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Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

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*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Jungen weinen nicht

Sind Hänseleien ein Zeichen von Zuneigung?

Sowohl @dasnuf als auch @mama_notes haben in der vergangenen Woche auf ihren Blogs Artikel geschrieben über die fatale Botschaft, die wir Kindern mit auf den Weg geben, wenn wir körperliche oder verbale Hänseleien mit einem „Der mag dich eben“ abtun  (Bezeichnend auch in dem Zusammenhang, dass es zumindest im Wortschatz keine ‚Greteleien‘ gibt). Für einen kurzen Moment mag es nachvollziehbar sein, dem geärgerten Kind zuliebe etwas Positives aus der Situation zu ziehen, aber ich teile die Meinung der beiden oben genannten Bloggerinnen, dass damit auf lange Sicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Und ich denke vor allem, dass wir dringend mehr Energie darauf verwenden sollten, Hänselnden jeden Alters beizubringen, wie sie ihre Zuneigung anders als durch Schubsen, Ärgern und Draufhauen ausdrücken, da die Erniedrigung anderer, nur der Versuch ist, sie auf das eigene Niveau herabzusetzen.

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

photo credit: André Hofmeister Season In The Sun via photopin (license)

„Was sich liebt, das neckt sich“

Mama_notes schreibt: „‚Ich glaub‘ der mag dich‘, ist Victim-Blaming“, und ich halte es für durchaus angebracht, diesen Begriff hier einzubringen, der vor allem assoziiert ist mit Debatten um Vergewaltigungsfälle, in denen das Opfer für die Straftat mitverantwortlich gemacht wird. Von hänselnden Kindern zu Vergewaltigung zu springen mag auf den ersten Blick maßlos dramatisierend scheinen, aber es liegen nur zwei Gedankensprünge dazwischen, sobald sich eins überlegt, warum es Kinder (ich unterstelle, dass das mehr Jungs als Mädchen sind) gibt, die Zuneigung durch unfreundliches Verhalten ausdrücken:

1) „Jungs weinen nicht!“

Jungen lernen von klein auf, sich zusammenzureißen. Die Ermahnung: „Heul nicht, Du bist doch kein Mädchen!“ ist auch in 2016 nicht ausgestorben, den meisten Jungen wird Verletzlichkeit als etwas Negatives vermittelt. Eine Studie aus den USA (Quelle wird nachgeliefert > Leider nicht die im Folgenden beschriebene, dafür eine mit ähnlichem Ergebnis: Eltern “are four times more likely to tell girls than boys to be more careful”) zeigte, dass Eltern, deren Kind im Spiel hingefallen ist oder sich eine Schramme geholt hat, bei Söhnen häufiger dazu tendieren, sie nach einem kurzen Check wieder loszuschicken, und dass Töchter dagegen länger geströstet und außerdem häufiger ermahnt werden, besser auf sich aufzupassen. Mädchen lernen also schon früher, auf sich selbst und ihren Körper acht zu geben, sich um sich selbst zu kümmern, gilt als weiblich – zahllos die Witze über Männer, die bei einer leichten Erkältung zwar nicht aus dem Jammern herauskämen, sich aber bei ernsten Erkrankungen häufig zu spät in ärztliche Behandlung begeben.

Zu weinen, sich verletzlich zu zeigen, sich Sorgen zu machen, sich zu ängstigen, einfühlsam zu sein, ist überwiegend weiblich konnotiert. Auch wenn die Mehrheit überzeugt ist, Kinder „gleich“ zu behandeln und davon ausgeht, das Klischee im Umgang mit dem eigenen Kind, in der eigenen Erziehungspraxis aufzubrechen, so ist doch der Alltag von Kindern voll mit Boys-don’t-cry-Botschaften.

Und selbst wenn Eltern derartige Ermahnungen komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen haben, bleiben doch die „Die hard“-Helden aus Hollywood, die unnahbaren Dove-Models auf Werbeplakaten und die Piraten-Abenteurer-Feuerwehr-Sieger-Bilder des Gendermarketing. Wenn also besorgt, ängstlich, traurig, als Gefühle für Jungen eher nicht in Frage kommen, wenn Filmhelden und Werbebotschaften auf den coolen, unnahbaren, unabhängigen, unverletzbaren, souveränen Helden setzen, was bleibt dann?

2) Jungen lernen, dass ihnen Ärger zugestanden wird

Jungen erfahren also durch die Reaktionen Erwachsener, dass aus der großen Palette menschlicher Gefühle ein ganzer Bereich für Jungen und Männer tabu ist. Zu weinen ist peinlich, empathisch zu sein untypisch.

Im Gegenzug lernen sie, dass ihnen Ärger durchaus zugestanden, ja geradezu von ihnen erwartet wird: In sogenannten „Baby X-Studien“, in denen in unterschiedlichen Settings die Reaktionen Erwachsener auf Jungen bzw. Mädchen untersucht werden, zeigt sich, dass ein weinender Säugling häufiger als ärgerlich oder zornig wahrgenommen wird, wenn die Erwachsenen annehmen, es handle sich um einen Jungen. Wird ihnen dasselbe weinende Kind als Mädchen vorgestellt, lesen sie sein Weinen häufiger als Angst.

In einem Artikel der NewYorkTimes beschreibt Andrew Reiner eine Szene aus einem Video, in dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der offenbar zum ersten Mal eine Spritze bekommt und deshalb Angst hat. Man hört den Vater aus dem Off, der seinem Sohn sagt, er solle aufhören zu weinen:

Say you’re a man: ‘I’m a man!’ ” The video ends with the whimpering toddler screwing up his face in anger and pounding his chest. “I’m a man!” he barks through tears and gritted teeth. (Andrew Reiner: Teaching men to be emotional honest. New York Times, 4.4.2016)

Die Szene ist ein Beispiel dafür, wie Jungen beigebracht wird, ihre Angst oder ihren Schmerz in Ärger zu wandeln. Und auch die praktische, passiv-zurückgelehnte Haltung „Boys will be boys“ / „So sind sie eben, die Jungs“,  kann täglich in wilden bis rücksichtslosen Szenen auf Spielplätzen beobachtet werden. Sie impliziert ja, dass wir ungestümes oder gar unhöfliches Verhalten von Jungen geradezu erwarten können und es unterstellt, dass Jungen nicht fähig seien, Mädchen respektvoll zu behandeln.

Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass Vorschulkinder ein lächelndes Gesicht als weiblich und ein zorniges Gesicht als männlich erleben (> Untersuchungen von Hanns Martin Trautner), und uns das Bild eines weinenden, schluchzenden Mannes sehr viel mehr irritiert als das eines frustrierten, der vor Ärger gegen eine Wand tritt.

The fact that many of us would still be more confronted by the sight of a man crying than by seeing him kick a wall in anger or frustration shows there is still an urgent need for more open conversations around what defines both strength and vulnerability, and what defines masculinity as well. („Do real men cry? How redefining masculinity can save life“, Daily Telegraph, 15.10.2016)

Der Täter wird entschuldigt, der Übergriff verharmlost

Es ist also bestimmt was dran an der Erklärung, die manches Mädchen schon zu hören bekommen hat, als sie bei Erwachsenen Hilfe suchte: „Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich mag!“. Aber sie erklärt nicht, warum Erwachsene dieses Verhalten als so harmlos empfinden.

Jungs sollen und wollen, darauf ist ihre (nicht nur mediale) Sozialisation ausgerichtet, cool und stark sein, immer ‚Herr der Lage‘. Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Empathie insgesamt sind da eher hinderlich, weil sie verletzlich machen, weil sie zu Ablehnung, Spott und Ausgrenzung, zu Trauer führen könnten. Um dieses Risiko zu umgehen, lernen viele Jungen und auch Mädchen, diese (weiblich konnotierten) Gefühle in Ärger umzuwandeln und zu tarnen. Anstatt ihre Gefühle positiv auszudrücken, wählen sie den für sie männlich konnotierten Ausweg: sie ärgern, schubsen und raufen.

„Vielleicht will er dir nur zeigen, dass er dich gern hat.“ – Vielleicht aber auch nicht. Mit dieser Botschaft wird der Täter entschuldigt und der Übergriff nicht nur verharmlost sondern sogar zum Kompliment umgedeutet.

Ist das die Botschaft, die Kinder daraus mitnehmen sollen? Sie passt zur Reaktion von Donald Trump, der auf die Vorwürfe von Frauen, er habe sie sexuell belästigt, antwortet: „Glaubt mir, sie wäre nicht meine erste Wahl, das kann ich Euch sagen.

„She would not be my first choice“

Und der verquere Rückschluss: Die Behauptung, diese oder jene Frau gar nicht attraktiv zu finden, soll als Beweis dafür dienen, dass er sie nicht sexuell belästigt haben kann. Sie hätte es also gar nicht verdient, von ihm begrapscht zu werden!?

Es ist die logische Fortführung in der Erwachsenenwelt: sexueller Übergriff, catcalling, Hinterherpfeifen, Anmache trotz wiederholtem Nein… – ein Kompliment?  Diese Form von victim-blaming wird von beiden Seiten bereits im Sandkasten eingeübt: Hänsel lernt, dass sein Verhalten als harmlos eingestuft wird, Gretel erfährt, dass es für eine Gegenwehr ja gar keinen Anlass gäbe, ihr ‚Nein‘ nicht zählt.

 

Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

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Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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„Du bist doch kein Mädchen!“

… ist schnell dahergesagt, hat’s aber in sich.

Was, das würde ich gerne in 140 Zeichen oder im Gespräch zwischen Tür und Angel mal eben antworten können. Klappt aber nicht so wirklich. Deshalb poste ich hier das Interview, das Katja Köhler für die Esslinger Zeitung mit mir geführt hat, denn darin ging es genau darum, dass „Du Mädchen“ immer mehr zum Schimpfwort wird*. Das komplette Interview gibt es >hier als pdf< zu lesen, im Folgenden nur die Kurzversion:

K.Köhler: Haben Eltern schon etwas falsch gemacht, wenn der Sohn Fußball spielen geht und die Tochter ins Ballett?

A.Schnerring: Da dran ist gar nichts falsch. Jungen sollen ruhig zum Fußball gehen und Mädchen zum Ballett. Wichtig ist, dass wir zum Beispiel die fußballspielenden Mädchen nicht aus dem Blick verlieren. Oder die Jungen nicht vergessen, die zum Ballett wollen, die Glitzer mögen oder im Kindergarten immer wieder gerne zum Puppenhaus gehen.

K.Köhler: Was für ein Programm läuft da ab?

A.Schnerring: Sie werden oft durch – vielfach unbewusste – Kommentare und Reaktionen gerade von Erwachsenen in ihre „Schranken verwiesen“. Der Spruch „Heul’ nicht, du bist doch kein Mädchen!“ ist leider nicht ausgestorben, und auch ein nett gemeintes „Ein Mathe-Ass, das ist aber super für ein Mädchen“ macht Kindern bewusst, das Erwachsene unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen haben. Dabei wünschen wir uns doch, dass sich unsere Kinder frei entfalten und ihr Spiel wählen dürfen.

K.Köhler: Wann beginnt die Zuordnung der Geschlechter?

A.Schnerring: Die Erwachsenenwelt fängt damit schon an, bevor das Kind auf die Welt gekommen ist. 80 Prozent der Eltern wollen vor der Geburt das Geschlecht wissen. Es gibt Studien darüber, dass Eltern ihr Verhalten prompt ändern, sobald sie wissen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten.

K.Köhler: Wie äußert sich das?

A.Schnerring: Es geht nicht nur um oberflächliche Dinge wie die Einrichtung in Rosa oder Hellblau und darum, dass Eltern anderes Spielzeug kaufen. Eltern sprechen zum Beispiel in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen. Zudem neigen sie dazu, die Verhaltensweisen des Babys im Bauch schon dem Rollenklischee entsprechend zu deuten: Sie sprechen von einem energischen Jungen, einem ruhigen Mädchen, so dass das Kind schon vor Geburt nicht mehr die ganze Bandbreite zur Wahl hat, sondern nur noch die eine Hälfte.

 

Ein Aspekt, der fehlt:

„Du bist doch kein Mädchen!“ zu einem weinenden Jungen gesagt, vermittelt diesem, dass es wohl irgendwie etwas Schreckliches sein muss, ein Mädchen zu sein. Jedenfalls etwas, das er um jeden Preis vermeiden muss. Also bloß nicht „wie ein Mädchen“ rüberkommen, es könnte ja zu Verwechslungen kommen. WAS DANN!?! In dem Zusammenhang ist es dann gar nicht mehr rätselhaft, warum es Jungs gibt, die zwar zuhause gerne mit Rosa malen oder mit Elsa spielen, das aber im Beisein von anderen Kindern oder Erwachsenen vermeiden. Denn wer will schon als „Iiiiiihh, Mädchen!“ rüberkommen. Was für eine Beleidigung! Was für eine Abwertung! Für den Jungen. Und noch viel mehr für seine Schwester oder die Mädchen, die zuhören!

Was deshalb rätselhaft bleibt: warum manche Frau, die sich vielleicht selbst als „Mädel“ bezeichnet, wenn sie sich mit ihren Freundinnen zum „Mädelsabend“ verabredet, so gar nichts dabei findet, einem kleinen Jungen diese negative Bewertung, die sie doch selbst, ganz persönlich betrifft, mit auf den Weg zu geben.

 

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*Aus juristischer Sicht ist „Mädchen“ schon heute ein Schimpfwort. Tatsächlich musste eine Frau, die einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als Mädchen bezeichnet hatte, 200 Euro Strafe bezahlen.

Artikel - Mädchen als Schimpfwort

 

Der PayGap beginnt im Kinderzimmer

Eine neue Studie zum PayGap beim Taschengeld

Jedes Jahr, wenn der Equal Pay Day begangen wird (der nächste liegt auf dem 18. März 17), beginnt sie von Neuem, die Diskussion um den Gender Pay Gap. Doch eine aktuelle Studie widerlegt erneut alle Argumente, die je nach Wetterlage mal lauter, mal leiser gegen den Lohnunterschied aufgrund des Geschlechts hervorgebracht werden und Initiativen den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Die fünf Beliebtesten noch einmal kurz zusammengefasst:

  1. „Aber es sind doch gar keine 21%, es sind doch „nur“ X* Prozent Unterschied!“ *beliebige Zahl 0<x<21
  2. „Frauen fallen nun mal wegen der Kinder länger aus, das liegt in der Natur der Sache.“
  3. „Frauen wählen häufiger Halbtagsstellen, soll das auch noch belohnt werden?“
  4. „Frauen wählen die falschen Jobs, selbst Schuld, wenn sie in Branchen einsteigen, in denen nun mal weniger verdient wird“
  5. „Frauen verhandeln eben schlechter!“

Zu 1) – Eigenartige Strategie, einen Missstand widerlegen zu wollen, als ob weniger Unterschied kein Unterschied und damit fair wäre. Und wenn der Unterschied nur bei 3% liegt, hat der Equal Pay Day doch trotzdem seine Berechtigung!

zu 2) + 3) – Frauen kümmern sich häufiger um Kinder, Kranke, Alte, Pflegebedürftige – soll das auch noch bestraft werden? (Wir verweisen dezent auf den Equal Care Day, eine der Hauptursachen für den PayGap.)

zu 4) – Stimmt nicht, auch in MINT-Berufen verdienen Frauen weniger als ihre Kollegen, in derselben Branche, in vergleichbarer Position. > Studie

zu 5) – stimmt nicht. Weder fragen sie seltener nach einer Gehaltserhöhung, noch verhandeln sie defensiver. > Studie

Mädchen bekommen weniger Taschengeld als Jungen

Wer weiterhin argumentiert, Frauen seien selbst Schuld, dass sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, möge einen Blick in die Kinderzimmer werfen. Schon hier gibt es den Gender Pay Gap: Mädchen bekommen im Durchschnitt weniger Taschengeld als Jungen.

Das zeigte schon eine Studie in 2009, auch in einzelnen Städten wurden Unterschiede belegt (z.B. in Frankfurt a.M.), und jetzt zeigt eine neue: bei den 16-25 Jährigen beträgt der Unterschied 19%. Jungen dieser Altersspanne in Deutschland haben im Durchschnitt 345 Euro zur Verfügung und Mädchen 291 Euro – für 44% ist das Taschengeld der größte Posten.

Keins der o.g. Argumente greift:

Eigenen Nachwuchs, um den sich gekümmert werden muss, gibt es bei Kindern noch nicht (auch bei den bis zu 25-Jährigen wohl eher die Ausnahme als Ursache für den Gap), auch keine zu pflegende Schwiegermutter. Am falschen Beruf kann es genauso wenig liegen, dass Mädchen weniger Taschengeld bekommen. Möchte jetzt noch jemand an Punkt 5 festhalten und den Gender Pay Gap damit begründen, dass Mädchen eben zu schlecht über die Höhe ihres Taschengelds verhandeln? Verlangen wir also wirklich von Mädchen, gefälligst selbst darum zu kämpfen, mehr Geld zu bekommen, damit Erwachsene keinen Unterschied machen, wenn sie Kindern den Umgang mit Geld vermitteln und ihnen eigenes zur Verfügung stellen?

Und es gibt eine weitere Erklärung, warum die Spanne über das Taschengeld hinaus noch größer wird, warum Jungen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben als Mädchen: Töchter müssen sich häufiger um jüngere Geschwister kümmern als Söhne. Jungen werden stattdessen mehr Jobs im Haushalt zugewiesen (z.B. Rasenmähen, Auto putzen) die den Erwachsenen offenbar Geld wert sind, ganz im Unterschied zum Wickeln, Schuhe binden, Zähne nachputzen, Brei löffeln. Womit wir wieder beim Equal Care Day wären…

 

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Der Artikel wurde zuerst am 19.9.16 auf www.equalcareday.de veröffentlicht

Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.

Autos sind für Söhne – Werbespots ohne Mädchen

Dass Frauen nicht einparken, nicht Autofahren können, ist so falsch wie die Witze darüber alt sind. Dass Frauen beim Autokauf mitentscheiden, ist dagegen Fakt. Frauen verdienen ihr eigenes Geld. Geben sie ihrem Mann die Kreditkarte und sagen: „Bärchi, kaufste uns ein Auto, egal welches, Hauptsache es ist rot“? – guess not. Sicher ist aber auch: sie geben weniger Geld dafür aus, da sie im Durchschnitt weniger verdienen.

374_BMW TVLiegt es also daran, dass sich mehr Werbespots für Autos an Männer richten? (Ich übersehe jetzt mal die unlustig-flotten Werbespots mit Frau in sommerlich kurzem Flatterkleid, die in ihren roten Cityflitzer steigt, in dem voll viel Platz ist für all die Einkäufe…)

Wenn Frauen in Werbespots auftreten, setzen sie sich meist auf den Beifahrerinnensitz. Mann führt ihnen ihr Auto vor. Mann stellt sich Auto als Frau vor. Frau findet sein Auto toll. Mann klaut Frau ihr Auto. Mann will das Auto der Tante erben. Mann, Mann … alle Varianten dagewesen. Mann im Fokus. Und zwar egal, welches Alter. Neben den Männern sind nämlich auch die kleinen Jungs im Fokus: Autoschlüssel werden immer an Söhne überreicht. Väter führen ihren Söhnen das neue Auto vor. Männer packen den Familienvan, in dem der Sohn schon sitzt. Väter leben ihren Söhnen vor, was ein richtiges Auto ist. Kleine Jungs bewundern die Autos der großen Männer. Und ungefähr mit 5, 8, 12 Jahren wissen sie, für welche Marke sie später ihr Geld lassen werden. Mädchen? Und Autos?? Pfff.

Kleine Sammlung gefällig?

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Ok, der mit Omas Auto ist anders. Das Auto ist zwar für den Sohn, aber die wirklich souveräne Autofahrerin in der Geschichte ist die Oma :)

 

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Letzter Platz:

Der Spot, der am tiefsten, ganz unten in der Rosa-Hellblau-Falle steckt, ist der hier: Klassentreffen unter Auto-Fans. Rückblick von drei Typen. Drei weiße, mittelalte Anzugtypen. Ihre Freundschaft, ihr Wettstreit, immer wieder die drei Jungs bzw. Männer im Bild. Und der Lehrer? Ein Mann. Der Schwimmtrainer? Ein Mann. Es war offenbar völlig abwegig für die MacherInnen, hier eine Frau mit in die Dreierriege zu nehmen. Schon klar, das ging ja nicht, wegen des symbolträchtigen Bilds der alten Freundschaft und so, sie machten denselben Sport, liebten dieselben Frauen (ja, da schwebt kurz eine durchs Bild). Haach, die guten alten Zeiten, echte Kumpels und so… bla! –  Frauen? Die Auto fahren? Nicht vorgesehen:

Doch, Töchter kommen ab und an vor in Auto-Werbespots, aber sie stehen nie im Zentrum der Geschichte. Den Autoschlüssel bekommt am Ende der Sohn. Bezeichnend, dass der einzige Spot, den ich finden konnte, in dem ein Mädchen vom beworbenen Auto träumt, sondern nur der Gewinner (2.Platz) eines Filmwettbewerbs:

So. Und jetzt steige ich aufs Fahrrad, Sohn und Töchter von der Schule abholen ;)

Und wer einen Spot entdeckt, in dem das Mädchen von Autorennen träumt, die Technik bewundert, die Tochter den Schlüssel bekommt – ich freue mich über Linktipps!

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down

 

Ach, Hermine!

Zur Zeit hören wir mit unseren Kindern die Harry Potter-Hörbücher und schauen die Filme dazu an. Immer im Wechsel. Na gut, bei so manchem Hörbuch setze ich aus, denn jeder Band hat weit über 10 CDs, manche über 20 – das schaffe ich nicht in dem Tempo, das die Kinder vorlegen. Nachdem die beiden jüngeren die letzte Woche über jeden Abend den CD-Player mit ins Bett genommen haben, sind wir heute beim vierten Film angelangt. FSK 12. Unsere Jüngste ist 10, viele ihrer Klassenkamerad*innen haben die Harry Potter Filme schon in der ersten Klasse gesehen. Unsere darf / möchte sie erst jetzt sehen, und jeden Teil erst dann, wenn sie davor das Hörbuch gehört hat, „dann weiß ich schon, was passiert, und dass es gut ausgeht“. Der erste Teil ist ab 6 Jahren freigegeben, die folgenden ab 12. Eine umstrittene Entscheidung. Bedenklich finde ich, dass offensichtlich jeder Teil noch um eine Stufe finsterer und brutaler wird, und wir sind, wie gesagt, erst bei Teil 4. Von wegen die Leser*innen wachsen mit, für die Filme geht Rowlings Konzept nicht auf, denn wer wartet schon nach dem ersten Film 4 Jahre, bis er/sie den zweiten sieht. Aber gut. Der Anlass für diesen Post ist ein anderer:

Die Schülerinnen und Schüler müssen für den bevorstehenden Yule-Ball üben, und in dem Zusammenhang sagt doch Minerva McGonagall tatsächlich:

„Inside every girl, a secret swan slumbers, longing to burst forth and take flight. […] Inside every boy a lordly lion prepared to prance.“

tränenlachend… Echt jetzt? Derartige Geschlechterrollenklischees im vielgelobten Harry Potter? Ich hoffe, im Buch bekommt McGonagall Gegenwind, aber im Film bleibt das so stehen. Immerhin Ron flüstert: „Something is about to burst out of Eloise Midgen, but I don’t think it’s a swan.“ Danach werden die Jungen aufgefordert, ein Mädchen für den Ball zu finden. Und manche unter ihnen verbringt die darauffolgende Zeit hoffend, kichernd, fürchtend, dass sie gefragt wird, bitte vom Richtigen bzw. überhaupt. Ein klasse Konzept. Es existiert auch weiterhin in unsrer Muggel-Welt in 2016, aber auf Hogwarts hätte ich es einfach nicht erwartet.

Ich bin keine Harry Potter Expertin, aber dass die Rolle der Hermine Granger eher untypisch ist, weil sie intelligent ist und etwas zu sagen hat, das hat mich auch schon außerhalb der Potter-Welt erreicht. Ich hatte es leise gehofft, da mir Emma Watson als Schauspielerin und als Botschafterin von UN Women, als feministische Sprecherin der He for She-Kampagne bekannter ist als in ihren Rollen. Umso sprachloser war ich, als ich den ersten Film sah; wegen der Kinder auf deutsch. Warum hat die Regie sich bei Hermine für eine dünne, keifende Sprechweise entschieden? Besserwisserisch? Geschenkt. Schnippisch? Na gut.

Aber im Lauf der Minuten fand ich sie immer nerviger und frage mich, ob das im Original auch so rüberkommt, so rüberkommen soll. Müssen Ron und Harry ständig die Augen verdrehen, wenn sie etwas erklärt? Ist wohl eine Regel für (Dreh-)Buchschreiber*innen : jeder Charakter braucht eine Schwäche. Hermine darf also zwar intelligent sein, muss aber die bücherliebende Streberin raushängen. Schade finde ich das. Auch wenn es natürlich viele, viele Geschichten gibt, mit mehr Kitsch, mehr Klischee, mehr traditioneller Rollenverteilung. Ja, im Vergleich zu vielen anderen Büchern und Filmen, die meine Kinder lesen und anschauen, mögen die Harry Potter Geschichten relativ sparsam mit rosa-hellblauen Stereotypen umgehen. Doch auch wenn sie nicht so plump daherkommen, wie die Buchreihen, von denen Verlage uns einreden, hier ginge es um „Mädchenförderung“,

 

…so finden sie sich eben doch an allen Ecken.

[Achtung im Folgenden ein paar kleinere Spoiler für Band 4, Harry Potter und der Feuerkelch]

Am auffälligsten scheint mir, wie wenige weibliche Rollen in den Filmen vorkommen. Ja, Hermine. Und ja, Minerva McGonagall. Und dann lange keine. Keine, die eine tragende, wiederkehrende Rolle spielt. Achso, ja Ginny Weasley, erst verliebt in Harry und später dann Opfer von Tom Riddles Tagebuchzauber. Oder Mutter Weasley, die den Kindern Pullover strickt und laut keifende Schimpfnachrichten, Heuler verschickt? Ab und an verliert eine Lehrerin ein paar Worte, dann Madame Pomfrey, die Krankenschwester – der CareGap lässt grüßen. Naja, und dann Teil 4, als zwei weitere Zauberschulen nach Hogwarts zu Besuch kommen. Die einen sind grimmig dreinblickende Soldatenähnliche, Igor Karkaroff ihr Schulleiter. Echte Männer eben, gefährlich und bereit zum Kampf. Purer Zufall, dass sie an Hollywoodfilme mit Kampfszenen zwischen US-Amerikanern und Russen erinnern. Und dann kommen sie, auf weißen, fliegenden Pferden angereist, die schönen, schlanken, „lovely Ladys of Beauxbatons Academy of Magic“:

Und weil’s so schön war, die Stelle, die mir so besonders gut gefiel, hier gleich nochmal im Detail:

Spätestens an dieser Stelle bereue ich, nicht doch erst das Buch gelesen oder das Hörbuch gehört zu haben. Dass aufgrund der Länge viele Szenen und viele Aspekte im Film ausgelassen werden müssen, ist klar, aber wie sehr der Zwang, alles bebildern zu müssen doch dazu führt, dass Charaktere in eine Richtung gezerrt werden, die das Buch gar nicht vorgibt, finde ich frustrierend. Und sehr häufig ist die Folge, dass weibliche Charaktere mehr als im Buch vorgesehen einem langhaarigen, schlanken, Model-Ideal entsprechen, wohingegen die männlichen Rollen sehr viel mehr Entschlossenheit, Coolness und klischeehafte Männlichkeit vor sich hertragen, als die Geschichte im Ursprung vorsieht. Auch Fleur Delacour, die Auserwählte unter den französischen Schülerinnen im 4.Teil, kommt im Film sehr viel schlechter weg als im Buch. Sie bleibt sehr blass, hat wenige Auftritte, nichts zu sagen, und wenn, dann macht sie sich Sorgen um die Schwierigkeit der Aufgaben oder weint um ihre Schwester.

Nimmt man alle 8 Harry Potter-Filme zusammen, kommt man auf 18,5 Stunden Bilderflut. Die Hörbücher haben eine Spielzeit von knapp 137 Stunden. Meine Kinder schauen sich Filme ja gerne auch ein zweites und drittes Mal an, und das heißt nach Ada Lovelace, dass sie eben auch die Filmklischees mehrmals auf sich wirken lassen. Da scheint mir mein Reden gegen die stereotypen Bilder und Aussagen, die oft so beiläufig reproduziert werden, ganz schön hilflos. Beim Gute Nacht-Sagen fragte meine Tochter, ob wir uns nächste Woche gleich Teil5 aus der Bücherei holen, und wir unterhielten uns noch ein bisschen über den Feuerkelch: „Wohin haben die Wurzeln sie denn gezogen?“, „Dann saß der also die ganze Zeit in der Kiste?“, „Aber warum hat der andere denn dann Harry geholfen?“. Natürlich hatte sie keine Fragen zur Tanzsszene mit McGonagall, keine zum Po-Wackel-Auftritt der Beauxbatons, keine zu Hermine, die auf alles eine Antwort weiß. Die Momente, in denen Frauen/Männern stereotypes Verhalten zugewiesen wird, fließen einfach so ein in ihr Unterbewusstsein. Also erzähle ich ihr noch ein bisschen von meinem Tanzkurs, und dass das natürlich gar nicht stimmt, dass Mädchen nicht tanzen dürfen, wenn kein Junge sie fragt… und lasse es dann auch gleich wieder bleiben. Die Aussagen eines Films zurechtrücken? Den eindrücklichen Bildern auf der Bettkante sitzend widersprechen? – Viel Erfolg damit! ¯\_(ツ)_/¯

 

#rausausderfalle

Twittergewitter

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Der Austausch über Geschlechterrollenklischees im Alltag von Kindern kann ganz lustig sein, hinterlässt uns aber auch oft sehr ratlos. Zum Beispiel dann, wenn Erwachsene überzeugt sind, Kinder hätten doch die freie Wahl, wir sollten es mal nicht übertreiben mit unserer Arbeit, schließlich gäbe es Wichtigeres… . Twitter ist eine prima Quelle für Kommentare, die diese Haltung, veranschaulichen, und gleichzeitig bekommen wir dort auch sehr viel Rückhalt und Zustimmung von Gleichgesinnten.

So haben wir im letzten Jahr hier auf diesem Blog einige Tweet-Sammlungen veröffentlicht: rosa-hellblaue Twittergewitter. Das letzte liegt einige Monate zurück, höchste Zeit also für ein neues, nur dieses Mal andersherum: Eine optimistische Sammlung in Sachen #rausausderfalle! :) Los geht’s:

 

 


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Wer weiter lesen möchte: Mehr Optimismus sammeln wir auf unsrem Tumblr-Blog

Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle

Die Schubladen der anderen?

Im Gespräch über Jungs, die gern mit rosa Stiften malen, gerne rosa T-Shirts tragen und für Elsa schwärmen, meinte eine Mutter: „Mein Sohn darf im Geschäft durchaus die pinken Schuhe anziehen und mal darin herum laufen, aber ich kaufe sie ihm nicht“. Zugleich ist sie überzeugt, ihren Kindern keine Rollenklischees aufzuzwingen, sie hätten schließlich die freie Wahl. Für ihren Sohn keine rosafarbenen Schuhe zu kaufen, sieht sie als Teil ihrer Aufgabe als Mutter.

Ich möchte einschieben, dass ich die Entscheidung gegen Rosa legitim finde, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut. Die zitierte Mutter sieht das anders:

Ihr Sohn bekommt keine pinken Schuhe, weil er Junge ist. Als Mutter sorge sie dafür, dass er „vernünftig“ gekleidet ist. Und sie müsse abwägen, ob sie ihrem Kind zutraue, mit den Hänseleien der anderen Kinder umzugehen, denn er sei sich dessen ja vermutlich nicht bewusst. Die Schuhe einfach zu kaufen und ihn damit auf die Straße zu schicken, würde für sie bedeuten, ihn „ins offene Messer laufen zu lassen“.

Bis hierher sachliche Nacherzählung. Jetzt meinen Ärger hinterher:

Wie wär’s, wenn die anderen damit klar kommen müssen!?


Das macht man nicht? Das gehört sich nicht? Was denken da die Nachbarn?

Nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, muss lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (und Eltern) müssen lernen, damit klarzukommen, dass „anders“ nicht gleich „falsch“ ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem „richtigen“ Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.

Es sind nicht nur Farben! Guten Morgen!

Dem Kind schon zuhause etwas zu verbieten, von dem ich in vorauseilendem Gehorsam annehme, es könne die anderen zu Sticheleien, Kritik und … ja was? Beleidigungen herausfordern? Damit mache ich mir doch schon im Voraus das Klischeedenken zu eigen, das ich anderen unterstelle. Und den Schuh, sorry, den ziehe ich mir nicht an!

 

ähnlicher Post: Ich bin pessimistisch

Und mich treibt ja noch die Frage um, was genau mit „vernünftig gekleidet“ gemeint sein könnte, wenn es nicht um Minusgrade oder Sonnenbrand geht. Gibt’s darauf eine Antwort ohne Stereotype?