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Jungen weinen nicht

Sind Hänseleien ein Zeichen von Zuneigung?

Sowohl @dasnuf als auch @mama_notes haben in der vergangenen Woche auf ihren Blogs Artikel geschrieben über die fatale Botschaft, die wir Kindern mit auf den Weg geben, wenn wir körperliche oder verbale Hänseleien mit einem „Der mag dich eben“ abtun  (Bezeichnend auch in dem Zusammenhang, dass es zumindest im Wortschatz keine ‚Greteleien‘ gibt). Für einen kurzen Moment mag es nachvollziehbar sein, dem geärgerten Kind zuliebe etwas Positives aus der Situation zu ziehen, aber ich teile die Meinung der beiden oben genannten Bloggerinnen, dass damit auf lange Sicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Und ich denke vor allem, dass wir dringend mehr Energie darauf verwenden sollten, Hänselnden jeden Alters beizubringen, wie sie ihre Zuneigung anders als durch Schubsen, Ärgern und Draufhauen ausdrücken, da die Erniedrigung anderer, nur der Versuch ist, sie auf das eigene Niveau herabzusetzen.

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

„Was sich liebt, das neckt sich“

Mama_notes schreibt: „‚Ich glaub‘ der mag dich‘, ist Victim-Blaming“, und ich halte es für durchaus angebracht, diesen Begriff hier einzubringen, der vor allem assoziiert ist mit Debatten um Vergewaltigungsfälle, in denen das Opfer für die Straftat mitverantwortlich gemacht wird. Von hänselnden Kindern zu Vergewaltigung zu springen mag auf den ersten Blick maßlos dramatisierend scheinen, aber es liegen nur zwei Gedankensprünge dazwischen, sobald sich eins überlegt, warum es Kinder (ich unterstelle, dass das mehr Jungs als Mädchen sind) gibt, die Zuneigung durch unfreundliches Verhalten ausdrücken:

1) „Jungs weinen nicht!“

Jungen lernen von klein auf, sich zusammenzureißen. Die Ermahnung: „Heul nicht, Du bist doch kein Mädchen!“ ist auch in 2016 nicht ausgestorben, den meisten Jungen wird Verletzlichkeit als etwas Negatives vermittelt. Eine Studie aus den USA (Quelle wird nachgeliefert > Leider nicht die im Folgenden beschriebene, dafür eine mit ähnlichem Ergebnis: Eltern “are four times more likely to tell girls than boys to be more careful”) zeigte, dass Eltern, deren Kind im Spiel hingefallen ist oder sich eine Schramme geholt hat, bei Söhnen häufiger dazu tendieren, sie nach einem kurzen Check wieder loszuschicken, und dass Töchter dagegen länger geströstet und außerdem häufiger ermahnt werden, besser auf sich aufzupassen. Mädchen lernen also schon früher, auf sich selbst und ihren Körper acht zu geben, sich um sich selbst zu kümmern, gilt als weiblich – zahllos die Witze über Männer, die bei einer leichten Erkältung zwar nicht aus dem Jammern herauskämen, sich aber bei ernsten Erkrankungen häufig zu spät in ärztliche Behandlung begeben.

Zu weinen, sich verletzlich zu zeigen, sich Sorgen zu machen, sich zu ängstigen, einfühlsam zu sein, ist überwiegend weiblich konnotiert. Auch wenn die Mehrheit überzeugt ist, Kinder „gleich“ zu behandeln und davon ausgeht, das Klischee im Umgang mit dem eigenen Kind, in der eigenen Erziehungspraxis aufzubrechen, so ist doch der Alltag von Kindern voll mit Boys-don’t-cry-Botschaften.

Und selbst wenn Eltern derartige Ermahnungen komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen haben, bleiben doch die „Die hard“-Helden aus Hollywood, die unnahbaren Dove-Models auf Werbeplakaten und die Piraten-Abenteurer-Feuerwehr-Sieger-Bilder des Gendermarketing. Wenn also besorgt, ängstlich, traurig, als Gefühle für Jungen eher nicht in Frage kommen, wenn Filmhelden und Werbebotschaften auf den coolen, unnahbaren, unabhängigen, unverletzbaren, souveränen Helden setzen, was bleibt dann?

2) Jungen lernen, dass ihnen Ärger zugestanden wird

Jungen erfahren also durch die Reaktionen Erwachsener, dass aus der großen Palette menschlicher Gefühle ein ganzer Bereich für Jungen und Männer tabu ist. Zu weinen ist peinlich, empathisch zu sein untypisch.

Im Gegenzug lernen sie, dass ihnen Ärger durchaus zugestanden, ja geradezu von ihnen erwartet wird: In sogenannten „Baby X-Studien“, in denen in unterschiedlichen Settings die Reaktionen Erwachsener auf Jungen bzw. Mädchen untersucht werden, zeigt sich, dass ein weinender Säugling häufiger als ärgerlich oder zornig wahrgenommen wird, wenn die Erwachsenen annehmen, es handle sich um einen Jungen. Wird ihnen dasselbe weinende Kind als Mädchen vorgestellt, lesen sie sein Weinen häufiger als Angst.

In einem Artikel der NewYorkTimes beschreibt Andrew Reiner eine Szene aus einem Video, in dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der offenbar zum ersten Mal eine Spritze bekommt und deshalb Angst hat. Man hört den Vater aus dem Off, der seinem Sohn sagt, er solle aufhören zu weinen:

Say you’re a man: ‘I’m a man!’ ” The video ends with the whimpering toddler screwing up his face in anger and pounding his chest. “I’m a man!” he barks through tears and gritted teeth. (Andrew Reiner: Teaching men to be emotional honest. New York Times, 4.4.2016)

Die Szene ist ein Beispiel dafür, wie Jungen beigebracht wird, ihre Angst oder ihren Schmerz in Ärger zu wandeln. Und auch die praktische, passiv-zurückgelehnte Haltung „Boys will be boys“ / „So sind sie eben, die Jungs“,  kann täglich in wilden bis rücksichtslosen Szenen auf Spielplätzen beobachtet werden. Sie impliziert ja, dass wir ungestümes oder gar unhöfliches Verhalten von Jungen geradezu erwarten können und es unterstellt, dass Jungen nicht fähig seien, Mädchen respektvoll zu behandeln.

Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass Vorschulkinder ein lächelndes Gesicht als weiblich und ein zorniges Gesicht als männlich erleben (> Untersuchungen von Hanns Martin Trautner), und uns das Bild eines weinenden, schluchzenden Mannes sehr viel mehr irritiert als das eines frustrierten, der vor Ärger gegen eine Wand tritt.

The fact that many of us would still be more confronted by the sight of a man crying than by seeing him kick a wall in anger or frustration shows there is still an urgent need for more open conversations around what defines both strength and vulnerability, and what defines masculinity as well. („Do real men cry? How redefining masculinity can save life“, Daily Telegraph, 15.10.2016)

Der Täter wird entschuldigt, der Übergriff verharmlost

Es ist also bestimmt was dran an der Erklärung, die manches Mädchen schon zu hören bekommen hat, als sie bei Erwachsenen Hilfe suchte: „Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich mag!“. Aber sie erklärt nicht, warum Erwachsene dieses Verhalten als so harmlos empfinden.

Jungs sollen und wollen, darauf ist ihre (nicht nur mediale) Sozialisation ausgerichtet, cool und stark sein, immer ‚Herr der Lage‘. Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Empathie insgesamt sind da eher hinderlich, weil sie verletzlich machen, weil sie zu Ablehnung, Spott und Ausgrenzung, zu Trauer führen könnten. Um dieses Risiko zu umgehen, lernen viele Jungen und auch Mädchen, diese (weiblich konnotierten) Gefühle in Ärger umzuwandeln und zu tarnen. Anstatt ihre Gefühle positiv auszudrücken, wählen sie den für sie männlich konnotierten Ausweg: sie ärgern, schubsen und raufen.

„Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich gern hat.“ – Vielleicht aber auch nicht. Mit dieser Botschaft wird der Täter entschuldigt und der Übergriff nicht nur verharmlost sondern sogar zum Kompliment umgedeutet.

Ist das die Botschaft, die Kinder daraus mitnehmen sollen? Sie passt zur Reaktion von Donald Trump, der auf die Vorwürfe von Frauen, er habe sie sexuell belästigt, antwortet: „Glaubt mir, sie wäre nicht meine erste Wahl, das kann ich Euch sagen.

„She would not be my first choice“

Und der verquere Rückschluss: Die Behauptung, diese oder jene Frau gar nicht attraktiv zu finden, soll als Beweis dafür dienen, dass er sie nicht sexuell belästigt haben kann. Sie hätte es also gar nicht verdient, von ihm begrapscht zu werden!?

Es ist die logische Fortführung in der Erwachsenenwelt: sexueller Übergriff, catcalling, Hinterherpfeifen, Anmache trotz wiederholtem Nein… – ein Kompliment?  Diese Form von victim-blaming wird von beiden Seiten bereits im Sandkasten eingeübt: Hänsel lernt, dass sein Verhalten als harmlos eingestuft wird, Gretel erfährt, dass es für eine Gegenwehr ja gar keinen Anlass gäbe, ihr ‚Nein‘ nicht zählt.

 

„Du bist doch kein Mädchen!“

… ist schnell dahergesagt, hat’s aber in sich.

Was, das würde ich gerne in 140 Zeichen oder im Gespräch zwischen Tür und Angel mal eben antworten können. Klappt aber nicht so wirklich. Deshalb poste ich hier das Interview, das Katja Köhler für die Esslinger Zeitung mit mir geführt hat, denn darin ging es genau darum, dass „Du Mädchen“ immer mehr zum Schimpfwort wird*. Das komplette Interview gibt es >hier als pdf< zu lesen, im Folgenden nur die Kurzversion:

K.Köhler: Haben Eltern schon etwas falsch gemacht, wenn der Sohn Fußball spielen geht und die Tochter ins Ballett?

A.Schnerring: Da dran ist gar nichts falsch. Jungen sollen ruhig zum Fußball gehen und Mädchen zum Ballett. Wichtig ist, dass wir zum Beispiel die fußballspielenden Mädchen nicht aus dem Blick verlieren. Oder die Jungen nicht vergessen, die zum Ballett wollen, die Glitzer mögen oder im Kindergarten immer wieder gerne zum Puppenhaus gehen.

K.Köhler: Was für ein Programm läuft da ab?

A.Schnerring: Sie werden oft durch – vielfach unbewusste – Kommentare und Reaktionen gerade von Erwachsenen in ihre „Schranken verwiesen“. Der Spruch „Heul’ nicht, du bist doch kein Mädchen!“ ist leider nicht ausgestorben, und auch ein nett gemeintes „Ein Mathe-Ass, das ist aber super für ein Mädchen“ macht Kindern bewusst, das Erwachsene unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen haben. Dabei wünschen wir uns doch, dass sich unsere Kinder frei entfalten und ihr Spiel wählen dürfen.

K.Köhler: Wann beginnt die Zuordnung der Geschlechter?

A.Schnerring: Die Erwachsenenwelt fängt damit schon an, bevor das Kind auf die Welt gekommen ist. 80 Prozent der Eltern wollen vor der Geburt das Geschlecht wissen. Es gibt Studien darüber, dass Eltern ihr Verhalten prompt ändern, sobald sie wissen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten.

K.Köhler: Wie äußert sich das?

A.Schnerring: Es geht nicht nur um oberflächliche Dinge wie die Einrichtung in Rosa oder Hellblau und darum, dass Eltern anderes Spielzeug kaufen. Eltern sprechen zum Beispiel in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen. Zudem neigen sie dazu, die Verhaltensweisen des Babys im Bauch schon dem Rollenklischee entsprechend zu deuten: Sie sprechen von einem energischen Jungen, einem ruhigen Mädchen, so dass das Kind schon vor Geburt nicht mehr die ganze Bandbreite zur Wahl hat, sondern nur noch die eine Hälfte.

 

Ein Aspekt, der fehlt:

„Du bist doch kein Mädchen!“ zu einem weinenden Jungen gesagt, vermittelt diesem, dass es wohl irgendwie etwas Schreckliches sein muss, ein Mädchen zu sein. Jedenfalls etwas, das er um jeden Preis vermeiden muss. Also bloß nicht „wie ein Mädchen“ rüberkommen, es könnte ja zu Verwechslungen kommen. WAS DANN!?! In dem Zusammenhang ist es dann gar nicht mehr rätselhaft, warum es Jungs gibt, die zwar zuhause gerne mit Rosa malen oder mit Elsa spielen, das aber im Beisein von anderen Kindern oder Erwachsenen vermeiden. Denn wer will schon als „Iiiiiihh, Mädchen!“ rüberkommen. Was für eine Beleidigung! Was für eine Abwertung! Für den Jungen. Und noch viel mehr für seine Schwester oder die Mädchen, die zuhören!

Was deshalb rätselhaft bleibt: warum manche Frau, die sich vielleicht selbst als „Mädel“ bezeichnet, wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum „Mädelsabend“ verabredet, so gar nichts dabei findet, einem kleinen Jungen diese negative Bewertung, die sie doch selbst, ganz persönlich betrifft, mit auf den Weg zu geben.

 

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*Aus juristischer Sicht ist „Mädchen“ schon heute ein Schimpfwort. Tatsächlich musste eine Frau, die einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als Mädchen bezeichnet hatte, 200 Euro Strafe bezahlen.

Artikel - Mädchen als Schimpfwort

 

Geschichten, die Männern nie passieren würden

Ein paar Gedanken zu „Hinten sind Rezepte drin. Geschichten, die Männern nie passieren würden“, Buch von Katrin Bauerfeind

Männer und Bücher…

…überhaupt Männer und Sprache, das sei so eine Sache, obwohl die überwiegende Mehrheit der anerkannten, preisgekrönten und u1_978-3-596-03396-6.41829083erfolgreichen Schriftsteller*innen bis heute Männer sind. Und folgenschwer handeln die meisten Bücher deshalb von Protagonisten, also wirklichen Männern und nicht nur generischen Maskulina. Trotzdem hält sich das Klischee beharrlich, Männer und Sprachen, Kommunikation, Ausdruck von Gefühlen gar … Ich muss mich deshalb gleich schon mal entschuldigen für diesen Text hier, also als Mann meine ich, weil ich ganz deutlich die Stereotypbedrohung im Nacken spüre, und das ist eine denkbar schlechte Muse. Sie kuckt mir über die Schulter, prüft kritisch jeden Buchstaben, jedes Wort, jeden Absatz. Ist das auch alles gut so, korrekt geschrieben und treffend im Ausdruck? Kann er das auch wirklich? Kriegt er das hin? Das setzt mich unter Druck, ich bin im Fehlervermeidungsmodus, und deshalb alles andere als souverän und kreativ schon gleich gar nicht. Weil ich dem Klischee nicht entsprechen will, will beweisen, dass ich das sehr wohl kann, Bücher lesen, mit Sprache umgehen, meinen Gefühlen Ausdruck verleihen, das ist mir wichtig, und so ein Klischee soll mich da nicht zurückhalten. Und trotzdem beeinflusst es mich, unbewusst, es zieht Energie und Aufmerksamkeit ab von der eigentlichen Aufgabe, nämlich hier einen guten Text zu Papier zu bringen, eine Beschreibung, wie es mir als Mann geht, wenn ich Katrin Bauerfeinds Buch lese „Vom Wahnsinn, eine Frau zu sein“, ihre „Geschichten, die Männern nie passieren würden“. Und ganz besonders bei einem Buch, das mich mit diesem Klappentext zum Lesen einlädt: „Kann ich emanzipiert sein und trotzdem ohne Unterwäsche in die Stadt? Bin ich schon eine moderne Frau, nur weil ich nicht kochen kann? […] Wenn Sie solche Fragen mögen, werden Sie mit diesem Buch viel Spaß haben. Wenn nicht, sind Sie vermutlich ein Mann, dann ist es eh wurscht, weil Männer keine Bücher kaufen, geschweige denn lesen.“

Empathie und die sog. Stereotypbedrohung

Wenn Männer vor einem Test, in dem es darum geht, Portraitfotos mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bestimmte Gefühle zuzuordnen, wenn ihnen vor dem Test gesagt wird, dass es sich um einen Empathie-Test handelt, bei dem Männer in der Regel schlechter abschneiden als Frauen, dann – selffullfilling prophecy – sind ihre Ergebnisse auch deutlich schlechter, schließlich haben sie ja oft genug schon gehört und verinnerlicht: Männer und Gefühle, naja, Sie wissen schon… Und die Werbung packt da gerne noch einen drauf: „Auch Männer haben Gefühle: Durst.“ Lustig, nicht? Erwachsene erkennen die Ironie, im Gegensatz zu Kindern, die solche Sprüche noch sehr lange als Wahrheit mit auf den Weg nehmen. Aber auch Erwachsene beeinflussen diese Botschaften, zu oft werden wir damit konfrontiert in Situationen, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen.

Zurück zum Empathie-Test. Fällt der Hinweis aufs Geschlecht weg, wird für jede richtige Antwort gar eine Belohnung in Aussicht gestellt, schneiden Männer genauso gut ab wie Frauen (Klein + Hodges: „When it pays to understand„). Kein Unterschied also in der grundsätzlichen Empathiefähigkeit der Geschlechter. Dasselbe Ergebnis bei Tests, die den Vorurteilen um Frauen und Technik, Informatik und Mathematik nachgingen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden, sobald die Macht der Klischees, sobald der Stereotype Threat ausgeschaltet, ausgetrickst ist. Ach, wie gut könnte dieser Text erst sein, wenn mir die Stereotypbedrohung gerade nicht im Nacken säße?

Katrin Bauerfeind – weiblicher als sie tatsächlich ist?

Katrin Bauerfeind schreibt nun Geschichten, die Männern nie passieren würden. Die sind witzig, das ist pointiert, gut geschrieben, kurzweilig und mit viel Hintersinn. Auf der Oberfläche aber handeln ihre Geschichten von Klischees, von den Männern an sich und wie die Frauen nun mal so sind. Das ist einigermaßen paradox, weil Katrin Bauernfeind am Anfang des Buches ihr kindliches Erleben ganz anders schildert. Sie erinnert sich, dass sie ein untypisches Mädchen war. Wie kam es, dass sie sich heute doch von all diesen weiblichen Klischees beeinträchtigt fühlt? Wann kamen die Klischees in ihr Leben, haben sie verändert? Warum hat sie sich dann ganz anders entwickelt? Wie kam es, dass sie so viel weiblicher wurde, als sie doch angeblich eigentlich ist? Als sie hätte sein müssen? Oder ist sie gar nicht? Bin ich klischeehaft männlicher, als ich es in meinem tiefsten Innern eigentlich bin, wäre? Und was ist das überhaupt, der innere Kern? Gibt es den und wenn ja wo genau?

Am Ende bleiben Klischees und Stereotype, die einmal mehr reproduziert werden, um sie dann zu hinterfragen, zu widerlegen, zu problematisieren, sich drüber lustig zu machen, eine Ja-aber-Spirale, die nicht weiter führen kann. Das ist das Dilemma von Comedy und Kabarett, Humor und Battle Rap: Klischees werden reproduziert und überhöht, das bringt Lacher und Aufmerksamkeit. Dass sie eigentlich reproduziert werden, um zu … was auch immer … hat in der Erinnerung kaum noch Relevanz, das ist Intellekt und Überbau. Die Klischees aber, die wirken auf der unbewussten, emotionalen Ebene und schränken unsere Wahlfreiheit ein, auch wenn wir das nur in den seltensten Fällen merken. Und weil Katrin Bauerfeind sich in vielen Situationen, in ihrer Kindheit anders wahrgenommen hat, möchte ich ihr gerne die sechs Fragen unseres Projekts „Was Anders Wäre“ stellen:

#WasAndersWäre

– Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

– Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

– Was tust du nicht / welche Dinge unterlässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

– Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

– Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

– Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

 

Außerdem stimmt es ja gar nicht, dass die erzählten Geschichten Männern nie passieren würden. Das eine oder andere ist mir genau so auch schon passiert. Die Sache mit der Angst zum Beispiel nachts in einem fremden Haus. Andere Geschichten hätte ich durchaus erleben können, kann ich mir zumindest vorstellen. Ja, ich habe, hätte sie anders erlebt. Anders, weil ich ein Mann bin? Oder anders, weil ich nicht Katrin Bauerfeind bin? Und in vieles kann ich mich hineinfühlen, echt, voll empathisch und so. Und ich lese Bücher! Gekauft habe ich ‚Hinten sind Rezepte drin‘ allerdings tatsächlich nicht. Es kam als Rezensionsexemplar vom Fischer-Verlag frei Haus. Damit ich drüber schreibe. Oder wollten die womöglich, dass meine Frau drüber schreibt? Als Vertreterin der Zielgruppe, weil sie das besser nachvollziehen kann, nachempfinden, gut finden? Egal, ich kümmere mich jetzt erst einmal um meine drei Kinder, neuer Vater, toller Hecht und keines ist krank. Ich bin noch viel superer Papa als Sigmar Gabriel, und die 5000,- Euro – Belohnung habe ich trotzdem nicht bekommen.

Verdammt, in dem Buch hinten sind gar keine Rezepte drin, das ist ja nur eine Verkaufsmasche. Und was gibt es jetzt zu essen?

 

PS: Gerne möchte ich das Buch weiterreichen, weil ich es ja auch nur als Sprungbrett für meine eigenen Gedanken genutzt habe. Und auch wenn ich vielleicht nicht wirklich einladend darüber geschrieben habe, ich habe so viel ausgelassen, vielleicht sogar die besten Seiten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, zu einer anderen Zeit, in einer anderen Grundstimmung wäre alles ganz anders gekommen. Vielleicht möchte jemensch anderes darüber schreiben? Meldet Euch, dann schicken wir ’s raus.

 

 

 

 

 

2 Rätsel und 2 Puzzelteile

Ein Rätsel vorweg:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

(Quelle: Uni Göttingen)

 

Nach einem Tag, den ich mit der Lektüre vieler Studien und Artikel verbracht habe, kommt eben meine Tochter mit ihren Mathehausaufgaben und einer Frage an meinen Schreibtisch. Prozentrechnen, 7.Klasse.  (Über Arbeitsblätter und Schulbücher, in denen Schulkindern so nebenbei Geschlechterklischees vermittelt werden, ohne dass darüber weiter diskutiert würde, habe ich vor kurzem hier geschrieben, die Sammlung ließe sich ständig erweitern.) In der Matheaufgabe ist mehr verpackt als das Rätel um Prozentsatz und Prozentwert. An welcher Stelle im vorliegenden Text verbirgt sich eine Rosa-Hellblau-Falle?

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Der Text kommt auf den ersten Blick geschlechtergerecht daher: „Schülerinnen und Schüler“ kommen zu spät, 420 „Lernende“ gehen in die Schule… Allerdings ist der Chef aller – natürlich –  ein Mann, der strenge Direktor, der aufschreibt, wer zu spät kommt. Und ich werde nicht die einzige sein, die beim ersten Lesen einen Mann vor sich sah, wie er mit Notizblock vor dem Schultor steht. „Ist ja nur ein Beispiel“, könnte hier eingeworfen werden. Ja, geschenkt, hier geht’s natürlich um einen einzelnen Direktor, nicht um eine Gruppe, in der Frauen nicht genannt werden. Und ja, in der nächsten Aufgabe könnte ja dann, auch als Beispiel, eine Direktorin vorkommen. Tut sie aber nicht. Chefs in Schulbüchern sind überwiegend Männer, und die paar Chefinnen auf der Welt, dürfen sich gern mitgemeint fühlen.

„Mitgemeint“ ist sowieso beliebtes Argument, wenn bessere-Lesbarkeit und War-schon-immer-so nicht mehr ziehen. Doch auch das ist nicht mehr haltbar. Wie das Eingangsrätsel zeigt und wie jetzt auch eine Studie widerlegt hat – Hier zeigten selbst Frauen, die versicherten, sich mitgemeint zu fühlen, im MRT Gehirnaktivierungen, die das Gegenteil bewiesen. Beim generischen Maskulinum sehen wir einen Mann oder eine männliche Gruppe vor dem inneren Auge. Nach Sportlern oder Politikern befragt, fallen Menschen mehr Männer ein, als wenn sie nach Sportlerinnen und Sportlern, nach Politikerinnen und Politikern gefragt werden. Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch. Und doch nutzen wir eine Sprache, in der Frauen nur dann vorkommen, wenn sie explizit genannt werden.

Und heute ist mir ein weiteres Puzzleteil zum Thema geschlechtersensible Sprache begegnet, eine Studie, die zeigt, wie sich unser Blick auf die Welt verändert, wenn wir eine andere Sprache verwenden. Das Team um Panos Athanasopoulos von der Lancaster University bat in Deutschland lebende deutsche MuttersprachlerInnen, in Großbritannien lebende englische Muttersprachlerinnen sowie zweisprachige Teilnehmer*innen in beiden Ländern Szenen in Videoclips zu beschreiben. Am Ende zeigte sich: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ordneten die gesehenen Ereignisse anders ein, abhängig von den grammatikalischen Rahmenbedingungen der jeweils gesprochenen Sprache (Link zur Studie). Wenn wir in einer anderen Sprache sprechen, verändert das also nicht nur unsere moralischen Entscheidungen, sondern auch die Kategorien, in denen wir denken.

Der Sprung zur Kategorie männlich-weiblich, zu den Eigenschaften, die wir mit unserem Männer- bzw. unserem Frauenbild verbinden, ist damit nur noch ein kleiner. Geschlechtersensible Sprache verhindert, dass wir alle Menschen zunächst in die hellblaue Schublade stecken und nur in besonderen Fällen einzelne herausgreifen, bloß um sie dann in die rosafarbene umzusortieren. Ein flexibleres Sprechen zu und über einen Menschen, ermöglicht also auch einen flexibleren Blick, mit dessen Hilfe wir Individualität automatisch mehr Raum und Gewicht geben, als der Kategorie Geschlecht.

 

 

 

 

Rosa-Hellblau-Falle in Schulbüchern

Weil sich in Österreich der Bundesverband der Elternvereine gegen eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern ausgesprochen hat, sind „gegenderte Schulbücher“ Anlass, um mal wieder über die Ideologie des „Genderismus“ im Allgemeinen und das generische Maskulinum im Speziellen zu diskutieren. Vorschläge, beide Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, werden weggewischt, weil umständlich und schwer lesbar oder überhaupt weil man sich von der Sprachpolizei nichts sagen lassen möchte.
Wie wäre es, Binnen-I, Sternchen und Professx einfach mal kurz stehen zu lassen, und dafür all die anderen rosa-hellblauen Klischees wahrzunehmen, die in Schulbüchern stecken, die hier und heute verwendet werden?

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Ein von @thomas_mohr getwittertes Bild, die Seite aus einem Englischbuch von 2013 gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Die Aufgabe: „Was ist typisch für ein Mädchen? Was ist typisch für einen Bub?“ Vorschläge, die die Kinder mit M für Mädchen oder B für Bub kennzeichen sollten: Sie sind leise im Unterricht / Sie reiten gern / Sie spielen mit Puppen / Sie haben kurze Haare … „Beide“ anzugeben ist nicht vorgesehen. Nun kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Auf Seite 113 steht dort allerdings nur:

Ideen zur Unterrichtsarbeit: SB S. 33, Aufgabe 1 – Ausgehend von Unterschieden im Verhalten, im Aussehen, in Vorlieben bzw. Abneigungen von Mädchen und Buben werden anschließend die Gemeinsamkeiten definiert (AH, S. 20). Es wird dabei deutlich, dass es zwar Eigenheiten der Geschlechter gibt (typisch Mädchen bzw. typisch Bub), jedoch die einzigen „echten“ Unterschiede die Geschlechtsteile sind. (Aus: Das Lasso Sachbuch-Englisch 1/2, LehrerInnenband, 978-3-209-07423-2, Stgt 2009, Wien 2013)

Ich fürchte, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen hätten und findet auch gar nichts Negatives daran. In KiTas wurden dazu Studien und Projekte durchgeführt, die Mehrheit der PädagigInnen und Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen, und ist sich in keiner Weise bewusst, wie sehr die Vorstellungen von „richtigen“ Jungen und von „echten“ Mädchen das eigene Verhalten beeinflusst. Ich nehme an, für den Grundschulbereich lässt sich Ähnliches feststellen.

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch* Foto by @Luii_Luise auf Twitter

Und so blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste nähende Vater und der Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen. Aus einem Schulbuch, das @Luii_Luise auf Twitter gepostet hat. Gehen wir trotzdem einmal davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer im Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit so gut aus- und fortgebildet sind, dass Buchseiten dieser Art im Deutsch und Englisch-Unterricht von ihnen in Gesprächen mit Kindern gut aufgefangen werden können. Dann frage ich mich, warum es im Mathebuch weitergeht mit den alten Klischees: Denn während ich im Internet die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache in Schulbüchern verfolge, sitzt meine neunjährige Tochter über ihren Mathehausaufgaben und soll ein Balkendiagramm zeichnen, in Rosa und Hellblau. Daneben die Zahlen dazu, Grundlage sind fiktive Daten zu Hobbys von Mädchen und Jungen. Das von meiner Tochter gezeichnete Diagramm führt ihr und uns anschaulich vor Augen: Reiten ist was für Mädchen, Computer ist was für Jungs. Hallo ?? Es muss doch möglich sein, ein Mathebuch zu schreiben, das ohne derartiges Schubladendenken auskommt. Und Statistik ist keine Ausrede, Kinder überholtes Schubladendenken in Rosa und Hellblau malen zu lassen. Mädchen und Jungen wollen dazugehören, sie wollen keine Außenseiter sein. Doch wir zeigen ihnen täglich in jedem nur denkbaren Bereich, was sie dafür tun müssen, was „typisch“ und damit „normal“ ist für die jeweilige Schublade. Und dann wundern wir uns, warum der Sohn sich so wenig für Puppen interessiert oder warum die Tochter sich trotz guter Noten gegen das Mathestudium entscheidet. Da muss dann wohl die Biologie Schuld sein, denn wir? Sind’s ja nicht.  #keinePointe. Rosa-Hellblau-Mathe3    
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Nachtrag vom 8.2.2015: Ein Artikel aus der Zeit, ein Jahr alt, über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse das Gespräch sucht. Ich hoffe, es gibt ganz viele solcher Lehrerinnen und Lehrer, denn sie können die o.g. Klischees in Schulbüchern gut auffangen. Und die Kommentare unterm Artikel zeigen, wie nötig die Diskussion ist.

Heldin im Verborgenen

Heldin im Verborgenen

von Ulrike Draesner

 

Foto: Anne L via flickr cc

Foto: Anne L via flickr cc

Ulrike Draesner, 1962 geboren in München, lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin (www.draesner.de). Ihr erstes Buch, ‚gedächtnisschleifen, Gedichte‘, erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Erzählungen und Romane folgten (März 2014: Sieben Sprünge vom Rand der Welt). Gast- und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des P.E.N Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013 und den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014.
 

Jeder, der es ein paar Mal gemacht hat, kennt den Effekt: kaum erzählt man die eigene Biographie in einer anderen Sprache – wird man eine andere. Ein wenig nur, gewiss – leicht, doch merklich verschoben. Die Übergänge zwischen den Sätzen vollziehen sich auf andere Weise, obwohl doch die ‚Fakten‘ einander gleich bleiben mögen; allein: hier scheint die Abfolge dringender geboten, dort unvermutet, zufälliger. Und  fühlt man sich beim Erzählen nicht auch anders: blickt, unerwartet, neu auf einen sonst übersehenen Lebensabschnitt, wundert sich über sich selbst?

Das kleine Beispiel zeigt, dass unsere Sprache sehr wohl unsere Welt macht. Nicht nur an ihren Grenzen, wie das berühmt-berüchtigte Wittgenstein-Diktum besagt, nein – viel stärker noch, so mein Verdacht, innerhalb dieser Grenzen. Dass Geschlechtsbezeichnungen ihr Teil beitragen, wäre nur logisch; sie tun dies im normalen, also unbemerkten Sprachfließen im Chor mit anderen Kategorien, die wir zum Beispiel zur Identitätsbestimmung verwenden.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich von einer Tante zu Weihnachten ein Buch mit dem Titel Heldin im Verborgenen bekam. Wer wohl Heldin war – die, natürlich, männliche Hauptperson mit dem langen ‚i‘ im Namen? Eines war für mich so klar, dass ich es vor Sonnenklarheit nicht bemerkte: Hauptfiguren von Büchern waren männlich, außer sie erschienen im Doppelpack (Hanni und Nanni), oder als Nesthäkchen. Ich las das Buch; dass Held-i-n nicht vorkam, wunderte mich zunächst nicht; der Titel sagte ja, dass er im Verborgenen handeln würde. Erst auf den letzten Seiten wollte ich daran nicht mehr recht glauben. Ich blätterte zum Ende – und begriff, dass das nervige Mädchen, das von Anfang an durch die Geschichte gehampelt war, die Hauptfigur sein musste. Und dass der Titel Heldin im Verborgenen lautete, mit kurzem ‚i‘. Heldinnen aber gab es nicht…

Heute spricht man davon, dass es in Kinder- und Jugendbüchern wichtig sei, sowohl Jungs als auch Mädchen Figuren anzubieten, mit denen sie sich identifizieren können. Doch sind Kinder darin vielleicht besser als wir glauben? Sprich: wenn Mädchen sich mit Jungs identifizieren können (lesende Mädchen und Frauen haben das über Jahrhunderte hin vorgeführt), warum sollten Jungs sich nicht in Mädchen zu spiegeln vermögen? And they can! An meinen drei Neffen habe ich das oft gesehen. Mehr als das: sie tun es lustvoll. Die imaginäre-phantastische Reise auf die andere Seite der Genderrollen erweitert die Welt. Denn eben das erlaubt Literatur uns wie kein anderes Medium: ich erfahre mich als andere/anderer/anderes. Ich bin das Tier, der Baum, die Vase. Bin der Chinese, der vor 2000 Jahren lebte. Gebt Jungen und Männern „Frauen“-Bücher zu lesen. Erlaubt Männern und Jungs, Röcke anzuziehen, wenn sie wollen. Und lasst uns Sätze ausprobieren wie: „Wer hat ihren Schmöker da liegen lassen?“

Erinnern Sie sich: auch das Wort „Kanzlerin“ klang anfangs sehr komisch.

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Ulrike Draesner haben wir für unser Radiofeature „Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen“ für den Deutschlandfunk getroffen. Der folgende O-Ton ist ein Ausschnitt aus dem Interview im September 2014, in dem das Missverständnis um die Buchheldin schon einmal kurz zur Sprache kam:

 

 

Wie weit gehen?

servustv2Sascha bei ServusTV in Salzburg

Wir haben schon überlegt, ob ich das überhaupt machen soll, schließlich gehört Servus TV zur Red Bull Media House GmbH, und die stehen nicht gerade für ein modernes, fortschrittliches Männer- und Frauenbild. Aber gut, da ist eine Redaktion, die sich für unser Thema interessiert und uns unterstützen kann. Also bin ich nach Salzburg gefahren und habe mich zu Thomas Ohrner und Andrea Schlager an den Frühstückstisch gesetzt und über unser Buch gesprochen.

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Unter den anderen Themen, um die es in der Sendung ging, waren zwei, die nun nicht gerade den passenden Rahmen bildeten für unser Thema: das Erzbergrodeo, „das härteste Motorrad-Offroad-Einzelrennen der Welt“, und ein Geburtstag: 100 Jahre BH … das hab ich am Rande mitbekommen, war aber zu aufgeregt und habe nicht realisiert, dass diese Kombination nicht wirklich gut ist, um über Rollenklischees zu sprechen. Was ich nicht wusste: Thomas Ohrner und Andrea Schlager haben vor meinem letzten Interviewabschnitt heiteres Dekolleté-Raten gespielt. Die drängenden Fragen waren Körbchengröße und Besitzerin.

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Jetzt freuen wir uns ja wirklich über jede Gelegenheit, unser Thema und Buch vorzustellen und damit auf all die Einschränkungen aufmerksam machen zu können, mit denen unsere Kinder konfrontiert sind. Aber war das wirklich eine gute Idee? Erst Fremdschämen mit Thomas Ohrner und dann locker-lustig über Rollenklischees plaudern? Gehört das zum Geschäft? Oder sollten wir beim nächsten Mal nach einem Ablaufplan fragen und in so einem Fall dann kurzfristig absagen? Oder trotzdem hingehen und das Ganze dann zum Thema machen? Keine gute Miene mehr zum bösen Spiel? Wieviel Medientraining braucht es, um in einem Live-Interview die Situation zu erfassen, die Rollenverteilung der Moderatoren zu thematisieren: sie hat Dekolleté-Fotos für ihn vorbereitet und freut sich, immer freundlich lachend, über seine männliche Unwissenheit in Sachen BH-Größen. Er tippt auf Brüste und kommentiert deren Größe. Um dann im Anschluss im Gespräch mit mir zu fragen, warum wir die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau denn in Frage stellten, die Rollen seien schließlich schon in der Steinzeit verteilt gewesen.

Da wäre es passend gewesen, klar zu machen (höflich-freundlich, versteht sich, immer auf Unterhaltung bedacht, um nicht als Spaßverderber und Mießmacher ungehört zu bleiben), dass ich es bezweifle, dass Männer schon damals derart despektierlich und abschätzig über das Aussehen von Frauen gesprochen und geurteilt haben, wie es heute für manche Menschen normaler Alltag beziehungsweise Teil des lustig- („Komm, war doch nur ironisch gemeint“) geschlechtshierarchischen Medienprogramms zu sein scheint. Mir jedenfalls war das in diesem Moment nicht möglich. Schade eigentlich!

 

 

 

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

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Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

Bildschirmfoto 2015-03-05 um 14.07.08

Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

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Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

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Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Kommunikations-Seminare „extra für Frauen“

Einladung zum Radiohören: Podcast der SWR2-Wissen Sendung „Rhetorik für Frauen. Was bringen Kommunikationstrainings

„Starke Frauen reden Klartext.“

„Sagen Sie, was Sie meinen – erreichen Sie, was Sie wollen!“

So oder ähnlich lauten die Titel von Ratgebern, die Frauen bei der erfolgreichen Kommunikation im Job unterstützen sollen. Zugleich bieten immer mehr Rhetoriktrainer*innen Kurse speziell für weibliche Berufstätige an. Denn frauentypische Sprechweisen und Körperhaltungen gelten als Karrierebremse: lächelnd geneigter Kopf, hohe Stimme, Konjunktive statt klarer Ansage. In den Workshops sollen Frauen lernen, die eigenen Kommunikationsmuster zu durchbrechen und bei Bedarf eine „Sprache der Macht“ einzusetzen. Aber können solche Bücher und Trainings wirklich Rollenstereotype aufweichen und das Verstehen verbessern? Oder zementieren sie eher Klischees? Wie wäre es stattdessen mit einer wertschätzenden Kommunikation unabhängig vom Geschlecht und ganz gleich, wer mit wem spricht.

Ein Radiofeature mit

– Peter Modler, Unternehmensberater und Leiter der Arroganz-Trainings® für weibliche Führungskräfte

– Cornelia Topf. Buchautorin und Kommunikationstrainerin

– Lann Hornscheidt. Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität Berlin

 

Zu den Seiten des SWR mit dem Link zum mp3-Download geht es *hier*

 

 

„get over cute!“

 

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Foto: Platina~ via photopin cc

... ein scharf formuliertes Anliegen von Jane Elliott, das ich gerne in meinen Kommunikationstrainings zitiere, wenn wir uns in der Gruppe über nonverbale Botschaften unterhalten: wie ist das mit schräger Kopfhaltung bei Vorträgen? Ist lächeln nicht einfach nur freundlich? Oder geht auch zu nett? Kichern, wenn mal der rote Faden gerissen ist? Ist ein stabiler Stand nicht überschätzt – was spricht gegen überkreuzte Beine beim Power Point Vortrag, ist doch viel entspannter…

 „Get over cute!“

fordert Jane Elliott eine ihrer Seminarteilnehmerinnen auf. Hier die klare Ansage:

„Because you’ll be cute until you’re about 45, and then at 45 you’re no cuty anymore, you’ll just be an old brat, and there’ll be a whole bunch of 18 to 40 year olds who are cuter than you are. And at that point you will say: „I want that promotion“, and then somebody we’ll say to you „Well, I don’t think of you as qualified, I just think of you as cute“. And then you’ll gonna howl sexism. Females, get over cute! Get competent! Get trained, get capable! Get over cute! And those of you who are called Patsy and Betsy and Susy, get over that.  Because we use those names to infantalise females. We keep females in their little girl state by the names we use for them. Get over it. If you want to be taken seriously, get serious. Get over it!“   – Jane Elliott

Aus dem Film „Blue Eyed“: