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Puppen- und Linksammlung der letzten Wochen

Über Puppen und ihre rosafarbene Vermarkung gab’s hier neulich schonmal einen Blogpost von uns. Dass das nicht nur ein Kinderzimmerthema ist, sondern mit dem Gender Care Gap zu tun hat, steht auch heute in unserem Artikel für die taz:

taz, 10.2.15

taz, 10.2.15

Puppen haben in vielerlei Hinsicht mit unserem Anliegen rund um die Rosa-Hellblau-Falle zu tun. Nicht nur die Frage, wer mit ihnen spielt, mit ihnen spielen darf, wem sie geschenkt, für wen sie beworben werden… sondern auch ihre Veränderung, ihr Design, womit sie sich beschäftigen.

Dieser Werbespot für Lego Friends ist schon gruselig genug, achtet man nur auf den Stimmklang der Sprecherin und das eingesetzte Mädchenkichern. Alles dreht sich um niedliche Tiere und lustige Freundinnen: „braves Mädchen“. Für viel mehr sind die knubbeligen Püppchen aus Marketingsicht wohl nicht zu gebrauchen. Gut, dass Kinder sich nicht immer an deren Regeln halten. Im Kontrast dazu der Sprecher im Werbespot für die eckigen Lego City-Männchen: laut, schnell und fordernd. (Als Alternative gibt es den Gender Advertising Remixer von Jonathan McIntosh, ein ganz klasse Tool, das der Geschlechtertrennung ein Ende setzt und die Absurdität des Gendermarketing spürbar macht.)

Puppen wie Barbie wurden in den letzten Jahren immer dünner, ihre Aufmachung sexualisierter. Auch da gibt es einen Zusammenhang zum veränderten Körperbild und Selbstwertgefühl von Mädchen, worauf Pinkstinks immer wieder aufmerksam macht. Dass das keinesfalls im Interesse der Kinder ist, zeigen Projekte und Alternativen wie z.B. die Lammily-Puppe von Nicolay Lamm. Kinder finden es prima, wenn eine Puppe so aussieht, als könnte sie eine wirkliche Person sein, wenn sie das tut, was Kinder tun, sie nicht wie eine 30-jährige Discogängerin designed wird.

Wie Bratz-Puppen aussehen könnten, zeigen die Tree Change Dolls der Australierin Sonia Singh: sie ermöglicht sexualisierten, aufgebretzelten, alleine gelassenen Puppen einen Neustart (>hier< ist ein schöner Film über sie).

Und wer das Thema Wer-spielt-wie-womit, Jungen und Puppen, mit seinem Kind besprechen möchte, dem/der sei das Buch Paul und die Puppen von Pija Lindenbaum empfohlen.

„Puppen haben auch Väter!“, wissen Kinder. Den Satz hat ein kleiner Junge einer Erwachsenen geantwortet, die meinte, sein Puppenspiel kommentieren zu müssen. Und erzählt hat uns das eine Erzieherin, die wir für ein SWR-Radiofeature interviewt hatten – wer Spaß hat, das nachzuhören, findet es  >hier< online bzw. zum Download.

 

 

Jungen oder Mädchen? Gehörlose, Braunäugige oder Weiße?

Wodurch unterscheidet sich eine Tüte Chips ‚Nur für Mädchen‘ von einer Kekspackung ‚Nur für Weiße‘?

 

In seinem Vortrag auf TEDx: „Why we must go beyond pink and blue“ beschreibt der Spiel-Designer Jens Peter de Pedro einen McDonalds-Besuch am Drive-Through-Schalter, da werden Kunden und Kundinnen gefragt: „Haben Sie einen Jungen oder ein Mädchen im Auto sitzen?“. Denn Mädchen sollen ein Pferd, Jungen aber eine Rakete zu ihrem Burger bekommen. De Pedro weist darauf hin, dass die vergleichbare Frage: „Sitzen schwarze oder weiße Kinder in Ihrem Auto?“ undenkbar wäre. Das ließe sich weiter treiben:

„Sitzen in ihrem Auto Kinder mit Behinderung?“, „Sitzen in Ihrem Auto übergewichtige Kinder?“, „Kinder mit Essstörungen?“ „Gehörlose? Blauäugige? X-Beinige? Sehbehinderte? Homosexuelle?“ Damit die eine Gruppe ein anderes Spielzeug bekommt als die andere? Das würden wir uns nicht gefallen lassen, zurecht! Warum also akzeptieren wir dann schwarz-weißes Denken, wenn es um das Geschlecht unserer Kinder geht, um ihr Spielzeug, ihre Ernährung, ihre Interessen?

Wer Sexismus mit Geschlechtertrennung bekämpfen möchte, der handele wie jemand, der Rassismus mit Apartheid begegnet, so das Fazit einer Gruppe von Forscher*innen (unter ihnen zum Beispiel Lise Eliot, Autorin des Buches ‚Wie verschieden sind sie‘; ‚Pink Brain, Blue Brain‘) in einem Artikel über „Die Pseudowissenschaft der Monoedukation„: there is evidence that sex segregation increases gender stereotyping and legitimizes institutional sexism.“

Was momentan in den Marketingabteilungen der Unternehmen ausgedacht oder schon längst umgesetzt wird, führt genau dazu: Geschlechtertrennung. Am Spielwarenregal, in Filmen, Büchern, Freizeitangeboten und vor allem bei Produkten, die „extra für Mädchen“ angeboten werden und Jungen explizit ausschließen – und umgekehrt. Es scheint nicht verwerflich, Chipstüten mit Verbotsschildern in die Regale zu reihen: die scharfen Chips sind für den „Männerabend“ und deshalb für Frauen verboten, die mild-cremigen dagegen sind für den „Mädelsabend“ und für Männer tabu. Ja, natürlich, ist ja nur lustig gemeint. Aber funktioniert es wirklich, die Abwertung, die in einer Aussage enthalten ist, unwirksam zu machen, indem man auf die ironische Absicht verweist? „War doch ironisch gemeint“ ist kein Garant für lustig. Denn nicht der Sender entscheidet über Inhalt und Wert einer Aussage, sondern der Empfänger. Jedenfalls ändert Ironie nichts an der Abwertung durch das rosa-hellblaue Warenangebot des Gendermarketing, das beide Geschlechter auf Stereotype reduziert. Sie fördert nur ihre Akzeptanz und verschleiert die tatsächliche Diskriminierung.

Natürlich bilden wir Kategorien, weil wir uns sonst verlieren im Alltag. Wir nutzen Kategorisierungen als Wegweiser, um schnell erste Informationen zu haben, wie wir uns verhalten müssen. Wir brauchen es übersichtlich. Doch dafür nehmen wir in Kauf, Menschen in Schubladen zu stecken. Oft können wir nicht anders, bei Chips und Spielzeug dagegen wäre es ein Leichtes. Wenn sich jemand nicht unserer Erwartungshaltung entsprechend verhält, also quasi der Beschriftung unserer Schublade z.B. für „weiblich“ nicht entspricht, dann sind auch wir Erwachsenen immer noch leicht zu irritieren. Wenn auf der Schublade „weiblich“ nun mal „hilfsbereit, kreativ, einfühlsam“ steht, was ja durchaus zu vielen Frauen passen mag, dann haben es die Frauen schwer, die mit diesen Etiketten nichts anfangen können und sich auch selbst anders einschätzen. Noch schwieriger ist es für Jungen, die genau diese angeblich weiblichen Eigenschaften haben, wenn sie auf Menschen treffen, deren „männlich“-Schublade beschriftet ist mit „stark, ehrgeizig, unabhängig“. Was dann passiert, nennt sich schlicht Diskriminierung.

Doch unser Bewusstsein dafür ist nur in bestimmten Richtungen wachsam. So würde ein Wissenschaftler in heftige Erklärungsnot geraten, wenn er verkündete, in einer Studie herausfinden zu wollen, ob Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht doch von Geburt an einfühlsamer sind als Menschen mit heller Haut. Oder ein Forscherteam, das untersuchen möchte, ob Menschen mit roten Haaren nicht doch genetische Anlagen haben, die ihnen helfen, sich im Raum zu orientieren, als Menschen mit blonden oder schwarzen Haaren, ob Homosexuelle besser rechnen können und logische Aufgaben schneller lösen als heterosexuelle Menschen?

Wenn wir hier Haut- und Haarfarbe beziehungsweise die sexuelle Orientierung ersetzen durch das biologische Geschlecht, dann scheinen wir damit kein Problem zu haben. Da scheint eine beständige Suche nach den Unterschieden völlig legitim. Warum eigentlich? Ist Sexismus weniger schlimm als Rassismus? Ableismus? Und Homophobie? Wie kann es eine derartige Übereinkunft darüber geben, dass Studien durch staatliche Fördergelder unterstützt werden, die weiter dazu beitragen, Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu verbreiten? Dass Werbung sich dieser Unterschiede bedient, sie weiter mit angeblich „natürlichen“ Eigenschaften und Interessen verknüpft und den Graben dadurch tiefer zieht? Wir nehmen hin, dass Überraschungseier, in denen Feen, Fingerringe und dünne Püppchen versteckt sind, mit dem Zusatz „für Mädchen“ beschriftet werden, was Jungen ausschließt und ihnen deutlich macht: Rosa und Feen passen nicht zu Jungen, also bist du irgendwie falsch, wenn du dich dafür interessierst. In der Buchhandlung stören wir uns nicht an Büchern mit der Aufschrift „Nur für Jungs“, und wir sind einverstanden, dass ein Getränkehersteller ein Produkt mit süßen Früchten „nur für Mädchen“ anbietet und sich mit einem Getränk aus sauren Früchten und Zusätzen wie „Abenteuer“ und „Monster“ explizit an Jungen richtet.

Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln „nur für Deutsche“ freizugeben ist verboten. Eine Werbeaktion „Kaugummi – extra für Türken“ würde einen Aufschrei auslösen … das darf nur Bülent Ceylan und auch nur auf der Comedybühne: Kaugummi mit Knoblauchgeschmack anzubieten, extra für den aufgeklärten Türken, damit er in seiner ultratraditionellen Familie nicht auffällt und anerkannt wird. Vielleicht ein Produkt nur für Katholiken? Das fühlt sich alles falsch an, bloß Gendermarketing soll richtig sein?

 

 

Sookee im Deutschlandfunk

„ich will mich nicht immer scheiße fühlen, wenn ihr scheiße verkauft“

Die Quing of Berlin, Sookee, Rapperin und Feministin

„Jedes Mal, wenn ich einen Artikel lese, der sich gegen HipHop, HipHop-Musiker oder HipHop-Hörer wendet, werde ich wütend, egal wie viel Richtiges in dem Artikel steht“, schreibt mir Nelson George, der einflussreiche HipHop- und Musikjournalist aus New York in seinem Buch ‚XXX. Drei Jahrzehnte HipHop‘ aus dem Herzen. „Die Angriffe […] sind in der Regel wohl formulierte Anklagen aus durchaus berechtigter Wut – aber nie aus Liebe.“

Selten zuvor hat jemand in Deutschland HipHop in einer Schärfe und Deutlichkeit kritisiert, wie das Sookee in ihrem neuen Album ‚Lila Samt‘ tut. – ‚Lila Samt‘ ist an sich schon eine Ansage, bezieht sie sich damit doch direkt auf ‚Blauer Samt‘, das erste Soloalbum der Heidelberger HipHop-Legende Torch (Advanced Chemistry) aus dem Jahr 2000. Und wie ‚Blauer Samt‘ ist auch ‚Lila Samt‘ ein Meilenstein in der Geschichte von Rap in Deutschland, doch dazu später mehr. – Sookee ist wütend, sehr wütend, doch ihre berechtigte Wut ist gepaart mit einer Liebe zu HipHop, die sie nur schwer auszuhalten vermag:

„Ich wünschte, ich hätte Cello gelernt oder irgendwas ganz anderes, aber HipHop ist nun mal leider meine große Leidenschaft. Ich bereue das manchmal, aber es ist das Feld, in dem ich mich einfach schon ganz lange bewege und das mir Spaß macht, das ich kulturell und ästhetisch einfach schätze. Aber natürlich große, große, große Probleme mit vielen Inhalten und Szene-Dominanzen hab. Das ist streckenweise sehr, sehr unschön. Und das ist eine blöde Position, weil einerseits feier ich so die Potenziale von HipHop und auch bestimmte Leute, die darin aktiv sind. Zum andern ist natürlich das Spannungsfeld, da drin meckern zu müssen und unglücklich zu sein über bestimmte Selbstverständlichkeiten. Das zehrt halt schon.“

Anfang des Jahres habe ich Sookee für ein Interview in Berlin getroffen. Teile daraus sind in unseren Kurzbeitrag für den Deutschlandfunk eingeflossen: *Beitrag hören*

(Download-Link auf der Seite des Deutschlandfunk)

 radiohoeren

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

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Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

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Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

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Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

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Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Sexistische Werbung – wer definiert die Grenzen?

„Sexismus ist nicht zwangsläufig nackt.“

(@JakobTheresa)

 

„Außenwerbung trifft! Jeden. Auf Straßen und Plätzen der Städte, entlang der Autobahnen, an Bahnhöfen, auf Flughäfen sowie im Linien-, Nah- und Fernverkehr steht sie im permanenten Kontakt mit der Bevölkerung. Immer, überall, 24 Stunden an jedem Tag des Jahres, unausweichlich, unübersehbar.“ 

–   So wirbt der Fachverband Außenwerbung e.V. für sich selbst und es klingt wie eine Drohung. Tatsächlich ist es eine, denn die Zeilen macht klar: wir haben keine Chance, der Werbung und ihren überzogenen, angeblich ironischen, klischeehaften Botschaften zu entgehen. Der Fachverband Außenwerbung verstellt uns mit seinen bunten Plakaten über Monate hinweg den Weg: es sind die Bilder von  Models, die mit buntem Puder beschossen, also mit Werbung überschüttet wurden. Der Fachverband Außenwerbung hält uns seine Drohung direkt unter die Nase: Plakate, digitale Bildschirme, Riesenposter, LED-Wände an zehntausenden von hochfrequentierten Stellen im öffentlichen Raum. Werbung für Werbung, die uns zeigt, wer die Macht hat, und wie mit dieser Macht umgegangen wird.

Nun soll es in Berlin-Friedrichshain auf bezirkseigenen Flächen (es geht nur um 4! Wände ) keine sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung mehr geben. Doch weil das geplante Verbot eine Debatte auslöste gibt es jetzt einen Änderungsantrag: Erst werden Plakate gehängt, und wenn es Beschwerden gibt, werden sie überprüft – wie das ablaufen soll, bleibt noch offen. Ich finde Susanne Hellmuths Antwort (Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Queer der BVV Friedrichshain-Kreuzberg) auf Harald Martensteins Beitrag eigentlich deutlich und verständlich genug, sie legt dar, was sie unter diskriminierender Werbung versteht und was nicht, aber die Kommentare darunter zeigen, dass es noch lange keine Einigung geben wird in der Diskussion darum, ob Werbung eigentlich alles darf. Es gibt offenbar keine einheitlichen und schon gar keine für alle nachvollziehbaren Kriterien dafür, wo die Grenzen sexistischer Werbung liegen, und deshalb ist es auch eine schwierige Entscheidung, wer diese Grenzen definieren und setzen darf. Ist es das?

Ich stimme Silke Burmester zu, die froh ist „dass man nicht Frauen fragt, ob Werbung sexistisch ist. Die haben so viel Nagellack im Kopf, Fiat 500 und Milchschaum, die sind so damit beschäftigt, ihre Brüste hochzuschnüren, die können das einfach nicht beurteilen.“ Da schließt sich der Kreis bis hin zum Gender Pay Gap, denn rechnen können sie ja auch nicht.

Im Deutschen Werberat sitzen deshalb überwiegend Männer, erst vor kurzem wurden drei Frauen zusätzlich berufen. So ein Zufall aber auch. Ich kann mir gut vorstellen, wie die zukünftige Argumentationsstrategie des Werberats lauten wird, in etwa so: „Wir haben auch Frauen im Gremium, die kein Problem mit dem von Ihnen kritisierten Werbeplakat haben, da kann es so sexistisch ja nicht sein.“ Auf dieser Schiene argumentierte auch die ARD damals mit ihrem sexistischen Knetmännchen-Spot, bei dessen Produktion auch Frauen beteiligt waren. Doch das ist ein Trugschluss. Nur weil auch viele Frauen sexistische Werbung nicht als solche erkennen, einen Spot lustig-subversiv und ach so ironisch-spaßig finden, ist er deshalb nicht weniger sexistisch. Das läuft nämlich auf derselben Argumentationsschiene, die auch Bushido nutzt: „Ich bin selbst Ausländer, ich kann also kein Rassist sein.“ Von wegen.

Der österreichische Werberat hat klare Kriterien für sexistische Werbung und schreibt: „Die Werbung vermittelt uns Schönheitsideale, Körperbilder, Lebensstile und treibt Menschen zu maßlosen Diätkuren, chirurgischen Eingriffen, lässt sie zu Anabolika und Stereoiden greifen und erhebt die heterosexuelle Mann-Frau-Beziehung zur gesellschaftlichen Norm.“ Dass das so ist, dazu gibt es genug Untersuchungen, die belegen, dass die subjektive Überzeugung, Werbung zu durchschauen, ihr widerstehen zu können nach dem Motto „Also ICH? Nein! Ich lasse mich nicht von Werbung beeinflussen“ schlicht falsch ist.

„Werbung ist wie Fußball: Jeder ist ein Experte und weiß genau, wann, wie und wo sie wirkt. Oder auch, wann sie absolut unwirksam ist: nämlich bei einem selbst. Werbung wirkt immer nur bei den anderen, bei den Doofen. Man selbst ist absolut unbeeinflussbar. Glaubt man wenigstens.
Dabei wissen selbst Experten viel weniger darüber, wie Werbung wirkt oder – schlimmer noch – ob sie überhaupt wirkt. Sie behaupten das nur. In Wahrheit haben sie wenig oder gar keine Ahnung. Die meisten Fragen zur Werbewirkung sind völlig ungeklärt. Doch die Werber in den Agenturen und die Forscher in den Markt- und Mediainstituten erzählen ihren Kunden das Blaue vom Himmel herunter, um ihnen weiszumachen, dass sie alle Werbewirkung bestens im Griff haben. Den Teufel haben sie.“  Wolfgang Koschnick in einem Artikel auf konsumpf.de

Manchmal braucht es keine Argumente in Worten. Dieses Video zeigt, dass dieses „Den Teufel haben sie“ der Realität entspricht:

Doch die Gegner jeder Diskussion, in der es darum geht, sexistische Werbung zu verhindern, schreiben „Zensur!“, „Kontrolle!“ und behaupten, unsere Wirtschaft brauche (wirklich diese Art?) Werbung, sie pochen auf das Recht auf freie Meinungsäußerung. Warum sind viele an dieser Stelle so großzügig und vertreten die Haltung „Man wird es wohl noch sagen dürfen“. Das ist auch Sarrazins und vieler Leute Argument, wenn es darum geht, Unterstellungen, Meinungsmache und Manipulation in die Öfffentlichkeit zu schütten, ohne sich im Anschluss um eine fachgerechte Entsorgung zu kümmern. Die Folgekosten und -schäden sind enorm.

wo

 

Nachtrag:

Hier habe ich eben einen Tweet bekommen, der dieses dolle Phänomen des „Sexismus in Kleidern“ nochmal im Bild vorführt: die ärmellosen Girls  im linken Grüppchen, die Experten auf der rechten Seite gruppiert. Botschaft: Menschen können nur das eine oder das andere sein, Girl oder Expert, Lippenstift oder Krawatte. Und natürlich (pffff) hängt alles davon ob, welches Geschlecht du hast. Echt jetzt?

Mit Rosa assoziiere ich Zucker, niedlich, süß …

… und klein. Denn Rosa und groß ist ein Widerspruch, den gibt’s nur bei Cindy aus Marzahn. Rosa ist zerbrechlich, dünnhäutig, zart.

Ballettkleidung ist blassrosa, die Tänzerinnen sind grazil und werden über die Bühne getragen. Die starke Muskelarbeit, die notwendig ist, damit das überhaupt so federleicht aussehen kann, die bleibt geheim, das ist nicht Teil der Vorführung fürs Publikum.  Dazu passen Bonbons und kleine Blümchen, Zuckerwatte und Feenflügel. Flamingos sind rosa – klar, bei diesen langen, dünnen Beinen! Unter den hunderttausenden von Paaren eines Flamingschwarms gibt es übrigens etliche schwule Paare, die sich der verirrten und verwaisten Jungtiere annehmen, aber rosa sind sie alle! Ach, und Schweine sind auch rosa. Komisch, oder?

Flamingos

Foto: szeke via photopin cc

Ich wünschte, rosa wäre ein Farbe für alle, aber rosa ist eine „Mädchenfarbe„, das lernen Kinder von Geburt an, und spätestens im Kindergarten erklären die Mädchen es den Jungs, die meinen, sie dürften auch. Von wegen! Ich wünschte, rosa wäre eine Farbe für alle und würde für Stärke stehen, für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Dann gäbe es keine Kommentare, wenn auch Jungs rosa Spielzeug wählen oder ein Prinzessinnenkleid anziehen wollen. Doch das ist tabu. Rosa ruft: nimm mich, besitze mich! Und das passt nicht zu Jungs, die sollen selber Besitzer werden. Eines tollen Autos zum Beispiel. Sie sollen einen tollen Job haben, ein Haus, ein Boot, eine Frau – am besten in rosa. Deshalb macht sich der kleine Mann in Rosatönen zum Außenseiter. Der große auch. Rosa Hemd ist nur für manche Berufsgruppen akzeptiert, seeehr blass darf es unter Anzügen getragen werden, sonst gehört es in die Ecke der Schauspieler, Sänger … Künstler eben, wer weiß, was die sonst noch so Verrücktes treiben, diese Flamingos der Popkultur. Für alle anderen geht es grade noch als sportliches Freizeitshirt durch, aber das war’s dann auch schon. Der „Pink Poodle„-Schuh ist deshalb eine extravagante Ausnahme: ein puscheliger Schnürschuh in weiß und rosa, vorne drauf ein rosa Pudel-Kopf mit dunkler Sonnenbrille, aufgelistet unter den Herren-Schuhen.

Mit Rosa, Pink und Glitzer in der Berufswelt assoziiere ich nicht Vorstandsetage oder Aufsichtsrat sondern Nagelstudio und Friseursalon, Bonbongeschäft und Assistenz. Alles nur Vorurteile? Wer kümmert sich eigentlich bei Mattel um das Design, die Kleider und Ausstattung der neuen (rosa) Barbie? Ein Mann? Eine Frau? Ein Flamingo? Jemand mit Verantwortung jedenfalls. Also Verantwortung für die Mitarbeiter*innen versteht sich. Die Verantwortung für die Kinder unter den Kundinnen und Kunden kann man darüber schon mal vergessen. Deshalb gibt es unter den Barbies 2013 auch die Reihe ‚Fashionistas‚ mit der tausendsten rosa Handtasche, rosa Schleife um den Hals, rosa Pumps und rosa Glitzerkleid – eine heißt Cutie (kein Scherz!), die nächste Sweetie – wie süüüß!!!

– Dasselbe sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind aus den Decken eines Kinderwagens auftaucht und lustige Laute ausprobiert. „Ach, wie süß!“ bekommen unter Fünfjährige häufiger zu hören als jede andere Altersgruppe. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb sehe ich keinen Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchenchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen die Mädchen mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige dreijährige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen. Und andersherum gehen die Stimmen beim Jungen, der in rosa gekleidet für ein Mädchen gehalten wird, nach oben (sog. Baby-X-Experimente). Und sobald Eltern das Geschlecht des Ungeborenen erfahren, ändert sich ihr Verhalten:

„Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der man mit dem Baby im Bauch spricht, orientiert sich daran, ob es eine ’sie‘, ein ‚er‘ oder eben noch ein ‚es‘ ist.“

sagt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“ Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg –  Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!

Doch dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, weißen Kleidchen, bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge –  für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. Spielzeugherstellern gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsene ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel.

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Ich hoffe sehr, wir finden eine bessere Lösung für die Zukunft als einfach nur die Schubladen zu tauschen!