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Die Rosa-Hellblau-Falle auf Deutschlandradio Kultur

… das hat uns sehr gefreut! Im Deutschlandradio kam heute eine Buchbesprechung der Rosa-Hellblau-Falle von Susanne Billig.

Nachdem wir in den letzten Tagen viele Gespräche geführt haben, die in Sackgassen geendet sind, ist es toll, mal wieder jemanden über das Thema und unser Buch spechen zu hören, die offenbar verstanden hat, was wir meinen, was unser Anliegen ist.

In der letzten Woche habe ich zum Beispiel von einem Kindergarten erfahren, in dem es einen extra Bereich für Mädchen gibt, damit diese auch mal vor den ach so wilden Jungs geschützt sind. Hallo? Ein ganzer Kindergarten und ALLE Jungs sind wild, und ALLE Mädchen brauchen Schutz? Dort hat offenbar noch niemand von überholten Rollenklischees gehört, und dass die Erwartungshaltung der Erwachsenen, wie Mädchen bzw. Jungen „nun mal so sind“, durch solch eine Regel an alle Kinder weiterverbreitet wird. Und später, wenn dann auch das letzte U2 Kind in die bereit gestellte Schublade passt, dann können alle Beteiligten sagen: Seht Ihr, wir haben’s ja gesagt. Kein Gedanke daran, dass Kinder es richtig machen wollen, dass sie dazugehören wollen und nicht mit Absicht anders sein wollen als ihre Freund*innen? Welcher Junge hat in so einer Umgebung noch die Chance, sich für Dinge zu interessieren, die durch das Kita-Team den Mädchen zugeschrieben werden? Welches Mädchen darf hier wild rennen, schubsen, laut sein, ohne zurecht gewiesen zu werden, ist schließlich untypisch und passt doch sowieso eher zu Jungs … ???

In einem anderen Kindergarten gab es letzte Weihnachten für die Jungen Merchandising-Autos aus dem Film ‚Cars‘ und für die Mädchen … Barbies! Kein Scherz! Ich wusste gar nicht, dass es die Plastik-Schlackse auch in Kitas gibt, ging naiv davon aus, die deutsche Kita sei ein Raum, wo jeder Gegenstand, bevor er gekauft werden darf, jedes Regal, jeder Stuhl, jeder Bauklotz auf seine Gefährlichkeit hin untersucht wird. Aber da geht es wahrscheinlich nur ums Ersticken und Runterfallen. Verschlucken am Schubladendenken wird hier wohl nicht als Gefahr eingestuft.

Harmlos dagegen die Anekdote einer Nachbarin: Deren Tochter antwortete im Kindergarten auf die Frage, was denn ihre Lieblingsfarbe sei: „Hellgelb“. Die Erzieherin darauf: „Nicht Rosa? Das ist aber ungewöhnlich.“

Zu diesen Beispielen passt mein Vortragserlebnis mit einer Gruppe Erzieherinnen. Ein Teil von ihnen war nämlich bis zum Schluss der Veranstaltung der festen Überzeugung, dass es zwar Werbung und Eltern echt übertreiben mit diesem rosa Spielzeug und der rosa Kleidung, dass sie selbst aber in ihrem Alltag mit Kindern völlig neutral handeln. „Was wollen Sie denn eigentlich von uns?“ – war eine Stimme aus dem Publikum, das doch eigentlich gekommen war, um einen Vortrag zu hören zum Thema „Geschlechtergerechte Pädagogik. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“. Eine andere meinte, ich hätte wohl ein etwas pessimistisches Weltbild. Dabei sollte ich vielleicht erwähnen, dass in einem Saal voller Erzieherinnen – wie so oft – nur ein einziger Mann saß. Aber auch das war an diesem Tag für manche nicht Beweis genug, dass Rollenklischees Teil unseres Alltags sind. „Bei uns? Niemals, die anderen sind Schuld!“ – praktisch, oder?

Tatsächlich gibt es eine aktuelle Studie, (Interview darüber in derstandard.at) die belegt, dass weibliche Fachkräfte mehr Unterschiede zwischen den Geschlechtern machen, weil sie für das Thema weniger sensibilisiert sind als Männer, die sich für den Beruf des Erziehers entscheiden.

Doch, es gibt auch die anderen Beispiele von Erzieher*innen, die kleine Jungs im Spiel mit dem Puppenhaus gegenüber ihren Müttern verteidigen und ihnen erklären, dass es hier um Interessen und Verhaltensweisen geht und keinesfalls um Homosexualität und die Frage, wen das Kind als Erwachsener einmal lieben wird. Es gibt sie, die Erzieher*innen, die Fortbildungen besuchen, die zum Beispiel am Projekt MAIK teilgenommen und/oder sich ins Thema geschlechtergerechte Pädagogik eingelesen haben. Und es gibt Kindertagesstätten, die die geschlechtergerechte Pädagogik als wesentlichen Teil ihres Konzeptes anführen. Nur leider haben solche Überlegungen bei den Begegnungen, die ich in den letzten Tagen hatte, so gar keine Rolle gespielt. Schade.

Vor diesem Hintergrund also herzlichen Dank an Susanne Billig für diese positive Buchbesprechung :-)  Hier geht’s zur Audioversion des Gesprächs, und hier der Link zu den Seiten des Deutschlandradio:

dlr

 

 

Wie weit gehen?

servustv2Sascha bei ServusTV in Salzburg

Wir haben schon überlegt, ob ich das überhaupt machen soll, schließlich gehört Servus TV zur Red Bull Media House GmbH, und die stehen nicht gerade für ein modernes, fortschrittliches Männer- und Frauenbild. Aber gut, da ist eine Redaktion, die sich für unser Thema interessiert und uns unterstützen kann. Also bin ich nach Salzburg gefahren und habe mich zu Thomas Ohrner und Andrea Schlager an den Frühstückstisch gesetzt und über unser Buch gesprochen.

servustv

Unter den anderen Themen, um die es in der Sendung ging, waren zwei, die nun nicht gerade den passenden Rahmen bildeten für unser Thema: das Erzbergrodeo, „das härteste Motorrad-Offroad-Einzelrennen der Welt“, und ein Geburtstag: 100 Jahre BH … das hab ich am Rande mitbekommen, war aber zu aufgeregt und habe nicht realisiert, dass diese Kombination nicht wirklich gut ist, um über Rollenklischees zu sprechen. Was ich nicht wusste: Thomas Ohrner und Andrea Schlager haben vor meinem letzten Interviewabschnitt heiteres Dekolleté-Raten gespielt. Die drängenden Fragen waren Körbchengröße und Besitzerin.

BHRaten2

Jetzt freuen wir uns ja wirklich über jede Gelegenheit, unser Thema und Buch vorzustellen und damit auf all die Einschränkungen aufmerksam machen zu können, mit denen unsere Kinder konfrontiert sind. Aber war das wirklich eine gute Idee? Erst Fremdschämen mit Thomas Ohrner und dann locker-lustig über Rollenklischees plaudern? Gehört das zum Geschäft? Oder sollten wir beim nächsten Mal nach einem Ablaufplan fragen und in so einem Fall dann kurzfristig absagen? Oder trotzdem hingehen und das Ganze dann zum Thema machen? Keine gute Miene mehr zum bösen Spiel? Wieviel Medientraining braucht es, um in einem Live-Interview die Situation zu erfassen, die Rollenverteilung der Moderatoren zu thematisieren: sie hat Dekolleté-Fotos für ihn vorbereitet und freut sich, immer freundlich lachend, über seine männliche Unwissenheit in Sachen BH-Größen. Er tippt auf Brüste und kommentiert deren Größe. Um dann im Anschluss im Gespräch mit mir zu fragen, warum wir die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau denn in Frage stellten, die Rollen seien schließlich schon in der Steinzeit verteilt gewesen.

Da wäre es passend gewesen, klar zu machen (höflich-freundlich, versteht sich, immer auf Unterhaltung bedacht, um nicht als Spaßverderber und Mießmacher ungehört zu bleiben), dass ich es bezweifle, dass Männer schon damals derart despektierlich und abschätzig über das Aussehen von Frauen gesprochen und geurteilt haben, wie es heute für manche Menschen normaler Alltag beziehungsweise Teil des lustig- („Komm, war doch nur ironisch gemeint“) geschlechtshierarchischen Medienprogramms zu sein scheint. Mir jedenfalls war das in diesem Moment nicht möglich. Schade eigentlich!

 

 

 

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

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Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

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Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

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Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

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Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Unser Buch ist da: Die Rosa-Hellblau-Falle

„Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

… so heißt unser neues Buch. Heute ist es aus der Druckerei gekommen, wir haben gerade unser erstes Exemplar mit der Post bekommen, und am 26. Februar wird es in den Buchhandlungen liegen. Jetzt sind wir gespannt, wie es sich in der Welt der Bücher und Ideen behaupten wird.

Hier steht mehr über den Inhalt. Wir freuen uns über Austausch und Beiträge zum Thema Rollenklischees und Schubladendenken im Alltag mit und ohne Kinder.

Rosa-Hellblau-Falle-Buchcover