Archive | Gender RSS feed for this section

hart aber fair stellt Gleichstellungsbestrebungen infrage

Für gestern Abend hatte sich die Redaktion von „hart aber fair“ um Frank Plasberg entschieden, Gleichstellung und damit zusammenhängend, den PayGap zu diskutieren … und das Thema wiederholt auf vergleichsweise lächerliche Nebenaspekte zu reduzieren (Ampelmännchen, Unisex-Toiletten, Hirsche …). Der Moderator hat von Anfang an Stellung bezogen, seine Kommentare, die Zitate und Einspieler waren manipulativ. Dazu passend kamen drei Gäste zu Wort, die sich mit Fragen der Gleichstellung bisher wenig bis gar nicht befasst hatten (S. Thomalla hat vom generischen Maskulinum noch nie gehört und hält die Diskussion darum für Quatsch.), deren Alltagstheorien unwidersprochen blieben vom parteiischen Moderator (W. Kubicki beruft sich auf seine beiden Töchter, um zu belegen, dass es keine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Berufsleben gibt.), die zudem offensichtlich falsch informiert sind über die Inhalte der Genderforschung und Ziele des Konzepts des Gender Mainstreaming (B. Kelle meint, Gleichstellungsbeauftragte förderten nur Frauen, Gender befasse sich nicht mit dem an Jungen vermittelten Männerbild). Die sachlichen Argumente kamen allein von Anne Wizorek und Anton Hofreiter, die andere Seite vertrat die Strategien Herablassung, Ahnungslosigkeit und Ins-Lächerliche-Ziehen.
Zurück bleibt Sprachlosigkeit darüber, dass in der ARD eine Sendung ausgestrahlt wird, die die Gleichstellungsdebatte negativ beeinflusst (Facebook- und Twitterkommentare belegen, dass Plasbergs Botschaft vom Genderwahn ankam), obwohl es den ganzen Abend überhaupt nicht um Gleichstellung ging. Was hat sich die Redaktion dabei gedacht? Toppen hohe Einschaltqoten jedes Argument? Oder gab es darüberhinaus ein überlegtes, inhaltliches Ziel dieser Sendung?

——

Nachtrag am 2.4.15:

Der deutsche Frauenrat berichtet von einer Programmbeschwerde der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW gegen die Sendung vom 2.3.15.

Darin heißt es unter anderem:

Die Sendung von Herrn Plasberg hat u.E. gegen die Programmgrundsätze („Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen“) des WDR verstoßen.
Wollen Sie auf diese Art und Weise mehr Frauen und junge Menschen für den WDR begeistern? Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.

Den genauen Wortlaut des Briefes an den WDR, an Tom Buhrow kann man >hier< nachlesen.

 

hart aber fair Programmankündigung ARD

hart aber fair Programmankündigung ARD

Tchibo, Babywalz und die MINT-Berufe

In seinem aktuellen Katalog bietet das Versandhaus Walz Kinderzimmermöbel „Für echte Rennfahrer“ und „Für echte Mäuschen“ an. Auf Twitter hatten wir uns mit @babywalz-news über diese Wortwahl ausgetauscht und parallel dazu eine Presseanfrage geschickt, auf die wir zunächst nur einen Einzeiler zur Antwort erhielten. Letzte Woche kam dann überraschend ein Anruf von Geschäftsführer Mike Weccardt, der um ein persönliches Gespräch bat.

Babywalz online Katalog, Screenshot

Babywalz online Katalog, Screenshot

Dass Gendermarketing die Welt klischeehaft in männlich und weiblich einteilt, um mit zwei getrennten Zielgruppen den Umsatz zu steigern, haben wir auf diesen Seiten schon mehrfach kritisiert. Besonders ärgern wir uns dann, wenn Gendermarketing vorgibt, Zukunftsträume von Kindern spielerisch umzusetzen und auf diesem Weg alle Projekte verhöhnt, mit denen Mädchen und Frauen für MINT-Berufe gewonnen werden sollen und Jungen wie Männer für den Care-Bereich. Das hat zur Folge, dass Mädchen und Jungen, wenn sie in die weiterführende Schule gehen und in der fünften Klasse zum ersten Mal am jährlichen Girls‘ beziehungsweise Boys‘ Day teilnehmen, schon tausende von Werbebotschaften in Geschäften, auf Plakaten, in Spots und auf Verpackungen gesehen haben, die ihnen stereotyp vermitteln, dass Jungen Sieger sind und später mal Rennfahrer, Feuerwehrmann oder Mathematiker werden und dass im Gegensatz dazu Mädchen süße Mäuschen sind, ihr Berufsziel reduziert sich dann in aller Regel auf, ja: Prinzessin!

Sieger-Prinzessinnen

GenderSuppe

Der folgende Spot macht uns besonders sprachlos: Muttern weiß Bescheid – Vater? Abwesend. Sohn wird Mathematiker, Naturwissenschaftler, Forscher, Bergsteiger… – Tochter? Ballerina. Echt klasse, hippe Idee einer Werbeagentur, deren MitarbeiterInnen sich bestimmt für fortschrittlich, aufgeklärt und gleichberechtigt halten. Und die nächste Generation? Oooch, nach uns die Sintflut!

 

Bettwäsche-tchibo

Auch Tchibo reitet auf dieser Welle, die Bettwäsche für Astronauten und Prinzessinnen ist nur eines von vielen Beispielen. Nun hat das Unternehmen immerhin auf die Kritik von Pinstinks hin seine Haltung zum Thema Gendermarketing veröffentlicht. Zwei Produktmanagerinnen, Ricarda und Anina, antworten auf harmlose Fragen und wischen alle Kritik vom Tisch: „Warum sollen Kinder die rosa Phase nicht einfach durchmachen dürfen?“ Botschaft: Wir übertreiben alle maßlos, und das Unternehmen meint ’s doch nur gut. Dass Tchibo mit seinem rosa Sortiment ausschließlich Mädchen anspricht und weniger Produkte, sondern vor allem Rollenklischees von Häuslichkeit und Schönheit vermittelt, kommt nicht zur Sprache. Auch nicht, warum Autos und Flaschenöffner für „echte Männer“ beworben werden. Die Reaktion von Pinksstinks fällt deshalb auch entsprechend aus. Kurzum: wie erwartet sieht Tchibo die Verantwortung bei den Käufer*innen, und die Antwort, die wir schon nicht mehr hören mögen, lautet auch hier wieder: „Der Markt liefert nur, was der Kunde will“.

Bildschirmfoto 2015-01-28 um 08.57.05

Tchibo, Screenshot

Liebe Freunde und Rechtfertigerinnen des Gendermarketing: Der Markt ist kein seelenloses Etwas, der Markt besteht aus vielen, in unserem Fall zudem kleinen Wesen, die ein grundgesetzlich verbrieftes Recht haben auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Aussagen wie die von Tchibo („Das Gesellschafts-Selbstbild von Mädchen heute ist: Schönsein. Es gibt eine große Fixierung auf das Äußere, die Haare müssen lang sein, der ganze Look feminin. Topmodels und Superstars sind die Vorbilder, nicht Astrophysikerinnen.“) bewirken und bezwecken das Gegenteil. Und auch auf der anderen Seite gibt es keine unpersönliche Marketingstrategie, sondern jeder Werbespot, jede Anzeige, jedes Bild und jeder Text, jedes Produktdesign und jede Verpackung wurde von Menschen erdacht, entwickelt, umgesetzt, überprüft und dann zu Markte getragen. Verantwortung lässt sich also nicht so einfach und beliebig delegieren. Schon gar nicht, wenn man auf die 30 Milliarden Euro (€ 30.000.000.000 !) blickt, die die Werbewirtschaft laut eigenen Angaben in Deutschland Jahr für Jahr umsetzt, Tendenz steigend.

Seine Rechtfertigung bezieht das Gendermarketing aus der Marktforschung: „Studien haben ergeben, dass…“. Doch anstatt Umfragen als „Studien“ aufzuwerten und damit Wissenschaftlichkeit zu implizieren, wie wäre es stattdessen mit etwas Grundlagenforschung zu den Themen „Minimalgruppenparadigma“, „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“ und „Stereotype Threat“. Und dann können wir gerne noch einmal darüber sprechen, wie Kinder durch Gendermarketing in ihrer Wahlfreiheit beeinflusst werden. Und was das tatsächliche Ziel der einzelnen Unternehmen ist, dass sie diese Wahlfreiheit auf Klischees beschränken.

Die Spielwarenmesse, die aktuell in Nürnberg läuft, trägt jedenfalls wenig Ermutigendes bei: Auch Ravensburger hat jetzt rosa Highheels im Programm, als Puzzlespiel. GNTM-Kandidatin Rebecca Mir findet: „Für kleine Mädchen ist das ein kindliches Herantasten an die echten High Heels!“ Model ist inzwischen übrigens unter den Top 5 der Traumberufe von Mädchen. Das war beileibe nicht immer so.

Wir finden es grundsätzlich gut, wenn sich ein Dialog entwickelt, allein deshalb hat uns der Anruf von Mike Weccardt von BabyWalz gefreut. Wirklich überrascht hat uns, dass er sich wünschte, die Doppelseite des Katalogs für Mäuschen und Rennfahrer wäre anders getextet worden, weil er als Manager, Mensch und Vater polarisierendes Gendermarketing nicht gutheißen kann. Da war keine oberflächliche Rechtfertigung, wie sie Tchibo in seinem Fake-Interview betreibt und wir sie bisher ausnahmslos von Marketingleuten zu hören bekommen haben, sondern leise Töne und die Bitte, weiter im Gespräch zu bleiben, auch weiter zu kritisieren, wenn es nötig ist. Wir fangen jetzt mal an mit diesem Lob, und hoffen, dass unsere und die Kritik anderer etwas bewirkt. Nils Pickert von Pinkstinks berichtete im letzten Sommer von guten Gesprächen mit Jako-o darüber, „firmeninterne Leitlinien zu entwickeln, die gegen Sexismen und Ausgrenzung wirken“. Wir hoffen, dass es bald mehr Unternehmen geben wird, die bereit sind, soziale Verantwortung zu übernehmen und anzuerkennen, dass ihre Werbekampagnen mit vorgestrigen Rollenbildern und Berufszielen das Weltbild unserer Kinder mit beeinflussen. Die Verantwortung dafür einseitig den Eltern zuzuschieben ist unredlich. Deshalb hätten wir natürlich gut gefunden, Babywalz hätte sich nicht nur im privaten Gespräch, sondern öffentlich zur Mäusschen- und Rennfahrer-Seite geäußert. Vor allem aber sind wir gespannt, ob die Marketingabteilung in Zukunft tatsächlich sensibler agieren wird, wie sie es ankündigt, und ob hier tatsächlich ein Unternehmen auf die Strategie der rosa-hellblauen Klischees verzichtet.  Zu hoffen wäre es.

Rosa-Hellblau-Falle in Schulbüchern

Weil sich in Österreich der Bundesverband der Elternvereine gegen eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern ausgesprochen hat, sind „gegenderte Schulbücher“ Anlass, um mal wieder über die Ideologie des „Genderismus“ im Allgemeinen und das generische Maskulinum im Speziellen zu diskutieren. Vorschläge, beide Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, werden weggewischt, weil umständlich und schwer lesbar oder überhaupt weil man sich von der Sprachpolizei nichts sagen lassen möchte.
Wie wäre es, Binnen-I, Sternchen und Professx einfach mal kurz stehen zu lassen, und dafür all die anderen rosa-hellblauen Klischees wahrzunehmen, die in Schulbüchern stecken, die hier und heute verwendet werden?

B7ZrGmvCUAAAcEN

Ein von @thomas_mohr getwittertes Bild, die Seite aus einem Englischbuch von 2013 gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Die Aufgabe: „Was ist typisch für ein Mädchen? Was ist typisch für einen Bub?“ Vorschläge, die die Kinder mit M für Mädchen oder B für Bub kennzeichen sollten: Sie sind leise im Unterricht / Sie reiten gern / Sie spielen mit Puppen / Sie haben kurze Haare … „Beide“ anzugeben ist nicht vorgesehen. Nun kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Auf Seite 113 steht dort allerdings nur:

Ideen zur Unterrichtsarbeit: SB S. 33, Aufgabe 1 – Ausgehend von Unterschieden im Verhalten, im Aussehen, in Vorlieben bzw. Abneigungen von Mädchen und Buben werden anschließend die Gemeinsamkeiten definiert (AH, S. 20). Es wird dabei deutlich, dass es zwar Eigenheiten der Geschlechter gibt (typisch Mädchen bzw. typisch Bub), jedoch die einzigen „echten“ Unterschiede die Geschlechtsteile sind. (Aus: Das Lasso Sachbuch-Englisch 1/2, LehrerInnenband, 978-3-209-07423-2, Stgt 2009, Wien 2013)

Ich fürchte, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen hätten und findet auch gar nichts Negatives daran. In KiTas wurden dazu Studien und Projekte durchgeführt, die Mehrheit der PädagigInnen und Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen, und ist sich in keiner Weise bewusst, wie sehr die Vorstellungen von „richtigen“ Jungen und von „echten“ Mädchen das eigene Verhalten beeinflusst. Ich nehme an, für den Grundschulbereich lässt sich Ähnliches feststellen.

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch* Foto by @Luii_Luise auf Twitter

Und so blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste nähende Vater und der Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen. Aus einem Schulbuch, das @Luii_Luise auf Twitter gepostet hat. Gehen wir trotzdem einmal davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer im Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit so gut aus- und fortgebildet sind, dass Buchseiten dieser Art im Deutsch und Englisch-Unterricht von ihnen in Gesprächen mit Kindern gut aufgefangen werden können. Dann frage ich mich, warum es im Mathebuch weitergeht mit den alten Klischees: Denn während ich im Internet die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern verfolge, sitzt meine neunjährige Tochter über ihren Mathehausaufgaben und soll ein Balkendiagramm zeichnen, in Rosa und Hellblau. Daneben die Zahlen dazu, Grundlage sind fiktive Daten zu Hobbys von Mädchen und Jungen. Das von meiner Tochter gezeichnete Diagramm führt ihr und uns anschaulich vor Augen: Reiten ist was für Mädchen, Computer ist was für Jungs. Hallo ?? Es muss doch möglich sein, ein Mathebuch zu schreiben, das ohne derartiges Schubladendenken auskommt. Und Statistik ist keine Ausrede, Kinder überholtes Schubladendenken in Rosa und Hellblau malen zu lassen. Mädchen und Jungen wollen dazugehören, sie wollen keine Außenseiter sein. Doch wir zeigen ihnen täglich in jedem nur denkbaren Bereich, was sie dafür tun müssen, was „typisch“ und damit „normal“ ist für die jeweilige Schublade. Und dann wundern wir uns, warum der Sohn sich so wenig für Puppen interessiert oder warum die Tochter sich trotz guter Noten gegen das Mathestudium entscheidet. Da muss dann wohl die Biologie Schuld sein, denn wir? Sind’s ja nicht.  #keinePointe. Rosa-Hellblau-Mathe3    
————
Nachtrag vom 8.2.2015: Ein Artikel aus der Zeit, ein Jahr alt, über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse das Gespräch sucht. Ich hoffe, es gibt ganz viele solcher Lehrerinnen und Lehrer, denn sie können die o.g. Klischees in Schulbüchern gut auffangen. Und die Kommentare unterm Artikel zeigen, wie nötig die Diskussion ist.

Jungen oder Mädchen? Gehörlose, Braunäugige oder Weiße?

Wodurch unterscheidet sich eine Tüte Chips ‚Nur für Mädchen‘ von einer Kekspackung ‚Nur für Weiße‘?

 

In seinem Vortrag auf TEDx: „Why we must go beyond pink and blue“ beschreibt der Spiel-Designer Jens Peter de Pedro einen McDonalds-Besuch am Drive-Through-Schalter, da werden Kunden und Kundinnen gefragt: „Haben Sie einen Jungen oder ein Mädchen im Auto sitzen?“. Denn Mädchen sollen ein Pferd, Jungen aber eine Rakete zu ihrem Burger bekommen. De Pedro weist darauf hin, dass die vergleichbare Frage: „Sitzen schwarze oder weiße Kinder in Ihrem Auto?“ undenkbar wäre. Das ließe sich weiter treiben:

„Sitzen in ihrem Auto Kinder mit Behinderung?“, „Sitzen in Ihrem Auto übergewichtige Kinder?“, „Kinder mit Essstörungen?“ „Gehörlose? Blauäugige? X-Beinige? Sehbehinderte? Homosexuelle?“ Damit die eine Gruppe ein anderes Spielzeug bekommt als die andere? Das würden wir uns nicht gefallen lassen, zurecht! Warum also akzeptieren wir dann schwarz-weißes Denken, wenn es um das Geschlecht unserer Kinder geht, um ihr Spielzeug, ihre Ernährung, ihre Interessen?

Wer Sexismus mit Geschlechtertrennung bekämpfen möchte, der handele wie jemand, der Rassismus mit Apartheid begegnet, so das Fazit einer Gruppe von Forscher*innen (unter ihnen zum Beispiel Lise Eliot, Autorin des Buches ‚Wie verschieden sind sie‘; ‚Pink Brain, Blue Brain‘) in einem Artikel über „Die Pseudowissenschaft der Monoedukation„: there is evidence that sex segregation increases gender stereotyping and legitimizes institutional sexism.“

Was momentan in den Marketingabteilungen der Unternehmen ausgedacht oder schon längst umgesetzt wird, führt genau dazu: Geschlechtertrennung. Am Spielwarenregal, in Filmen, Büchern, Freizeitangeboten und vor allem bei Produkten, die „extra für Mädchen“ angeboten werden und Jungen explizit ausschließen – und umgekehrt. Es scheint nicht verwerflich, Chipstüten mit Verbotsschildern in die Regale zu reihen: die scharfen Chips sind für den „Männerabend“ und deshalb für Frauen verboten, die mild-cremigen dagegen sind für den „Mädelsabend“ und für Männer tabu. Ja, natürlich, ist ja nur lustig gemeint. Aber funktioniert es wirklich, die Abwertung, die in einer Aussage enthalten ist, unwirksam zu machen, indem man auf die ironische Absicht verweist? „War doch ironisch gemeint“ ist kein Garant für lustig. Denn nicht der Sender entscheidet über Inhalt und Wert einer Aussage, sondern der Empfänger. Jedenfalls ändert Ironie nichts an der Abwertung durch das rosa-hellblaue Warenangebot des Gendermarketing, das beide Geschlechter auf Stereotype reduziert. Sie fördert nur ihre Akzeptanz und verschleiert die tatsächliche Diskriminierung.

Natürlich bilden wir Kategorien, weil wir uns sonst verlieren im Alltag. Wir nutzen Kategorisierungen als Wegweiser, um schnell erste Informationen zu haben, wie wir uns verhalten müssen. Wir brauchen es übersichtlich. Doch dafür nehmen wir in Kauf, Menschen in Schubladen zu stecken. Oft können wir nicht anders, bei Chips und Spielzeug dagegen wäre es ein Leichtes. Wenn sich jemand nicht unserer Erwartungshaltung entsprechend verhält, also quasi der Beschriftung unserer Schublade z.B. für „weiblich“ nicht entspricht, dann sind auch wir Erwachsenen immer noch leicht zu irritieren. Wenn auf der Schublade „weiblich“ nun mal „hilfsbereit, kreativ, einfühlsam“ steht, was ja durchaus zu vielen Frauen passen mag, dann haben es die Frauen schwer, die mit diesen Etiketten nichts anfangen können und sich auch selbst anders einschätzen. Noch schwieriger ist es für Jungen, die genau diese angeblich weiblichen Eigenschaften haben, wenn sie auf Menschen treffen, deren „männlich“-Schublade beschriftet ist mit „stark, ehrgeizig, unabhängig“. Was dann passiert, nennt sich schlicht Diskriminierung.

Doch unser Bewusstsein dafür ist nur in bestimmten Richtungen wachsam. So würde ein Wissenschaftler in heftige Erklärungsnot geraten, wenn er verkündete, in einer Studie herausfinden zu wollen, ob Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht doch von Geburt an einfühlsamer sind als Menschen mit heller Haut. Oder ein Forscherteam, das untersuchen möchte, ob Menschen mit roten Haaren nicht doch genetische Anlagen haben, die ihnen helfen, sich im Raum zu orientieren, als Menschen mit blonden oder schwarzen Haaren, ob Homosexuelle besser rechnen können und logische Aufgaben schneller lösen als heterosexuelle Menschen?

Wenn wir hier Haut- und Haarfarbe beziehungsweise die sexuelle Orientierung ersetzen durch das biologische Geschlecht, dann scheinen wir damit kein Problem zu haben. Da scheint eine beständige Suche nach den Unterschieden völlig legitim. Warum eigentlich? Ist Sexismus weniger schlimm als Rassismus? Ableismus? Und Homophobie? Wie kann es eine derartige Übereinkunft darüber geben, dass Studien durch staatliche Fördergelder unterstützt werden, die weiter dazu beitragen, Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu verbreiten? Dass Werbung sich dieser Unterschiede bedient, sie weiter mit angeblich „natürlichen“ Eigenschaften und Interessen verknüpft und den Graben dadurch tiefer zieht? Wir nehmen hin, dass Überraschungseier, in denen Feen, Fingerringe und dünne Püppchen versteckt sind, mit dem Zusatz „für Mädchen“ beschriftet werden, was Jungen ausschließt und ihnen deutlich macht: Rosa und Feen passen nicht zu Jungen, also bist du irgendwie falsch, wenn du dich dafür interessierst. In der Buchhandlung stören wir uns nicht an Büchern mit der Aufschrift „Nur für Jungs“, und wir sind einverstanden, dass ein Getränkehersteller ein Produkt mit süßen Früchten „nur für Mädchen“ anbietet und sich mit einem Getränk aus sauren Früchten und Zusätzen wie „Abenteuer“ und „Monster“ explizit an Jungen richtet.

Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln „nur für Deutsche“ freizugeben ist verboten. Eine Werbeaktion „Kaugummi – extra für Türken“ würde einen Aufschrei auslösen … das darf nur Bülent Ceylan und auch nur auf der Comedybühne: Kaugummi mit Knoblauchgeschmack anzubieten, extra für den aufgeklärten Türken, damit er in seiner ultratraditionellen Familie nicht auffällt und anerkannt wird. Vielleicht ein Produkt nur für Katholiken? Das fühlt sich alles falsch an, bloß Gendermarketing soll richtig sein?

 

 

Sookee im Deutschlandfunk

„ich will mich nicht immer scheiße fühlen, wenn ihr scheiße verkauft“

Die Quing of Berlin, Sookee, Rapperin und Feministin

„Jedes Mal, wenn ich einen Artikel lese, der sich gegen HipHop, HipHop-Musiker oder HipHop-Hörer wendet, werde ich wütend, egal wie viel Richtiges in dem Artikel steht“, schreibt mir Nelson George, der einflussreiche HipHop- und Musikjournalist aus New York in seinem Buch ‚XXX. Drei Jahrzehnte HipHop‘ aus dem Herzen. „Die Angriffe […] sind in der Regel wohl formulierte Anklagen aus durchaus berechtigter Wut – aber nie aus Liebe.“

Selten zuvor hat jemand in Deutschland HipHop in einer Schärfe und Deutlichkeit kritisiert, wie das Sookee in ihrem neuen Album ‚Lila Samt‘ tut. – ‚Lila Samt‘ ist an sich schon eine Ansage, bezieht sie sich damit doch direkt auf ‚Blauer Samt‘, das erste Soloalbum der Heidelberger HipHop-Legende Torch (Advanced Chemistry) aus dem Jahr 2000. Und wie ‚Blauer Samt‘ ist auch ‚Lila Samt‘ ein Meilenstein in der Geschichte von Rap in Deutschland, doch dazu später mehr. – Sookee ist wütend, sehr wütend, doch ihre berechtigte Wut ist gepaart mit einer Liebe zu HipHop, die sie nur schwer auszuhalten vermag:

„Ich wünschte, ich hätte Cello gelernt oder irgendwas ganz anderes, aber HipHop ist nun mal leider meine große Leidenschaft. Ich bereue das manchmal, aber es ist das Feld, in dem ich mich einfach schon ganz lange bewege und das mir Spaß macht, das ich kulturell und ästhetisch einfach schätze. Aber natürlich große, große, große Probleme mit vielen Inhalten und Szene-Dominanzen hab. Das ist streckenweise sehr, sehr unschön. Und das ist eine blöde Position, weil einerseits feier ich so die Potenziale von HipHop und auch bestimmte Leute, die darin aktiv sind. Zum andern ist natürlich das Spannungsfeld, da drin meckern zu müssen und unglücklich zu sein über bestimmte Selbstverständlichkeiten. Das zehrt halt schon.“

Anfang des Jahres habe ich Sookee für ein Interview in Berlin getroffen. Teile daraus sind in unseren Kurzbeitrag für den Deutschlandfunk eingeflossen: *Beitrag hören*

(Download-Link auf der Seite des Deutschlandfunk)

 radiohoeren

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

.

 

Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

Bildschirmfoto 2015-03-05 um 14.07.08

Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

.

Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

———

Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Kommunikations-Seminare „extra für Frauen“

Einladung zum Radiohören: Podcast der SWR2-Wissen Sendung „Rhetorik für Frauen. Was bringen Kommunikationstrainings

„Starke Frauen reden Klartext.“

„Sagen Sie, was Sie meinen – erreichen Sie, was Sie wollen!“

So oder ähnlich lauten die Titel von Ratgebern, die Frauen bei der erfolgreichen Kommunikation im Job unterstützen sollen. Zugleich bieten immer mehr Rhetoriktrainer*innen Kurse speziell für weibliche Berufstätige an. Denn frauentypische Sprechweisen und Körperhaltungen gelten als Karrierebremse: lächelnd geneigter Kopf, hohe Stimme, Konjunktive statt klarer Ansage. In den Workshops sollen Frauen lernen, die eigenen Kommunikationsmuster zu durchbrechen und bei Bedarf eine „Sprache der Macht“ einzusetzen. Aber können solche Bücher und Trainings wirklich Rollenstereotype aufweichen und das Verstehen verbessern? Oder zementieren sie eher Klischees? Wie wäre es stattdessen mit einer wertschätzenden Kommunikation unabhängig vom Geschlecht und ganz gleich, wer mit wem spricht.

Ein Radiofeature mit

– Peter Modler, Unternehmensberater und Leiter der Arroganz-Trainings® für weibliche Führungskräfte

– Cornelia Topf. Buchautorin und Kommunikationstrainerin

– Lann Hornscheidt. Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität Berlin

 

Zu den Seiten des SWR mit dem Link zum mp3-Download geht es *hier*

 

 

Geschlechterdifferenz auf dem Klo des Deutschlandfunk

 

Für ein Interview über unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ war ich heute im Deutschlandfunk. Es war ein Live-Gespräch mit Radio Bremen, dorthin wurde ich vom Studio aus verbunden und hatte 4 Minuten Zeit zu erklären, was wir auf 250 Seiten über Rollenklischees und Geschlechtergerechtigkeit geschrieben haben. Hans-Heinrich Obuch hat mir den Klappentext meines Buches vorgelesen, um dann ein Fragezeichen anzuhängen: Ist ihr Buch ein Aufruf zum Widerstand?

Interview anhören

Interview anhören

Das war so weit ganz ok, ich bin trotz Adrenalin einigermaßen flüssig los geworden, was mir dazu wichtig ist, noch war ja Zeit. Und dann kam schon bald die Frage, die ein gefühltes Minuten-Sendeloch nach sich zog, schade um jede Sekunde: „Wenn die Schubladen nicht immer wieder bedient würden, wäre das dann die heile Welt?“ Heile Welt? Die Utopie? Was wollte er wissen, wo führte das hin? Wollte er damit behaupten, sich als Erwachsene Gedanken über Geschlechterdifferenzen zu machen, um sie nicht an die nächste Generation weiterzugeben, sei belanglos im Verhältnis zur Weltwirtschaftskrise oder der Situation der Krim? Wie erkläre ich in 4 Minuten, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Hobby ist, das ich mir aus dem Angebot von Italienischkurs, Yoga und Laienchor ausgesucht habe? Wie zwischen Nachrichten und dem nächsten Musiktitel kurz mal darlegen, dass es bei Rosa und Hellblau nicht um die Wahl einer Lieblingsfarbe geht, sondern dass Machtverhältnisse, Hierarchien, Einschränkungen damit verbunden sind und dass Interessen, Neigungen, Lebensläufe grundlegend davon beeinflusst sind?

Wie in jedem Interview bedauere ich nicht das, was ich geantwortet habe, sondern das, was ich nicht gesagt habe. Auf dem Weg zum Ausgang kam ich mal wieder an den ausführlich beschrifteten Toilettentüren des Deutschlandfunk vorbei, vielleicht hätte ich diese Infos dort in meine Antwort mit einbeziehen sollen. Denn vor allem der mittlere Teil ist ja der springende Punkt, den wir zwischen Topmodel-Serien, Transformer-Filmen, Prinzessinnen-Partys und Monster-Fighern und letztlich auch in der Diskussion um Putin und die Krim so leicht vergessen:

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

 

Das Pendant ist zwar kürzer, sagt in einem Satz aber dasselbe zum Thema „Wesensdefinition“.

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Der Vollständigkeit halber hier auch im Bild:

 

 

 

 

 

 

 

Bechdel-Test und Smurfette-Prinzip

Emanzipation? Gleichberechtigung? Ach, da sind wir doch heute schon so viel weiter, oder nicht? Mädchen/Frauen können und dürfen doch heute im Prinzip in alle Bereiche, die früher nur Männern vorbehalten waren. Und das bisschen Gender Pay Gap…

Wirklich?

Es beginnt im Kleinen:

Nachdem ich gestern Abend eine ganze Reihe von Trailern der letzten Filmstarts im Internet angesehen habe, und keiner dabei war, der den Bechdel-Test bestanden hat, möchte ich ihn hier noch einmal vorstellen, in der Hoffnung, dass er sich weiter verbreitet und irgendwann auch die erreicht, die Drehbücher schreiben und Filme produzieren, die Serien einkaufen und Filme weiterempfehlen.

Der Bechdel-Test ist benannt nach der Cartoonistin Alison Bechdel; er taucht in ihrem Comicstrip ‚Dykes to Watch Out For‚ auf. Er belegt, dass Frauen in der Mehrzahl der Filme stereotype Nebenrollen besetzen und es kaum Filme mit starken Frauencharakteren gibt.

Er besteht aus nur drei Fragen:

1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen ?

2. Sprechen die Frauen miteinander ?

3. Sprechen sie miteinander über etwas anderes als Männer ?

Vielleicht ist es nicht von selbst verständlich, deshalb betone ich: es geht hier um jede Art Film, für die wir uns Kinotickets kaufen, die wir im Fernsehen sehen, die wir im Internet gucken, oder vor die wir unsere Kinder setzen.

Und wenn jetzt eine/r sagt: Ja, aber beim Film ‚Hanni & Nanni‘ ist das doch anders, oder was ist denn mit Dem HighSchool-College-Freche Mädchen-Internat-WildeHühner-Film? – dann ist das keine gute Ausnahme von der Regel. Denn alles, was rosa verpackt ist und das Label ‚extra für Mädchen‘ trägt, ist doch wieder nur die Abweichung von der Norm: Es gibt deshalb Fußball und Frauenfußball, Zigaretten und Zigaretten extra für Frauen, es gibt Parkplätze und Frauenparkplätze, Werzeugkästen und extra pinkfarbene Tussi-Kästen, Ü-Eier und Ü-Eier extra mit rosa Mädchenköpfchen… – und solange es all diese Sondervarianten gibt, stimmt was nicht. Mehr noch: solange es für Jungen bzw. Männer verdächtig, wenn nicht peinlich ist, die rosa Variante zu mögen, stimmt noch viel weniger nicht! Aber das ist nochmal ein größeres Thema und braucht bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Der Zusammenhang mit dem Smurfette-Prinzip ist also offensichtlich; Katha Pollitt schrieb 1991 in der New York Times darüber, und seither ist es nicht besser geworden: In vielen Filme gibt es nur eine weibliche Rolle in einer ganzen Reihe von männlichen Darstellern. Wie bei den Schlümpfen oder den Muppets gibt es in der Gruupe der männlichen Figuren verschiedene Typen und Charaktere: den Sportlichen, den Schusseligen, den Cleveren, den Starken etc…. Und zur Vervollständigung der Truppe braucht es noch die Ausnahme: die weibliche Variante, die Abweichung von der Norm. Ausführlicher im Video von Anita Sarkeesian.

Mit diesem Test, dem Bechdel-Test, ist also noch nicht gesagt, dass der Film keine stereotypen Rollenklischees weiterverbreitet, es geht nur um einen ersten Test, ob Frauen überhaupt eine Rolle spielen. Und leider bestehen den nur sehr wenige Filme. Es genügt eine beliebige Trailerseite aufzurufen.

Ich war auf filmtrailer.com und durch meinen Schnelltest am 17.März fällt durch:

  • Rio 2 – Dschungelfieber: Ein Vogel auf Reisen, juhuu, es ist ein Junge.
  • Need for Speed: Wettrennen mit schnellen Autos à la James Dean ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘, wenig Unterschied in der Frauenrandrolle, nur tragen die Frauen in Need for Speed keine Pettycoats.
  • Devil’s Due
  • Doktorspiele:  Ach, keine Frau in der Hauptrolle? Bei dem Titel?
  • Spiderman – no comment
  • Dom Hemingway
  • Non-Stop
  • Endless Love
  • Snowspiercer
  • Antboy
  • Die Schadenfreundinnen – hier habe ich dann aufgehört. Viele, viele Frauen kommen darin vor, sie reden auch miteinander, aber alles dreht sich um einen Mann, viel mehr Thema haben sie nicht. typisch.

Eine Ausnahme könnte ‚Die Bücherdiebin‘ sein. Ich habe den Film nicht gesehen, die Hauptrolle spielt ein Mädchen im Dritten Reich. Im Trailer kommen sonst allerdings nur Männer vor. Spricht sie auch mal mit einer anderen Frau über etwas anderes als den Mann, den die Familie versteckt hält?

Anita Sarkeesian hat für ihr Video eine ganze Reihe von Filmen diesem Test unterzogen, das Ergebnis macht sprachlos:

 

Es gibt ein paar Ausnahmen, Filme, die durchfallen wie z.B. Gravity, weil hier nur eine Frau mitspielt, die trotzdem eine starke Rolle abbekommen hat. Aber hey, dass sie in Unterwäsche durchs Shuttle schwebt, das musste offenbar trotzdem sein.

Welche Filme gibt es denn, die den Test bestehen? Und ich meine nicht ‚Blau ist eine warme Farbe‘, auch keinen Indipendent, Kurzfilm oder sonst wie Außer-der-Reihe-Film, sondern die Kategorie, die es in meiner Stadtteilbücherei zu leihen gibt, die als Familienfilme vor Weihnachten beworben werden o.ä.

Ich wäre dankbar für eine Titelsammlung – gibt’s die schon irgendwo?

 

 

Mit Rosa assoziiere ich Zucker, niedlich, süß …

… und klein. Denn Rosa und groß ist ein Widerspruch, den gibt’s nur bei Cindy aus Marzahn. Rosa ist zerbrechlich, dünnhäutig, zart.

Ballettkleidung ist blassrosa, die Tänzerinnen sind grazil und werden über die Bühne getragen. Die starke Muskelarbeit, die notwendig ist, damit das überhaupt so federleicht aussehen kann, die bleibt geheim, das ist nicht Teil der Vorführung fürs Publikum.  Dazu passen Bonbons und kleine Blümchen, Zuckerwatte und Feenflügel. Flamingos sind rosa – klar, bei diesen langen, dünnen Beinen! Unter den hunderttausenden von Paaren eines Flamingschwarms gibt es übrigens etliche schwule Paare, die sich der verirrten und verwaisten Jungtiere annehmen, aber rosa sind sie alle! Ach, und Schweine sind auch rosa. Komisch, oder?

Flamingos

Foto: szeke via photopin cc

Ich wünschte, rosa wäre ein Farbe für alle, aber rosa ist eine „Mädchenfarbe„, das lernen Kinder von Geburt an, und spätestens im Kindergarten erklären die Mädchen es den Jungs, die meinen, sie dürften auch. Von wegen! Ich wünschte, rosa wäre eine Farbe für alle und würde für Stärke stehen, für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Dann gäbe es keine Kommentare, wenn auch Jungs rosa Spielzeug wählen oder ein Prinzessinnenkleid anziehen wollen. Doch das ist tabu. Rosa ruft: nimm mich, besitze mich! Und das passt nicht zu Jungs, die sollen selber Besitzer werden. Eines tollen Autos zum Beispiel. Sie sollen einen tollen Job haben, ein Haus, ein Boot, eine Frau – am besten in rosa. Deshalb macht sich der kleine Mann in Rosatönen zum Außenseiter. Der große auch. Rosa Hemd ist nur für manche Berufsgruppen akzeptiert, seeehr blass darf es unter Anzügen getragen werden, sonst gehört es in die Ecke der Schauspieler, Sänger … Künstler eben, wer weiß, was die sonst noch so Verrücktes treiben, diese Flamingos der Popkultur. Für alle anderen geht es grade noch als sportliches Freizeitshirt durch, aber das war’s dann auch schon. Der „Pink Poodle„-Schuh ist deshalb eine extravagante Ausnahme: ein puscheliger Schnürschuh in weiß und rosa, vorne drauf ein rosa Pudel-Kopf mit dunkler Sonnenbrille, aufgelistet unter den Herren-Schuhen.

Mit Rosa, Pink und Glitzer in der Berufswelt assoziiere ich nicht Vorstandsetage oder Aufsichtsrat sondern Nagelstudio und Friseursalon, Bonbongeschäft und Assistenz. Alles nur Vorurteile? Wer kümmert sich eigentlich bei Mattel um das Design, die Kleider und Ausstattung der neuen (rosa) Barbie? Ein Mann? Eine Frau? Ein Flamingo? Jemand mit Verantwortung jedenfalls. Also Verantwortung für die Mitarbeiter*innen versteht sich. Die Verantwortung für die Kinder unter den Kundinnen und Kunden kann man darüber schon mal vergessen. Deshalb gibt es unter den Barbies 2013 auch die Reihe ‚Fashionistas‚ mit der tausendsten rosa Handtasche, rosa Schleife um den Hals, rosa Pumps und rosa Glitzerkleid – eine heißt Cutie (kein Scherz!), die nächste Sweetie – wie süüüß!!!

– Dasselbe sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind aus den Decken eines Kinderwagens auftaucht und lustige Laute ausprobiert. „Ach, wie süß!“ bekommen unter Fünfjährige häufiger zu hören als jede andere Altersgruppe. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb sehe ich keinen Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchenchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen die Mädchen mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige dreijährige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen. Und andersherum gehen die Stimmen beim Jungen, der in rosa gekleidet für ein Mädchen gehalten wird, nach oben (sog. Baby-X-Experimente). Und sobald Eltern das Geschlecht des Ungeborenen erfahren, ändert sich ihr Verhalten:

„Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der man mit dem Baby im Bauch spricht, orientiert sich daran, ob es eine ’sie‘, ein ‚er‘ oder eben noch ein ‚es‘ ist.“

sagt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“ Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg –  Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!

Doch dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, weißen Kleidchen, bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge –  für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. Spielzeugherstellern gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsene ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel.

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Ich hoffe sehr, wir finden eine bessere Lösung für die Zukunft als einfach nur die Schubladen zu tauschen!