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Geschlechterdifferenz auf dem Klo des Deutschlandfunk

 

Für ein Interview über unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ war ich heute im Deutschlandfunk. Es war ein Live-Gespräch mit Radio Bremen, dorthin wurde ich vom Studio aus verbunden und hatte 4 Minuten Zeit zu erklären, was wir auf 250 Seiten über Rollenklischees und Geschlechtergerechtigkeit geschrieben haben. Hans-Heinrich Obuch hat mir den Klappentext meines Buches vorgelesen, um dann ein Fragezeichen anzuhängen: Ist ihr Buch ein Aufruf zum Widerstand?

Interview anhören

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Das war so weit ganz ok, ich bin trotz Adrenalin einigermaßen flüssig los geworden, was mir dazu wichtig ist, noch war ja Zeit. Und dann kam schon bald die Frage, die ein gefühltes Minuten-Sendeloch nach sich zog, schade um jede Sekunde: „Wenn die Schubladen nicht immer wieder bedient würden, wäre das dann die heile Welt?“ Heile Welt? Die Utopie? Was wollte er wissen, wo führte das hin? Wollte er damit behaupten, sich als Erwachsene Gedanken über Geschlechterdifferenzen zu machen, um sie nicht an die nächste Generation weiterzugeben, sei belanglos im Verhältnis zur Weltwirtschaftskrise oder der Situation der Krim? Wie erkläre ich in 4 Minuten, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Hobby ist, das ich mir aus dem Angebot von Italienischkurs, Yoga und Laienchor ausgesucht habe? Wie zwischen Nachrichten und dem nächsten Musiktitel kurz mal darlegen, dass es bei Rosa und Hellblau nicht um die Wahl einer Lieblingsfarbe geht, sondern dass Machtverhältnisse, Hierarchien, Einschränkungen damit verbunden sind und dass Interessen, Neigungen, Lebensläufe grundlegend davon beeinflusst sind?

Wie in jedem Interview bedauere ich nicht das, was ich geantwortet habe, sondern das, was ich nicht gesagt habe. Auf dem Weg zum Ausgang kam ich mal wieder an den ausführlich beschrifteten Toilettentüren des Deutschlandfunk vorbei, vielleicht hätte ich diese Infos dort in meine Antwort mit einbeziehen sollen. Denn vor allem der mittlere Teil ist ja der springende Punkt, den wir zwischen Topmodel-Serien, Transformer-Filmen, Prinzessinnen-Partys und Monster-Fighern und letztlich auch in der Diskussion um Putin und die Krim so leicht vergessen:

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Herrentoilette im Deutschlandfunk Köln

 

Das Pendant ist zwar kürzer, sagt in einem Satz aber dasselbe zum Thema „Wesensdefinition“.

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Tür zur Damentoilette im Deutschlandfunk Köln

Der Vollständigkeit halber hier auch im Bild:

 

 

 

 

 

 

 

Bechdel-Test und Smurfette-Prinzip

Emanzipation? Gleichberechtigung? Ach, da sind wir doch heute schon so viel weiter, oder nicht? Mädchen/Frauen können und dürfen doch heute im Prinzip in alle Bereiche, die früher nur Männern vorbehalten waren. Und das bisschen Gender Pay Gap…

Wirklich?

Es beginnt im Kleinen:

Nachdem ich gestern Abend eine ganze Reihe von Trailern der letzten Filmstarts im Internet angesehen habe, und keiner dabei war, der den Bechdel-Test bestanden hat, möchte ich ihn hier noch einmal vorstellen, in der Hoffnung, dass er sich weiter verbreitet und irgendwann auch die erreicht, die Drehbücher schreiben und Filme produzieren, die Serien einkaufen und Filme weiterempfehlen.

Der Bechdel-Test ist benannt nach der Cartoonistin Alison Bechdel; er taucht in ihrem Comicstrip ‚Dykes to Watch Out For‚ auf. Er belegt, dass Frauen in der Mehrzahl der Filme stereotype Nebenrollen besetzen und es kaum Filme mit starken Frauencharakteren gibt.

Er besteht aus nur drei Fragen:

1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen ?

2. Sprechen die Frauen miteinander ?

3. Sprechen sie miteinander über etwas anderes als Männer ?

Vielleicht ist es nicht von selbst verständlich, deshalb betone ich: es geht hier um jede Art Film, für die wir uns Kinotickets kaufen, die wir im Fernsehen sehen, die wir im Internet gucken, oder vor die wir unsere Kinder setzen.

Und wenn jetzt eine/r sagt: Ja, aber beim Film ‚Hanni & Nanni‘ ist das doch anders, oder was ist denn mit Dem HighSchool-College-Freche Mädchen-Internat-WildeHühner-Film? – dann ist das keine gute Ausnahme von der Regel. Denn alles, was rosa verpackt ist und das Label ‚extra für Mädchen‘ trägt, ist doch wieder nur die Abweichung von der Norm: Es gibt deshalb Fußball und Frauenfußball, Zigaretten und Zigaretten extra für Frauen, es gibt Parkplätze und Frauenparkplätze, Werzeugkästen und extra pinkfarbene Tussi-Kästen, Ü-Eier und Ü-Eier extra mit rosa Mädchenköpfchen… – und solange es all diese Sondervarianten gibt, stimmt was nicht. Mehr noch: solange es für Jungen bzw. Männer verdächtig, wenn nicht peinlich ist, die rosa Variante zu mögen, stimmt noch viel weniger nicht! Aber das ist nochmal ein größeres Thema und braucht bei Gelegenheit einen eigenen Artikel.

Der Zusammenhang mit dem Smurfette-Prinzip ist also offensichtlich; Katha Pollitt schrieb 1991 in der New York Times darüber, und seither ist es nicht besser geworden: In vielen Filme gibt es nur eine weibliche Rolle in einer ganzen Reihe von männlichen Darstellern. Wie bei den Schlümpfen oder den Muppets gibt es in der Gruupe der männlichen Figuren verschiedene Typen und Charaktere: den Sportlichen, den Schusseligen, den Cleveren, den Starken etc…. Und zur Vervollständigung der Truppe braucht es noch die Ausnahme: die weibliche Variante, die Abweichung von der Norm. Ausführlicher im Video von Anita Sarkeesian.

Mit diesem Test, dem Bechdel-Test, ist also noch nicht gesagt, dass der Film keine stereotypen Rollenklischees weiterverbreitet, es geht nur um einen ersten Test, ob Frauen überhaupt eine Rolle spielen. Und leider bestehen den nur sehr wenige Filme. Es genügt eine beliebige Trailerseite aufzurufen.

Ich war auf filmtrailer.com und durch meinen Schnelltest am 17.März fällt durch:

  • Rio 2 – Dschungelfieber: Ein Vogel auf Reisen, juhuu, es ist ein Junge.
  • Need for Speed: Wettrennen mit schnellen Autos à la James Dean ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘, wenig Unterschied in der Frauenrandrolle, nur tragen die Frauen in Need for Speed keine Pettycoats.
  • Devil’s Due
  • Doktorspiele:  Ach, keine Frau in der Hauptrolle? Bei dem Titel?
  • Spiderman – no comment
  • Dom Hemingway
  • Non-Stop
  • Endless Love
  • Snowspiercer
  • Antboy
  • Die Schadenfreundinnen – hier habe ich dann aufgehört. Viele, viele Frauen kommen darin vor, sie reden auch miteinander, aber alles dreht sich um einen Mann, viel mehr Thema haben sie nicht. typisch.

Eine Ausnahme könnte ‚Die Bücherdiebin‘ sein. Ich habe den Film nicht gesehen, die Hauptrolle spielt ein Mädchen im Dritten Reich. Im Trailer kommen sonst allerdings nur Männer vor. Spricht sie auch mal mit einer anderen Frau über etwas anderes als den Mann, den die Familie versteckt hält?

Anita Sarkeesian hat für ihr Video eine ganze Reihe von Filmen diesem Test unterzogen, das Ergebnis macht sprachlos:

 

Es gibt ein paar Ausnahmen, Filme, die durchfallen wie z.B. Gravity, weil hier nur eine Frau mitspielt, die trotzdem eine starke Rolle abbekommen hat. Aber hey, dass sie in Unterwäsche durchs Shuttle schwebt, das musste offenbar trotzdem sein.

Welche Filme gibt es denn, die den Test bestehen? Und ich meine nicht ‚Blau ist eine warme Farbe‘, auch keinen Indipendent, Kurzfilm oder sonst wie Außer-der-Reihe-Film, sondern die Kategorie, die es in meiner Stadtteilbücherei zu leihen gibt, die als Familienfilme vor Weihnachten beworben werden o.ä.

Ich wäre dankbar für eine Titelsammlung – gibt’s die schon irgendwo?

 

 

Abschied nehmen von den Dingen…

… von der Not und der Kunst sich zu verkleinern.

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Mit Rosa assoziiere ich Zucker, niedlich, süß …

… und klein. Denn Rosa und groß ist ein Widerspruch, den gibt’s nur bei Cindy aus Marzahn. Rosa ist zerbrechlich, dünnhäutig, zart.

Ballettkleidung ist blassrosa, die Tänzerinnen sind grazil und werden über die Bühne getragen. Die starke Muskelarbeit, die notwendig ist, damit das überhaupt so federleicht aussehen kann, die bleibt geheim, das ist nicht Teil der Vorführung fürs Publikum.  Dazu passen Bonbons und kleine Blümchen, Zuckerwatte und Feenflügel. Flamingos sind rosa – klar, bei diesen langen, dünnen Beinen! Unter den hunderttausenden von Paaren eines Flamingschwarms gibt es übrigens etliche schwule Paare, die sich der verirrten und verwaisten Jungtiere annehmen, aber rosa sind sie alle! Ach, und Schweine sind auch rosa. Komisch, oder?

Flamingos

Foto: szeke via photopin cc

Ich wünschte, rosa wäre ein Farbe für alle, aber rosa ist eine „Mädchenfarbe„, das lernen Kinder von Geburt an, und spätestens im Kindergarten erklären die Mädchen es den Jungs, die meinen, sie dürften auch. Von wegen! Ich wünschte, rosa wäre eine Farbe für alle und würde für Stärke stehen, für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Dann gäbe es keine Kommentare, wenn auch Jungs rosa Spielzeug wählen oder ein Prinzessinnenkleid anziehen wollen. Doch das ist tabu. Rosa ruft: nimm mich, besitze mich! Und das passt nicht zu Jungs, die sollen selber Besitzer werden. Eines tollen Autos zum Beispiel. Sie sollen einen tollen Job haben, ein Haus, ein Boot, eine Frau – am besten in rosa. Deshalb macht sich der kleine Mann in Rosatönen zum Außenseiter. Der große auch. Rosa Hemd ist nur für manche Berufsgruppen akzeptiert, seeehr blass darf es unter Anzügen getragen werden, sonst gehört es in die Ecke der Schauspieler, Sänger … Künstler eben, wer weiß, was die sonst noch so Verrücktes treiben, diese Flamingos der Popkultur. Für alle anderen geht es grade noch als sportliches Freizeitshirt durch, aber das war’s dann auch schon. Der „Pink Poodle„-Schuh ist deshalb eine extravagante Ausnahme: ein puscheliger Schnürschuh in weiß und rosa, vorne drauf ein rosa Pudel-Kopf mit dunkler Sonnenbrille, aufgelistet unter den Herren-Schuhen.

Mit Rosa, Pink und Glitzer in der Berufswelt assoziiere ich nicht Vorstandsetage oder Aufsichtsrat sondern Nagelstudio und Friseursalon, Bonbongeschäft und Assistenz. Alles nur Vorurteile? Wer kümmert sich eigentlich bei Mattel um das Design, die Kleider und Ausstattung der neuen (rosa) Barbie? Ein Mann? Eine Frau? Ein Flamingo? Jemand mit Verantwortung jedenfalls. Also Verantwortung für die Mitarbeiter*innen versteht sich. Die Verantwortung für die Kinder unter den Kundinnen und Kunden kann man darüber schon mal vergessen. Deshalb gibt es unter den Barbies 2013 auch die Reihe ‚Fashionistas‚ mit der tausendsten rosa Handtasche, rosa Schleife um den Hals, rosa Pumps und rosa Glitzerkleid – eine heißt Cutie (kein Scherz!), die nächste Sweetie – wie süüüß!!!

– Dasselbe sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind aus den Decken eines Kinderwagens auftaucht und lustige Laute ausprobiert. „Ach, wie süß!“ bekommen unter Fünfjährige häufiger zu hören als jede andere Altersgruppe. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb sehe ich keinen Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchenchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen die Mädchen mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige dreijährige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen. Und andersherum gehen die Stimmen beim Jungen, der in rosa gekleidet für ein Mädchen gehalten wird, nach oben (sog. Baby-X-Experimente). Und sobald Eltern das Geschlecht des Ungeborenen erfahren, ändert sich ihr Verhalten:

„Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der man mit dem Baby im Bauch spricht, orientiert sich daran, ob es eine ’sie‘, ein ‚er‘ oder eben noch ein ‚es‘ ist.“

sagt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Nein, von mir hat sie das nicht, ich mag ja gar kein Rosa!“, sagte mir die Mutter einer zuckersüßen Fünfjährigen, „So ist das nicht, sie hat auch andere Farben im Kleiderschrank, aber die Sachen zieht sie nicht an.“ Wenn ich im Bekanntenkreis nach dem Warum frage, liegt der Grund irgendwie immer beim Kind. Mädchen wollen Rosa, ist doch klar. Doch vielen ist ein Rätsel, wie das sein kann, wo sie doch überzeugt sind, keinen Einfluss genommen zu haben. So früh schon eine deutliche Vorliebe, da muss es wohl was Tieferliegendes sein. Scheint doch in der Natur der Dinge zu liegen, denn wir Eltern, wir erziehen unser Kind doch neutral, kaufen auch blaue T-Shirts und schenken Autos … „Aber wenn sie nicht will, erzwingen kann man’s ja auch nicht, ne?!“ Ganz übersehen wird dabei die Kindergartengruppe, die Tagesmutter, die Kommentare der Oma, die Schaufenster, Werbeplakate und Zeitschriften-Cover, die Spielplatzfreundinnen, der Spielzeugkatalog und die Werbespots in denen Rosa immerzu den Mädchen zugeordnet wird. So penetrant, dass es auch ja alle mitbekommen, Kinder sind ja nicht doof. Deshalb mag auch Lucy rosa, ist ja ne Mädchenfarbe. Das sagt auch die Nachbarin als sie ihr an Weihnachten ein Tütchen mit rosa Zuckerguss-Plätzchen schenkt. Und als das Kind drei wurde, haben sie’s dann aufgegeben. Seither bekommt Lucy, was die Freundinnen auch haben. Mädchen sind nämlich von Geburt an das sanfte Geschlecht, meinen die Erwachsenen, und kaufen rosa Kleidchen. Und beim Kindergeburtstag bekommen alle einen roten oder blauen Luftballon samt Namen mit auf den Heimweg –  Lucy bekommen einen… ja? Roten, richtig! Hey, für ihren Bruder ist noch ein blauer übrig, so ein Zufall!

Doch dass Rosa im letzten Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung Mädchen = rosarot, Junge = blau exakt andersherum galt, sollte uns ins Grübeln bringen. Wie erklären Autoren, wie Harald Braem, Farbforscher am Institut für Farbpsychologie in Bettendorf, dass rosa erst seit relativ kurzer Zeit niedliche Mädchenfarbe ist? „Rottöne waren schon immer Frauensache, Blau gehört seit jeher in die Männerdomäne. Diese Informationen sind in unseren Genen gespeichert“, sagt er. Stimmt aber nicht. Es sind erst 100 Jahre vergangen, da war Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Königsmäntel waren purpur, rot bis violett.

Der Purpurmantel des Papstes ist es heute noch. Rot war eine männliche Farbe, und Rosa, das ‚kleine Rot‘ war für Jungs. Mit rot wurde Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau auf der anderen Seite ist die Farbe Marias. Entsprechend der christlichen Tradition trägt sie auf vielen Gemälden des letzten Jahrtausends blaue Kleidung. Und Hellblau, das ‚kleine Blau‘, war somit den Mädchen vorbehalten. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt. Erst nach ein paar Monaten, manchmal waren es auch Jahre, in weißer Kleidung, weißen Kleidchen, bekamen Jungs blaue Matrosenanzüge –  für Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.

Die Gene wären damit eigentlich ausgeschlossen aus der Diskussion, aber es geht ja ums Geschäft. Medien und populärwissenschaftliche Literatur reproduzieren das Bild der Beeren sammelnden Frau und des jagenden Mannes. Spielzeugherstellern gefällt das, es kommt ihnen gerade recht. Deshalb gibt es als Barbie-Accessoire seit dem letzten Jahr auch ein rosa Putzwägelchen, rosa Schrubber und rosa Klobürste. Total süß! „Lass sie doch, sie hat eben schon ihren eigenen Stil!“ Von wegen! Er ist uniform, der Stil der Kindergartenmädchen. Es hat heute nichts Individuelles mehr an sich, sondern das rosa Blümchenkleid spricht für die Trägerin und sagt „Ich bin Teil der Gruppe“, „Schau, ich bin auch ein Mädchen, ich gehöre dazu“. Nichts weiter. Dass sie unter diesen Umständen zur Lieblingsfarbe werden kann, ist nicht weiter verwunderlich. Und über Farben und Geschmack lässt sich nicht nur streiten, wir wissen auch, dass sich der abhängig von der Kultur entwickelt in der wir leben. Schwarz mag bei uns als Farbe der Trauer gelten, in anderen Kulturen und Zeiten wird darin geheiratet. Würden wir Erwachsene ab sofort hellgrün als Farbe für Mädchen definieren, würden bald nur noch wenige Jungs Hellgrünes wählen. Würde es uns Erwachsenen gelingen, die Farbe bunt als die Farbe schlechthin für alle Kinder zu erklären, dann hätten wir weniger Trennung in den Regalen der Spielwarengeschäfte und mehr Gemeinsamkeit beim Spiel.

Eben kam Mika zur Zimmertür rein mit einem blassrosa Halstuch in der Hand, sie brauche Hilfe beim Zubinden: „Oh“, sage ich, „du bist ja ganz rosa heute.“ Ehrlich jetzt, da ist erstmal keine Wertung in meinem Sprechen, hoffe ich, denn ich bin tatsächlich nur überrascht über ihr rosa Shirt plus Tuch, weil das bei ihr so selten vorkommt. Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte mir solche Kommentare verkneifen, sie weiß ja längst, dass ich bei Rosa komisch reagiere. Ob sie verstanden hat, warum? Mika dreht den Knoten vom Halstuch nach hinten und sagt: „Nur weil hier rosa dran ist, bin ich deshalb keine Zuckerpuppe heute, keine Sorge, Mama“. Meine Rosa-Püppi-Assoziationskette habe ich offenbar schon oft genug laut ausgesprochen. Hier ließe sich jetzt unauffällig eine wertvolle Mutter-Erklärung an die Tochter bringen, ein paar bekräftigende Thesen zur Rosatheorie, aber ich verkneife sie mir besser und mache noch einen zweiten Knoten ins rosa Halstuch. Mika ist in Gedanken sowieso längst woanders: „Stell dir mal vor, in zehn Jahren da hätten die Jungs alle rosa an! Die Jungs würden immer vorm Spiegel stehen und sich Zöpfe machen, und die Mädchen rennen rum und machen >Wuaaaah, Tschacka<„.

Ich hoffe sehr, wir finden eine bessere Lösung für die Zukunft als einfach nur die Schubladen zu tauschen!

 

 

 

„Nähen ist kacke“! – Wie lassen sich Kindergeburtstage für Mädchen UND Jungen organisieren?

Geburtstags-Schiffkuchen
Kay wollte dieses Jahr zuhause Geburtstag feiern, und das nehme ich mal als Kompliment. Denn jede Elternschatzsuche, jeder Kindergeburtstag zuhause steht ja in harter Konkurrenz zu Bowling-Bahn-Einladungen, Piratenland, Indoor-Spielplätzen, Schlittschuhbahnen, Erlebnisschwimmbädern, Ausflügen mit Lama-Führung, Hochseilgarten und Geburtstagen in der Schmuckwerkstatt. Wie konnten sich Kindergeburtstage in den letzten dreißig Jahren zu derartigen Eventveranstaltungen mit langer Vorbereitungszeit entwickeln?

Meine eigenen Kindergeburtstage fanden alle zuhause statt. Und auch die bei Freund*innen waren immer eine prima Gelegenheit, die Wohnungen und Kinderzimmer der anderen zu erkunden. Manche hatten sogar einen Hobbyraum. Irgendwo habe ich noch ein 70er Jahre-Foto, auf dem ich mit einem Schulfreund an der ‚Bar‘ stehe. Die Bar ist ein abgeschabter Kellertisch, dahinter steht Frank, der Apfelsaft ausschenkt, davor lehnen zwei Neunjährige in bunt gestrickten Pullundern, die mit weißen, dünnen Plastikbechern anstoßen. Natürlich längst nicht so kreativ wie Töpfern im Künstleratelier und dann auch noch höchst bedenklich im Hinblick auf späteren Alkoholgenuss auf Geburtstagsfeiern und so. Trotzdem bin ich für Daheim-Geburtstage mit Topfschlagen, so lange es geht.

Motto-Parties

Doch die nächste Geburtstagseinladung liegt schon auf dem Tisch: „Wir gehen in die Zirkusschule, bitte bring Turnschläppchen mit.“ Immerhin geschlechterübergreifend, wenn auch für 200 Euro laut Internetseite des Veranstalters. Denn die Alternative sind Motto-Parties mit Lillyfee-, Hello Kitty-, Barbie-, StarWars-, Sharky-Aufdrucken auf Servietten, Tellern, Bechern und Tütchen, und die trennen fast immer nach Geschlecht.
Als Janis‘ Geburtstagseinladung bei uns auf dem Küchentisch lag – Piratenparty, bitte komm verkleidet – da wollte Luca gar nicht erst hin. Der Weg der Überzeugung war lang: „Es gibt aber doch auch Piratinnen!“ Ja, schon, aber eben nur auch. Das Basismodell ist „DER Pirat“. Die Piratin wurde erst dazu erfunden, als sich Eltern und Kindergartenpersonal Gedanken gemacht haben, wie man die andere Hälfte, die nicht mitspielen will, mit einbeziehen könnte. Das merken Kinder, sind ja nicht blöd.
Und gibt es Jungs, die sich auf eine Prinzessinnenparty freuen dürfen, ohne einen Kommentar dafür zu ernten? Der Kuchen ist ein Schloss aus Zucker, Muffins gibt ’s mit Glitzersternchen, die Tischkärtchen und Servietten haben Krönchen drauf, Becher und Teller gibt ’s mit Prinzessin, Fähnchen … wo könnte ich mein Geld noch unterbringen, bitte? Die Spiele und Aufgaben bekommen neue Namen, alles läuft unter dem Prinzessinnen-Motiv. Statt Blinde Kuh spielen wir Prinzessin-auf-der-Erbse: Wer den Geschmack des Bonbons unter seinem Kissen errät, darf es essen. Und natürlich wird um festliche Schlossgarderobe geben, braune Kapuzenpullis mit Baggern drauf sind nicht zugelassen. Bei pinterest quellen die Pinnwände über, auf denen Eltern Ideen sammeln für die nächste ‚Little Princess Party‚ – ob dort auch Väter Dekotipps für rosa Geburtstage posten? Für amerikanische Eltern gehören zum Prinzessinnen-Motto offenbar auch Tanzschühchen auf der Einladung, Tänzerinnen in langen Brautkleidern und Lippenstift für die Besucherinnen. Mit so vielen Cinderellas im Kinderzimmer bekommt sogar Mutti ihren Traum erfüllt. Denn irgendwie muss es ja ihr eigener gewesen sein, hätte sie sich sonst nicht ein kleines bisschen zurückgehalten und wenigstens auf die rosa Tülldeko, die gefärbte Sahne und die Marzipan-Pumps verzichtet? – Moment, ich muss mal eben ein Stück Käse essen und eine Tüte Peperoni-Chips öffnen …

Nähen mit Freund*innen 

Das Motto öffnen und aus dem Prinzessinnentag einen Märchengeburtstag zu machen wäre ein Weg. Obwohl ich fürchte, dass selbst im Rheinland die Verkleidungen für Prinzen, Hänsels und Frösche lange hängen bleiben. Nur Könige gehen vielleicht noch. Es gibt sicher Themen, die sich besser eignen, wenn alle mitmachen sollen,’Unter Wasser-Geburtstag‘ zum Beispiel oder ‚Außerirdische‘. Oder eben ganz ohne Motto.
Unser Vorschlag für Kays Geburtstag im matschigen Januar: wir bieten Stationen im Haus: Im Kinderzimmer zu zweit ein Haus bauen, im Wohnzimmer verkleiden und sich gegenseitig fotografieren, in der Küche Pizza backen mit Sascha, im Keller einen Stoffbeutel nähen mit mir. Ich hatte die Arschkarte gezogen, sorry, aber so war’s: Unter den fünf Kindern war ein einziges Mädchen, die war zuerst bei mir zum Nähen, war ja klar. Dann kamen meine beiden Töchter, danach mein Sohn, der das schon kennt und deshalb einen zweiten Jungen überreden konnte. Die letzten beiden mussten zu ihrem Glück gezwungen werden. „Äääh, neee, ich will nicht nähen, das ist doch Kacke“ – so der ätzende Kommentar. Der

Kinderwerk

Kinderwerk, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Klischeefrust ging direkt weiter: Beim Nähen an der Maschine fällt den beiden nämlich auf, dass der Fußtaster ja wie das Gaspedal beim Auto sei, also treten sie drauf wie blöde, dass der Stofffetzen oben zappelt. Mir fällt keine lustige Idee ein, mit der ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Nadel lenken könnte, deshalb nutze ich ihr Autobild und zeichne ihnen einen Kreidestrich auf den Stoff verbunden mit der Aufgabe, wenigstens auf der Straße zu fahren und in den Kurven zu bremsen. Wie im Computerspiel eben. Toller Versuch, voll auf die Jungsschiene eingestiegen. Leider oder zum Glück steigen sie drauf ein, sie kommen runter von ihrer Autobahn und der eine kriegt seine Stofftasche fertig.

Als er dann dem anderen zuschauen soll, macht er direkt weiter in seiner so phantasievollen Assoziationskette: der Motor meiner gusseisernen Nähmaschine erinnert ihn plötzlich an ein Maschinengewehr. Ist ja auch naheliegend. Was sonst? Beide Jungs brüllen vor Begeisterung und ahmen Spucke sprudelnd nach, was sie unter Maschinengewehr abgespeichert haben. Der Sound scheint ihnen sehr vertraut, spielt er doch täglich eine Rolle in ihrem Kinderleben, da ließ sich diese Verknüpfung ja nicht vermeiden, ist bestimmt tief im männlichen Gehirn verankert: Nähmaschine und Maschinengewehr, was sonst. Das ist wie Singen und Klatschen, wie Vollbremsung und Metallcrash. Woher sie das haben?

Mit Hängen und Würgen war auch die letzte Tasche fertig geworden, so dass alle Kinder ihre Gummibärchentüten reinpacken konnten. Jetzt los in die Küche, die Pizzen essen, noch eine Stunde bis zum Abholen. Bitte keine Jungs- oder Mädchenklischees mehr für heute. War aber nix, beim Essen fallen trotzdem in loser Reihenfolge und für mich ohne erkennbaren Zusammenhang die Wörter Laserschwert, kämpfen, Zombie, Raketen, kaputtmachen, Pistole, Außerirdische. Und als wir einen Geburtstagskanon vorschlagen, ruft Malte: „Au ja, Jungs gegen Mädchen!“

Unter der Tür kam dann zum Abschluss noch der Satz, der alles Vorhergehende für mich völlig logisch erscheinen ließ. Er kam vom Vater des spuckenden Maschinengewehrs. Der Junge stand stolz und glücklich mit seinem Stoffbeutel vor unserem Haus und lutschte an der Bonbonkette, die er aus den Mitgebsel-Geschenken gefischt hatte – eine dieser Ketten mit pastellfarbenen, kleinen Bonbons, aufgereiht auf einen weißen Gummifaden. Dreht sich der Vater zu seinem Sohn um, guckt, zögert und sein Kopf muss leer sein bei der Frage: „Was hast du denn da bekommen? Ist das nicht eigentlich was für Mädchen?“

Zuckerkette

Zuckerkette, Foto: Almut Schnerring, cc 2.0

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Kindergeburtstagen gemacht? Wie geht Ihr so einen Tag an, wenn nicht andere das Programm übernehmen? Welche Spiele, Geschenke, Deko, Verkleidung etc. wählt Ihr, wenn Ihr die Klischees umschiffen wollt? Ist es möglich, einen Kindergeburtstag zu organisieren, der ohne Schubladenzuordnung auskommt, also ohne Gedanken rund um DIE Jungs (mögen nun mal…, spielen eben gern…) und DIE Mädchen … (haben eben lieber…, und können… besser…)?

 

Unser Buch ist da: Die Rosa-Hellblau-Falle

„Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

… so heißt unser neues Buch. Heute ist es aus der Druckerei gekommen, wir haben gerade unser erstes Exemplar mit der Post bekommen, und am 26. Februar wird es in den Buchhandlungen liegen. Jetzt sind wir gespannt, wie es sich in der Welt der Bücher und Ideen behaupten wird.

Hier steht mehr über den Inhalt. Wir freuen uns über Austausch und Beiträge zum Thema Rollenklischees und Schubladendenken im Alltag mit und ohne Kinder.

Rosa-Hellblau-Falle-Buchcover

 

Death Comedy: „eher so natürlicher Tod“

Letzte Woche war der Tod bei uns zum Mittagessen…

Es gab Kürbissuppe mit Birnenmus und Zimtsahne, ein Rezept aus dem schönen Suppenkochbuch von Sonia Rieker: „Suppenglück„. Ich muss sagen, das war überraschend und interessant, das Essen … und der Tod auch. Der will nämlich nicht mehr furchterregend sein, angsteinflößend und unheimlich, sondern vielmehr unterhaltsam, lustig, „eher so natürlicher Tod“. Read More…

Markenbewusstsein …

 

Wie klein darf ein Papierschnipsel sein, damit Du den Hersteller trotzdem noch erkennst? Wie tief haben sich Markenlogos in unser Bewusstsein eingegraben? Sogar als Müll wirken sie noch nach und verbreiten ihre Botschaft im öffentlichen Raum.

„Man kann auch mit Müllabfällen schreien“ – Kurt Schwitters (1887-1948)

„get over cute!“

 

cute

Foto: Platina~ via photopin cc

... ein scharf formuliertes Anliegen von Jane Elliott, das ich gerne in meinen Kommunikationstrainings zitiere, wenn wir uns in der Gruppe über nonverbale Botschaften unterhalten: wie ist das mit schräger Kopfhaltung bei Vorträgen? Ist lächeln nicht einfach nur freundlich? Oder geht auch zu nett? Kichern, wenn mal der rote Faden gerissen ist? Ist ein stabiler Stand nicht überschätzt – was spricht gegen überkreuzte Beine beim Power Point Vortrag, ist doch viel entspannter…

 „Get over cute!“

fordert Jane Elliott eine ihrer Seminarteilnehmerinnen auf. Hier die klare Ansage:

„Because you’ll be cute until you’re about 45, and then at 45 you’re no cuty anymore, you’ll just be an old brat, and there’ll be a whole bunch of 18 to 40 year olds who are cuter than you are. And at that point you will say: „I want that promotion“, and then somebody we’ll say to you „Well, I don’t think of you as qualified, I just think of you as cute“. And then you’ll gonna howl sexism. Females, get over cute! Get competent! Get trained, get capable! Get over cute! And those of you who are called Patsy and Betsy and Susy, get over that.  Because we use those names to infantalise females. We keep females in their little girl state by the names we use for them. Get over it. If you want to be taken seriously, get serious. Get over it!“   – Jane Elliott

Aus dem Film „Blue Eyed“:

Werbemenschen lieben Geschlechterklischees

Alles nur ironisch gemeint?

Damit hat sich der Deutsche Werberat schon öfter rausgeredet. Auch als sich Pinkstinks.de gegen sexistische Werbung allüberall ausgesprochen und eine Petition gestartet hatte. Ist doch nichts dabei…, man wird doch wohl mal…, lustig-lustig…

Es ist vorgestrig, dass Frauen in der Werbung ständig auf alte Muster reduziert werden.   Aber glaubt man den Werbemacher_innen, sind Männer und Frauen nun mal fürchterlich einfach gestrickt. „Der Wandel der Gesellschaft fordert Gender Produkte“ weiß die Basler Redaktion von foodnews.ch. Deshalb gibt es einen Chipshersteller, der seit Herbst Chips in zwei nach Geschlecht getrennten Tüten verkauft, die einen für den „Mädels-“ die anderen für den „Männerabend“. Damit da nichts durcheinander kommt, die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Das erkennt mann und frau auch daran, dass Frauen Joghurt soooo sehr lieben. Die Werbung weiß das. Und Sarah Haskins macht sich über diese „natürliche“ Verbindung in ihrer Serie ‚Target Women‘ (die leider inzwischen eingestellt wurde, aber hier kann man sie noch sehen) auf ihre Weise lustig :-)

Walulis informiert dafür in seinem Werbespot zum ‚Pure Beef Burger‘ umfassend über Flaaaiisch für den echten! Mann, ausführlicher und stringenter in der Argumentation ist keine Grill- oder Würstchenwerbung:

 

Vielen Dank auch an Antje Schrupp, die einen Brief von Susanne Enz veröffentlicht hat. Anlass: Frauen- und Männerbratwurst – jawohl, das braucht die Welt – mit den passenden klischeehaften Aufklebern auf der Packung. Und Caprisonne wirbt für den „Elfentrank“, indem sie die Verpackung mit rosa bedruckt: „lässt Mädchenherzen höher schlagen“ – das könnte auch an der Zuckermenge liegen, jede Überdosis geht aufs Herz, aber na gut. Jedenfalls unterscheidet sich der Inhalt nicht wirklich von anderen Caprisonne-Angeboten, aber es steigert den Umsatz, wenn man speziell ein Produkt für Mädchen anbietet und ein zweites, das Jungs anspricht. „Geschlecht ist ein Riesengeschäft“, sagt die Wiener Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner im Gespräch mit Lukas Elsler und Theo Starck im Münchner Studentenmagazin ‚philtrat‘. Gendermarketing ist so erfolgreich, dass dafür sogar das Binnen-i akzeptabel wird: „Für SalatesserInnen“ werben die Fastfood-Leute mit dem gelben M. Um das Binnen-i wird sonst so verbissen gestritten, unnatürlich sei es, es störe den Lesefluss und überhaupt, eine Sprachverhunzung… Aber wenn es um Salatwerbung geht, da passt es plötzlich.

So viel zum Essen, dabei könnte es ewig so weitergehen, nichts davon ist erfunden: Frauen- und Männersenf, Kekse extra für Mädchen… Gendermarketing, Rollenklischees und sexistische Werbung – das Thema hat schon manche_n fassungslos gemacht. „Die Dose trägt Dessous – hi hi“, Silke Burmester findet’s auch total lustig. Aber hey, wer den Sinn sexistischer Werbung nicht versteht „und keinen Humor hat, der sollte in nächster Zeit vielleicht alle Medien meiden“, findet die „nnz-online“-Redaktion in Nordhausen, als die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt eine schlüpfrige Werbeanzeige der Zeitung kritisiert.

Aber wenn ein sexistischer Spot oder ein Plakat witzig sein will und in der Darstelllung übertreibt, dann ist er deshalb immer noch nicht zum Lachen, und zweitens nicht weniger sexistisch. Anita Sarkeesian macht das in ihrem Video über ‚Retro sexism and ironic advertisting‘ an vielen Beispielen anschaulich:

Die Werbewatchgroup Wien fasst zusammen, dass es egal ist, in welcher Rolle Frauen und Männer in der Werbung inszeniert werden, die grundlegenden Geschlechterstereotype blieben immer die gleichen: Frauen würden als abhängig, verständnisvoll und emotional dargestellt, Männer dagegen als unabhängig, dominant und zielstrebig:

„Die Reduktion der Werbung auf die Zweigeschlechtigkeit und auf klassische weibliche und männliche Stereotype ist weit davon entfernt, die Bandbreite der Geschlechteridentitäten, deren Verhaltensweisen und Lebensstile abzubilden. Unsere Lebensrealität ist ungleich vielfältiger und widersprüchlicher, als es uns die Werbung glauben machen will“.

Eine Deutsche Watchgroup gibt es meines Wissens nicht, aber immerhin stellt der Deutsche Werberat ein Beschwerdeformular zur Verfügung, über das Menschen auf derart lustig-ironische Werbung aufmerksam machen können.

„In der kommerziellen Werbung dürfen Bilder und Texte nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen. Insbesondere darf Werbung – gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – nicht den Eindruck erwecken, dass bestimmte Personen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf und Familie willkürlich behandelt werden können“ – so die Grundsätze des deutschen Werberats.

Leider ist für den Werberat die Grenze nur selten überschritten, dort findet Mann seit 40 Jahren (noch nicht so lange wurden drei Frauen „extra berufen“) so manches lustig-ironisch, was weit über „erotisch“ oder „sinnlich“ hinausgeht. Trotzdem hoffe ich, dass viele diese Gelegenheit nutzen, damit nicht noch mehr Küchenparadise mit devoten, Deos mit kopflosen und Speditionen mit nackten Frauen werben.

Wenn das Formular schon mal jemand von Euch genutzt hat und die Antwort hier zitieren möchte, freue ich mich über Infos dazu!