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rosa-hellblauer Alltag, Links und Termine

Da wir grade mehr Radio machen und Workshops geben, bleibt das Bloggen etwas auf der Strecke. Wer uns hier begleitet und neue Einträge vermisst, mag vielleicht in der Zwischenzeit diesen Links folgen und uns an anderer Stelle lesen bzw. hören:

www.equalcareday.de

www.equalcareday.de

Rund um den Equal Care Day (equalcareday.de) haben wir viele Interviews geführt, am 29.2. waren wir unter anderem beim WDR und danach im Hörfunkstudio für ein Gespräch mit dem Saarländischen Rundfunk. Es ging um die Frage, warum wir mehrheitlich immer noch davon ausgehen, Fürsorge und Empathie sei Frauen in die Wiege gelegt. Und selbst wenn viele anderer Meinung sind, so reichen wir dieses Klischee trotzdem an die nächste Generation weiter. –> podcast-link der SR-Sendung vom 29.2.2016

radiofrei

Am 4. April lief im Deutschlandradio Kultur ein Beitrag von Maike Strietholt „Kita-Werkbank für Mädchen? – Störenfriede gegen Rollenklischees“ in der Reihe ‚Zeitfragen‘, für den sie uns interviewt und unsere Antworten in einen 6-Minuten-Beitrag zusammengefasst hat. Uns gefällt er gut, denn damit ist wirklich in aller Kürze erklärt, was uns an der rosa-hellblauen Zweiteilung der Kinderwelt so stört und welche Folgen sie hat:

 

Rosa-Bann und Hellblau-Falle

Der rbb sendet am 5.April um 19 Uhr unser Feature über einen Jungen, der Nagellack und Prinzessinnenkostüme mag und noch so manches, das seine Umwelt „Mädchenzeug“ nennt. Seine

Eltern wehren sich gegen die geschlechtliche Zuschreibung von Interessen und wollen ihm Wahlfreiheit lassen, was im Alltag richtig schwierig ist.

Übrigens: Der Untertitel des rbb „Ein Junge hat Mädchenträume“ ist das Gegenteil dessen, was die Sendung, was wir mit all unserem Schreiben und Vortragen vermitteln wollen. Ein Junge KANN keine Mädchenträume haben (was auch immer das sein soll), sie sind, ganz einfach weil ER sie träumt per se Jungenträume. Es stattdessen am Inhalt festzumachen, ist genau die Art Zuschreibung, die ihm den Alltag so schwer und Kindern individuelles Entscheiden schier unmöglich macht.

 

Krimis

Nach einer langen Krimipause ohne Wallanders, Brunettis und wie sie alle heißen, habe ich auf Twitter eine Anfrage gepostet, mir doch Lesetipps zu schicken, allerdings mit einem konkreten Wunsch:

Die vielen Tipps, die ich dazu bekomme habe, sind bestimmt auch für andere interessant, voilà und klick: Bildschirmfoto 2016-04-04 um 19.07.32

Forbildungen

  • Und ich habe zugesagt, beim Herbsttreffen der Medienfrauen im November einen Workshop anzubieten. Die Einladung freut mich sehr, da ich die Veranstaltung auch aus Teilnehmerinnensicht spannend finde. Schade nur, dass ich am Samstag nicht gleichzeitig an einem der vielen anderen Angebote dort teilnehmen kann.

Presse

  • Vor kurzem hat mich Sarah Wiedenhöft von eltern.de interviewt, ich bin schon gespannt, was sie aus meinen vielen, langen Antworten zusammengebaut hat.
  • Und im nächsten Mum Magazin, das Mitte Mai erscheinen wird, gibt’s eine Pro-Contra Kolumne mit mir und Andrea Seifert (von meworkingmom.com) zur Frage „Alles Rosa oder Hellblau – Soll man Kinder geschlechtsspezifisch kleiden?“. Ihr könnt Euch denken, welche Seite ich dabei vertrete :-)

 

Alltag und so…

Wenn wir „Die Schnauze voll von Rosa“ haben, befassen wir uns mit anderen Themen: HipHop und Rap oder recherchieren für ein Radiofeature über falsche Erinnerungen >> zu unsrem Radio- und HipHop-Blog, und genauso wichtig: Präsentationtrainings oder Workshops zum Thema Stimme, Aussprache, Vorlesen >> TRAININGS

Natürlich begleitet uns die Rosa-Hellblau-Falle trotzdem. Unsere Älteste legte mir heute Mittag ihre Französischarbeit zum Unterschreiben hin und Zack:


Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

 

Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

verbiegen – umerziehen – gendern

„Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen!“ – mein Mantra bei der Lektüre von Artikeln über Gleichstellung und Familienarbeit oder Gendermarketing und Prinzessinnen wirkt nicht so recht, ich verliere mich immer wieder in den wilden Auseinandersetzungen um WIR gegen EUCH im Kommentarbereich. Vielleicht sollte ich es nicht so ernst nehmen? Bin ich humorlos, wenn ich „Geschlechterkrieg“ nicht „witzig“ finde, sondern dieses pauschale Gegeneinander allein aufrund des Geschlechtes ganz grundsätzlich infrage stelle?

Am meisten frustriert mich, wenn SchreiberInnen den Begriff  „Gender“ synonym verwenden mit „Gleichmacherei“, „Geschlechter abschaffen“, „umprogrammieren“, Kinder „verbiegen“. Die „Genderideologen“ wollten Kindern vorschreiben, womit sie zu spielen hätten, wo sich Jungs nun mal mehr für Technisches interessierten, Rollenspiel und Puppen sei eben nicht ihrs, das läge nicht in ihrer Natur. Es folgen die üblichen Argumente, für die gerne auf die Begriffe Steinzeit, Testosteron und Gene zurückgegriffen wird (Antworten darauf haben wir hier schon einmal versammelt).

Nun habe ich gestern via Twitter eine Art Brief des Wetterauer Boten gelesen, der mit seinen beiden letzten Sätzen zeigt, wie sehr Kinder bevormundet und eingeengt werden, wenn die Erwachsenen um sie herum in der Rosa-Hellblau-Falle feststecken und ihre engen Rollenbilder weitergeben. Und warum die kritische Auseinandersetzung damit = geschlechtergerechte Pädagogik (oder „Gender“) mit Individualität und Wahlfreiheit zu haben:

bote

Das Kleid passt und „er findet sich wunderschön darin“. Damit wäre doch eigentlich alles gut, oder? Aber nicht für Boto. Ein Sechsjähriger, der sich als Fee verkleiden möchte, passt offenbar nicht in das Weltbild des Autors (Ich unterstelle mal, dass ein Mann diesen Brief geschrieben hat. Es sind überwiegend Väter, die ein Problem damit haben, wenn der Sohn mit Puppen spielt und ein rosa T-Shirt tragen möchte, und Mütter jene, die das Verbot dann durchsetzen müssen). Dass vermeintlich Weibliches für Jungs tabu ist, gilt schließlich das ganze Jahr über: Rosa ist verdächtig, Puppenspiel ist verdächtig, Ballett geht auch nicht. Warum nicht? Er könnte schwul sein, Alarmstufe Pink! (Welch schräger Gedankengang, dass sich das durch ein Tanz- oder Feenkostüm-Verbot rückgängig machen ließe, von der diskriminierenden Haltung dahinter ganz zu schweigen…)

Nun war zwar Karneval der Anlass für das oben erwähnte Feenkostüm, aber selbst während der „jecken“ (= albern! närrisch!) Jahreszeit haben sich Kinder an die Grenzvorgaben der Erwachsenen zu halten. Folgerichtig wendet sich für den Autor die Geschichte erst dann zum Guten, als die Mutter dieser absurden Idee ein Ende setzt und den Jungen überredet (?) sich als Ritter zu verkleiden. So viel zur Theorie, Kinder selbst entscheiden zu lassen. „Zum Guten gewendet“. Für wen? Die Erwachsenen offensichtlich. Mal wieder.

Geschlechtergerechte Pädagogik für ErzieherInnen

„Geschlechterrollenklischees?

Nee, das gibts bei uns nicht!“

Es ist einfach, sich über die rosa-hellblauen Regalmeter im Spielwarengeschäft zu ärgern. Es ist naheliegend, sich irgendwann beim Einkaufen doch einmal über die ewiggleiche, penetrante Zuordnung „blau für Jungs“, „rosa für Mädchen“ zu wundern. Und die Schuldigen sind schnell gefunden, wenn sich der eigene Sohn enttäuscht abwendet, weil er auf einer Verpackung „nur für Mädchen“ liest.

Doch auch ohne Einfluss des Gendermarketing hört die Zuordnung aufgrund des Geschlechts nicht auf.

Wir selbst sind der Stau, über den wir uns ärgern

Und das ist der Aspekt des Themas Rosa-Hellblau-Falle, bei dem die meisten gerne weiterklicken, umblättern, weghören. Denn wenn es um unser eigenes Verhalten geht, wir uns selbst an der Nase fassen sollen, dann wird es plötzlich irgendwie ungemütlich, was ein langer Blogpost, den lese ich später weiter… Fakt ist: Nicht nur beim Einkaufen oder in der Werbung, sondern zuhause, in der Kita, in der Schule werden Kinder alltäglich nach Geschlecht sortiert, auch dann, wenn es für die Situation völlig unbedeutend ist.

„Alle ziehen sich jetzt die Schuhe an, erst die Mädchen, dann die Jungs!“

oder:

„Komm, wir setzen uns drüben zu den Mädchen an den Basteltisch“

oder:

Geschlechtliche Zuordnung von Eigenschaften und Interessen

Dann wieder werden bestimmte Eigenschaften und Interessen dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet, auch wenn die Behauptung „So sind sie eben“ oder „das ist angeboren / biologisch / hormonell…“ durch Studien längst widerlegt wurde. Doch Mythen halten sich leider hartnäckig.

 

Bildschirmfoto 2015-12-03 um 09.18.38

Geschlechtergerechte Pädagogik

In einem Video >Teachings for the whole life spectra<, in dem die Arbeit und das gendersensible Konzept eines schwedischen Kindergartens vorgestellt wird, erklärt eine der ErzieherInnen:

„Children often want to be what we confirm them to be, or what we expect them to be. This is why we avoid categorizing children.“

(Kinder wollen oft das sein, worin wir sie bestätigen, oder wollen so sein, wie wir es von ihnen erwarten. Deshalb vermeiden wir es, Kinder zu kategorisieren.)

Kategorisieren meint, Kinder nach bestimmten Eigenschaften einzuteilen, sie auf etwas festzulegen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens etc.:

Für Kinder (und auch sonst) gilt:

  • Klein ist nicht immer süß
  • Schwer heißt nicht automatisch langsam
  • Sprachliche Schwierigkeiten stehen nicht für weniger Intelligenz
  • Mädchen heißt nicht brav
  • Junge bedeutet nicht Bewegungsdrang

(Alles bekannt? Schnee von gestern? Für Dich / In Deiner Kita kein Thema? –> *klick*)

 

Wieviel Kompromiss ist nötig, um dazuzugehören?

Kinder, die aus dem von der Umwelt als „typisch“ bezeichneten Raster fallen, wird (z.B. durch Kommentare wie oben) täglich bewusst, dass sie „anders“ sind. Doch Kinder wollen dazugehören. Um das zu erreichen, sind sie bereit, zurückzustecken, sich anzupassen, die eigenen Wünsche zurückzuhalten. (s. auch „Kognitive Dissonanz“ / „Dissonanzreduktion“) Jetzt mag eins einwenden: „Kompromisse gehören doch dazu, wenn viele miteinander klarkommen wollen.“ Einverstanden! Aber wie weit sollen diese gehen? Wann machen wir sie zur Bedingung? Wieviel Selbstbewusstsein verlangen wir einem Kind ab, das an etwas festhält, das ihm wichtig ist? (z.B. einem Jungen, der sich gerne mit dem Puppenhaus beschäftigt?)

 


Es ist deshalb Aufgabe der Erwachsenen, sich über die präsenten Kategorisierungen bewusst zu werden, sie infrage zu stellen, sie auch mit Kindern zu thematisieren.

Und gegen diese Haltung gegenüber Kindern stellen sich also ErzieherInnen, PolitikerInnen, EntscheiderInnen, wenn sie meinen, Geschlechtergerechtigkeit vermittle sich irgendwie von selbst? Wenn Sie behaupten, gendersensible Pädagogik sei Gleichmacherei?

 

update Juni 2017:

eine kleine Studie aus Uppsala, Schweden zeigt, dass Geschlechtersensible Pädagogik die Tendenz der Kinder, nach Geschlecht zu trennen und Zuordnungen aufgrund von Geschlecht zu treffen. „Children who attended one gender-neutral preschool were more likely to play with unfamiliar children of the opposite gender, and less likely to be influenced by culturally enforced gender stereotypes, compared to children enrolled at other pre-schools.“

Und hier ein sehenswerter TedX-Talk zum Thema von Lotta Rajalin.

 

Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher

Ich wünschte, mehr Kitas, mehr Erzieherinnen wären offen, sich mit den Inhalten geschlechtergerechter Pädagogik auseinanderzusetzen. Stattdessen sorgt die mangelnde Fachkenntnis derer, die ohne zu reflektieren „Frühsexualisierung“ schreien dafür, dass vielerorts Kinder weiterhin in rosa-hellblaue Schubladen gedrängt, nach Rittern und Prinzessinnen sortiert, in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt werden, mit dem besten Wissen und Gewissen der sie betreuenden PädagogInnen. Und ihre Umwelt meint sogar, sie würde sie durch Ignorieren vorhandener Rollenklischees vor dem Einfluss der „Genderisten“ bewahren. Welche Ironie!

Wer bei den oben genannten Beispielen ein komisches Gefühl bekommen hat, wer sich für die alltäglichen Rosa-Hellblau-Fallen in der Arbeit mit Kindern interessiert, wer nach Strategien sucht, sie zu umschiffen und sich mit anderen darüber austauschen möchte:

unser Rosa-Hellblaues-Köfferchen ist gepackt

– wir freuen uns über Einladungen und/oder Empfehlungen.

koffer

Zu mädchenhaft? Twittergewitter!

Den Freund*innen des Gendermarketing, v.a. wenn sie selbst Kinder haben, sei diese Sammlung gewidmet. Eltern und ErzieherInnen, die davon überzeugt sind, Kinder „neutral“ zu behandeln, nehmen bestimmt auch die eine oder andere Anregung mit ;-)

Sie sei auch jenen gewidmet, die für eine spezielle, „artgerechte Haltung“ von Jungs plädieren (als wären sie Hühner. Anm d. Verf.) und Glaubenssätze nach dem Motto „Boys will be boys“ vertreten, anstatt unser verallgemeinerndes, einengendes Bild vom „echten Mann“ infrage zu stellen.

Die Häufung dürfte deutlich machen, wie oft Kinder als „falsch“ abstempelt werden, wenn sie sich anders entscheiden, als es die Rosa-Hellblau-Falle der Erwachsenenwelt für sie vorgesehen hat.

Als Ergänzung: vor kurzem gab’s *hier* die Sammlung rund um das rosa Ü-Ei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  ———————  

In diesem Sinne,

 

mit herzlichen Grüßen aus der #RosaHellblauFalle :-)

 

Twittergewitter in rosa-hellblau

      Dieser charmante Kinderspruch mal als Motto vorneweg :-) Und nun folgt hier eine Sammlung von Tweets, die das Thema der Rosa-Hellblau-Falle fett ins Lila treffen. Manche davon und viele mehr findet Ihr auch auf unserem Tumblr-Blog, auf dem wir derlei Kommentare forlaufend sammeln. Hier nun also die Krönung aus der Prinzessinnen und Ritterwelt, mal aus den Tiefen der Falle, und dann wieder ganz klar umschifft:

 (aufgefüllt und erweitert am 8.11.15)

 

 

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Wir sammeln weiter und freuen uns über Eure Tipps und Einreichungen! In Momenten des Nicht-wahr-haben-Wollens in unseren Vorträgen hat schon so mancher Tweet als schlagkräftiges Argument herhalten können. Vielen Dank dafür an die Kinder und ihre Herausgeber*innen ;-) !

 

  So long, in diesem Sinne.

 

Offener Brief an die Leo-Redaktion: Sind Klischees Jungssache oder Mädchensache?

Liebe (Zeit-)Leo-Redaktion,

ich wünschte, Sie würden sich einmal damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn Kinder mit Klischees konfrontiert werden. Ich wünschte, Sie würden sich einmal Gedanken machen über die Wirkungsweise des Stereotype Threat, um dann Ihre ZeitLeo-vollerKlischeesRubrik “… Jungssache oder Mädchensache?” neu zu überdenken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es doch darum, die gewohnten Rollenklischees zu hinterfragen, vielleicht sogar aufzulösen: „Stimmt das überhaupt?“ Die letzten Male gab es immerhin unter den Kindern einzelne Stimmen, die klar machten: diese Zuordnungen sind Quatsch, denn Interessen sind nicht geschlechtsabhängig, sie unterscheiden sich individuell. Doch die aktuelle Ausgabe steckt einmal mehr voller Geschlechterklischees und führt vor: werden Menschen auf Kategorien hingewiesen und in Gruppen eingeteilt, entsteht automatisch ein Wir-Gefühl („Wir Jungs sind eben…“) sowie das starke Bedürfnis, sich von der jeweiligen Fremdgruppe („Die Mädchen sind aber …“) abzugrenzen. Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Gruppen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.

Den Kindern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie übernehmen, was die Erwachsenen ihnen durch Gendermarketing, Werbung, Sprüche, Bilder… täglich vermitteln, sie wachsen hinein in unsere Regelwelt und übernehmen unsere Zuordnungen. Grade deshalb finde ich es für die Redaktion einer Kinder-Zeitschrift inakzeptabel, Sätze wie die folgenden unkommentiert stehen zu lassen: “Die Jungs bei uns können schon ganz gut malen – zumindest für Jungs.”, “Comics sind eine Jungssache, weil sie oft brutal sind.”, “Mädchen schreien immer sofort, wenn es mal zur Sache geht.” Wo bleibt die Einordnung? Wo das Gegenbeispiel?

In der Kinder- und Jugendarbeit sind Pädagog*innen täglich damit konfrontiert, dass sich viele Jungen zu wenig fürs Lesen interessieren, dass es cool ist, Schule blöd zu finden, dass zu viele von ihnen Auseinandersetzungungen nicht verbal sondern körperlich lösen wollen und ihre Probleme externalisieren. Mit ein Grund dafür ist, dass wir ihnen täglich vermitteln: “So sind sie eben, die Jungs und so ganz anders die Mädchen.” Sich diesen Vorstellungen zu widersetzen, sich anders zu verhalten, als es die Umwelt erwartet, wird Kindern immer schwerer gemacht, da folgen sofort komische Blicke und Bemerkungen. Und egal ob Kommentare vordergründig positiv (”toll! … für einen Jungen.”) oder explizit negativ gemeint sind, sie machen Kindern deutlich: das erwartet diese Gesellschaft von Mädchen und von Jungen: Jungs, die brutale Comics gut vertragen, sonst eher wenig lesen, wilde Geschichten brauchen etc. Und Mädchen, die gleich loskreischen, feinmotorisch im Vorteil sind und Pferdegeschichten bevorzugen… – typisch! Der Alltag von Kindern ist doch schon genug nach Geschlecht getrennt, er ist voll von Botschaften zum „normalen“ Verhalten von Mädchen bzw. Jungen. Da erhoffe ich mir, dass wenigstens in einer Zeitschrift, die von Kindern gelesen wird, Widerspruch laut wird.

Denn wenn sich an diesem Jungen- und Mädchenbild etwas ändern soll, dann, indem wir Kindern helfen, Klischees und Verallgemeinerungen wahrzunehmen, indem wir ihre und unsere Zuordnungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen etc. infrage stellen. Und indem wir ihnen helfen, frei zu entscheiden, unabhängig von unseren eigenen, traditionellen Vorstellungen vom “richtigen Kerl” und “echten Mädchen”. Doch Ihre regelmäßige Frage nach Jungssache / Mädchensache fordert Kinder immer wieder dazu auf, sich aufgrund ihres Geschlechts einzuordnen, nicht aufgrund ihrer individuellen Interessen. Sie fordern sie wieder und wieder auf, in rosa-hellblauen Schubladen zu denken, genau jenen, die uns Erwachsenen allzu geläufig sind. Das ist kontraproduktiv und verhöhnt die Arbeit derer, die sich um Gleichstellung bemühen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine Chance haben auf ihr grundgesetzlich zugesichertes Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichstellung beginnt nicht in der Debatte der Erwachsenen um Quoten und PayGap, sondern in der Kinderwelt!

Mit freundlichen Grüßen, Almut Schnerring

Schulaktion: Klischees auf Postkarten

„Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Wie eine offizielle Kampagne die Gleichstellungsbemühungen an Schulen torpediert

 

männlichesGehirnKlischeeDas jugendlich-männliche Denken kreist um Sex und Zocken, Fußball, Autos und Abhängen, im jugendlich-weiblichen Gehirn dominieren dagegen die Areale für Beauty und Styling, Sex und Selfies. Diese klischeehaft-sexistische Zweiteilung stammt nicht etwa von Mario Barth, juliensblog auf Youtube oder King Orgasmus One,  sondern sie ist auf zwei Postkarten verewigt, die aktuell an 200 Schulen in Nordrhein-Westfalen verteilt werden.

 

Das eigentliche Ziel der Kampagne ist, auf den von der Unfallkasse NRW und der Hannelore Kohl-Stiftung initiierten Wettbewerb aufmerksam zu machen, eine Aktion, die Schülerinnen und Schüler überzeugen möchte, Fahrradhelme zu tragen. Das Motto auf der Rückseite der Postkarten lautet entsprechend: „Du hast nur einen Kopf. Nutze ihn.“

Das hätte sich die „Deutsche Schulmarketing Agentur youngstar„, die mit der Postkartenaktion betraut ist, besser zu Herzen genommen, denn dort weiß man: „Mit lustigen Sprüchen heizen Sie die Kommunikation auf dem Schulhof an und machen sich spielerisch und ohne großen Aufwand zum Gesprächsthema Nummer 1.“ Was im Fall der Postkarten vom Klischee im Gehirn kaum in ihrem Interesse liegen dürfte, denn Bildungsministerin Sylvia Löhrmann hat die Schirmherrschaft übernommen und unterstützt damit den Wettbewerb. Sie steht an der Spitze eines Ministeriums, das dafür verantwortlich ist, dass Gleichstellung im Schulalltag umgesetzt wird und zum Ziel hat, „eine Chancengleichheit für Frauen und Männer im Sinne einer echten Wahlfreiheit für eine gleichwertige freie Lebensgestaltung zu realisieren und Benachteiligungen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ In der Pflicht zur Umsetzung seien alle, die in Politik und Verwaltung verantwortlich agieren. Wenig verwunderlich also, dass man dort nicht einig ist mit dem Motiv, das Klischees in Schulhöfen weiterverbreitet. Barbara Löcherbach, Pressesprecherin des Bildungsministeriums hat erst durch Nachfrage davon erfahren und hält es für „nicht gelungen“. „Nur lustig gemeint“ sei es, verteidigt Nil Yurdatap, Pressesprecherin der Unfallkasse NRW die Gehirn-Postkarten. Ein Spiel mit den Geschlechterrollen, das die Schüler und Schülerinnen sofort durchschauen. Wirklich? „Sex und Fußball“, ist da nicht doch was Wahres dran?“

weiblichesGehirnKlischeeKlischees aufzufahren, um sie dann im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern wieder mühsam aus der Welt und den Gehirnen zu schaffen, wäre allein schon ein zweifelhafter Ansatz, um in eine Unterrichtsreihe über Geschlechterrollen einzusteigen. Doch hier ist kein Gespräch geplant, in dem Vorurteile infrage gestellt werden könnten, sondern es geht um Verkehrssicherheit. Die Rollenklischees in Rosa und Hellblau bzw. Grün werden beiläufig vermittelt und deshalb unbewusst aufgenommen. Die vielfältigen Studien zur Stereotypbedrohung (‚stereotype threat‚) haben immer wieder gezeigt, dass genau diese Botschaften ihre Wirkung nicht verfehlen. Frauen, die im Vorfeld eines Mathematiktests auf ihr Frausein aufmerksam gemacht werden (und sei es nur, dass sie auf dem Testblatt ein Kreuzchen bei „weiblich“ setzen mussten), schneiden schlechter ab, als Frauen, die den Test ohne Hinweis auf ihr Geschlecht ablegen konnten. Weil schlechtere Kenntnisse in mathematisch-naturwissenschaftlichen Themengebieten nach wie vor zum weiblichen Rollenklischee gehören (Nicht zufällig hat eine aktuelle OECD-Studie ergeben, dass Mädchen sich trotz gleicher Fähigkeiten in Mathematik schlechter einschätzen und mehr Angst vor diesem Schulfach haben als Jungen.), sorgt schon allein der allgemeine Hinweis dafür, dass Frauen und Mädchen schlechter abschneiden. Das negative Vorurteil beeinflusst sie in ihren Leistungen, denn ein Teil ihrer Denkens ist permanent damit beschäftigt, die negativen und störenden Gedanken zu unterdrücken. „Nur lustig gemeint“ sei es, in Schulhöfen eine Postkarte vom weiblichen Gehirn und seinem Beauty-Zentrum an Schülerinnen, zu verteilen, die vielleicht im Anschluss eine Mathearbeit schreiben. Tatsächlich ist es eine sinnlose Ungleichbehandlung, die den sonstigen Bestrebungen von Schule zuwider läuft, die all die MINT-Kampagnen und die Ziele des Girls‘ Day verhöhnt, einfach so, beiläufig, ohne dem guten Zweck der eigentlichen Kampagne in irgendeiner Weise zu nützen.

2 Rätsel und 2 Puzzelteile

Ein Rätsel vorweg:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

(Quelle: Uni Göttingen)

 

Nach einem Tag, den ich mit der Lektüre vieler Studien und Artikel verbracht habe, kommt eben meine Tochter mit ihren Mathehausaufgaben und einer Frage an meinen Schreibtisch. Prozentrechnen, 7.Klasse.  (Über Arbeitsblätter und Schulbücher, in denen Schulkindern so nebenbei Geschlechterklischees vermittelt werden, ohne dass darüber weiter diskutiert würde, habe ich vor kurzem hier geschrieben, die Sammlung ließe sich ständig erweitern.) In der Matheaufgabe ist mehr verpackt als das Rätel um Prozentsatz und Prozentwert. An welcher Stelle im vorliegenden Text verbirgt sich eine Rosa-Hellblau-Falle?

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Der Text kommt auf den ersten Blick geschlechtergerecht daher: „Schülerinnen und Schüler“ kommen zu spät, 420 „Lernende“ gehen in die Schule… Allerdings ist der Chef aller – natürlich –  ein Mann, der strenge Direktor, der aufschreibt, wer zu spät kommt. Und ich werde nicht die einzige sein, die beim ersten Lesen einen Mann vor sich sah, wie er mit Notizblock vor dem Schultor steht. „Ist ja nur ein Beispiel“, könnte hier eingeworfen werden. Ja, geschenkt, hier geht’s natürlich um einen einzelnen Direktor, nicht um eine Gruppe, in der Frauen nicht genannt werden. Und ja, in der nächsten Aufgabe könnte ja dann, auch als Beispiel, eine Direktorin vorkommen. Tut sie aber nicht. Chefs in Schulbüchern sind überwiegend Männer, und die paar Chefinnen auf der Welt, dürfen sich gern mitgemeint fühlen.

„Mitgemeint“ ist sowieso beliebtes Argument, wenn bessere-Lesbarkeit und War-schon-immer-so nicht mehr ziehen. Doch auch das ist nicht mehr haltbar. Wie das Eingangsrätsel zeigt und wie jetzt auch eine Studie widerlegt hat – Hier zeigten selbst Frauen, die versicherten, sich mitgemeint zu fühlen, im MRT Gehirnaktivierungen, die das Gegenteil bewiesen. Beim generischen Maskulinum sehen wir einen Mann oder eine männliche Gruppe vor dem inneren Auge. Nach Sportlern oder Politikern befragt, fallen Menschen mehr Männer ein, als wenn sie nach Sportlerinnen und Sportlern, nach Politikerinnen und Politikern gefragt werden. Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch. Und doch nutzen wir eine Sprache, in der Frauen nur dann vorkommen, wenn sie explizit genannt werden.

Und heute ist mir ein weiteres Puzzleteil zum Thema geschlechtersensible Sprache begegnet, eine Studie, die zeigt, wie sich unser Blick auf die Welt verändert, wenn wir eine andere Sprache verwenden. Das Team um Panos Athanasopoulos von der Lancaster University bat in Deutschland lebende deutsche MuttersprachlerInnen, in Großbritannien lebende englische Muttersprachlerinnen sowie zweisprachige Teilnehmer*innen in beiden Ländern Szenen in Videoclips zu beschreiben. Am Ende zeigte sich: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ordneten die gesehenen Ereignisse anders ein, abhängig von den grammatikalischen Rahmenbedingungen der jeweils gesprochenen Sprache (Link zur Studie). Wenn wir in einer anderen Sprache sprechen, verändert das also nicht nur unsere moralischen Entscheidungen, sondern auch die Kategorien, in denen wir denken.

Der Sprung zur Kategorie männlich-weiblich, zu den Eigenschaften, die wir mit unserem Männer- bzw. unserem Frauenbild verbinden, ist damit nur noch ein kleiner. Geschlechtersensible Sprache verhindert, dass wir alle Menschen zunächst in die hellblaue Schublade stecken und nur in besonderen Fällen einzelne herausgreifen, bloß um sie dann in die rosafarbene umzusortieren. Ein flexibleres Sprechen zu und über einen Menschen, ermöglicht also auch einen flexibleren Blick, mit dessen Hilfe wir Individualität automatisch mehr Raum und Gewicht geben, als der Kategorie Geschlecht.

 

 

 

 

Rosa-Hellblau-Falle in Schulbüchern

Weil sich in Österreich der Bundesverband der Elternvereine gegen eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern ausgesprochen hat, sind „gegenderte Schulbücher“ Anlass, um mal wieder über die Ideologie des „Genderismus“ im Allgemeinen und das generische Maskulinum im Speziellen zu diskutieren. Vorschläge, beide Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, werden weggewischt, weil umständlich und schwer lesbar oder überhaupt weil man sich von der Sprachpolizei nichts sagen lassen möchte.
Wie wäre es, Binnen-I, Sternchen und Professx einfach mal kurz stehen zu lassen, und dafür all die anderen rosa-hellblauen Klischees wahrzunehmen, die in Schulbüchern stecken, die hier und heute verwendet werden?

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Ein von @thomas_mohr getwittertes Bild, die Seite aus einem Englischbuch von 2013 gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Die Aufgabe: „Was ist typisch für ein Mädchen? Was ist typisch für einen Bub?“ Vorschläge, die die Kinder mit M für Mädchen oder B für Bub kennzeichen sollten: Sie sind leise im Unterricht / Sie reiten gern / Sie spielen mit Puppen / Sie haben kurze Haare … „Beide“ anzugeben ist nicht vorgesehen. Nun kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Auf Seite 113 steht dort allerdings nur:

Ideen zur Unterrichtsarbeit: SB S. 33, Aufgabe 1 – Ausgehend von Unterschieden im Verhalten, im Aussehen, in Vorlieben bzw. Abneigungen von Mädchen und Buben werden anschließend die Gemeinsamkeiten definiert (AH, S. 20). Es wird dabei deutlich, dass es zwar Eigenheiten der Geschlechter gibt (typisch Mädchen bzw. typisch Bub), jedoch die einzigen „echten“ Unterschiede die Geschlechtsteile sind. (Aus: Das Lasso Sachbuch-Englisch 1/2, LehrerInnenband, 978-3-209-07423-2, Stgt 2009, Wien 2013)

Ich fürchte, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen hätten und findet auch gar nichts Negatives daran. In KiTas wurden dazu Studien und Projekte durchgeführt, die Mehrheit der PädagigInnen und Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen, und ist sich in keiner Weise bewusst, wie sehr die Vorstellungen von „richtigen“ Jungen und von „echten“ Mädchen das eigene Verhalten beeinflusst. Ich nehme an, für den Grundschulbereich lässt sich Ähnliches feststellen.

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch* Foto by @Luii_Luise auf Twitter

Und so blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste nähende Vater und der Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen. Aus einem Schulbuch, das @Luii_Luise auf Twitter gepostet hat. Gehen wir trotzdem einmal davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer im Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit so gut aus- und fortgebildet sind, dass Buchseiten dieser Art im Deutsch und Englisch-Unterricht von ihnen in Gesprächen mit Kindern gut aufgefangen werden können. Dann frage ich mich, warum es im Mathebuch weitergeht mit den alten Klischees: Denn während ich im Internet die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern verfolge, sitzt meine neunjährige Tochter über ihren Mathehausaufgaben und soll ein Balkendiagramm zeichnen, in Rosa und Hellblau. Daneben die Zahlen dazu, Grundlage sind fiktive Daten zu Hobbys von Mädchen und Jungen. Das von meiner Tochter gezeichnete Diagramm führt ihr und uns anschaulich vor Augen: Reiten ist was für Mädchen, Computer ist was für Jungs. Hallo ?? Es muss doch möglich sein, ein Mathebuch zu schreiben, das ohne derartiges Schubladendenken auskommt. Und Statistik ist keine Ausrede, Kinder überholtes Schubladendenken in Rosa und Hellblau malen zu lassen. Mädchen und Jungen wollen dazugehören, sie wollen keine Außenseiter sein. Doch wir zeigen ihnen täglich in jedem nur denkbaren Bereich, was sie dafür tun müssen, was „typisch“ und damit „normal“ ist für die jeweilige Schublade. Und dann wundern wir uns, warum der Sohn sich so wenig für Puppen interessiert oder warum die Tochter sich trotz guter Noten gegen das Mathestudium entscheidet. Da muss dann wohl die Biologie Schuld sein, denn wir? Sind’s ja nicht.  #keinePointe. Rosa-Hellblau-Mathe3    
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Nachtrag vom 8.2.2015: Ein Artikel aus der Zeit, ein Jahr alt, über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse das Gespräch sucht. Ich hoffe, es gibt ganz viele solcher Lehrerinnen und Lehrer, denn sie können die o.g. Klischees in Schulbüchern gut auffangen. Und die Kommentare unterm Artikel zeigen, wie nötig die Diskussion ist.