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Rollenklischees „für Väter und ihre Söhne“

Über die Seite und Tweets von @ichkaufdasnicht bin ich auf dieses tolle Produkt des Kosmos Verlages gestoßen:

„Der einzig wahre Chemie-Experimentierkasten für Väter und ihre Söhne“

Experimentierkasten-kosmos

Da gibt es an sich nichts groß darüber zu schreiben, reiht der sich doch ein in die Liste der Produkte, die gerade zunehmend auf den Markt geschmissen werden und Geschlechtertrennung betreiben, dass einem schwindlig wird, denn Gendermarketing ist offenbar der aktuelle Hit unter den Werber*innen: Klebestifte in rosa, extra für Mädchen. Schnuller in rosa für die „Drama Queen“ und das Pendant dazu für den „Bad Boy“ in Schwarz.

Feentraum-Tee in Rosa, Monster-Alarm-Tee in grün. Eine Spiele-App zum Beine Rasieren und Schnittwunden pflegen. Und eben habe ich noch einen Tweet über eine Kochzeitschrift gelesen, die sich Mutti nennt, darin ein Rezept für „Das Männerbaguette“: Nach Logik des Gendermarketing verkündet der Name einen Belag mit FLaAaaaiSCH! (- mein völlig sachlicher Artikel zu dem Thema ist in Vorbereitung fertig –> *klick*).

Aber erst jetzt sind die Dominosteine in meinem Kopf alle gefallen und mir fällt auf: Experimentierkästen von Kosmos? Das ist der Verlag, mit dem wir ein Interview über ‚Gendermarketing‘ gemacht haben. Unsere beiden Gesprächspartnerinnen des Verlags waren ganz begeistert von diesem Thema (damals ging es noch um eine Radiosendung) und freuten sich, dass daraus sogar ein Buch werden soll. Als das Manuskript der „Rosa-Hellblau-Falle“ dann vorlag, haben sie das Interview zurückgezogen. Sie sahen sich in der abgetippten Version nicht getroffen, so verkürzt wirke das banal und altbacken. Dem konnten wir nicht widersprechen.

Anlass für das Gespräch war eigentlich die Buchreihe „Die drei Ausrufezeichen“, Detektivbücher für Mädchen mit Titeln wie ‚Betrug beim Casting‘, ‚Gefährlicher Chat‘, ‚Gefahr im Fitness-Studio‘,

Foto: kosmos

Foto: kosmos

‚Popstar in Not‘, Gefahr im Reitstall‘, ‚Duell der Topmodels‘. Wir wollten wissen, warum es eine rosa Antwort brauchte auf „Die drei Fragezeichen“, eine Buchreihe mit langer Geschichte und großem Erfolg, in der die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews das Rätsel des Superpapageis, des Karpatenhunds oder des Phantomsees lösen. Und obwohl die Cover schwarz und nicht rosa waren, die drei Fragezeichen darauf keine Gesichter hatten, und obwohl es um drei Jungs ging, besaß ich als Kind einige Bände davon, die anderen holte ich mir aus der Bücherei. Heute stehen sie im Buchregal meiner eigenen Kinder, und ich kann nichts Positives daran erkennen, dass sie nun plötzlich als Jungsbücher gelten sollen.

Wo Bob, Peter und Justus als kluge Experten knifflige Fälle lösten – natürlich, beim Bechdel-Test sind sie durchgefallen, aber warum agieren stattdessen in den Geschichten mit den drei Ausrufezeichen keine taffen Frauen, sondern Mädchen, die Aerobic-Stunden nehmen, sich über Pferde und Schminke unterhalten und sich für ältere Jungs interessieren? Brüder, Väter und Kriminalkommissare springen ein, wenn die Drei mal Hilfe brauchen. Aber gut, lassen wir das mal so stehen, denn das Interview wurde ja zurückgezogen, also landen die Zitate in der Tonne, die verraten, dass Mädchen sich nun mal dafür interessieren und der Verlag ja nichts verstärkt, sondern die Leserinnen nur bei ihren Interessen abholt.

Das darf ich hier schreiben, denn auf diese Antwort hat der Kosmosverlag keinen Alleinanspruch, das sagen nämlich alle, die auf Gendermarketing setzen oder es rechtfertigen: Die Frauen/Männer, die Mädchen/Jungen „bei ihren Grundbedürfnissen abholen“. Als ob es ein Rosa-Gen gäbe, und eins für Pferdeinteressen (uuups, ich selbst habe wohl einen Gendefekt, was ein Glück!) und noch eins fürs Schminken… Und nein, niemand, den wir dazu befragt haben, kein Unternehmen hält sich für einflussreich genug, um Stereotype festzuschreiben. Nach dem Motto ‚Die anderen machen das ja auch‘. Das sagen meine Kinder auch immer, wenn sie verhindern wollen, für den letzten Unsinn alleine zur Verantwortung herangezogen zu werden.

Das Gespräch war trotzdem sehr erhellend, und die Informationen über die Vermarktung von Büchern und Experimentierkästen konnten wir für unser Buch trotzdem verwenden. Zum Beispiel, dass auf Produkten, die sich an Mädchen und Jungen richten, entweder beide Geschlechter abgebildet werden oder aber sicherheitshalber nur Jungs. Dagegen funktioniere ein Experimentierkasten, der für alle Kinder gedacht ist, nicht, wenn darauf nur Mädchen abgebildet sind. Die können sich zwar mit Jungs identifizieren, aber andersherum sagen dann die Jungs ‚Iiih, da ist ja ein Mädchen drauf, das will ich nicht haben‘. Eltern und Großeltern haben sich dann sowieso schon dagegen entschieden. Soviel zum Thema Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Kein Wunder, dass „Du Mädchen“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen ist. Aber da geht’s ja nuuur darum, dass sich Kinder eben vom anderen Geschlecht abgrenzen, das sei ganz normal in dem Alter. Ja, von wegen. Das kann als Argument erst gelten, wenn auch „Du Junge“ zum Schimpfwort taugt, tut es aber nicht.

Abgrenzung bedeutet immer auch Gleichmacherei dies und jenseits der willkürlich gesetzten Grenze. DIE Mädchen im allgemeinen mögen nun mal…, Und Jungs sind eben meistens…  – so so! Erwachsene, die Spielzeug herstellen, bewerben und verkaufen, sollten Kindern helfen, sie zu überwinden, ihre Wertung zu hinterfragen. Stattdessen sorgen die Befürworter*innen des Gendermarketing immer schön weiter dafür, dass Mädchen und Jungen in ihren Schubladen bleiben und sich vom anderen Geschlecht abgrenzen. Warum? Weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Seit es die Drei Ausrufezeichen gibt, sind die Verkaufszahlen beim Verlag insgesamt gestiegen.

Immerhin finde ich den Kasten ‚für Väter und ihre Söhne‘ nicht mehr auf den Kosmosseiten. Die letzten verbleibenden Exemplare werden noch in ein paar Läden verramscht, und das geschieht ihnen ganz recht.

 

 

Werbemenschen lieben Geschlechterklischees

Alles nur ironisch gemeint?

Damit hat sich der Deutsche Werberat schon öfter rausgeredet. Auch als sich Pinkstinks.de gegen sexistische Werbung allüberall ausgesprochen und eine Petition gestartet hatte. Ist doch nichts dabei…, man wird doch wohl mal…, lustig-lustig…

Es ist vorgestrig, dass Frauen in der Werbung ständig auf alte Muster reduziert werden.   Aber glaubt man den Werbemacher_innen, sind Männer und Frauen nun mal fürchterlich einfach gestrickt. „Der Wandel der Gesellschaft fordert Gender Produkte“ weiß die Basler Redaktion von foodnews.ch. Deshalb gibt es einen Chipshersteller, der seit Herbst Chips in zwei nach Geschlecht getrennten Tüten verkauft, die einen für den „Mädels-“ die anderen für den „Männerabend“. Damit da nichts durcheinander kommt, die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Das erkennt mann und frau auch daran, dass Frauen Joghurt soooo sehr lieben. Die Werbung weiß das. Und Sarah Haskins macht sich über diese „natürliche“ Verbindung in ihrer Serie ‚Target Women‘ (die leider inzwischen eingestellt wurde, aber hier kann man sie noch sehen) auf ihre Weise lustig :-)

Walulis informiert dafür in seinem Werbespot zum ‚Pure Beef Burger‘ umfassend über Flaaaiisch für den echten! Mann, ausführlicher und stringenter in der Argumentation ist keine Grill- oder Würstchenwerbung:

 

Vielen Dank auch an Antje Schrupp, die einen Brief von Susanne Enz veröffentlicht hat. Anlass: Frauen- und Männerbratwurst – jawohl, das braucht die Welt – mit den passenden klischeehaften Aufklebern auf der Packung. Und Caprisonne wirbt für den „Elfentrank“, indem sie die Verpackung mit rosa bedruckt: „lässt Mädchenherzen höher schlagen“ – das könnte auch an der Zuckermenge liegen, jede Überdosis geht aufs Herz, aber na gut. Jedenfalls unterscheidet sich der Inhalt nicht wirklich von anderen Caprisonne-Angeboten, aber es steigert den Umsatz, wenn man speziell ein Produkt für Mädchen anbietet und ein zweites, das Jungs anspricht. „Geschlecht ist ein Riesengeschäft“, sagt die Wiener Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner im Gespräch mit Lukas Elsler und Theo Starck im Münchner Studentenmagazin ‚philtrat‘. Gendermarketing ist so erfolgreich, dass dafür sogar das Binnen-i akzeptabel wird: „Für SalatesserInnen“ werben die Fastfood-Leute mit dem gelben M. Um das Binnen-i wird sonst so verbissen gestritten, unnatürlich sei es, es störe den Lesefluss und überhaupt, eine Sprachverhunzung… Aber wenn es um Salatwerbung geht, da passt es plötzlich.

So viel zum Essen, dabei könnte es ewig so weitergehen, nichts davon ist erfunden: Frauen- und Männersenf, Kekse extra für Mädchen… Gendermarketing, Rollenklischees und sexistische Werbung – das Thema hat schon manche_n fassungslos gemacht. „Die Dose trägt Dessous – hi hi“, Silke Burmester findet’s auch total lustig. Aber hey, wer den Sinn sexistischer Werbung nicht versteht „und keinen Humor hat, der sollte in nächster Zeit vielleicht alle Medien meiden“, findet die „nnz-online“-Redaktion in Nordhausen, als die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt eine schlüpfrige Werbeanzeige der Zeitung kritisiert.

Aber wenn ein sexistischer Spot oder ein Plakat witzig sein will und in der Darstelllung übertreibt, dann ist er deshalb immer noch nicht zum Lachen, und zweitens nicht weniger sexistisch. Anita Sarkeesian macht das in ihrem Video über ‚Retro sexism and ironic advertisting‘ an vielen Beispielen anschaulich:

Die Werbewatchgroup Wien fasst zusammen, dass es egal ist, in welcher Rolle Frauen und Männer in der Werbung inszeniert werden, die grundlegenden Geschlechterstereotype blieben immer die gleichen: Frauen würden als abhängig, verständnisvoll und emotional dargestellt, Männer dagegen als unabhängig, dominant und zielstrebig:

„Die Reduktion der Werbung auf die Zweigeschlechtigkeit und auf klassische weibliche und männliche Stereotype ist weit davon entfernt, die Bandbreite der Geschlechteridentitäten, deren Verhaltensweisen und Lebensstile abzubilden. Unsere Lebensrealität ist ungleich vielfältiger und widersprüchlicher, als es uns die Werbung glauben machen will“.

Eine Deutsche Watchgroup gibt es meines Wissens nicht, aber immerhin stellt der Deutsche Werberat ein Beschwerdeformular zur Verfügung, über das Menschen auf derart lustig-ironische Werbung aufmerksam machen können.

„In der kommerziellen Werbung dürfen Bilder und Texte nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen. Insbesondere darf Werbung – gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – nicht den Eindruck erwecken, dass bestimmte Personen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf und Familie willkürlich behandelt werden können“ – so die Grundsätze des deutschen Werberats.

Leider ist für den Werberat die Grenze nur selten überschritten, dort findet Mann seit 40 Jahren (noch nicht so lange wurden drei Frauen „extra berufen“) so manches lustig-ironisch, was weit über „erotisch“ oder „sinnlich“ hinausgeht. Trotzdem hoffe ich, dass viele diese Gelegenheit nutzen, damit nicht noch mehr Küchenparadise mit devoten, Deos mit kopflosen und Speditionen mit nackten Frauen werben.

Wenn das Formular schon mal jemand von Euch genutzt hat und die Antwort hier zitieren möchte, freue ich mich über Infos dazu!