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verbiegen – umerziehen – gendern

„Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen!“ – mein Mantra bei der Lektüre von Artikeln über Gleichstellung und Familienarbeit oder Gendermarketing und Prinzessinnen wirkt nicht so recht, ich verliere mich immer wieder in den wilden Auseinandersetzungen um WIR gegen EUCH im Kommentarbereich. Vielleicht sollte ich es nicht so ernst nehmen? Bin ich humorlos, wenn ich „Geschlechterkrieg“ nicht „witzig“ finde, sondern dieses pauschale Gegeneinander allein aufrund des Geschlechtes ganz grundsätzlich infrage stelle?

Am meisten frustriert mich, wenn SchreiberInnen den Begriff  „Gender“ synonym verwenden mit „Gleichmacherei“, „Geschlechter abschaffen“, „umprogrammieren“, Kinder „verbiegen“. Die „Genderideologen“ wollten Kindern vorschreiben, womit sie zu spielen hätten, wo sich Jungs nun mal mehr für Technisches interessierten, Rollenspiel und Puppen sei eben nicht ihrs, das läge nicht in ihrer Natur. Es folgen die üblichen Argumente, für die gerne auf die Begriffe Steinzeit, Testosteron und Gene zurückgegriffen wird (Antworten darauf haben wir hier schon einmal versammelt).

Nun habe ich gestern via Twitter eine Art Brief des Wetterauer Boten gelesen, der mit seinen beiden letzten Sätzen zeigt, wie sehr Kinder bevormundet und eingeengt werden, wenn die Erwachsenen um sie herum in der Rosa-Hellblau-Falle feststecken und ihre engen Rollenbilder weitergeben. Und warum die kritische Auseinandersetzung damit = geschlechtergerechte Pädagogik (oder „Gender“) mit Individualität und Wahlfreiheit zu haben:

bote

Das Kleid passt und „er findet sich wunderschön darin“. Damit wäre doch eigentlich alles gut, oder? Aber nicht für Boto. Ein Sechsjähriger, der sich als Fee verkleiden möchte, passt offenbar nicht in das Weltbild des Autors (Ich unterstelle mal, dass ein Mann diesen Brief geschrieben hat. Es sind überwiegend Väter, die ein Problem damit haben, wenn der Sohn mit Puppen spielt und ein rosa T-Shirt tragen möchte, und Mütter jene, die das Verbot dann durchsetzen müssen). Dass vermeintlich Weibliches für Jungs tabu ist, gilt schließlich das ganze Jahr über: Rosa ist verdächtig, Puppenspiel ist verdächtig, Ballett geht auch nicht. Warum nicht? Er könnte schwul sein, Alarmstufe Pink! (Welch schräger Gedankengang, dass sich das durch ein Tanz- oder Feenkostüm-Verbot rückgängig machen ließe, von der diskriminierenden Haltung dahinter ganz zu schweigen…)

Nun war zwar Karneval der Anlass für das oben erwähnte Feenkostüm, aber selbst während der „jecken“ (= albern! närrisch!) Jahreszeit haben sich Kinder an die Grenzvorgaben der Erwachsenen zu halten. Folgerichtig wendet sich für den Autor die Geschichte erst dann zum Guten, als die Mutter dieser absurden Idee ein Ende setzt und den Jungen überredet (?) sich als Ritter zu verkleiden. So viel zur Theorie, Kinder selbst entscheiden zu lassen. „Zum Guten gewendet“. Für wen? Die Erwachsenen offensichtlich. Mal wieder.

Geschlechtergerechte Pädagogik für ErzieherInnen

„Geschlechterrollenklischees?

Nee, das gibts bei uns nicht!“

Es ist einfach, sich über die rosa-hellblauen Regalmeter im Spielwarengeschäft zu ärgern. Es ist naheliegend, sich irgendwann beim Einkaufen doch einmal über die ewiggleiche, penetrante Zuordnung „blau für Jungs“, „rosa für Mädchen“ zu wundern. Und die Schuldigen sind schnell gefunden, wenn sich der eigene Sohn enttäuscht abwendet, weil er auf einer Verpackung „nur für Mädchen“ liest.

Doch auch ohne Einfluss des Gendermarketing hört die Zuordnung aufgrund des Geschlechts nicht auf.

Wir selbst sind der Stau, über den wir uns ärgern

Und das ist der Aspekt des Themas Rosa-Hellblau-Falle, bei dem die meisten gerne weiterklicken, umblättern, weghören. Denn wenn es um unser eigenes Verhalten geht, wir uns selbst an der Nase fassen sollen, dann wird es plötzlich irgendwie ungemütlich, was ein langer Blogpost, den lese ich später weiter… Fakt ist: Nicht nur beim Einkaufen oder in der Werbung, sondern zuhause, in der Kita, in der Schule werden Kinder alltäglich nach Geschlecht sortiert, auch dann, wenn es für die Situation völlig unbedeutend ist.

„Alle ziehen sich jetzt die Schuhe an, erst die Mädchen, dann die Jungs!“

oder:

„Komm, wir setzen uns drüben zu den Mädchen an den Basteltisch“

  oder: 

Geschlechtliche Zuordnung von Eigenschaften und Interessen

Dann wieder werden bestimmte Eigenschaften und Interessen dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet, auch wenn die Behauptung „So sind sie eben“ oder „das ist angeboren / biologisch / hormonell…“ durch Studien längst widerlegt wurde. Doch Mythen halten sich leider hartnäckig.

 

Bildschirmfoto 2015-12-03 um 09.18.38

Geschlechtergerechte Pädagogik

In einem Video >Teachings for the whole life spectra<, in dem die Arbeit und das gendersensible Konzept eines schwedischen Kindergartens vorgestellt wird, erklärt eine der ErzieherInnen:

„Children often want to be what we confirm them to be, or what we expect them to be. This is why we avoid categorizing children.“

(Kinder wollen oft das sein, worin wir sie bestätigen, oder wollen so sein, wie wir es von ihnen erwarten. Deshalb vermeiden wir es, Kinder zu kategorisieren.)

Kategorisieren meint, Kinder nach bestimmten Eigenschaften einzuteilen, sie auf etwas festzulegen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens etc.:

Für Kinder (und auch sonst) gilt:

  • Klein ist nicht immer süß
  • Schwer heißt nicht automatisch langsam
  • Sprachliche Schwierigkeiten stehen nicht für weniger Intelligenz
  • Mädchen heißt nicht brav
  • Junge bedeutet nicht Bewegungsdrang

(Alles bekannt? Schnee von gestern? Für Dich / In Deiner Kita kein Thema? –> *klick*)

 

Wieviel Kompromiss ist nötig, um dazuzugehören?

Kinder, die aus dem von der Umwelt als „typisch“ bezeichneten Raster fallen, wird (z.B. durch Kommentare wie oben) täglich bewusst, dass sie „anders“ sind. Doch Kinder wollen dazugehören. Um das zu erreichen, sind sie bereit, zurückzustecken, sich anzupassen, die eigenen Wünsche zurückzuhalten. (s. auch „Kognitive Dissonanz“ / „Dissonanzreduktion“) Jetzt mag eins einwenden: „Kompromisse gehören doch dazu, wenn viele miteinander klarkommen wollen.“ Einverstanden! Aber wie weit sollen diese gehen? Wann machen wir sie zur Bedingung? Wieviel Selbstbewusstsein verlangen wir einem Kind ab, das an etwas festhält, das ihm wichtig ist? (z.B. einem Jungen, der sich gerne mit dem Puppenhaus beschäftigt?)

 


Es ist deshalb Aufgabe der Erwachsenen, sich über die präsenten Kategorisierungen bewusst zu werden, sie infrage zu stellen, sie auch mit Kindern zu thematisieren.

Und gegen diese Haltung gegenüber Kindern stellen sich also ErzieherInnen, PolitikerInnen, EntscheiderInnen, wenn sie meinen, Geschlechtergerechtigkeit vermittle sich irgendwie von selbst? Wenn Sie behaupten, gendersensible Pädagogik sei Gleichmacherei?

 

Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher

Ich wünschte, mehr Kitas, mehr Erzieherinnen wären offen, sich mit den Inhalten geschlechtergerechter Pädagogik auseinanderzusetzen. Stattdessen sorgt die mangelnde Fachkenntnis derer, die ohne zu reflektieren „Frühsexualisierung“ schreien dafür, dass vielerorts Kinder weiterhin in rosa-hellblaue Schubladen gedrängt, nach Rittern und Prinzessinnen sortiert, in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt werden, mit dem besten Wissen und Gewissen der sie betreuenden PädagogInnen. Und ihre Umwelt meint sogar, sie würde sie durch Ignorieren vorhandener Rollenklischees vor dem Einfluss der „Genderisten“ bewahren. Welche Ironie!

Wer bei den oben genannten Beispielen ein komisches Gefühl bekommen hat, wer sich für die alltäglichen Rosa-Hellblau-Fallen in der Arbeit mit Kindern interessiert, wer nach Strategien sucht, sie zu umschiffen und sich mit anderen darüber austauschen möchte:

unser Rosa-Hellblaues-Köfferchen ist gepackt

– wir freuen uns über Einladungen und/oder Empfehlungen.

koffer

Zu mädchenhaft? Twittergewitter!

Den Freund*innen des Gendermarketing, v.a. wenn sie selbst Kinder haben, sei diese Sammlung gewidmet. Eltern und ErzieherInnen, die davon überzeugt sind, Kinder „neutral“ zu behandeln, nehmen bestimmt auch die eine oder andere Anregung mit ;-)

Sie sei auch jenen gewidmet, die für eine spezielle, „artgerechte Haltung“ von Jungs plädieren (als wären sie Hühner. Anm d. Verf.) und Glaubenssätze nach dem Motto „Boys will be boys“ vertreten, anstatt unser verallgemeinerndes, einengendes Bild vom „echten Mann“ infrage zu stellen.

Die Häufung dürfte deutlich machen, wie oft Kinder als „falsch“ abstempelt werden, wenn sie sich anders entscheiden, als es die Rosa-Hellblau-Falle der Erwachsenenwelt für sie vorgesehen hat.

Als Ergänzung: vor kurzem gab’s *hier* die Sammlung rund um das rosa Ü-Ei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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In diesem Sinne,

 

mit herzlichen Grüßen aus der #RosaHellblauFalle :-)

 

Twittergewitter in rosa-hellblau

      Dieser charmante Kinderspruch mal als Motto vorneweg :-) Und nun folgt hier eine Sammlung von Tweets, die das Thema der Rosa-Hellblau-Falle fett ins Lila treffen. Manche davon und viele mehr findet Ihr auch auf unserem Tumblr-Blog, auf dem wir derlei Kommentare forlaufend sammeln. Hier nun also die Krönung aus der Prinzessinnen und Ritterwelt, mal aus den Tiefen der Falle, und dann wieder ganz klar umschifft:

 (aufgefüllt und erweitert am 8.11.15)

 

 

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Wir sammeln weiter und freuen uns über Eure Tipps und Einreichungen! In Momenten des Nicht-wahr-haben-Wollens in unseren Vorträgen hat schon so mancher Tweet als schlagkräftiges Argument herhalten können. Vielen Dank dafür an die Kinder und ihre Herausgeber*innen ;-) !

 

  So long, in diesem Sinne.

 

Offener Brief an die Leo-Redaktion: Sind Klischees Jungssache oder Mädchensache?

Liebe (Zeit-)Leo-Redaktion,

ich wünschte, Sie würden sich einmal damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn Kinder mit Klischees konfrontiert werden. Ich wünschte, Sie würden sich einmal Gedanken machen über die Wirkungsweise des Stereotype Threat, um dann Ihre ZeitLeo-vollerKlischeesRubrik “… Jungssache oder Mädchensache?” neu zu überdenken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es doch darum, die gewohnten Rollenklischees zu hinterfragen, vielleicht sogar aufzulösen: „Stimmt das überhaupt?“ Die letzten Male gab es immerhin unter den Kindern einzelne Stimmen, die klar machten: diese Zuordnungen sind Quatsch, denn Interessen sind nicht geschlechtsabhängig, sie unterscheiden sich individuell. Doch die aktuelle Ausgabe steckt einmal mehr voller Geschlechterklischees und führt vor: werden Menschen auf Kategorien hingewiesen und in Gruppen eingeteilt, entsteht automatisch ein Wir-Gefühl („Wir Jungs sind eben…“) sowie das starke Bedürfnis, sich von der jeweiligen Fremdgruppe („Die Mädchen sind aber …“) abzugrenzen. Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Gruppen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.

Den Kindern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie übernehmen, was die Erwachsenen ihnen durch Gendermarketing, Werbung, Sprüche, Bilder… täglich vermitteln, sie wachsen hinein in unsere Regelwelt und übernehmen unsere Zuordnungen. Grade deshalb finde ich es für die Redaktion einer Kinder-Zeitschrift inakzeptabel, Sätze wie die folgenden unkommentiert stehen zu lassen: “Die Jungs bei uns können schon ganz gut malen – zumindest für Jungs.”, “Comics sind eine Jungssache, weil sie oft brutal sind.”, “Mädchen schreien immer sofort, wenn es mal zur Sache geht.” Wo bleibt die Einordnung? Wo das Gegenbeispiel?

In der Kinder- und Jugendarbeit sind Pädagog*innen täglich damit konfrontiert, dass sich viele Jungen zu wenig fürs Lesen interessieren, dass es cool ist, Schule blöd zu finden, dass zu viele von ihnen Auseinandersetzungungen nicht verbal sondern körperlich lösen wollen und ihre Probleme externalisieren. Mit ein Grund dafür ist, dass wir ihnen täglich vermitteln: “So sind sie eben, die Jungs und so ganz anders die Mädchen.” Sich diesen Vorstellungen zu widersetzen, sich anders zu verhalten, als es die Umwelt erwartet, wird Kindern immer schwerer gemacht, da folgen sofort komische Blicke und Bemerkungen. Und egal ob Kommentare vordergründig positiv (”toll! … für einen Jungen.”) oder explizit negativ gemeint sind, sie machen Kindern deutlich: das erwartet diese Gesellschaft von Mädchen und von Jungen: Jungs, die brutale Comics gut vertragen, sonst eher wenig lesen, wilde Geschichten brauchen etc. Und Mädchen, die gleich loskreischen, feinmotorisch im Vorteil sind und Pferdegeschichten bevorzugen… – typisch! Der Alltag von Kindern ist doch schon genug nach Geschlecht getrennt, er ist voll von Botschaften zum „normalen“ Verhalten von Mädchen bzw. Jungen. Da erhoffe ich mir, dass wenigstens in einer Zeitschrift, die von Kindern gelesen wird, Widerspruch laut wird.

Denn wenn sich an diesem Jungen- und Mädchenbild etwas ändern soll, dann, indem wir Kindern helfen, Klischees und Verallgemeinerungen wahrzunehmen, indem wir ihre und unsere Zuordnungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen etc. infrage stellen. Und indem wir ihnen helfen, frei zu entscheiden, unabhängig von unseren eigenen, traditionellen Vorstellungen vom “richtigen Kerl” und “echten Mädchen”. Doch Ihre regelmäßige Frage nach Jungssache / Mädchensache fordert Kinder immer wieder dazu auf, sich aufgrund ihres Geschlechts einzuordnen, nicht aufgrund ihrer individuellen Interessen. Sie fordern sie wieder und wieder auf, in rosa-hellblauen Schubladen zu denken, genau jenen, die uns Erwachsenen allzu geläufig sind. Das ist kontraproduktiv und verhöhnt die Arbeit derer, die sich um Gleichstellung bemühen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine Chance haben auf ihr grundgesetzlich zugesichertes Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichstellung beginnt nicht in der Debatte der Erwachsenen um Quoten und PayGap, sondern in der Kinderwelt!

Mit freundlichen Grüßen, Almut Schnerring

Schulaktion: Klischees auf Postkarten

„Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Wie eine offizielle Kampagne die Gleichstellungsbemühungen an Schulen torpediert

 

männlichesGehirnKlischeeDas jugendlich-männliche Denken kreist um Sex und Zocken, Fußball, Autos und Abhängen, im jugendlich-weiblichen Gehirn dominieren dagegen die Areale für Beauty und Styling, Sex und Selfies. Diese klischeehaft-sexistische Zweiteilung stammt nicht etwa von Mario Barth, juliensblog auf Youtube oder King Orgasmus One,  sondern sie ist auf zwei Postkarten verewigt, die aktuell an 200 Schulen in Nordrhein-Westfalen verteilt werden.

 

Das eigentliche Ziel der Kampagne ist, auf den von der Unfallkasse NRW und der Hannelore Kohl-Stiftung initiierten Wettbewerb aufmerksam zu machen, eine Aktion, die Schülerinnen und Schüler überzeugen möchte, Fahrradhelme zu tragen. Das Motto auf der Rückseite der Postkarten lautet entsprechend: „Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Das hätte sich die „Deutsche Schulmarketing Agentur youngstar„, die mit der Postkartenaktion betraut ist, besser zu Herzen genommen, denn dort weiß man: „Mit lustigen Sprüchen heizen Sie die Kommunikation auf dem Schulhof an und machen sich spielerisch und ohne großen Aufwand zum Gesprächsthema Nummer 1.“ Was im Fall der Postkarten vom Klischee im Gehirn kaum in ihrem Interesse liegen dürfte, denn Bildungsministerin Sylvia Löhrmann hat die Schirmherrschaft übernommen und unterstützt damit den Wettbewerb. Sie steht an der Spitze eines Ministeriums, das dafür verantwortlich ist, dass Gleichstellung im Schulalltag umgesetzt wird und zum Ziel hat, „eine Chancengleichheit für Frauen und Männer im Sinne einer echten Wahlfreiheit für eine gleichwertige freie Lebensgestaltung zu realisieren und Benachteiligungen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ In der Pflicht zur Umsetzung seien alle, die in Politik und Verwaltung verantwortlich agieren. Wenig verwunderlich also, dass man dort nicht einig ist mit dem Motiv, das Klischees in Schulhöfen weiterverbreitet. Barbara Löcherbach, Pressesprecherin des Bildungsministeriums hat erst durch Nachfrage davon erfahren und hält es für „nicht gelungen“. „Nur lustig gemeint“ sei es, verteidigt Nil Yurdatap, Pressesprecherin der Unfallkasse NRW die Gehirn-Postkarten. Ein Spiel mit den Geschlechterrollen, das die Schüler und Schülerinnen sofort durchschauen. Wirklich? „Sex und Fußball“, ist da nicht doch was Wahres dran?“

weiblichesGehirnKlischeeKlischees aufzufahren, um sie dann im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern wieder mühsam aus der Welt und den Gehirnen zu schaffen, wäre allein schon ein zweifelhafter Ansatz, um in eine Unterrichtsreihe über Geschlechterrollen einzusteigen. Doch hier ist kein Gespräch geplant, in dem Vorurteile infrage gestellt werden könnten, sondern es geht um Verkehrssicherheit. Die Rollenklischees in Rosa und Hellblau bzw. Grün werden beiläufig vermittelt und deshalb unbewusst aufgenommen. Die vielfältigen Studien zur Stereotypbedrohung (‚stereotype threat‚) haben immer wieder gezeigt, dass genau diese Botschaften ihre Wirkung nicht verfehlen. Frauen, die im Vorfeld eines Mathematiktests auf ihr Frausein aufmerksam gemacht werden (und sei es nur, dass sie auf dem Testblatt ein Kreuzchen bei „weiblich“ setzen mussten), schneiden schlechter ab, als Frauen, die den Test ohne Hinweis auf ihr Geschlecht ablegen konnten. Weil schlechtere Kenntnisse in mathematisch-naturwissenschaftlichen Themengebieten nach wie vor zum weiblichen Rollenklischee gehören (Nicht zufällig hat eine aktuelle OECD-Studie ergeben, dass Mädchen sich trotz gleicher Fähigkeiten in Mathematik schlechter einschätzen und mehr Angst vor diesem Schulfach haben als Jungen.), sorgt schon allein der allgemeine Hinweis dafür, dass Frauen und Mädchen schlechter abschneiden. Das negative Vorurteil beeinflusst sie in ihren Leistungen, denn ein Teil ihrer Denkens ist permanent damit beschäftigt, die negativen und störenden Gedanken zu unterdrücken. „Nur lustig gemeint“ sei es, in Schulhöfen eine Postkarte vom weiblichen Gehirn und seinem Beauty-Zentrum an Schülerinnen, zu verteilen, die vielleicht im Anschluss eine Mathearbeit schreiben. Tatsächlich ist es eine sinnlose Ungleichbehandlung, die den sonstigen Bestrebungen von Schule zuwider läuft, die all die MINT-Kampagnen und die Ziele des Girls‘ Day verhöhnt, einfach so, beiläufig, ohne dem guten Zweck der eigentlichen Kampagne in irgendeiner Weise zu nützen.

2 Rätsel und 2 Puzzelteile

Ein Rätsel vorweg:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

(Quelle: Uni Göttingen)

 

Nach einem Tag, den ich mit der Lektüre vieler Studien und Artikel verbracht habe, kommt eben meine Tochter mit ihren Mathehausaufgaben und einer Frage an meinen Schreibtisch. Prozentrechnen, 7.Klasse.  (Über Arbeitsblätter und Schulbücher, in denen Schulkindern so nebenbei Geschlechterklischees vermittelt werden, ohne dass darüber weiter diskutiert würde, habe ich vor kurzem hier geschrieben, die Sammlung ließe sich ständig erweitern.) In der Matheaufgabe ist mehr verpackt als das Rätel um Prozentsatz und Prozentwert. An welcher Stelle im vorliegenden Text verbirgt sich eine Rosa-Hellblau-Falle?

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Der Text kommt auf den ersten Blick geschlechtergerecht daher: „Schülerinnen und Schüler“ kommen zu spät, 420 „Lernende“ gehen in die Schule… Allerdings ist der Chef aller – natürlich –  ein Mann, der strenge Direktor, der aufschreibt, wer zu spät kommt. Und ich werde nicht die einzige sein, die beim ersten Lesen einen Mann vor sich sah, wie er mit Notizblock vor dem Schultor steht. „Ist ja nur ein Beispiel“, könnte hier eingeworfen werden. Ja, geschenkt, hier geht’s natürlich um einen einzelnen Direktor, nicht um eine Gruppe, in der Frauen nicht genannt werden. Und ja, in der nächsten Aufgabe könnte ja dann, auch als Beispiel, eine Direktorin vorkommen. Tut sie aber nicht. Chefs in Schulbüchern sind überwiegend Männer, und die paar Chefinnen auf der Welt, dürfen sich gern mitgemeint fühlen.

„Mitgemeint“ ist sowieso beliebtes Argument, wenn bessere-Lesbarkeit und War-schon-immer-so nicht mehr ziehen. Doch auch das ist nicht mehr haltbar. Wie das Eingangsrätsel zeigt und wie jetzt auch eine Studie widerlegt hat – Hier zeigten selbst Frauen, die versicherten, sich mitgemeint zu fühlen, im MRT Gehirnaktivierungen, die das Gegenteil bewiesen. Beim generischen Maskulinum sehen wir einen Mann oder eine männliche Gruppe vor dem inneren Auge. Nach Sportlern oder Politikern befragt, fallen Menschen mehr Männer ein, als wenn sie nach Sportlerinnen und Sportlern, nach Politikerinnen und Politikern gefragt werden. Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch. Und doch nutzen wir eine Sprache, in der Frauen nur dann vorkommen, wenn sie explizit genannt werden.

Und heute ist mir ein weiteres Puzzleteil zum Thema geschlechtersensible Sprache begegnet, eine Studie, die zeigt, wie sich unser Blick auf die Welt verändert, wenn wir eine andere Sprache verwenden. Das Team um Panos Athanasopoulos von der Lancaster University bat in Deutschland lebende deutsche MuttersprachlerInnen, in Großbritannien lebende englische Muttersprachlerinnen sowie zweisprachige Teilnehmer*innen in beiden Ländern Szenen in Videoclips zu beschreiben. Am Ende zeigte sich: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ordneten die gesehenen Ereignisse anders ein, abhängig von den grammatikalischen Rahmenbedingungen der jeweils gesprochenen Sprache (Link zur Studie). Wenn wir in einer anderen Sprache sprechen, verändert das also nicht nur unsere moralischen Entscheidungen, sondern auch die Kategorien, in denen wir denken.

Der Sprung zur Kategorie männlich-weiblich, zu den Eigenschaften, die wir mit unserem Männer- bzw. unserem Frauenbild verbinden, ist damit nur noch ein kleiner. Geschlechtersensible Sprache verhindert, dass wir alle Menschen zunächst in die hellblaue Schublade stecken und nur in besonderen Fällen einzelne herausgreifen, bloß um sie dann in die rosafarbene umzusortieren. Ein flexibleres Sprechen zu und über einen Menschen, ermöglicht also auch einen flexibleren Blick, mit dessen Hilfe wir Individualität automatisch mehr Raum und Gewicht geben, als der Kategorie Geschlecht.

 

 

 

 

Rosa-Hellblau-Falle in Schulbüchern

Weil sich in Österreich der Bundesverband der Elternvereine gegen eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern ausgesprochen hat, sind „gegenderte Schulbücher“ Anlass, um mal wieder über die Ideologie des „Genderismus“ im Allgemeinen und das generische Maskulinum im Speziellen zu diskutieren. Vorschläge, beide Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, werden weggewischt, weil umständlich und schwer lesbar oder überhaupt weil man sich von der Sprachpolizei nichts sagen lassen möchte.
Wie wäre es, Binnen-I, Sternchen und Professx einfach mal kurz stehen zu lassen, und dafür all die anderen rosa-hellblauen Klischees wahrzunehmen, die in Schulbüchern stecken, die hier und heute verwendet werden?

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Ein von @thomas_mohr getwittertes Bild, die Seite aus einem Englischbuch von 2013 gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Die Aufgabe: „Was ist typisch für ein Mädchen? Was ist typisch für einen Bub?“ Vorschläge, die die Kinder mit M für Mädchen oder B für Bub kennzeichen sollten: Sie sind leise im Unterricht / Sie reiten gern / Sie spielen mit Puppen / Sie haben kurze Haare … „Beide“ anzugeben ist nicht vorgesehen. Nun kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Auf Seite 113 steht dort allerdings nur:

Ideen zur Unterrichtsarbeit: SB S. 33, Aufgabe 1 – Ausgehend von Unterschieden im Verhalten, im Aussehen, in Vorlieben bzw. Abneigungen von Mädchen und Buben werden anschließend die Gemeinsamkeiten definiert (AH, S. 20). Es wird dabei deutlich, dass es zwar Eigenheiten der Geschlechter gibt (typisch Mädchen bzw. typisch Bub), jedoch die einzigen „echten“ Unterschiede die Geschlechtsteile sind. (Aus: Das Lasso Sachbuch-Englisch 1/2, LehrerInnenband, 978-3-209-07423-2, Stgt 2009, Wien 2013)

Ich fürchte, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen hätten und findet auch gar nichts Negatives daran. In KiTas wurden dazu Studien und Projekte durchgeführt, die Mehrheit der PädagigInnen und Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen, und ist sich in keiner Weise bewusst, wie sehr die Vorstellungen von „richtigen“ Jungen und von „echten“ Mädchen das eigene Verhalten beeinflusst. Ich nehme an, für den Grundschulbereich lässt sich Ähnliches feststellen.

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch* Foto by @Luii_Luise auf Twitter

Und so blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste nähende Vater und der Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen. Aus einem Schulbuch, das @Luii_Luise auf Twitter gepostet hat. Gehen wir trotzdem einmal davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer im Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit so gut aus- und fortgebildet sind, dass Buchseiten dieser Art im Deutsch und Englisch-Unterricht von ihnen in Gesprächen mit Kindern gut aufgefangen werden können. Dann frage ich mich, warum es im Mathebuch weitergeht mit den alten Klischees: Denn während ich im Internet die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern verfolge, sitzt meine neunjährige Tochter über ihren Mathehausaufgaben und soll ein Balkendiagramm zeichnen, in Rosa und Hellblau. Daneben die Zahlen dazu, Grundlage sind fiktive Daten zu Hobbys von Mädchen und Jungen. Das von meiner Tochter gezeichnete Diagramm führt ihr und uns anschaulich vor Augen: Reiten ist was für Mädchen, Computer ist was für Jungs. Hallo ?? Es muss doch möglich sein, ein Mathebuch zu schreiben, das ohne derartiges Schubladendenken auskommt. Und Statistik ist keine Ausrede, Kinder überholtes Schubladendenken in Rosa und Hellblau malen zu lassen. Mädchen und Jungen wollen dazugehören, sie wollen keine Außenseiter sein. Doch wir zeigen ihnen täglich in jedem nur denkbaren Bereich, was sie dafür tun müssen, was „typisch“ und damit „normal“ ist für die jeweilige Schublade. Und dann wundern wir uns, warum der Sohn sich so wenig für Puppen interessiert oder warum die Tochter sich trotz guter Noten gegen das Mathestudium entscheidet. Da muss dann wohl die Biologie Schuld sein, denn wir? Sind’s ja nicht.  #keinePointe. Rosa-Hellblau-Mathe3    
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Nachtrag vom 8.2.2015: Ein Artikel aus der Zeit, ein Jahr alt, über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse das Gespräch sucht. Ich hoffe, es gibt ganz viele solcher Lehrerinnen und Lehrer, denn sie können die o.g. Klischees in Schulbüchern gut auffangen. Und die Kommentare unterm Artikel zeigen, wie nötig die Diskussion ist.

Ein Junge, der mit Puppen spielt, wird er später einmal…?

… ein toller, fürsorgender Vater?

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie einen kleinen Jungen sehen, der innig vertieft eine Puppe in seinen Armen wiegt? … Fragen Sie sich, ob er wohl gemobbt wird und ausgegrenzt von anderen Kindern? Oder doch eher, ob mit dem Jungen alles in Ordnung ist?

Chris Hallbeck, maximumble.com

Chris Hallbeck, maximumble.com

In der Erwachsenenwelt werden teure Kampagnen und Projekte gestartet, auf dass sich mehr Männer in der Kinderbetreuung und frühkindlichen pädagogischen Arbeit engagieren, ob als Väter, als Erzieher oder Grundschullehrer. Es scheint also ein gesellschaftliches Ziel zu sein, am heutigen Status Quo etwas zu verändern. Immerhin hat sich in Großbritannien eine Politikerin über den Zusammenhang zwischen kindlichen Spielwelten und dem Gender Care Gap geäußert. (Zur Erinnerung: 80% der Fürsorgearbeiten rund um Kinder, Kranke, Alte, Familie werden von Frauen geleistet). Und trotzdem wird kleinen Jungen das Leben sehr schwer gemacht, wenn sie sich diesen Bereichen spielerisch annähern möchten. Das geht nicht ohne Kommentare ab, manchmal von anderen Kindern, aber mehr noch von Erwachsenen. Und natürlich spüren Kinder eine solche Ablehung:

„Ich habe ja noch ein total schönes Puppenhaus von früher, aber was soll ich damit, ich habe ja zwei Jungs!“ (Mutter beim Flohmarktbummel)

„Was würdet ihr machen  … wie kann man sich helfen lassen …??? Wenn ein 7 j. Junge schon längere Zeit mit Puppen spielt?“

„Seit einiger Zeit sagt er mir immer wieder, dass er so gerne die Puppe hätte, und nun steuert er beim Einkaufen immer in die Puppenabteilung, sagt, dass er sich die so gerne vom Weihnachtsmann wünscht und er jetzt auch immer ganz lieb ist. Was würdet ihr machen? Erklären, dass das doch eigentlich nur was für Mädchen ist?“ (Foreneintrag einer Mutter)

“Mein Mann ist total dagegen. Was denkt ihr? Soll er seine Puppe bekommen auch wenn der Haussegen schief hängt. Mein Mann will ihn auf eine >Actionfigur< lenken.”

Die Verunsicherung ist so groß, dass ein Kaufhaus sich entschieden hat, auf seinen Onlineseiten die Kundschaft zu beruhigen:

Es ist „auch vollkommen in Ordnung, wenn der Sohn plötzlich mit Puppen spielen will – dies ist kein Ausdruck geschlechtlicher Prägung.“

In Kitas, in Filmen und Büchern, in den Spielwarenabteilungen, in der Werbung: auf den Verpackungen sind fast ausschließlich Mädchen abgebildet, und die Texte erklären, dass es hier um die „Puppenmutti“, „Freundin“, „Prinzessin“ geht und natürlich um „Mädchenträume“. Die gesamte Care-Welt schimmert rosa, und das rosa Label bedeutet: Nichts für Jungs! Auch da, wo auf das Etikett „Nur für Mädchen“ verzichtet wurde.puppenshops

Wir diskutieren über den Care-Gap, während Mädchen zu Hause ganz selbstverständlich mehr im Haushalt mithelfen (müssen) als ihre Brüder. Wir streiten über den Pay Gap in der ungerechten Berufswelt, während Jungen im Durchschnitt mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Wir führen eine erbitterte #aufschrei-Debatte, während auf den (Grund-)Schulhöfen ‚Mädchen‘, ’schwul‘ und ‚Bitch‘ ganz selbstverständlich als Schimpfwörter durchgehen. Wir kämpfen für mehr Gleichberechtigung und lassen zu, dass unsere Kinder zunehmend und immer stärker in zwei Schubladen gepresst werden, die außen schön rosa und hellblau sind und innen mit den Rollenklischees längst vergangener Zeiten ausgepolstert, damit das erwachsen Werden nicht so weh tut.

Zeit, die Kinderwelt mit in den Blick zu nehmen bei der nächsten Sitzung, Tagung, bei der Zukunftsplanung. Denn wir werden die Gleichberechtigungsprobleme der Erwachsenenwelt nicht nachhaltig lösen können, wenn wir nicht endlich erkennen, dass die Unterschiede, dass die Ungleichwertigkeit der Geschlechter, dass die Hierarchie ihren Anfang nimmt in der Kita … und noch viel früher.

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Nachtrag vom 19.1.2015:

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch*
Foto by @Luii_Luise auf Twitter

 *Auch das von @thomas_mohr getwitterte Bild gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Es kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Ich fürchte aber, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen haben und findet auch gar nichts Negatives daran. So blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen.

 

Und da ich eben die Mathehausaufgaben meiner Tochter in die Finger bekommen habe, und auch hier die Geschlechter-Klischeeschleuder weitergedreht wird, fange ich mal eben einen neuen Post an zum Thema Schulbücher und lade dort die Matheaufgabe hoch.

 

Boys will be Boys…

Mich beschäftigt eine Diskussion in der Facebook-Gruppe „Boys R …“ um einen Artikel, in dem der Autor sich beklagt, Jungen würden verweichlicht, verweiblicht und nicht mehr geliebt, wenn sie raufen und brüllen.

boyswillbeboysLeena May Peters hat darin ein Zitat von Jackson Katz gepostet, das ich hier nochmal festhalten möchte:

„The argument that >boys will be boys< actually carries the profoundly anti-male implication that we should expect bad behavior from boys and men. The assumption is that they are somehow not capable of acting approprately, or treating girls and women with respect“

Es irritiert mich nach wie vor, wenn Menschen Verhaltenweisen einem Geschlecht zuordnen und nicht der Person selbst. Wer das bei sich selbst tut, entschuldigt damit meist sein eigenes Verhalten, schiebt die Verantwortung von sich, wer es bei anderen tut, ja … dieselbe Motivation wahrscheinlich. Verständlich, nachvollziehbar und je nach Siuation vielleicht sogar wirklich gut gemeint, aber das Schubladendenken, das dahintersteckt und mit jedem neuen Kommentar dieser Art auch weitergegeben wird, stört mich sehr.

Zitat aus der "Rosa-Hellblau-Falle"

Zitat aus der „Rosa-Hellblau-Falle“

Die folgenden Zeilen von Antje Schrupp hier mal als Ergänzung zur Diskussion um die „Boys will be Boys“-Haltung:

„Wir müssen darüber diskutieren, ob wir das, was Frauen oder Männer tun, gut oder schlecht finden. Und zu wissen, ob dieses Verhalten nun angeboren, anerzogen oder (eine Möglichkeit, die oft vergessen wird) selbst ausgedacht ist, hilft […] nicht bei der Entscheidung darüber, wie man es bewertet, ob man zu dem Schluss kommt, es zu fördern oder möglichst zu unterbinden.“

Gerne werden Bemerkung im Stil von „So sind sie eben“ in Situationen geäußert, in denen Erwachsene andere (oder das eigene Kind) bei etwas beobachten, bei dem sie ein ungutes Gefühl haben, nicht wirklich einverstanden sind, sich aber hilflos fühlen:
– Der Sohn kippt wiederholt einem anderen Kind eine Schaufel Sand in den Kragen.
– Die Vierzehnjährige kommt zu spät, weil sie zu viel Zeit im Badezimmer verbracht hat.
– Der Beamer funktioniert nicht, die Vortragende findet die Ursache nicht, der Kollege weiß die Lösung.
– In gemütlicher Runde unter Freunden macht jemand eine sexistische Bemerkung und will auch noch Lacher dafür.

Zwischen den Zeilen ist der Kommentar „So sind sie eben“ doch der Hinweis auf etwas, das sich angeblich nicht ändern lässt. Es ist der Versuch einer Entschuldigung, denn er/sie kann ja angeblich nicht anders. Und nicht selten verlieren sich dann Diskussionen im Irrgarten der Argumente rund um Testosteron, Steinzeit und Laienwissen über Studien aus Neurologie, Archäologie, Genetik … „So sind sie eben“ ist eine Haltung, die zur Passivität einlädt: sich zurücklehnen, zuschauen, Schultern zucken, Pech gehabt, Schicksal, finde dich damit ab …
Wie viel hilfreicher wäre es, anstatt nach Ursachen für das vielleicht Ärgerliche, aber leider Unabänderliche zu forschen, stattdessen nach vorn zu schauen und zu überlegen: wohin wollen wir eigentlich, welche Veränderung wünschen wir uns, in welcher Welt wollen wir leben? Denn dann könnte sich ganz unerwartet doch noch eine Lösung ergeben. Mit dieser Haltung, die Verändung als Möglichkeit sieht, erscheint es plötzlich doch sinnvoll, dazwischen zu gehen, wenn ein Junge einen anderen angreift und mit „Du Mädchen“ beleidigen möchte, sich zu wehren gegen „Pfff …Frauen und Technik“-Sprüche.

Im Gespräch mit dem Schauspieler Waldemar Kobus (für eine Radiosendung, die im Dezember 14 ausgestrahlt wird) haben wir uns über das Bedürfnis unterhalten, die Welt einzuteilen in schwarz und weiß, links und rechts. Die Kategorisierungen, die wir dabei vornehmen, sollten wir dringend auf ihrem Nutzen hin hinterfragen:

„Diese ganze Unterscheidung zwischen […] männlich / weiblich, das ist so ein Quatsch! Wenn man ’s wirklich darauf reduziert: Wer arbeit produktiv mit und wer zerstört mehr, als dass er positiv bewirkt? Wer verbreitet mehr Angst und Schrecken, als dass er an einer Gesellschaftsstuktur positiv mitarbeitet? Wer wirtschaftet in die eigene Tasche, statt mit der Allgemeinheit zu arbeiten?  Da müsste die Unterscheidung liegen!“ – Waldemar Kobus