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„So einfach geht Werbung!“ – wirklich?

 Werbung von oben herab

Werbung und ihre Macher_innen bequatschen uns durch Plakate, Logos, Spots täglich und von allen Seiten. Erst erzählen sie uns, was uns alles fehlt, was wir alles brauchen um richtig zu sein, um sexy zu sein, manipulieren uns mit ihren Texten, Bildern, Botschaften und dann lachen sie auch noch über uns, sagt der Streetart-Aktivist Banksy. Das mag sich übertrieben anhören, es sind doch alles nur Angebote, das gehört zur Marktwirtschaft, jeder informiert so gut er kann über sein Produkt, kauf es oder lass es sein. – Wirklich?

[cryout-pullquote align=“left|center|right“ textalign=“left|center|right“ width=“33%“]“People are taking the piss out of you everyday. They butt into your life, take a cheap shot at you and then disappear. They leer at you from tall buildings and make you feel small. They make flippant comments from buses that imply you’re not sexy enough and that all the fun is happening somewhere else. They are on TV making your girlfriend feel inadequate. They have access to the most sophisticated technology the world has ever seen and they bully you with it. They are The Advertisers and they are laughing at you. – Banksy“[/cryout-pullquote]

Letzte Woche bin ich an einer Kreuzung an einer großen Werbetafel vorbeigefahren (Foto davon siehe oben) und auf dem Rückweg gleich nochmal: eine Rätselaktion mit Lückentext, wir Konsument_innen dürfen lösen, einsenden und gewinnen dann (bestimmt, hmm, klar doch!) ein iPhone oder iPad…

Ich finde ja, dahinter verbirgt sich eine überaus arrogante Haltung. Der Subtext dazu: „Schaut her, wir kriegen euch mit diesen simplen Zeilen dazu, uns eure Adressen zu schicken. So einfach ist Werbung – so leicht beißt Ihr Leute an, seht her, wie wenig wir dafür brauchen. Ein bisschen Gewinnspiel, eine große Fläche und ein leerer Satz.“

Oder kann man’s auch netter lesen? Ist da irgendwas Sympathisches dran, das ich verpasst habe?

 

Algorithmenethik

Seit ich vor ein paar Wochen online einen Staubsauger gekauft habe, bekomme ich nun Werbung für Staubsauger und Staubsaugerzubehör an der rechten Seite meiner Suchmaske aufgelistet. Mein Browser geht wohl davon aus, ich sei immer noch unentschieden. Das ist an sich ein gutes Zeichen, beweist es doch, dass die Verknüpfung von Kaufinteresse, online-Kauf und Kontoabbuchung (noch) nicht stattgefunden hat. Nur ich weiß also, dass ist bei uns längst wieder gesaugt wird, und ich nicht mehr zu einem Neukauf überredet werden kann.

Da ich aber nach Staubsaugern suche, nach Flohmärkten für Kinderkleidung, Nachmittagsveranstaltungen mit Kindern und Urlaubszielen ‚weiß‘ meine Suchmaschine längst, dass ich eine Frau bin. Dazu braucht es noch nicht einmal meine Browser-Historie, da reichen sogar die 140 Zeichen von Twitter-Nachrichten.  Niederländische Sprachforscher_innen haben ein Computerprogramm entwickelt, das Alter und Geschlecht der Nutzer_innen anhand ihrer Twitterverlautbarungen identifizieren kann. Frauen twittern angeblich öfter ‚Hihi‘ und Männer mehr von Bier und Fußball, doch auf diese offensichtlichsten Unterscheidungskriterien ist das Analyseprogramm gar nicht angewiesen, erklärt die Sprachforscherin Dong Nguyen von der Universität Twente: „Die Jüngeren sprechen oft von sich selbst und nutzen viele Smileys. Die Älteren dagegen nutzen längere Wörter und schreiben längere Sätze.“ Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Informatik und Computerindustrie die automatisierten Analyseverfahren immer weiter verfeinern, um aus unserem Nutzungsverhalten Rückschlüsse zu ziehen über uns als real handelnde Personen.

Das Geschäftsmodell Internet funktioniert nach diesem einfachen Prinzip: Je mehr ein Onlinedienst über seine Nutzer_innen weiß, desto gezielter kann er sie mit Informationen und Werbung versorgen, desto mehr Geld kann er damit verdienen. Geheimdienste wollen herausfinden, ob wir eine Gefahr sind für das Allgemeinwohl, Arbeitgeber, ob wir zuverlässig und loyal sind, Banken, ob wir kreditwürdig sind … es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Gründe, weshalb all die Daten über uns gesammelt werden. Denn je genauer unser jeweiliges Nutzungsverhalten, unsere Interessen und unsere Konsumgewohnheiten eingeordnet und damit auch vorhergesehen werden können, desto gezielter können wir angesprochen, bedient, aber auch manipuliert werden. Der oft gebrauchte Satz: „Google doch mal“, entbehrt längst jeder Grundlage, weil wir eben nicht mehr dieselben Suchergebnisse angezeigt bekommen. Wenn ich google, dann bekomme ich andere Suchergebnisse angezeigt als Sie. Männer und Frauen, Alte und Reiche, Junge und Arme, Deutsche und Nichtdeutsche, wir alle bekommen andere Antworten auf unsere Fragen an die Welt, weil uns die Algorithmen von Google jeweils anders kategorisieren und uns entsprechend andere Suchergebnisse und Werbeeinblendungen liefern. Je präziser diese Profile werden, desto genauer können die Informationen auf unsere Vorlieben und Interessen abgestimmt werden, bis wir am Ende das Gefühl haben, die Welt ist genau so, wie wir sie uns immer vorgestellt haben.

Wenn wir ein Buch lesen oder eine gedruckte Zeitung, dann bekommen wir alle dieselbe Ausgabe, auch wenn wir den Inhalt individuell anders verstehen, wir gehen dennoch alle von derselben Grundlage aus. Diese gemeinsame Basis gibt es im Internet nicht mehr. Meine virtuelle Welt ist anders als die Ihre. Meine Onlinewelt wird anders sein als die meiner Kinder, mein Sohn wir auf andere Seiten geleitet werden als meine Tochter.

Ich möchte selbst wählen dürfen. Ich möchte keine Vorauswahl in meinem Browser, keine Zensur der Informationen, kein Angebot, das positiv formuliert daherkommt, es sei auf meine individuellen Bedürfnisse „zugeschnitten“. Nein, Danke! Denn das bedeutet, dass der Rest ausgeblendet wird, so dass ich ab sofort nicht mehr sehen darf, was links und rechts meines jetzt eingeschränkten Blickfeldes passiert.

NACHTRAG im April 2014, zum Weiterlesen:

Ein Artikel zum Thema in der faz von Yvonne Hofstetter gibt es *hier*

Und die ganze Problematik nochmal in anschaulich *hier*

Nachtrag im Mai 2014:

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf der re:publica über Informationsfilter und Auswahlkriterien: „Wer den Algorithmus programmiert, der bestimmt, welchen Realitätsausschnitt wir zu sehen bekommen“. (Artikel im Hamburger Abendblatt)

 

 

Adbusting, Culture Jamming und konsumpf.de

 

 

 

Für unsere Radiosendung ‚Kulturelle Störgeräusche‘ hatten wir Anfang des Jahres auch den Konsumkritiker Peter Marwitz getroffen, auf den wir über seinen Blog www.konsumpf.de aufmerksam geworden waren. In seinem „Forum für kreative Konsumkritik“ schreibt er über die Auswüchse von Reklame und Marketing und macht an vielen Beispielen deutlich, dass wir keinesfalls so immun gegen die allgegenwärtigen Logos und Kaufaufforderungen sind, wie wir es gerne wären und wie viele tatsächlich von sich denken. Zwischen 5.000 bis 10.000 Werbebotschaften erreichen uns täglich, schätzen verschiedene Kommunikationsforscher_innen. Marktforschungsinstitute bestreiten diese Zahl natürlich. Henner Förstel, Projektmanager und Werbeforscher, beispielsweise meint in einem Artikel von oekotest.de: „Zählt man nur die Werbespots, die der Konsument aktiv wahrnimmt, so sind das viel weniger, als man glaubt.“ Ein zynischer Einwand von Seiten der Werbeindustrie, beschäftigt sie sich doch seit langem mit dem Einfluss unbewusster Botschaften. Gerade darin liegt doch die Brisanz des Themas.

Adbuster und Culturejammer wie der Kanadier Kalle Lasn, Gründer der Media Foundation und des Adbuster Magazine, kämpfen weltweit gegen die Dauerbeeinflussung der Konsumgüterindustrie. Und auf konsumpf.de findet sich eine spannende Sammlung an Fotos und Artikeln diverser Anti-Werbeaktionen. Marwitz weist zum Beispiel auf eine nette Adbusting-Aktion hin, „Russenkälte“:

Tipps:

  • Kalle Lasn: Culture Jamming – Das Manifest der Anti-Werbung. Freiburg 2005
  • Buy Nothing Day: Kalle Lasn auf youtube
  • Naomi Klein: No logo! München 2001

Das bisschen Haushalt…

 Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann“

sang Johanna von Koczian 1977, oder war’s heute früh irgendwo?

Frauen arbeiten mehr im Haushalt als Männer, klar, sie haben ja meist auch mehr Zeit, da sie durchschnittlich für weniger bezahlte Arbeitsstunden irgendwo unter Vertrag stehen. Wenn Frau mitverdient, macht er auch mehr im Haushalt, logisch, oder? Deshalb nehmen die Stunden, die Frau sich um den Haushalt kümmert mit steigendem Gehalt ab – doch halt, das gilt nur, solange sie weniger verdient als er.

Sobald sich das Verhältnis nämlich umkehrt und sie mehr verdient als er, gleichen Paare dieses seltene Rollenbild durch besonders traditionelle Aufgabenverteilung im Haushalt wieder aus: Je mehr sie verdient, desto größer wird auch ihr Anteil an der Hausarbeit. (Studie von Michael Bittman und Kolleg_innen: „When does gender trump money? Bargaining and time in household work“)

Diese eigenartige Entwicklung geht so weit, dass Frauen sogar dann den Hauptanteil übernehmen, wenn er gar nicht arbeitet. Ist das bei Euch auch so?

Bei Sonya Kraus schon. Alles bleibt an ihr hängen, jammert sie in der Emma 3/2013, und auf den Vater ihrer Kinder sei sie deshalb voll sauer. Aber sie sei wohl selbst schuld, denn sie hätte ihn sich ja ausgesucht…

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich das in einer partnerschaftlichen Beziehung mit Kommunikation und „selbst an die Nase fassen“ nicht doch noch lösen lässt. Oder wie seht Ihr das?

 

erster Eintrag

Heute am 18. November starten wir unseren Blog und freuen uns sehr darüber, dass es los gehen kann.

Hier also der erste Eintrag, ein Hinweis auf die letzte Sendung, die wir fertig gestellt haben: „Kulturelle Störgeräusche. Wer hat das Sagen im öffentlichen Raum?“ – Sendetermin war der 6.November 2013, und wer mag, kann sie online Nachhören;

Sendung online nachhören

Sendung online nachhören

Auf den Seiten des SWR gibt es außerdem eine kurze Einleitung. Die Sendung ist unser erstes QR-Radio-Projekt, weitere werden hoffentlich folgen.

Eine Einstimmung aufs Thema gibt diese Diashow, sie entstand während der Vorbereitung auf das Radiofeature.

markenbewusstsein

„Man kann auch mit Müllabfällen schreien“ – Kurt Schwitters

Und wenn Dir die Sendung gefallen hat, dann freuen wir uns, wenn Du sie weiterverschenkst :-)

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