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Perfekt in einer Minute

Perfekt mit einem Klick

Unsere Kinder haben alle drei Sommersprossen, und alle drei sind sich einig, dass Sommersprossen doof sind. Wie kommen sie nur darauf?

Im letzten Jahr hatte ich hier über das bearbeitete Porträtfoto unserer Tochter geschrieben. Der Schulfotograf hatte entschieden, die Fotos unserer damals Elfjährigen zu „verbessern“ und ihre Lachfalten mit Hilfe einer Software zu glätten, ihre Haut mit einem Weichzeichner zu bearbeiten: mikaphotoshopped2

Heute ein Nachtrag zu diesem Erlebnis:

Am Münchner Hauptbahnhof gibt’s das Vorbild für den Schulfotografen, offenbar hat er seine Ausbildung in der Werbung gemacht. Nun muss es ihm langweilig geworden sein, reihenweise Schulkinder mit glatter Haut zu fotografieren.
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„Perfekt aussehen in 1 Minute“. Seit wann bedeutet denn „perfekt“ = ohne Sommersprossen? Oder Lachfalten? Weg damit, wie unperfekt! Und das ganze mit Hilfe von Make-up. Glaubt man der Werbung, gibt’s jetzt also die Bildbearbeitungs-Funktion „verbessern“ schon aus dem Creme-Tiegel:

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One tap Beautification

Wem Creme-Tiegel oder Schulfotograf zu umständlich sind, um das Schönheitsideal von 2016 zu erreichen, lädt sich die BeautyPlus App aufs Handy.  Hier genügt ein Klick, ein bisschen Wischen, um diverse Schönheitsfilter aufs eigene Selfie anzuwenden: Pickelweg-Funktion, Augenringe-wegdamit-Klick, Gute-Laune-Falten-Lösch-Button.

Übrigens:

5% der Mädchen und 3% der Jungen sind schon im Alter von 8 Jahren unzufrieden mit ihrem Aussehen. Und zwar auch dann, wenn ihr Gewicht völlig ihrem Alter und Durchschnitt entspricht. Mit 14 Jahren machen 39% der Mädchen regelmäßig eine Diät. Und in Deutschland denkt jedes siebte Kind zwischen 9 und 14 Jahren über eine Schönheitsoperation nach. Die Rangfolge, welche Körperregionen verändert werden sollten, ist ähnlich wie bei den Erwachsenen: Hautunreinheiten stehen auf Platz zwei, direkt hinter Fettabsaugen (Quelle: LBS Kinderbarometer 2013).

Danke für Nichts.

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Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

Schnauze voll von Rosa? – Suli Puschban

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Interview mit Suli Puschban

Mit dem Refrain von „Ich hab die Schnauze voll von rosa“ laufen unsere Kinder schon eine ganze Weile durch die Gegend, der Ohrwurm wird immer mal wieder aktualisiert, und es genügt, dass eins das Wort „Schnauze“ in den Mund nimmt, garantiert greift es das nächste auf und schon schreien wieder alle drei im Chor durchs Haus: „Ich mach jetzt was ich will!“. Und weil der Text so gut zu unserem Anliegen rund um Rollenklischees und zur rosa-Hellblau-Falle passt, haben wir Suli ein paar Fragen dazu gestellt.

Suli Puschban ist…

…“Wienerin in Berlin, Liedermacherin, Kinderliedermacherin und Kabarettistin, sie schreibt und performt ihre Lieder, spielt solo und mit ihrer ‚Kapelle der guten Hoffnung‘, liebt die Berge, verehrt das Meer, ist Poetin, Feministin und feinsinnig rockenende Rotzgöre.“

Gab es einen konkreten Anlass für den Songtext?

>> Angesichts des derzeitigen Rollbacks, dass die Geschlechterrollen wieder vermehrt in rosa und hellblau und allem, was sonst noch dazu gehört, zementiert werden und der Tatsache, dass Lilifee und andere Figuren von Merchandise-Imperien flankiert werden, unter denen Eltern stöhnend leiden, musste ich irgendwann einfach mal einen Anti-rosa-Songschreiben. Der erhobene Zeigefinger interessiert mich nun herzlich wenig, und es geht mir auch nicht um die Farbe, sondern die Haltung dahinter. Mädchen und Frauen müssen sich nicht den stereotypen Bildern beugen, sondern können sein und werden, was sie wollen: Astronautinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Der Song enthält also auch noch etwas Kapitalismuskritik als Subtext. Wenn man bedenkt, was Frauen teilweise an Geld ausgeben (müssen), um den vermeintlichen Anforderungen der Rolle als Frau gerecht zu werden!

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Wieso hast Du die Schnauze voll von rosa?

>> Vielleicht sollte ich vorweg sagen, dasss Mädchen und Frauen, die ROSA heißen, sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen sollen. Manche schreiben ‚rosa‘ im Song auch vorne mit Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um einen Namen handeln könnte. Aber nein, es ist die Farbe! Und dieses ‚rosa‘ steht für Einschränkung: Frauen, die auf hohen Schuhen balancieren, zugekleistert mit Make-Up, eingelullt in der heteronormativen Überzeugung, dass der sie rettende Prinz bestimmt auftauchen wird, rufen sie mit hoher Stimme: „Hilfe! Hilfe“

Hast Du ein bestimmtes Erlebnis in dem Zusammenhang , das dich genervt hat?

>> Mein ganz Leben ist ein solcher Moment: ich war ein burschikoses Mädchen, ich bin aufgewachsen mit dem Satz: „Was willst du denn, Junge?“, und mit Kommentaren und abblocken, wenn ich eine Toilette aufsuche. Ich hatte immer kurze Haare, trug Turnschuhe, Jeans und entzog mich der Norm. Das wurde stets kommentiert. Heute noch fragen mich Kinder oft: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Kurze Haare und mein non-konformes Verhalten stiften da manchmal Verwirrung. Macht nix! Ich war schon als Kind ein Lausbub!

Wo trittst Du auf, wann singst Du den Song?

>> Ich spiele den Song auf allen meinen Konzerten, die ich solo oder mit meiner Kapelle der guten Hoffnung spiele. Aber auch bei Workshops in Schulen oder Fortbildungen für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Alle lieben dieses Lied.

 

Auch vor Leuten, die sehr auf Rosa stehen? Oder laden die Dich erst gar nicht ein?

>> Ich hatte noch nie negative Reaktionen auf das Lied. Es gibt auch Mädchen, die komplett rosa tragen und singend und tanzend ausrasten zu dem Song. Einmal standen zwei Freundinnnen vor der Bühne, die waren so 10 Jahre und die eine sagte: „Ich hasse rosa!“, und die andere rief ganz stolz: „Ich nicht!“

Mir geht es darum, den Kindern zu vermitteln, dass alles geht, dass sie sein dürfen, wie sie wollen, dass in dieser Welt „Platz für uns alle“ ist, so wie es mein anderer Song ROSA PARKS BIST DU einfordert. Wenn andere kommen, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die anders sind als wir, dann sollten wir keine Zäune bauen, sondern zusammenrutschen.

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Gab’s eine konkreten Moment, von dem Du erzählen magst?

>> Also ich liebe diesen Moment, wenn der Refrain einsetzt. Die Blicke, die Überraschung ist einfach zum Schreien schön. Manchmal sitzen Jungs im Publikum und ich sage meist vor dem Song: „Neulich hab ich Lilifee getroffen …“ Dann kommt schonmal ein: „Och nee …“ Aber dann gebe ich den Rat, erst abzuwarten bis zum Liedende und dann zu urteilen. Danach ist die Begeisterung immer groß, und auch Jungs singen begeistert mit.

Manchmal klopfen mir junge Mütter auf die Schulter und sagen: „Endlich, danke!!!“ Sie sind oft genervt von der rosa Klamottenfront, die ihnen beim Einkaufen gegenübersteht. Mädchen- und Jungs- Kleidung, ist doch Quatsch eigentlich. Manche Väter kaufen eins der T-Shirts mit dem „Ich hab die Schnauze voll von rosa“-Aufdruck für sich selbst.

Neulich kam ein kleines Mädchen und wollte wissen, ob ich Lilifee wirklich getroffen hätte. „So wirklich, wie es sie gibt!“, habe ich geantwortet, und sie hat wissend gelächelt.

 

Ist ‚Ich hab die Schnauze voll von rosa‘ überhaupt ein Kinderlied?

>> Eine gute Frage. Was ist ein Kinderlied? Was macht ein Lied zum Kinderlied? Ich glaube, dass es Kindern gefällt, dass sie sich damit identifizieren können oder dass es einfach nur witzig ist und zum Mitsingen einlädt. Das schafft meine Lilifee!

 

Vielen Dank an Suli Puschban mit Grüßen aus der Rosa-Hellblau-Falle :)

 

 

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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Ich bin pessimistisch

Gibt es wirklich eine individuelle Wahlfreiheit jenseits von rosa und hellblau?

Alu vom grossekoepfe-Blog beschreibt in Ihren „Gedanken über gendergerechte Erziehung“ mit vielen Beispielen, wie sie im Alltag Wert darauf legt, ihren Kindern Spielzeug, Farben, Interessen nicht nur aus der Jungs- oder Mädchenschublade anzubieten, sondern dass ihre Kinder beide Welten zur Auswahl bekommen und selbst entscheiden können.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, mit dieser Grundhaltung lebe auch ich am besten, und ich wünsche mir, meine Kinder mögen so selbstbewusst sein (oder  noch werden), dass sie „für sich“ selbst entscheiden können. Leider wird der elterliche Part mit dem „Entkräften“ immer schwieriger, je älter sie werden, je mehr Schubladen-Botschaften sie von außen erfahren. Sie sind jetzt 10, 12 und 14 Jahre alt, und die engen Regeln in Werbung, Schulbüchern, TV-Serien etc, wie Mädchen/Jungs zu sein haben, sind derart allgegenwärtig, manchmal fürchte ich, ich komme mit dem Starkmachen einfach nicht mehr hinterher. In manchen Bereichen gelingt es, in anderen muss ich leider zuschauen, dass sich eins gegen das eigene Fühlen/ den eigenen Geschmack/ die grade noch formulierte Position etc. entscheidet. Einfach deshalb, weil das, was die Freunde/Innen sagen, zunehmend mehr zählt, als das, was wir Eltern beim gemeinsamen Mittagessen grade noch über „freie Wahl“, „für alle da“, „Deine Entscheidung“, „ruhig mal >Nein< sagen“, „trotzdem Deine Freundin“ erklärt oder vorgelebt haben.

Ich finde auch, man kann Kindern ruhig Dinge zutrauen, die jenseits der rosa-hellblauen-Geschlechtergrenze verlaufen. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, den eigenen Sohn nicht im Kleid in die Kita zu lassen, wenn er das am Morgen selbst so entschieden hat. Auch dann, wenn er Gegenwind bekommen sollte, Kommentare, Hänseleien (Ist nicht geschehen, im Gegenteil, er wurde direkt ins Vater-Mutter-Kind-Spiel integriert), so bin ich überzeugt, es geht ihm besser, wenn er diese Reaktionen im schlechten Fall lieber selbst erfährt und mit meiner Hilfe lernen kann, damit umzugehen, als wenn ich die gemeinste Reaktion von allen vorwegnehme, nämlich ihm etwas verbiete, das ihm grade noch Freude bereitete. In vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen gesellschaftlichen Regeln und Geschlechterklischees zuliebe? Warum sollte ich mir diese Regeln zu eigen machen? Ihm selbst den „So bist du falsch“ -Stempel verpassen, bevor die anderen die Gelegenheit dazu bekommen? Wie käme ich dazu? Deshalb habe ich mich über das Comic von Erzaehlmirnix gefreut, bringt es doch dieses Thema genau auf den Punkt:

Ich bin also durchaus dafür, Kindern Dinge zuzutrauen. Ich biete ihnen ungerührt Hosen aus egal welcher Abteilung an, Hauptsache sie passen. Ob Kleidung, Spielzeug, Sportarten, Musikinstrumente, Ferienkurse: ich meide überwiegend Angebote, die das eine oder andere Geschlecht von vorneherein ausschließen, ich mache nicht mit beim biologistischen Vorsortieren nur aufgrund des Geschlechts. Und wo es keine neutrale Variante gibt, versuche ich immer aus beiden Welten anzubieten. Doch was tun, wenn die Kinder selbst das Risiko, als „untypisch“ oder gar „falsch“ zu gelten, irgendwann nicht mehr eingehen wollen?

Ich bin pessimistisch und eine Gegnerin von Gendermarketing geworden, weil ich bei meinen eigenen Kinder beobachte, wie wichtig es für sie geworden ist, dem Urteil der eigenen Freunde/Innen stand halten zu können. Mit jedem Jahr in der weiterführenden Schule wird es noch wichtiger, dass die Kleidung, die Hobbies, die Musik, die Tasche, die Frisur dem entspricht, was „richtig“ ist. Optimistische Eltern mögen auf ihre Kinder blicken und sagen, mein Kind wählt das „Richtige“ für sich, ganz individuell, seinem/ihrem eigenen Wesen entsprechend. Ich schaue auf meine Kinder und sehe, dass sie zwar prima dazugehören, sie haben viele Freunde/Innen, werden mit als erstes ins Team gewählt, sind auf viele Geburtstage eingeladen. Toll. Und doch wünsche ich mir öfter mal ein Dagegenhalten, ein Ausscheren, ein Durchsetzen der Meinung, die sie grade unter der Tür noch vertreten haben. Damit das nicht missverstanden wird: Es geht mir nicht ums Anderssein aus Prinzip, ums Anecken als Wert an sich, sondern um die Momente, in denen der grade noch dagewesene Wunsch leise wieder verschwindet, weil er alleine steht. Und dann, angekommen in der Gruppe der Gleichgesinnten, sagen wir überzeugt: „Ich habe das ganz alleine >für mich< entschieden. Dass die anderen auch so wollen? Ja, da kann ich ja nichts dafür.“

Ich, die Spielverderberin in der Runde der Individualisten fragt sich deshalb: Was genau bedeutet denn „für mich“ entscheiden? Wo endet der individuelle Wunsch und wo geht er über in den Gruppenkonsens? Wie war das bei der Berufswahl, bei der Wohnzimmereinrichtung, wie ist das mit meinen Interessen? Ich nähe jetzt noch meinen neuen Rock fertig. Nähe ich Kleider, weil ich das „für mich“ als Freizeitbeschäftigung gewählt habe? Oder nähe ich, weil  …

meine ganz persönliche Rosa-Hellblau-Falle

„schwarzbrot, weißbrot … scheiß auf den farbcode“*

Auf einem Blatt Papier sind Punkte unterschiedlicher Größe und Farbschattiertung eng aneinander abgebildet. Ich soll in diesem Punktegewirr Zahlen erkennen oder Buchstabenkombination, manchmal auch Figuren … und sehe meistens nichts. Und wenn doch, dann sehe ich das Falsche. Ich sei eben rot-grün-blind. Als Kind fand ich das einigermaßen seltsam, farbenblind? Ich? Meine Welt war doch ausgesprochen bunt, die Wiesen grün, der Himmel blau und die Erdbeeren rot mit gelben Pünktchen. Nur manchmal war mein Rot für andere grün oder braun, mein Blau wohl eigentlich lila oder türkis, und mein Hellblau war in der Tat für andere oft rosa. Als ich mir irgendwann meine Kleider selbst ausgesucht und gekauft habe, mag es bisweilen zu eigenwilligen Farbkombinationen gekommen sein, in den 1980er Jahren meiner Jugend schien das aber nicht so wichtig, zumindest kann ich mich an keine Ausgrenzungserfahrung erinnern, als ich mit einer ersten selbst gekauften Herbstjacke in die Schule kam: sie war leuchtend lila, das Innenfutter hatte hellrosa Blümchen.

Bei der Eingangsuntersuchung zum Zivildienst wurde statt meiner Rot-Grün-Blindheit eine allgemeine Farbsehschwäche diagnostiziert. Für mich aber ist es nur eine Farb-„Benennungsschwäche“, denn, wie gesagt, meine Welt ist ausgesprochen bunt. Farben haben für mich hin und wieder andere Namen und sind mir vielleicht nicht so wichtig wie manch anderen, schon gar nicht Rosa und Hellblau. Meinem Onkel mütterlicherseits – Farbsehschwäche wird ja vererbt, rezessiv auf dem x-Chromosom, weshalb mehrheitlich Männer davon betroffen sind – geht es ähnlich; auch wenn wir uns keineswegs einig sind bei der Benennung einzelner Farben. Mein Onkel traf also eine Bekannte beim Spazierengehen, die ihm stolz ihr Neugeborenes zeigte. Und er ganz unbedarft: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Und sie überrascht, leicht fassungslos: „Aber das sieht man doch! Ein Junge!“ Dem Kind sah man es freilich nicht an, aber eben seiner Ausstaffierung: zartes Hellblau allüberall, das sich aber für meinen Onkel und mich erstens nicht so ins Bewusstsein drängt und zweitens auch hätte Rosa sein können oder eine Mischung von beidem. Auf jeden Fall konnte er sich nicht sicher sein und hat deshalb lieber nachgefragt, bevor er in sein persönliches Rosa-Hellblau-Fettnäpfchen tritt. Wie hätte sie erst reagiert, wenn er auf Mädchen getippt hätte?

Ich weiß nicht, was ich meinen Töchtern, meinem Sohn schon alles angezogen habe morgens, wenn es schnell gehen musste. Aber da für mich das alles selbstverständlich und normal war, haben sie es auch mit derselben Selbstverständlichkeit in ihre Kitas und Grundschulen getragen, war eben mal wieder Karneval und Verkleiden angesagt trotz anderer Jahreszeit. Auf jeden Fall empfinde ich es zunehmend als Vorteil, nicht mit drin zu stecken in dieser Farbhierarchie und dem Bestreben, richtig zu sein, dazu zu gehören. Es ist schön, es ist ungemein angenehm, diese farbliche Zuordnung und Zumutung Jungs = hellblau, Mädchen = rosa einfach nicht wahrzunehmen.

Meine Kinder haben die Farbsehschwäche nicht geerbt, ich hoffe aber, dass sie Farben und ihre Zuordnung auch nie so wichtig nehmen werden. Farben sind relativ und vor allem ihre Bewertung und die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Denn wie auch Jana Pikora in ihrem Gastbeitrag schreibt, gibt es schließlich Farben:

„… die im Außen nicht zu finden sind, für die es keine Namen gibt. In unserer Wahrnehmung existieren weit mehr Schattierungen und Abstufungen als wir mit Sprache zu fassen vermögen.“

*Grüße an die Rap-Gruppe Fettes Brot aus Hamburg

 

 

Junge? Ist ein rotes Wort

Gastbeitrag von Jana Pikora

Jana Pikora ist Synästhetikerin, sie hört Farben. Stimmen, Musik und Geräusche sind in ihrer Wahrnehmung also mit ganz bestimmten Farben verbunden. Bei ihr wandern aber auch Zahlen in menschlichem Antlitz durch einen eigenen Raum und in Wörtern sieht sie Figuren mit menschlichen Eigenschaften. Jana Pikora vereint in sich viele verschiedene Synästhesietypen, was sie als Probandin für die Hirnforschung ungeeignet macht. Als @piksyn bei Twitter und auf Ihrem Blog www.piksyn.wordpress.com schreibt sie über ihre Wahrnehmung. Hier findet sie Wörter für ihre Farben, Frisuren, Muster und Texturen und freut sich jedes Mal, wenn sie einen sprachlichen Ausdruck oder ein Foto findet, das ihrem inneren Bild annähernd entspricht.

Foto: (c) Jana Pikora

Foto: (c) Jana Pikora

Als Kind war mir nicht bewusst, dass es nicht ’normal‘ sein könnte, dass ich Farben sehe, vor allem weil es einigen Kindern in der Verwandtschaft ebenso ging wie mir. Mit denen stritt ich mich ein paar Mal bitterlich, denn dass mein Name nicht grün sondern orange sein sollte, das war so unvorstellbar für mich, wie die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Porrée mögen. Inzwischen esse ich Porrée und weiß obendrein, dass wir alle die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Und dass mein Name in verschiedenen Farben existiert, wirkt auf mich nicht mehr bedrohlich, sondern bereichernd und beruhigend gleichermaßen. Denn was wäre das für eine langweilige Welt, wenn mein Name allerorten grün wäre?

Es ist ein Ringen um Wörter für all diese Farben, denn Synästhesie gleicht einem Traum, den man während des Erlebens klar sieht und dessen Fetzen man mühsam am Morgen einsammelt. Aber wie man lernen kann, sich besser an Träume zu erinnern, so habe ich gelernt, meine Synästhesien länger zu bewahren, die Wörter bleiben nun länger vor mir stehen und lassen sich anschauen und beschreiben. Es gibt Farben, die im Außen nicht zu finden sind, für die es keine Namen gibt. In unserer Wahrnehmung existieren weit mehr Schattierungen und Abstufungen als wir mit Sprache zu fassen vermögen.

Und dann diese Sehnsucht nach Rosa. Die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte ich rosalos in einer Wohnung mit vielen Farbtönen: Beige, Creme, Braun, Rot, Grün, Olivfarben, Geigenfarben, Orange, Blau, Mutterfarben, Gelb, Vaterfarben, Vanille und diversen Musikfarben. Grau, Graublau natürlich auch. Gedämpfte 70er-Jahre-Töne. Diese Farben sind in meine Synästhesien übergegangen. In den 1980ern trat dann Türkis in mein Leben und: Rosa. Rosa war eine wertvolle Währung. Ich wollte unbedingt mal einen rosa Pullover tragen, außerdem spielte ich gerne Barbie, wenn ich nicht gerade irgendeinen Ball irgendwohin trat oder mich auf Bäumen aufhielt. Für mich hatte Rosa jedoch nichts mit ‚Mädchen‘ zu tun. Ein Mädchen war ich auch so, das wusste ich, denn ich hatte schließlich weibliche Geschlechtsorgane. Ich konnte nicht im Stehen pinkeln, das nervte mich. Und dass ich eines Tages dafür zuständig sein sollte, schwanger zu werden, fand ich hochinteressant und gleichermaßen belastend. Das war auch schon alles.

Für mich war Rosa das sensiblere Rot. Es war genauso wichtig wie Türkis, das variierte Blau oder Grün. Meine Lieblingsfarbe blieb bei aller Sehnsucht nach Frische und Neuem jedoch immer Blau, ich bin sehr treu. Rosa war schlichtweg eine weitere Variante. Bis heute haben nur ganz wenige Wörter einen Rosaschimmer, denn die meisten Wörter habe ich in der Vorrosazeit kennenglernt. Eine Spülmaschine hingegen gab es erst im Rosazeitalter und sie klingt geborgenheitsfarben (blaugrau mit einem rosa Strom). Liebe blieb gelb, rosa Herzen irritierten mich maßlos und nur mühsam gewöhnte ich mich daran, dass diese Dinge zusammenhängen sollten. Ich nahm es schließlich so hin, wie alles, was nicht meiner synästhetischen Logik folgte. Im Übrigen beinhaltet das Wort ‚Glück‘ einen kleinen Rosaschimmer, doch auch das ist nur Zufall. Wie alles in der Synästhesie: Sie folgt Zufällen, der Freiheit, dem Moment. In dem Augenblick, in dem ein Wort zum ersten Mal auftritt, teilt ihm das Gehirn irgendeine Farbe, eine Frisur und ein Gesicht zu. Manchmal auch nur ein Muster. Mein Gehirn war da sehr freigiebig und folgte stringent eigenen Gesetzen. Das Wort ‚Mädchen‘ ist und bleibt für immer weißlich, gelb und mit einem Hauch Grau. Und ‚Junge‘? Ist ein rotes Wort. Mit einem weißen Streifen.

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„Synästhesie im weiteren Sinne – verstanden als verstärkte innere Wachheit oder als Fähigkeit, die eigenen Gefühlszustände etwa bildhaft wahrzunehmen -, kann man sich aneignen. Synästhesie macht sensibler und innerlich sicherer, weil sie eine neue, bewusstseinserweiternde Dimension der Verankerung im eigenen Selbst und der Welt eröffnet.“  Hinderk Emrich (Psychiater und Philosoph)

 

Andrea Meyer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag zum Thema Geschlechterrollen(-klischees) im Alltag, dieses Mal von

Andrea Meyer

Sie ist Spieleautorin und arbeitet im Umweltschutz. Sie lebt mit ihrer Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin. Auf dem Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org veröffentlicht sie zurzeit eine Reihe über ihre Erfahrungen als lesbische Co-Mutter in Berlin. Sie twittert unter @andreacmeyer.

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1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Als dicke lesbische Frau entspreche ich weder dem „klassischen“ Stereotyp von Frau oder Mann. Für das Bild von „Frau“ bin ich zu dick und zu männlich, für das Bild von „Mann“ bin ich zu weiblich. Als dicker Mann mit allen meinen sonstigen Eigenschaften würde das vermutlich insbesondere im Job weniger auffallen. Mein Einsatz für meine Familie würde hingegen positiver auffallen – wenn ich vergleiche, wie manche Hetero-Paare sich die Erziehungs- und Haushaltsarbeit aufteilen. Im Job hätte ich vermutlich leichter Karriere gemacht, weil es mehr Leute wie mich gegeben hätte und ich nicht so herausgestochen hätte. Ich hätte insgesamt weniger leidige Erfahrungen mit Sexismus machen müssen. Und ich hätte weniger strategisch sein müssen dabei, wann ich in einem Meeting etwas sage, um tatsächlich gehört werden zu müssen. Ich vermute, ich wäre in Bezug auf die Arbeit entspannter, würde aber vielleicht im Alltag mehr Druck bekommen, dass ich nicht der Norm entspreche.

Insbesondere als Jugendliche habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein. Die Jungen durften die cooleren Sachen machen, waren weniger „behütet“, wurden nach meinem Gefühl weniger reglementiert. Heute freue ich mich, dass ich „meine eigene Frau“ bin, um es mit Charlotte von Mahlsdorf zu sagen.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Vielleicht mit unseren Kindern schmusen? Da würde ich mir wünschen, dass ich das auch als Mann tun würde. Ich habe mit meiner Frau eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen – als Mann hätte ich sie geheiratet. Rechtlich ist es so, dass ich als Ehemann meiner Frau unseren Sohn nicht als Stiefkind hätte adoptieren müssen, sondern das Kind qua Gesetz meins gewesen wäre, auch wenn der leibliche Vater bekanntermaßen ein anderer Mann ist. Damit hätte ich mir und uns eine lange und kostspielige Prozedur gespart und unsere Kinder wären vom Tag ihrer Geburt an rechtlich abgesichert gewesen.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Es fällt mir schwer, hier nicht in Stereotype zu verfallen. Ich vermeide es, im Dunkeln durch schlecht beleuchtete Straßen oder Parks zu radeln oder zu laufen. Ich fahre nicht per Anhalter mit. Wenn ich allein unterwegs bin, weiß eigentlich immer jemand Vertrautes, wo ich bin. Ich uriniere nicht auf der Straße – das würde ich aber als Mann hoffentlich auch nicht tun.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Eigentlich durch alle Stereotype, wie Lesben sind, selbst wenn sie an manchen Stellen auf mich zutreffen. Das „Männerhasserin“-Attribut ist dabei vielleicht noch am lustigsten, weil absurdesten. Es ist aber auch extrem menschenfeindlich, weil Menschen, die andere hassen, unterstellen, dass ich das auch tue. Und dazu habe ich ehrlich gesagt weder Zeit noch Energie.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Ich hatte mich immer gewundert, ob es wirklich Frauen gibt, die „per Tränendrüse“ versuchen, Probleme zu lösen. Dann saß ich nach einem finalen Streit mit meiner direkten Chefin beim Personalchef und versuchte, ihm die Situation zu erklären. Und weinte, und konnte nicht aufhören. Er war offensichtlich leicht überfordert, holte Taschentücher und sagte etwas hilflos: „Das wird schon wieder.“ Und fand dann eine Lösung, wie es für mich weitergehen könnte. Ich glaube nicht, dass es ansonsten keine Lösung gegeben hätte, aber meine Tränen haben die Situation definitiv verändert.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich glaube das nicht bzw. nicht mehr. Bevor wir Kinder hatten, war ich da optimistischer. Aber wie schon Kleinstkinder in Gender-Rollen gedrückt werden, hat mich sehr desillusioniert. Ob nun Jungen mit leichtem Vorwurf in der Stimme zu hören bekommen, sie hätten ja (sehr) lange Haare, oder Mädchen, die sich durchsetzen, mit leiser aber bestimmter Stimme (und früher und öfter als Jungen) darauf hin gewiesen werden, das „man“ das nicht macht, ist da schon egal. Unseren Kindern verschiedene Perspektiven auf Geschlechtsrollen zu ermöglichen, ist definitiv eine der größeren Herausforderungen der Erziehung.

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Hintergrund zum Blogstöckchen #WasAndersWäre und Liste derer, die bisher mitgemacht haben.