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Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

Echte Männer tanzen nicht…

„Tanzen? interessiert ja doch eher die Mädchen“

eine self fulfilling prophecy

Anlass für diesen Post ist ein Werbespot für Kekse, in dem ein Junge von drei anderen verprügelt wird, als sie ihn mit einem Koffer sehen, aus dem der Stoff eines rosa Tütü quillt. Am Ende löst sich auf: das Tütü ist ja gar nicht seins, er bringt es seiner Freundin, denn die träumt davon, Ballerina zu werden. Na, dann ist ja alles gut. Denn wenn wer er…, also als Junge… zum Ballett?

Unser Sohn Kay hat als Sechsjähriger seine zwei Jahre ältere Schwester Mika eine Weile zum Tanzkurs begleitet. Kein klassisches Ballett, sondern Kindertanz mit Musik und Bewegung im Raum, kurze Choreographien, Geschichten dazu und auch ein bisschen rosa Tütü. Irgendwann hat er dann einfach mitgetanzt. Er kam gut mit bei den Übungen und Bewegungskombinationen, war mit Spaß bei der Sache, und die Kursleiterin war begeistert. Mal ausprobieren, sich Bestätigung abholen, stolz sein, dafür war es genau richtig, aber da er der einzige Junge war, wollte er nicht mit einsteigen, schon gar nicht bei der Aufführung am Ende des Halbjahres. Wir überlegten, im Freundeskreis herumzufragen, ob nicht einer seiner Freunde mittanzen würde, aber Kay war dagegen. Also haben wir nach einer anderen Gruppe gesucht, bei der auch Jungs mittanzen. Bis wir die gefunden hatten am anderen Ende der Stadt, da war die Schublade schon zu, das Thema durch.

Tanzen oder Fußball?

Stattdessen spielte Kay dann Fußball, obwohl er sich nie dafür interessiert hatte, weder anschauen, noch selber spielen. Erst Mitte der Grundschulzeit fing es an. In den Schulpausen gab es nur noch die Wahl zwischen Fußball mit den Jungs oder Turnen an der Stange mit den Mädchen. Da alle seine Freunde auf nichts anderes mehr Lust hatten, hieß es für Kay plötzlich, sich zu entscheiden: Er konnte entweder die Nachmittage mit seinen Freunden verbringen und sich mit dem Fußballspiel arrangieren oder sich andere Freunde suchen. Schwer zu erraten, wie es weiterging: Kay gehört jetzt zu den Jungs, die Tanzen doof finden und Fußball toll. Typisch Jungs? Tanzen liegt denen eben nicht. Ist das so?

Filme, in denen Jungs tanzen, machen entweder genau diesen Wunsch zum Thema (Billy Elliot) außer es geht um Breakdance und Capoeira. Filme, in denen Männer tanzen, sind „Frauenfilme“, die durch den Bechdeltest fallen, der Superduper-Tänzer (Footloose, Dirty Dancing…) im Zentrum ihres Seins und Denkens. Zum Samstagnacht-Tanzen in der Disco gab es mal eine Studie, die untersuchen wollte, wie Männer tanzen sollten, damit sie bei Frauen gut ankommen. „Das ist die erste Studie, die objektiv zeigt, was einen guten von einem schlechten Tänzer unterscheidet“ (Psychologe Nick Neave, Leiter der Studie). Ob gut oder schlecht entscheiden also Frauen? Warum nicht homosexuelle Männer? Homosexualität wird doch genau jenen unterstellt, aus deren Koffer ein Tütü lugt, oder nicht? Ausnahmesituation: Die Lachnummer „Männerballett“ auf Hochzeiten. Am liebsten mit Tennissocken, Rippshirt und viel behaartem Bauch, damit auch ja keine Zweifel aufkommen: Spaß am Ballett? Natürlich nur beim Veralbern!

Welche Rolle spielt eigentlich das Gefühl des Tänzers selbst? Wenn er tanzt, dann nur für sie? Für Show und Applaus? Wie sieht’s aus mit Tanzen, einfach, weil es sich gut anfühlt? So für sich selbst? Als Ausdruck der guten Laune? Passt nicht ins Männerbild. Denn so oder so dürfen Männer nur tanzen, wenn es gut aussieht. Aber hey, no pressure!

„Welcome to our series on exploring your masculinity. …

Truly manly men do not dance! Under any circumstances. This will be your ultimate test. At all cost avoid rhythm, grace and pleasure. Whatever you do, do not dance! … Men do not dance. They work, they drink, they have bad backs, they do not dance. Hold still, hold tight. Whatever you do: do not dance! … Kick someone, punch someone, bite someone’s ear!

Get a grip!

Supertroopers-Cast-Mocking-One-Directions-Dance-In-a-Music-Video

 

 

Heldin im Verborgenen

Heldin im Verborgenen

von Ulrike Draesner

 

Foto: Anne L via flickr cc

Foto: Anne L via flickr cc

Ulrike Draesner, 1962 geboren in München, lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin (www.draesner.de). Ihr erstes Buch, ‚gedächtnisschleifen, Gedichte‘, erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Erzählungen und Romane folgten (März 2014: Sieben Sprünge vom Rand der Welt). Gast- und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des P.E.N Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013 und den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014.
 

Jeder, der es ein paar Mal gemacht hat, kennt den Effekt: kaum erzählt man die eigene Biographie in einer anderen Sprache – wird man eine andere. Ein wenig nur, gewiss – leicht, doch merklich verschoben. Die Übergänge zwischen den Sätzen vollziehen sich auf andere Weise, obwohl doch die ‚Fakten‘ einander gleich bleiben mögen; allein: hier scheint die Abfolge dringender geboten, dort unvermutet, zufälliger. Und  fühlt man sich beim Erzählen nicht auch anders: blickt, unerwartet, neu auf einen sonst übersehenen Lebensabschnitt, wundert sich über sich selbst?

Das kleine Beispiel zeigt, dass unsere Sprache sehr wohl unsere Welt macht. Nicht nur an ihren Grenzen, wie das berühmt-berüchtigte Wittgenstein-Diktum besagt, nein – viel stärker noch, so mein Verdacht, innerhalb dieser Grenzen. Dass Geschlechtsbezeichnungen ihr Teil beitragen, wäre nur logisch; sie tun dies im normalen, also unbemerkten Sprachfließen im Chor mit anderen Kategorien, die wir zum Beispiel zur Identitätsbestimmung verwenden.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich von einer Tante zu Weihnachten ein Buch mit dem Titel Heldin im Verborgenen bekam. Wer wohl Heldin war – die, natürlich, männliche Hauptperson mit dem langen ‚i‘ im Namen? Eines war für mich so klar, dass ich es vor Sonnenklarheit nicht bemerkte: Hauptfiguren von Büchern waren männlich, außer sie erschienen im Doppelpack (Hanni und Nanni), oder als Nesthäkchen. Ich las das Buch; dass Held-i-n nicht vorkam, wunderte mich zunächst nicht; der Titel sagte ja, dass er im Verborgenen handeln würde. Erst auf den letzten Seiten wollte ich daran nicht mehr recht glauben. Ich blätterte zum Ende – und begriff, dass das nervige Mädchen, das von Anfang an durch die Geschichte gehampelt war, die Hauptfigur sein musste. Und dass der Titel Heldin im Verborgenen lautete, mit kurzem ‚i‘. Heldinnen aber gab es nicht…

Heute spricht man davon, dass es in Kinder- und Jugendbüchern wichtig sei, sowohl Jungs als auch Mädchen Figuren anzubieten, mit denen sie sich identifizieren können. Doch sind Kinder darin vielleicht besser als wir glauben? Sprich: wenn Mädchen sich mit Jungs identifizieren können (lesende Mädchen und Frauen haben das über Jahrhunderte hin vorgeführt), warum sollten Jungs sich nicht in Mädchen zu spiegeln vermögen? And they can! An meinen drei Neffen habe ich das oft gesehen. Mehr als das: sie tun es lustvoll. Die imaginäre-phantastische Reise auf die andere Seite der Genderrollen erweitert die Welt. Denn eben das erlaubt Literatur uns wie kein anderes Medium: ich erfahre mich als andere/anderer/anderes. Ich bin das Tier, der Baum, die Vase. Bin der Chinese, der vor 2000 Jahren lebte. Gebt Jungen und Männern „Frauen“-Bücher zu lesen. Erlaubt Männern und Jungs, Röcke anzuziehen, wenn sie wollen. Und lasst uns Sätze ausprobieren wie: „Wer hat ihren Schmöker da liegen lassen?“

Erinnern Sie sich: auch das Wort „Kanzlerin“ klang anfangs sehr komisch.

—-

Ulrike Draesner haben wir für unser Radiofeature „Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen“ für den Deutschlandfunk getroffen. Der folgende O-Ton ist ein Ausschnitt aus dem Interview im September 2014, in dem das Missverständnis um die Buchheldin schon einmal kurz zur Sprache kam:

 

 

Drei Ausrufe- und drei Fragezeichen

»Die drei Ausrufezeichen«, eine Reihe des Kosmos Verlags, steht beispielhaft für Bücher, in denen Mädchen die Hauptrolle spielen. Damit möchte der Verlag seine treuen Leserinnen belohnen und erzielt mit dieser Strategie zuverlässig höhere Verkaufszahlen. Die schwarzen Bände aus der Detektivreihe »Die drei Fragezeichen«, die ich schon als Zwölfjährige gerne gelesen habe, stehen heute im Bücherregal

Kosmos Presse

??? und !!! – Cover und Titel im Kontrast

meiner Tochter Mika. Die ersten zwei hatte sie schnell durch, doch der dritte Band steht jetzt schon lange unberührt, es kam nämlich etwas dazwischen: ein rosa Buch der Reihe »Die drei Ausrufezeichen«, das ihr eine Freundin zum elften Geburtstag geschenkt hatte. Der Buchtitel »Gefahr im Fitness-Studio« löst nun also »Die flüsternde Mumie« ab. In der alten amerikanischen Serie sind alle drei Detektive Jungen. Doch anstatt in der neuen Reihe eine Gruppe aus Mädchen und Jungen gemeinsam Fälle lösen zu lassen, entschied sich der Verlag für ein reines Mädchenteam. Aus dem Blickwinkel geschlechtergerechter Pädagogik ein Rückschritt, aber vielleicht ein Fortschritt für den Verlag?

Warum hat es auf »Die drei Fragezeichen« eine weibliche Antwort gebraucht? Auf Nachfrage bei Kosmos in Stuttgart erfahren wir, dass sich der Verlag von der klaren Abgrenzung den größeren Erfolg versprochen hatte. Die Reihe der schwarzen »Drei Fragezeichen« richtet sich damit noch expliziter an Jungen, da die Mädchen aber nach wie vor mitlesen, haben sich die Verkaufszahlen insgesamt erhöht. Argument genug also, neben die Fragezeichen die »Drei Ausrufezeichen« dauerhaft in die Regale zu stellen, eine Mädchendetektivbande, bestehend aus Kim, »der Cleveren«, Franzi, »der Sportlichen«, und Marie, »der Trendigen«. Inzwischen ist der 45. Band erschienen, und die Titel verraten ziemlich genau, worum es in dieser Mädchendetektivwelt geht: »Betrug beim Casting«, »Gefährlicher Chat«, »Popstar in Not«, »Gefahr im Reitstall«, »Duell der Topmodels«, »Promihochzeit«. Blond, braun- und rothaarig sind die drei Mädchen auf jedem Cover abgebildet, zum mangaartigen Stil gehören lange Hälse, unnatürlich dünne Schlaucharme und überdimensionierte Augen unter großer Stirn. So sieht also die Antwort aus auf »Die drei Fragezeichen«, eine Buchreihe mit langer Geschichte und großem Erfolg, in der die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews das Rätsel des Superpapageis, des Karpatenhunds oder des Phantomsees lösen. Doch während sich das Hauptquartier der »Drei Fragezeichen« auf einem spannenden Schrottplatz befindet samt Geheimeingang, treffen sich die Mädchen für ihre Besprechungen im Pferdestall. Die Detektivinnen nehmen Aerobic-Stunden, unterhalten sich über Pferde, Schminke und Styling, interessieren sich für ältere Jungen und wollen nicht zunehmen. Brüder, Väter und Kriminalkommissare werden mit »gekonntem Augenaufschlag« überzeugt, und sie springen dann ein, wenn die drei in eine Sackgasse geraten sind und Hilfe brauchen. Das »Drei Fragezeichen«- Pendant stellt die Beziehung der Mädchen in den Vordergrund, und das geht auf Kosten der Handlung; wirklich spannend wird es deshalb selten. Immerhin ist die herkömmliche Vorstellung vom bescheidenen und ängstlichen Mädchen ersetzt durch das Bild des modernen Mädchens: frech, clever und selbstbewusst. Der Kosmos-Verlag erklärt auf Nachfrage, die vielleicht plakativen Themen würden in den Büchern durchaus kritisch behandelt. Im Leben vieler Zehnjährigen spielen Mode, Lifestyle und Jungs nun mal eine große Rolle, der Verlag bediene also nur, was von den Leserinnen erwartet würde. Und aufgrund unterschiedlicher Interessen sei eine Trennung in Jungen- und Mädchenthemen durchaus sinnvoll. Wir erfahren außerdem, dass Produkte, Spiele oder Experimentierkästen, die sich an Mädchen und Jungen richten, niemals nur mit einem Mädchen auf dem Cover beworben werden. Mädchen akzeptierten auch ein Produkt, auf dem ein Junge abgebildet ist, bei Jungen dagegen stoße das auf Ablehnung, sie seien nur interessiert, wenn auch oder ausschließlich Jungen abgebildet seien.

Das Bedürfnis speziell der nicht lesenden Jungen sei Lesestoff rund um Fußball, Ritter und den Kosmos, denn »Jungen lesen – aber anders«, so die Erklärung der Stiftung Lesen. Doch unabhängig von den …

(Dieser Text ist ein Auszug aus Schnerring / Verlan: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ Verlag Antje Kunstmann, München 2014, S. 146-148)

Monster hier – Models dort

Ich habe mal die Titel der Reihe der ‚Drei Fragezeichen‘ mit denen der ‚Drei Ausrufezeichen‘ verglichen.

Das gibt so in etwa das Bild wieder, das sich Werbemenschen von „DEN Mädchen“ im allgemeinen und von „DEN Jungen“ so als Ganzes machen. Die einen mögen Spannung, Abenteuer, Monster und Diebe. Die anderen interessieren sich für Mode, Pferde und Jungs. Und das war’s im Groben auch schon. Bisschen wenig? Bisschen heftig in seiner Zuordnung? Ach was!

In unseren Interviews mit Marketingmenschen haben wir mehrfach gehört: Gendermarketing verstärke keine Stereotype. Nein, bestimmt nicht, I wo denn, wo kämen wir denn da hin! Wir? Wir greifen ja nur auf, was sowieso da ist. Soll also heißen: Wir waschen unsere Hände in Unschuld, wir haben keinerlei Einfluss auf die Welt. Das schlichte Fazit also, um sich das Leben einfach zu machen: So sind sie eben! „Boys will be boys“…

Kosmos Presse

Foto: Kosmos Presse

Geht’s mal um Fußball, dann schlüpfen die drei Ausrufezeichen in die Rolle von? …. Cheerleederinnen natürlich! Mit Fußball an sich haben sie selbst nichts zu tun, sondern retten einen Spieler: ‚Fußballstar in Gefahr‘. Die Krönung ist die Häufung der Buchtitel rund um Schönheit & Co: Nicht nur das ‚Duell der Topmodels‘, ‚Betrug beim Casting‘, ‚Skandal auf dem Laufsteg‘, nein auch noch ‚Stylist in Gefahr‘. Das ist natürlich eine der Berufbezeichungen, die Kinder früh kennenlernen sollten. Und es genügt nicht, dass Achjährige wissen, was ein Catwalk ist, dass schon Grundschülerinnen für Heidi durchs Kinderzimmer staksten, um den richtigen Gang zu üben. Wenn die Kleine mal Pause macht und ein Buch zur Hand nehmen sollte, dann geht’s auch hier um Styling! YEAH!

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Nachtrag:

Ich bin noch nicht lange bei Twitter, aber diese Cover-Gegenüberstellung hat einen ganzen Haufen Retweets und Kommentare ausgelöst, deren *Link* ich einfach mal hier einbaue:

 

Bechdel-Test und Smurfette-Prinzip

Emanzipation? Gleichberechtigung? Ach, da sind wir doch heute schon so viel weiter, oder nicht? Mädchen/Frauen können und dürfen doch heute im Prinzip in alle Bereiche, die früher nur Männern vorbehalten waren. Und das bisschen Gender Pay Gap…

Wirklich?

Es beginnt im Kleinen:

Nachdem ich gestern Abend eine ganze Reihe von Trailern der letzten Filmstarts im Internet angesehen habe, und keiner dabei war, der den Bechdel-Test bestanden hat, möchte ich ihn hier noch einmal vorstellen, in der Hoffnung, dass er sich weiter verbreitet und irgendwann auch die erreicht, die Drehbücher schreiben und Filme produzieren, die Serien einkaufen und Filme weiterempfehlen.

Der Bechdel-Test ist benannt nach der Cartoonistin Alison Bechdel; er taucht in ihrem Comicstrip ‚Dykes to Watch Out For‚ auf. Er belegt, dass Frauen in der Mehrzahl der Filme stereotype Nebenrollen besetzen und es kaum Filme mit starken Frauencharakteren gibt.

Er besteht aus nur drei Fragen:

1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen ?

2. Sprechen die Frauen miteinander ?

3. Sprechen sie miteinander über etwas anderes als Männer ?

Vielleicht ist es nicht von selbst verständlich, deshalb betone ich: es geht hier um jede Art Film, für die wir uns Kinotickets kaufen, die wir im Fernsehen sehen, die wir im Internet gucken, oder vor die wir unsere Kinder setzen.

Und wenn jetzt eine/r sagt: Ja, aber beim Film ‚Hanni & Nanni‘ ist das doch anders, oder was ist denn mit Dem HighSchool-College-Freche Mädchen-Internat-WildeHühner-Film? – dann ist das keine gute Ausnahme von der Regel. Denn alles, was rosa verpackt ist und das Label ‚extra für Mädchen‘ trägt, ist doch wieder nur die Abweichung von der Norm: Es gibt deshalb Fußball und Frauenfußball, Zigaretten und Zigaretten extra für Frauen, es gibt Parkplätze und Frauenparkplätze, Werzeugkästen und extra pinkfarbene Tussi-Kästen, Ü-Eier und Ü-Eier extra mit rosa Mädchenköpfchen… – und solange es all diese Sondervarianten gibt, stimmt was nicht. Mehr noch: solange es für Jungen bzw. Männer verdächtig, wenn nicht peinlich ist, die rosa Variante zu mögen, stimmt noch viel weniger nicht! Aber das ist nochmal ein größeres Thema und braucht bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Der Zusammenhang mit dem Smurfette-Prinzip ist also offensichtlich; Katha Pollitt schrieb 1991 in der New York Times darüber, und seither ist es nicht besser geworden: In vielen Filme gibt es nur eine weibliche Rolle in einer ganzen Reihe von männlichen Darstellern. Wie bei den Schlümpfen oder den Muppets gibt es in der Gruupe der männlichen Figuren verschiedene Typen und Charaktere: den Sportlichen, den Schusseligen, den Cleveren, den Starken etc…. Und zur Vervollständigung der Truppe braucht es noch die Ausnahme: die weibliche Variante, die Abweichung von der Norm. Ausführlicher im Video von Anita Sarkeesian.

Mit diesem Test, dem Bechdel-Test, ist also noch nicht gesagt, dass der Film keine stereotypen Rollenklischees weiterverbreitet, es geht nur um einen ersten Test, ob Frauen überhaupt eine Rolle spielen. Und leider bestehen den nur sehr wenige Filme. Es genügt eine beliebige Trailerseite aufzurufen.

Ich war auf filmtrailer.com und durch meinen Schnelltest am 17.März fällt durch:

  • Rio 2 – Dschungelfieber: Ein Vogel auf Reisen, juhuu, es ist ein Junge.
  • Need for Speed: Wettrennen mit schnellen Autos à la James Dean ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘, wenig Unterschied in der Frauenrandrolle, nur tragen die Frauen in Need for Speed keine Pettycoats.
  • Devil’s Due
  • Doktorspiele:  Ach, keine Frau in der Hauptrolle? Bei dem Titel?
  • Spiderman – no comment
  • Dom Hemingway
  • Non-Stop
  • Endless Love
  • Snowspiercer
  • Antboy
  • Die Schadenfreundinnen – hier habe ich dann aufgehört. Viele, viele Frauen kommen darin vor, sie reden auch miteinander, aber alles dreht sich um einen Mann, viel mehr Thema haben sie nicht. typisch.

Eine Ausnahme könnte ‚Die Bücherdiebin‘ sein. Ich habe den Film nicht gesehen, die Hauptrolle spielt ein Mädchen im Dritten Reich. Im Trailer kommen sonst allerdings nur Männer vor. Spricht sie auch mal mit einer anderen Frau über etwas anderes als den Mann, den die Familie versteckt hält?

Anita Sarkeesian hat für ihr Video eine ganze Reihe von Filmen diesem Test unterzogen, das Ergebnis macht sprachlos:

 

Es gibt ein paar Ausnahmen, Filme, die durchfallen wie z.B. Gravity, weil hier nur eine Frau mitspielt, die trotzdem eine starke Rolle abbekommen hat. Aber hey, dass sie in Unterwäsche durchs Shuttle schwebt, das musste offenbar trotzdem sein.

Welche Filme gibt es denn, die den Test bestehen? Und ich meine nicht ‚Blau ist eine warme Farbe‘, auch keinen Indipendent, Kurzfilm oder sonst wie Außer-der-Reihe-Film, sondern die Kategorie, die es in meiner Stadtteilbücherei zu leihen gibt, die als Familienfilme vor Weihnachten beworben werden o.ä.

Ich wäre dankbar für eine Titelsammlung – gibt’s die schon irgendwo?