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Studie über limitierende Rollenklischees

Global Early Adolescent Study

Eine internationale Studie, deren erste Ergebnisse gerade veröffentlich wurden, hat festgestellt, dass überall auf der Welt Kinder schon ganz früh den Mythos verinnerlichen, Mädchen seien verletzlich und müssten vor allem schön sein, Jungen dagegen seien stark und unabhängig.

„Diese Botschaft wird ständig untermauert – von Geschwistern, Mitschülern, Lehrern, Eltern, Verwandten, Geistlichen, Trainern“,

sagt Robert Blum von der Johns Hopkins University, der die Studie leitet.

Es ist also im Grunde eine Studie, die belegt, dass die Rosa-Hellblau-Falle überall auf der Welt in unterschiedlichem Ausmaß im Alltag von Kindern präsent ist und ihr Heranwachsen mitbestimmt.

Das Forscher*innen-Team hat Ergebnisse aus 15 Ländern zusammengetragen. Rund 450 Heranwachsende sowie je ein*e Erziehungsberechtigte*e oder Elternteil wurden befragt, sie leben in Ägypten, Belgien, Bolivien, Burkina Faso, China, der Demokratischen Republik Kongo, Ecuador, Indien, Kenia, Malawi, Nigeria, Schottland, Südafrika, den USA und Vietnam.

The researchers found that gender-based restrictions rationalized as “protecting” girls actually made them more vulnerable by emphasizing subservience and implicitly sanctioning even physical abuse as punishment for violating norms. They observed that “in many parts of the world” these stereotypes leave girls at greater risk of dropping out of school or suffering physical and sexual violence, child marriage, early pregnancy, HIV and other sexually transmitted infections.

http://www.geastudy.org/

Rollenklischees schaden Mädchen genauso wie Jungen:

They point out that the stereotypes they learn in early adolescence—the emphasis on physical strength and independence—make them more likely to be the victims of physical violence and more prone to tobacco and other substance abuse, as well as homicide. Also, when researchers examined attitudes about gender roles among young adolescents in China, India, Belgium and the United States, they found a growing acceptance for girls pushing against certain gender boundaries, but almost zero tolerance for boys who do.

Die Wissenschaftler*innen warnen vor weiteren möglichen negativen Folgen der verinnerlichten Stereotype, schreibt der Spiegel, und zieht den folgenden falschen Schluss: „nachgewiesen haben sie diese Zusammenhänge in der Studie nicht, weil sie bisher lediglich die erste Befragung durchgeführt habe“. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Studien, die belegen, dass verinnerlichte Stereotype Kindern (und Erwachsenen) Grenzen auferlegen und sie damit in ihrer Wahlfreiheit und Entfaltung ihrer Persönlichkeit einschränken. Stichwörter dazu sind „Minimalgruppenparadigma„, „Stereotype Threat“ oder „Kognitive Dissonanz“, um nur ein paar zu nennen.

Die Tatsache, dass Stereotype an Kinder weitergereicht werden, ist bekannt, aber wie früh das geschieht, hat die Forscher*innen dann doch überrascht. Uns nicht. Leider. Denn dank euch, den vielen (werdenden) Eltern und Großeltern, Erzieher*innen, Lehrkräften, Onkel und Tanten, Pädagog*innen … die uns täglich Fotos schicken, Szenen erzählen, Dialoge wiedergeben und von den kleinen und großen rosa-hellblauen Momenten ihres Alltags berichten, ist uns sehr bewusst, dass die Reproduktion einengender Rollenbilder in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat und weiter zunimmt.

Jetzt hat also eine internationale Studie, diese subjektive Sammlung bestätigt. Ein Blick ins Forum (zum Artikel von Spiegel Online) zeigt einmal mehr, dass sich die Gegner*innen auch von wissenschaftlichen Studien nicht beeindrucken lassen. Das passiert schnell, weil die Ergebnisse abstrakt sind. Umso wichtiger sind unsere und eure Geschichten, die anschaulich zeigen, wie Kinder eingeschränkt werden und verborgen oder offensichtlich darunter leiden. Wir freuen uns über Eure anhaltende Unterstützung!

viele Grüße

von Sascha und Almut

Jetzt ohne „Stereotyp Bedrohung“

Bei ZEIT LEO gibt es eine neue Rubrik

Vor 2 Jahren um diese Zeit hatten wir einen offenen Brief an die Zeit Leo Redaktion geschrieben, weil uns das Heft so gut gefällt, wir aber die Seite „Ist … Jungssache oder Mädchensache?“ keine gute Idee fanden. Unsere Kritik daran: „Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen Mädchen und Jungen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.“ Im Grunde war das ein klassisches Beispiel für das Phänomen der sog. „Stereotyp Bedrohung“ (stereotype threat): steht ein Vorurteil im Raum, können die davon Betroffenen nicht mehr unbefangen agieren.

 

In ihrer Antwort schrieb Inge Kutter, Chefredakteurin ZEIT LEO, sie sei sicher, Kinder könnten ihre eigenen Schlüsse aus den Antworten ziehen, ohne Bevormundung. Das fanden wir schade, ging es für uns am Kritikpunkt vorbei. Umso mehr freut uns jetzt, dass die Rubrik aus der Kinder-Zeitschrift verschwunden ist. Neu ist dafür eine kleine Umfrage, eine Doppelseite unter der Überschrift „JA!“ und „Nein!“, und das finden wir SUPER! 👍😃 Die Klischeekiste ist entsorgt und an ihrer Stelle finden die jungen Leserinnen und Leser Antworten anderer Kinder auf eine Frage, die jedes Mal einlädt, sich über ein Thema Gedanken zu machen: „Soll man für Noten belohnt werden?“, „Soll man an Silverster böllern?“, „Magst Du Wettbewerbe?“

Kinder können überlegen, wie sie selbst zur gefragten Sache stehen und dann mit den Antworten anderer Kinder vergleichen, vielleicht von ihnen neue Argumente erfahren. Wo es vorher um rosa-hellblaue Zuordnungen ging, geht es jetzt um die eigene, individuelle Meinung.

Danke dafür! :D

 

 

Wie Gendermarketing den Alltag von Kindern verändert

Ich habe gestern direkt hintereinander Tweets von ‪@dasnuf‬ und ‪von @soeesa‬ gelesen und daraufhin einen längeren Thread auf Twitter gepostet. Den möchte ich hier noch einmal zusammenfassen und ergänzen, ohne Abkürzungen und 140 Zeichen-Begrenzung (und vielleicht etwas weniger zornig, weil eine Nacht vergangen ist 😉 ).

Mein erster Gedanke: Irgendwann muss sich der Zusammenhang doch mal rumsprechen zwischen den Botschaften des Gendermarketing und dem Rollenverhalten von Kindern (bzw. ihren Eltern).

Zwar haben die drei Tweets auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und doch gibt es einen klare Verknüpfung: Gendermarketing setzt auf Geschlechtertrennung und unterschiedliche „Markierung“ von Jungen und Mädchen (schöner: „Zielgruppendifferenzierung„) und verbreitet deshalb stereotype Botschaften übers Mann- und Frau-Sein und deren Unterschiede.

 

Und Eltern widerum ist es ein Anliegen, dass sich ihre Kinder „richtig“ entwickeln, dass sie nicht ausgegrenzt werden und ihren Weg gehen. Auch wenn die Vorstellungen darüber, wie dieser Weg aussehen sollte, sehr unterschiedlich sind, haben sie schon lange bevor sie Eltern wurden internalisiert, was Mann-Sein und Frau-Sein im Hier und Heute bedeutet.

 

Da liegt es doch auf der Hand, dass es Auswirkungen hat, wenn man jahrelang in Gendermarketing investiert, es gutheißt und seine einengenden Rollenbilder verharmlost. Da ist es doch klar, dass das unser aller Vorstellungen von männlich und weiblich beeinflusst. Ich behaupte ja nicht, dass die Marketingbranche alleine für den Backlash hin zu tradionellen Rollenbildern verantwortlich ist, aber wir haben seit Veröffentlichung der Rosa-Hellblau-Falle in all unseren Interviews, in all den Artikeln und Social-Media-Diskussionen noch von keinem Unternehmen gehört oder gelesen, das die Verantwortung nicht auf Eltern abwälzt, Motto: „Wir verstärken keine Klischees, wir reagieren nur auf die Wünsche der Kundschaft“ – oft gehört.

Tatsache ist aber doch: Seit rund 10 Jahren unterstützt Gendermarketing das Bedürfnis von Jungen und Mädchen sich voneinander abzugrenzen. Und je höher diese Grenze zwischen niedlichen Prinzessinnen und coolen Helden, zwischen rosa und hellblau gezogen wird, umso wichtiger wird das DoingGender für Kinder, umso wichtiger wird es für das einzelne, sich mit denselben Attributen wie die Peergroup als „echtes Mädchen“, als „richtiger Junge“ zu kennzeichnen. Kinder im Vor- und Grundschulalter wollen selbstverständlich zu ihrer Gruppe dazugehören, sich nicht durch „untypische“ Interessen abgrenzen.

 

Aber im Austausch mit anderen Eltern, mit ErzieherInnen und GrundschulpädagogInnen fragen ich mich: welches Mädchen kommt noch an Rosa, Ponys oder Prinzessinnen vorbei, ohne Kommentare zu ernten, dass es „anders“ sei. Welcher Junge darf mit Puppen spielen, zum Ballet gehen oder einen pinken Schulranzen tragen, ohne dass sich wer Sorgen macht, er könnte schwul werden! (Jetzt rufen vielleicht manche Eltern „hier!“, und übersehen in dem Moment, wieviel Krfat und wieviel Selbstbewusstsein das ihrem Kind in seinem Alltag, im Austausch mit anderen, abverlangt!) Und dazu tragen die Befürworter der Gendermarketing jeden Tag kräftig bei, indem sie auf Geschlechtertrennung setzen, sie verstärken, sie fördern und fordern und uns das alles als „natürlich“ verkaufen.

Was tun? Sich dagegen aussprechen!

Es gab noch keine Generation vor uns, die derart medial mit trennenden Botschaften zugeschüttet wurde, niemand unter uns Erwachsenen kann ahnen, welche Auswirkungen das in 20 Jahren haben wird!

Wenn wir also den GenderCareGap, den #PensionGap, Alltagssexismus und Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht) angehen wollen, dann sollten wir uns

a) komplett gegen Gendermarketing aussprechen und

b) dringend ein Bewusstsein dafür entwickeln, wo wir uns davon haben schon beeinflussen lassen, so dass wir den Quatsch nicht munter an Kinder weiterreichen, ohne es zu merken.

Tatsächlich wird im Umgang mit Kindern das  Geschlecht allzu häufig „dramatisiert“, also überbetont und zum Thema gemacht in Situationen, in denen es keine Rolle spielen müsste (z.B. nur 2 Schultüten-Bastelsets zur Wahl, in rosa-hellblau oder durch Motive geschlechtlich gelabelt, anstatt eines bunten Angebots) – und hier ist Gendermarketing Vorbild und Förderer – und in anderen Momenten wird es ignoriert, obwohl wichtig wäre, den eigenen Blick auf die so unterschiedliche Erwartungshaltung gegenüber Jungen und Mädchen zu schärfen (z.B. unterschiedliches Bewegungsangebot: Jungen wird häufiger vorgeschlagen, sich „auszupowern“, Mädchen werden eher zum ruhig Sein angehalten)

 

Wer tatsächlich glaubt, er/sie reiche selbst keine Klischees weiter und sei frei von geschlechtlichen Zuordnungen im Kontakt mit Kindern, beweist damit das Gegenteil. Tut mir leid, dass so ausweglos zu formulieren, aber erst wenn wir erkennen, wie tief die Zuordnungen in unserer Kultur und in jedem einzelnen verankert sind, erst dann kann es gelingen, das eigene Handeln und Sprechen zu hinterfragen und öfter anders zu entscheiden. Schließlich sind wir ja selbst damit aufgewachsen, haben sie verinnerlicht und können sie deshalb nicht einfach abwerfen.

Doch leider ist die Mehrheit (lt. Umfragen) überzeugt, Kinder „gleich“ zu behandeln und findet Gendermarketing sei harmlos ¯\_(ツ)_/¯ (siehe das rosa-hellblaue Bullshitbingo). Ich unterstelle sicher keinen bösen Willen, aber ich wünschte, es gäbe mehr Aufklärung über die Wirkmechanismen stereotyper Botschaften im Alltag von Kindern und mehr Hilfen dabei, ein Bewusstein für die o.g. Zusammenhänge zu entwickeln.

 

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Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

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Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.

„Das ist aber ne Mädchenfarbe!“

Rosa – Lila – Pink

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“

Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg – Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!


*
Das „kleine Rot“ war für Jungs

Dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Ein Mann, der lila trägt, ein Kleid dazu – Stellt niemand in Frage, wieso grade für ihn in dem Punkt andere Regeln gelten? Sei’s drum: Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für kleine Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, in weißen Kleidchen („Wie unmännlich!“ – Blogpost von Katrin Rönicke mit schönem Beispielfoto) bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge – für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. SpielzeugherstellerInnen gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsenen ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel, davon bin ich überzeugt!

„Stell Dir mal vor, Jungs hätten alle rosa an!“

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt, sie ist doch schon in die blau-türkis-Phase gewechselt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Sie rennt aus dem Zimmer und ich hoffe leise, dass wir eine bessere Lösung für die Zukunft finden, als einfach nur die Schubladen auszutauschen!

 

Foto: Dollyclaire via photopin cc

(Dieser Artikel ist ein überarbeiteter Auszug aus einem älteren von 2014: „Mit Rosa assoziiere ich Zucker“ )

 

Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

#rausausderfalle

Twittergewitter

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Der Austausch über Geschlechterrollenklischees im Alltag von Kindern kann ganz lustig sein, hinterlässt uns aber auch oft sehr ratlos. Zum Beispiel dann, wenn Erwachsene überzeugt sind, Kinder hätten doch die freie Wahl, wir sollten es mal nicht übertreiben mit unserer Arbeit, schließlich gäbe es Wichtigeres… . Twitter ist eine prima Quelle für Kommentare, die diese Haltung, veranschaulichen, und gleichzeitig bekommen wir dort auch sehr viel Rückhalt und Zustimmung von Gleichgesinnten.

So haben wir im letzten Jahr hier auf diesem Blog einige Tweet-Sammlungen veröffentlicht: rosa-hellblaue Twittergewitter. Das letzte liegt einige Monate zurück, höchste Zeit also für ein neues, nur dieses Mal andersherum: Eine optimistische Sammlung in Sachen #rausausderfalle! :) Los geht’s:

 

 


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Wer weiter lesen möchte: Mehr Optimismus sammeln wir auf unsrem Tumblr-Blog

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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