Archive | Tagebuch RSS feed for this section

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

.

 

Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

Bildschirmfoto 2015-03-05 um 14.07.08

Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

.

Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

———

Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Rollenklischees „für Väter und ihre Söhne“

Über die Seite und Tweets von @ichkaufdasnicht bin ich auf dieses tolle Produkt des Kosmos Verlages gestoßen:

„Der einzig wahre Chemie-Experimentierkasten für Väter und ihre Söhne“

Experimentierkasten-kosmos

Da gibt es an sich nichts groß darüber zu schreiben, reiht der sich doch ein in die Liste der Produkte, die gerade zunehmend auf den Markt geschmissen werden und Geschlechtertrennung betreiben, dass einem schwindlig wird, denn Gendermarketing ist offenbar der aktuelle Hit unter den Werber*innen: Klebestifte in rosa, extra für Mädchen. Schnuller in rosa für die „Drama Queen“ und das Pendant dazu für den „Bad Boy“ in Schwarz.

Feentraum-Tee in Rosa, Monster-Alarm-Tee in grün. Eine Spiele-App zum Beine Rasieren und Schnittwunden pflegen. Und eben habe ich noch einen Tweet über eine Kochzeitschrift gelesen, die sich Mutti nennt, darin ein Rezept für „Das Männerbaguette“: Nach Logik des Gendermarketing verkündet der Name einen Belag mit FLaAaaaiSCH! (- mein völlig sachlicher Artikel zu dem Thema ist in Vorbereitung fertig –> *klick*).

Aber erst jetzt sind die Dominosteine in meinem Kopf alle gefallen und mir fällt auf: Experimentierkästen von Kosmos? Das ist der Verlag, mit dem wir ein Interview über ‚Gendermarketing‘ gemacht haben. Unsere beiden Gesprächspartnerinnen des Verlags waren ganz begeistert von diesem Thema (damals ging es noch um eine Radiosendung) und freuten sich, dass daraus sogar ein Buch werden soll. Als das Manuskript der „Rosa-Hellblau-Falle“ dann vorlag, haben sie das Interview zurückgezogen. Sie sahen sich in der abgetippten Version nicht getroffen, so verkürzt wirke das banal und altbacken. Dem konnten wir nicht widersprechen.

Anlass für das Gespräch war eigentlich die Buchreihe „Die drei Ausrufezeichen“, Detektivbücher für Mädchen mit Titeln wie ‚Betrug beim Casting‘, ‚Gefährlicher Chat‘, ‚Gefahr im Fitness-Studio‘,

Foto: kosmos

Foto: kosmos

‚Popstar in Not‘, Gefahr im Reitstall‘, ‚Duell der Topmodels‘. Wir wollten wissen, warum es eine rosa Antwort brauchte auf „Die drei Fragezeichen“, eine Buchreihe mit langer Geschichte und großem Erfolg, in der die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews das Rätsel des Superpapageis, des Karpatenhunds oder des Phantomsees lösen. Und obwohl die Cover schwarz und nicht rosa waren, die drei Fragezeichen darauf keine Gesichter hatten, und obwohl es um drei Jungs ging, besaß ich als Kind einige Bände davon, die anderen holte ich mir aus der Bücherei. Heute stehen sie im Buchregal meiner eigenen Kinder, und ich kann nichts Positives daran erkennen, dass sie nun plötzlich als Jungsbücher gelten sollen.

Wo Bob, Peter und Justus als kluge Experten knifflige Fälle lösten – natürlich, beim Bechdel-Test sind sie durchgefallen, aber warum agieren stattdessen in den Geschichten mit den drei Ausrufezeichen keine taffen Frauen, sondern Mädchen, die Aerobic-Stunden nehmen, sich über Pferde und Schminke unterhalten und sich für ältere Jungs interessieren? Brüder, Väter und Kriminalkommissare springen ein, wenn die Drei mal Hilfe brauchen. Aber gut, lassen wir das mal so stehen, denn das Interview wurde ja zurückgezogen, also landen die Zitate in der Tonne, die verraten, dass Mädchen sich nun mal dafür interessieren und der Verlag ja nichts verstärkt, sondern die Leserinnen nur bei ihren Interessen abholt.

Das darf ich hier schreiben, denn auf diese Antwort hat der Kosmosverlag keinen Alleinanspruch, das sagen nämlich alle, die auf Gendermarketing setzen oder es rechtfertigen: Die Frauen/Männer, die Mädchen/Jungen „bei ihren Grundbedürfnissen abholen“. Als ob es ein Rosa-Gen gäbe, und eins für Pferdeinteressen (uuups, ich selbst habe wohl einen Gendefekt, was ein Glück!) und noch eins fürs Schminken… Und nein, niemand, den wir dazu befragt haben, kein Unternehmen hält sich für einflussreich genug, um Stereotype festzuschreiben. Nach dem Motto ‚Die anderen machen das ja auch‘. Das sagen meine Kinder auch immer, wenn sie verhindern wollen, für den letzten Unsinn alleine zur Verantwortung herangezogen zu werden.

Das Gespräch war trotzdem sehr erhellend, und die Informationen über die Vermarktung von Büchern und Experimentierkästen konnten wir für unser Buch trotzdem verwenden. Zum Beispiel, dass auf Produkten, die sich an Mädchen und Jungen richten, entweder beide Geschlechter abgebildet werden oder aber sicherheitshalber nur Jungs. Dagegen funktioniere ein Experimentierkasten, der für alle Kinder gedacht ist, nicht, wenn darauf nur Mädchen abgebildet sind. Die können sich zwar mit Jungs identifizieren, aber andersherum sagen dann die Jungs ‚Iiih, da ist ja ein Mädchen drauf, das will ich nicht haben‘. Eltern und Großeltern haben sich dann sowieso schon dagegen entschieden. Soviel zum Thema Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Kein Wunder, dass „Du Mädchen“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen ist. Aber da geht’s ja nuuur darum, dass sich Kinder eben vom anderen Geschlecht abgrenzen, das sei ganz normal in dem Alter. Ja, von wegen. Das kann als Argument erst gelten, wenn auch „Du Junge“ zum Schimpfwort taugt, tut es aber nicht.

Abgrenzung bedeutet immer auch Gleichmacherei dies und jenseits der willkürlich gesetzten Grenze. DIE Mädchen im allgemeinen mögen nun mal…, Und Jungs sind eben meistens…  – so so! Erwachsene, die Spielzeug herstellen, bewerben und verkaufen, sollten Kindern helfen, sie zu überwinden, ihre Wertung zu hinterfragen. Stattdessen sorgen die Befürworter*innen des Gendermarketing immer schön weiter dafür, dass Mädchen und Jungen in ihren Schubladen bleiben und sich vom anderen Geschlecht abgrenzen. Warum? Weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Seit es die Drei Ausrufezeichen gibt, sind die Verkaufszahlen beim Verlag insgesamt gestiegen.

Immerhin finde ich den Kasten ‚für Väter und ihre Söhne‘ nicht mehr auf den Kosmosseiten. Die letzten verbleibenden Exemplare werden noch in ein paar Läden verramscht, und das geschieht ihnen ganz recht.

 

 

Din 824C – Falten, aber richtig

Einladung zum Radiohören! Auf SWR2 am 6. Juli um 14:05 – 15 Uhr

Read More…

Sexistische Werbung – wer definiert die Grenzen?

„Sexismus ist nicht zwangsläufig nackt.“

(@JakobTheresa)

 

„Außenwerbung trifft! Jeden. Auf Straßen und Plätzen der Städte, entlang der Autobahnen, an Bahnhöfen, auf Flughäfen sowie im Linien-, Nah- und Fernverkehr steht sie im permanenten Kontakt mit der Bevölkerung. Immer, überall, 24 Stunden an jedem Tag des Jahres, unausweichlich, unübersehbar.“ 

–   So wirbt der Fachverband Außenwerbung e.V. für sich selbst und es klingt wie eine Drohung. Tatsächlich ist es eine, denn die Zeilen macht klar: wir haben keine Chance, der Werbung und ihren überzogenen, angeblich ironischen, klischeehaften Botschaften zu entgehen. Der Fachverband Außenwerbung verstellt uns mit seinen bunten Plakaten über Monate hinweg den Weg: es sind die Bilder von  Models, die mit buntem Puder beschossen, also mit Werbung überschüttet wurden. Der Fachverband Außenwerbung hält uns seine Drohung direkt unter die Nase: Plakate, digitale Bildschirme, Riesenposter, LED-Wände an zehntausenden von hochfrequentierten Stellen im öffentlichen Raum. Werbung für Werbung, die uns zeigt, wer die Macht hat, und wie mit dieser Macht umgegangen wird.

Nun soll es in Berlin-Friedrichshain auf bezirkseigenen Flächen (es geht nur um 4! Wände ) keine sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung mehr geben. Doch weil das geplante Verbot eine Debatte auslöste gibt es jetzt einen Änderungsantrag: Erst werden Plakate gehängt, und wenn es Beschwerden gibt, werden sie überprüft – wie das ablaufen soll, bleibt noch offen. Ich finde Susanne Hellmuths Antwort (Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Queer der BVV Friedrichshain-Kreuzberg) auf Harald Martensteins Beitrag eigentlich deutlich und verständlich genug, sie legt dar, was sie unter diskriminierender Werbung versteht und was nicht, aber die Kommentare darunter zeigen, dass es noch lange keine Einigung geben wird in der Diskussion darum, ob Werbung eigentlich alles darf. Es gibt offenbar keine einheitlichen und schon gar keine für alle nachvollziehbaren Kriterien dafür, wo die Grenzen sexistischer Werbung liegen, und deshalb ist es auch eine schwierige Entscheidung, wer diese Grenzen definieren und setzen darf. Ist es das?

Ich stimme Silke Burmester zu, die froh ist „dass man nicht Frauen fragt, ob Werbung sexistisch ist. Die haben so viel Nagellack im Kopf, Fiat 500 und Milchschaum, die sind so damit beschäftigt, ihre Brüste hochzuschnüren, die können das einfach nicht beurteilen.“ Da schließt sich der Kreis bis hin zum Gender Pay Gap, denn rechnen können sie ja auch nicht.

Im Deutschen Werberat sitzen deshalb überwiegend Männer, erst vor kurzem wurden drei Frauen zusätzlich berufen. So ein Zufall aber auch. Ich kann mir gut vorstellen, wie die zukünftige Argumentationsstrategie des Werberats lauten wird, in etwa so: „Wir haben auch Frauen im Gremium, die kein Problem mit dem von Ihnen kritisierten Werbeplakat haben, da kann es so sexistisch ja nicht sein.“ Auf dieser Schiene argumentierte auch die ARD damals mit ihrem sexistischen Knetmännchen-Spot, bei dessen Produktion auch Frauen beteiligt waren. Doch das ist ein Trugschluss. Nur weil auch viele Frauen sexistische Werbung nicht als solche erkennen, einen Spot lustig-subversiv und ach so ironisch-spaßig finden, ist er deshalb nicht weniger sexistisch. Das läuft nämlich auf derselben Argumentationsschiene, die auch Bushido nutzt: „Ich bin selbst Ausländer, ich kann also kein Rassist sein.“ Von wegen.

Der österreichische Werberat hat klare Kriterien für sexistische Werbung und schreibt: „Die Werbung vermittelt uns Schönheitsideale, Körperbilder, Lebensstile und treibt Menschen zu maßlosen Diätkuren, chirurgischen Eingriffen, lässt sie zu Anabolika und Stereoiden greifen und erhebt die heterosexuelle Mann-Frau-Beziehung zur gesellschaftlichen Norm.“ Dass das so ist, dazu gibt es genug Untersuchungen, die belegen, dass die subjektive Überzeugung, Werbung zu durchschauen, ihr widerstehen zu können nach dem Motto „Also ICH? Nein! Ich lasse mich nicht von Werbung beeinflussen“ schlicht falsch ist.

„Werbung ist wie Fußball: Jeder ist ein Experte und weiß genau, wann, wie und wo sie wirkt. Oder auch, wann sie absolut unwirksam ist: nämlich bei einem selbst. Werbung wirkt immer nur bei den anderen, bei den Doofen. Man selbst ist absolut unbeeinflussbar. Glaubt man wenigstens.
Dabei wissen selbst Experten viel weniger darüber, wie Werbung wirkt oder – schlimmer noch – ob sie überhaupt wirkt. Sie behaupten das nur. In Wahrheit haben sie wenig oder gar keine Ahnung. Die meisten Fragen zur Werbewirkung sind völlig ungeklärt. Doch die Werber in den Agenturen und die Forscher in den Markt- und Mediainstituten erzählen ihren Kunden das Blaue vom Himmel herunter, um ihnen weiszumachen, dass sie alle Werbewirkung bestens im Griff haben. Den Teufel haben sie.“  Wolfgang Koschnick in einem Artikel auf konsumpf.de

Manchmal braucht es keine Argumente in Worten. Dieses Video zeigt, dass dieses „Den Teufel haben sie“ der Realität entspricht:

Doch die Gegner jeder Diskussion, in der es darum geht, sexistische Werbung zu verhindern, schreiben „Zensur!“, „Kontrolle!“ und behaupten, unsere Wirtschaft brauche (wirklich diese Art?) Werbung, sie pochen auf das Recht auf freie Meinungsäußerung. Warum sind viele an dieser Stelle so großzügig und vertreten die Haltung „Man wird es wohl noch sagen dürfen“. Das ist auch Sarrazins und vieler Leute Argument, wenn es darum geht, Unterstellungen, Meinungsmache und Manipulation in die Öfffentlichkeit zu schütten, ohne sich im Anschluss um eine fachgerechte Entsorgung zu kümmern. Die Folgekosten und -schäden sind enorm.

wo

 

Nachtrag:

Hier habe ich eben einen Tweet bekommen, der dieses dolle Phänomen des „Sexismus in Kleidern“ nochmal im Bild vorführt: die ärmellosen Girls  im linken Grüppchen, die Experten auf der rechten Seite gruppiert. Botschaft: Menschen können nur das eine oder das andere sein, Girl oder Expert, Lippenstift oder Krawatte. Und natürlich (pffff) hängt alles davon ob, welches Geschlecht du hast. Echt jetzt?

Geschlechterdifferenz auf dem Klo des Deutschlandfunk

 

Für ein Interview über unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ war ich heute im Deutschlandfunk. Es war ein Live-Gespräch mit Radio Bremen, dorthin wurde ich vom Studio aus verbunden und hatte 4 Minuten Zeit zu erklären, was wir auf 250 Seiten über Rollenklischees und Geschlechtergerechtigkeit geschrieben haben. Hans-Heinrich Obuch hat mir den Klappentext meines Buches vorgelesen, um dann ein Fragezeichen anzuhängen: Ist ihr Buch ein Aufruf zum Widerstand?

Interview anhören

Interview anhören

Das war so weit ganz ok, ich bin trotz Adrenalin einigermaßen flüssig los geworden, was mir dazu wichtig ist, noch war ja Zeit. Und dann kam schon bald die Frage, die ein gefühltes Minuten-Sendeloch nach sich zog, schade um jede Sekunde: „Wenn die Schubladen nicht immer wieder bedient würden, wäre das dann die heile Welt?“ Heile Welt? Die Utopie? Was wollte er wissen, wo führte das hin? Wollte er damit behaupten, sich als Erwachsene Gedanken über Geschlechterdifferenzen zu machen, um sie nicht an die nächste Generation weiterzugeben, sei belanglos im Verhältnis zur Weltwirtschaftskrise oder der Situation der Krim? Wie erkläre ich in 4 Minuten, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Hobby ist, das ich mir aus dem Angebot von Italienischkurs, Yoga und Laienchor ausgesucht habe? Wie zwischen Nachrichten und dem nächsten Musiktitel kurz mal darlegen, dass es bei Rosa und Hellblau nicht um die Wahl einer Lieblingsfarbe geht, sondern dass Machtverhältnisse, Hierarchien, Einschränkungen damit verbunden sind und dass Interessen, Neigungen, Lebensläufe grundlegend davon beeinflusst sind?

Wie in jedem Interview bedauere ich nicht das, was ich geantwortet habe, sondern das, was ich nicht gesagt habe. Auf dem Weg zum Ausgang kam ich mal wieder an den ausführlich beschrifteten Toilettentüren des Deutschlandfunk vorbei, vielleicht hätte ich diese Infos dort in meine Antwort mit einbeziehen sollen. Denn vor allem der mittlere Teil ist ja der springende Punkt, den wir zwischen Topmodel-Serien, Transformer-Filmen, Prinzessinnen-Partys und Monster-Fighern und letztlich auch in der Diskussion um Putin und die Krim so leicht vergessen:

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

 

Das Pendant ist zwar kürzer, sagt in einem Satz aber dasselbe zum Thema „Wesensdefinition“.

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Der Vollständigkeit halber hier auch im Bild:

 

 

 

 

 

 

 

Bechdel-Test und Smurfette-Prinzip

Emanzipation? Gleichberechtigung? Ach, da sind wir doch heute schon so viel weiter, oder nicht? Mädchen/Frauen können und dürfen doch heute im Prinzip in alle Bereiche, die früher nur Männern vorbehalten waren. Und das bisschen Gender Pay Gap…

Wirklich?

Es beginnt im Kleinen:

Nachdem ich gestern Abend eine ganze Reihe von Trailern der letzten Filmstarts im Internet angesehen habe, und keiner dabei war, der den Bechdel-Test bestanden hat, möchte ich ihn hier noch einmal vorstellen, in der Hoffnung, dass er sich weiter verbreitet und irgendwann auch die erreicht, die Drehbücher schreiben und Filme produzieren, die Serien einkaufen und Filme weiterempfehlen.

Der Bechdel-Test ist benannt nach der Cartoonistin Alison Bechdel; er taucht in ihrem Comicstrip ‚Dykes to Watch Out For‚ auf. Er belegt, dass Frauen in der Mehrzahl der Filme stereotype Nebenrollen besetzen und es kaum Filme mit starken Frauencharakteren gibt.

Er besteht aus nur drei Fragen:

1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen ?

2. Sprechen die Frauen miteinander ?

3. Sprechen sie miteinander über etwas anderes als Männer ?

Vielleicht ist es nicht von selbst verständlich, deshalb betone ich: es geht hier um jede Art Film, für die wir uns Kinotickets kaufen, die wir im Fernsehen sehen, die wir im Internet gucken, oder vor die wir unsere Kinder setzen.

Und wenn jetzt eine/r sagt: Ja, aber beim Film ‚Hanni & Nanni‘ ist das doch anders, oder was ist denn mit Dem HighSchool-College-Freche Mädchen-Internat-WildeHühner-Film? – dann ist das keine gute Ausnahme von der Regel. Denn alles, was rosa verpackt ist und das Label ‚extra für Mädchen‘ trägt, ist doch wieder nur die Abweichung von der Norm: Es gibt deshalb Fußball und Frauenfußball, Zigaretten und Zigaretten extra für Frauen, es gibt Parkplätze und Frauenparkplätze, Werzeugkästen und extra pinkfarbene Tussi-Kästen, Ü-Eier und Ü-Eier extra mit rosa Mädchenköpfchen… – und solange es all diese Sondervarianten gibt, stimmt was nicht. Mehr noch: solange es für Jungen bzw. Männer verdächtig, wenn nicht peinlich ist, die rosa Variante zu mögen, stimmt noch viel weniger nicht! Aber das ist nochmal ein größeres Thema und braucht bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Der Zusammenhang mit dem Smurfette-Prinzip ist also offensichtlich; Katha Pollitt schrieb 1991 in der New York Times darüber, und seither ist es nicht besser geworden: In vielen Filme gibt es nur eine weibliche Rolle in einer ganzen Reihe von männlichen Darstellern. Wie bei den Schlümpfen oder den Muppets gibt es in der Gruupe der männlichen Figuren verschiedene Typen und Charaktere: den Sportlichen, den Schusseligen, den Cleveren, den Starken etc…. Und zur Vervollständigung der Truppe braucht es noch die Ausnahme: die weibliche Variante, die Abweichung von der Norm. Ausführlicher im Video von Anita Sarkeesian.

Mit diesem Test, dem Bechdel-Test, ist also noch nicht gesagt, dass der Film keine stereotypen Rollenklischees weiterverbreitet, es geht nur um einen ersten Test, ob Frauen überhaupt eine Rolle spielen. Und leider bestehen den nur sehr wenige Filme. Es genügt eine beliebige Trailerseite aufzurufen.

Ich war auf filmtrailer.com und durch meinen Schnelltest am 17.März fällt durch:

  • Rio 2 – Dschungelfieber: Ein Vogel auf Reisen, juhuu, es ist ein Junge.
  • Need for Speed: Wettrennen mit schnellen Autos à la James Dean ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘, wenig Unterschied in der Frauenrandrolle, nur tragen die Frauen in Need for Speed keine Pettycoats.
  • Devil’s Due
  • Doktorspiele:  Ach, keine Frau in der Hauptrolle? Bei dem Titel?
  • Spiderman – no comment
  • Dom Hemingway
  • Non-Stop
  • Endless Love
  • Snowspiercer
  • Antboy
  • Die Schadenfreundinnen – hier habe ich dann aufgehört. Viele, viele Frauen kommen darin vor, sie reden auch miteinander, aber alles dreht sich um einen Mann, viel mehr Thema haben sie nicht. typisch.

Eine Ausnahme könnte ‚Die Bücherdiebin‘ sein. Ich habe den Film nicht gesehen, die Hauptrolle spielt ein Mädchen im Dritten Reich. Im Trailer kommen sonst allerdings nur Männer vor. Spricht sie auch mal mit einer anderen Frau über etwas anderes als den Mann, den die Familie versteckt hält?

Anita Sarkeesian hat für ihr Video eine ganze Reihe von Filmen diesem Test unterzogen, das Ergebnis macht sprachlos:

 

Es gibt ein paar Ausnahmen, Filme, die durchfallen wie z.B. Gravity, weil hier nur eine Frau mitspielt, die trotzdem eine starke Rolle abbekommen hat. Aber hey, dass sie in Unterwäsche durchs Shuttle schwebt, das musste offenbar trotzdem sein.

Welche Filme gibt es denn, die den Test bestehen? Und ich meine nicht ‚Blau ist eine warme Farbe‘, auch keinen Indipendent, Kurzfilm oder sonst wie Außer-der-Reihe-Film, sondern die Kategorie, die es in meiner Stadtteilbücherei zu leihen gibt, die als Familienfilme vor Weihnachten beworben werden o.ä.

Ich wäre dankbar für eine Titelsammlung – gibt’s die schon irgendwo?

 

 

Abschied nehmen von den Dingen…

… von der Not und der Kunst sich zu verkleinern.

Read More…

Mit Rosa assoziiere ich Zucker, niedlich, süß …

… und klein. Denn Rosa und groß ist ein Widerspruch, den gibt’s nur bei Cindy aus Marzahn. Rosa ist zerbrechlich, dünnhäutig, zart.

Ballettkleidung ist blassrosa, die Tänzerinnen sind grazil und werden über die Bühne getragen. Die starke Muskelarbeit, die notwendig ist, damit das überhaupt so federleicht aussehen kann, die bleibt geheim, das ist nicht Teil der Vorführung fürs Publikum.  Dazu passen Bonbons und kleine Blümchen, Zuckerwatte und Feenflügel. Flamingos sind rosa – klar, bei diesen langen, dünnen Beinen! Unter den hunderttausenden von Paaren eines Flamingschwarms gibt es übrigens etliche schwule Paare, die sich der verirrten und verwaisten Jungtiere annehmen, aber rosa sind sie alle! Ach, und Schweine sind auch rosa. Komisch, oder?

Flamingos

Foto: szeke via photopin cc

Ich wünschte, rosa wäre ein Farbe für alle, aber rosa ist eine „Mädchenfarbe„, das lernen Kinder von Geburt an, und spätestens im Kindergarten erklären die Mädchen es den Jungs, die meinen, sie dürften auch. Von wegen! Ich wünschte, rosa wäre eine Farbe für alle und würde für Stärke stehen, für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Dann gäbe es keine Kommentare, wenn auch Jungs rosa Spielzeug wählen oder ein Prinzessinnenkleid anziehen wollen. Doch das ist tabu. Rosa ruft: nimm mich, besitze mich! Und das passt nicht zu Jungs, die sollen selber Besitzer werden. Eines tollen Autos zum Beispiel. Sie sollen einen tollen Job haben, ein Haus, ein Boot, eine Frau – am besten in rosa. Deshalb macht sich der kleine Mann in Rosatönen zum Außenseiter. Der große auch. Rosa Hemd ist nur für manche Berufsgruppen akzeptiert, seeehr blass darf es unter Anzügen getragen werden, sonst gehört es in die Ecke der Schauspieler, Sänger … Künstler eben, wer weiß, was die sonst noch so Verrücktes treiben, diese Flamingos der Popkultur. Für alle anderen geht es grade noch als sportliches Freizeitshirt durch, aber das war’s dann auch schon. Der „Pink Poodle„-Schuh ist deshalb eine extravagante Ausnahme: ein puscheliger Schnürschuh in weiß und rosa, vorne drauf ein rosa Pudel-Kopf mit dunkler Sonnenbrille, aufgelistet unter den Herren-Schuhen.

Mit Rosa, Pink und Glitzer in der Berufswelt assoziiere ich nicht Vorstandsetage oder Aufsichtsrat sondern Nagelstudio und Friseursalon, Bonbongeschäft und Assistenz. Alles nur Vorurteile? Wer kümmert sich eigentlich bei Mattel um das Design, die Kleider und Ausstattung der neuen (rosa) Barbie? Ein Mann? Eine Frau? Ein Flamingo? Jemand mit Verantwortung jedenfalls. Also Verantwortung für die Mitarbeiter*innen versteht sich. Die Verantwortung für die Kinder unter den Kundinnen und Kunden kann man darüber schon mal vergessen. Deshalb gibt es unter den Barbies 2013 auch die Reihe ‚Fashionistas‚ mit der tausendsten rosa Handtasche, rosa Schleife um den Hals, rosa Pumps und rosa Glitzerkleid – eine heißt Cutie (kein Scherz!), die nächste Sweetie – wie süüüß!!!

– Dasselbe sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind aus den Decken eines Kinderwagens auftaucht und lustige Laute ausprobiert. „Ach, wie süß!“ bekommen unter Fünfjährige häufiger zu hören als jede andere Altersgruppe. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb sehe ich keinen Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchenchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen die Mädchen mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige dreijährige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen. Und andersherum gehen die Stimmen beim Jungen, der in rosa gekleidet für ein Mädchen gehalten wird, nach oben (sog. Baby-X-Experimente). Und sobald Eltern das Geschlecht des Ungeborenen erfahren, ändert sich ihr Verhalten:

„Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der man mit dem Baby im Bauch spricht, orientiert sich daran, ob es eine ’sie‘, ein ‚er‘ oder eben noch ein ‚es‘ ist.“

sagt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“ Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg –  Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!

Doch dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, weißen Kleidchen, bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge –  für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. Spielzeugherstellern gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsene ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel.

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Ich hoffe sehr, wir finden eine bessere Lösung für die Zukunft als einfach nur die Schubladen zu tauschen!

 

 

 

„Nähen ist kacke“! – Wie lassen sich Kindergeburtstage für Mädchen UND Jungen organisieren?

Geburtstags-Schiffkuchen
Kay wollte dieses Jahr zuhause Geburtstag feiern, und das nehme ich mal als Kompliment. Denn jede Elternschatzsuche, jeder Kindergeburtstag zuhause steht ja in harter Konkurrenz zu Bowling-Bahn-Einladungen, Piratenland, Indoor-Spielplätzen, Schlittschuhbahnen, Erlebnisschwimmbädern, Ausflügen mit Lama-Führung, Hochseilgarten und Geburtstagen in der Schmuckwerkstatt. Wie konnten sich Kindergeburtstage in den letzten dreißig Jahren zu derartigen Eventveranstaltungen mit langer Vorbereitungszeit entwickeln?

Meine eigenen Kindergeburtstage fanden alle zuhause statt. Und auch die bei Freund*innen waren immer eine prima Gelegenheit, die Wohnungen und Kinderzimmer der anderen zu erkunden. Manche hatten sogar einen Hobbyraum. Irgendwo habe ich noch ein 70er Jahre-Foto, auf dem ich mit einem Schulfreund an der ‚Bar‘ stehe. Die Bar ist ein abgeschabter Kellertisch, dahinter steht Frank, der Apfelsaft ausschenkt, davor lehnen zwei Neunjährige in bunt gestrickten Pullundern, die mit weißen, dünnen Plastikbechern anstoßen. Natürlich längst nicht so kreativ wie Töpfern im Künstleratelier und dann auch noch höchst bedenklich im Hinblick auf späteren Alkoholgenuss auf Geburtstagsfeiern und so. Trotzdem bin ich für Daheim-Geburtstage mit Topfschlagen, so lange es geht.

Motto-Parties

Doch die nächste Geburtstagseinladung liegt schon auf dem Tisch: „Wir gehen in die Zirkusschule, bitte bring Turnschläppchen mit.“ Immerhin geschlechterübergreifend, wenn auch für 200 Euro laut Internetseite des Veranstalters. Denn die Alternative sind Motto-Parties mit Lillyfee-, Hello Kitty-, Barbie-, StarWars-, Sharky-Aufdrucken auf Servietten, Tellern, Bechern und Tütchen, und die trennen fast immer nach Geschlecht.
Als Janis‘ Geburtstagseinladung bei uns auf dem Küchentisch lag – Piratenparty, bitte komm verkleidet – da wollte Luca gar nicht erst hin. Der Weg der Überzeugung war lang: „Es gibt aber doch auch Piratinnen!“ Ja, schon, aber eben nur auch. Das Basismodell ist „DER Pirat“. Die Piratin wurde erst dazu erfunden, als sich Eltern und Kindergartenpersonal Gedanken gemacht haben, wie man die andere Hälfte, die nicht mitspielen will, mit einbeziehen könnte. Das merken Kinder, sind ja nicht blöd.
Und gibt es Jungs, die sich auf eine Prinzessinnenparty freuen dürfen, ohne einen Kommentar dafür zu ernten? Der Kuchen ist ein Schloss aus Zucker, Muffins gibt ’s mit Glitzersternchen, die Tischkärtchen und Servietten haben Krönchen drauf, Becher und Teller gibt ’s mit Prinzessin, Fähnchen … wo könnte ich mein Geld noch unterbringen, bitte? Die Spiele und Aufgaben bekommen neue Namen, alles läuft unter dem Prinzessinnen-Motiv. Statt Blinde Kuh spielen wir Prinzessin-auf-der-Erbse: Wer den Geschmack des Bonbons unter seinem Kissen errät, darf es essen. Und natürlich wird um festliche Schlossgarderobe geben, braune Kapuzenpullis mit Baggern drauf sind nicht zugelassen. Bei pinterest quellen die Pinnwände über, auf denen Eltern Ideen sammeln für die nächste ‚Little Princess Party‚ – ob dort auch Väter Dekotipps für rosa Geburtstage posten? Für amerikanische Eltern gehören zum Prinzessinnen-Motto offenbar auch Tanzschühchen auf der Einladung, Tänzerinnen in langen Brautkleidern und Lippenstift für die Besucherinnen. Mit so vielen Cinderellas im Kinderzimmer bekommt sogar Mutti ihren Traum erfüllt. Denn irgendwie muss es ja ihr eigener gewesen sein, hätte sie sich sonst nicht ein kleines bisschen zurückgehalten und wenigstens auf die rosa Tülldeko, die gefärbte Sahne und die Marzipan-Pumps verzichtet? – Moment, ich muss mal eben ein Stück Käse essen und eine Tüte Peperoni-Chips öffnen …

Nähen mit Freund*innen 

Das Motto öffnen und aus dem Prinzessinnentag einen Märchengeburtstag zu machen wäre ein Weg. Obwohl ich fürchte, dass selbst im Rheinland die Verkleidungen für Prinzen, Hänsels und Frösche lange hängen bleiben. Nur Könige gehen vielleicht noch. Es gibt sicher Themen, die sich besser eignen, wenn alle mitmachen sollen,’Unter Wasser-Geburtstag‘ zum Beispiel oder ‚Außerirdische‘. Oder eben ganz ohne Motto.
Unser Vorschlag für Kays Geburtstag im matschigen Januar: wir bieten Stationen im Haus: Im Kinderzimmer zu zweit ein Haus bauen, im Wohnzimmer verkleiden und sich gegenseitig fotografieren, in der Küche Pizza backen mit Sascha, im Keller einen Stoffbeutel nähen mit mir. Ich hatte die Arschkarte gezogen, sorry, aber so war’s: Unter den fünf Kindern war ein einziges Mädchen, die war zuerst bei mir zum Nähen, war ja klar. Dann kamen meine beiden Töchter, danach mein Sohn, der das schon kennt und deshalb einen zweiten Jungen überreden konnte. Die letzten beiden mussten zu ihrem Glück gezwungen werden. „Äääh, neee, ich will nicht nähen, das ist doch Kacke“ – so der ätzende Kommentar. Der

Kinderwerk

Kinderwerk, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Klischeefrust ging direkt weiter: Beim Nähen an der Maschine fällt den beiden nämlich auf, dass der Fußtaster ja wie das Gaspedal beim Auto sei, also treten sie drauf wie blöde, dass der Stofffetzen oben zappelt. Mir fällt keine lustige Idee ein, mit der ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Nadel lenken könnte, deshalb nutze ich ihr Autobild und zeichne ihnen einen Kreidestrich auf den Stoff verbunden mit der Aufgabe, wenigstens auf der Straße zu fahren und in den Kurven zu bremsen. Wie im Computerspiel eben. Toller Versuch, voll auf die Jungsschiene eingestiegen. Leider oder zum Glück steigen sie drauf ein, sie kommen runter von ihrer Autobahn und der eine kriegt seine Stofftasche fertig.

Als er dann dem anderen zuschauen soll, macht er direkt weiter in seiner so phantasievollen Assoziationskette: der Motor meiner gusseisernen Nähmaschine erinnert ihn plötzlich an ein Maschinengewehr. Ist ja auch naheliegend. Was sonst? Beide Jungs brüllen vor Begeisterung und ahmen Spucke sprudelnd nach, was sie unter Maschinengewehr abgespeichert haben. Der Sound scheint ihnen sehr vertraut, spielt er doch täglich eine Rolle in ihrem Kinderleben, da ließ sich diese Verknüpfung ja nicht vermeiden, ist bestimmt tief im männlichen Gehirn verankert: Nähmaschine und Maschinengewehr, was sonst. Das ist wie Singen und Klatschen, wie Vollbremsung und Metallcrash. Woher sie das haben?

Mit Hängen und Würgen war auch die letzte Tasche fertig geworden, so dass alle Kinder ihre Gummibärchentüten reinpacken konnten. Jetzt los in die Küche, die Pizzen essen, noch eine Stunde bis zum Abholen. Bitte keine Jungs- oder Mädchenklischees mehr für heute. War aber nix, beim Essen fallen trotzdem in loser Reihenfolge und für mich ohne erkennbaren Zusammenhang die Wörter Laserschwert, kämpfen, Zombie, Raketen, kaputtmachen, Pistole, Außerirdische. Und als wir einen Geburtstagskanon vorschlagen, ruft Malte: „Au ja, Jungs gegen Mädchen!“

Unter der Tür kam dann zum Abschluss noch der Satz, der alles Vorhergehende für mich völlig logisch erscheinen ließ. Er kam vom Vater des spuckenden Maschinengewehrs. Der Junge stand stolz und glücklich mit seinem Stoffbeutel vor unserem Haus und lutschte an der Bonbonkette, die er aus den Mitgebsel-Geschenken gefischt hatte – eine dieser Ketten mit pastellfarbenen, kleinen Bonbons, aufgereiht auf einen weißen Gummifaden. Dreht sich der Vater zu seinem Sohn um, guckt, zögert und sein Kopf muss leer sein bei der Frage: „Was hast du denn da bekommen? Ist das nicht eigentlich was für Mädchen?“

Zuckerkette

Zuckerkette, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Kindergeburtstagen gemacht? Wie geht Ihr so einen Tag an, wenn nicht andere das Programm übernehmen? Welche Spiele, Geschenke, Deko, Verkleidung etc. wählt Ihr, wenn Ihr die Klischees umschiffen wollt? Ist es möglich, einen Kindergeburtstag zu organisieren, der ohne Schubladenzuordnung auskommt, also ohne Gedanken rund um DIE Jungs (mögen nun mal…, spielen eben gern…) und DIE Mädchen … (haben eben lieber…, und können… besser…)?

 

Unser Buch ist da: Die Rosa-Hellblau-Falle

„Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

… so heißt unser neues Buch. Heute ist es aus der Druckerei gekommen, wir haben gerade unser erstes Exemplar mit der Post bekommen, und am 26. Februar wird es in den Buchhandlungen liegen. Jetzt sind wir gespannt, wie es sich in der Welt der Bücher und Ideen behaupten wird.

Hier steht mehr über den Inhalt. Wir freuen uns über Austausch und Beiträge zum Thema Rollenklischees und Schubladendenken im Alltag mit und ohne Kinder.

Rosa-Hellblau-Falle-Buchcover