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Der Goldene Zaunpfahl in den Medien

Die Verleihung des Goldenen Zaunpfahls, Negativpreis für absurdes Gendermarketing, fand am 3.März 2017 in Berlin statt

(>> mehr zu den Hintergründen)

 

 

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Der Goldene Zaunpfahl geht an…

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan auf der Bühne vor Leinwand mit GoldenerZaunpfahl-Logo

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan (Foto: @monoxyd)

Wir sind überrascht, glücklich und dankbar, dass der Goldene Zaunpfahl auf ein so großes Interesse gestoßen ist, unsere Idee, die negativen Auswirkungen des Gendermarketing einmal in einem größeren Rahmen zu thematisieren. Vor allem deshalb ist es ja ein Negativpreis, weil das Bewusstsein über den nachweisbar negativen Einfluss, über das Ausmaß und die Allgegenwart von einengenden Rollenklischees leider nicht sehr verbreitet ist. Sonst würde es zur Routine von Medienmenschen, ErzieherInnen und LehrerInnen, in Verlagsredaktionen oder Marketingabteilungen gehören, darüber zu sprechen, sich fortzubilden und im Arbeitsalltag darauf zu achten, sie zu vermeiden.

Wir verstehen, dass manche in einem Negativpreis zuerst die Anprangerung sehen. Das ist bedauerlich, denn unser eigentliches Anliegen ist es, einen gesellschaftlichen Dialog zu initiieren über die gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Konsument*innen, Kindern eine freie Entfaltung zu ermöglichen ohne einengende Rollenvorgaben.

Natürlich hätten wir lieber einen Positivpreis verliehen, aber Werbekampagnen auszuzeichen, die auf Diskriminierung verzichten, das schien uns leider (noch) wenig hilfreich. Solange so viele Menschen davon überzeugt sind, dass Gendermarketing Kindern die freie Wahl ließe, wird der Goldene Zaunpfahl ein Negativpreis bleiben müssen. Aber mancher Spot ist genau deshalb eine Erwähnung wert, weil er das Problem der Diskriminierung thematisiert und das bewusst macht, auf was wir auch mit den Goldenen Zaunpfahl hinaus wollen. (Drei Beispiele hat Tarik gestern Abend vorgestellt: H&Ms Schönheits-Vielfalt, Telekoms Familienbild und Audi Spaniens Spielzeugkombination)

Wir wollen uns also herzlich für eine bunte Veranstaltung gestern Abend bedanken, die ohne die viele Unterstützung und euren Zuspruch eine kleine Online-Aktion geblieben wäre.

Deshalb ein dickes Dankeschön an alle Beteiligten!

Vorneweg an alle, die seit Dezember 2016 unserem Aufruf gefolgt sind, und Beispiele für absurdes Gendermarkting eingesandt haben (Hier ist das weiterhin möglich, denn wie’s aussieht, ist nach der Preisverleihung vor der Preisverleihung ;-) ).

Vielen Dank an unsere tolle Jury, Nora, Ferda, Petra, Tarik, Margarete, Anke und Daniel!

An die musikalische Unterstützung durch Suli Puschban, Yansn & Torkel T. und Form.

Und an das nette Team des HAU, das hinter den Kulissen und mit der Bereitstellung seiner schönen Räume ganz wesentlich zum Gelingen des Abends beigetragen hat.

An Maurizio, der das Motiv und den Goldener-Zaunpfahl-Aufkleber für uns entworfen hat.

Und nicht zuletzt an alle, die gestern vor Ort dabei waren und mit uns gefeiert haben!

 

Reaktionen der Hersteller

(zur Vorstellung der 5 Nominierten)

Der Preis ging in diesem Jahr an die Pons GmbH / Klett Lerntraining für die beiden Leserlern Bücher für Mädchen bzw. Jungs:

Aus der Laudatio von Ferda Ataman:

Die Bücher, die als Leselernhilfe daherkommen, sind also nicht nur rosa-hellblau gelabelt. Sie vermitteln klischeehafte Inhalte und schließen Mädchen aus dem Abenteuer-Weltall-Bereich aus. Und sie geben Jungs keine Chance, sich für Tiere und Back-Partys zu interessieren. Auf die wirklich peinlichen – übrigens zeitlos peinlichen Illustrationen – will ich mal nicht weiter eingehen. Aber seien Sie sich sicher, Sie unterstützen die transportierten Rollenklischees konsequent.

Um es noch mal klarzustellen: Nirgends in diesen Büchern werden die gängigen Klischees auch nur ansatzweise gebrochen oder hinterfragt. Sie werden einfach nur bedient.

Okay, vielleicht bis auf die rosa Auspuffwolken…

[…] Dabei gab es Zeiten, da waren quietschrosane Prinzessinnen-Köder und alle-jungs-sind-tapfere-Helden-Botschaften in der Kinderliteratur verpönt. Wir waren schon weiter und wir möchten dahin zurück.

Das plötzliche und sehr kurzfristige Interesse am Goldenen Zaunpfahl mag dazu geführt haben, dass einige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Presseabteilungen der nominierten Unternehmen sich adhoc und möglicherweise unvorbereitet äußern mussten. Um genau das zu vermeiden, hatten wir die Unternehmen lange vor der Preisverleihung angeschrieben und auf die Nominierung hingewiesen, verbunden mit einer Einladung zum Dialog und zur Veranstaltung nach Berlin. Mit der Ausnahme RaethGloben – ist es Zufall, dass das kleinste der nominierten Unternehmen reagiert hat im Gegensatz zu den großen Konzernen? – haben wir keine Rückmeldung bekommen. Schade. Manche Medien wollten für ihren Bericht über die Preisverleihung nicht auf ein Statement der Nominierten verzichten und haben deshalb nachgefragt:

Folgemilch für Ballerinas und Mathematiker:

„Wir können die Kritik nicht nachvollziehen, Aptamil steht für ein modernes Rollen- und Familienverständnis.“ (Milupa auf Spiegel Online)

Geschichten zum Lesenlernen mit Polizisten und Handrührern:

Bei Pons / Klett Lerntraining hat Spiegel online erfahren, dass es sich bei den Preisträger-Büchern explizit nicht um Schulbücher handle, sondern um Bücher für den Nachmittag. (sic!)

„Weder Diskriminierung noch die Vermittlung stereotyper Lebensweisen spiegelt die Absicht des Verlags wider. Sollten diese beiden Bücher den Anschein erweckt haben, so ist dies überaus bedauerlich.“

Bei Raethgloben wurde auf der Seite des pinken Globus ergänzt:

Aus aktuellen Gründen: Gern dürfen Sie diese Farbvariante auch für Ihren Sohn erwerben oder die blaue Variante für Ihre Tochter.

Sie kocht, er telefoniert:

„Das nominierte Bild ist nicht repräsentativ für das bewusst genderneutrale Marketing von jako-o.“ Jako-o erklärt Spiegel online außerdem, das Problem läge wohl weniger in der Darstellung sondern im Auge des Betrachters.

 

Auf die jeweils klischeehafte Darstellung gehen weder jako-o, Pons/Klett noch Milupa ein. Stattdessen verweisen sie auf andere, weniger klischeehafte Artikel im eigenen Angebot, was uns ratlos macht, was genau ändert das an der Botschaft der Ausgewählten?

 

Antje Schrupp fasst auf zeit.de unser Anliegen prima zusammen: „Gegen den Geschlechterblödsinn„, alles gesagt. Zum Nachlesen auch für jene, die uns grade lange Mails und unfreundliche Kommentare schreiben und uns erklären wollen, wie Werbung und Kapitalismus funktionieren – ganz offensichtlich ohne gestern Abend dabei gewesen zu sein oder erstmal nachgelesen zu haben, worin genau unsere Kritik liegt.

Gleichgültigkeit ist unangebracht. Wer so argumentiert, überschätzt nämlich grandios die Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins, sich gegen ständige subtile Beeinflussung abzuschotten. Gendermarketing wirkt. Zum Beispiel, indem es uns dauernd daran erinnert, dass wir ein Geschlecht haben. Menschen sind ja vielerlei, sie gehören zu allen möglichen Kategorien und Gruppierungen, sie haben Haut- und Haarfarben, Körpergrößen, Berufe, Interessen, Sprachen, Nationalitäten, Herkunftsregionen und so weiter. Aber die meisten davon haben wir nicht ständig im Kopf. Wir würden etwa nicht auf die Idee kommen, Kugelschreiber für Leute über 1,70 Meter Körpergröße und solche für Leute unter 1,70 zu bewerben. Oder unterschiedliche Buggys je nachdem, ob das Kind braune oder rote Haare hat.

 

 


 


 


 

 

 

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring und Sascha Verlan

Antworten auf das Bullshit-Bingo des Gendermarketing

Wir haben vor einiger Zeit in unserem Bullshit-Bingo die beliebtesten unter den kurz gedachten Reaktionen auf Kritik am Gendermarketing versammelt. Nachdem unsere Initiative der Goldene Zaunpfahl mancherorts auf Unverständnis stößt, und Reaktionen bei Menschen provoziert, die wohl schon lange nicht mehr für oder mit Kindern einkaufen waren (Motto: „Wen’s stört, der musses ja nicht kaufen“), wollen wir heute ein paar Antworten liefern. Bestimmt sieht sich die eine oder der andere auch manchmal mit diesen Reaktionen konfrontiert, dann freuen wir uns, wenn wir ein paar Argumente beisteuern können, um die Diskussion über die einengenden Botschaften des Gendermarketing am Laufen zu halten  :)

Überarbeitet am 22.2.17

Es sind doch nur Farben

1Mit Rosa und Hellblau sind, so wie mit anderen Farben auch, unterschiedliche Eigenschaften verbunden, abhängig von Kultur und Epoche. Es ist ja kein Zufall, dass die Bösen im Hollywoodfilm Schwarz tragen, während die gute Fee (Braut, Königin…) in Weiß gekleidet ist.

Es spricht auch überhaupt nichts gegen die Farben Rosa, Lila oder Pink, aber sie werden vereinnahmt von der Werbeindustrie und zunehmend mit Schönheit, Anmut und Zartheit in Verbindung gebracht. Gendermarketing hat mit dazu beigetragen, dass Rosa heute als niedlich und sexy gilt und dass die Farbe Mädchen vorbehalten ist („Das ist aber ne Mädchenfarbe!„), anstatt dass sie für alle da wäre, denen sie gefällt.

Deshalb lässt sich erst dann, wenn Spielzeug aus den Bereichen Schönheit, Pflege, Haushalt auch öfter mal in schwarz oder grün verpackt wird und erst dann, wenn auch Experimentierkästen und Konstruktionssets, deren Verpackung mit Jungs bebildert sind, mit Pink beworben werden, vielleicht sagen „Es sind einfach nur Farben“.

 

Unternehmen müssen ihre Produkte nun mal verkaufen.

2Ja, richtig. Der Umsatz steht über der sozialen Verantwortung, und die Idee der Corporate Social Responsibility taugt oft nur als Feigenblatt. Das gilt ja auch für Smartphones, die nicht ohne Kinderarbeit hergestellt werden, und doch wird uns vermittelt, wir bräuchten alle 2 Jahre ein neues. Unternehmen müssen ja schließlich verkaufen. Vielleicht funktioniert unsere Welt auch deshalb so fair und frei von Diskriminierung, weil wir Wirtschaftswachstum über alles stellen und diese Priorität auch bei den Botschaften des Gendermarketing nicht infrage stellen.

 

Ich lasse mich von Werbung sowieso nicht beeinflussen.

3Die Marketingindustrie beziffert ihren eigenen, jährlichen Umsatz auf 30 Milliarden Euro und sie erforscht seit vielen Jahrzehnten, wie sich KäuferInnen am besten beeinflussen und zum Kauf bewegen lassen, idealerweise unbewusst. Ziel von Werbung ist es, in zufriedenen, wunschlos glücklichen Menschen, völlig neue Bedürfnisse zu wecken, die sie zuvor noch nicht hatten. Nur bei mir schafft sie das nicht, denn ich entscheide selbst. #findedenfehler

 

Mädchen lieben eben Rosa.

4Es ist grade einmal 100 Jahre her, da war Rosa gar keine „Mädchenfarbe“ und die Zuweisung „Mädchen lieben Rosa“ galt genau umgekehrt: Rot war in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden, Könige trugen Rot (der Papst trägt bis heute Violett). Rot war also eine männliche Farbe, und Rosa, „das kleine Rot“ war Jungen vorbehalten, es galt als die stärkere Farbe. Blau dagegen war in der christlichen Tradition die Farbe Marias und Hellblau, „das kleine Blau“ dementsprechend die Farbe für Mädchen, es galt als feiner und eleganter. Heute lernen Mädchen von Geburt an, dass Rosa eine weiblich konnotierte Farbe ist, in 100 Jahren könnte das schon wieder ganz anders aussehen.

 

Nur wer keine Hobbys / echten Probleme hat, regt sich darüber auf.

Wir wünschen allen viel Energie und Ausdauer, sich nicht hier, sondern genau dort zu engagieren, wo sie die wahren Probleme dieser Welt sehen. Kommentieren Sie gerne im Tierschutzforum oder engagieren Sie sich für mehr Fahrradwege. Wir sind die Letzten, die sich Ihnen in den Weg stellen werden, denn wir sind schon mit unserm Hobby der Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt.

 

Ich habe früher auch  mit xx gespielt und bin heute ja auch emanzipiert, also!“

Wer Teil einer Gesellschaft ist, hat auch deren Werte verinnerlicht. Deshalb melden auch nur ganz wenige Väter ihre Söhne, wenn die sich für Musik und Tanz interessieren, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit zum Ballettunterricht an. Und selbst jene, denen es gelingt, sich in vielen, persönlichen Entscheidungen von kulturellen Zuschreibungen frei zu machen, sind doch angewiesen auf die vorhandenen Strukturen, selbst wenn diese bestimmte Gruppen benachteiligen. Dass Frauen mehr Geld in Schönheitsprodukte investieren, sich mehr von ihnen für die schlechter bezahlte Carearbeit entscheiden[1] und später häufiger in Altersarmut leben, wird als „natürlich“ empfunden.

6Doch Studien belegen einen Zusammenhang zwischen stereotypem Spielzeug und dem Selbstbewusstsein von Kindern. Für Jungen und Mädchen gilt: Je tiefer sie in die Spielzeugwelt der schönen, schlanken, passiven Prinzessinnen eintauchen, desto stereotyper wird ihr eigenes Verhalten: „We know that girls who strongly adhere to female gender stereotypes feel like they can’t do some things,“ sagt Sarah M. Coyne, Leiterin der Studie. „They’re not as confident that they can do well in math and science. They don’t like getting dirty, so they’re less likely to try and experiment with things.“ [2]

[1] 80% der Carearbeit wird von Frauen übernommen. Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Gesundheits- und Pflegeberufe. Arbeitsmarktberichterstattung – 2011. 2011, S. 8
[2] https://news.byu.edu/news/disney-princesses-not-brave-enough und http://well.blogs.nytimes.com/2016/06/27/disney-princesses-do-change-girls-and-boys-too/?_r=0

 

Wir reproduzieren keine Geschlechterklischees, wir reagieren nur auf Wünsche der KonsumentInnen

7Werbung setzt durch Wiederholung Regeln und schafft Normen, wie ein Mann, eine Frau zu sein, zu essen, sich zu kleiden, wofür er oder sie sich zu interessieren hat. Die schiere Masse an Bildern, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert werden, führt zu einer Verstärkung und Einengung dessen, was angeblich normal ist. Schwierig bis unmöglich schon für einen Erwachsenen, davon unabhängige Entscheidungen zu treffen. Undenkbar für ein Kind, das gerade erst dabei ist, die eigenen Vorlieben zu entdecken.[1]

[1] http://blog.hubspot.de/marketing/wie-marken-uns-manipulieren

 

Es wird gekauft, also gibt es einen Bedarf“

8Für die Werbung der 1950er mag das zutreffen. Doch Marketing heute funktioniert anderherum: der Fokus liegt darauf, zuerst einen (nicht vorhandenen) Bedarf zu schaffen, um ihn dann zu befriedigen.[1]

[1] Beispiel Fitness-Armbänder / Wearables:
http://www.stroeer.de/magazin/bewegte-zukunft-in-einer-mobilen-welt-update/wearables-potenziale-fuer-werbung-und-marketing.html

 

Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür.“

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen. Kinder lernen nicht allein von ihren Eltern, die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders erfahren sie auch durch den Nachbarn, die Bäckerin, den Erzieher und die Lehrerin, durch Bücher und das Fernsehprogramm. Kinder lernen vieles ganz nebenbei, im alltäglichen Spiel nähern sie sich der Welt der Erwachsenen an, üben Regeln ein und finden so allmählich ihren Platz in der Familie und in der Gesellschaft. Sie experimentieren und bilden Kategorien und lernen dabei, nicht nur in Groß vs. Klein, Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau einzuordnen, sondern auch in ‚typisch‘ und ‚anders‘, in ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Schnuller und Teddys, Laufräder und Bilderbücher, 9Filme, Computerspiele und Werbung begleiten sie dabei und beeinflussen ihren Lebensweg. Und die Welt, die ihnen aktuell angeboten wird, ist in sehr viel mehr Bereichen in rosa und hellblau geteilt, als das bisher der Fall war [1]. Selbst wenn sich also Eltern dieser Strategie verweigern und Kindern alle Bereiche jenseits von rosa und hellblau anbieten, so sind Mädchen und Jungen immer auch durch die Botschaften ihrer Umwelt beeinflusst.

[1] „In the Sears catalog ads from 1975, less than 2 percent of toys were explicitly marketed to either boys or girls.“ https://www.theatlantic.com/business/archive/2014/12/toys-are-more-divided-by-gender-now-than-they-were-50-years-ago/383556/

 

Also wir haben unseren Kindern nichts aufgezwängt, wir lassen ihnen die freie Wahl.

10Die Mehrheit der Eltern geht davon aus, Kinder „neutral“ zu erziehen. Und wenn sich die Tochter dann doch fürs Ballett entscheidet, obwohl sie einen Fußball geschenkt bekommen hat und wenn der Sohn die Autokiste vorzieht, obwohl er sich eine Puppe aussuchen durfte, dann ziehen viele den Rückschluss, es müsse an der Biologie liegen, die Gene seien verantwortlich, die Hormone, die Steinzeit… der eigene Einfluss und die allgegenwärtigen Botschaften werden dabei komplett ausgeblendet. Forts. unter: „Wenn die Eltern das mit ihren Kindern nicht geklärt kriegen, können doch die Firmen nichts dafür„)

 

Es steht ihrem Sohn ja frei, trotzdem ein rosa xx zu kaufen.

Es steht Männern ja auch frei, sich für den Beruf des Erziehers zu entscheiden oder Frauen, Maschinenbau zu studieren. Mit den Kommentaren müssen sie dann eben klarkommen, wussten sie ja vorher, dass es nicht einfach würde. Sorry, aber Wahlfreiheit sieht anders aus. Wer sich über die Regeln des „Üblichen“ hinwegsetzt, bekommt das von der Umwelt zu spüren, und wer meint, ein „Du kannst ja trotzdem…“ reiche aus, um dem Vierjährigen seine Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, irrt.[1]11

Allein das Labeln eines Spielzeuges durch Farben oder Fotos als „Mädchen-„ oder „Jungespielzeug“ führt zu genderstereotypem Verhalten. Wird Kindern ein zunächst neutrales Spielzeug (z.B. ein Xylophon oder ein Ball) als „extra für Mädchen“ vorgestellt, spielen Mädchen länger und interessierter damit, Jungen wenden sich früher davon ab. Andersherum spielen Jungen länger damit, wenn ihnen zuvor gesagt wurde, es sei für Jungen gedacht [2]. Kinder übernehmen also die Zuordnung der Erwachsenen ganz unabhängig vom jeweiligen Spielzeug, und sie lassen sich schon früh in ihren Entscheidungen vom Gruppenkonsens beeinflussen [3]. Das ist menschlich und wird Ihrem Sohn ähnlich gehen.

[1] Beispiel: rosa Überraschungs-Eier „für Mädchen“: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/10/ue-ei-twittergewitter/
[2] Bradbard, M.R.; Endsley, R.C. (1983). The effects of sex-typed labeling on preschool children’s information-seeking and retention. Sex Roles, 9 (2), 247-260.
[3] Studie: https://www.mpg.de/4611532/gruppenzwang_vorschulalter

 

Die Tochter meiner Nachbarin mag grün, also kann der Einfluss nicht so groß sein.

12Und mein Sohn zum Beispiel hat mal ein Kleid in die Kita angezogen und ist trotzdem hetero, und meine Tochter kann besser Fußballspielen als mein Mann, also kann ja das mit dem Frauenfußball… Sorry, private Einzelbeispiele taugen nicht als Beleg für biologistische Theorien ;)

 

 

Jungs und Mädchen haben nun mal unterschiedliche Grundbedürfnisse.

13Zu den Grundbedürfnissen gehören Liebe, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und sie gelten für alle Menschen gleichermaßen. Ein geschlechtergetrenntes Angebot auf der Speisekarte oder beim Bürobedarf gehört nicht dazu. Rosa geblümte Glitzerponys mit Flügeln und schwarze Monsterfighterfiguren auch nicht. Und wenn, dann sollten sie für alle da sein.

 

 

Lasst doch die Kinder Kinder sein und hört auf mit Eurem Genderismus.

14Erwachsene ändern ihr Verhalten gegenüber einem Kind schon vor Geburt, sobald sie das Geschlecht des Ungeborenen erfahren: Sie sprechen mit einem Fötus in höherer Stimmlage, wenn der Ultraschall ihnen ein Mädchen zeigt. Sie beschreiben einen Säugling, von dem sie annehmen, es sei ein Mädchen, als niedlich und zart. Wird ihnen dasselbe Kind später als Junge präsentiert, beschreiben sie es als kräftig und schätzen es schwerer ein.[1]

Da wir davon ausgehen, Jungen und Mädchen hätten grundsätzlich unterschiedliche Bedürfnisse, behandeln wir sie unterschiedlich, selbst in Momenten, in denen es überhaupt keinen Anlass dafür gibt. Insofern einverstanden: Lasst doch die Kinder Kinder sein, und hört auf, sie in allen Lebenslagen nach Geschlecht zu sortieren und mit Euren rosa-hellblauen Erwartungen zu konfrontieren.

[1] Sog. Baby X Studien, z.B.: http://link.springer.com/article/10.1007/BF00288004

 

Wer sich daran stört, muss es ja nicht kaufen.

15Weit über 500 Werbebotschaften erreichen jeden einzelnen von uns täglich. Auf Werbung treffen wir in Bahnhöfen und an Bushaltestellen, auf Plakatwänden und Aufstellern, im Fernsehen, Radio und Internet, Zeitungen und Magazinen, im Kino, in Sportstadien, Gaststätten und Konzerthallen, auf Hochhausdächern und Häuserfassaden, im Himmel und buchstäblich auf dem Boden werden wir mit den Botschaften der Marketingindustrie konfrontiert. Werbung hat den öffentlichen Raum längst in Besitz genommen und beansprucht unsere Aufmerksamkeit über die Maßen. Die Geschlechterklischees der Werbung erreichen einen auch an Tagen, an denen man keinen einzigen Euro ausgibt.

 

Kleine Jungs stehn nun mal auf Autos.

Gern werden bei diesem Argument Studien mit Primaten genannt als vermeintlicher Beleg, dass ja selbst bei Affen die männlichen Tiere Spielzeugautos bevorzugten. Doch das Setting der Studien sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Für eine gern zitierte Untersuchung mit Meerkatzen, wurde den Tieren unter anderen Gegenständen eine Pfanne als ‚Mädchenspielzeug’ ins Gehege gegeben. Rätselhafte Grundvoraussetzungen für eine Studie, gibt es doch keinen Primatenforscher, dem in seiner beruflichen Laufbahn Affen begegnet sind, die kochen konnten. In einer anderen Studie wurden Rhesusaffen beobachtet, die Spielsachen mit Rädern sowie Plüschtiere bekamen. Ein Durchgang musste zunächst abgebrochen werden, weil „ein Plüschtier in mehrere Teile zerfetzt worden war“.[1] Beides verdeutlicht die Problematik dieser Studien: Wir wissen überhaupt nicht, ob ein Kinderspielzeug für einen Affen, der es noch nie gesehen hat, dieselbe Bedeutung hat wie für uns. Welchen Wert haben dann die in solchen Studien gezogene Schlüsse?

Deshalb halten wir andere Aspekte für relevanter:16

(Spielzeug-)Autos sind männlich konnotiert, das lernen schon Kleinkinder noch bevor sie sprechen können, Mädchen bekommen sie seltener geschenkt, Mütter spielen seltener mit ihren Kindern damit, beim Spaziergang erklären Väter ihren Söhnen von Anfang an mehr über Automarken als ihren Töchtern. Schon bei 6 bis 12 Monate alten Kindern haben Jungen mehr „Außenweltspielsachen“ (Lastwagen, Werkzeug u.a.) während Mädchen eher „Haushaltsspielsachen“ bekamen [2].

Fünfjährige Jungs sind außerdem stärker an Jungsspielzeug interessiert, wenn sie damit rechnen müssen, von Freunden gesehen zu werden. [3] Viele kleine Jungen, die in der Kita nie mit Puppen spielen, machen das zuhause durchaus, sofern ihnen von den Eltern keine geheimen Lektionen dazu erteilt wurden. Und übrigens: „fünfjährige Kinder [klassifizieren] eine Babypuppe mit zornigem Gesichtsausdruck, die grobe schwarze Kleidung trägt, als Jungespielzeug, ein lächelndes, gelbes Auto, das mit Herzchen geschmückt ist, als Mädchenspielzeug“ [4].

Also ab wann und für wen genau soll sie zutreffen, die Aussage „Jungs stehn nun mal auf Autos“?

[1] Hasset, J.M.; Siebert, E.R.; Wallen, K. (2008). Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. Hormones and Behavior, 54 (3), 359-364.
[2] Nash, A.; Krawczyk, R. (1994). Boys’ and girls’ rooms revisited. Vortrag vor der Conference on Human Development. Pittsburgh, Pennsylvania (nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge, München 2012, S. 315)
[3] Bannerjee, R; Lintern V. (2000). Boys will be boys. The effect of social evaluation concerns on gender-typing. Social Development, 9 (3), 397-408.
[4] Leinbach, Hort & Fagot, nach Fine, Cordelia. Die Geschlechterlüge. S.351

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Wer bis hierher gelesen hat, hat jetzt garantiert zur einen oder anderen Antwort eine Reaktion auf der Zunge liegen, ein Erlebnis vor Augen, ein „Ja, aber…“ auf dem Herzen. Wir sind gespannt, die Diskussion soll weiter gehen, bitte schreibt Eure Gedanken dazu in die Kommentare.

Viele Grüße,

Sascha und Almut

 

Aufruf!

Der goldene Zaunpfahl

Preis für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketing

Aufruf !

an Verbraucher*innen, Produkte und Werbekampagnen zur Nominierung einzureichen

Puschelige Glitzerkerzen extra für Mädchen? Stählerne Weihnachtskugeln nur für echte Kerle? Wir freuen uns auf die Adventszeit und sind schon ganz gespannt, was sich die Unterstützer*innen des Gendermarketing in diesem Jahr so ausdenken werden.

ÜeikleinRosa Überraschungseier und lila Legosteine waren ja erst der Anfang einer Strategie, die seit rund 10 Jahren neuen Aufschwung erfährt. Inzwischen gibt kaum einen Produktbereich, in dem Unternehmen nicht versuchen, ihren Umsatz mit Hilfe des Gendermarketing zu steigern. Und so erfreuen sie uns mit Männersalz und Frauensalz, rosa Smarties für Prinzessinnen, hellblaue für Ritter, Chips für den Mädelsabend, Würstchen für Männer, Socken nicht für Füße, sondern für Jungs, Klebeband je nach Geschlecht und Taschentücher in „mansize“ mit „strength you can trust“.

Das ist uns einen Preis wert!gurkenmadl

Halten Sie die Augen offen, lassen Sie sich nicht in Schubladen zwängen. Wir rufen Verbraucher*innen auf, Werbeplakate zu fotografieren, Screenshots, Werbeslogans und Produkte voll sinnlosem Gendermarketing für den Goldenen Zaunpfahl zu nominieren. Senden Sie Ihre Fotos und Links zu Produkten, die sinnlos dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden: http://rosa-hellblau.tumblr.com/submit

Im neuen Jahr, wenn das nagelneue Fahrrad gegen ein pinkes eingetauscht werden musste, und wenn manch wilder, eckiger Actionheld beim Einschlafen helfen soll, wählt unsere Jury aus den Einreichungen das Produkt, das den Wink mit dem Goldenen Zaunpfahl am nötigsten hat bzw. die Werbestrategie, die plump, altbacken und unreflektiert einengende Rollenbilder reproduziert.

(Die Preisverleihung wird am 3.März 2017 in Berlin stattfinden. Genauere Angaben dazu folgen)

 

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle,

die Initiator*innen,

Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring, Sascha Verlan

 

Mehr Informationen:

–> die Jurymitglieder

–> zur Pressemitteilung ‚Goldener Zaunpfahl 2017

–> zum Download der Pressemitteilung als pdf

–> mehr Hintergründe zum Zaunpfahlpreis

–> Infos zur Preisverleihung am 3. März 2017

Einreichungen

Absurde Auswüchse des Gendermarketing, die die Jury bei der Nominierung berücksichtigen soll,

>> können als Bilder oder Links hochgeladen bzw. eingetragen werden. Vielen Dank!

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*der Wink mit dem Zaunpfahl = sprichwörtliche Redensart,
die das überdeutliche, grobe oder plumpe Hinweisen 
auf einen Sachverhalt bezeichnet

a) Preis für Werbung, die plump, altbacken und unreflektiert, 
wie mit dem Zaunpfahl, einengende Rollenbilder präsentiert.

b) Preisverleihung als Hinweis, der Wink mit dem Zaunpfahl, 
die nominierte und ausgezeichnete Werbung und ihre 
Botschaft dringend zu überdenken.

 

 

Liebe mytoys Redaktion,

… wir fragen uns, ob Sie sich demnächst vielleicht dafür einsetzen wollen, dass Mütter nur noch mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen spielen, da diese Konstellation ja qua Geburt die professionellste ist?

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Bernhard, Experte für Jungsspielzeug mit Anett, Expertin für Mädchenspielzeug und Rollenspiele

Blöd nur, dass so wenige Väter Teilzeit arbeiten und das gar nicht in ihrem Alltag untergebracht kriegen! Was machen wir denn dann, wenn die Mütter ständig ihre Söhne dazu zwingen, mit Puppen Rollenspiele zu spielen? Und die Waffen, die Mütter bauen, das wissen wir ja alle, kann man wirklich vergessen! Logisch, dass Mädchen sich damit gar nicht erst abgeben. Aber was machen wir dann mit den Jungs, die gerne mit Puppen spielen? Mit Mädchenspielzeug?!? Du meine Güte! Womöglich lernen die dann was über Care-Arbeit? Obwohl das so schlecht nicht wäre, dann hätten wir vielleicht irgendwann mal ein paar mehr als nur 3% männliche Erzieher in Deutschland. Sieht man ja, welche Folgen das hat: Puppenspiel von morgens bis abends. Und in kaum einer Kindertagesstätte gibt es wirkliche Experten für Spielzeugwaffen! Gut, dass Sie da in Ihrem Katalog gemeinsam mit Berhard und Anett gegensteuern!

Mit freundlichen Grüßen aus den Tiefen der Rosa-Hellblau-Falle

 

mytoys-spielzeugexperten-01

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update:

mytoys hat auf Facebook und Twitter reagiert und wir freuen uns, dass sie sich die Mühe gemacht haben, zu antworten – Danke dafür.

Wir rätseln noch, wie wohl die Teamsitzung aussah, in der es zur Entscheidung kam, das Spielzeug-Sortiment nach Geschlecht zu trennen (und die Waffen den Jungen, die Puppen den Mädchen zuzuordnen), um dann Eltern, die das kritisieren, aufzufordern, sich über die Trennung hinwegzusetzen. Und da wir die Begründung „zur besseren Übersichtlichkeit des Sortiments“ als Floskel empfinden, müssen wir leider auf unser Bullshit-Bingo verweisen :(

Schade.

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Bullshit-Bingo des Gendermarketing

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Und >> hier << geht es zu unseren Antworten.

 

 

Rote und Blaue

Geschlechtertrennung in der KiTa

„Es gibt unsere Kindergarten-T-shirts in blau und rot. Die Jungen suchen sich das blaue und die Mädchen das rote aus. KiGa 2016 #fail“ – der Twitterpost einer Mutter, ein Satz einer Kita-Leiterin am Elternabend. Der Post ist von vorgestern, aber er beschäftigt mich weiterhin.


Ich wünschte, ErzieherInnen, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wüssten Bescheid über die Ergebnisse der Minimalgruppenforschung: Wenn eine Gruppe in 2 geteilt wird, entsteht Wettstreit, es entsteht eine „Wir-Gruppe“ und eine „Fremdgruppe“ (= Die Anderen). Das kann man bei Fußballfans beobachten, bei unterschiedlichem Musikgeschmack, Nordstadt-Südstadt, Mauer, Herkunft, Religion… (Deshalb wohne ich in Bonn auf der falschen Seite des Rheins = die „schäl Sick“  heißt seit jeher „die Andere“ Seite des Rheins. Natürlich aus Sicht jener, die drüben, auf der Zentrumsseite wohnen :-) )

„Die Anderen“ werden herabgesetzt

Sogar, wenn man eine Münze wirft und die Gruppe willkürlich in Kopf und Zahl trennt: Die Fremdgruppe wird herabgesetzt, „die Andern“ scheinen alle irgendwie ähnlich, die Wir-Gruppe fühlt sich „besser“, „richtiger“ an, und die eigene Meinung, die eigene Haltung, so manche Entscheidung wird gerne an den Konsens der Wir-Gruppe angepasst (sog. „Ingroup-Bias“). Das ist bei Erwachsenen so, aber mehr noch bei Kindern in einem Alter, in dem es wichtig ist, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, mit dem sich eines identifiziert. In Bezug auf die Rosa-Hellblau-Falle geschieht die Trennung aufgrund des Geschlechts: „Wir Mädchen – Ihr Jungs“ und andersherum. Das Gendermarketing trennt in Prinzessinnen und Helden, und die Trennung wird für Kinder offensichtlich durch die Farbregeln der Erwachsenen, die wir ihnen an allen Ecken vermitteln: Rot-Rosa-Pink-Töne werden Mädchen zugeordnet, Blau-Schwarz-Orange dominiert in der Jungsabteilung.

Es geht ja nicht darum, Mädchen-gegen-Jungs-Spiele zu verbieten, und natürlich (?) distanzieren sich Kinder auch selbst durch Sprüche voneinander: „Jungs sind Piraten – Mädchen sind Tomaten“. Aber welches Interesse haben Erwachsene daran, die Trennung nach Geschlecht im Kindergartenalter zu unterstützen? Und doch teilt die Kita im zitierten Post ihre Kinder in Rote und Blaue und denkt sich nichts dabei.
Das frappierendste daran: es gibt eine Studie mit exakt diesem T-shirt-Setting!

Trennung in Rote und Blaue trennt auch das gemeinsame Spiel

Es ist also bekannt, was dadurch passiert. Aber die Kita weiß davon nichts. Was dort wahrscheinlich als harmlos empfunden wird (Motto: „Das sind doch nur Farben, lasst sie doch, ist doch ok, Mädchen mögen nun mal lieber Rot“), ist das Beispiel schlechthin für die Rosa-Hellblau-Falle. Es sorgt für eine Trennung im Alltag zwischen Jungen und Mädchen, es trennt Jungen und Mädchen im Spiel, es sorgt für Wettstreit unter ihnen und zur Anpassung innerhalb der Gruppen. Die wenigsten Teams von Kindertageseinrichtungen werden sich bewusst sein, dass sie selbst zur Geschlechtertrennung beitragen. Doch der „Homogenitätseffekt“ innerhalb der Gruppe der Mädchen bzw. Jungs tritt automatisch ein, wenn man T-Shirts, Schultüten oder Kleiderhaken in nur zwei und zudem geschlechterkonnotierten Farben anbietet. Wenn man Fragebögen für Mädchen mit einem Schmetterling versieht und die Version für die Jungs mit einem Hai. Wenn man „Die Jungs“ geschlossen aufs Außengelände schickt, um sich auszutoben, wenn „die Mädchen“ heute mal zuerst in den Waschraum gehen. Das heißt, Erwachsene nehmen sehr wohl Einfluss darauf, ob sich Jungen und Mädchen in einer Kita, in einer Schule gut verstehen, ob Spiele und Streitigkeiten immer in Gruppen Jungs-gegen-Mädchen ausgetragen werden, oder ob auch andere Kategorien zählen und Gruppen nach unterschiedlichsten Kriterien gebildet werden.

Rote und blaue Kindergarten-T-Shirts jedenfalls haben dieselbe Wirkung wie das Angebot des Gendermarketing, nur eben hausgemacht und das im eigentlich geschützen Raum der Kita.

Autos sind für Söhne – Werbespots ohne Mädchen

Dass Frauen nicht einparken, nicht Autofahren können, ist so falsch wie die Witze darüber alt sind. Dass Frauen beim Autokauf mitentscheiden, ist dagegen Fakt. Frauen verdienen ihr eigenes Geld. Geben sie ihrem Mann die Kreditkarte und sagen: „Bärchi, kaufste uns ein Auto, egal welches, Hauptsache es ist rot“? – guess not. Sicher ist aber auch: sie geben weniger Geld dafür aus, da sie im Durchschnitt weniger verdienen.

374_BMW TVLiegt es also daran, dass sich mehr Werbespots für Autos an Männer richten? (Ich übersehe jetzt mal die unlustig-flotten Werbespots mit Frau in sommerlich kurzem Flatterkleid, die in ihren roten Cityflitzer steigt, in dem voll viel Platz ist für all die Einkäufe…)

Wenn Frauen in Werbespots auftreten, setzen sie sich meist auf den Beifahrerinnensitz. Mann führt ihnen ihr Auto vor. Mann stellt sich Auto als Frau vor. Frau findet sein Auto toll. Mann klaut Frau ihr Auto. Mann will das Auto der Tante erben. Mann, Mann … alle Varianten dagewesen. Mann im Fokus. Und zwar egal, welches Alter. Neben den Männern sind nämlich auch die kleinen Jungs im Fokus: Autoschlüssel werden immer an Söhne überreicht. Väter führen ihren Söhnen das neue Auto vor. Männer packen den Familienvan, in dem der Sohn schon sitzt. Väter leben ihren Söhnen vor, was ein richtiges Auto ist. Kleine Jungs bewundern die Autos der großen Männer. Und ungefähr mit 5, 8, 12 Jahren wissen sie, für welche Marke sie später ihr Geld lassen werden. Mädchen? Und Autos?? Pfff.

Kleine Sammlung gefällig?

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Ok, der mit Omas Auto ist anders. Das Auto ist zwar für den Sohn, aber die wirklich souveräne Autofahrerin in der Geschichte ist die Oma :)

 

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Letzter Platz:

Der Spot, der am tiefsten, ganz unten in der Rosa-Hellblau-Falle steckt, ist der hier: Klassentreffen unter Auto-Fans. Rückblick von drei Typen. Drei weiße, mittelalte Anzugtypen. Ihre Freundschaft, ihr Wettstreit, immer wieder die drei Jungs bzw. Männer im Bild. Und der Lehrer? Ein Mann. Der Schwimmtrainer? Ein Mann. Es war offenbar völlig abwegig für die MacherInnen, hier eine Frau mit in die Dreierriege zu nehmen. Schon klar, das ging ja nicht, wegen des symbolträchtigen Bilds der alten Freundschaft und so, sie machten denselben Sport, liebten dieselben Frauen (ja, da schwebt kurz eine durchs Bild). Haach, die guten alten Zeiten, echte Kumpels und so… bla! –  Frauen? Die Auto fahren? Nicht vorgesehen:

Doch, Töchter kommen ab und an vor in Auto-Werbespots, aber sie stehen nie im Zentrum der Geschichte. Den Autoschlüssel bekommt am Ende der Sohn. Bezeichnend, dass der einzige Spot, den ich finden konnte, in dem ein Mädchen vom beworbenen Auto träumt, sondern nur der Gewinner (2.Platz) eines Filmwettbewerbs:

So. Und jetzt steige ich aufs Fahrrad, Sohn und Töchter von der Schule abholen ;)

Und wer einen Spot entdeckt, in dem das Mädchen von Autorennen träumt, die Technik bewundert, die Tochter den Schlüssel bekommt – ich freue mich über Linktipps!

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down

 

Wir und die anderen.

Gendermarketing ist das rosa-hellblaue Ungetüm, über dessen Einfluss und Überfluss sich viele einigen können. Wohl deshalb werden wir besonders zu diesem Thema häufiger befragt als zu anderen Phänomenen, die wir mit der Rosa-Hellblau-Falle ins Bewusstsein rufen wollen. Aus unserer Sicht sind ja die alltäglichen Kommentare Erwachsener genauso, wenn nicht präsenter im Alltag und deshalb einschränkender für Kinder. Aber da geht es nicht ums Geld. Da sind auch nicht die anderen schuld. Da geht es darum, sich selbst an die Nase zu fassen. Unangenehm. Wer mag das schon. Verkauft sich deshalb auch nicht so gut als Zeitungsartikel. Wir versuchen es trotzdem immer wieder anzusprechen, denn die meisten gehen davon aus, ihre Kinder „neutral“ zu behandeln, tun es aber nicht, wir auch nicht, weil das gar nicht möglich ist.

Chips aus Italien. Rosa-Hellblaues-Urlaubs-Mitbringsel.

Gendermarketing – die Beispiele haben sich weiter gestapelt in den letzten Wochen, während wir Urlaub gemacht haben. Wir kommen kaum hinterher, sie zu sammeln. Wir sind sie, ehrlich gesagt, längst leid. Immer dieselbe Botschaft: Jungs sind cool, Mädchen hübsch. Langweilt das nicht, wenn man im Marketingbereich arbeitet? Gibt es keine neuen Ideen, Produkte an Kinder zu verkaufen? Wo es doch schon beim Einkaufen nur noch Gähnen und Weitergehen auslöst. Bei mir zumindest. Verena Hasel hat mich für ihren Artikel „Rosa und hellblau.“ in der ZEIT interviewt, und sie listet die vielen Produkte der letzten Monate auf, Zeile um Zeile ein rosa-hellblaues Grauen. Eigentlich veranschaulicht die lange Liste, dass hier etwas schief läuft, sollte man meinen. Also besser nicht die Kommentare lesen, denn nicht alle wollen wahrhaben, dass Werbung unsere Entscheidungen beeinflusst: „Jungs wollen Autos und Mädchen alles in pink. Und das ganz von selbst.“ Ach! Soso! Willkommen in der Rosa-Hellblau-Falle :-)

In einem Pro-Contra-Artikel „Sexistische Werbung verbieten?“ der Zeitschrift ‚Publik Forum‘ argumentiere ich für die Pro-Seite, aber Katja Suding, FDP, meint tatsächlich  „Mein Weltbild sieht den mündigen Menschen vor. Und der ist selbst in der Lage, unangemessene Werbung zu bestrafen, indem er das beworbene Produkt nicht kauft. Als Kundin und als selbstbewusste Frau entscheide ich, ob ich das Frauenbild, das Unternehmen mit ihrer Werbung zeichnen, unterstütze oder ablehne.“ Herrlich naiv, finde ich! Was schert sie der Milliardenumsatz der Werbeindustrie, die Forschung der Werbepsychologie, wie Botschaften aussehen müssen, damit sie unser Unterbewusstsein erreichen, zum Teufel mit all dem Wissen der Minimalgruppenforschung, Studien zum Stereotype Threat? Pfff, mal eben in die Tonne gekloppt, denn mit „mündiger Bürger“, mit „Freiheit“ und Nicht-reinreden-lassen erreicht man mehr potentielle Wähler. Das ärgert mich, wenn eine Politikerin auf diesem Weg Stimmung für sich macht. Deshalb schreiben wir genau darüber einen ausführlicheren Artikel für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (Link folgt) Und auch sonst ist in den nächsten Wochen viel los:

Die Ferien sind vorbei, Schulbeginn in NRW und mit unserer Jüngsten haben wir jetzt alle drei Kinder in der weiterführenden Schule :) Der rosa Schulranzen hat also demnächst ausgedient, wir erreichen das blau-türkis Alter und die Haare müssen laaaang sein (Alles selbst entschieden, loggisch! ;)

Sascha gibt ein rosa-hellblaues Interview für das hr1 Morgenmagazin. Am 3. September sind wir in Kochel am See und geben ein Seminar „MINT-Berufe. Kein Platz für Frauen?“ gemeinsam mit Sylvia Kegel vom Deutschen Ingenieurinnenbund.

Wir sind auf Interviewtour für unsere nächsten, eigenen Radiosendungen, die vorerst gar nichts mit Rosa-Hellblau zu tun haben, denn bei der ständigen Präsenz des Themas, sind wir sehr dankbar, dass wir auch andere Felder beackern dürfen (Wen’s interessiert, hier steht mehr über unsere Radiothemen). Und ich freue mich auf viele Seminare rund um das Themengebiet ‚Kommunikation‘: Vorlesen, Präsentieren und Sprechen am Mikrofon zum Beispiel. Und so werden wir auch beim zündfunk-Netzkongress im Oktober nicht über Rosa-Hellblau sprechen (ok, ein bisschen vielleicht), obwohl das Thema „Mind the Gap“, „Schließt die Lücken!“ ja wie die Faust aufs Auge… violett… Nein, wir haben uns anders entschieden.

Macht aber nichts, denn davor und danach sind wir in Hamburg und in Pforzheim und in Schwäbisch Hall mit Workshops und Lesungen in Sachen Rosa-Hellblau unterwegs, vielleicht auch in Aachen und anderswo. Es verlässt uns also keineswegs das Glitzerkichern und das Monstergrollen und wir freuen uns über Anfragen und Austausch dazu.

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

von Almut

 

P.S.

Wenn Ihr Beispiele habt aus Eurem rosa-hellblauen Alltag, Szenen, Momente, Kommentare, dann teilt sie mit uns. Hier in unsere Sammlung könnt Ihr sie eintragen: >submit<

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfalle :)

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfallen.

Schnauze voll von Rosa? – Suli Puschban

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Interview mit Suli Puschban

Mit dem Refrain von „Ich hab die Schnauze voll von rosa“ laufen unsere Kinder schon eine ganze Weile durch die Gegend, der Ohrwurm wird immer mal wieder aktualisiert, und es genügt, dass eins das Wort „Schnauze“ in den Mund nimmt, garantiert greift es das nächste auf und schon schreien wieder alle drei im Chor durchs Haus: „Ich mach jetzt was ich will!“. Und weil der Text so gut zu unserem Anliegen rund um Rollenklischees und zur rosa-Hellblau-Falle passt, haben wir Suli ein paar Fragen dazu gestellt.

Suli Puschban ist…

…“Wienerin in Berlin, Liedermacherin, Kinderliedermacherin und Kabarettistin, sie schreibt und performt ihre Lieder, spielt solo und mit ihrer ‚Kapelle der guten Hoffnung‘, liebt die Berge, verehrt das Meer, ist Poetin, Feministin und feinsinnig rockenende Rotzgöre.“

Gab es einen konkreten Anlass für den Songtext?

>> Angesichts des derzeitigen Rollbacks, dass die Geschlechterrollen wieder vermehrt in rosa und hellblau und allem, was sonst noch dazu gehört, zementiert werden und der Tatsache, dass Lilifee und andere Figuren von Merchandise-Imperien flankiert werden, unter denen Eltern stöhnend leiden, musste ich irgendwann einfach mal einen Anti-rosa-Songschreiben. Der erhobene Zeigefinger interessiert mich nun herzlich wenig, und es geht mir auch nicht um die Farbe, sondern die Haltung dahinter. Mädchen und Frauen müssen sich nicht den stereotypen Bildern beugen, sondern können sein und werden, was sie wollen: Astronautinnen, Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Der Song enthält also auch noch etwas Kapitalismuskritik als Subtext. Wenn man bedenkt, was Frauen teilweise an Geld ausgeben (müssen), um den vermeintlichen Anforderungen der Rolle als Frau gerecht zu werden!

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Wieso hast Du die Schnauze voll von rosa?

>> Vielleicht sollte ich vorweg sagen, dasss Mädchen und Frauen, die ROSA heißen, sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen sollen. Manche schreiben ‚rosa‘ im Song auch vorne mit Großbuchstaben, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um einen Namen handeln könnte. Aber nein, es ist die Farbe! Und dieses ‚rosa‘ steht für Einschränkung: Frauen, die auf hohen Schuhen balancieren, zugekleistert mit Make-Up, eingelullt in der heteronormativen Überzeugung, dass der sie rettende Prinz bestimmt auftauchen wird, rufen sie mit hoher Stimme: „Hilfe! Hilfe“

Hast Du ein bestimmtes Erlebnis in dem Zusammenhang , das dich genervt hat?

>> Mein ganz Leben ist ein solcher Moment: ich war ein burschikoses Mädchen, ich bin aufgewachsen mit dem Satz: „Was willst du denn, Junge?“, und mit Kommentaren und abblocken, wenn ich eine Toilette aufsuche. Ich hatte immer kurze Haare, trug Turnschuhe, Jeans und entzog mich der Norm. Das wurde stets kommentiert. Heute noch fragen mich Kinder oft: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Kurze Haare und mein non-konformes Verhalten stiften da manchmal Verwirrung. Macht nix! Ich war schon als Kind ein Lausbub!

Wo trittst Du auf, wann singst Du den Song?

>> Ich spiele den Song auf allen meinen Konzerten, die ich solo oder mit meiner Kapelle der guten Hoffnung spiele. Aber auch bei Workshops in Schulen oder Fortbildungen für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Alle lieben dieses Lied.

 

Auch vor Leuten, die sehr auf Rosa stehen? Oder laden die Dich erst gar nicht ein?

>> Ich hatte noch nie negative Reaktionen auf das Lied. Es gibt auch Mädchen, die komplett rosa tragen und singend und tanzend ausrasten zu dem Song. Einmal standen zwei Freundinnnen vor der Bühne, die waren so 10 Jahre und die eine sagte: „Ich hasse rosa!“, und die andere rief ganz stolz: „Ich nicht!“

Mir geht es darum, den Kindern zu vermitteln, dass alles geht, dass sie sein dürfen, wie sie wollen, dass in dieser Welt „Platz für uns alle“ ist, so wie es mein anderer Song ROSA PARKS BIST DU einfordert. Wenn andere kommen, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die anders sind als wir, dann sollten wir keine Zäune bauen, sondern zusammenrutschen.

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Gab’s eine konkreten Moment, von dem Du erzählen magst?

>> Also ich liebe diesen Moment, wenn der Refrain einsetzt. Die Blicke, die Überraschung ist einfach zum Schreien schön. Manchmal sitzen Jungs im Publikum und ich sage meist vor dem Song: „Neulich hab ich Lilifee getroffen …“ Dann kommt schonmal ein: „Och nee …“ Aber dann gebe ich den Rat, erst abzuwarten bis zum Liedende und dann zu urteilen. Danach ist die Begeisterung immer groß, und auch Jungs singen begeistert mit.

Manchmal klopfen mir junge Mütter auf die Schulter und sagen: „Endlich, danke!!!“ Sie sind oft genervt von der rosa Klamottenfront, die ihnen beim Einkaufen gegenübersteht. Mädchen- und Jungs- Kleidung, ist doch Quatsch eigentlich. Manche Väter kaufen eins der T-Shirts mit dem „Ich hab die Schnauze voll von rosa“-Aufdruck für sich selbst.

Neulich kam ein kleines Mädchen und wollte wissen, ob ich Lilifee wirklich getroffen hätte. „So wirklich, wie es sie gibt!“, habe ich geantwortet, und sie hat wissend gelächelt.

 

Ist ‚Ich hab die Schnauze voll von rosa‘ überhaupt ein Kinderlied?

>> Eine gute Frage. Was ist ein Kinderlied? Was macht ein Lied zum Kinderlied? Ich glaube, dass es Kindern gefällt, dass sie sich damit identifizieren können oder dass es einfach nur witzig ist und zum Mitsingen einlädt. Das schafft meine Lilifee!

 

Vielen Dank an Suli Puschban mit Grüßen aus der Rosa-Hellblau-Falle :)