Archive | Gendermarketing RSS feed for this section

„In der Höhle des Löwen“

Rückblick auf unseren Vortrag beim Verband der Deutschen Spielwarenindustrie

Wir haben uns ehrlich gefreut über diesen Auftrag! Sind wir doch unterwegs in Sachen Rosa-Hellblau-Falle, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir freuen uns über den Kontakt zu Unternehmen, die sich mit dem Thema Gendermarketing kritisch auseinandersetzen. „Jetzt sind sie sozusagen in der Höhle des Löwen“, meint einer der Spielwarenhersteller, bevor wir dran waren mit unserem Vortrag :)

 

In Altenburg, beim Spielkartenverlag ASS

Was sofort auffällt: Auch wenn die Betreuung von Kindern, das Spielen mit ihnen, Geschenke auswählen für so viele Menschen weiblich konnotiert ist: wenn’s ums Geschäft geht, sind Frauen doch wieder in der Minderheit. Spielwarenfirmen holen sich auch nicht mehr Frauen ins Boot als andere Vorstände, zumindest beim Treffen der Geschäftsführer und Marketingleiter gab es viel mehr weiße und hellblaue Hemden als bunte Blusen.

Aber schon am ersten Tag zeigte sich: auch unter jenen, die mit Spielzeug zu tun haben, gibt es so einige, die ihre Bedenken haben bei den sich so sehr ausbreitenden Botschaften über süße Prinzessinnen und wilde Abenteurer.

Es waren interessante Gespräche, auch über den Hype und das ausgelaufene Patent des Fidget Spinners. Über den zunehmenden Online-Einkauf und seine Gefahr für niedergelassene Spielwarenanbieter. Über Konstruktionsspielzeug, das weiterhin überwiegend für Jungen gekauft wird, auch die pinke Variante würde kaum etwas an den Zahlen ändern. Ein Hersteller von komplizierten Bausätzen, Zielgruppe 14+ sagt, sie hätten nur männliche Kunden. Die gesellschafliche Prägung sei so stark, sie hätten da keine Chance, was auch immer sie probiert hätten, ihre Produkte würden nicht für Mädchen gekauft.

In unserem Vortrag dann am zweiten Tag haben wir über das Minimalgruppen-Paradigma gesprochen, darüber, dass die Trennung einer Gruppe dazu führt, dass sich die Mitglieder der jeweiligen neu entstandenen Gruppen in ihren Entscheidungen und Ansichten an den Gruppenkonsens der eigenen „Wir-Gruppe“ anpassen.

> Dass das Farblabel Pink Mädchen einlädt, mit einem Gegenstand zu spielen, den sie vorher nicht kannten, und Jungen dagegen davon ausschließt (> zur Studie).

> Dass das Label „Für Mädchen“ bzw. „Für Jungs“ zur Folge hat, das Kinder länger mit dem für sie gedachten Spielzeug spielen und sich auch länger daran erinnern (> zur Studie).

Unser Schwerpunkt lag also auf Studien zu den Folgen des Gendermarketing und der eingeschränkten Wahlfreiheit, die diese Strategie für Kinder bedeutet. Und was der Verzicht auf die Trennung in zwei Welten, die geschlechtliche Zuweisung von Farben, Verhalten und Interessen bringen würde: mehr Toleranz und Wahlfreiheit, mehr Vielfalt und ja, mehr Demokratie.

(Schwedische Studie zum Thema geschlechtersensible Pädagogik, Spielzeug und Spielanweisungen ohne geschlechtliche Zuweisung: „Children at the gender-neutral school were more willing to play with unfamiliar other-gender children.“)

Es wurde unruhig, als wir Bilder von Puppen und Internetseiten von Puppenherstellern zeigten. Unsere These: ‚Puppen haben keine Väter’ und Gendermarketing erschwere Jungen den Zugang zu einem Bereich, für den wir aus gesamtgesellschaftlicher und politischer Sicht gerne mehr Männer gewinnen würden: Pflege, Erziehung, CareArbeit.

Wie erwartet kam auch das Argument: „Aber schon bei Affen sieht man Unterschiede…“, und Füßescharren und Kopfschütteln ließen vermuten, dass mancher bei sich dachte: „Aber Jungs mögen nun mal lieber…“. (Wir verweisen an dieser Stelle lieber auf unsere Antworten zum Bullshitbingo des Gendermarketing ;)

Rätselhaft bleibt für uns eine häufige Reaktion zur Kritik an der zweigeteilten Spielwarenwelt (z.B. bei Lego): Es würde doch sowieso zusammengeworfen und gemeinsam bespielt, in den Kinderzimmern würden die Kinder doch mit Phantasie beide Angebote verbinden. Und wir verstehn einfach die Logik dahinter nicht: Warum setzen denn dann alle auf getrennte Welten, wenn das Gemeinsame so ein beliebtes Argument gegen unsere Kritik daran ist?

Dass unser Anliegen manche Menschen emotional berührt, war ganz offensichtlich. Besonders als einer meinte, mal eben Saschas Pudelschuhe herabsetzen zu müssen: „Die sind ja auch hässlich!“ :-0  Dabei ziehen wir die oft bei Vorträgen zur Rosa-Hellblau-Falle an, um zu verdeutlichen, dass wir nichts gegen Rosa haben, sondern nur einfach finden, die Farbe sollte für alle da sein.

Klar haben wir uns gefreut, dass die Mehrzahl der Rückmeldungen im Anschluss  positiv waren, auch vom Vorstand eines Puppenherstellers. Er könne ja nur gewinnen, wenn er sich unserem Anliegen anschließt, denn er würde natürlich gerne Jungen für Puppen gewinnen. Auch er beobachtet den massiven Druck, der auf Jungs lastet, die gern mit Puppen spielen. Sobald sie in die Kita kommen, müssen sie viel aushalten bzw. die Eltern müssten sehr tough sein. Ob vor 10, 20 oder 30 Jahren, er sähe keine Anzeichen dafür, dass mehr oder weniger Puppen für Jungs gekauft werden, nach wie vor würden sie zu 99%  für Mädchen gekauft.

Es zeigt sich also wieder, dass weder Eltern alleine die Verantwortung tragen, es aber auch zu kurz gedacht wäre, nur den Herstellern die Verbreitung von einengenden Rollenbildern anzulasten. Es ist ein Zusammenspiel, das im Moment einfach zu gut funktioniert. Zu gut im Hinblick auf Kinder, deren Spielverhalten und Interessen dadurch beeinflusst und eingeschränkt werden. Wir hoffen jedenfalls, dass wir einige aus dem Publikum mit unseren Argumenten „erwischt“ haben, so dass sie sich noch lange gedanklich damit beschäftigen.

 

Wie Gendermarketing den Alltag von Kindern verändert

Ich habe gestern direkt hintereinander Tweets von ‪@dasnuf‬ und ‪von @soeesa‬ gelesen und daraufhin einen längeren Thread auf Twitter gepostet. Den möchte ich hier noch einmal zusammenfassen und ergänzen, ohne Abkürzungen und 140 Zeichen-Begrenzung (und vielleicht etwas weniger zornig, weil eine Nacht vergangen ist 😉 ).

Mein erster Gedanke: Irgendwann muss sich der Zusammenhang doch mal rumsprechen zwischen den Botschaften des Gendermarketing und dem Rollenverhalten von Kindern (bzw. ihren Eltern).

Zwar haben die drei Tweets auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und doch gibt es einen klare Verknüpfung: Gendermarketing setzt auf Geschlechtertrennung und unterschiedliche „Markierung“ von Jungen und Mädchen (schöner: „Zielgruppendifferenzierung„) und verbreitet deshalb stereotype Botschaften übers Mann- und Frau-Sein und deren Unterschiede.

 

Und Eltern widerum ist es ein Anliegen, dass sich ihre Kinder „richtig“ entwickeln, dass sie nicht ausgegrenzt werden und ihren Weg gehen. Auch wenn die Vorstellungen darüber, wie dieser Weg aussehen sollte, sehr unterschiedlich sind, haben sie schon lange bevor sie Eltern wurden internalisiert, was Mann-Sein und Frau-Sein im Hier und Heute bedeutet.

 

Da liegt es doch auf der Hand, dass es Auswirkungen hat, wenn man jahrelang in Gendermarketing investiert, es gutheißt und seine einengenden Rollenbilder verharmlost. Da ist es doch klar, dass das unser aller Vorstellungen von männlich und weiblich beeinflusst. Ich behaupte ja nicht, dass die Marketingbranche alleine für den Backlash hin zu tradionellen Rollenbildern verantwortlich ist, aber wir haben seit Veröffentlichung der Rosa-Hellblau-Falle in all unseren Interviews, in all den Artikeln und Social-Media-Diskussionen noch von keinem Unternehmen gehört oder gelesen, das die Verantwortung nicht auf Eltern abwälzt, Motto: „Wir verstärken keine Klischees, wir reagieren nur auf die Wünsche der Kundschaft“ – oft gehört.

Tatsache ist aber doch: Seit rund 10 Jahren unterstützt Gendermarketing das Bedürfnis von Jungen und Mädchen sich voneinander abzugrenzen. Und je höher diese Grenze zwischen niedlichen Prinzessinnen und coolen Helden, zwischen rosa und hellblau gezogen wird, umso wichtiger wird das DoingGender für Kinder, umso wichtiger wird es für das einzelne, sich mit denselben Attributen wie die Peergroup als „echtes Mädchen“, als „richtiger Junge“ zu kennzeichnen. Kinder im Vor- und Grundschulalter wollen selbstverständlich zu ihrer Gruppe dazugehören, sich nicht durch „untypische“ Interessen abgrenzen.

 

Aber im Austausch mit anderen Eltern, mit ErzieherInnen und GrundschulpädagogInnen fragen ich mich: welches Mädchen kommt noch an Rosa, Ponys oder Prinzessinnen vorbei, ohne Kommentare zu ernten, dass es „anders“ sei. Welcher Junge darf mit Puppen spielen, zum Ballet gehen oder einen pinken Schulranzen tragen, ohne dass sich wer Sorgen macht, er könnte schwul werden! (Jetzt rufen vielleicht manche Eltern „hier!“, und übersehen in dem Moment, wieviel Krfat und wieviel Selbstbewusstsein das ihrem Kind in seinem Alltag, im Austausch mit anderen, abverlangt!) Und dazu tragen die Befürworter der Gendermarketing jeden Tag kräftig bei, indem sie auf Geschlechtertrennung setzen, sie verstärken, sie fördern und fordern und uns das alles als „natürlich“ verkaufen.

Was tun? Sich dagegen aussprechen!

Es gab noch keine Generation vor uns, die derart medial mit trennenden Botschaften zugeschüttet wurde, niemand unter uns Erwachsenen kann ahnen, welche Auswirkungen das in 20 Jahren haben wird!

Wenn wir also den GenderCareGap, den #PensionGap, Alltagssexismus und Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht) angehen wollen, dann sollten wir uns

a) komplett gegen Gendermarketing aussprechen und

b) dringend ein Bewusstsein dafür entwickeln, wo wir uns davon haben schon beeinflussen lassen, so dass wir den Quatsch nicht munter an Kinder weiterreichen, ohne es zu merken.

Tatsächlich wird im Umgang mit Kindern das  Geschlecht allzu häufig „dramatisiert“, also überbetont und zum Thema gemacht in Situationen, in denen es keine Rolle spielen müsste (z.B. nur 2 Schultüten-Bastelsets zur Wahl, in rosa-hellblau oder durch Motive geschlechtlich gelabelt, anstatt eines bunten Angebots) – und hier ist Gendermarketing Vorbild und Förderer – und in anderen Momenten wird es ignoriert, obwohl wichtig wäre, den eigenen Blick auf die so unterschiedliche Erwartungshaltung gegenüber Jungen und Mädchen zu schärfen (z.B. unterschiedliches Bewegungsangebot: Jungen wird häufiger vorgeschlagen, sich „auszupowern“, Mädchen werden eher zum ruhig Sein angehalten)

 

Wer tatsächlich glaubt, er/sie reiche selbst keine Klischees weiter und sei frei von geschlechtlichen Zuordnungen im Kontakt mit Kindern, beweist damit das Gegenteil. Tut mir leid, dass so ausweglos zu formulieren, aber erst wenn wir erkennen, wie tief die Zuordnungen in unserer Kultur und in jedem einzelnen verankert sind, erst dann kann es gelingen, das eigene Handeln und Sprechen zu hinterfragen und öfter anders zu entscheiden. Schließlich sind wir ja selbst damit aufgewachsen, haben sie verinnerlicht und können sie deshalb nicht einfach abwerfen.

Doch leider ist die Mehrheit (lt. Umfragen) überzeugt, Kinder „gleich“ zu behandeln und findet Gendermarketing sei harmlos ¯\_(ツ)_/¯ (siehe das rosa-hellblaue Bullshitbingo). Ich unterstelle sicher keinen bösen Willen, aber ich wünschte, es gäbe mehr Aufklärung über die Wirkmechanismen stereotyper Botschaften im Alltag von Kindern und mehr Hilfen dabei, ein Bewusstein für die o.g. Zusammenhänge zu entwickeln.

 

—————–

Fleischeslust, Grillklischees und Geschlechterhierarchie

Gerade mal 11:30 Uhr und schon den Tiefpunkt der RosaHellblauFalle erreicht:

Die Grill-Kampagne von Edeka fanden wir schon reif für den Goldenen Zaunpfahl, als Männer und Frauen noch gemeinsam grillen durften. Zwar wurde auch da schon das Grillgut nach Geschlecht getrennt, aber immerhin lagen Zucchini, Fisch und Fleisch noch gemeinsam auf dem Rost.

Gestern hat der Laden nun mit Hilfe der Werbeagentur Jung von Matt ein paar Klischees nachgelegt und einen neuen Spot auf youtube hochgeladen. Ich mag ihn hier nicht einbauen, 3 Screenshots sollen genügen zur „Flamme, die aus Knaben Männer macht“:

Nein, dieser Spot ist nicht „nur lustig“. Seine Geschichte basiert darauf, dass „Ein Puppenfest, ein Barbie-Q“ lächerliches, verweichlichtes Chichi sei, dass Frauen* (und andere spießige Weicheier), die Gemüse und Dips beim Grillessen mögen, von den Horden aus dem Wald in die Flucht geschlagen werden müssen. Übrig bleibt nur der standhafte Mann.

Und wo bin ich in diesem Bild,

meine Kinder, mein Mann, mein Grillfeuer?

Vom Abschlussbild und dem Braten im Feuer beim Gelage im Wald mal abgesehen: Feuer steht in diesem Spot nur in Verbindung mit Krieg, Angriff, Verjagen derer, die es anders und damit falsch machen. Es gibt kein gleichwertiges Nebeneinander, stattdessen Verhöhnung der Spießer mit ihren Lampions und Champignons. Weil der weiße, alte Mann nichts von Deko hält, muss sie niedergetrampelt werden. Ungewohnte Essensgewohnheiten genügen also, um einen Krieg zu beginnen. Analogien zur eigenen Nachbarschaft natürlich ausgeschlossen.

Durch die Nähe zum Hollywood-Actionfilm hat die Angriffsszene, bei der eine aggressive, bewaffnete Horde in breiter Front den Gartenzaun niedermäht, mehr von Napoleons Kriegen, von Hetzjagd, Kolonialismus und Freibeutern, die ein Dorf überfallen.

Augenzwinkern? Humorvoll? Ihr möchtet nicht diskriminieren?

Sexismus wird durch den Effekt (von Sprache, Handlungen, eines Spots…) reproduziert, die Intention („lustig gemeint“, „gut gemeint“…) ändert daran nichts. Und es ist der Empfänger / die Zuschauerin, die über den Inhalt einer Botschaft entscheidet, nicht der Sender (Kommunikationstheorie nach Watzlawick) oder das Unternehmen und seine Werbeagentur.

Es hinterlässt mich ratlos, dass viele Menschen in Deutschland nicht nur damit einverstanden sind, dass Werbung so viel Geld und Wissen in die Reproduktion von Geschlechterhierarchie steckt, sondern diese auch noch bei jeder Gelegenheit in Kommentarspalten rechtfertigt. Warum und wofür investieren so viele Menschen Lebenszeit in das Verbreiten von Rollenklischees, anstatt ihre Fähigkeiten für mehr Wahlfreiheit, Toleranz und gleichwertiges Miteinander einzusetzen? Wo könnten wir heute schon sein, wenn die vielen, kleinen rosa-hellblauen Momente des Alltags als solche erkannt und angegangen würden? Stattdessen werden sie kleingeredet, verharmlost, das Gegenüber und seine Kritik als humorlos weggewischt, denn der Umsatz toppt jedes ungute Gefühl.

Und Kinder und ihre Wahrnehmung? Die Tatsache, dass sie erst im Lauf der Grundschulzeit Ironie verstehen lernen? Weggewischt. Ist ja nicht die Zielgruppe. Und überhaupt: „Wir“ geben ja keine Rollenklischees an Kinder weiter. I wo denn, die entscheiden sich ganz frei.

#not

 

Studien zur Wirkung von Gendermarketing

Die beiden am häufigsten gelesenen Artikel hier sind zur Zeit unsere „Antworten auf das Bullshitbingo des Gendermarketing“ und die Zusammenfassung „Warum Gendermarketing einen Negativpreis verdient„. Darin sind eine ganze Reihe von Studien versammelt.

Es gibt ja gar keine Belege dafür, dass Gendermarketing (Kinder) einengt, nur ihr habt da ein Problem mit.

Naja… 🤔

Manche hätten unsere Antworten gern mal eben in 140 Zeichen, und wenn wir die nicht liefern, fehlten uns offenbar die Argumente. Ja, da müssen wir passen und tun es gern ;-)

Die meisten finden sich ja in unserem Buch: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ (Kunstmann 2014), und wer weiterlesen und mehr erfahren möchte, hier haben wir weitere Untersuchungen zum Thema verlinkt:

Aber meiner Tochter / meinem Sohn hat mein (gegendertes) Geschenk gefallen, also ist Gendermarketing gut

Da steht doch gar nicht drauf, dass es nur für Mädchen oder Jungen ist!

 

  • Pink gives girls permission: Exploring the roles of explicit gender labels and gender-typed colors on preschool children’s toy preferences. Erica S. Weisgram, Megan Fulcher, Lisa M. Dinella.:
  • Children engage in gender-typed toy play to a greater extent than in non-gender-typed toy play leading to different developmental trajectories for boys and girls. The present studies examine the characteristics of toys and how they differentially affect boys‘ and girls‘ interests, stereotypes, and judgments of the toys.

Pretty in Pink: The early development of gender-stereotyped colour preferences. Vanessa LoBue and Judy DeLoache. Eine Studie mit Kindern zwischen 7 Monaten und 5 Jahren:

Each child was tasked with choosing between two similar objects, one of which was pink, the other blue. It was around the age of two that girls began to select the pink toy more often than the blue one; at two and a half, the preference for pink became even more pronounced. Boys developed an aversion to the pink toy along the same timeline. (Alice Robb in der NY Times: How gender-specific toys can negatively impact a child’s development )

 

  • Are gendered toys harming childhood development? Research has found that dividing children’s toys based on gender can have lasting developmental implications“, Artikel von Olga Oksman im Guardian zu Untersuchungen von Christia Spears Brown.
  • For example, in one experiment, researchers took toys that kids had not seen before and put them in stereotypical girl boxes or stereotypical boy boxes and gave them to a group of children. Girls played with the toys in the girl boxes and boys gravitated to the toys in the boy boxes. Both genders focused on the toys in the boxes meant for their gender and did not pay much attention to toys marked for the opposite gender.

 

to be continued…

Der Goldene Zaunpfahl in den Medien

Die Verleihung des Goldenen Zaunpfahls, Negativpreis für absurdes Gendermarketing, fand am 3.März 2017 in Berlin statt

(>> mehr zu den Hintergründen)

 

 

————————–

Der Goldene Zaunpfahl geht an…

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan auf der Bühne vor Leinwand mit GoldenerZaunpfahl-Logo

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan (Foto: @monoxyd)

Wir sind überrascht, glücklich und dankbar, dass der Goldene Zaunpfahl auf ein so großes Interesse gestoßen ist, unsere Idee, die negativen Auswirkungen des Gendermarketing einmal in einem größeren Rahmen zu thematisieren (>> Linkliste Medienecho). Vor allem deshalb ist es ja ein Negativpreis, weil das Bewusstsein über den nachweisbar negativen Einfluss, über das Ausmaß und die Allgegenwart von einengenden Rollenklischees leider nicht sehr verbreitet ist. Sonst würde es zur Routine von Medienmenschen, ErzieherInnen und LehrerInnen, in Verlagsredaktionen oder Marketingabteilungen gehören, darüber zu sprechen, sich fortzubilden und im Arbeitsalltag darauf zu achten, sie zu vermeiden.

Wir verstehen, dass manche in einem Negativpreis zuerst die Anprangerung sehen. Das ist bedauerlich, denn unser eigentliches Anliegen ist es, einen gesellschaftlichen Dialog zu initiieren über die gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Konsument*innen, Kindern eine freie Entfaltung zu ermöglichen ohne einengende Rollenvorgaben.

Natürlich hätten wir lieber einen Positivpreis verliehen, aber Werbekampagnen auszuzeichen, die auf Diskriminierung verzichten, das schien uns leider (noch) wenig hilfreich. Solange so viele Menschen davon überzeugt sind, dass Gendermarketing Kindern die freie Wahl ließe, wird der Goldene Zaunpfahl ein Negativpreis bleiben müssen. Aber mancher Spot ist genau deshalb eine Erwähnung wert, weil er das Problem der Diskriminierung thematisiert und das bewusst macht, auf was wir auch mit den Goldenen Zaunpfahl hinaus wollen. (Drei Beispiele hat Tarik gestern Abend vorgestellt: H&Ms Schönheits-Vielfalt, Telekoms Familienbild und Audi Spaniens Spielzeugkombination)

Wir wollen uns also herzlich für eine bunte Veranstaltung gestern Abend bedanken, die ohne die viele Unterstützung und euren Zuspruch eine kleine Online-Aktion geblieben wäre.

Deshalb ein dickes Dankeschön an alle Beteiligten!

Vorneweg an alle, die seit Dezember 2016 unserem Aufruf gefolgt sind, und Beispiele für absurdes Gendermarkting eingesandt haben (Hier ist das weiterhin möglich, denn wie’s aussieht, ist nach der Preisverleihung vor der Preisverleihung ;-) ).

Vielen Dank an unsere tolle Jury, Nora, Ferda, Petra, Tarik, Margarete, Anke und Daniel!

An die musikalische Unterstützung durch Suli Puschban, Yansn & Torkel T. und Form.

Und an das nette Team des HAU, das hinter den Kulissen und mit der Bereitstellung seiner schönen Räume ganz wesentlich zum Gelingen des Abends beigetragen hat.

An Maurizio, der das Motiv und den Goldener-Zaunpfahl-Aufkleber für uns entworfen hat.

Und nicht zuletzt an alle, die gestern vor Ort dabei waren und mit uns gefeiert haben!

 

Reaktionen der Hersteller

(zur Vorstellung der 5 Nominierten)

Der Preis ging in diesem Jahr an die Pons GmbH / Klett Lerntraining für die beiden Leserlern Bücher für Mädchen bzw. Jungs:

Aus der Laudatio von Ferda Ataman:

Die Bücher, die als Leselernhilfe daherkommen, sind also nicht nur rosa-hellblau gelabelt. Sie vermitteln klischeehafte Inhalte und schließen Mädchen aus dem Abenteuer-Weltall-Bereich aus. Und sie geben Jungs keine Chance, sich für Tiere und Back-Partys zu interessieren. Auf die wirklich peinlichen – übrigens zeitlos peinlichen Illustrationen – will ich mal nicht weiter eingehen. Aber seien Sie sich sicher, Sie unterstützen die transportierten Rollenklischees konsequent.

Um es noch mal klarzustellen: Nirgends in diesen Büchern werden die gängigen Klischees auch nur ansatzweise gebrochen oder hinterfragt. Sie werden einfach nur bedient.

Okay, vielleicht bis auf die rosa Auspuffwolken…

[…] Dabei gab es Zeiten, da waren quietschrosane Prinzessinnen-Köder und alle-jungs-sind-tapfere-Helden-Botschaften in der Kinderliteratur verpönt. Wir waren schon weiter und wir möchten dahin zurück.

Das plötzliche und sehr kurzfristige Interesse am Goldenen Zaunpfahl mag dazu geführt haben, dass einige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Presseabteilungen der nominierten Unternehmen sich adhoc und möglicherweise unvorbereitet äußern mussten. Um genau das zu vermeiden, hatten wir die Unternehmen lange vor der Preisverleihung angeschrieben und auf die Nominierung hingewiesen, verbunden mit einer Einladung zum Dialog und zur Veranstaltung nach Berlin. Mit der Ausnahme RaethGloben – ist es Zufall, dass das kleinste der nominierten Unternehmen reagiert hat im Gegensatz zu den großen Konzernen? – haben wir keine Rückmeldung bekommen. Schade. Manche Medien wollten für ihren Bericht über die Preisverleihung nicht auf ein Statement der Nominierten verzichten und haben deshalb nachgefragt:

Folgemilch für Ballerinas und Mathematiker:

„Wir können die Kritik nicht nachvollziehen, Aptamil steht für ein modernes Rollen- und Familienverständnis.“ (Milupa auf Spiegel Online)

Geschichten zum Lesenlernen mit Polizisten und Handrührern:

Bei Pons / Klett Lerntraining hat Spiegel online erfahren, dass es sich bei den Preisträger-Büchern explizit nicht um Schulbücher handle, sondern um Bücher für den Nachmittag. (sic!)

„Weder Diskriminierung noch die Vermittlung stereotyper Lebensweisen spiegelt die Absicht des Verlags wider. Sollten diese beiden Bücher den Anschein erweckt haben, so ist dies überaus bedauerlich.“

Bei Raethgloben wurde auf der Seite des pinken Globus ergänzt:

Aus aktuellen Gründen: Gern dürfen Sie diese Farbvariante auch für Ihren Sohn erwerben oder die blaue Variante für Ihre Tochter.

Sie kocht, er telefoniert:

„Das nominierte Bild ist nicht repräsentativ für das bewusst genderneutrale Marketing von jako-o.“ Jako-o erklärt Spiegel online außerdem, das Problem läge wohl weniger in der Darstellung sondern im Auge des Betrachters.

 

Auf die jeweils klischeehafte Darstellung gehen weder jako-o, Pons/Klett noch Milupa ein. Stattdessen verweisen sie auf andere, weniger klischeehafte Artikel im eigenen Angebot, was uns ratlos macht, was genau ändert das an der Botschaft der Ausgewählten?

 

Antje Schrupp fasst auf zeit.de unser Anliegen prima zusammen: „Gegen den Geschlechterblödsinn„, alles gesagt. Zum Nachlesen auch für jene, die uns grade lange Mails und unfreundliche Kommentare schreiben und uns erklären wollen, wie Werbung und Kapitalismus funktionieren – ganz offensichtlich ohne gestern Abend dabei gewesen zu sein oder erstmal nachgelesen zu haben, worin genau unsere Kritik liegt.

Gleichgültigkeit ist unangebracht. Wer so argumentiert, überschätzt nämlich grandios die Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins, sich gegen ständige subtile Beeinflussung abzuschotten. Gendermarketing wirkt. Zum Beispiel, indem es uns dauernd daran erinnert, dass wir ein Geschlecht haben. Menschen sind ja vielerlei, sie gehören zu allen möglichen Kategorien und Gruppierungen, sie haben Haut- und Haarfarben, Körpergrößen, Berufe, Interessen, Sprachen, Nationalitäten, Herkunftsregionen und so weiter. Aber die meisten davon haben wir nicht ständig im Kopf. Wir würden etwa nicht auf die Idee kommen, Kugelschreiber für Leute über 1,70 Meter Körpergröße und solche für Leute unter 1,70 zu bewerben. Oder unterschiedliche Buggys je nachdem, ob das Kind braune oder rote Haare hat.

 

 

 

 

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring und Sascha Verlan

 

 

Antworten auf das Bullshit-Bingo des Gendermarketing

Wir haben vor einiger Zeit in unserem Bullshit-Bingo die beliebtesten unter den kurz gedachten Reaktionen auf Kritik am Gendermarketing versammelt. Nachdem unsere Initiative der Goldene Zaunpfahl mancherorts auf Unverständnis stößt, und Reaktionen bei Menschen provoziert, die wohl schon lange nicht mehr für oder mit Kindern einkaufen waren (Motto: „Wen’s stört, der musses ja nicht kaufen“), wollen wir heute ein paar Antworten liefern. Bestimmt sieht sich die eine oder der andere auch manchmal mit diesen Reaktionen konfrontiert, dann freuen wir uns, wenn wir ein paar Argumente beisteuern können, um die Diskussion über die einengenden Botschaften des Gendermarketing am Laufen zu halten  :)

Überarbeitet am 22.2.17

Es sind doch nur Farben

1Mit Rosa und Hellblau sind, so wie mit anderen Farben auch, unterschiedliche Eigenschaften verbunden, abhängig von Kultur und Epoche. Es ist ja kein Zufall, dass die Bösen im Hollywoodfilm Schwarz tragen, während die gute Fee (Braut, Königin…) in Weiß gekleidet ist.

Es spricht auch überhaupt nichts gegen die Farben Rosa, Lila oder Pink, aber sie werden vereinnahmt von der Werbeindustrie und zunehmend mit Schönheit, Anmut und Zartheit in Verbindung gebracht. Gendermarketing hat mit dazu beigetragen, dass Rosa heute als niedlich und sexy gilt und dass die Farbe Mädchen vorbehalten ist („Das ist aber ne Mädchenfarbe!„), anstatt dass sie für alle da wäre, denen sie gefällt.

Deshalb lässt sich erst dann, wenn Spielzeug aus den Bereichen Schönheit, Pflege, Haushalt auch öfter mal in schwarz oder grün verpackt wird und erst dann, wenn auch Experimentierkästen und Konstruktionssets, deren Verpackung mit Jungs bebildert sind, mit Pink beworben werden, vielleicht sagen „Es sind einfach nur Farben“.

 

Unternehmen müssen ihre Produkte nun mal verkaufen.

2Ja, richtig. Der Umsatz steht über der sozialen Verantwortung, und die Idee der Corporate Social Responsibility taugt oft nur als Feigenblatt. Das gilt ja auch für Smartphones, die nicht ohne Kinderarbeit hergestellt werden, und doch wird uns vermittelt, wir bräuchten alle 2 Jahre ein neues. Unternehmen müssen ja schließlich verkaufen. Vielleicht funktioniert unsere Welt auch deshalb so fair und frei von Diskriminierung, weil wir Wirtschaftswachstum über alles stellen und diese Priorität auch bei den Botschaften des Gendermarketing nicht infrage stellen.

 

Ich lasse mich von Werbung sowieso nicht beeinflussen.

3Die Marketingindustrie beziffert ihren eigenen, jährlichen Umsatz auf 30 Milliarden Euro und sie erforscht seit vielen Jahrzehnten, wie sich KäuferInnen am besten beeinflussen und zum Kauf bewegen lassen, idealerweise unbewusst. Ziel von Werbung ist es, in zufriedenen, wunschlos glücklichen Menschen, völlig neue Bedürfnisse zu wecken, die sie zuvor noch nicht hatten. Nur bei mir schafft sie das nicht, denn ich entscheide selbst. #findedenfehler

 

Mädchen lieben eben Rosa.

4Es ist grade einmal 100 Jahre her, da war Rosa gar keine „Mädchenfarbe“ und die Zuweisung „Mädchen lieben Rosa“ galt genau umgekehrt: Rot war in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Könige trugen Rot (der Papst trägt bis heute Violett). Rot war also eine männliche Farbe, und Rosa, „das kleine Rot“ war Jungen vorbehalten, es galt als die stärkere Farbe. Blau dagegen war in der christlichen Tradition die Farbe Marias und Hellblau, „das kleine Blau“ dementsprechend die Farbe für Mädchen, es galt als feiner und eleganter. Heute lernen Mädchen von Geburt an, dass Rosa eine weiblich konnotierte Farbe ist, in 100 Jahren könnte das schon wieder ganz anders aussehen.

 

Nur wer keine Hobbys / echten Probleme hat, regt sich darüber auf.

Wir wünschen allen viel Energie und Ausdauer, sich nicht hier, sondern genau dort zu engagieren, wo sie die wahren Probleme dieser Welt sehen. Kommentieren Sie gerne im Tierschutzforum oder engagieren Sie sich für mehr Fahrradwege. Wir sind die Letzten, die sich Ihnen in den Weg stellen werden, denn wir sind schon mit unserm Hobby der Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt.

 

Ich habe früher auch  mit xx gespielt und bin heute ja auch emanzipiert, also!“

Wer Teil einer Gesellschaft ist, hat auch deren Werte verinnerlicht. Deshalb melden auch nur ganz wenige Väter ihre Söhne, wenn die sich für Musik und Tanz interessieren, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit zum Ballettunterricht an. Und selbst jene, denen es gelingt, sich in vielen, persönlichen Entscheidungen von kulturellen Zuschreibungen frei zu machen, sind doch angewiesen auf die vorhandenen Strukturen, selbst wenn diese bestimmte Gruppen benachteiligen. Dass Frauen mehr Geld in Schönheitsprodukte investieren, sich mehr von ihnen für die schlechter bezahlte Carearbeit entscheiden[1] und später häufiger in Altersarmut leben, wird als „natürlich“ empfunden.

6Doch Studien belegen einen Zusammenhang zwischen stereotypem Spielzeug und dem Selbstbewusstsein von Kindern. Für Jungen und Mädchen gilt: Je tiefer sie in die Spielzeugwelt der schönen, schlanken, passiven Prinzessinnen eintauchen, desto stereotyper wird ihr eigenes Verhalten: „We know that girls who strongly adhere to female gender stereotypes feel like they can’t do some things,“ sagt Sarah M. Coyne, Leiterin der Studie. „They’re not as confident that they can do well in math and science. They don’t like getting dirty, so they’re less likely to try and experiment with things.“ [2]

[1] 80% der Carearbeit wird von Frauen übernommen. Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Gesundheits- und Pflegeberufe. Arbeitsmarktberichterstattung – 2011. 2011, S. 8
[2] https://news.byu.edu/news/disney-princesses-not-brave-enough und http://well.blogs.nytimes.com/2016/06/27/disney-princesses-do-change-girls-and-boys-too/?_r=0

 

Wir reproduzieren keine Geschlechterklischees, wir reagieren nur auf Wünsche der KonsumentInnen

7Werbung setzt durch Wiederholung Regeln und schafft Normen, wie ein Mann, eine Frau zu sein, zu essen, sich zu kleiden, wofür er oder sie sich zu interessieren hat. Die schiere Masse an Bildern, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert werden, führt zu einer Verstärkung und Einengung dessen, was angeblich normal ist. Schwierig bis unmöglich schon für einen Erwachsenen, davon unabhängige Entscheidungen zu treffen. Undenkbar für ein Kind, das gerade erst dabei ist, die eigenen Vorlieben zu entdecken.[1]

[1] http://blog.hubspot.de/marketing/wie-marken-uns-manipulieren

 

Es wird gekauft, also gibt es einen Bedarf“

8Für die Werbung der 1950er mag das zutreffen. Doch Marketing heute funktioniert anderherum: der Fokus liegt darauf, zuerst einen (nicht vorhandenen) Bedarf zu schaffen, um ihn dann zu befriedigen.[1]

[1] Beispiel Fitness-Armbänder / Wearables:
http://www.stroeer.de/magazin/bewegte-zukunft-in-einer-mobilen-welt-update/wearables-potenziale-fuer-werbung-und-marketing.html

 

Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür.“

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen. Kinder lernen nicht allein von ihren Eltern, die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders erfahren sie auch durch den Nachbarn, die Bäckerin, den Erzieher und die Lehrerin, durch Bücher und das Fernsehprogramm. Kinder lernen vieles ganz nebenbei, im alltäglichen Spiel nähern sie sich der Welt der Erwachsenen an, üben Regeln ein und finden so allmählich ihren Platz in der Familie und in der Gesellschaft. Sie experimentieren und bilden Kategorien und lernen dabei, nicht nur in Groß vs. Klein, Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau einzuordnen, sondern auch in ‚typisch‘ und ‚anders‘, in ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Schnuller und Teddys, Laufräder und Bilderbücher, 9Filme, Computerspiele und Werbung begleiten sie dabei und beeinflussen ihren Lebensweg. Und die Welt, die ihnen aktuell angeboten wird, ist in sehr viel mehr Bereichen in rosa und hellblau geteilt, als das bisher der Fall war [1]. Selbst wenn sich also Eltern dieser Strategie verweigern und Kindern alle Bereiche jenseits von rosa und hellblau anbieten, so sind Mädchen und Jungen immer auch durch die Botschaften ihrer Umwelt beeinflusst.

[1] „In the Sears catalog ads from 1975, less than 2 percent of toys were explicitly marketed to either boys or girls.“ https://www.theatlantic.com/business/archive/2014/12/toys-are-more-divided-by-gender-now-than-they-were-50-years-ago/383556/

 

Also wir haben unseren Kindern nichts aufgezwängt, wir lassen ihnen die freie Wahl.

10Die Mehrheit der Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen. Und wenn sich die Tochter dann doch fürs Ballett entscheidet, obwohl sie einen Fußball geschenkt bekommen hat und wenn der Sohn die Autokiste vorzieht, obwohl er sich eine Puppe aussuchen durfte, dann ziehen viele den Rückschluss, es müsse an der Biologie liegen, die Gene seien verantwortlich, die Hormone, die Steinzeit… der eigene Einfluss und die allgegenwärtigen Botschaften werden dabei komplett ausgeblendet. Forts. unter: „Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür„)

 

Es steht ihrem Sohn ja frei, trotzdem ein rosa xx zu kaufen.

Es steht Männern ja auch frei, sich für den Beruf des Erziehers zu entscheiden oder Frauen, Maschinenbau zu studieren. Mit den Kommentaren müssen sie dann eben klarkommen, wussten sie ja vorher, dass es nicht einfach würde. Sorry, aber Wahlfreiheit sieht anders aus. Wer sich über die Regeln des „Üblichen“ hinwegsetzt, bekommt das von der Umwelt zu spüren, und wer meint, ein „Du kannst ja trotzdem…“ reiche aus, um dem Vierjährigen seine Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, irrt.[1]11

Allein das Labeln eines Spielzeuges durch Farben oder Fotos als „Mädchen-„ oder „Jungespielzeug“ führt zu genderstereotypem Verhalten. Wird Kindern ein zunächst neutrales Spielzeug (z.B. ein Xylophon oder ein Ball) als „extra für Mädchen“ vorgestellt, spielen Mädchen länger und interessierter damit, Jungen wenden sich früher davon ab. Andersherum spielen Jungen länger damit, wenn ihnen zuvor gesagt wurde, es sei für Jungen gedacht [2]. Kinder übernehmen also die Zuordnung der Erwachsenen ganz unabhängig vom jeweiligen Spielzeug, und sie lassen sich schon früh in ihren Entscheidungen vom Gruppenkonsens beeinflussen [3]. Das ist menschlich und wird Ihrem Sohn ähnlich gehen.

[1] Beispiel: rosa Überraschungs-Eier „für Mädchen“: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/10/ue-ei-twittergewitter/
[2] Bradbard, M.R.; Endsley, R.C. (1983). The effects of sex-typed labeling on preschool children’s information-seeking and retention. Sex Roles, 9 (2), 247-260.
[3] Studie: https://www.mpg.de/4611532/gruppenzwang_vorschulalter

 

Die Tochter meiner Nachbarin mag grün, also kann der Einfluss nicht so groß sein.

12Und mein Sohn zum Beispiel hat mal ein Kleid in die Kita angezogen und ist trotzdem hetero, und meine Tochter kann besser Fußballspielen als mein Mann, also kann ja das mit dem Frauenfußball… Sorry, private Einzelbeispiele taugen nicht als Beleg für biologistische Theorien ;)

 

 

Jungs und Mädchen haben nun mal unterschiedliche Grundbedürfnisse.

13Zu den Grundbedürfnissen gehören Liebe, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und sie gelten für alle Menschen gleichermaßen. Ein geschlechtergetrenntes Angebot auf der Speisekarte oder beim Bürobedarf gehört nicht dazu. Rosa geblümte Glitzerponys mit Flügeln und schwarze Monsterfighterfiguren auch nicht. Und wenn, dann sollten sie für alle da sein.

 

 

Lasst doch die Kinder Kinder sein und hört auf mit Eurem Genderismus.

14Erwachsene ändern ihr Verhalten gegenüber einem Kind schon vor Geburt, sobald sie das Geschlecht des Ungeborenen erfahren: Sie sprechen mit einem Fötus in höherer Stimmlage, wenn der Ultraschall ihnen ein Mädchen zeigt. Sie beschreiben einen Säugling, von dem sie annehmen, es sei ein Mädchen, als niedlich und zart. Wird ihnen dasselbe Kind später als Junge präsentiert, beschreiben sie es als kräftig und schätzen es schwerer ein.[1]

Da wir davon ausgehen, Jungen und Mädchen hätten grundsätzlich unterschiedliche Bedürfnisse, behandeln wir sie unterschiedlich, selbst in Momenten, in denen es überhaupt keinen Anlass dafür gibt. Insofern einverstanden: Lasst doch die Kinder Kinder sein, und hört auf, sie in allen Lebenslagen nach Geschlecht zu sortieren und mit Euren rosa-hellblauen Erwartungen zu konfrontieren.

[1] Sog. Baby X Studien, z.B.: http://link.springer.com/article/10.1007/BF00288004

 

Wer sich daran stört, muss es ja nicht kaufen.

15Weit über 500 Werbebotschaften erreichen jeden einzelnen von uns täglich. Auf Werbung treffen wir in Bahnhöfen und an Bushaltestellen, auf Plakatwänden und Aufstellern, im Fernsehen, Radio und Internet, Zeitungen und Magazinen, im Kino, in Sportstadien, Gaststätten und Konzerthallen, auf Hochhausdächern und Häuserfassaden, im Himmel und buchstäblich auf dem Boden werden wir mit den Botschaften der Marketingindustrie konfrontiert. Werbung hat den öffentlichen Raum längst in Besitz genommen und beansprucht unsere Aufmerksamkeit über die Maßen. Die Geschlechterklischees der Werbung erreichen einen auch an Tagen, an denen man keinen einzigen Euro ausgibt.

 

Kleine Jungs stehn nun mal auf Autos.

Gern werden bei diesem Argument Studien mit Primaten genannt als vermeintlicher Beleg, dass ja selbst bei Affen die männlichen Tiere Spielzeugautos bevorzugten. Doch das Setting der Studien sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Für eine gern zitierte Untersuchung mit Meerkatzen, wurde den Tieren unter anderen Gegenständen eine Pfanne als ‚Mädchenspielzeug’ ins Gehege gegeben. Rätselhafte Grundvoraussetzungen für eine Studie, gibt es doch keinen Primatenforscher, dem in seiner beruflichen Laufbahn Affen begegnet sind, die kochen konnten. In einer anderen Studie wurden Rhesusaffen beobachtet, die Spielsachen mit Rädern sowie Plüschtiere bekamen. Ein Durchgang musste zunächst abgebrochen werden, weil „ein Plüschtier in mehrere Teile zerfetzt worden war“.[1] Beides verdeutlicht die Problematik dieser Studien: Wir wissen überhaupt nicht, ob ein Kinderspielzeug für einen Affen, der es noch nie gesehen hat, dieselbe Bedeutung hat wie für uns. Welchen Wert haben dann die in solchen Studien gezogene Schlüsse?

Deshalb halten wir andere Aspekte für relevanter:16

(Spielzeug-)Autos sind männlich konnotiert, das lernen schon Kleinkinder noch bevor sie sprechen können, Mädchen bekommen sie seltener geschenkt, Mütter spielen seltener mit ihren Kindern damit, beim Spaziergang erklären Väter ihren Söhnen von Anfang an mehr über Automarken als ihren Töchtern. Schon bei 6 bis 12 Monate alten Kindern haben Jungen mehr „Außenweltspielsachen“ (Lastwagen, Werkzeug u.a.) während Mädchen eher „Haushaltsspielsachen“ bekamen [2].

Fünfjährige Jungs sind außerdem stärker an Jungsspielzeug interessiert, wenn sie damit rechnen müssen, von Freunden gesehen zu werden. [3] Viele kleine Jungen, die in der Kita nie mit Puppen spielen, machen das zuhause durchaus, sofern ihnen von den Eltern keine geheimen Lektionen dazu erteilt wurden. Und übrigens: „fünfjährige Kinder [klassifizieren] eine Babypuppe mit zornigem Gesichtsausdruck, die grobe schwarze Kleidung trägt, als Jungespielzeug, ein lächelndes, gelbes Auto, das mit Herzchen geschmückt ist, als Mädchenspielzeug“ [4].

Also ab wann und für wen genau soll sie zutreffen, die Aussage „Jungs stehn nun mal auf Autos“?

[1] Hasset, J.M.; Siebert, E.R.; Wallen, K. (2008). Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. Hormones and Behavior, 54 (3), 359-364.
[2] Nash, A.; Krawczyk, R. (1994). Boys’ and girls’ rooms revisited. Vortrag vor der Conference on Human Development. Pittsburgh, Pennsylvania (nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge, München 2012, S. 315)
[3] Bannerjee, R; Lintern V. (2000). Boys will be boys. The effect of social evaluation concerns on gender-typing. Social Development, 9 (3), 397-408.
[4] Leinbach, Hort & Fagot, nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge. S.351

————————–

Wer bis hierher gelesen hat, hat jetzt garantiert zur einen oder anderen Antwort eine Reaktion auf der Zunge liegen, ein Erlebnis vor Augen, ein „Ja, aber…“ auf dem Herzen. Wir sind gespannt, die Diskussion soll weiter gehen, bitte schreibt Eure Gedanken dazu in die Kommentare.

Viele Grüße,

Sascha und Almut

 

——–

 

Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

————————–

*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

mytoys-spielzeugexperten-02

Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

mytoys-spielzeugexperten-01

————————

update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

bildschirmfoto-2016-10-11-um-08-47-19

Bullshit-Bingo des Gendermarketing

gendermarketing-bullshitbingo

Und >> hier << geht es zu unseren Antworten.