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Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

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Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

#EqualCareDay

Wir schlagen vor: Einführung eines Equal Care Day

am 29. Februar 2016 !

Nachtrag am 29.2.2016:

Alles zum Equal-Care-Day findet sich ab jetzt unter

www.equalcareday.de

Um auf die mangelnde Wertschätzung von Fürsorgearbeit aufmerksam zu machen, den geringen Stellenwert, den das Sich-Kümmern um Kinder, das Pflegen von Kranken, Alten, BeHinderten in unserer Gesellschaft hat.

„Eine Gesellschaft, die Geldverdienen höher bewertet als Fürsorge,
ist blind für die Kosten, die durch Vernachlässigung entstehen.“
Anne-Marie Slaughter

Und um ein Bewusstsein zu schaffen für die unfaire Verteilung dieser Arbeit: 80% der Care-Arbeit wird von Frauen geleistet (Quelle: Bundesagentur für Arbeit), sowohl im professionellen Bereich und mehr noch im Privaten: 80%. Deshalb setzen wir uns dafür ein, den 29.2., diesen zusätzlichen Tag im Schaltjahr als ‚Equal Care Day‘ (analog zum Equal Pay Day, s.u.) einzuführen, als Erinnerung daran, dass Männer in Deutschland über 4 Jahre brauchen, um die Care-Arbeit  zu leisten, die Frauen in einem Jahr, also bereits im Jahr 2012 geleistet haben.

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überarbeitet am 30.1.16

Seit 2008 wird in Deutschland am Equal Pay Day daran erinnert,

dass Frauen im Durchschnitt deutlich weniger verdienen als Männer – im Jahr 2014 waren das nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 21,6%. Frauen müssen also für den gleichen Jahreslohn 79 Tage länger arbeiten als Männer, eben bis zum 19. März 2016. Angenommen Männer und Frauen bekommen den gleichen Stundenlohn: Dann steht der Equal Pay Day für den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer schon seit dem 1.1. für ihre Arbeit bezahlt werden.

Am 3. November 2015 hat Bundesministerin Manuela Schwesig das Motto für den Equal Pay Day am 19. März 2016 der Öffentlichkeit präsentiert: ‚Was ist meine Arbeit wert?‘ Diese Frage gilt eben ganz besonders auch für Care-Ressourcen. Die Antwort darauf darf nicht länger von geschlechtlichen, rassistischen oder klassenbezogenen Strukturen bestimmt werden!

 

Übrigens,

den PayGap und CareGap gibt es bereits im Kinderzimmer:

Jungen bekommen im Durchschnitt mehr Taschengeld als Mädchen (Beispiel aus Frankfurt), und Töchter müssen bis heute mehr im Haushalt helfen und sich um jüngere Geschwister kümmern, mehr als dies von Söhnen verlangt wird (Vorwerk Familienstudie 2010).

andrea-legofriendsAuch die Verknüpfung von Sexismus, Rassismus und Klassismus reichen wir auf ganz subtile Weise an die nächste Generation weiter. Beispiel: LegoFriends. Zu den Baukästen liefert Lego auch gleich die Biografien und Geschichten der fünf Mädchenfiguren mit: Von Lego lizenzierte Hefte über das Leben der Hauptfigur, ein Mädchen namens Olivia. Deren Freundin Andrea, die einzige nicht-weiße Spielfigur, möchte eines Tages Superstar werden. Doch dafür muss sie als Bedienung ihr Geld im ‚City Park Café‘ verdienen, wo sie Cupcakes und Hamburger zubereitet sowie „abwäscht und den Boden wischt“. (Quelle: faz, „In dieser Idylle ist morgen wie gestern“)

 

Wir freuen uns über Austausch und Unterstützung zu unserem Anliegen. Vielleicht können wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen – schickt uns Eure Ideen. Blogger*innen sind herzlich aufgerufen, diesem Tag einen eigenen Post zu widmen. >Hier< finden sich ein paar Fragen zur Inspiration. Als Hashtags schlagen wir vor:

#ECD2016

#EqualCareDay

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Links und Infos zum Thema Care-Gap / Care-Arbeit:

 

  • Winker, Gabriele. Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld 2015.

 

Ü-Ei – Twittergewitter

Das Ü-Ei, genauer: das rosa Überraschungsei birgt Diskussionsstoff, wie kaum ein Ding sonst in der Gendermarketingdebatte. Wir dachten ja, der Streit darum hätte sich längst gelegt oder sei überholt von anderen rosa-hellblauen Lebensmitteln, wie Pombären, Senf, Chips oder Hähnchenschnitzel. Es gibt ja inzwischen kein Produkt mehr ohne Einteilung in Rosa und Hellblau – falls doch, wurde garantiert schon darüber nachgedacht, ob nicht auch dort durch Zweiteilung der Umsatz gesteigert werden könnte. Sich mit den Pro und Cons rosageblümter Ü-Eier zu beschäftigen sei „Luxusfeminismus“ der Reichen. Dabei funktioniert das Ü-Ei ja nur als Platzhalter für jede andere Ware, die mit extra Label „für Mädchen“ beworben wird. Das „Mädchen-Ei“ kam 2012 auf den Markt und im Vergleich zu anderen Werbeideen des Gendermarketing erhielt es überdurchschnittlich große Aufmerksamkeit. Und bis heute ist es der Klassiker des Gendermarketing und löst immer wieder Eltern-Kind-Szenen an der Kasse aus. Deshalb lohnt sich so ein Twitter-Sammelpost nach 3 Jahren rosa Ei-Angebot doch.

 

Ferrero selbst argumentierte in seiner Presseerklärung folgendermaßen:

Üeiklein„Erkenntnisse der Markforschung inspirierten Kinder Überraschung dazu. Die besagen, dass sich Mädchen heutzutage nicht mehr in nur eine Schublade stecken lassen. Pink und Ponyhof ist ihnen genau so wichtig, wie Fußball und Frauenpower. Eigene Erhebungen haben diesen Trend bestätigt. Ob Blumen-Ringe oder bunte Armbänder mit Tiermotiven – das Basissortiment des Mädchen-Eies hält genauso klassische „Mädchensachen“ bereit, wie auch aktivierende Spielzeuge zum Werfen, Spielen und Malen, Puzzeln und Basteln. Genau die Vielfalt also, die sich die Mädchen von heute wünschen. Und genau die Bandbreite, die Mädchen mädchengerecht anspricht und deren Individualität fördert.“



Kurz:

Wir haben herausgefunden, dass Mädchen Vielfalt wünschen und sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Deshalb bieten wir ihnen Schmuck und Tiermotive und stecken sie in eine Schublade.

winx Ist es nicht trotzdem harmlos? Das „normale“ Ü-Ei ist ja weiterhin für alle da? Rosa Eier beinhalten Blümchenschmuck, dünne Püppchen und kleine Tiere. „Würde ein Junge […] einen solchen Inhalt bekommen, wäre er wahrscheinlich enttäuscht“ erklärt Ferrero Menschen, die sich gegen die Mädchen-Version aussprechen und steckt Jungs somit in die andere Schublade.

„Kann doch jeder selbst entscheiden, wer’s nicht mag, muss es ja nicht kaufen“ – das häufigste Pro-Argument. Wer so denkt, hat vielleicht Kinder nicht im Blick gehabt? Und nicht bedacht, dass sie keine pubertierenden Jugendlichen sind, für die Abgrenzung und Anderssein eine Rolle spielen mag. Kinder wollen dazugehören, sie haben beim Schokoladekauf kein Interesse daran, sich über irgendwelche Grenzen hinwegzusetzen: „Ich gehe in die zweite Klasse, bekomme 1,-€ Taschengeld die Woche und, hey, dafür kaufe ich mir jetzt ein Mädchen-Ei, der Papa wird schon sehn!“ ??
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Das Label „Für Mädchen“ ist also nichts, was ein Kind einfach irgnorieren könnte, dafür sorgen spätestens die umstehenden Erwachsenen. Abgesehen davon ist auch bewusstes Dagegen-Handeln eine Reaktion auf bestehende Regeln, also keine freie Entscheidung. Deshalb sprechen zwei wesentliche Gründe gegen das „für Mädchen“-Label: ein rosa Etikett schließt 1. Jungs aus (Antje Schrupp hat dazu schon ausführlicher geschrieben) und 2. weist es Mädchen Themenbereiche zu (Schönheit, Mode, kleine Tiere…), die immer wieder klischeehaft als Mädcheninteressen reproduziert werden. Auch auf Twitter zeigt sich, dass das Ei polarisiert. Die einen finden’s prima zu wissen, dass die Chancen auf eine Ponyfigur damit größer sind – nicht mehr, nicht weniger. Doch manche werden aggressiv, wagt jemand, das Maketingkonzept infrage zu stellen:

Über Logos, Etiketten und Labels, über Zugehörigkeit und Fremdgruppenhomogenitätseffekt werden ganze Bücher geschrieben, über die (unterbewusste) Wirkung von Werbung auf unser Handeln und Denken, über Zuschreibungen, Klischees und Vorurteile… Toll, wieviele Themen in so einem kleinen Ei stecken ;) Und dann wieder sind 140 Zeichen doch ausreichend, um zu zeigen: Das rosa Ü-Ei (als Vertreter des Gendermarketing insgesamt) ist blöd. Es steckt Kinder in Schubladen und schränkt sie ein. Übertrieben? Verfolgungswahn? Liest sich nicht so:

 

 

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Fazit aus all diesen Einkaufsszenen: Mädchen können in aller Regel beide Varianten kaufen, Eltern kommen damit klar, Kinder auch. Aber Jungs dürfen nur selten ein rosa Mädchen-Ei kaufen, weil sich sehr viele Eltern vom rosa Label in ihrer Entscheidung beeinflussen lassen und die Einschränkung an ihre Kinder weitergeben. Botschaft für viele Kinder: „Wenn du das magst, bist du irgenwie falsch.“ Etwas wortreicher und emotionaler erklärt das coldmirror in ihrem Video mit Kissen :)


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Schreibt uns Eure Meinung zum und Erlebnisse mit Gendermarketing, wie geht Ihr mit dem rosa-hellblauen Angebot um, v.a. im Alltag mit Kindern?

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IIiiihh, Mädchen!

„Lass doch die Kinder selbst entscheiden“ ist ein beliebtes Argument, wenn wir das Konzept des Gendermarketing kritisieren. Was wir für eine naive Herangehensweise halten vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren. Das würden sie sicher nicht, blieben wir Kundinnen und Kunden davon unbeeinflusst. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen.

Die Botschaft des Gendermarketing (Männer und Frauen unterscheiden sich angeblich grundsätzlich, Jungen und Mädchen hätten völlig unterschiedliche Bedürfnisse…) erreichen also auch Kinder. Unsere These deshalb: Gendermarketing trägt zu einer stärkeren Geschlechtertrennung bei, es führt die nächste Generation zu weniger Miteinander im Alltag, zu weniger gegenseitem Verstehen, zu mehr Grabenkämpfen.

Übertrieben? Schwarzmalerei?

In unseren Interviews für die Rosa-Hellblau-Falle haben wir von mehreren Marketingvertretern erfahren, dass sie sich für ihre Werbung und Verpackungsdesigns auf Umfragen stützen, denen zufolge Produkte, die sich an beide Geschlechter richten, am besten mit Mädchen und Jungen bebildert werden. Klingt soweit ganz logisch. Und Produkte, die mit Abbildungen von Jungen beworben werden, werden durchaus auch von und für Mädchen gekauft. Richtet sich ein Produkt jedoch an Jungen, dann sollten keine Mädchen darauf abgebildet sein, denn dann sagen Jungen angeblich: „Iiiih, da sind Mädchen drauf“ bzw. Eltern und Großeltern vermuten das, und entscheiden sich in aller Regel gegen den Kauf. Diese Aussage und die Tatsache, dass „Du Mädchen“ sogar als Schimpfwort unter Kindern funktioniert, verbirgt eine so intolerante Haltung, dass wir nicht glauben können, dass sich ihr kaum jemand öffentlich entgegenstellt. Das Gegenteil ist der Fall:

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Auf den Verpackungskisten von Spielzeug, das die Hersteller in der hellblauen Kategorie sehen, z.B. Experimentierkästen (sofern sie sich nicht in der Pink-Edition extra an Mädchen richten) oder Bausätze, wie die der Reihe Lego City, sind Jungs abgebildet, die mit dem jeweiligen Inhalt der Verpackung beschäftigt sind, Mädchen finden sich darauf keine.

 

Mehr noch: Weibliche Charaktere werden auf einer ganzen Reihe von Merchandising-Produkten (Bettwäsche, Taschen, Spielzeug…) einfach weggelassen. Aktuelles Beispiel ist die Superheldengruppe Big Hero 6 aus dem Disney-Film Baymax: die beiden weiblichen Figuren, Honey Lemon und GoGo Tomago, kommen einfach nicht mit auf Kinder-Shirts. Eine Mutter aus Washington, die sich darüber beim Hersteller beschwerte, bekam die Antwort:Big-Hero-6-550x296

Since this is geared toward boys, we chose to focus either on the main characters (in this case Baymax and Hiro), or on just the boy characters.  We have found boys do not want girl characters on their things (eeeww girls! Yuck! Haha).

„Wir haben herausgefunden, dass Jungen keine Mädchen-Charaktere auf ihren Sachen wollen – iiih, Mädchen! Igitt! Haha“

Wie bitte ???

a) Wollen wir die Aussage infrage stellen: wie war wohl das Setting der Umfrage, die zu diesem Ergebnis führte?
b) Und sollte tatsächlich die Mehrheit der Jungen so denken, dann stellt sich die Frage nach den Verursachern, die in der Erwachsenenwelt zu finden sein sollten.
Diese hat die dringende Aufgabe, eine solche Haltung nicht weiter zu fördern, sondern mit allen Mitteln Kinder darin zu unterstützen, aus dieser Denkfalle herauszukommen! Wie soll Miteinander funktionieren, wenn die eine Hälfte von der anderen sagt: „IIiiih, will ich nichts mit zu tun haben“, „Iiih, bloß kein Rosa, das ist ne Mädchenfarbe“, „Hihihi, der Jasper spielt mit Puppen, das ist doch was für Mädchen“?

Damit kein Misverständnis entsteht: es mag sein, dass es in manchen Entwicklungsphasen Abgrenzung braucht. Zur Findung der Geschlechtsidentität gehört dazu, manches Klischee zu übertreiben. Aber Abgrenzung darf nicht Wertschätzung des Anderen ausschließen, Abgrenzung sollte nicht durch Abwertung geschehen. Diesen Unterschied sollten wir Kindern vermitteln. Weibliche Figuren aus einer Geschichte zu streichen, ist dafür sicher nicht der richtige Weg.

Puppen- und Linksammlung der letzten Wochen

Über Puppen und ihre rosafarbene Vermarkung gab’s hier neulich schonmal einen Blogpost von uns. Dass das nicht nur ein Kinderzimmerthema ist, sondern mit dem Gender Care Gap zu tun hat, steht auch heute in unserem Artikel für die taz:

taz, 10.2.15

taz, 10.2.15

Puppen haben in vielerlei Hinsicht mit unserem Anliegen rund um die Rosa-Hellblau-Falle zu tun. Nicht nur die Frage, wer mit ihnen spielt, mit ihnen spielen darf, wem sie geschenkt, für wen sie beworben werden… sondern auch ihre Veränderung, ihr Design, womit sie sich beschäftigen.

Dieser Werbespot für Lego Friends ist schon gruselig genug, achtet man nur auf den Stimmklang der Sprecherin und das eingesetzte Mädchenkichern. Alles dreht sich um niedliche Tiere und lustige Freundinnen: „braves Mädchen“. Für viel mehr sind die knubbeligen Püppchen aus Marketingsicht wohl nicht zu gebrauchen. Gut, dass Kinder sich nicht immer an deren Regeln halten. Im Kontrast dazu der Sprecher im Werbespot für die eckigen Lego City-Männchen: laut, schnell und fordernd. (Als Alternative gibt es den Gender Advertising Remixer von Jonathan McIntosh, ein ganz klasse Tool, das der Geschlechtertrennung ein Ende setzt und die Absurdität des Gendermarketing spürbar macht.)

Puppen wie Barbie wurden in den letzten Jahren immer dünner, ihre Aufmachung sexualisierter. Auch da gibt es einen Zusammenhang zum veränderten Körperbild und Selbstwertgefühl von Mädchen, worauf Pinkstinks immer wieder aufmerksam macht. Dass das keinesfalls im Interesse der Kinder ist, zeigen Projekte und Alternativen wie z.B. die Lammily-Puppe von Nicolay Lamm. Kinder finden es prima, wenn eine Puppe so aussieht, als könnte sie eine wirkliche Person sein, wenn sie das tut, was Kinder tun, sie nicht wie eine 30-jährige Discogängerin designed wird.

Wie Bratz-Puppen aussehen könnten, zeigen die Tree Change Dolls der Australierin Sonia Singh: sie ermöglicht sexualisierten, aufgebretzelten, alleine gelassenen Puppen einen Neustart (>hier< ist ein schöner Film über sie).

Und wer das Thema Wer-spielt-wie-womit, Jungen und Puppen, mit seinem Kind besprechen möchte, dem/der sei das Buch Paul und die Puppen von Pija Lindenbaum empfohlen.

„Puppen haben auch Väter!“, wissen Kinder. Den Satz hat ein kleiner Junge einer Erwachsenen geantwortet, die meinte, sein Puppenspiel kommentieren zu müssen. Und erzählt hat uns das eine Erzieherin, die wir für ein SWR-Radiofeature interviewt hatten – wer Spaß hat, das nachzuhören, findet es  >hier< online bzw. zum Download.

 

 

Tchibo, Babywalz und die MINT-Berufe

In seinem aktuellen Katalog bietet das Versandhaus Walz Kinderzimmermöbel „Für echte Rennfahrer“ und „Für echte Mäuschen“ an. Auf Twitter hatten wir uns mit @babywalz-news über diese Wortwahl ausgetauscht und parallel dazu eine Presseanfrage geschickt, auf die wir zunächst nur einen Einzeiler zur Antwort erhielten. Letzte Woche kam dann überraschend ein Anruf von Geschäftsführer Mike Weccardt, der um ein persönliches Gespräch bat.

Babywalz online Katalog, Screenshot

Babywalz online Katalog, Screenshot

Dass Gendermarketing die Welt klischeehaft in männlich und weiblich einteilt, um mit zwei getrennten Zielgruppen den Umsatz zu steigern, haben wir auf diesen Seiten schon mehrfach kritisiert. Besonders ärgern wir uns dann, wenn Gendermarketing vorgibt, Zukunftsträume von Kindern spielerisch umzusetzen und auf diesem Weg alle Projekte verhöhnt, mit denen Mädchen und Frauen für MINT-Berufe gewonnen werden sollen und Jungen wie Männer für den Care-Bereich. Das hat zur Folge, dass Mädchen und Jungen, wenn sie in die weiterführende Schule gehen und in der fünften Klasse zum ersten Mal am jährlichen Girls‘ beziehungsweise Boys‘ Day teilnehmen, schon tausende von Werbebotschaften in Geschäften, auf Plakaten, in Spots und auf Verpackungen gesehen haben, die ihnen stereotyp vermitteln, dass Jungen Sieger sind und später mal Rennfahrer, Feuerwehrmann oder Mathematiker werden und dass im Gegensatz dazu Mädchen süße Mäuschen sind, ihr Berufsziel reduziert sich dann in aller Regel auf, ja: Prinzessin!

Sieger-Prinzessinnen

GenderSuppe

Der folgende Spot macht uns besonders sprachlos: Muttern weiß Bescheid – Vater? Abwesend. Sohn wird Mathematiker, Naturwissenschaftler, Forscher, Bergsteiger… – Tochter? Ballerina. Echt klasse, hippe Idee einer Werbeagentur, deren MitarbeiterInnen sich bestimmt für fortschrittlich, aufgeklärt und gleichberechtigt halten. Und die nächste Generation? Oooch, nach uns die Sintflut!

 

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Auch Tchibo reitet auf dieser Welle, die Bettwäsche für Astronauten und Prinzessinnen ist nur eines von vielen Beispielen. Nun hat das Unternehmen immerhin auf die Kritik von Pinstinks hin seine Haltung zum Thema Gendermarketing veröffentlicht. Zwei Produktmanagerinnen, Ricarda und Anina, antworten auf harmlose Fragen und wischen alle Kritik vom Tisch: „Warum sollen Kinder die rosa Phase nicht einfach durchmachen dürfen?“ Botschaft: Wir übertreiben alle maßlos, und das Unternehmen meint ’s doch nur gut. Dass Tchibo mit seinem rosa Sortiment ausschließlich Mädchen anspricht und weniger Produkte, sondern vor allem Rollenklischees von Häuslichkeit und Schönheit vermittelt, kommt nicht zur Sprache. Auch nicht, warum Autos und Flaschenöffner für „echte Männer“ beworben werden. Die Reaktion von Pinksstinks fällt deshalb auch entsprechend aus. Kurzum: wie erwartet sieht Tchibo die Verantwortung bei den Käufer*innen, und die Antwort, die wir schon nicht mehr hören mögen, lautet auch hier wieder: „Der Markt liefert nur, was der Kunde will“.

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Tchibo, Screenshot

Liebe Freunde und Rechtfertigerinnen des Gendermarketing: Der Markt ist kein seelenloses Etwas, der Markt besteht aus vielen, in unserem Fall zudem kleinen Wesen, die ein grundgesetzlich verbrieftes Recht haben auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Aussagen wie die von Tchibo („Das Gesellschafts-Selbstbild von Mädchen heute ist: Schönsein. Es gibt eine große Fixierung auf das Äußere, die Haare müssen lang sein, der ganze Look feminin. Topmodels und Superstars sind die Vorbilder, nicht Astrophysikerinnen.“) bewirken und bezwecken das Gegenteil. Und auch auf der anderen Seite gibt es keine unpersönliche Marketingstrategie, sondern jeder Werbespot, jede Anzeige, jedes Bild und jeder Text, jedes Produktdesign und jede Verpackung wurde von Menschen erdacht, entwickelt, umgesetzt, überprüft und dann zu Markte getragen. Verantwortung lässt sich also nicht so einfach und beliebig delegieren. Schon gar nicht, wenn man auf die 30 Milliarden Euro (€ 30.000.000.000 !) blickt, die die Werbewirtschaft laut eigenen Angaben in Deutschland Jahr für Jahr umsetzt, Tendenz steigend.

Seine Rechtfertigung bezieht das Gendermarketing aus der Marktforschung: „Studien haben ergeben, dass…“. Doch anstatt Umfragen als „Studien“ aufzuwerten und damit Wissenschaftlichkeit zu implizieren, wie wäre es stattdessen mit etwas Grundlagenforschung zu den Themen „Minimalgruppenparadigma“, „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“ und „Stereotype Threat“. Und dann können wir gerne noch einmal darüber sprechen, wie Kinder durch Gendermarketing in ihrer Wahlfreiheit beeinflusst werden. Und was das tatsächliche Ziel der einzelnen Unternehmen ist, dass sie diese Wahlfreiheit auf Klischees beschränken.

Die Spielwarenmesse, die aktuell in Nürnberg läuft, trägt jedenfalls wenig Ermutigendes bei: Auch Ravensburger hat jetzt rosa Highheels im Programm, als Puzzlespiel. GNTM-Kandidatin Rebecca Mir findet: „Für kleine Mädchen ist das ein kindliches Herantasten an die echten High Heels!“ Model ist inzwischen übrigens unter den Top 5 der Traumberufe von Mädchen. Das war beileibe nicht immer so.

Wir finden es grundsätzlich gut, wenn sich ein Dialog entwickelt, allein deshalb hat uns der Anruf von Mike Weccardt von BabyWalz gefreut. Wirklich überrascht hat uns, dass er sich wünschte, die Doppelseite des Katalogs für Mäuschen und Rennfahrer wäre anders getextet worden, weil er als Manager, Mensch und Vater polarisierendes Gendermarketing nicht gutheißen kann. Da war keine oberflächliche Rechtfertigung, wie sie Tchibo in seinem Fake-Interview betreibt und wir sie bisher ausnahmslos von Marketingleuten zu hören bekommen haben, sondern leise Töne und die Bitte, weiter im Gespräch zu bleiben, auch weiter zu kritisieren, wenn es nötig ist. Wir fangen jetzt mal an mit diesem Lob, und hoffen, dass unsere und die Kritik anderer etwas bewirkt. Nils Pickert von Pinkstinks berichtete im letzten Sommer von guten Gesprächen mit Jako-o darüber, „firmeninterne Leitlinien zu entwickeln, die gegen Sexismen und Ausgrenzung wirken“. Wir hoffen, dass es bald mehr Unternehmen geben wird, die bereit sind, soziale Verantwortung zu übernehmen und anzuerkennen, dass ihre Werbekampagnen mit vorgestrigen Rollenbildern und Berufszielen das Weltbild unserer Kinder mit beeinflussen. Die Verantwortung dafür einseitig den Eltern zuzuschieben ist unredlich. Deshalb hätten wir natürlich gut gefunden, Babywalz hätte sich nicht nur im privaten Gespräch, sondern öffentlich zur Mäusschen- und Rennfahrer-Seite geäußert. Vor allem aber sind wir gespannt, ob die Marketingabteilung in Zukunft tatsächlich sensibler agieren wird, wie sie es ankündigt, und ob hier tatsächlich ein Unternehmen auf die Strategie der rosa-hellblauen Klischees verzichtet.  Zu hoffen wäre es.

Ein Junge, der mit Puppen spielt, wird er später einmal…?

… ein toller, fürsorgender Vater?

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie einen kleinen Jungen sehen, der innig vertieft eine Puppe in seinen Armen wiegt? … Fragen Sie sich, ob er wohl gemobbt wird und ausgegrenzt von anderen Kindern? Oder doch eher, ob mit dem Jungen alles in Ordnung ist?

Chris Hallbeck, maximumble.com

Chris Hallbeck, maximumble.com

In der Erwachsenenwelt werden teure Kampagnen und Projekte gestartet, auf dass sich mehr Männer in der Kinderbetreuung und frühkindlichen pädagogischen Arbeit engagieren, ob als Väter, als Erzieher oder Grundschullehrer. Es scheint also ein gesellschaftliches Ziel zu sein, am heutigen Status Quo etwas zu verändern. Immerhin hat sich in Großbritannien eine Politikerin über den Zusammenhang zwischen kindlichen Spielwelten und dem Gender Care Gap geäußert. (Zur Erinnerung: 80% der Fürsorgearbeiten rund um Kinder, Kranke, Alte, Familie werden von Frauen geleistet). Und trotzdem wird kleinen Jungen das Leben sehr schwer gemacht, wenn sie sich diesen Bereichen spielerisch annähern möchten. Das geht nicht ohne Kommentare ab, manchmal von anderen Kindern, aber mehr noch von Erwachsenen. Und natürlich spüren Kinder eine solche Ablehung:

„Ich habe ja noch ein total schönes Puppenhaus von früher, aber was soll ich damit, ich habe ja zwei Jungs!“ (Mutter beim Flohmarktbummel)

„Was würdet ihr machen  … wie kann man sich helfen lassen …??? Wenn ein 7 j. Junge schon längere Zeit mit Puppen spielt?“

„Seit einiger Zeit sagt er mir immer wieder, dass er so gerne die Puppe hätte, und nun steuert er beim Einkaufen immer in die Puppenabteilung, sagt, dass er sich die so gerne vom Weihnachtsmann wünscht und er jetzt auch immer ganz lieb ist. Was würdet ihr machen? Erklären, dass das doch eigentlich nur was für Mädchen ist?“ (Foreneintrag einer Mutter)

“Mein Mann ist total dagegen. Was denkt ihr? Soll er seine Puppe bekommen auch wenn der Haussegen schief hängt. Mein Mann will ihn auf eine >Actionfigur< lenken.”

Die Verunsicherung ist so groß, dass ein Kaufhaus sich entschieden hat, auf seinen Onlineseiten die Kundschaft zu beruhigen:

Es ist „auch vollkommen in Ordnung, wenn der Sohn plötzlich mit Puppen spielen will – dies ist kein Ausdruck geschlechtlicher Prägung.“

In Kitas, in Filmen und Büchern, in den Spielwarenabteilungen, in der Werbung: auf den Verpackungen sind fast ausschließlich Mädchen abgebildet, und die Texte erklären, dass es hier um die „Puppenmutti“, „Freundin“, „Prinzessin“ geht und natürlich um „Mädchenträume“. Die gesamte Care-Welt schimmert rosa, und das rosa Label bedeutet: Nichts für Jungs! Auch da, wo auf das Etikett „Nur für Mädchen“ verzichtet wurde.puppenshops

Wir diskutieren über den Care-Gap, während Mädchen zu Hause ganz selbstverständlich mehr im Haushalt mithelfen (müssen) als ihre Brüder. Wir streiten über den Pay Gap in der ungerechten Berufswelt, während Jungen im Durchschnitt mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Wir führen eine erbitterte #aufschrei-Debatte, während auf den (Grund-)Schulhöfen ‚Mädchen‘, ’schwul‘ und ‚Bitch‘ ganz selbstverständlich als Schimpfwörter durchgehen. Wir kämpfen für mehr Gleichberechtigung und lassen zu, dass unsere Kinder zunehmend und immer stärker in zwei Schubladen gepresst werden, die außen schön rosa und hellblau sind und innen mit den Rollenklischees längst vergangener Zeiten ausgepolstert, damit das erwachsen Werden nicht so weh tut.

Zeit, die Kinderwelt mit in den Blick zu nehmen bei der nächsten Sitzung, Tagung, bei der Zukunftsplanung. Denn wir werden die Gleichberechtigungsprobleme der Erwachsenenwelt nicht nachhaltig lösen können, wenn wir nicht endlich erkennen, dass die Unterschiede, dass die Ungleichwertigkeit der Geschlechter, dass die Hierarchie ihren Anfang nimmt in der Kita … und noch viel früher.

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Nachtrag vom 19.1.2015:

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch*
Foto by @Luii_Luise auf Twitter

 *Auch das von @thomas_mohr getwitterte Bild gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Es kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Ich fürchte aber, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen haben und findet auch gar nichts Negatives daran. So blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen.

 

Und da ich eben die Mathehausaufgaben meiner Tochter in die Finger bekommen habe, und auch hier die Geschlechter-Klischeeschleuder weitergedreht wird, fange ich mal eben einen neuen Post an zum Thema Schulbücher und lade dort die Matheaufgabe hoch.

 

ein rosa-hellblaues Jahr geht zuende

Gut sieben Jahre ist es jetzt her, dass sich unser Sohn eines Morgens mit dem Selbstverständnis eines Dreijährigen aufmachte, in roten Gummistiefeln und grünem Nicki-Kleid seiner älteren Schwester in die Kita zu gehen. Da wurde uns sehr plötzlich und schmerzhaft bewusst, wie stark das Thema Geschlechtergerechtigkeit hineinreicht in die Familie, und wie weit in die Kindheit. Dass die Haltung „Lasst die Kinder doch Kinder sein“ nur in dem Sinne funktioniert, dass wir uns einmischen, positionieren und dafür kämpfen müssen, dass unsere Kinder Kinder sein dürfen, also sich ausprobieren, im Kleid in die Kita gehen und sich dann trotzdem vom Baum ins nächste Matschloch stürzen. Wenn wir Kinder Kinder sein lassen aber verstehen als In-Ruhe-lassen, weil die Probleme der Erwachsenenewelt noch früh genug kommen, dann überlassen wir sie den Einflüsterungen von Film und Literatur, von Medien, Werbung und Konsumgüterindustrie – und Flüstern ist definitiv das falsche Wort für das, was auf uns und unsere Kinder einprasselt Tag für Tag, das ist schon mehr ein Gebrüll: So sind sie, die Jungs! (wild und abenteuerlustig) Das mögen Mädchen! (extra Ü-Eier und viel Rosa) Und das geht ja schon mal gar nicht für einen Jungen, ein Kleid zum Beispiel. Oder vielleicht doch?

Wir begleiteten unseren Sohn also im Kleid in die Kita und eine Weile ging alles ganz gut: keine Hänseleien seitens der anderen Kinder, leider einige total lustige bzw. bemüht anerkennende Kommentare von anderen Eltern und Nachbarn. Jedenfalls fühlten wir uns mit einem Mal ziemlich verlassen und allein mit dieser Entscheidung, mit unserer Haltung insgesamt. Stevie Schmiedel, die Initiatorin von Pinkstinks Germany  hat es gerade erst in unserer ‚Langen Nacht der Geschlechterrollen‚ gesagt: es ist einfacher und bringt mehr Anerkennung, sich als radikale Öko-Familie zu outen, als sich mit aller möglichen Konsequenz gegen die wieder zunehmende Aufteilung in Frauenwelten und Männerwelten zu stellen:

 

Und der Spiegel bestätigt es, indem er ein junges Elternpaar portraitiert, das komplett auf Plastik verzichtet. Wir wollen nicht vorschnell urteilen, vielleicht kommt ja im nächsten Jahr das Portrait einer Familie, die sich dem Gendermarketingwahn der Konsumgüter- und Lebensmittel- und Werbeindustrie entzieht. Doch da das letztlich gar nicht mehr möglich ist, wird es dieses Portrait wohl auch nicht geben.

Aus diesem Gefühl heraus jedenfalls, mit unserer Haltung ziemlich allein zu sein, begannen wir mit unserer Recherche. Seit Februar gibt es unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ nun, und die schönste Erfahrung sind die vielen Zuschriften von Menschen, die genau so fühlen, die ihre Geschichten mit uns teilen. Vielen Dank dafür! Sie machen deutlich, dass wir den Trugschluss „Es ist ja nur eine Phase“ aus der Kinderzimmernische hervorholen und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, wenn es uns wirklich Ernst und Hilde ist mit einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Sonst bleiben all die Debatten um Pay Gap und Care Gap, um Alltagssexismus und Frauenquote bloß Stückwerk.

Wir wünschen Ihnen / Euch eine glitzernd grüne Weihnacht, bei der Rosa und Hellblau im Hintergrund bleiben für alle da sind. Und gute Nerven beim Umtausch der Geschenke im neuen Jahr, wenn die Klassikerfrage wieder kommt: Ist es für einen Jungen oder für ein Mädchen?

 (kurzer Ausschnitt aus der "Langen Nacht der Geschlechterrollen")
 

Mit Rosa assoziiere ich Zucker, niedlich, süß …

… und klein. Denn Rosa und groß ist ein Widerspruch, den gibt’s nur bei Cindy aus Marzahn. Rosa ist zerbrechlich, dünnhäutig, zart.

Ballettkleidung ist blassrosa, die Tänzerinnen sind grazil und werden über die Bühne getragen. Die starke Muskelarbeit, die notwendig ist, damit das überhaupt so federleicht aussehen kann, die bleibt geheim, das ist nicht Teil der Vorführung fürs Publikum.  Dazu passen Bonbons und kleine Blümchen, Zuckerwatte und Feenflügel. Flamingos sind rosa – klar, bei diesen langen, dünnen Beinen! Unter den hunderttausenden von Paaren eines Flamingschwarms gibt es übrigens etliche schwule Paare, die sich der verirrten und verwaisten Jungtiere annehmen, aber rosa sind sie alle! Ach, und Schweine sind auch rosa. Komisch, oder?

Flamingos

Foto: szeke via photopin cc

Ich wünschte, rosa wäre ein Farbe für alle, aber rosa ist eine „Mädchenfarbe„, das lernen Kinder von Geburt an, und spätestens im Kindergarten erklären die Mädchen es den Jungs, die meinen, sie dürften auch. Von wegen! Ich wünschte, rosa wäre eine Farbe für alle und würde für Stärke stehen, für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Dann gäbe es keine Kommentare, wenn auch Jungs rosa Spielzeug wählen oder ein Prinzessinnenkleid anziehen wollen. Doch das ist tabu. Rosa ruft: nimm mich, besitze mich! Und das passt nicht zu Jungs, die sollen selber Besitzer werden. Eines tollen Autos zum Beispiel. Sie sollen einen tollen Job haben, ein Haus, ein Boot, eine Frau – am besten in rosa. Deshalb macht sich der kleine Mann in Rosatönen zum Außenseiter. Der große auch. Rosa Hemd ist nur für manche Berufsgruppen akzeptiert, seeehr blass darf es unter Anzügen getragen werden, sonst gehört es in die Ecke der Schauspieler, Sänger … Künstler eben, wer weiß, was die sonst noch so Verrücktes treiben, diese Flamingos der Popkultur. Für alle anderen geht es grade noch als sportliches Freizeitshirt durch, aber das war’s dann auch schon. Der „Pink Poodle„-Schuh ist deshalb eine extravagante Ausnahme: ein puscheliger Schnürschuh in weiß und rosa, vorne drauf ein rosa Pudel-Kopf mit dunkler Sonnenbrille, aufgelistet unter den Herren-Schuhen.

Mit Rosa, Pink und Glitzer in der Berufswelt assoziiere ich nicht Vorstandsetage oder Aufsichtsrat sondern Nagelstudio und Friseursalon, Bonbongeschäft und Assistenz. Alles nur Vorurteile? Wer kümmert sich eigentlich bei Mattel um das Design, die Kleider und Ausstattung der neuen (rosa) Barbie? Ein Mann? Eine Frau? Ein Flamingo? Jemand mit Verantwortung jedenfalls. Also Verantwortung für die Mitarbeiter*innen versteht sich. Die Verantwortung für die Kinder unter den Kundinnen und Kunden kann man darüber schon mal vergessen. Deshalb gibt es unter den Barbies 2013 auch die Reihe ‚Fashionistas‚ mit der tausendsten rosa Handtasche, rosa Schleife um den Hals, rosa Pumps und rosa Glitzerkleid – eine heißt Cutie (kein Scherz!), die nächste Sweetie – wie süüüß!!!

– Dasselbe sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind aus den Decken eines Kinderwagens auftaucht und lustige Laute ausprobiert. „Ach, wie süß!“ bekommen unter Fünfjährige häufiger zu hören als jede andere Altersgruppe. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb sehe ich keinen Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchenchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen die Mädchen mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige dreijährige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen. Und andersherum gehen die Stimmen beim Jungen, der in rosa gekleidet für ein Mädchen gehalten wird, nach oben (sog. Baby-X-Experimente). Und sobald Eltern das Geschlecht des Ungeborenen erfahren, ändert sich ihr Verhalten:

„Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der man mit dem Baby im Bauch spricht, orientiert sich daran, ob es eine ’sie‘, ein ‚er‘ oder eben noch ein ‚es‘ ist.“

sagt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“ Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg –  Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!

Doch dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, weißen Kleidchen, bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge –  für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. Spielzeugherstellern gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsene ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel.

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Ich hoffe sehr, wir finden eine bessere Lösung für die Zukunft als einfach nur die Schubladen zu tauschen!