Archive | Kleidung RSS feed for this section

Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?

Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

Zu mädchenhaft? Twittergewitter!

Den Freund*innen des Gendermarketing, v.a. wenn sie selbst Kinder haben, sei diese Sammlung gewidmet. Eltern und ErzieherInnen, die davon überzeugt sind, Kinder „neutral“ zu behandeln, nehmen bestimmt auch die eine oder andere Anregung mit ;-)

Sie sei auch jenen gewidmet, die für eine spezielle, „artgerechte Haltung“ von Jungs plädieren (als wären sie Hühner. Anm d. Verf.) und Glaubenssätze nach dem Motto „Boys will be boys“ vertreten, anstatt unser verallgemeinerndes, einengendes Bild vom „echten Mann“ infrage zu stellen.

Die Häufung dürfte deutlich machen, wie oft Kinder als „falsch“ abstempelt werden, wenn sie sich anders entscheiden, als es die Rosa-Hellblau-Falle der Erwachsenenwelt für sie vorgesehen hat.

Als Ergänzung: vor kurzem gab’s *hier* die Sammlung rund um das rosa Ü-Ei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  ———————  

In diesem Sinne,

 

mit herzlichen Grüßen aus der #RosaHellblauFalle :-)

 

meine ganz persönliche Rosa-Hellblau-Falle

„schwarzbrot, weißbrot … scheiß auf den farbcode“*

Auf einem Blatt Papier sind Punkte unterschiedlicher Größe und Farbschattiertung eng aneinander abgebildet. Ich soll in diesem Punktegewirr Zahlen erkennen oder Buchstabenkombination, manchmal auch Figuren … und sehe meistens nichts. Und wenn doch, dann sehe ich das Falsche. Ich sei eben rot-grün-blind. Als Kind fand ich das einigermaßen seltsam, farbenblind? Ich? Meine Welt war doch ausgesprochen bunt, die Wiesen grün, der Himmel blau und die Erdbeeren rot mit gelben Pünktchen. Nur manchmal war mein Rot für andere grün oder braun, mein Blau wohl eigentlich lila oder türkis, und mein Hellblau war in der Tat für andere oft rosa. Als ich mir irgendwann meine Kleider selbst ausgesucht und gekauft habe, mag es bisweilen zu eigenwilligen Farbkombinationen gekommen sein, in den 1980er Jahren meiner Jugend schien das aber nicht so wichtig, zumindest kann ich mich an keine Ausgrenzungserfahrung erinnern, als ich mit einer ersten selbst gekauften Herbstjacke in die Schule kam: sie war leuchtend lila, das Innenfutter hatte hellrosa Blümchen.

Bei der Eingangsuntersuchung zum Zivildienst wurde statt meiner Rot-Grün-Blindheit eine allgemeine Farbsehschwäche diagnostiziert. Für mich aber ist es nur eine Farb-„Benennungsschwäche“, denn, wie gesagt, meine Welt ist ausgesprochen bunt. Farben haben für mich hin und wieder andere Namen und sind mir vielleicht nicht so wichtig wie manch anderen, schon gar nicht Rosa und Hellblau. Meinem Onkel mütterlicherseits – Farbsehschwäche wird ja vererbt, rezessiv auf dem x-Chromosom, weshalb mehrheitlich Männer davon betroffen sind – geht es ähnlich; auch wenn wir uns keineswegs einig sind bei der Benennung einzelner Farben. Mein Onkel traf also eine Bekannte beim Spazierengehen, die ihm stolz ihr Neugeborenes zeigte. Und er ganz unbedarft: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Und sie überrascht, leicht fassungslos: „Aber das sieht man doch! Ein Junge!“ Dem Kind sah man es freilich nicht an, aber eben seiner Ausstaffierung: zartes Hellblau allüberall, das sich aber für meinen Onkel und mich erstens nicht so ins Bewusstsein drängt und zweitens auch hätte Rosa sein können oder eine Mischung von beidem. Auf jeden Fall konnte er sich nicht sicher sein und hat deshalb lieber nachgefragt, bevor er in sein persönliches Rosa-Hellblau-Fettnäpfchen tritt. Wie hätte sie erst reagiert, wenn er auf Mädchen getippt hätte?

Ich weiß nicht, was ich meinen Töchtern, meinem Sohn schon alles angezogen habe morgens, wenn es schnell gehen musste. Aber da für mich das alles selbstverständlich und normal war, haben sie es auch mit derselben Selbstverständlichkeit in ihre Kitas und Grundschulen getragen, war eben mal wieder Karneval und Verkleiden angesagt trotz anderer Jahreszeit. Auf jeden Fall empfinde ich es zunehmend als Vorteil, nicht mit drin zu stecken in dieser Farbhierarchie und dem Bestreben, richtig zu sein, dazu zu gehören. Es ist schön, es ist ungemein angenehm, diese farbliche Zuordnung und Zumutung Jungs = hellblau, Mädchen = rosa einfach nicht wahrzunehmen.

Meine Kinder haben die Farbsehschwäche nicht geerbt, ich hoffe aber, dass sie Farben und ihre Zuordnung auch nie so wichtig nehmen werden. Farben sind relativ und vor allem ihre Bewertung und die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Denn wie auch Jana Pikora in ihrem Gastbeitrag schreibt, gibt es schließlich Farben:

„… die im Außen nicht zu finden sind, für die es keine Namen gibt. In unserer Wahrnehmung existieren weit mehr Schattierungen und Abstufungen als wir mit Sprache zu fassen vermögen.“

*Grüße an die Rap-Gruppe Fettes Brot aus Hamburg

 

 

Rosa-Bann und Hellblau-Falle

Die Feen- und Glitzerwelt eines kleinen Jungen

Radiofeature um 10:05 – 10:30 Uhr

(Link zum Feature in der Mediathek)

Live-Diskussion mit Hörerinnen und Hörern: 19.20 bis 20 Uhr

(Link zum Nachhören)

Puppen und Prinzessinnen, Glitzer und Nagellack, die Sprache der Werbung, Produkt- und Verpackungsdesign vermittelt deutlich, dass all diese Dinge Mädchen vorbehalten sind, für Jungen tabu. Interessiert sich ein kleiner Junge doch dafür, dann erfährt er schiefe Blicke, verletzende Kommentare und Unsicherheit bei Eltern, Erziehern und Lehrerinnen.
Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ haben wir eine junge Familie kennengelernt und begleitet. Deren fünfjähriger Sohn ist fasziniert von einem Lebensbereich, aus dem er sich zugleich ausgeschlossen fühlt. Wie gehen die Eltern damit um?

 

 

 

ein rosa-hellblaues Jahr geht zuende

Gut sieben Jahre ist es jetzt her, dass sich unser Sohn eines Morgens mit dem Selbstverständnis eines Dreijährigen aufmachte, in roten Gummistiefeln und grünem Nicki-Kleid seiner älteren Schwester in die Kita zu gehen. Da wurde uns sehr plötzlich und schmerzhaft bewusst, wie stark das Thema Geschlechtergerechtigkeit hineinreicht in die Familie, und wie weit in die Kindheit. Dass die Haltung „Lasst die Kinder doch Kinder sein“ nur in dem Sinne funktioniert, dass wir uns einmischen, positionieren und dafür kämpfen müssen, dass unsere Kinder Kinder sein dürfen, also sich ausprobieren, im Kleid in die Kita gehen und sich dann trotzdem vom Baum ins nächste Matschloch stürzen. Wenn wir Kinder Kinder sein lassen aber verstehen als In-Ruhe-lassen, weil die Probleme der Erwachsenenewelt noch früh genug kommen, dann überlassen wir sie den Einflüsterungen von Film und Literatur, von Medien, Werbung und Konsumgüterindustrie – und Flüstern ist definitiv das falsche Wort für das, was auf uns und unsere Kinder einprasselt Tag für Tag, das ist schon mehr ein Gebrüll: So sind sie, die Jungs! (wild und abenteuerlustig) Das mögen Mädchen! (extra Ü-Eier und viel Rosa) Und das geht ja schon mal gar nicht für einen Jungen, ein Kleid zum Beispiel. Oder vielleicht doch?

Wir begleiteten unseren Sohn also im Kleid in die Kita und eine Weile ging alles ganz gut: keine Hänseleien seitens der anderen Kinder, leider einige total lustige bzw. bemüht anerkennende Kommentare von anderen Eltern und Nachbarn. Jedenfalls fühlten wir uns mit einem Mal ziemlich verlassen und allein mit dieser Entscheidung, mit unserer Haltung insgesamt. Stevie Schmiedel, die Initiatorin von Pinkstinks Germany  hat es gerade erst in unserer ‚Langen Nacht der Geschlechterrollen‚ gesagt: es ist einfacher und bringt mehr Anerkennung, sich als radikale Öko-Familie zu outen, als sich mit aller möglichen Konsequenz gegen die wieder zunehmende Aufteilung in Frauenwelten und Männerwelten zu stellen:

 

Und der Spiegel bestätigt es, indem er ein junges Elternpaar portraitiert, das komplett auf Plastik verzichtet. Wir wollen nicht vorschnell urteilen, vielleicht kommt ja im nächsten Jahr das Portrait einer Familie, die sich dem Gendermarketingwahn der Konsumgüter- und Lebensmittel- und Werbeindustrie entzieht. Doch da das letztlich gar nicht mehr möglich ist, wird es dieses Portrait wohl auch nicht geben.

Aus diesem Gefühl heraus jedenfalls, mit unserer Haltung ziemlich allein zu sein, begannen wir mit unserer Recherche. Seit Februar gibt es unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ nun, und die schönste Erfahrung sind die vielen Zuschriften von Menschen, die genau so fühlen, die ihre Geschichten mit uns teilen. Vielen Dank dafür! Sie machen deutlich, dass wir den Trugschluss „Es ist ja nur eine Phase“ aus der Kinderzimmernische hervorholen und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, wenn es uns wirklich Ernst und Hilde ist mit einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Sonst bleiben all die Debatten um Pay Gap und Care Gap, um Alltagssexismus und Frauenquote bloß Stückwerk.

Wir wünschen Ihnen / Euch eine glitzernd grüne Weihnacht, bei der Rosa und Hellblau im Hintergrund bleiben für alle da sind. Und gute Nerven beim Umtausch der Geschenke im neuen Jahr, wenn die Klassikerfrage wieder kommt: Ist es für einen Jungen oder für ein Mädchen?

 (kurzer Ausschnitt aus der "Langen Nacht der Geschlechterrollen")
 

hauteng in lila oder sackweit in blau

Es ist 1 Uhr nachts und ich habe mich in den Kommentaren verhakt. Das Nuf hat einen Blogpost über meinen Nachmittag vorgestern in der Bonner Innenstadt geschrieben, obwohl sie gar nicht mit dabei war. Obwohl sie den Rumms gar nicht gehört haben kann, als mich bei Ernstings-Gedöns der Schlag getroffen hat.


Da steckte nämlich meine Tochter in der Umkleidekabine fest, ich hing davor in einer Ecke mit einem Arm voller Hosen, die ich aus dem Regal eingesammelt habe, über dem ‚Für Jungs‘ oder ‚Boys‘ oder weiß der Geier was steht. Jedenfalls ist ein Junge darüber abgebildet, auf den Hosen steht JuHose und es gibt sie zwar in orange, leuchtendem Blau und einfach jeansfarben, und ich war froh eine scheinbar neutrale Alternative zum Angebot aus der Mädchenecke zu haben. Denn dort war alles entweder in pink-rosé, mit Schmetterlingen oder hauteng. Doch die Alternativhosen sind sackweit, haben einen sehr hohen Bund und werfen Falten auf Hüfthöhe. Meine Tochter steckt also in der Umkleide fest und erklärt mir durch den Vorhangschlitz: „Jetzt habe ich das aber gesehen, dass das eine Jungen-Hose ist, und dann ist die eben gleich ein bisschen komisch, das kann ich jetzt auch nicht mehr vergessen.“

DSCN5343Ich bin total genervt und muss aufpassen, dass ich es nicht an ihr auslasse, denn ich finde, sie kann nichts dafür. Sie kann wirklich nichts dafür, dass alle Mädchen-Unterhemden, die ich finden konnte, Spaghetti-Träger haben. Dass es kaum T-shirts ohne Aufschrift gibt, und keine nicht-gegenderte dabei war. Dass die ganze Warenwelt Kindern in Wort und Bild von allen Seiten eintrichtert: So sind sie, die Jungen, bist du einer, dann kaufe hier. Und so anders sind sie, die Mädchen, bist du eins, dann komm hier rüber. Es ist doch völlig klar, dass es nur die wenigsten Kinder wagen, diese zwar unsichtbare und doch meterhohe Grenze zu überschreiten.

DSCN5339Wenn wir Kinder in zwei Gruppen einteilen, in die Gruppe der niedlichen Mädchen, die Rosa mögen und in die andere Hälfte der coolen Jungs, die auf gedeckte Farben stehen, dann ist doch klar, dass unsere Kinder zu ihrer jeweiligen Gruppe dazugehören wollen. Kinder wollen keine Außenseiter sein. Und wenn es nur um Farben ginge, dann gäbe es dazu gar nichts weiter zu sagen. Wir könnten uns noch ein bisschen ärgern, dass Jungen doch auch Rosa mögen, es wären aber nur Farben! Doch leider geht es ja nicht um die farbige Oberfläche des rosa-hellblau-Themas, sondern es geht um die Eigenschaften und Interessen, die mit diesen Farben verknüpft werden. Bei Schulranzen, Klebestiften und Mäppchen. Bei Freundebüchern, Aufklebern und Bastelsets. Bei Seifenblasen, Bällen und sogar Spielzeugpistolen. Bei Muffinbackmischungen, Brause und Trinkflaschen. Also auch bei Schuhen, Pullis und Unterhosen. Auf „Mädchenkleidung“ sind Schmetterlinge, Perlen, rosa Blümchen, Häschen und Pferde drauf. Auf blau-brauner „Jungenkleidung“ steht ‚Race‘ oder ‚Formel 1‘ und es sind Autos, Skateboards oder wilde Tiere drauf. Und DAS ist doch der große Ärger an der Sache. Nicht die Farbensortierung allein, sondern dass Kinder in ihren Interessen und Eigenschaften eingeschränkt werden auf niedlich-lieb-hübsch-nett auf der einen Seite und mutig-unabhängig-cool und wild in der anderen Abteilung. „Boys will be Boys“ – so sind sie eben, oder wie? Henne oder Ei? Kinder kommen nicht auf die Welt und wollen einen Pulli mit einem bestimmten Aufdruck drauf. Mädchen entscheiden sich nicht – schwupps – kaum auf der Welt, dass sie ab jetzt auf Rosa stehen und Tiere mit Fell süß finden, genausowenig sich wie Jungen von Geburt an für Technik interessieren. Es gibt kein Auto-Gen, kein Prinzessinnen-Gen, nichts, das rechtfertigen würde, warum Kindern verwehrt wird, frei aus dem gesamten Angebot zu wählen. Doch die Verbindung Mädchen = hübsch, Junges = cool wird durch Kleidung, Spielzeug, Buchtitel, Filme, Werbung derart fest gezurrt, dass wir gar nicht mehr sehen, wo überall im Alltag wir sie verstärken. Wir Erwachsenen sorgen schon vor der Geburt dafür, dass unsere Kinder von Anfang an sehen und lernen, welche Hälfte der Welt wir für sie vorgesehen haben. Kleine Kommentare („Hast Du heute das Shirt deines Bruders an?“), aufmunternde Blicke bei der „richtigen“ Wahl, andere nonverbale Zeichen mögen leichter zu übersehen sein. Aber bei der überwältigenden Flut von Bagger-Piraten und Hello Pippi-Aufdrucken auf jeder Art von Produkt, das für Kinder angeboten wird, müsste doch für alle offensichtlich sein, wieviel Einfluss wir hier nehmen. Für viele ist es das bestimmt auch, und vielleicht sind darunter sogar Designer*innen, Werbefachleute, Einkäufer*innen und Ladenbesitzer*innen. Doch sie sind entweder in der absoluten Minderheit, oder sie stellen den finanziellen Gewinn über alles. Ich fürchte, das zweite ist der Fall.

 

Die Lösung? Heute Nacht habe ich sie nicht mehr. Morgen nähe ich ein kunterbuntes Shirt aus Stoffresten fertig. Ich kann nur hoffen, dass mein Sohn es anziehen wird, denn auch er hat längst gelernt, was die Umwelt von einem Zehnjährigen erwartet. Kommentare für sein grünes Nickikleid hat er schon mit drei Jahren einstecken müssen. Heute geht er dieser Art Auseinandersetzung lieber aus dem Weg und passt sich an. Wen wundert’s.

„Alles Scheiße außer Flohmarkt“ (schreibt stilhäschen), und das ist auch mein Motto. Die Suche ist auch dort eher mühsam, aber es gibt wenigstens keine Schilder drüber, die festlegen, dass das rote Shirt für Mädchen sei.

Und in der Zwischenzeit warte ich, dass das Nuf’sche Konzept Wirklichkeit wird:

Ein Laden für Kinderkleidung für Mädchen UND Jungen.

Wirklich völlig abgefahren!