu Hause bleibe, jedenfalls nicht mehr Unternehmensberaterin auf Projekten bin. Und der Vater meines Kindes hat bei der gleichen Firma, im gleichen Job gearbeitet, für den hat sich in dem Punkt nichts verändert. Und das war für mich deshalb so eine extrem überraschende Erkenntnis, weil das mit meiner DDR-Erfahrung überhaupt nicht zusammen ging, und ich kannte weder Begriffe wie „gläserne Decke“ noch wie „Rabenmutter“, die hatte ich weder gehört, noch habe ich das Konzept verstanden. Und das, glaube ich, hätte ich als Mann ja einfach gar nicht mitgekriegt, sondern dann hätte ich genau mein Leben so weiter gelebt wie der Vater meines Kindes, der Montag bis Freitag auf Dienstreise war, und am Wochenende war er halt dann mal da. Nie hat ihn einer gefragt: „Wer kümmert sich denn um Dein Kind“ oder „Wie machst Du das denn mit der Familie?“. Und vielleicht hätte ich das als Mann ja auch so gemacht und genau wie er schneller Karriere gemacht, mehr Geld verdient, mehr Rentenbeiträge eingezahlt und würde jetzt viel mehr Geld haben, selbst als Oma noch. Vielleicht (das hoffe ich natürlich) hätte ich mir die Arbeit auch mit der Mutter des Kindes geteilt – aber selbst dann wäre es nur noch die halbe Belastung gewesen im Vergleich zu dem, wie ich es als Frau erlebt habe.

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ich war ja 15 Jahre in der Industrie und auch in Führungspositionen, und das ist tatsächlich so, dass man als Frau eine extrem schwierige Gradwanderung zu bewältigen hat. Denn einerseits erwartet man von einer Führungsperson bestimmte Verhaltungsweisen, die in der Regel identisch sind, mit dem, was man von einem typischen männlichen Mann erwartet, die man aber nicht mit Weiblichkeit verbindet. Das heißt, ich verletze als Frau immer ein Stereotyp, entweder das, das man mit Managern assoziiert oder das, was man mit Weiblichkeit assoziiert. Ich kann mir jetzt aussuchen welches. Also entweder bin ich Weichei-Managerin und dann eigentlich nicht führungsstark oder aber bin ich halt so eine eiserne Lady und dann aber total unweiblich. Es gibt grenzenlos wissenschaftliche Forschung dazu, die aufzeigt, dass man, wenn man sich führungsstark verhält als Frau, einfach nicht gemocht wird. Man wird abgelehnt, von Kollegen, von Vorgesetzen, und persönliche, menschliche Ablehnung führt auch zu einer Einschränkung bei weiteren Karriereentwicklungen. Viele Frauen können diese Geschichten erzählen, dass sie entweder den „Mäuschen“-Vorwurf kriegen oder den „aggressiv und karrieregeil“-Vorwurf kriegen – dazwischen gibt’s fast nichts. Diese Art der Gratwanderung war mir oft durchaus bewusst, wenn ich genau überlegte, wie ich auftrete und welche Formulierungen ich benutze, um eine gewisse Balance zu erreichen, weder zu unweiblich noch zu dominant rüberzukommen. Das ist ein beschissenes Spiel, aber als Frau hat man oft keine andere Wahl. Ich habe Männer oft darum beneidet, diese Art von Rücksicht nicht üben zu müssen, da es bei ihnen keinen Widerspruch zwischen stereotyper Männlichkeit und Managementkompetenz gibt.

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist:

Mir fallen ganz viele Dinge ein, aber es sind eigentlich eher traurige Dinge, weil es Freiheit einschränkende Dinge sind. Also ich würde nicht nachts durch irgendwelche Parks gehen, ich würde beliebige Umwege in Kauf nehmen oder Taxi-Geld verschwenden, auch wenn ich eigentlich prima hätte laufen können, ich würd’s einfach nicht tun aus Angst. Ich gehe durch bestimmte Unterführungen nicht. Ich gehe niemals mit lauten Kopfhörern mit Musik irgendwo im Dunkeln lang, weil ich dann nicht höre, wenn mir einer hinterher kommt. Ich habe dann immer die Lauscher ganz weit offen, um das mitzukriegen. Ich würde nicht (mehr) trampen. So gibt’s ganz, ganz viele Dinge. Ja, ich weiß, nicht alle Männer machen schlimme Sachen, ich weiß aber auch, dass zu viele Männer für zu viele Frauen gefährlich sind und dass ich versuchen muss, für mich das Risiko zu minimieren, auch wenn ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Man sieht auch keinem Mann an, wie gefährlich er werden kann. Und ich habe selber schlechte Erfahrungen gesammelt diverser Art, das ist also eine ganz reale Gefahr, die ist nicht bloß Theorie, das wird durch gruselige Statistiken ja auch jedes Jahr neu bestätigt.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Ich habe mehrere sehr unschöne Erfahrungen auch mit direkter Diskriminierung in unterschiedlichen Arbeitsplätzen gehabt, unter anderem auch als IT-Projektleiterin, wo mir immer wieder suggeriert wurde, teilweise auch von Kunden, IT-Leitern, die mich noch nicht kannten, die dann so Panik äußerten, wenn ich angekündigt wurde als neue Projektleiterin, und meinten: „Kann die das überhaupt? Das ist doch eine Frau.“ und „Da sind doch nur Jungs oder Männer im Team, und da geht’s um X-Millionen Euro IT-Einkauf im Jahr, da darf doch nichts schief gehen.“ Und nach ein paar Wochen mich testen, wo ich dann so fachliche Sachen gefragt wurde, wie in kleinen Prüfungen, hießt es dann halt irgendwann: „Joa, die kann das ja doch und alles wieder gut. Wir sind ja jetzt entspannt.“ Aber ich habe das die ganze Zeit gespürt! Auf jedem neuen Projekt kam immer dieses subtile: „die kann das eigentlich nicht; die gehört hier eigentlich nicht hin“. Und das hat mich in meiner Arbeit behindert, weil es mir Stress verursacht hat, es hat mich unter Druck gesetzt, mir Angst gemacht hat und hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich nach 15 Jahren IT-Industrie neben anderen Gründen gesagt habe: ich will mir das einfach nicht mehr antun.

Krass fand ich auch, als mein Kind 6 Monate alt war und ich wieder arbeiten wollte. Und da hörte ich wirklich dieses: „Was?! Du willst schon wieder arbeiten?! DAS ARME KIND! Wozu braucht eine Mutter denn Karriere, wenn sie ein Kind hat?“ Ich kriegte so etwas von Vorgesetzen ins Gesicht gesagt, aber auch Arbeitskollegen waren da recht unverblümt.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören:

Als ich mal ein halbes Jahr vorher Urlaub beantragt habe für den Geburtstag meines Sohnes, weil mir das wichtig war, sagte mir mein Chef: „Naja, so als Muttertier sei das ja ok, aber für ihn komme das nicht in Frage, er hätte 3 Kinder, da müsse er ja drei Mal im Jahr Urlaub nehmen, wo käme man denn da hin, ne?“ Wo ich noch dachte, okay, jetzt ist das Klischee zwar zu meinem Vorteil, aber was für eine arme Gesellschaft…

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Hm, diese Frage ist verdammt schwer. Ich wollte erst „Sport“ antworten, aber das stimmt ja nicht. Wer einmal 20 Sekunden über Männer- und Frauenfußball nachdenkt oder wie Frauen und Männer in Fitnesscentern unterschiedlich angeschaut werden, merkt schnell, dass auch da das Geschlecht eine Rolle spielt. Beim Filme schauen? Da fällt mir dann Game of Thrones ein, eine Serie, in der viele Vergewaltigungsszenen vorkommen, die vermutlich auch von Frauen anders rezipiert werden als von Männern. Vielleicht Spaghetti kochen… außer man stellt sich ein größeres Spaghetti-Kochen im Freundeskreis vor, wo nach dem Essen auf magische Weise eine Geschlechterteilung entsteht, bei der mehrheitlich oder ausschließlich Frauen den Tisch abräumen und Ordnung wieder herstellen… Für spezifische Situationen wäre das einfacher, bei uns zuhause hat das Geschlecht zum Beispiel auf Hausarbeit keine Auswirkungen, es hängt bei uns nur von zufälligen Anwesenheiten und Zeitverfügbarkeiten ab, wer die Spüle ausräumt, Müll wegbringt oder Essen kocht und das hält sich ungefähr die Waage. Mir fällt aber tatsächlich keine generische Situation ein, in der Geschlecht prinzipiell keine Rolle spielt. Leider, denn ich wünschte mir, diese Kategorie würde nicht in allen Bereichen so wichtig genommen.

 

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Anm. von Sascha und Almut:

Diese 6 Fragen wollen wir zum Anlass nehmen für ein Blogstöckchen:

Mehr dazu hier …

hart aber fair stellt Gleichstellungsbestrebungen infrage

Für gestern Abend hatte sich die Redaktion von „hart aber fair“ um Frank Plasberg entschieden, Gleichstellung und damit zusammenhängend, den PayGap zu diskutieren … und das Thema wiederholt auf vergleichsweise lächerliche Nebenaspekte zu reduzieren (Ampelmännchen, Unisex-Toiletten, Hirsche …). Der Moderator hat von Anfang an Stellung bezogen, seine Kommentare, die Zitate und Einspieler waren manipulativ. Dazu passend kamen drei Gäste zu Wort, die sich mit Fragen der Gleichstellung bisher wenig bis gar nicht befasst hatten (S. Thomalla hat vom generischen Maskulinum noch nie gehört und hält die Diskussion darum für Quatsch.), deren Alltagstheorien unwidersprochen blieben vom parteiischen Moderator (W. Kubicki beruft sich auf seine beiden Töchter, um zu belegen, dass es keine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Berufsleben gibt.), die zudem offensichtlich falsch informiert sind über die Inhalte der Genderforschung und Ziele des Konzepts des Gender Mainstreaming (B. Kelle meint, Gleichstellungsbeauftragte förderten nur Frauen, Gender befasse sich nicht mit dem an Jungen vermittelten Männerbild). Die sachlichen Argumente kamen allein von Anne Wizorek und Anton Hofreiter, die andere Seite vertrat die Strategien Herablassung, Ahnungslosigkeit und Ins-Lächerliche-Ziehen.
Zurück bleibt Sprachlosigkeit darüber, dass in der ARD eine Sendung ausgestrahlt wird, die die Gleichstellungsdebatte negativ beeinflusst (Facebook- und Twitterkommentare belegen, dass Plasbergs Botschaft vom Genderwahn ankam), obwohl es den ganzen Abend überhaupt nicht um Gleichstellung ging. Was hat sich die Redaktion dabei gedacht? Toppen hohe Einschaltqoten jedes Argument? Oder gab es darüberhinaus ein überlegtes, inhaltliches Ziel dieser Sendung?

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Nachtrag am 2.4.15:

Der deutsche Frauenrat berichtet von einer Programmbeschwerde der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW gegen die Sendung vom 2.3.15.

Darin heißt es unter anderem:

Die Sendung von Herrn Plasberg hat u.E. gegen die Programmgrundsätze („Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen“) des WDR verstoßen.
Wollen Sie auf diese Art und Weise mehr Frauen und junge Menschen für den WDR begeistern? Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.

Den genauen Wortlaut des Briefes an den WDR, an Tom Buhrow kann man >hier< nachlesen.

 

hart aber fair Programmankündigung ARD

hart aber fair Programmankündigung ARD

Rosa-Hellblau-Falle in Schulbüchern

Weil sich in Österreich der Bundesverband der Elternvereine gegen eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern ausgesprochen hat, sind „gegenderte Schulbücher“ Anlass, um mal wieder über die Ideologie des „Genderismus“ im Allgemeinen und das generische Maskulinum im Speziellen zu diskutieren. Vorschläge, beide Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, werden weggewischt, weil umständlich und schwer lesbar oder überhaupt weil man sich von der Sprachpolizei nichts sagen lassen möchte.
Wie wäre es, Binnen-I, Sternchen und Professx einfach mal kurz stehen zu lassen, und dafür all die anderen rosa-hellblauen Klischees wahrzunehmen, die in Schulbüchern stecken, die hier und heute verwendet werden?

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Ein von @thomas_mohr getwittertes Bild, die Seite aus einem Englischbuch von 2013 gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Die Aufgabe: „Was ist typisch für ein Mädchen? Was ist typisch für einen Bub?“ Vorschläge, die die Kinder mit M für Mädchen oder B für Bub kennzeichen sollten: Sie sind leise im Unterricht / Sie reiten gern / Sie spielen mit Puppen / Sie haben kurze Haare … „Beide“ anzugeben ist nicht vorgesehen. Nun kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Auf Seite 113 steht dort allerdings nur:

Ideen zur Unterrichtsarbeit: SB S. 33, Aufgabe 1 – Ausgehend von Unterschieden im Verhalten, im Aussehen, in Vorlieben bzw. Abneigungen von Mädchen und Buben werden anschließend die Gemeinsamkeiten definiert (AH, S. 20). Es wird dabei deutlich, dass es zwar Eigenheiten der Geschlechter gibt (typisch Mädchen bzw. typisch Bub), jedoch die einzigen „echten“ Unterschiede die Geschlechtsteile sind. (Aus: Das Lasso Sachbuch-Englisch 1/2, LehrerInnenband, 978-3-209-07423-2, Stgt 2009, Wien 2013)

Ich fürchte, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen hätten und findet auch gar nichts Negatives daran. In KiTas wurden dazu Studien und Projekte durchgeführt, die Mehrheit der PädagigInnen und Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen, und ist sich in keiner Weise bewusst, wie sehr die Vorstellungen von „richtigen“ Jungen und von „echten“ Mädchen das eigene Verhalten beeinflusst. Ich nehme an, für den Grundschulbereich lässt sich Ähnliches feststellen.

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch* Foto by @Luii_Luise auf Twitter

Und so blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste nähende Vater und der Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen. Aus einem Schulbuch, das @Luii_Luise auf Twitter gepostet hat. Gehen wir trotzdem einmal davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer im Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit so gut aus- und fortgebildet sind, dass Buchseiten dieser Art im Deutsch und Englisch-Unterricht von ihnen in Gesprächen mit Kindern gut aufgefangen werden können. Dann frage ich mich, warum es im Mathebuch weitergeht mit den alten Klischees: Denn während ich im Internet die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern verfolge, sitzt meine neunjährige Tochter über ihren Mathehausaufgaben und soll ein Balkendiagramm zeichnen, in Rosa und Hellblau. Daneben die Zahlen dazu, Grundlage sind fiktive Daten zu Hobbys von Mädchen und Jungen. Das von meiner Tochter gezeichnete Diagramm führt ihr und uns anschaulich vor Augen: Reiten ist was für Mädchen, Computer ist was für Jungs. Hallo ?? Es muss doch möglich sein, ein Mathebuch zu schreiben, das ohne derartiges Schubladendenken auskommt. Und Statistik ist keine Ausrede, Kinder überholtes Schubladendenken in Rosa und Hellblau malen zu lassen. Mädchen und Jungen wollen dazugehören, sie wollen keine Außenseiter sein. Doch wir zeigen ihnen täglich in jedem nur denkbaren Bereich, was sie dafür tun müssen, was „typisch“ und damit „normal“ ist für die jeweilige Schublade. Und dann wundern wir uns, warum der Sohn sich so wenig für Puppen interessiert oder warum die Tochter sich trotz guter Noten gegen das Mathestudium entscheidet. Da muss dann wohl die Biologie Schuld sein, denn wir? Sind’s ja nicht.  #keinePointe. Rosa-Hellblau-Mathe3    
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Nachtrag vom 8.2.2015: Ein Artikel aus der Zeit, ein Jahr alt, über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse das Gespräch sucht. Ich hoffe, es gibt ganz viele solcher Lehrerinnen und Lehrer, denn sie können die o.g. Klischees in Schulbüchern gut auffangen. Und die Kommentare unterm Artikel zeigen, wie nötig die Diskussion ist.

Anders und trotzdem gleich(wertig) ?

Gendermarketing, die Aufteilung der Produktpaletten nach Geschlechtern liefert das alltägliche Mantra, das unseren Kindern einbläut, wie wir Frauen so sind und was wir Männer so mögen, was wir können, was wir essen, womit wir unsere Zeit verbringen … und was Jungen bzw. Mädchen tunlichst unterlassen sollten, wollen sie dazugehören und sich nicht selbst zu Sonderlingen und Außenseiterinnen machen. Geschmack, Vorlieben, Interessen, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften … (Gender-)Marketing behauptet, auf unterschiedliche BadBoy-DramaQueenGruppen und ihre Interessen zu reagieren, und das klingt ganz wertfrei und wunderbar nach Vielfalt. Und das bunte Marketingangebot für Mädchen und für Jungen macht ja tatsächlich auch sichtbar, dass es nicht nur Männer gibt in dieser Welt, sondern auch Frauen und Mädchen. Aber warum müssen diese Darstellungen so klischeehaft sein? Alles nur spielerisch und ironisch… ? Geschenkt! Denn das eigentliche Problem liegt ganz woanders: im sogenannten Fremdgruppen-Homogenitätseffekt und in der Eigengruppen-Verzerrung (Ingroup-Bias) – harmlos-spaßig und spielerisch geht leider anders.

Zweiteilung führt zu Diskriminierung

Eine Trennung in zwei Welten führt zu einer spürbaren Homogenisierung innerhalb der jeweiligen Gruppe und zum sogenannten ‚Fremdgruppen-Homogenitätseffekt‘: Der „alle anderen sind gleich“-Effekt tritt bei jeder Art von Gruppenmitgliedschaft ein, er betrifft nicht nur das Aussehen, sondern auch das Verhalten. Mögen aus amerikanischer Sicht nicht doch alle Deutschen Bier? Und können Menschen afrikanischer Herkunft nicht irgendwie alle besser tanzen? Wir weisen also den Mitgliedern einer anderen Gruppe ähnliche Eigenschaften und Charakterzüge zu, während wir in unserer eigenen Gruppe die besonderen Eigenheiten der Mitglieder deutlicher erkennen. Und auch wenn es nicht abwertend gemeint ist, bleibt es doch diskriminierend, Geschmacksvorlieben oder rhythmische Fähigkeiten an Nationalität oder Hautfarbe festzumachen. Beides sind Urteile, die von natürlichen Merkmalen ausgehen und aus der Distanz gefällt werden; Individualität wird dabei ignoriert: In der Theorie gestehen wir Mädchen und Jungen alle menschenmöglichen Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zu. Wir sind uns einig, dass wir ihnen unabhängig vom Geschlecht alle Entfaltungsmöglichkeiten geben wollen. Doch im Alltag zeigt sich: Der Einfluss von Gewohnheiten, von historischen Entwicklungen und Werten ist immer noch so groß, dass wir mit Begrifflichkeiten wie ’normal‘, ‚typisch‘ oder ’so sind sie eben‘ hantieren. Jedes ‚anders‘ Handeln wird somit zur offensichtlichen Grenzüberschreitung.

Wir bevorzugen die eigene Gruppe

Grundsätzlich gibt es ja gar keinen Grund, ein gleichwertiges Nebeneinander von zwei oder mehreren Gruppen zu problematisieren, wenn jede mit den ihr zugeschriebenen Rechten und Pflichten einverstanden ist. Doch das Phänomen der ‚Eigengruppen-Verzerrung‘, der ‚Ingroup-Bias‘, führt dazu, dass wir die eigene Gruppe bevorzugen und Nichtmitglieder benachteiligen. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass dieser Effekt selbst dann eintritt, wenn Gruppen willkürlich in eine Ingroup und eine Outgroup eingeteilt werden. Kinder spielen zum Beispiel lieber mit Kindern derselben Gruppe, nachdem ihre Zugehörigkeit zu dieser beliebig zusammengesetzten Gruppe mehrere Tage lang betont worden war (z.B. durch Tragen eines T-Shirts derselben Farbe).

Die sogenannte ‚Minimalgruppen-Forschung‘ aus den 1970er-Jahren des Sozialpsychologen Henri Tajfel ging noch einen Schritt weiter: Er zog den Schluss, dass allein die Einteilung in zwei Gruppen, selbst wenn sie künstlich zustande kam, zu Diskriminierung führt. Zur Minimalgruppen-Forschung gehören Experimente, in denen Versuchspersonen willkürlich zwei Gruppen zugeteilt werden, durch Münzwurf, Losentscheid oder durch triviale Eigenschaften, zum Beispiel die Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung. Wenn sie später in einem Scheinexperiment der Eigen- oder der Fremdgruppe Geld zuweisen sollen, dann zeigt sich, dass die Teilnehmenden ihrer Eigengruppe deutlich mehr Geld geben. Auffällig und besonders absurd dabei ist, dass es gar nicht mal darum geht, der eigenen Gruppe zu einem möglichst großen Gewinn zu verhelfen, sondern die Versuchspersonen behalten immer im Auge, einen maximalen Unterschied zur Fremdgruppe herzustellen, selbst auf die Gefahr hin, dass der Gesamtgewinn für die eigene Gruppe am Ende kleiner ausfällt. Den Schaden der anderen zu vergrößern ist wichtiger, als die Vorteile der eigenen Gruppe. Die Fremdgruppe wurde in diesen Fällen diskriminiert, und das, obwohl sich die Teilnehmer*innen nicht einmal kannten und obwohl sie das zu verteilende Geld nicht behalten durften.

Wir haben gewonnen

Dahinter steckt laut Henri Tajfel, dass wir eine Identität haben, die über das Ich hinausgeht, eine Art Wir-Identität, die dafür sorgen soll, dass es der eigenen Gruppe besser geht als den anderen. Wir versuchen die eigene Gruppe aufzuwerten, denn wenn es unserer Gruppe gut geht, geht es auch uns selbst gut, so unsere innere Logik. Geht es der Gruppe gut, wächst wiederum auch unser Zugehörigkeitsgefühl. Gewinnt Deutschland bei der Fußball-WM, schreiben die Zeitungen „Wir haben gewonnen“, verliert die deutsche Mannschaft, liegt der Fehler bei einzelnen Fußballer*innen, beim Trainer oder der Trainerin,  im Zweifel am Wetter. „Wir sind Papst“ freut deshalb auch Menschen, die sich bis dahin wenig für Kirchenoberhäupter interessiert hatten. Die Sozialpsychologin Sabine Otten erklärt, die Eigengruppe werde als Teil des Selbst verstanden. Und da wir wissen, dass ein gesunder Mensch sich selbst gegenüber eine positive Einstellung hat, überträgt sich diese Einschätzung auch auf die Eigengruppe: Wir finden sie wunderbar, sogar dann, wenn wir ihr erst seit kurzem angehören.

Der Wunsch, sich von der Fremdgruppe abzusetzen, wächst, wenn Wettbewerb mit ins Spiel kommt. Der Sozialpsychologe Jens Förster nennt in seinem Buch über „Nutzen und Nachteil des Vorurteils“ (Kleine Einführung in das Schubladendenken) zwei Bedingungen, unter denen negative Diskriminierung auftritt, allein durch die Bildung von zwei Gruppen: zum einen, wenn die Eigengruppe als wichtig erlebt wird, und zum anderen, wenn die positive Identität der eigenen Gruppe in irgendeiner Weise durch eine andere Gruppe bedroht wird. Etwas anders verhält es sich, wenn es um Geschlechtergruppen geht. Hier genüge schon „die Geschlechtsidentität, also die Frage, wie sehr wir uns als Mann oder Frau fühlen, und der feste Glaube daran, dass sich Männer und Frauen fundamental voneinander unterscheiden“. Beides zusammen führe selbst ohne den Faktor Wettbewerb zu Diskriminierung, betont Jens Förster. Zum Beispiel dann, wenn jemand durch sein Verhalten unsere Rollenklischees von Frau und Mann, von Mädchen und Jungen infrage stellt.

Wettbewerb ist Alltag

Auch außerhalb von Wettbewerbssituationen also geraten die Gemeinsamkeiten von Menschen aus dem Blick, wenn man sie fortwährend in zwei Gruppen teilt. Mehr noch, wenn man sie immer wieder in dieselben zwei Gruppen trennt: Die Kategorie Geschlecht nehmen wir jeden Tag viele Male wahr, und wir stellen sie weit über Größe, Einkommen, Alter, Augenfarbe … oder jede beliebige andere Kategorie, die uns aus der rosa- oder hellblauen Schublade heraushelfen könnte, würden wir sie nicht als weniger wichtig einstufen. (Nur die Religion scheint dieser Tage genauso relevant und streng beurteilt, wenn es um Gruppenzugehörigkeit geht).

Im Alltag spielt Wettbewerb unter Mädchen und Jungen natürlich immer wieder eine Rolle, allein schon durch die wiederkehrenden Vergleiche der Erwachsenen (besser lesen, schneller rennen, schöner malen, Schwereres tragen …). Auch der Wettbewerb unter Erwachsenen, die im Berufsleben um Status und Anerkennung kämpfen, bleibt Kindern nicht verborgen, sie erkennen darin die Spielregeln der Erwachsenenwelt. Der Neurobiologe Gerald Hüther ist überzeugt: „Weil sie in unserer Wettbewerbsgesellschaft ständig aufeinander gehetzt werden, haben sich beide Geschlechter schon weit voneinander entfernt.“ Die Tatsache, dass mehr Frauen in Männerdomänen Erfolg haben wollen als Männer in Frauenberufen, der Umstand auch, dass immer mehr Frauen vordringen in Berufe, die besser bezahlt sind und höheren Status versprechen, vermittelt den Kindern die jeweilige Wertigkeit verschiedener Tätigkeiten. Diese Hierarchie überträgt sich sehr oft auch auf die Familie, was einem gleichberechtigten Zusammenleben von Mutter und Vater, Brüdern und Schwestern nicht gerade zuträglich ist.

Gendermarketing mag also durchaus ein Zeichen dafür sein, dass unsere Welt vielfältiger geworden ist, der Blick auf unterschiedlichste Gruppen, die bisher weniger gehört, weniger wahrgenommen wurden, spricht dafür. Doch wenn wir Vielfalt auf das Individuum beziehen wollen, also Vielfalt verstehen als individuelle Wahlfreiheit, dann zeigt sich, dass Frauensenf und Männerchips, Mädchenschnuller und Jungsshampoo eine Einengung bedeuten und unsere persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten reduzieren.

Im übrigen nehmen Kinder die Werbe- und Warenwelt ganz anders wahr als wir Erwachsenen, nämlich schlicht als Wahrheit: wenn Männer im medialen Care-Bereich von Kinder, Haushalt, Pflege nicht abgebildet werden, dann, weil das wohl so sein muss, weil sie es offenbar nicht können. Und diese seltsam verzerrte Vorbildwelt erleben Jungen und Mädchen abertausende Mal bevor sie  selbst vor der Entscheidung stehen, welche Rolle sie in ihrer eigenen Familie denn einnehmen wollen. Was also in der Erwachsenenwelt ermutigend wirken kann, eine neu und endlich abgebildete Vielfalt, wird schnell zur self-fulfilling prophecy, denn die wieder und wieder reproduzierten Werbeklischees werden diese Vielfalt schnell wieder zerstören.

 

 

*Passagen dieses Artikels sind dem Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ entnommen.