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„Nähen ist kacke“! – Wie lassen sich Kindergeburtstage für Mädchen UND Jungen organisieren?

Geburtstags-Schiffkuchen
Kay wollte dieses Jahr zuhause Geburtstag feiern, und das nehme ich mal als Kompliment. Denn jede Elternschatzsuche, jeder Kindergeburtstag zuhause steht ja in harter Konkurrenz zu Bowling-Bahn-Einladungen, Piratenland, Indoor-Spielplätzen, Schlittschuhbahnen, Erlebnisschwimmbädern, Ausflügen mit Lama-Führung, Hochseilgarten und Geburtstagen in der Schmuckwerkstatt. Wie konnten sich Kindergeburtstage in den letzten dreißig Jahren zu derartigen Eventveranstaltungen mit langer Vorbereitungszeit entwickeln?

Meine eigenen Kindergeburtstage fanden alle zuhause statt. Und auch die bei Freund*innen waren immer eine prima Gelegenheit, die Wohnungen und Kinderzimmer der anderen zu erkunden. Manche hatten sogar einen Hobbyraum. Irgendwo habe ich noch ein 70er Jahre-Foto, auf dem ich mit einem Schulfreund an der ‚Bar‘ stehe. Die Bar ist ein abgeschabter Kellertisch, dahinter steht Frank, der Apfelsaft ausschenkt, davor lehnen zwei Neunjährige in bunt gestrickten Pullundern, die mit weißen, dünnen Plastikbechern anstoßen. Natürlich längst nicht so kreativ wie Töpfern im Künstleratelier und dann auch noch höchst bedenklich im Hinblick auf späteren Alkoholgenuss auf Geburtstagsfeiern und so. Trotzdem bin ich für Daheim-Geburtstage mit Topfschlagen, so lange es geht.

Motto-Parties

Doch die nächste Geburtstagseinladung liegt schon auf dem Tisch: „Wir gehen in die Zirkusschule, bitte bring Turnschläppchen mit.“ Immerhin geschlechterübergreifend, wenn auch für 200 Euro laut Internetseite des Veranstalters. Denn die Alternative sind Motto-Parties mit Lillyfee-, Hello Kitty-, Barbie-, StarWars-, Sharky-Aufdrucken auf Servietten, Tellern, Bechern und Tütchen, und die trennen fast immer nach Geschlecht.
Als Janis‘ Geburtstagseinladung bei uns auf dem Küchentisch lag – Piratenparty, bitte komm verkleidet – da wollte Luca gar nicht erst hin. Der Weg der Überzeugung war lang: „Es gibt aber doch auch Piratinnen!“ Ja, schon, aber eben nur auch. Das Basismodell ist „DER Pirat“. Die Piratin wurde erst dazu erfunden, als sich Eltern und Kindergartenpersonal Gedanken gemacht haben, wie man die andere Hälfte, die nicht mitspielen will, mit einbeziehen könnte. Das merken Kinder, sind ja nicht blöd.
Und gibt es Jungs, die sich auf eine Prinzessinnenparty freuen dürfen, ohne einen Kommentar dafür zu ernten? Der Kuchen ist ein Schloss aus Zucker, Muffins gibt ’s mit Glitzersternchen, die Tischkärtchen und Servietten haben Krönchen drauf, Becher und Teller gibt ’s mit Prinzessin, Fähnchen … wo könnte ich mein Geld noch unterbringen, bitte? Die Spiele und Aufgaben bekommen neue Namen, alles läuft unter dem Prinzessinnen-Motiv. Statt Blinde Kuh spielen wir Prinzessin-auf-der-Erbse: Wer den Geschmack des Bonbons unter seinem Kissen errät, darf es essen. Und natürlich wird um festliche Schlossgarderobe geben, braune Kapuzenpullis mit Baggern drauf sind nicht zugelassen. Bei pinterest quellen die Pinnwände über, auf denen Eltern Ideen sammeln für die nächste ‚Little Princess Party‚ – ob dort auch Väter Dekotipps für rosa Geburtstage posten? Für amerikanische Eltern gehören zum Prinzessinnen-Motto offenbar auch Tanzschühchen auf der Einladung, Tänzerinnen in langen Brautkleidern und Lippenstift für die Besucherinnen. Mit so vielen Cinderellas im Kinderzimmer bekommt sogar Mutti ihren Traum erfüllt. Denn irgendwie muss es ja ihr eigener gewesen sein, hätte sie sich sonst nicht ein kleines bisschen zurückgehalten und wenigstens auf die rosa Tülldeko, die gefärbte Sahne und die Marzipan-Pumps verzichtet? – Moment, ich muss mal eben ein Stück Käse essen und eine Tüte Peperoni-Chips öffnen …

Nähen mit Freund*innen 

Das Motto öffnen und aus dem Prinzessinnentag einen Märchengeburtstag zu machen wäre ein Weg. Obwohl ich fürchte, dass selbst im Rheinland die Verkleidungen für Prinzen, Hänsels und Frösche lange hängen bleiben. Nur Könige gehen vielleicht noch. Es gibt sicher Themen, die sich besser eignen, wenn alle mitmachen sollen,’Unter Wasser-Geburtstag‘ zum Beispiel oder ‚Außerirdische‘. Oder eben ganz ohne Motto.
Unser Vorschlag für Kays Geburtstag im matschigen Januar: wir bieten Stationen im Haus: Im Kinderzimmer zu zweit ein Haus bauen, im Wohnzimmer verkleiden und sich gegenseitig fotografieren, in der Küche Pizza backen mit Sascha, im Keller einen Stoffbeutel nähen mit mir. Ich hatte die Arschkarte gezogen, sorry, aber so war’s: Unter den fünf Kindern war ein einziges Mädchen, die war zuerst bei mir zum Nähen, war ja klar. Dann kamen meine beiden Töchter, danach mein Sohn, der das schon kennt und deshalb einen zweiten Jungen überreden konnte. Die letzten beiden mussten zu ihrem Glück gezwungen werden. „Äääh, neee, ich will nicht nähen, das ist doch Kacke“ – so der ätzende Kommentar. Der

Kinderwerk

Kinderwerk, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Klischeefrust ging direkt weiter: Beim Nähen an der Maschine fällt den beiden nämlich auf, dass der Fußtaster ja wie das Gaspedal beim Auto sei, also treten sie drauf wie blöde, dass der Stofffetzen oben zappelt. Mir fällt keine lustige Idee ein, mit der ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Nadel lenken könnte, deshalb nutze ich ihr Autobild und zeichne ihnen einen Kreidestrich auf den Stoff verbunden mit der Aufgabe, wenigstens auf der Straße zu fahren und in den Kurven zu bremsen. Wie im Computerspiel eben. Toller Versuch, voll auf die Jungsschiene eingestiegen. Leider oder zum Glück steigen sie drauf ein, sie kommen runter von ihrer Autobahn und der eine kriegt seine Stofftasche fertig.

Als er dann dem anderen zuschauen soll, macht er direkt weiter in seiner so phantasievollen Assoziationskette: der Motor meiner gusseisernen Nähmaschine erinnert ihn plötzlich an ein Maschinengewehr. Ist ja auch naheliegend. Was sonst? Beide Jungs brüllen vor Begeisterung und ahmen Spucke sprudelnd nach, was sie unter Maschinengewehr abgespeichert haben. Der Sound scheint ihnen sehr vertraut, spielt er doch täglich eine Rolle in ihrem Kinderleben, da ließ sich diese Verknüpfung ja nicht vermeiden, ist bestimmt tief im männlichen Gehirn verankert: Nähmaschine und Maschinengewehr, was sonst. Das ist wie Singen und Klatschen, wie Vollbremsung und Metallcrash. Woher sie das haben?

Mit Hängen und Würgen war auch die letzte Tasche fertig geworden, so dass alle Kinder ihre Gummibärchentüten reinpacken konnten. Jetzt los in die Küche, die Pizzen essen, noch eine Stunde bis zum Abholen. Bitte keine Jungs- oder Mädchenklischees mehr für heute. War aber nix, beim Essen fallen trotzdem in loser Reihenfolge und für mich ohne erkennbaren Zusammenhang die Wörter Laserschwert, kämpfen, Zombie, Raketen, kaputtmachen, Pistole, Außerirdische. Und als wir einen Geburtstagskanon vorschlagen, ruft Malte: „Au ja, Jungs gegen Mädchen!“

Unter der Tür kam dann zum Abschluss noch der Satz, der alles Vorhergehende für mich völlig logisch erscheinen ließ. Er kam vom Vater des spuckenden Maschinengewehrs. Der Junge stand stolz und glücklich mit seinem Stoffbeutel vor unserem Haus und lutschte an der Bonbonkette, die er aus den Mitgebsel-Geschenken gefischt hatte – eine dieser Ketten mit pastellfarbenen, kleinen Bonbons, aufgereiht auf einen weißen Gummifaden. Dreht sich der Vater zu seinem Sohn um, guckt, zögert und sein Kopf muss leer sein bei der Frage: „Was hast du denn da bekommen? Ist das nicht eigentlich was für Mädchen?“

Zuckerkette

Zuckerkette, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Kindergeburtstagen gemacht? Wie geht Ihr so einen Tag an, wenn nicht andere das Programm übernehmen? Welche Spiele, Geschenke, Deko, Verkleidung etc. wählt Ihr, wenn Ihr die Klischees umschiffen wollt? Ist es möglich, einen Kindergeburtstag zu organisieren, der ohne Schubladenzuordnung auskommt, also ohne Gedanken rund um DIE Jungs (mögen nun mal…, spielen eben gern…) und DIE Mädchen … (haben eben lieber…, und können… besser…)?

 

Typisch Mädchen? Typisch Junge?

Einladung zum Radiohören

Dass Rosa und Hellblau in unserer Kultur und Zeit eben nicht „nur“ Farben sind, sondern mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Dinge assoziiert werden, das wird klar und auch spürbar beim Anblick der Kinderzimmer, die die Fotografin JeongMee Yoon seit 2005 in ihrem „Pink & Blue Project“ festhält. Was in den Fotos übertrieben scheint, findet sich aber auch im Alltag von Vorschulkindern hier und heute. Einmal den Blick geöffnet, einmal das Ohr gerichtet auf Kommentare, Zuordnungen, Bewertungen fällt auf, dass schon die Kleinsten lernen, wie ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat und was einen „richtigen“ Jungen ausmacht“.

Zu diesem Thema haben wir ein Radiofeature (25 Minuten) produziert, das am Samstag, 1.2. ausgestrahlt wird wurde – hier geht es zum Audio und zu dem wir gerne einladen wollen:

1. Februar um 8:30 – 9:00 Uhr auf SWR2 und danach auch als Podcast:

Typisch Mädchen? Typisch Junge? –

Geschlechterstereotype im Vorschulalter“

 

Mädchen lieben rosa, und Jungs sind nun mal wild. Was soll man da schon machen als aufgeklärte Eltern? Hat sich an dieser strikten Rollenzuweisung eigentlich etwas Grundlegendes verändert in den letzten Jahrzehnten? In den 1970ern wollten viele Eltern es unbedingt vermeiden, ihre Kinder auf Geschlechterrollen festzulegen. Wie sieht das heute aus? Befinden wir uns auf einem stetig, wenn auch langsam aufsteigenden Weg hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Oder ist rosa vielleicht noch süßer geworden und himmelblau dem Nintendo-Schwarz gewichen? Eine Sendung über Tanzkurs und Fußballtraining, Puppen- und Bauecke, Röckchen und Camouflage-Pullis und über die Rollenvorstellungen in Kindertageseinrichtungen und Kinderzimmern.

Eine Sendung mit Sigrid Schmitz, Professorin für Gender Studies an der Universität Wien. Mit der Diplom-Pädagogin Susanne Wunderer aus Köln, und mit Erzieherinnen und Kindern der KiTa Sonnenblume in Burscheid-Hilgen.

Vielen Dank noch einmal an alle Mitwirkenden!

 Hier der Anfang des Radiofeatures zum Reinhören:

Ausschnitt zum Reinhören

„Typisch Mädchen? Typisch Junge?“ – Ausschnitt zum Reinhören