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Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

————————–

*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.

Wir und die anderen.

Gendermarketing ist das rosa-hellblaue Ungetüm, über dessen Einfluss und Überfluss sich viele einigen können. Wohl deshalb werden wir besonders zu diesem Thema häufiger befragt als zu anderen Phänomenen, die wir mit der Rosa-Hellblau-Falle ins Bewusstsein rufen wollen. Aus unserer Sicht sind ja die alltäglichen Kommentare Erwachsener genauso, wenn nicht präsenter im Alltag und deshalb einschränkender für Kinder. Aber da geht es nicht ums Geld. Da sind auch nicht die anderen schuld. Da geht es darum, sich selbst an die Nase zu fassen. Unangenehm. Wer mag das schon. Verkauft sich deshalb auch nicht so gut als Zeitungsartikel. Wir versuchen es trotzdem immer wieder anzusprechen, denn die meisten gehen davon aus, ihre Kinder „neutral“ zu behandeln, tun es aber nicht, wir auch nicht, weil das gar nicht möglich ist.

Chips aus Italien. Rosa-Hellblaues-Urlaubs-Mitbringsel.

Gendermarketing – die Beispiele haben sich weiter gestapelt in den letzten Wochen, während wir Urlaub gemacht haben. Wir kommen kaum hinterher, sie zu sammeln. Wir sind sie, ehrlich gesagt, längst leid. Immer dieselbe Botschaft: Jungs sind cool, Mädchen hübsch. Langweilt das nicht, wenn man im Marketingbereich arbeitet? Gibt es keine neuen Ideen, Produkte an Kinder zu verkaufen? Wo es doch schon beim Einkaufen nur noch Gähnen und Weitergehen auslöst. Bei mir zumindest. Verena Hasel hat mich für ihren Artikel „Rosa und hellblau.“ in der ZEIT interviewt, und sie listet die vielen Produkte der letzten Monate auf, Zeile um Zeile ein rosa-hellblaues Grauen. Eigentlich veranschaulicht die lange Liste, dass hier etwas schief läuft, sollte man meinen. Also besser nicht die Kommentare lesen, denn nicht alle wollen wahrhaben, dass Werbung unsere Entscheidungen beeinflusst: „Jungs wollen Autos und Mädchen alles in pink. Und das ganz von selbst.“ Ach! Soso! Willkommen in der Rosa-Hellblau-Falle :-)

In einem Pro-Contra-Artikel „Sexistische Werbung verbieten?“ der Zeitschrift ‚Publik Forum‘ argumentiere ich für die Pro-Seite, aber Katja Suding, FDP, meint tatsächlich  „Mein Weltbild sieht den mündigen Menschen vor. Und der ist selbst in der Lage, unangemessene Werbung zu bestrafen, indem er das beworbene Produkt nicht kauft. Als Kundin und als selbstbewusste Frau entscheide ich, ob ich das Frauenbild, das Unternehmen mit ihrer Werbung zeichnen, unterstütze oder ablehne.“ Herrlich naiv, finde ich! Was schert sie der Milliardenumsatz der Werbeindustrie, die Forschung der Werbepsychologie, wie Botschaften aussehen müssen, damit sie unser Unterbewusstsein erreichen, zum Teufel mit all dem Wissen der Minimalgruppenforschung, Studien zum Stereotype Threat? Pfff, mal eben in die Tonne gekloppt, denn mit „mündiger Bürger“, mit „Freiheit“ und Nicht-reinreden-lassen erreicht man mehr potentielle Wähler. Das ärgert mich, wenn eine Politikerin auf diesem Weg Stimmung für sich macht. Deshalb schreiben wir genau darüber einen ausführlicheren Artikel für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (Link folgt) Und auch sonst ist in den nächsten Wochen viel los:

Die Ferien sind vorbei, Schulbeginn in NRW und mit unserer Jüngsten haben wir jetzt alle drei Kinder in der weiterführenden Schule :) Der rosa Schulranzen hat also demnächst ausgedient, wir erreichen das blau-türkis Alter und die Haare müssen laaaang sein (Alles selbst entschieden, loggisch! ;)

Sascha gibt ein rosa-hellblaues Interview für das hr1 Morgenmagazin. Am 3. September sind wir in Kochel am See und geben ein Seminar „MINT-Berufe. Kein Platz für Frauen?“ gemeinsam mit Sylvia Kegel vom Deutschen Ingenieurinnenbund.

Wir sind auf Interviewtour für unsere nächsten, eigenen Radiosendungen, die vorerst gar nichts mit Rosa-Hellblau zu tun haben, denn bei der ständigen Präsenz des Themas, sind wir sehr dankbar, dass wir auch andere Felder beackern dürfen (Wen’s interessiert, hier steht mehr über unsere Radiothemen). Und ich freue mich auf viele Seminare rund um das Themengebiet ‚Kommunikation‘: Vorlesen, Präsentieren und Sprechen am Mikrofon zum Beispiel. Und so werden wir auch beim zündfunk-Netzkongress im Oktober nicht über Rosa-Hellblau sprechen (ok, ein bisschen vielleicht), obwohl das Thema „Mind the Gap“, „Schließt die Lücken!“ ja wie die Faust aufs Auge… violett… Nein, wir haben uns anders entschieden.

Macht aber nichts, denn davor und danach sind wir in Hamburg und in Pforzheim und in Schwäbisch Hall mit Workshops und Lesungen in Sachen Rosa-Hellblau unterwegs, vielleicht auch in Aachen und anderswo. Es verlässt uns also keineswegs das Glitzerkichern und das Monstergrollen und wir freuen uns über Anfragen und Austausch dazu.

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

von Almut

 

P.S.

Wenn Ihr Beispiele habt aus Eurem rosa-hellblauen Alltag, Szenen, Momente, Kommentare, dann teilt sie mit uns. Hier in unsere Sammlung könnt Ihr sie eintragen: >submit<

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfalle :)

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfallen.

Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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Der unterschätzte Kleinkram

Die größte Aufmerksamkeit im Themenkreis Rosa-Hellblau-Falle bekommen Nachrichten über sexistische Produkte, deren Geht-ja-sowas-von-gar-nicht-Level für ganz viele sehr hoch liegt. Aktuelles Beispiel aus meiner Timeline ist die Stellenanzeige einer Metzgerei mit einer Frau im Bikini, die eine (Rinder-?)Keule auf der Schulter trägt. – Nein, kommt nicht infrage, dass ich den Tweet hier einbette, ich finde gruselig genug, dass grade das Posten dieser sexistische Anzeige mir bald 200 Retweets beschert hat. Ein Trauerspiel, wenn ich bedenke, wieviele tolle, wertvolle, aussagekräfige, informative… Tweets ich doch sonst immer… ODER?!! Aber das ist trotzdem kein Beweis für ‚Sex sells‘, nur für höhere Aufmerksamkeit. Die führt nämlich noch lange nicht zum Kauf, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass Leute das Produkt selbst gar nicht wahrnehmen (Die Studie dazu und ein Artikel über dieselbe). Ob die Metzgerin nun durch die Anzeige eine neue Fleischfachverkäuferin gefunden hat, ist damit ja noch nicht raus.

Zurück zum unterschätzen Kleinkram. Heute früh ist @luebue über einen solchen gestolpert und hat ihn nicht unterschätzt, sondern in die Tonne gekloppt:

Genau das sind diese Zuschreibungen im Alltag von Kindern, die wir mit „Rosa-Hellblau-Falle“ meinen. Die sind klein und rutschen uns ganz oft durch im Alltag. Sie kommen nicht Schweinekeule schwingend daher und kündigen sich groß als Sexismus an, sondern reihen sich ein in die Menge der Botschaften, die wir und mehr noch unsere Kinder Tag für Tag aufnehmen darüber, wie mann so tickt und was frau so mag. Und am Ende des Tages finde ich die sehr viel übler, als eine einzelne Stellenanzeige. Deshalb habe ich den Käsetweet mit einem 🚮 versehen und weiterverbreitet.

Nun habe ich auf Twitter seit der Schweinekeulen-Anzeige bestimmt 30 neue Follower. Sind sie alle über diesen Post zu mir gekommen? Dann hat das bestimmt bei manchen falsche Erwartungen geweckt.

Und genau darüber lässt sich streiten. Beziehungsweise prima diskutieren. Auch für den Fall, dass @LesTramms gar nichts von der Schweinekeule weiß und aus ganz anderen Gründen mehr erwartet hatte. Ich finde Käse mit der Aufschrift ‚Lieblingszicke‘ in der Brotdose meiner Kinder nicht banal. Denn ich weiß, dass sie im Lauf des Tages noch sehr viele solcher nach Geschlecht sortierten Botschaften aufschnappen werden. Wir essen zwar keine Herrenkonfiture mit Whiskey zum Frühstück (sonst auch nicht :), ich kaufe kein Feenmüsli und auch unsere Schuhe sind frei von Piraten und Prinzessinnen.

Aber an der Bushaltestelle, an der sie vorbeikommen, hängt eigentlich immer irgendein Plakat mit der Botschaft von einem „echten Kerl“ oder einer Bikinischönheit oder von Vätern und Salat und anderen Geschlechterklischees. Auch auf die Auswahl der Übungsblätter in der Schule habe ich keinen Einfluss. Und auf die Botschaften in der Bäckerei auch nicht.

Kinder bekommen den ganzen Tag über jede Menge, für sich gesehen banale Botschaften mit auf den Weg. Aber in der Summe formt sich so ihr Bild von Mann und Frau und davon, wie wir Erwachsenen, die wir Käse verpacken, Plakate gestalten, Schulbücher machen, Brötchen verkaufen… sie uns vorstellen. Nun kann ich mich entweder zurücklehnen und sagen: „Kann ich nicht ändern. So ist das eben, da müssen sie reinwachsen, früh übt sich [was ein ganzer Kerl werden möchte]!“ oder ich versuche wenigstens hier zuhause die eine oder andere Keule auszusortieren. Ich habe mich entschieden, (Käse-)Botschaften, mit deren Inhalt ich nicht einverstanden bin, nicht auch noch an meine Kinder weiterzureichen, denn ich bin nicht der Meinung, Mädchen seien nun mal ab und an zickig und Jungs liebten eben Hackfleisch-Plätzchen. Ja, das ist anstrengend und an schlechten Tagen nenne ich mich Sisyphus, aber hey, das bisschen Fels! ;-)

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-> Und hier gehts zum Blogpost von @luebue in Sachen Zickenkäse; der ist wohl zeitgleich entstanden :)

Echte Männer tanzen nicht…

„Tanzen? interessiert ja doch eher die Mädchen“

eine self fulfilling prophecy

Anlass für diesen Post ist ein Werbespot für Kekse, in dem ein Junge von drei anderen verprügelt wird, als sie ihn mit einem Koffer sehen, aus dem der Stoff eines rosa Tütü quillt. Am Ende löst sich auf: das Tütü ist ja gar nicht seins, er bringt es seiner Freundin, denn die träumt davon, Ballerina zu werden. Na, dann ist ja alles gut. Denn wenn wer er…, also als Junge… zum Ballett?

Unser Sohn Kay hat als Sechsjähriger seine zwei Jahre ältere Schwester Mika eine Weile zum Tanzkurs begleitet. Kein klassisches Ballett, sondern Kindertanz mit Musik und Bewegung im Raum, kurze Choreographien, Geschichten dazu und auch ein bisschen rosa Tütü. Irgendwann hat er dann einfach mitgetanzt. Er kam gut mit bei den Übungen und Bewegungskombinationen, war mit Spaß bei der Sache, und die Kursleiterin war begeistert. Mal ausprobieren, sich Bestätigung abholen, stolz sein, dafür war es genau richtig, aber da er der einzige Junge war, wollte er nicht mit einsteigen, schon gar nicht bei der Aufführung am Ende des Halbjahres. Wir überlegten, im Freundeskreis herumzufragen, ob nicht einer seiner Freunde mittanzen würde, aber Kay war dagegen. Also haben wir nach einer anderen Gruppe gesucht, bei der auch Jungs mittanzen. Bis wir die gefunden hatten am anderen Ende der Stadt, da war die Schublade schon zu, das Thema durch.

Tanzen oder Fußball?

Stattdessen spielte Kay dann Fußball, obwohl er sich nie dafür interessiert hatte, weder anschauen, noch selber spielen. Erst Mitte der Grundschulzeit fing es an. In den Schulpausen gab es nur noch die Wahl zwischen Fußball mit den Jungs oder Turnen an der Stange mit den Mädchen. Da alle seine Freunde auf nichts anderes mehr Lust hatten, hieß es für Kay plötzlich, sich zu entscheiden: Er konnte entweder die Nachmittage mit seinen Freunden verbringen und sich mit dem Fußballspiel arrangieren oder sich andere Freunde suchen. Schwer zu erraten, wie es weiterging: Kay gehört jetzt zu den Jungs, die Tanzen doof finden und Fußball toll. Typisch Jungs? Tanzen liegt denen eben nicht. Ist das so?

Filme, in denen Jungs tanzen, machen entweder genau diesen Wunsch zum Thema (Billy Elliot) außer es geht um Breakdance und Capoeira. Filme, in denen Männer tanzen, sind „Frauenfilme“, die durch den Bechdeltest fallen, der Superduper-Tänzer (Footloose, Dirty Dancing…) im Zentrum ihres Seins und Denkens. Zum Samstagnacht-Tanzen in der Disco gab es mal eine Studie, die untersuchen wollte, wie Männer tanzen sollten, damit sie bei Frauen gut ankommen. „Das ist die erste Studie, die objektiv zeigt, was einen guten von einem schlechten Tänzer unterscheidet“ (Psychologe Nick Neave, Leiter der Studie). Ob gut oder schlecht entscheiden also Frauen? Warum nicht homosexuelle Männer? Homosexualität wird doch genau jenen unterstellt, aus deren Koffer ein Tütü lugt, oder nicht? Ausnahmesituation: Die Lachnummer „Männerballett“ auf Hochzeiten. Am liebsten mit Tennissocken, Rippshirt und viel behaartem Bauch, damit auch ja keine Zweifel aufkommen: Spaß am Ballett? Natürlich nur beim Veralbern!

Welche Rolle spielt eigentlich das Gefühl des Tänzers selbst? Wenn er tanzt, dann nur für sie? Für Show und Applaus? Wie sieht’s aus mit Tanzen, einfach, weil es sich gut anfühlt? So für sich selbst? Als Ausdruck der guten Laune? Passt nicht ins Männerbild. Denn so oder so dürfen Männer nur tanzen, wenn es gut aussieht. Aber hey, no pressure!

„Welcome to our series on exploring your masculinity. …

Truly manly men do not dance! Under any circumstances. This will be your ultimate test. At all cost avoid rhythm, grace and pleasure. Whatever you do, do not dance! … Men do not dance. They work, they drink, they have bad backs, they do not dance. Hold still, hold tight. Whatever you do: do not dance! … Kick someone, punch someone, bite someone’s ear!

Get a grip!

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Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

Fragen zum Equal-Care-Day

Wer springt ein, wenn „Not am Mann“ ist?

Fragen zum Equal Care Day am 29.Februar

 

Ein Kind kommt auf die Welt.

Foto: StarMama

Foto: StarMama

Wer begleitet die Schwangere? Wer übernimmt die Erstversorgung des Neugeborenen? Wer kümmert sich um die junge Mutter? Wer hat die ersten Kleider besorgt? Wer achtet darauf, dass mit dem Stillen / Trinken alles klappt? Wer ruft zuerst an, wird angerufen? Wer kommt zu Besuch? Wer bietet Unterstützung an? Wer kocht in den ersten Tagen und später? Wer wäscht und putzt und kauft ein, wer sorgt dafür, dass die Mutter sich im Wochenbett erholen, um sich selbst kümmern kann? Auf wen kann sich die neue Familie in dieser Situation wirklich verlassen? Und wenn schon Geschwisterkinder da sind, wer hat sich um die gekümmert während der Geburt und in den Stunden, Tagen danach? Wo waren sie untergebracht? Und wenn nicht alles gut ging? Das Kind krank ist, vielleicht beHindert, die Mutter noch länger medizinisch versorgt werden muss? Wer wäscht, wer badet, wer wickelt? Wer kennt die aktuelle Windelgröße und weiß, wann neue gekauft werden müssen? Wer bringt das Kind ins Bett? Wer singt, wer liest vor? Wer wacht auf und wer steht nachts auf, wenn es weint? Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer weiß, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht? Wer hat die Karten der Krankenversicherung im Geldbeutel, und wer geht zum Kinderarzt, zur Kinderärztin, ins Krankenhaus? Wer übernachtet dort auf der Liege? Wer weiß, wo das Nasenspray steht und welches Zäpfchen das richtige ist? Wer tröstet das Kind, wenn es sich weh getan hat, wenn es traurig ist? Wie wird getröstet, wenn es ein Junge, wenn es ein Mädchen ist? Wer wird liebevoll getröstet, und wem wird gesagt, er soll sich mal nicht so haben? Wer wird ermahnt, gut auf sich aufzupassen?

 

Babyschwimmen und Kinderturnen, Pekip und musikalische Früherziehung, Tageseltern, Kita, Baby-Sitter*in? Wer wählt aus, wer geht mit? Wer führt die Gespräche, macht Termine? Wer übernimmt die Eingewöhnung? Wer hat den Kinderanhänger am Fahrrad – und dann auch beim Familienausflug am Wochenende? Wer kümmert sich um die Verabredungen des Kindes? Wer telefoniert und vereinbart die Treffen? Wer bringt und holt ab? Wer geht mit auf den Spielplatz? Wer weiß, welcher Geburtstag ansteht, bereitet vor, bastelt Einladungen, besorgt die Geschenke? Wer weiß, welche Kleidergröße die Kinder haben? Breiter Fuß oder eher schmal? Wer kauft neue Hosen, und wer verkauft die alten auf dem Flohmarkt? Wer hat rechtzeitig neue Handschuhe gekauft, wenn es kalt wird? Wer packt für den Urlaub? Wer kümmert sich um die Haustiere, wenn es die Kinder vergessen? Wer geht mit zum Tierarzt? Wer geht mit zur Zahnärztin? Wer hat sich über die nächste Impfung informiert, wer weiß, wann sie ansteht? Wer weiß, wer noch kein Taschengeld bekommen hat? Wer kennt sich aus mit der Lineatur von Schulheften? Wer streicht die Schulbrote? Wer spült die Wasserflasche, die nach dem Wochenende noch in der Schultasche liegt? Wer weiß, wo der Turnbeutel liegt? Wer fragt Vokabeln ab? Wer erinnert ans Klavier Üben und schaut mit über die Schulter? Wer macht sich Gedanken übers Essen? Über die (eigene) Ernährung? Wer hält sich zurück, wer langt kräftig zu? Wer kocht? Wer sortiert die Wäsche? Und weiß, wann die Bettwäsche wieder gewechselt werden muss? Wer ist verantwortlich für welchen Bereich und wer muss mithelfen? Wie viel, bei welchen Tätigkeiten, mit welcher Selbstverständlichkeit? Wer kümmert sich um kleinere Geschwister? Von wem wird das ausdrücklich verlangt? Wer lernt, sich in andere hinein zu versetzen? Wer lernt, auf die Wünsche anderer zu achten? Wer lernt, seine eigenen Wünsche auch mal hinten anzustellen? Wessen Wünsche werden eher mal ignoriert?

 

Wer erklärt dem Kind die Welt, antwortet auf seine Fragen? Mit wem spricht es, wenn es Sorgen hat, wen fragt es, wenn es Rat braucht? Wie wird reagiert, wenn der Sohn Liebeskummer hat, und bei der Tochter? Und wenn die Eltern selbst Probleme haben, die auch die Kinder betreffen? Wie reden sie mit einer Tochter, wie mit einem Sohn? Wem fühlen Sie sich näher? Wie ist es bei Krankheit, Problemen in der Schule, Ärger, Sorgen in der Pubertät? Wer kennt die Freundinnen und Freunde? Wer fühlt sich verantwortlich? Wer ist ansprechbar, auch wenn der Zeitrahmen kaum Luft lässt? Wer redet mit den Lehrer*innen? Und zu welchen Anlässen? Wer geht auf die Elternabende? Wer lässt sich als Vertreter*in wählen? Und in den Gremien, wer übernimmt den Vorsitz? Und die Handy-Notfallnummer? Von der Mutter, vom Vater? Wer lässt alles stehen und liegen im Fall der Fälle?

Wer erlaubt sich, krank zu sein? Wer achtet auf sich selbst, auf genügend Schlaf, auf Ausgleich und Ruhephasen? Wer geht zur Vorsorge? Wer macht weiter, obwohl es weh tut? Wer redet über seine*ihre Bedürfnisse? Wer hält Monologe? Wer fragt, was die anderen brauchen? Was ihnen fehlt? Wer bestimmt in letzter Konsequenz? Auf welcher Grundlage?

 

Wer fährt zu den Großeltern? Wer sieht, was Opa fehlt? Wem vertraut er? Wer organisiert seinen runden Geburtstag? Wer begleitet Oma zum Arzt? Wen ruft sie an, wenn sie Hilfe braucht? Wer organisiert eine Pflegekraft und das Essen auf Rädern? Wer weiß, wie die Pflegekraft heißt? Ist es ein Mann oder eine Frau? Woher kommt sie? Wer stellt Fragen? Wer hört zu? Wer bleibt auf dem neusten Stand? Wer macht sich nachts Sorgen und kann nicht schlafen? Wer weiß, welches Medikament fehlt? Wer hilft beim Einzug ins Pflegeheim? Wer redet mit dem Pflegepersonal? Wer besucht, wer bringt was mit, sieht, was im Zimmer fehlt? Wer macht ein Spiel mit, wer singt, wer puzzelt, wer liest was vor? Wer füttert, wer wischt auf, wer wischt ab. Wer hilft beim an- und ausziehen? Wer bekommt die Vollmacht? Wer erbt? Wer bekommt die Unzufriedenheit zu spüren? Wer macht immer alles falsch? Wer steht über allem? Wer zahlt drauf? Und wenn jemand gestorben ist? Aus der Familie oder im Bekanntenkreis? Wer findet die passenden Worte? Wer druckst rum? Wer sucht den Kontakt zu den Hinterbliebenen? Wer zieht sich zurück?

Wer spricht ein Machtwort? Wer hält den Rücken frei?

 

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Was ist der Equal-Care-Day?

www.equalcareday.de