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Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?

Flaubert, das Spiegelei und die Familienpolitik

Als Schreiberling müsse er kein Spiegelei in der Pfanne sein, um über ein Spiegelei in der Pfanne zu schreiben,

sagte sinngemäß Flaubert.

Und auf meinem Weg in den Journalismus habe ich ihm das geglaubt. Klar kann man über alles gut und anschaulich schreiben, bin ja schließlich empathisch, kann mich einfühlen in andere Lebenslagen und so, durch Recherche die Situation erfassen, von innen heraus, ja ja…

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photo credit: Fried Egg via photopin (license)

Und dann wurde ich Mutter. Und hatte fortan Job und Privat in Einklang zu bringen. Unauffällig bitte, ohne viel drüber zu sprechen, nicht so verkrampft, streng dich ein bisschen an, dann klappt das, wer will, kann auch. Und so kamen Themen wie Mutterrolle, Carearbeit, Familienarbeit, Kinderrechte, Frauenrechte, Gleichstellung … in mein Leben und in mein Schreiben. Und Flaubert? Hat so was von keine Ahnung!

Heute glaube ich ihm kein Wort mehr. Wenn es um unterhaltsame Literatur geht … – geschenkt. Aber Gleichstellungsthemen und die Situation von Frauen zum Beispiel? Man muss kein Spiegelei in der Pfanne sein, um …? Echt jetzt? Von Flaubert ist zum Beispiel auch der folgende Absatz:

Die Frauen haben keine Vorstellung vom Recht. Die Besten haben keine Skrupel, an Türen zu lauschen, Briefe zu öffnen, zu tausend kleinen Betrügereien zu raten und sie zu verüben, etc. All das kommt von ihrem Organ. Wo der Mann etwas Erhabenes hat, haben sie ein Loch! Dieses Erhabene ist die Vernunft, die Ordnung, die Wissenschaft, der Phallus Sonnenplanet, und das Loch, das ist die Nacht, das Feuchte, das Unklare. (Quelle)

So viel also zur Einfühlsamkeit Flauberts. Bei Spiegeleiern mag es ihm ja noch gelungen sein, aber bei Frauen und ihren Rechten? 1880 ist er gestorben. Wie also sieht es heute aus mit dem Spiegelei in der Pfanne? Genügt es, sich seine Situation vorzustellen? Lässt sich das auf die Gleichstellungsthematik übertragen? Ich denke, Sheryl Sandberg wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass man manchmal eben doch ein Spiegelei sein muss, um zu verstehen. Um wirklich beurteilen, um wert- und einschätzen zu können.

Aber was bedeutet diese Erkenntnis für politische Entscheidungen, für Fragen zur Familienpolitik? Wieviel Spiegelei in der Pfanne muss ein Politiker erlebt haben, um die richtigen Forderungen zu stellen, um sich für die für Spiegeleier relevanten Änderungen einsetzen zu können?

Ich jedenfalls kaufe zum Beispiel kein Frauenmagazin, das der Vatikan herausgibt – aus Gründen. Und ich wünschte mir, viel mehr unserer überwiegend männlichen Politikerinnen würden mal mit dem Spiegelei in die Pfanne steigen, um nachzuempfinden, wie das ist: die Auswirkungen der Gleichstellungsdebatte und der Familienpolitik ganz konkret im Alltag von Frauen, von Müttern. Und damit meine ich weder die zwei Vätermonate, noch den einen Tag pro Woche, an dem er seine Tochter von der Kita abholt. Denn um wirklich nachspüren zu können, muss die Pfanne schon ein bisschen heißer sein.

Schnauze voll von Rosa? – Suli Puschban

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Interview mit Suli Puschban

Mit dem Refrain von „Ich hab die Schnauze voll von rosa“ laufen unsere Kinder schon eine ganze Weile durch die Gegend, der Ohrwurm wird immer mal wieder aktualisiert, und es genügt, dass eins das Wort „Schnauze“ in den Mund nimmt, garantiert greift es das nächste auf und schon schreien wieder alle drei im Chor durchs Haus: „Ich mach jetzt was ich will!“. Und weil der Text so gut zu unserem Anliegen rund um Rollenklischees und zur rosa-Hellblau-Falle passt, haben wir Suli ein paar Fragen dazu gestellt.

Suli Puschban ist…

…“Wienerin in Berlin, Liedermacherin, Kinderliedermacherin und Kabarettistin, sie schreibt und performt ihre Lieder, spielt solo und mit ihrer ‚Kapelle der guten Hoffnung‘, liebt die Berge, verehrt das Meer, ist Poetin, Feministin und feinsinnig rockenende Rotzgöre.“

Gab es einen konkreten Anlass für den Songtext?

>> Angesichts des derzeitigen Rollbacks, dass die Geschlechterrollen wieder vermehrt in rosa und hellblau und allem, was sonst noch dazu gehört, zementiert werden und der Tatsache, dass Lilifee und andere Figuren von Merchandise-Imperien flankiert werden, unter denen Eltern stöhnend leiden, musste ich irgendwann einfach mal einen Anti-rosa-Songschreiben. Der erhobene Zeigefinger interessiert mich nun herzlich wenig, und es geht mir auch nicht um die Farbe, sondern die Haltung dahinter. Mädchen und Frauen müssen sich nicht den stereotypen Bildern beugen, sondern können sein und werden, was sie wollen: Astronautinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Der Song enthält also auch noch etwas Kapitalismuskritik als Subtext. Wenn man bedenkt, was Frauen teilweise an Geld ausgeben (müssen), um den vermeintlichen Anforderungen der Rolle als Frau gerecht zu werden!

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Wieso hast Du die Schnauze voll von rosa?

>> Vielleicht sollte ich vorweg sagen, dasss Mädchen und Frauen, die ROSA heißen, sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen sollen. Manche schreiben ‚rosa‘ im Song auch vorne mit Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um einen Namen handeln könnte. Aber nein, es ist die Farbe! Und dieses ‚rosa‘ steht für Einschränkung: Frauen, die auf hohen Schuhen balancieren, zugekleistert mit Make-Up, eingelullt in der heteronormativen Überzeugung, dass der sie rettende Prinz bestimmt auftauchen wird, rufen sie mit hoher Stimme: „Hilfe! Hilfe“

Hast Du ein bestimmtes Erlebnis in dem Zusammenhang , das dich genervt hat?

>> Mein ganz Leben ist ein solcher Moment: ich war ein burschikoses Mädchen, ich bin aufgewachsen mit dem Satz: „Was willst du denn, Junge?“, und mit Kommentaren und abblocken, wenn ich eine Toilette aufsuche. Ich hatte immer kurze Haare, trug Turnschuhe, Jeans und entzog mich der Norm. Das wurde stets kommentiert. Heute noch fragen mich Kinder oft: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Kurze Haare und mein non-konformes Verhalten stiften da manchmal Verwirrung. Macht nix! Ich war schon als Kind ein Lausbub!

Wo trittst Du auf, wann singst Du den Song?

>> Ich spiele den Song auf allen meinen Konzerten, die ich solo oder mit meiner Kapelle der guten Hoffnung spiele. Aber auch bei Workshops in Schulen oder Fortbildungen für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Alle lieben dieses Lied.

 

Auch vor Leuten, die sehr auf Rosa stehen? Oder laden die Dich erst gar nicht ein?

>> Ich hatte noch nie negative Reaktionen auf das Lied. Es gibt auch Mädchen, die komplett rosa tragen und singend und tanzend ausrasten zu dem Song. Einmal standen zwei Freundinnnen vor der Bühne, die waren so 10 Jahre und die eine sagte: „Ich hasse rosa!“, und die andere rief ganz stolz: „Ich nicht!“

Mir geht es darum, den Kindern zu vermitteln, dass alles geht, dass sie sein dürfen, wie sie wollen, dass in dieser Welt „Platz für uns alle“ ist, so wie es mein anderer Song ROSA PARKS BIST DU einfordert. Wenn andere kommen, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die anders sind als wir, dann sollten wir keine Zäune bauen, sondern zusammenrutschen.

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Gab’s eine konkreten Moment, von dem Du erzählen magst?

>> Also ich liebe diesen Moment, wenn der Refrain einsetzt. Die Blicke, die Überraschung ist einfach zum Schreien schön. Manchmal sitzen Jungs im Publikum und ich sage meist vor dem Song: „Neulich hab ich Lilifee getroffen …“ Dann kommt schonmal ein: „Och nee …“ Aber dann gebe ich den Rat, erst abzuwarten bis zum Liedende und dann zu urteilen. Danach ist die Begeisterung immer groß, und auch Jungs singen begeistert mit.

Manchmal klopfen mir junge Mütter auf die Schulter und sagen: „Endlich, danke!!!“ Sie sind oft genervt von der rosa Klamottenfront, die ihnen beim Einkaufen gegenübersteht. Mädchen- und Jungs- Kleidung, ist doch Quatsch eigentlich. Manche Väter kaufen eins der T-Shirts mit dem „Ich hab die Schnauze voll von rosa“-Aufdruck für sich selbst.

Neulich kam ein kleines Mädchen und wollte wissen, ob ich Lilifee wirklich getroffen hätte. „So wirklich, wie es sie gibt!“, habe ich geantwortet, und sie hat wissend gelächelt.

 

Ist ‚Ich hab die Schnauze voll von rosa‘ überhaupt ein Kinderlied?

>> Eine gute Frage. Was ist ein Kinderlied? Was macht ein Lied zum Kinderlied? Ich glaube, dass es Kindern gefällt, dass sie sich damit identifizieren können oder dass es einfach nur witzig ist und zum Mitsingen einlädt. Das schafft meine Lilifee!

 

Vielen Dank an Suli Puschban mit Grüßen aus der Rosa-Hellblau-Falle :)

 

 

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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Der unterschätzte Kleinkram

Die größte Aufmerksamkeit im Themenkreis Rosa-Hellblau-Falle bekommen Nachrichten über sexistische Produkte, deren Geht-ja-sowas-von-gar-nicht-Level für ganz viele sehr hoch liegt. Aktuelles Beispiel aus meiner Timeline ist die Stellenanzeige einer Metzgerei mit einer Frau im Bikini, die eine (Rinder-?)Keule auf der Schulter trägt. – Nein, kommt nicht infrage, dass ich den Tweet hier einbette, ich finde gruselig genug, dass grade das Posten dieser sexistische Anzeige mir bald 200 Retweets beschert hat. Ein Trauerspiel, wenn ich bedenke, wieviele tolle, wertvolle, aussagekräfige, informative… Tweets ich doch sonst immer… ODER?!! Aber das ist trotzdem kein Beweis für ‚Sex sells‘, nur für höhere Aufmerksamkeit. Die führt nämlich noch lange nicht zum Kauf, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass Leute das Produkt selbst gar nicht wahrnehmen (Die Studie dazu und ein Artikel über dieselbe). Ob die Metzgerin nun durch die Anzeige eine neue Fleischfachverkäuferin gefunden hat, ist damit ja noch nicht raus.

Zurück zum unterschätzen Kleinkram. Heute früh ist @luebue über einen solchen gestolpert und hat ihn nicht unterschätzt, sondern in die Tonne gekloppt:

Genau das sind diese Zuschreibungen im Alltag von Kindern, die wir mit „Rosa-Hellblau-Falle“ meinen. Die sind klein und rutschen uns ganz oft durch im Alltag. Sie kommen nicht Schweinekeule schwingend daher und kündigen sich groß als Sexismus an, sondern reihen sich ein in die Menge der Botschaften, die wir und mehr noch unsere Kinder Tag für Tag aufnehmen darüber, wie mann so tickt und was frau so mag. Und am Ende des Tages finde ich die sehr viel übler, als eine einzelne Stellenanzeige. Deshalb habe ich den Käsetweet mit einem 🚮 versehen und weiterverbreitet.

Nun habe ich auf Twitter seit der Schweinekeulen-Anzeige bestimmt 30 neue Follower. Sind sie alle über diesen Post zu mir gekommen? Dann hat das bestimmt bei manchen falsche Erwartungen geweckt.

Und genau darüber lässt sich streiten. Beziehungsweise prima diskutieren. Auch für den Fall, dass @LesTramms gar nichts von der Schweinekeule weiß und aus ganz anderen Gründen mehr erwartet hatte. Ich finde Käse mit der Aufschrift ‚Lieblingszicke‘ in der Brotdose meiner Kinder nicht banal. Denn ich weiß, dass sie im Lauf des Tages noch sehr viele solcher nach Geschlecht sortierten Botschaften aufschnappen werden. Wir essen zwar keine Herrenkonfiture mit Whiskey zum Frühstück (sonst auch nicht :), ich kaufe kein Feenmüsli und auch unsere Schuhe sind frei von Piraten und Prinzessinnen.

Aber an der Bushaltestelle, an der sie vorbeikommen, hängt eigentlich immer irgendein Plakat mit der Botschaft von einem „echten Kerl“ oder einer Bikinischönheit oder von Vätern und Salat und anderen Geschlechterklischees. Auch auf die Auswahl der Übungsblätter in der Schule habe ich keinen Einfluss. Und auf die Botschaften in der Bäckerei auch nicht.

Kinder bekommen den ganzen Tag über jede Menge, für sich gesehen banale Botschaften mit auf den Weg. Aber in der Summe formt sich so ihr Bild von Mann und Frau und davon, wie wir Erwachsenen, die wir Käse verpacken, Plakate gestalten, Schulbücher machen, Brötchen verkaufen… sie uns vorstellen. Nun kann ich mich entweder zurücklehnen und sagen: „Kann ich nicht ändern. So ist das eben, da müssen sie reinwachsen, früh übt sich [was ein ganzer Kerl werden möchte]!“ oder ich versuche wenigstens hier zuhause die eine oder andere Keule auszusortieren. Ich habe mich entschieden, (Käse-)Botschaften, mit deren Inhalt ich nicht einverstanden bin, nicht auch noch an meine Kinder weiterzureichen, denn ich bin nicht der Meinung, Mädchen seien nun mal ab und an zickig und Jungs liebten eben Hackfleisch-Plätzchen. Ja, das ist anstrengend und an schlechten Tagen nenne ich mich Sisyphus, aber hey, das bisschen Fels! ;-)

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-> Und hier gehts zum Blogpost von @luebue in Sachen Zickenkäse; der ist wohl zeitgleich entstanden :)

Echte Männer tanzen nicht…

„Tanzen? interessiert ja doch eher die Mädchen“

eine self fulfilling prophecy

Anlass für diesen Post ist ein Werbespot für Kekse, in dem ein Junge von drei anderen verprügelt wird, als sie ihn mit einem Koffer sehen, aus dem der Stoff eines rosa Tütü quillt. Am Ende löst sich auf: das Tütü ist ja gar nicht seins, er bringt es seiner Freundin, denn die träumt davon, Ballerina zu werden. Na, dann ist ja alles gut. Denn wenn wer er…, also als Junge… zum Ballett?

Unser Sohn Kay hat als Sechsjähriger seine zwei Jahre ältere Schwester Mika eine Weile zum Tanzkurs begleitet. Kein klassisches Ballett, sondern Kindertanz mit Musik und Bewegung im Raum, kurze Choreographien, Geschichten dazu und auch ein bisschen rosa Tütü. Irgendwann hat er dann einfach mitgetanzt. Er kam gut mit bei den Übungen und Bewegungskombinationen, war mit Spaß bei der Sache, und die Kursleiterin war begeistert. Mal ausprobieren, sich Bestätigung abholen, stolz sein, dafür war es genau richtig, aber da er der einzige Junge war, wollte er nicht mit einsteigen, schon gar nicht bei der Aufführung am Ende des Halbjahres. Wir überlegten, im Freundeskreis herumzufragen, ob nicht einer seiner Freunde mittanzen würde, aber Kay war dagegen. Also haben wir nach einer anderen Gruppe gesucht, bei der auch Jungs mittanzen. Bis wir die gefunden hatten am anderen Ende der Stadt, da war die Schublade schon zu, das Thema durch.

Tanzen oder Fußball?

Stattdessen spielte Kay dann Fußball, obwohl er sich nie dafür interessiert hatte, weder anschauen, noch selber spielen. Erst Mitte der Grundschulzeit fing es an. In den Schulpausen gab es nur noch die Wahl zwischen Fußball mit den Jungs oder Turnen an der Stange mit den Mädchen. Da alle seine Freunde auf nichts anderes mehr Lust hatten, hieß es für Kay plötzlich, sich zu entscheiden: Er konnte entweder die Nachmittage mit seinen Freunden verbringen und sich mit dem Fußballspiel arrangieren oder sich andere Freunde suchen. Schwer zu erraten, wie es weiterging: Kay gehört jetzt zu den Jungs, die Tanzen doof finden und Fußball toll. Typisch Jungs? Tanzen liegt denen eben nicht. Ist das so?

Filme, in denen Jungs tanzen, machen entweder genau diesen Wunsch zum Thema (Billy Elliot) außer es geht um Breakdance und Capoeira. Filme, in denen Männer tanzen, sind „Frauenfilme“, die durch den Bechdeltest fallen, der Superduper-Tänzer (Footloose, Dirty Dancing…) im Zentrum ihres Seins und Denkens. Zum Samstagnacht-Tanzen in der Disco gab es mal eine Studie, die untersuchen wollte, wie Männer tanzen sollten, damit sie bei Frauen gut ankommen. „Das ist die erste Studie, die objektiv zeigt, was einen guten von einem schlechten Tänzer unterscheidet“ (Psychologe Nick Neave, Leiter der Studie). Ob gut oder schlecht entscheiden also Frauen? Warum nicht homosexuelle Männer? Homosexualität wird doch genau jenen unterstellt, aus deren Koffer ein Tütü lugt, oder nicht? Ausnahmesituation: Die Lachnummer „Männerballett“ auf Hochzeiten. Am liebsten mit Tennissocken, Rippshirt und viel behaartem Bauch, damit auch ja keine Zweifel aufkommen: Spaß am Ballett? Natürlich nur beim Veralbern!

Welche Rolle spielt eigentlich das Gefühl des Tänzers selbst? Wenn er tanzt, dann nur für sie? Für Show und Applaus? Wie sieht’s aus mit Tanzen, einfach, weil es sich gut anfühlt? So für sich selbst? Als Ausdruck der guten Laune? Passt nicht ins Männerbild. Denn so oder so dürfen Männer nur tanzen, wenn es gut aussieht. Aber hey, no pressure!

„Welcome to our series on exploring your masculinity. …

Truly manly men do not dance! Under any circumstances. This will be your ultimate test. At all cost avoid rhythm, grace and pleasure. Whatever you do, do not dance! … Men do not dance. They work, they drink, they have bad backs, they do not dance. Hold still, hold tight. Whatever you do: do not dance! … Kick someone, punch someone, bite someone’s ear!

Get a grip!

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rosa-hellblauer Alltag, Links und Termine

Da wir grade mehr Radio machen und Workshops geben, bleibt das Bloggen etwas auf der Strecke. Wer uns hier begleitet und neue Einträge vermisst, mag vielleicht in der Zwischenzeit diesen Links folgen und uns an anderer Stelle lesen bzw. hören:

www.equalcareday.de

www.equalcareday.de

Rund um den Equal Care Day (equalcareday.de) haben wir viele Interviews geführt, am 29.2. waren wir unter anderem beim WDR und danach im Hörfunkstudio für ein Gespräch mit dem Saarländischen Rundfunk. Es ging um die Frage, warum wir mehrheitlich immer noch davon ausgehen, Fürsorge und Empathie sei Frauen in die Wiege gelegt. Und selbst wenn viele anderer Meinung sind, so reichen wir dieses Klischee trotzdem an die nächste Generation weiter. –> podcast-link der SR-Sendung vom 29.2.2016

radiofrei

Am 4. April lief im Deutschlandradio Kultur ein Beitrag von Maike Strietholt „Kita-Werkbank für Mädchen? – Störenfriede gegen Rollenklischees“ in der Reihe ‚Zeitfragen‘, für den sie uns interviewt und unsere Antworten in einen 6-Minuten-Beitrag zusammengefasst hat. Uns gefällt er gut, denn damit ist wirklich in aller Kürze erklärt, was uns an der rosa-hellblauen Zweiteilung der Kinderwelt so stört und welche Folgen sie hat:

 

Rosa-Bann und Hellblau-Falle

Der rbb sendet am 5.April um 19 Uhr unser Feature über einen Jungen, der Nagellack und Prinzessinnenkostüme mag und noch so manches, das seine Umwelt „Mädchenzeug“ nennt. Seine

Eltern wehren sich gegen die geschlechtliche Zuschreibung von Interessen und wollen ihm Wahlfreiheit lassen, was im Alltag richtig schwierig ist.

Übrigens: Der Untertitel des rbb „Ein Junge hat Mädchenträume“ ist das Gegenteil dessen, was die Sendung, was wir mit all unserem Schreiben und Vortragen vermitteln wollen. Ein Junge KANN keine Mädchenträume haben (was auch immer das sein soll), sie sind, ganz einfach weil ER sie träumt per se Jungenträume. Es stattdessen am Inhalt festzumachen, ist genau die Art Zuschreibung, die ihm den Alltag so schwer und Kindern individuelles Entscheiden schier unmöglich macht.

 

Krimis

Nach einer langen Krimipause ohne Wallanders, Brunettis und wie sie alle heißen, habe ich auf Twitter eine Anfrage gepostet, mir doch Lesetipps zu schicken, allerdings mit einem konkreten Wunsch:

Die vielen Tipps, die ich dazu bekomme habe, sind bestimmt auch für andere interessant, voilà und klick: Bildschirmfoto 2016-04-04 um 19.07.32

Forbildungen

  • Und ich habe zugesagt, beim Herbsttreffen der Medienfrauen im November einen Workshop anzubieten. Die Einladung freut mich sehr, da ich die Veranstaltung auch aus Teilnehmerinnensicht spannend finde. Schade nur, dass ich am Samstag nicht gleichzeitig an einem der vielen anderen Angebote dort teilnehmen kann.

Presse

  • Vor kurzem hat mich Sarah Wiedenhöft von eltern.de interviewt, ich bin schon gespannt, was sie aus meinen vielen, langen Antworten zusammengebaut hat.
  • Und im nächsten Mum Magazin, das Mitte Mai erscheinen wird, gibt’s eine Pro-Contra Kolumne mit mir und Andrea Seifert (von meworkingmom.com) zur Frage „Alles Rosa oder Hellblau – Soll man Kinder geschlechtsspezifisch kleiden?“. Ihr könnt Euch denken, welche Seite ich dabei vertrete :-)

 

Alltag und so…

Wenn wir „Die Schnauze voll von Rosa“ haben, befassen wir uns mit anderen Themen: HipHop und Rap oder recherchieren für ein Radiofeature über falsche Erinnerungen >> zu unsrem Radio- und HipHop-Blog, und genauso wichtig: Präsentationtrainings oder Workshops zum Thema Stimme, Aussprache, Vorlesen >> TRAININGS

Natürlich begleitet uns die Rosa-Hellblau-Falle trotzdem. Unsere Älteste legte mir heute Mittag ihre Französischarbeit zum Unterschreiben hin und Zack:


Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

 

Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

Fragen zum Equal-Care-Day

Wer springt ein, wenn „Not am Mann“ ist?

Fragen zum Equal Care Day am 29.Februar

 

Ein Kind kommt auf die Welt.

Foto: StarMama

Foto: StarMama

Wer begleitet die Schwangere? Wer übernimmt die Erstversorgung des Neugeborenen? Wer kümmert sich um die junge Mutter? Wer hat die ersten Kleider besorgt? Wer achtet darauf, dass mit dem Stillen / Trinken alles klappt? Wer ruft zuerst an, wird angerufen? Wer kommt zu Besuch? Wer bietet Unterstützung an? Wer kocht in den ersten Tagen und später? Wer wäscht und putzt und kauft ein, wer sorgt dafür, dass die Mutter sich im Wochenbett erholen, um sich selbst kümmern kann? Auf wen kann sich die neue Familie in dieser Situation wirklich verlassen? Und wenn schon Geschwisterkinder da sind, wer hat sich um die gekümmert während der Geburt und in den Stunden, Tagen danach? Wo waren sie untergebracht? Und wenn nicht alles gut ging? Das Kind krank ist, vielleicht beHindert, die Mutter noch länger medizinisch versorgt werden muss? Wer wäscht, wer badet, wer wickelt? Wer kennt die aktuelle Windelgröße und weiß, wann neue gekauft werden müssen? Wer bringt das Kind ins Bett? Wer singt, wer liest vor? Wer wacht auf und wer steht nachts auf, wenn es weint? Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer weiß, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht? Wer hat die Karten der Krankenversicherung im Geldbeutel, und wer geht zum Kinderarzt, zur Kinderärztin, ins Krankenhaus? Wer übernachtet dort auf der Liege? Wer weiß, wo das Nasenspray steht und welches Zäpfchen das richtige ist? Wer tröstet das Kind, wenn es sich weh getan hat, wenn es traurig ist? Wie wird getröstet, wenn es ein Junge, wenn es ein Mädchen ist? Wer wird liebevoll getröstet, und wem wird gesagt, er soll sich mal nicht so haben? Wer wird ermahnt, gut auf sich aufzupassen?

 

Babyschwimmen und Kinderturnen, Pekip und musikalische Früherziehung, Tageseltern, Kita, Baby-Sitter*in? Wer wählt aus, wer geht mit? Wer führt die Gespräche, macht Termine? Wer übernimmt die Eingewöhnung? Wer hat den Kinderanhänger am Fahrrad – und dann auch beim Familienausflug am Wochenende? Wer kümmert sich um die Verabredungen des Kindes? Wer telefoniert und vereinbart die Treffen? Wer bringt und holt ab? Wer geht mit auf den Spielplatz? Wer weiß, welcher Geburtstag ansteht, bereitet vor, bastelt Einladungen, besorgt die Geschenke? Wer weiß, welche Kleidergröße die Kinder haben? Breiter Fuß oder eher schmal? Wer kauft neue Hosen, und wer verkauft die alten auf dem Flohmarkt? Wer hat rechtzeitig neue Handschuhe gekauft, wenn es kalt wird? Wer packt für den Urlaub? Wer kümmert sich um die Haustiere, wenn es die Kinder vergessen? Wer geht mit zum Tierarzt? Wer geht mit zur Zahnärztin? Wer hat sich über die nächste Impfung informiert, wer weiß, wann sie ansteht? Wer weiß, wer noch kein Taschengeld bekommen hat? Wer kennt sich aus mit der Lineatur von Schulheften? Wer streicht die Schulbrote? Wer spült die Wasserflasche, die nach dem Wochenende noch in der Schultasche liegt? Wer weiß, wo der Turnbeutel liegt? Wer fragt Vokabeln ab? Wer erinnert ans Klavier Üben und schaut mit über die Schulter? Wer macht sich Gedanken übers Essen? Über die (eigene) Ernährung? Wer hält sich zurück, wer langt kräftig zu? Wer kocht? Wer sortiert die Wäsche? Und weiß, wann die Bettwäsche wieder gewechselt werden muss? Wer ist verantwortlich für welchen Bereich und wer muss mithelfen? Wie viel, bei welchen Tätigkeiten, mit welcher Selbstverständlichkeit? Wer kümmert sich um kleinere Geschwister? Von wem wird das ausdrücklich verlangt? Wer lernt, sich in andere hinein zu versetzen? Wer lernt, auf die Wünsche anderer zu achten? Wer lernt, seine eigenen Wünsche auch mal hinten anzustellen? Wessen Wünsche werden eher mal ignoriert?

 

Wer erklärt dem Kind die Welt, antwortet auf seine Fragen? Mit wem spricht es, wenn es Sorgen hat, wen fragt es, wenn es Rat braucht? Wie wird reagiert, wenn der Sohn Liebeskummer hat, und bei der Tochter? Und wenn die Eltern selbst Probleme haben, die auch die Kinder betreffen? Wie reden sie mit einer Tochter, wie mit einem Sohn? Wem fühlen Sie sich näher? Wie ist es bei Krankheit, Problemen in der Schule, Ärger, Sorgen in der Pubertät? Wer kennt die Freundinnen und Freunde? Wer fühlt sich verantwortlich? Wer ist ansprechbar, auch wenn der Zeitrahmen kaum Luft lässt? Wer redet mit den Lehrer*innen? Und zu welchen Anlässen? Wer geht auf die Elternabende? Wer lässt sich als Vertreter*in wählen? Und in den Gremien, wer übernimmt den Vorsitz? Und die Handy-Notfallnummer? Von der Mutter, vom Vater? Wer lässt alles stehen und liegen im Fall der Fälle?

Wer erlaubt sich, krank zu sein? Wer achtet auf sich selbst, auf genügend Schlaf, auf Ausgleich und Ruhephasen? Wer geht zur Vorsorge? Wer macht weiter, obwohl es weh tut? Wer redet über seine*ihre Bedürfnisse? Wer hält Monologe? Wer fragt, was die anderen brauchen? Was ihnen fehlt? Wer bestimmt in letzter Konsequenz? Auf welcher Grundlage?

 

Wer fährt zu den Großeltern? Wer sieht, was Opa fehlt? Wem vertraut er? Wer organisiert seinen runden Geburtstag? Wer begleitet Oma zum Arzt? Wen ruft sie an, wenn sie Hilfe braucht? Wer organisiert eine Pflegekraft und das Essen auf Rädern? Wer weiß, wie die Pflegekraft heißt? Ist es ein Mann oder eine Frau? Woher kommt sie? Wer stellt Fragen? Wer hört zu? Wer bleibt auf dem neusten Stand? Wer macht sich nachts Sorgen und kann nicht schlafen? Wer weiß, welches Medikament fehlt? Wer hilft beim Einzug ins Pflegeheim? Wer redet mit dem Pflegepersonal? Wer besucht, wer bringt was mit, sieht, was im Zimmer fehlt? Wer macht ein Spiel mit, wer singt, wer puzzelt, wer liest was vor? Wer füttert, wer wischt auf, wer wischt ab. Wer hilft beim an- und ausziehen? Wer bekommt die Vollmacht? Wer erbt? Wer bekommt die Unzufriedenheit zu spüren? Wer macht immer alles falsch? Wer steht über allem? Wer zahlt drauf? Und wenn jemand gestorben ist? Aus der Familie oder im Bekanntenkreis? Wer findet die passenden Worte? Wer druckst rum? Wer sucht den Kontakt zu den Hinterbliebenen? Wer zieht sich zurück?

Wer spricht ein Machtwort? Wer hält den Rücken frei?

 

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Was ist der Equal-Care-Day?

www.equalcareday.de

verbiegen – umerziehen – gendern

„Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen!“ – mein Mantra bei der Lektüre von Artikeln über Gleichstellung und Familienarbeit oder Gendermarketing und Prinzessinnen wirkt nicht so recht, ich verliere mich immer wieder in den wilden Auseinandersetzungen um WIR gegen EUCH im Kommentarbereich. Vielleicht sollte ich es nicht so ernst nehmen? Bin ich humorlos, wenn ich „Geschlechterkrieg“ nicht „witzig“ finde, sondern dieses pauschale Gegeneinander allein aufrund des Geschlechtes ganz grundsätzlich infrage stelle?

Am meisten frustriert mich, wenn SchreiberInnen den Begriff  „Gender“ synonym verwenden mit „Gleichmacherei“, „Geschlechter abschaffen“, „umprogrammieren“, Kinder „verbiegen“. Die „Genderideologen“ wollten Kindern vorschreiben, womit sie zu spielen hätten, wo sich Jungs nun mal mehr für Technisches interessierten, Rollenspiel und Puppen sei eben nicht ihrs, das läge nicht in ihrer Natur. Es folgen die üblichen Argumente, für die gerne auf die Begriffe Steinzeit, Testosteron und Gene zurückgegriffen wird (Antworten darauf haben wir hier schon einmal versammelt).

Nun habe ich gestern via Twitter eine Art Brief des Wetterauer Boten gelesen, der mit seinen beiden letzten Sätzen zeigt, wie sehr Kinder bevormundet und eingeengt werden, wenn die Erwachsenen um sie herum in der Rosa-Hellblau-Falle feststecken und ihre engen Rollenbilder weitergeben. Und warum die kritische Auseinandersetzung damit = geschlechtergerechte Pädagogik (oder „Gender“) mit Individualität und Wahlfreiheit zu haben:

bote

Das Kleid passt und „er findet sich wunderschön darin“. Damit wäre doch eigentlich alles gut, oder? Aber nicht für Boto. Ein Sechsjähriger, der sich als Fee verkleiden möchte, passt offenbar nicht in das Weltbild des Autors (Ich unterstelle mal, dass ein Mann diesen Brief geschrieben hat. Es sind überwiegend Väter, die ein Problem damit haben, wenn der Sohn mit Puppen spielt und ein rosa T-Shirt tragen möchte, und Mütter jene, die das Verbot dann durchsetzen müssen). Dass vermeintlich Weibliches für Jungs tabu ist, gilt schließlich das ganze Jahr über: Rosa ist verdächtig, Puppenspiel ist verdächtig, Ballett geht auch nicht. Warum nicht? Er könnte schwul sein, Alarmstufe Pink! (Welch schräger Gedankengang, dass sich das durch ein Tanz- oder Feenkostüm-Verbot rückgängig machen ließe, von der diskriminierenden Haltung dahinter ganz zu schweigen…)

Nun war zwar Karneval der Anlass für das oben erwähnte Feenkostüm, aber selbst während der „jecken“ (= albern! närrisch!) Jahreszeit haben sich Kinder an die Grenzvorgaben der Erwachsenen zu halten. Folgerichtig wendet sich für den Autor die Geschichte erst dann zum Guten, als die Mutter dieser absurden Idee ein Ende setzt und den Jungen überredet (?) sich als Ritter zu verkleiden. So viel zur Theorie, Kinder selbst entscheiden zu lassen. „Zum Guten gewendet“. Für wen? Die Erwachsenen offensichtlich. Mal wieder.