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Golden Fencepost Awards 2017

Golden Fencepost Awards
Negative Prize for Absurd Gender Marketing

March 3, 2017, 6:00 p.m.

HAU1 Hebbel am Ufer, 10963 Berlin, Stresemannstraße 29

Marzipan for real men, pickles for girls, shampoo in pink for princesses and in baby blue for knights … tea, pens, word problems, rubber boots and eyesight tests, lately everything comes in two variants. This strategy is called gender marketing, a strategy that seeks to sell us a world in which colours, interests, behaviours and personal qualities are strictly separated according to gender.

In November 2016 Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring and Sascha Verlan started their protest action against the proliferation of gender marketing with a public call. Every day since then they have been receiving new suggestions for which product, which campaign, which business is most in need of getting the Golden Fencepost. Any criticism is predictably met with the same old attempts to play things down: “Women were also involved in designing the campaign, so it can’t be sexist”, “It’s just funny/ironic”, “People don’t have to buy it”, “We’re only reacting to our customer’s wishes.” That may very well be the intention, but what’s more important is what consumers and customers get from it, especially children. And there the research is pretty unambiguous: What children see in advertising limits how they understand roles, how they relate to their own bodies, and what their interests and desires are. Many of the achievements of the equal rights movement are being endangered by businesses in the interests of profit, lack of knowledge, or even wilful ignorance.

Margarete Stokowski, Nora Gomringer, Daniel Bröckerhoff, Tarik Tesfu, Ferda Ataman, Petra Lucht and Anke Domscheit-Berg will serve as the jury, and will select the first place among the many submissions. On March 3, 2017 they will award the Golden Fencepost for the very first time … we wonder if any of the nominees will turn up for the award ceremony? The jury will explain their choice, the laudation and a lecture in dialogue form on gendermarketing, ‚minimal group paradigm‘ and the ’stereotype threat‘ will illuminate the psychological and social contexts and make it clear to businesses that they influence the development of society, that they themselves bear some responsibility, and that they cannot simply shift the blame to abstract commercial interests and economic mechanisms.

The Golden Fencepost Initiative will be supported musically by Suli Puschban („Ich hab die Schnauze voll von Rosa“), and by Form and Yansn from the Berlin hip hop label Springstoff.

 

where: HAU1 Hebbel am Ufer, 10963 Berlin, Stresemannstraße 29

when: March 3, 2017, 6:00 p.m.

initiators: Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

contact:

 

more information:

 

 

Save the date: 3.3. in Berlin!

Jetzt dürfen wirs sagen, es ist amtlich, freut Euch mit uns und haltet Euch den Freitag Abend, 3.März frei:

Der Goldene Zaunpfahl wird in Berlin im HAU Hebbel am Ufer verliehen!

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Beginn: 18 Uhr

öffentlich, freier Eintritt

Heute früh war Anke dort und hat vor Ort alles besprochen und festgemacht. Vielen Dank an das Team des HAU Hebbel am Ufer!

Jetzt geht es an die Programmplanung, und auch da wird es Überraschungen geben. Wir freuen uns, wenn Ihr dabei seid. Einladung folgt.

Viele Grüße!

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring und Sascha Verlan

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–> Vorstellung der Jury 2017

–> Der Goldene Zaunpfahl, Negativpreis für Gendermarketing

–> Übersicht über die rund 50 Einreichungen

tba:

–> Die Nominierten

Twittergewitter

Vor kurzem habe unbedachtes Ich auf Twitter jemandem geantwortet und nicht auf das Datum seines Ausgangstweets geachtet. Antwort: „du hast Twitter voll verstanden, hm?“ Asche auf mein Haupt, gilt es unter manchen Twitter-Usern ja als verpönt, auf alte Tweets zu reagieren. Schade eigentlich. Denn im rosa-hellblauen Kontext hat so mancher Post einen zweiten Blick verdient. Diese hier zum Beispiel:

[Eine Art Suchspiel zwischen Voll-rein-in-die-#rosahellblaufalle und Yeah-Juhuu-Raus-aus-der-Falle!, dazwischen Ironie. Viel Spaß damit!]

Vielen Dank an all die Twitterer*innen (#SCNR ;) die hier versammelt und verlinkt sind!

 

 

 

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Antworten auf das Bullshit-Bingo des Gendermarketing

Wir haben vor einiger Zeit in unserem Bullshit-Bingo die beliebtesten unter den kurz gedachten Reaktionen auf Kritik am Gendermarketing versammelt. Nachdem unsere Initiative der Goldene Zaunpfahl mancherorts auf Unverständnis stößt, und Reaktionen bei Menschen provoziert, die wohl schon lange nicht mehr für oder mit Kindern einkaufen waren (Motto: „Wen’s stört, der musses ja nicht kaufen“), wollen wir heute ein paar Antworten liefern. Bestimmt sieht sich die eine oder der andere auch manchmal mit diesen Reaktionen konfrontiert, dann freuen wir uns, wenn wir ein paar Argumente beisteuern können, um die Diskussion über die einengenden Botschaften des Gendermarketing am Laufen zu halten  :)

Überarbeitet am 22.2.17

Es sind doch nur Farben

1Mit Rosa und Hellblau sind, so wie mit anderen Farben auch, unterschiedliche Eigenschaften verbunden, abhängig von Kultur und Epoche. Es ist ja kein Zufall, dass die Bösen im Hollywoodfilm Schwarz tragen, während die gute Fee (Braut, Königin…) in Weiß gekleidet ist.

Es spricht auch überhaupt nichts gegen die Farben Rosa, Lila oder Pink, aber sie werden vereinnahmt von der Werbeindustrie und zunehmend mit Schönheit, Anmut und Zartheit in Verbindung gebracht. Gendermarketing hat mit dazu beigetragen, dass Rosa heute als niedlich und sexy gilt und dass die Farbe Mädchen vorbehalten ist („Das ist aber ne Mädchenfarbe!„), anstatt dass sie für alle da wäre, denen sie gefällt.

Deshalb lässt sich erst dann, wenn Spielzeug aus den Bereichen Schönheit, Pflege, Haushalt auch öfter mal in schwarz oder grün verpackt wird und erst dann, wenn auch Experimentierkästen und Konstruktionssets, deren Verpackung mit Jungs bebildert sind, mit Pink beworben werden, vielleicht sagen „Es sind einfach nur Farben“.

 

Unternehmen müssen ihre Produkte nun mal verkaufen.

2Ja, richtig. Der Umsatz steht über der sozialen Verantwortung, und die Idee der Corporate Social Responsibility taugt oft nur als Feigenblatt. Das gilt ja auch für Smartphones, die nicht ohne Kinderarbeit hergestellt werden, und doch wird uns vermittelt, wir bräuchten alle 2 Jahre ein neues. Unternehmen müssen ja schließlich verkaufen. Vielleicht funktioniert unsere Welt auch deshalb so fair und frei von Diskriminierung, weil wir Wirtschaftswachstum über alles stellen und diese Priorität auch bei den Botschaften des Gendermarketing nicht infrage stellen.

 

Ich lasse mich von Werbung sowieso nicht beeinflussen.

3Die Marketingindustrie beziffert ihren eigenen, jährlichen Umsatz auf 30 Milliarden Euro und sie erforscht seit vielen Jahrzehnten, wie sich KäuferInnen am besten beeinflussen und zum Kauf bewegen lassen, idealerweise unbewusst. Ziel von Werbung ist es, in zufriedenen, wunschlos glücklichen Menschen, völlig neue Bedürfnisse zu wecken, die sie zuvor noch nicht hatten. Nur bei mir schafft sie das nicht, denn ich entscheide selbst. #findedenfehler

 

Mädchen lieben eben Rosa.

4Es ist grade einmal 100 Jahre her, da war Rosa gar keine „Mädchenfarbe“ und die Zuweisung „Mädchen lieben Rosa“ galt genau umgekehrt: Rot war in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Könige trugen Rot (der Papst trägt bis heute Violett). Rot war also eine männliche Farbe, und Rosa, „das kleine Rot“ war Jungen vorbehalten, es galt als die stärkere Farbe. Blau dagegen war in der christlichen Tradition die Farbe Marias und Hellblau, „das kleine Blau“ dementsprechend die Farbe für Mädchen, es galt als feiner und eleganter. Heute lernen Mädchen von Geburt an, dass Rosa eine weiblich konnotierte Farbe ist, in 100 Jahren könnte das schon wieder ganz anders aussehen.

 

Nur wer keine Hobbys / echten Probleme hat, regt sich darüber auf.

Wir wünschen allen viel Energie und Ausdauer, sich nicht hier, sondern genau dort zu engagieren, wo sie die wahren Probleme dieser Welt sehen. Kommentieren Sie gerne im Tierschutzforum oder engagieren Sie sich für mehr Fahrradwege. Wir sind die Letzten, die sich Ihnen in den Weg stellen werden, denn wir sind schon mit unserm Hobby der Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt.

 

Ich habe früher auch  mit xx gespielt und bin heute ja auch emanzipiert, also!“

Wer Teil einer Gesellschaft ist, hat auch deren Werte verinnerlicht. Deshalb melden auch nur ganz wenige Väter ihre Söhne, wenn die sich für Musik und Tanz interessieren, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit zum Ballettunterricht an. Und selbst jene, denen es gelingt, sich in vielen, persönlichen Entscheidungen von kulturellen Zuschreibungen frei zu machen, sind doch angewiesen auf die vorhandenen Strukturen, selbst wenn diese bestimmte Gruppen benachteiligen. Dass Frauen mehr Geld in Schönheitsprodukte investieren, sich mehr von ihnen für die schlechter bezahlte Carearbeit entscheiden[1] und später häufiger in Altersarmut leben, wird als „natürlich“ empfunden.

6Doch Studien belegen einen Zusammenhang zwischen stereotypem Spielzeug und dem Selbstbewusstsein von Kindern. Für Jungen und Mädchen gilt: Je tiefer sie in die Spielzeugwelt der schönen, schlanken, passiven Prinzessinnen eintauchen, desto stereotyper wird ihr eigenes Verhalten: „We know that girls who strongly adhere to female gender stereotypes feel like they can’t do some things,“ sagt Sarah M. Coyne, Leiterin der Studie. „They’re not as confident that they can do well in math and science. They don’t like getting dirty, so they’re less likely to try and experiment with things.“ [2]

[1] 80% der Carearbeit wird von Frauen übernommen. Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Gesundheits- und Pflegeberufe. Arbeitsmarktberichterstattung – 2011. 2011, S. 8
[2] https://news.byu.edu/news/disney-princesses-not-brave-enough und http://well.blogs.nytimes.com/2016/06/27/disney-princesses-do-change-girls-and-boys-too/?_r=0

 

Wir reproduzieren keine Geschlechterklischees, wir reagieren nur auf Wünsche der KonsumentInnen

7Werbung setzt durch Wiederholung Regeln und schafft Normen, wie ein Mann, eine Frau zu sein, zu essen, sich zu kleiden, wofür er oder sie sich zu interessieren hat. Die schiere Masse an Bildern, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert werden, führt zu einer Verstärkung und Einengung dessen, was angeblich normal ist. Schwierig bis unmöglich schon für einen Erwachsenen, davon unabhängige Entscheidungen zu treffen. Undenkbar für ein Kind, das gerade erst dabei ist, die eigenen Vorlieben zu entdecken.[1]

[1] http://blog.hubspot.de/marketing/wie-marken-uns-manipulieren

 

Es wird gekauft, also gibt es einen Bedarf“

8Für die Werbung der 1950er mag das zutreffen. Doch Marketing heute funktioniert anderherum: der Fokus liegt darauf, zuerst einen (nicht vorhandenen) Bedarf zu schaffen, um ihn dann zu befriedigen.[1]

[1] Beispiel Fitness-Armbänder / Wearables:
http://www.stroeer.de/magazin/bewegte-zukunft-in-einer-mobilen-welt-update/wearables-potenziale-fuer-werbung-und-marketing.html

 

Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür.“

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen. Kinder lernen nicht allein von ihren Eltern, die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders erfahren sie auch durch den Nachbarn, die Bäckerin, den Erzieher und die Lehrerin, durch Bücher und das Fernsehprogramm. Kinder lernen vieles ganz nebenbei, im alltäglichen Spiel nähern sie sich der Welt der Erwachsenen an, üben Regeln ein und finden so allmählich ihren Platz in der Familie und in der Gesellschaft. Sie experimentieren und bilden Kategorien und lernen dabei, nicht nur in Groß vs. Klein, Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau einzuordnen, sondern auch in ‚typisch‘ und ‚anders‘, in ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Schnuller und Teddys, Laufräder und Bilderbücher, 9Filme, Computerspiele und Werbung begleiten sie dabei und beeinflussen ihren Lebensweg. Und die Welt, die ihnen aktuell angeboten wird, ist in sehr viel mehr Bereichen in rosa und hellblau geteilt, als das bisher der Fall war [1]. Selbst wenn sich also Eltern dieser Strategie verweigern und Kindern alle Bereiche jenseits von rosa und hellblau anbieten, so sind Mädchen und Jungen immer auch durch die Botschaften ihrer Umwelt beeinflusst.

[1] „In the Sears catalog ads from 1975, less than 2 percent of toys were explicitly marketed to either boys or girls.“ https://www.theatlantic.com/business/archive/2014/12/toys-are-more-divided-by-gender-now-than-they-were-50-years-ago/383556/

 

Also wir haben unseren Kindern nichts aufgezwängt, wir lassen ihnen die freie Wahl.

10Die Mehrheit der Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen. Und wenn sich die Tochter dann doch fürs Ballett entscheidet, obwohl sie einen Fußball geschenkt bekommen hat und wenn der Sohn die Autokiste vorzieht, obwohl er sich eine Puppe aussuchen durfte, dann ziehen viele den Rückschluss, es müsse an der Biologie liegen, die Gene seien verantwortlich, die Hormone, die Steinzeit… der eigene Einfluss und die allgegenwärtigen Botschaften werden dabei komplett ausgeblendet. Forts. unter: „Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür„)

 

Es steht ihrem Sohn ja frei, trotzdem ein rosa xx zu kaufen.

Es steht Männern ja auch frei, sich für den Beruf des Erziehers zu entscheiden oder Frauen, Maschinenbau zu studieren. Mit den Kommentaren müssen sie dann eben klarkommen, wussten sie ja vorher, dass es nicht einfach würde. Sorry, aber Wahlfreiheit sieht anders aus. Wer sich über die Regeln des „Üblichen“ hinwegsetzt, bekommt das von der Umwelt zu spüren, und wer meint, ein „Du kannst ja trotzdem…“ reiche aus, um dem Vierjährigen seine Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, irrt.[1]11

Allein das Labeln eines Spielzeuges durch Farben oder Fotos als „Mädchen-„ oder „Jungespielzeug“ führt zu genderstereotypem Verhalten. Wird Kindern ein zunächst neutrales Spielzeug (z.B. ein Xylophon oder ein Ball) als „extra für Mädchen“ vorgestellt, spielen Mädchen länger und interessierter damit, Jungen wenden sich früher davon ab. Andersherum spielen Jungen länger damit, wenn ihnen zuvor gesagt wurde, es sei für Jungen gedacht [2]. Kinder übernehmen also die Zuordnung der Erwachsenen ganz unabhängig vom jeweiligen Spielzeug, und sie lassen sich schon früh in ihren Entscheidungen vom Gruppenkonsens beeinflussen [3]. Das ist menschlich und wird Ihrem Sohn ähnlich gehen.

[1] Beispiel: rosa Überraschungs-Eier „für Mädchen“: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/10/ue-ei-twittergewitter/
[2] Bradbard, M.R.; Endsley, R.C. (1983). The effects of sex-typed labeling on preschool children’s information-seeking and retention. Sex Roles, 9 (2), 247-260.
[3] Studie: https://www.mpg.de/4611532/gruppenzwang_vorschulalter

 

Die Tochter meiner Nachbarin mag grün, also kann der Einfluss nicht so groß sein.

12Und mein Sohn zum Beispiel hat mal ein Kleid in die Kita angezogen und ist trotzdem hetero, und meine Tochter kann besser Fußballspielen als mein Mann, also kann ja das mit dem Frauenfußball… Sorry, private Einzelbeispiele taugen nicht als Beleg für biologistische Theorien ;)

 

 

Jungs und Mädchen haben nun mal unterschiedliche Grundbedürfnisse.

13Zu den Grundbedürfnissen gehören Liebe, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und sie gelten für alle Menschen gleichermaßen. Ein geschlechtergetrenntes Angebot auf der Speisekarte oder beim Bürobedarf gehört nicht dazu. Rosa geblümte Glitzerponys mit Flügeln und schwarze Monsterfighterfiguren auch nicht. Und wenn, dann sollten sie für alle da sein.

 

 

Lasst doch die Kinder Kinder sein und hört auf mit Eurem Genderismus.

14Erwachsene ändern ihr Verhalten gegenüber einem Kind schon vor Geburt, sobald sie das Geschlecht des Ungeborenen erfahren: Sie sprechen mit einem Fötus in höherer Stimmlage, wenn der Ultraschall ihnen ein Mädchen zeigt. Sie beschreiben einen Säugling, von dem sie annehmen, es sei ein Mädchen, als niedlich und zart. Wird ihnen dasselbe Kind später als Junge präsentiert, beschreiben sie es als kräftig und schätzen es schwerer ein.[1]

Da wir davon ausgehen, Jungen und Mädchen hätten grundsätzlich unterschiedliche Bedürfnisse, behandeln wir sie unterschiedlich, selbst in Momenten, in denen es überhaupt keinen Anlass dafür gibt. Insofern einverstanden: Lasst doch die Kinder Kinder sein, und hört auf, sie in allen Lebenslagen nach Geschlecht zu sortieren und mit Euren rosa-hellblauen Erwartungen zu konfrontieren.

[1] Sog. Baby X Studien, z.B.: http://link.springer.com/article/10.1007/BF00288004

 

Wer sich daran stört, muss es ja nicht kaufen.

15Weit über 500 Werbebotschaften erreichen jeden einzelnen von uns täglich. Auf Werbung treffen wir in Bahnhöfen und an Bushaltestellen, auf Plakatwänden und Aufstellern, im Fernsehen, Radio und Internet, Zeitungen und Magazinen, im Kino, in Sportstadien, Gaststätten und Konzerthallen, auf Hochhausdächern und Häuserfassaden, im Himmel und buchstäblich auf dem Boden werden wir mit den Botschaften der Marketingindustrie konfrontiert. Werbung hat den öffentlichen Raum längst in Besitz genommen und beansprucht unsere Aufmerksamkeit über die Maßen. Die Geschlechterklischees der Werbung erreichen einen auch an Tagen, an denen man keinen einzigen Euro ausgibt.

 

Kleine Jungs stehn nun mal auf Autos.

Gern werden bei diesem Argument Studien mit Primaten genannt als vermeintlicher Beleg, dass ja selbst bei Affen die männlichen Tiere Spielzeugautos bevorzugten. Doch das Setting der Studien sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Für eine gern zitierte Untersuchung mit Meerkatzen, wurde den Tieren unter anderen Gegenständen eine Pfanne als ‚Mädchenspielzeug’ ins Gehege gegeben. Rätselhafte Grundvoraussetzungen für eine Studie, gibt es doch keinen Primatenforscher, dem in seiner beruflichen Laufbahn Affen begegnet sind, die kochen konnten. In einer anderen Studie wurden Rhesusaffen beobachtet, die Spielsachen mit Rädern sowie Plüschtiere bekamen. Ein Durchgang musste zunächst abgebrochen werden, weil „ein Plüschtier in mehrere Teile zerfetzt worden war“.[1] Beides verdeutlicht die Problematik dieser Studien: Wir wissen überhaupt nicht, ob ein Kinderspielzeug für einen Affen, der es noch nie gesehen hat, dieselbe Bedeutung hat wie für uns. Welchen Wert haben dann die in solchen Studien gezogene Schlüsse?

Deshalb halten wir andere Aspekte für relevanter:16

(Spielzeug-)Autos sind männlich konnotiert, das lernen schon Kleinkinder noch bevor sie sprechen können, Mädchen bekommen sie seltener geschenkt, Mütter spielen seltener mit ihren Kindern damit, beim Spaziergang erklären Väter ihren Söhnen von Anfang an mehr über Automarken als ihren Töchtern. Schon bei 6 bis 12 Monate alten Kindern haben Jungen mehr „Außenweltspielsachen“ (Lastwagen, Werkzeug u.a.) während Mädchen eher „Haushaltsspielsachen“ bekamen [2].

Fünfjährige Jungs sind außerdem stärker an Jungsspielzeug interessiert, wenn sie damit rechnen müssen, von Freunden gesehen zu werden. [3] Viele kleine Jungen, die in der Kita nie mit Puppen spielen, machen das zuhause durchaus, sofern ihnen von den Eltern keine geheimen Lektionen dazu erteilt wurden. Und übrigens: „fünfjährige Kinder [klassifizieren] eine Babypuppe mit zornigem Gesichtsausdruck, die grobe schwarze Kleidung trägt, als Jungespielzeug, ein lächelndes, gelbes Auto, das mit Herzchen geschmückt ist, als Mädchenspielzeug“ [4].

Also ab wann und für wen genau soll sie zutreffen, die Aussage „Jungs stehn nun mal auf Autos“?

[1] Hasset, J.M.; Siebert, E.R.; Wallen, K. (2008). Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. Hormones and Behavior, 54 (3), 359-364.
[2] Nash, A.; Krawczyk, R. (1994). Boys’ and girls’ rooms revisited. Vortrag vor der Conference on Human Development. Pittsburgh, Pennsylvania (nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge, München 2012, S. 315)
[3] Bannerjee, R; Lintern V. (2000). Boys will be boys. The effect of social evaluation concerns on gender-typing. Social Development, 9 (3), 397-408.
[4] Leinbach, Hort & Fagot, nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge. S.351

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Wer bis hierher gelesen hat, hat jetzt garantiert zur einen oder anderen Antwort eine Reaktion auf der Zunge liegen, ein Erlebnis vor Augen, ein „Ja, aber…“ auf dem Herzen. Wir sind gespannt, die Diskussion soll weiter gehen, bitte schreibt Eure Gedanken dazu in die Kommentare.

Viele Grüße,

Sascha und Almut

 

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Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

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*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Jungen weinen nicht

Sind Hänseleien ein Zeichen von Zuneigung?

Sowohl @dasnuf als auch @mama_notes haben in der vergangenen Woche auf ihren Blogs Artikel geschrieben über die fatale Botschaft, die wir Kindern mit auf den Weg geben, wenn wir körperliche oder verbale Hänseleien mit einem „Der mag dich eben“ abtun  (Bezeichnend auch in dem Zusammenhang, dass es zumindest im Wortschatz keine ‚Greteleien‘ gibt). Für einen kurzen Moment mag es nachvollziehbar sein, dem geärgerten Kind zuliebe etwas Positives aus der Situation zu ziehen, aber ich teile die Meinung der beiden oben genannten Bloggerinnen, dass damit auf lange Sicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Und ich denke vor allem, dass wir dringend mehr Energie darauf verwenden sollten, Hänselnden jeden Alters beizubringen, wie sie ihre Zuneigung anders als durch Schubsen, Ärgern und Draufhauen ausdrücken, da die Erniedrigung anderer, nur der Versuch ist, sie auf das eigene Niveau herabzusetzen.

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

„Was sich liebt, das neckt sich“

Mama_notes schreibt: „‚Ich glaub‘ der mag dich‘, ist Victim-Blaming“, und ich halte es für durchaus angebracht, diesen Begriff hier einzubringen, der vor allem assoziiert ist mit Debatten um Vergewaltigungsfälle, in denen das Opfer für die Straftat mitverantwortlich gemacht wird. Von hänselnden Kindern zu Vergewaltigung zu springen mag auf den ersten Blick maßlos dramatisierend scheinen, aber es liegen nur zwei Gedankensprünge dazwischen, sobald sich eins überlegt, warum es Kinder (ich unterstelle, dass das mehr Jungs als Mädchen sind) gibt, die Zuneigung durch unfreundliches Verhalten ausdrücken:

1) „Jungs weinen nicht!“

Jungen lernen von klein auf, sich zusammenzureißen. Die Ermahnung: „Heul nicht, Du bist doch kein Mädchen!“ ist auch in 2016 nicht ausgestorben, den meisten Jungen wird Verletzlichkeit als etwas Negatives vermittelt. Eine Studie aus den USA (Quelle wird nachgeliefert > Leider nicht die im Folgenden beschriebene, dafür eine mit ähnlichem Ergebnis: Eltern “are four times more likely to tell girls than boys to be more careful”) zeigte, dass Eltern, deren Kind im Spiel hingefallen ist oder sich eine Schramme geholt hat, bei Söhnen häufiger dazu tendieren, sie nach einem kurzen Check wieder loszuschicken, und dass Töchter dagegen länger geströstet und außerdem häufiger ermahnt werden, besser auf sich aufzupassen. Mädchen lernen also schon früher, auf sich selbst und ihren Körper acht zu geben, sich um sich selbst zu kümmern, gilt als weiblich – zahllos die Witze über Männer, die bei einer leichten Erkältung zwar nicht aus dem Jammern herauskämen, sich aber bei ernsten Erkrankungen häufig zu spät in ärztliche Behandlung begeben.

Zu weinen, sich verletzlich zu zeigen, sich Sorgen zu machen, sich zu ängstigen, einfühlsam zu sein, ist überwiegend weiblich konnotiert. Auch wenn die Mehrheit überzeugt ist, Kinder „gleich“ zu behandeln und davon ausgeht, das Klischee im Umgang mit dem eigenen Kind, in der eigenen Erziehungspraxis aufzubrechen, so ist doch der Alltag von Kindern voll mit Boys-don’t-cry-Botschaften.

Und selbst wenn Eltern derartige Ermahnungen komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen haben, bleiben doch die „Die hard“-Helden aus Hollywood, die unnahbaren Dove-Models auf Werbeplakaten und die Piraten-Abenteurer-Feuerwehr-Sieger-Bilder des Gendermarketing. Wenn also besorgt, ängstlich, traurig, als Gefühle für Jungen eher nicht in Frage kommen, wenn Filmhelden und Werbebotschaften auf den coolen, unnahbaren, unabhängigen, unverletzbaren, souveränen Helden setzen, was bleibt dann?

2) Jungen lernen, dass ihnen Ärger zugestanden wird

Jungen erfahren also durch die Reaktionen Erwachsener, dass aus der großen Palette menschlicher Gefühle ein ganzer Bereich für Jungen und Männer tabu ist. Zu weinen ist peinlich, empathisch zu sein untypisch.

Im Gegenzug lernen sie, dass ihnen Ärger durchaus zugestanden, ja geradezu von ihnen erwartet wird: In sogenannten „Baby X-Studien“, in denen in unterschiedlichen Settings die Reaktionen Erwachsener auf Jungen bzw. Mädchen untersucht werden, zeigt sich, dass ein weinender Säugling häufiger als ärgerlich oder zornig wahrgenommen wird, wenn die Erwachsenen annehmen, es handle sich um einen Jungen. Wird ihnen dasselbe weinende Kind als Mädchen vorgestellt, lesen sie sein Weinen häufiger als Angst.

In einem Artikel der NewYorkTimes beschreibt Andrew Reiner eine Szene aus einem Video, in dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der offenbar zum ersten Mal eine Spritze bekommt und deshalb Angst hat. Man hört den Vater aus dem Off, der seinem Sohn sagt, er solle aufhören zu weinen:

Say you’re a man: ‘I’m a man!’ ” The video ends with the whimpering toddler screwing up his face in anger and pounding his chest. “I’m a man!” he barks through tears and gritted teeth. (Andrew Reiner: Teaching men to be emotional honest. New York Times, 4.4.2016)

Die Szene ist ein Beispiel dafür, wie Jungen beigebracht wird, ihre Angst oder ihren Schmerz in Ärger zu wandeln. Und auch die praktische, passiv-zurückgelehnte Haltung „Boys will be boys“ / „So sind sie eben, die Jungs“,  kann täglich in wilden bis rücksichtslosen Szenen auf Spielplätzen beobachtet werden. Sie impliziert ja, dass wir ungestümes oder gar unhöfliches Verhalten von Jungen geradezu erwarten können und es unterstellt, dass Jungen nicht fähig seien, Mädchen respektvoll zu behandeln.

Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass Vorschulkinder ein lächelndes Gesicht als weiblich und ein zorniges Gesicht als männlich erleben (> Untersuchungen von Hanns Martin Trautner), und uns das Bild eines weinenden, schluchzenden Mannes sehr viel mehr irritiert als das eines frustrierten, der vor Ärger gegen eine Wand tritt.

The fact that many of us would still be more confronted by the sight of a man crying than by seeing him kick a wall in anger or frustration shows there is still an urgent need for more open conversations around what defines both strength and vulnerability, and what defines masculinity as well. („Do real men cry? How redefining masculinity can save life“, Daily Telegraph, 15.10.2016)

Der Täter wird entschuldigt, der Übergriff verharmlost

Es ist also bestimmt was dran an der Erklärung, die manches Mädchen schon zu hören bekommen hat, als sie bei Erwachsenen Hilfe suchte: „Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich mag!“. Aber sie erklärt nicht, warum Erwachsene dieses Verhalten als so harmlos empfinden.

Jungs sollen und wollen, darauf ist ihre (nicht nur mediale) Sozialisation ausgerichtet, cool und stark sein, immer ‚Herr der Lage‘. Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Empathie insgesamt sind da eher hinderlich, weil sie verletzlich machen, weil sie zu Ablehnung, Spott und Ausgrenzung, zu Trauer führen könnten. Um dieses Risiko zu umgehen, lernen viele Jungen und auch Mädchen, diese (weiblich konnotierten) Gefühle in Ärger umzuwandeln und zu tarnen. Anstatt ihre Gefühle positiv auszudrücken, wählen sie den für sie männlich konnotierten Ausweg: sie ärgern, schubsen und raufen.

„Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich gern hat.“ – Vielleicht aber auch nicht. Mit dieser Botschaft wird der Täter entschuldigt und der Übergriff nicht nur verharmlost sondern sogar zum Kompliment umgedeutet.

Ist das die Botschaft, die Kinder daraus mitnehmen sollen? Sie passt zur Reaktion von Donald Trump, der auf die Vorwürfe von Frauen, er habe sie sexuell belästigt, antwortet: „Glaubt mir, sie wäre nicht meine erste Wahl, das kann ich Euch sagen.

„She would not be my first choice“

Und der verquere Rückschluss: Die Behauptung, diese oder jene Frau gar nicht attraktiv zu finden, soll als Beweis dafür dienen, dass er sie nicht sexuell belästigt haben kann. Sie hätte es also gar nicht verdient, von ihm begrapscht zu werden!?

Es ist die logische Fortführung in der Erwachsenenwelt: sexueller Übergriff, catcalling, Hinterherpfeifen, Anmache trotz wiederholtem Nein… – ein Kompliment?  Diese Form von victim-blaming wird von beiden Seiten bereits im Sandkasten eingeübt: Hänsel lernt, dass sein Verhalten als harmlos eingestuft wird, Gretel erfährt, dass es für eine Gegenwehr ja gar keinen Anlass gäbe, ihr ‚Nein‘ nicht zählt.

 

Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

mytoys-spielzeugexperten-02

Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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„Du bist doch kein Mädchen!“

… ist schnell dahergesagt, hat’s aber in sich.

Was, das würde ich gerne in 140 Zeichen oder im Gespräch zwischen Tür und Angel mal eben antworten können. Klappt aber nicht so wirklich. Deshalb poste ich hier das Interview, das Katja Köhler für die Esslinger Zeitung mit mir geführt hat, denn darin ging es genau darum, dass „Du Mädchen“ immer mehr zum Schimpfwort wird*. Das komplette Interview gibt es >hier als pdf< zu lesen, im Folgenden nur die Kurzversion:

K.Köhler: Haben Eltern schon etwas falsch gemacht, wenn der Sohn Fußball spielen geht und die Tochter ins Ballett?

A.Schnerring: Da dran ist gar nichts falsch. Jungen sollen ruhig zum Fußball gehen und Mädchen zum Ballett. Wichtig ist, dass wir zum Beispiel die fußballspielenden Mädchen nicht aus dem Blick verlieren. Oder die Jungen nicht vergessen, die zum Ballett wollen, die Glitzer mögen oder im Kindergarten immer wieder gerne zum Puppenhaus gehen.

K.Köhler: Was für ein Programm läuft da ab?

A.Schnerring: Sie werden oft durch – vielfach unbewusste – Kommentare und Reaktionen gerade von Erwachsenen in ihre „Schranken verwiesen“. Der Spruch „Heul’ nicht, du bist doch kein Mädchen!“ ist leider nicht ausgestorben, und auch ein nett gemeintes „Ein Mathe-Ass, das ist aber super für ein Mädchen“ macht Kindern bewusst, das Erwachsene unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen haben. Dabei wünschen wir uns doch, dass sich unsere Kinder frei entfalten und ihr Spiel wählen dürfen.

K.Köhler: Wann beginnt die Zuordnung der Geschlechter?

A.Schnerring: Die Erwachsenenwelt fängt damit schon an, bevor das Kind auf die Welt gekommen ist. 80 Prozent der Eltern wollen vor der Geburt das Geschlecht wissen. Es gibt Studien darüber, dass Eltern ihr Verhalten prompt ändern, sobald sie wissen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten.

K.Köhler: Wie äußert sich das?

A.Schnerring: Es geht nicht nur um oberflächliche Dinge wie die Einrichtung in Rosa oder Hellblau und darum, dass Eltern anderes Spielzeug kaufen. Eltern sprechen zum Beispiel in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen. Zudem neigen sie dazu, die Verhaltensweisen des Babys im Bauch schon dem Rollenklischee entsprechend zu deuten: Sie sprechen von einem energischen Jungen, einem ruhigen Mädchen, so dass das Kind schon vor Geburt nicht mehr die ganze Bandbreite zur Wahl hat, sondern nur noch die eine Hälfte.

 

Ein Aspekt, der fehlt:

„Du bist doch kein Mädchen!“ zu einem weinenden Jungen gesagt, vermittelt diesem, dass es wohl irgendwie etwas Schreckliches sein muss, ein Mädchen zu sein. Jedenfalls etwas, das er um jeden Preis vermeiden muss. Also bloß nicht „wie ein Mädchen“ rüberkommen, es könnte ja zu Verwechslungen kommen. WAS DANN!?! In dem Zusammenhang ist es dann gar nicht mehr rätselhaft, warum es Jungs gibt, die zwar zuhause gerne mit Rosa malen oder mit Elsa spielen, das aber im Beisein von anderen Kindern oder Erwachsenen vermeiden. Denn wer will schon als „Iiiiiihh, Mädchen!“ rüberkommen. Was für eine Beleidigung! Was für eine Abwertung! Für den Jungen. Und noch viel mehr für seine Schwester oder die Mädchen, die zuhören!

Was deshalb rätselhaft bleibt: warum manche Frau, die sich vielleicht selbst als „Mädel“ bezeichnet, wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum „Mädelsabend“ verabredet, so gar nichts dabei findet, einem kleinen Jungen diese negative Bewertung, die sie doch selbst, ganz persönlich betrifft, mit auf den Weg zu geben.

 

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*Aus juristischer Sicht ist „Mädchen“ schon heute ein Schimpfwort. Tatsächlich musste eine Frau, die einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als Mädchen bezeichnet hatte, 200 Euro Strafe bezahlen.

Artikel - Mädchen als Schimpfwort

 

Der PayGap beginnt im Kinderzimmer

Eine neue Studie zum PayGap beim Taschengeld

Jedes Jahr, wenn der Equal Pay Day begangen wird (der nächste liegt auf dem 18. März 17), beginnt sie von Neuem, die Diskussion um den Gender Pay Gap. Doch eine aktuelle Studie widerlegt erneut alle Argumente, die je nach Wetterlage mal lauter, mal leiser gegen den Lohnunterschied aufgrund des Geschlechts hervorgebracht werden und Initiativen den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Die fünf Beliebtesten noch einmal kurz zusammengefasst:

  1. „Aber es sind doch gar keine 21%, es sind doch „nur“ X* Prozent Unterschied!“ *beliebige Zahl 0<x<21
  2. „Frauen fallen nun mal wegen der Kinder länger aus, das liegt in der Natur der Sache.“
  3. „Frauen wählen häufiger Halbtagsstellen, soll das auch noch belohnt werden?“
  4. „Frauen wählen die falschen Jobs, selbst Schuld, wenn sie in Branchen einsteigen, in denen nun mal weniger verdient wird“
  5. „Frauen verhandeln eben schlechter!“

Zu 1) – Eigenartige Strategie, einen Missstand widerlegen zu wollen, als ob weniger Unterschied kein Unterschied und damit fair wäre. Und wenn der Unterschied nur bei 3% liegt, hat der Equal Pay Day doch trotzdem seine Berechtigung!

zu 2) + 3) – Frauen kümmern sich häufiger um Kinder, Kranke, Alte, Pflegebedürftige – soll das auch noch bestraft werden? (Wir verweisen dezent auf den Equal Care Day, eine der Hauptursachen für den PayGap.)

zu 4) – Stimmt nicht, auch in MINT-Berufen verdienen Frauen weniger als ihre Kollegen, in derselben Branche, in vergleichbarer Position. > Studie

zu 5) – stimmt nicht. Weder fragen sie seltener nach einer Gehaltserhöhung, noch verhandeln sie defensiver. > Studie

Mädchen bekommen weniger Taschengeld als Jungen

Wer weiterhin argumentiert, Frauen seien selbst Schuld, dass sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, möge einen Blick in die Kinderzimmer werfen. Schon hier gibt es den Gender Pay Gap: Mädchen bekommen im Durchschnitt weniger Taschengeld als Jungen.

Das zeigte schon eine Studie in 2009, auch in einzelnen Städten wurden Unterschiede belegt (z.B. in Frankfurt a.M.), und jetzt zeigt eine neue: bei den 16-25 Jährigen beträgt der Unterschied 19%. Jungen dieser Altersspanne in Deutschland haben im Durchschnitt 345 Euro zur Verfügung und Mädchen 291 Euro – für 44% ist das Taschengeld der größte Posten.

Keins der o.g. Argumente greift:

Eigenen Nachwuchs, um den sich gekümmert werden muss, gibt es bei Kindern noch nicht (auch bei den bis zu 25-Jährigen wohl eher die Ausnahme als Ursache für den Gap), auch keine zu pflegende Schwiegermutter. Am falschen Beruf kann es genauso wenig liegen, dass Mädchen weniger Taschengeld bekommen. Möchte jetzt noch jemand an Punkt 5 festhalten und den Gender Pay Gap damit begründen, dass Mädchen eben zu schlecht über die Höhe ihres Taschengelds verhandeln? Verlangen wir also wirklich von Mädchen, gefälligst selbst darum zu kämpfen, mehr Geld zu bekommen, damit Erwachsene keinen Unterschied machen, wenn sie Kindern den Umgang mit Geld vermitteln und ihnen eigenes zur Verfügung stellen?

Und es gibt eine weitere Erklärung, warum die Spanne über das Taschengeld hinaus noch größer wird, warum Jungen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben als Mädchen: Töchter müssen sich häufiger um jüngere Geschwister kümmern als Söhne. Jungen werden stattdessen mehr Jobs im Haushalt zugewiesen (z.B. Rasenmähen, Auto putzen) die den Erwachsenen offenbar Geld wert sind, ganz im Unterschied zum Wickeln, Schuhe binden, Zähne nachputzen, Brei löffeln. Womit wir wieder beim Equal Care Day wären…

 

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Der Artikel wurde zuerst am 19.9.16 auf www.equalcareday.de veröffentlicht

Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.