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Jungen oder Mädchen? Gehörlose, Braunäugige oder Weiße?

Wodurch unterscheidet sich eine Tüte Chips ‚Nur für Mädchen‘ von einer Kekspackung ‚Nur für Weiße‘?

 

In seinem Vortrag auf TEDx: „Why we must go beyond pink and blue“ beschreibt der Spiel-Designer Jens Peter de Pedro einen McDonalds-Besuch am Drive-Through-Schalter, da werden Kunden und Kundinnen gefragt: „Haben Sie einen Jungen oder ein Mädchen im Auto sitzen?“. Denn Mädchen sollen ein Pferd, Jungen aber eine Rakete zu ihrem Burger bekommen. De Pedro weist darauf hin, dass die vergleichbare Frage: „Sitzen schwarze oder weiße Kinder in Ihrem Auto?“ undenkbar wäre. Das ließe sich weiter treiben:

„Sitzen in ihrem Auto Kinder mit Behinderung?“, „Sitzen in Ihrem Auto übergewichtige Kinder?“, „Kinder mit Essstörungen?“ „Gehörlose? Blauäugige? X-Beinige? Sehbehinderte? Homosexuelle?“ Damit die eine Gruppe ein anderes Spielzeug bekommt als die andere? Das würden wir uns nicht gefallen lassen, zurecht! Warum also akzeptieren wir dann schwarz-weißes Denken, wenn es um das Geschlecht unserer Kinder geht, um ihr Spielzeug, ihre Ernährung, ihre Interessen?

Wer Sexismus mit Geschlechtertrennung bekämpfen möchte, der handele wie jemand, der Rassismus mit Apartheid begegnet, so das Fazit einer Gruppe von Forscher*innen (unter ihnen zum Beispiel Lise Eliot, Autorin des Buches ‚Wie verschieden sind sie‘; ‚Pink Brain, Blue Brain‘) in einem Artikel über „Die Pseudowissenschaft der Monoedukation„: there is evidence that sex segregation increases gender stereotyping and legitimizes institutional sexism.“

Was momentan in den Marketingabteilungen der Unternehmen ausgedacht oder schon längst umgesetzt wird, führt genau dazu: Geschlechtertrennung. Am Spielwarenregal, in Filmen, Büchern, Freizeitangeboten und vor allem bei Produkten, die „extra für Mädchen“ angeboten werden und Jungen explizit ausschließen – und umgekehrt. Es scheint nicht verwerflich, Chipstüten mit Verbotsschildern in die Regale zu reihen: die scharfen Chips sind für den „Männerabend“ und deshalb für Frauen verboten, die mild-cremigen dagegen sind für den „Mädelsabend“ und für Männer tabu. Ja, natürlich, ist ja nur lustig gemeint. Aber funktioniert es wirklich, die Abwertung, die in einer Aussage enthalten ist, unwirksam zu machen, indem man auf die ironische Absicht verweist? „War doch ironisch gemeint“ ist kein Garant für lustig. Denn nicht der Sender entscheidet über Inhalt und Wert einer Aussage, sondern der Empfänger. Jedenfalls ändert Ironie nichts an der Abwertung durch das rosa-hellblaue Warenangebot des Gendermarketing, das beide Geschlechter auf Stereotype reduziert. Sie fördert nur ihre Akzeptanz und verschleiert die tatsächliche Diskriminierung.

Natürlich bilden wir Kategorien, weil wir uns sonst verlieren im Alltag. Wir nutzen Kategorisierungen als Wegweiser, um schnell erste Informationen zu haben, wie wir uns verhalten müssen. Wir brauchen es übersichtlich. Doch dafür nehmen wir in Kauf, Menschen in Schubladen zu stecken. Oft können wir nicht anders, bei Chips und Spielzeug dagegen wäre es ein Leichtes. Wenn sich jemand nicht unserer Erwartungshaltung entsprechend verhält, also quasi der Beschriftung unserer Schublade z.B. für „weiblich“ nicht entspricht, dann sind auch wir Erwachsenen immer noch leicht zu irritieren. Wenn auf der Schublade „weiblich“ nun mal „hilfsbereit, kreativ, einfühlsam“ steht, was ja durchaus zu vielen Frauen passen mag, dann haben es die Frauen schwer, die mit diesen Etiketten nichts anfangen können und sich auch selbst anders einschätzen. Noch schwieriger ist es für Jungen, die genau diese angeblich weiblichen Eigenschaften haben, wenn sie auf Menschen treffen, deren „männlich“-Schublade beschriftet ist mit „stark, ehrgeizig, unabhängig“. Was dann passiert, nennt sich schlicht Diskriminierung.

Doch unser Bewusstsein dafür ist nur in bestimmten Richtungen wachsam. So würde ein Wissenschaftler in heftige Erklärungsnot geraten, wenn er verkündete, in einer Studie herausfinden zu wollen, ob Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht doch von Geburt an einfühlsamer sind als Menschen mit heller Haut. Oder ein Forscherteam, das untersuchen möchte, ob Menschen mit roten Haaren nicht doch genetische Anlagen haben, die ihnen helfen, sich im Raum zu orientieren, als Menschen mit blonden oder schwarzen Haaren, ob Homosexuelle besser rechnen können und logische Aufgaben schneller lösen als heterosexuelle Menschen?

Wenn wir hier Haut- und Haarfarbe beziehungsweise die sexuelle Orientierung ersetzen durch das biologische Geschlecht, dann scheinen wir damit kein Problem zu haben. Da scheint eine beständige Suche nach den Unterschieden völlig legitim. Warum eigentlich? Ist Sexismus weniger schlimm als Rassismus? Ableismus? Und Homophobie? Wie kann es eine derartige Übereinkunft darüber geben, dass Studien durch staatliche Fördergelder unterstützt werden, die weiter dazu beitragen, Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu verbreiten? Dass Werbung sich dieser Unterschiede bedient, sie weiter mit angeblich „natürlichen“ Eigenschaften und Interessen verknüpft und den Graben dadurch tiefer zieht? Wir nehmen hin, dass Überraschungseier, in denen Feen, Fingerringe und dünne Püppchen versteckt sind, mit dem Zusatz „für Mädchen“ beschriftet werden, was Jungen ausschließt und ihnen deutlich macht: Rosa und Feen passen nicht zu Jungen, also bist du irgendwie falsch, wenn du dich dafür interessierst. In der Buchhandlung stören wir uns nicht an Büchern mit der Aufschrift „Nur für Jungs“, und wir sind einverstanden, dass ein Getränkehersteller ein Produkt mit süßen Früchten „nur für Mädchen“ anbietet und sich mit einem Getränk aus sauren Früchten und Zusätzen wie „Abenteuer“ und „Monster“ explizit an Jungen richtet.

Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln „nur für Deutsche“ freizugeben ist verboten. Eine Werbeaktion „Kaugummi – extra für Türken“ würde einen Aufschrei auslösen … das darf nur Bülent Ceylan und auch nur auf der Comedybühne: Kaugummi mit Knoblauchgeschmack anzubieten, extra für den aufgeklärten Türken, damit er in seiner ultratraditionellen Familie nicht auffällt und anerkannt wird. Vielleicht ein Produkt nur für Katholiken? Das fühlt sich alles falsch an, bloß Gendermarketing soll richtig sein?

 

 

Hähnchen oder Ei ? Das Fleisch und unser Bild vom Mann

Beim Aufräumen der Inbox meines Mailprogrammes bin ich über eine alte Ankündigung des Burda-Zeitungsverlages gestolpert, da ging es um das Lifestylemagazin: ‚meet & eat like a man‘. Rezeptideen für starke Jungs. Auf dem Titelbild liegt was Schwarzes in einer Pfanne, darunter knackige Hinweise aufs Innere des Heftes: ‚Hot Chicks, hot Chocolate‘ und ‚Das schmeckt nach Profi‘. Mir vergeht zwar

direkt der Appetit, aber ist ja auch nicht für mich gemacht. Es richtet sich an Männer zwischen 25 und 45 Jahren, also reiche ich das mal an meinen Mann weiter. Und bei all dem betörenden Schokoladenduft, der demnächst durchs Haus ziehen wird, werde ich  bestimmt zur ultrahotten Chiquita. ‚Hot Chicks, hot Chocolate‘ … Menschen mit Familie können damit wohl nicht gemeint sein. Oder bezieht sich das irgendwie darauf, dass meine Kinder immer und zu allem Schokocreme essen würden, auch zu Hühnchen? Den Artikel übers Pizza Backen an Kindergeburtstagen suche ich jedenfalls vergeblich, auch eine Küchenaktion mit Kindern, zum Beispiel ‚Burger selbst gemacht‘, gibt es hier nicht. Dafür vielleicht ‚Die Turbo-Küche für wenn die Kinder gleich aus der Schule kommen, ich aber schnell noch meine Redakteurin zurückrufen muss‘? Fehlanzeige. Bei ‚meet‘ gibt es keine Kindergerichte, hier geht ’s nicht um den Vater in der Küche, sondern, lustiges Wortspiel mit dem englischen ‚meat‘: es gibt natürlich FLAaaaiSCH! Möglichst schwarz gebraten oder wenn nicht, dann eben blutig! Hauptsache keine Kompromisse!

Doch Stopp! Auch bei ‚meet‘ gilt die journalistische Grundregel: immer auch der anderen Seite Gehör verschaffen. Das wirkt seriös und erweitert zugleich die potentielle Leserschaft. Also kommt auch das Gemüse zu Wort: ‚Caesar – der einzig wahre Salat für Männer‘.SalatesserInnen

Gestern war nur die Modewelt nach Geschlechtern getrennt, heute wird schon das Gemüse in männlich-weiblich aufgeteilt. Warten wir noch ein paar Jahre, dann dürfen Frauen nur noch Beeren essen, die sind nämlich so schön rund und süß und mit rosa Saft drin. Das war schließlich früher auch nicht anders, sagte sich ein amerikanisches Forscherteam und überlegte weiter: da die Frauen ja schon immer fürs Beerensammeln zuständig waren (eine These, deren Wahrheitsgehalt umstritten und deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist) entwickelte sich im Lauf der Jahrtausende diese Vorliebe für rosa. Auch der gründliche Journalist Martin Wainwright fand das einleuchtend. In seinem Artikel für den Guardian erklärte er damit die natürliche Vorliebe von kleinen Mädchen für rosarote Kuchenglasur. Bei ihrer Ursachenforschung in der Steinzeit verloren er und auch die Wissenschaftler aus dem Blick, dass dann die jagenden Männer ebenso auf rosa anspringen müssten. Bei all dem roten Blut, das auf der wilden Jagd floss, und all dem blassrosa Fleisch, das sie da erbeuteten, hat doch bestimmt die Evolution auch dafür gesorgt, dass Männer heute gar nicht mehr ohne Rosa können. Sie kaschieren es nur vor sich selbst und den anwesenden Frauen, indem sie ihr Grillgut grundsätzlich schwarz durchbraten, und dazu gibt es dann Schwarzwurzel! Ist es nicht wunderbar, was sich mit den Jägerinnen und Sammlern alles beweisen lässt?

Schwarz muss es also sein. Deshalb wissen Männer am Turbogrill auch ganz genau, wie lange so ein Würstchen zu brutzeln hat oder das Stück Fleisch. Wenn die Zuständigkeiten und Gewohnheiten über den Haufen geworfen werden, gibt es eben Verwirrung: frau ruft also vom Salatbuffet herüber, dass die Würstchen doch schon längst fertig sein müssten … denk doch an die Kleinen, das ist nicht gesund. Die Würstchen sind nicht fertig, brummelt er in seinen imaginären Steinzeitbart und lässt sie grade zum Trotz noch ein bisschen länger auf dem Rost. Später am Tisch ist sie mit ihrem Stück Fleisch wieder nicht zufrieden, und er kann noch nicht einmal antworten: „Dann mach ’s beim nächsten Mal doch selber!“ Denn das macht sie in der Regel ohnehin, und spießig wie sie ist, muss sie ihm jetzt auch noch den Spaß am Feuer vermiesen.

Wenn die Welt tatsächlich so zweigeteilt und zerstritten ist, warum dann nicht konsequent auch noch beim Essen trennen? Wie früher in der Kirche: die Frauen sitzen links, die Männer rechts. Oder es gibt für Frauen und Mädchen einen separaten Tisch, an dem wird Milchreis serviert, Süßkartoffeln und lustige Veggie-Burger *kicher, kicher*. Plätze tauschen will keiner, dafür sorgt das echte Männeressen am Tisch nebenan: Männer-Knoblauch zum Beispiel und Männer-Bohnensuppe, mit Rülpsen und Furzen, und die Knochen werden einfach nach hinten geworfen. Betten und Schlafzimmer sind bis dahin sowieso längst getrennt, und ein paar Jahrzehnte später gibt’s dann auch keine Kinder mehr, dann hat sich die Rosa-Hellblau-Falle von selbst erledigt: man muss nur mal anfangen und die Dinge konsequent zu Ende führen, dann kommt die Freiheit ganz von allein.

Kochbücher für Ihn und für Sie

Damit wir uns diesem paradiesischen Zustand möglichst schnell annähern, gibt es reihenweise Bücher zum Thema ‚Eat like a man‘. Entweder sind sie ultimativ und knallhart und nach dem Motto: „Mir doch egal, wer das Chaos hinter mir aufräumt“. Oder es geht um schnell, einfach und ausnahmsweise, Titel wie: ‚Heute koche ich‘, ‚Null Bock, aber Hunger. Einfache Gerichte, auf die man Lust hat‘, oder das Foto-Kochbuch: ‚Schritt-für-Schritt, es geht auch einfach‘, für den, der keine Frau im Haus und dafür zwei linke Hände hat. Wehe einem Mann gelingt es einfach so, ohne Kochbuch, genug Nudeln für alle in den passenden Topf zu werfen und sie samt Soße und Gemüse, dafür ohne FLAaaaiSCH und Küchenchaos zu servieren. Dann aber besser Rollladen runter und nicht weitererzählen, die Welt hat schon genügend schlechte Vorbilder zu bieten. ‚Wenn sie zum Frühstück bleibt. Wir erklären, was MANN braucht, um auch am Morgen danach zu bestehen.‘ Die ‚meet‘-Chefredakteurin Anke Krohmer hat doch bestimmt ihren Job bekommen, weil sie weiß, wovon sie spricht, also was Frau so will, und wie Mann zu sein hat. Anke Krohmer hat entweder keine Kinder oder es gelingt ihr total gut, Beruf und Privat zu trennen. Ist ja sowieso besser, wenn frau das kann, oder?

Ich erinnere mich an ähnliche Geschichten und Fotos beim Magazin ‚BEEF! für Männer mit Geschmack‘. Das muss gut laufen mit dem Fleisch für Männer, sonst würde wohl kaum ein Verlag das Risiko eingehen und ein zweites Blatt zum selben Thema auf den Markt werfen. Auch bei ‚BEEF!‘ schon durfte das hintersinnige Wortspiel nicht fehlen. Beef heißt nicht nur Rindfleisch, sondern auch Ärger, Streit, Stress miteinander haben. ‚meet‘ bildet da den natürlichen Gegenpol, wobei allerdings bei all den Fleischbergen, die da aufgefahren werden, der Ärger vorprogrammiert ist. Da beißt sich das Hähnchen dann irgendwann in den Schwanz, denn Fleisch essen macht ja angeblich aggressiv.Floisch

Fleisch macht „Beef“, also Ärger

Das belegte eine Studie des Phia-Instituts in Washington 2008. Die Nahrungsmittelindustrie war hochgradig alarmiert, insbesondere über den letzten Teil der Studie, der davon berichtete, dass die Gewalttaten unter den Insassen eines Gefängnisses um 20% zurückgingen, als die Ernährung schrittweise auf nahezu fleischlos umgestellt wurde. Und so wurden in der Folgezeit dann eine ganze Reihe Studien veröffentlicht, die diese Erkenntnisse widerlegen sollten. Folgen wir aber der ersten Studie, dann führt regelmäßiger Fleischkonsum zu einer Absenkung des Serotoninspiegels, jenes Hormons und Bestandteils von Schokolade, dem sie ihren Ruf als Glücklichmacher verdankt. Dieser Mangel an Serotonin führt zu destruktivem Verhalten, übersteigerter Reizbarkeit und senkt die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben. Da haben wir’s, die These für den Streit mit den Maskulinisten, die das Testosteron heranziehen, um zu erklären, dass Männer nun mal aggressiver seien als Frauen und Jungs rabaukiger. Nein, es gibt keine genetische Prädisposition, es liegt bloß an den unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten. Schließlich essen Männer laut ‚Nationaler Verzehrstudie‘ doppelt so viel Fleisch wie Frauen – und außerdem weniger Schokolade.

Eine andere Studie könnte dem männlichen Fleischkonsum ganz schnell ein Ende bereiten. Eine Forschergruppe um Yi Rao vom National Institute of Biological Science in Peking hat herausgefunden, dass eine gestörte Serotoninproduktion bei Mäusemännchen zu bisexuellem Verhalten führt. „Serotonin scheint bei Säugetieren maßgeblich dafür zu sorgen, dass das andere Geschlecht als Partner besonders attraktiv scheint. Warum das so ist, bleibt jedoch noch offen.“, schreibt die Zeitschrift ‚Geist und Gehirn‘ dazu in ihrer Märzausgabe 2011. Ob die ‚BEEF‘-Chefredaktion davon schon erfahren hat?

‚Größer Grillen‘ sind die Aufmacher von ‚BEEF!‘, oder ‚Dicke Dinger‘. Also noch mal Fleischbeschau, Bildschirmfoto 2014-04-10 um 14.03.10großformatige Hochglanzfotos von Fleisch aus allen Blickrichtungen. Zur Abwechslung mal nicht mit Bikini-, sondern mit Grillstreifen. Auf jeder Seite gibt es immer noch plumpere Assoziationen zum jagenden, starken und natürlich heterosexuellen Mann. Das Heft ist voll von „scharfen Teilen“ (Messer und Radieschen) und wilden Kerlen in Wort und Bild. Zum Abschluss gibt’s eine Liste, die das ganze gequirlte Klischeedenken noch mal zusammenfasst: „So kochen Männer. So Frauen.“ Dass nur ja kein Zweifel aufkommt: Kümmert sich Frau ums Mittagessen, ist das eine spießige, kleinliche Angelegenheit, nicht nachahmenswert und nur zu entschuldigen, wenn es danach schmeckt wie bei Muttern. Steht dagegen Mann in der Küche, dann ist das eine lässige Tat, er macht das mit coolem Hüftschwung und ausschließlich zum Spaß:

„Er packt mit beherztem Griff das französische Schwarzfederhuhn am Hintern, spreizt vergnügt dessen Schenkel und steckt die Hand tief hinein. Sie greift vorsichtig zur Hühnerburst und zupft mit spitzen Fingern die Cellophanfolie von der Styroporschale.“ (BEEF! 10/12)

Mann hat also nicht mal in der Küche seine Ruhe. Sogar wenn er sich nur was zu Essen machen will, muss er sicher gehen, dass seine Männlichkeit und Heterosexualität nicht einen Moment aus dem Zentrum rückt, selbst toten Hühnern muss er sich beweisen.

Geschlechtertrennung am Grill

Das Thema könnte ich beim nächsten Grillfest doch mal ansprechen und zur Stimmungsmache ein paar Froschschenkel auf den Rost legen. Ich bin mir sicher, die Diskussion um Frösche und Schnecken würde schnell abgelenkt von der großen Frage nach Henne und Ei: „Lass das doch die Männer machen, die spielen nun mal gern mit dem Feuer“. Sagen die Frauen und stehen den ganzen Tag in der Küche, bereiten Salate, Soßen, Dips & Co vor. Sagt die Lidl-Grillstudie von 2012: 80% der Männer geben die Grillzange nur ungern aus der Hand und die Mehrheit der Frauen will sich sowieso nicht rußig machen. Für die einen trauriges Klischee, für die anderen beruhigende Bestätigung. Die Stuttgarter Nachrichten fassen selig zusammen:

„Vielleicht liegt es also an der trauten Einigkeit am heißen Rost, dass das Grillen bei den Deutschen wieder so beliebt ist. Denn wo sonst begegnet man solch einem perfekten Zusammenspiel von Mann und Frau? Auch beim Essen ergänzen sich beide Geschlechter, denn die Männer greifen beherzt zu allen Arten von Fleisch, während sich die Frauen an fettarmes Geflügelfleisch und gesundes Gemüse und halten.“

Die Kinder schauen zu, registrieren wortlos die Zuständigkeitsbereiche. Und wenn sie älter sind, übernehmen sie die Mär von den Genen und sagen Sachen wie: „Wir Frauen sind nun mal so.“ Denn wer nie die Ausnahme sieht, erkennt Regeln, wo gar keine sind. Beim Grillausflug an der neuen Schule werfen deshalb die Jungs Zweige und Quatsch ins Feuer, damit die Mädchen schon von weitem sehen: das ist Männer-Terrain, also fern halten, sonst wirst du zur Außenseiterin. Lustige Sprüche gibt es garantiert, und zwar ganz besonders blöde von den Vätern, die es besser wissen müssten. Väter, die durchaus Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber das offene Feuer beim Picknick macht natürlich ein Mann, das versteht sich von selbst, da wird nicht groß darüber geredet, das wird nicht besprochen, da wird nichts in die Runde gefragt, sondern das macht der Mann, der am nächsten am Steinkreis steht. Mache ich das mal, kann ich mich vor Tipps kaum retten. Dabei kann ich Feuer machen, ziemlich zügig sogar und mit großer Erfolgsquote. Aber immer öfter lasse ich es, weil es offenbar als eine Art Übergriff wahrgenommen wird, als verbotener Seitenwechsel: „Ach, machst Du das heute … *hüstel*“. Oder ist da womöglich gar keine Wertung drin, sondern rein sachliche Beobachtung? Ist es vielleicht sogar positiv gemeint, im Sinne von „endlich macht das mal eine, sonst muss ich immer“? Bin ich nur zu misstrauisch?

Anerkennende Kommentare sind eigentlich noch schlimmer. „Oho, ganz professionell, warst wohl bei den Pfadfindern!“ Ich wünsche mir einfach Selbstverständlichkeit, Routine im sich Abwechseln. So häufig, dass es keinen Kommentar mehr wert ist. Kein extra Zugucken und Abwägen: „Ääh, schau mal, vielleicht solltest Du hier links noch was nachlegen!“, sondern umdrehen und weiter Gurken schneiden. Oder schon mal die Würstchen auspacken. Frau Krohmers Autorenteam sagt dazu: „Würstchen kann jeder. Zwischen T-Bone-Steak und Riesengarnelen und Spareribs entscheidet sich, wer der König der Kohle ist.“ Verstehe.

Übertrieben? Stimmt ja alles gar nicht mit dem Fleisch und mit den Männnern? Nein? Hier die ganze Klischeeversammlung in einem einzigen Spot: *Der Pizzaburger*- die kratzig-rauhe Männerstimme sagt den Typen, wie das ist, wenn Mann echten Hunger hat. Salat und Blumenvasen und all der Weiberkram ist dann doof, ist ja klar.

Appetit-Verderber

Sieht so die Freiheit aus, die wir uns für unsere Kinder wünschen? Bloß weil es in unserer Generation nicht geklappt hat und es uns heute schwer fällt zuzugeben, dass wir vielleicht gar nicht so glücklich sind mit den Rollen, in die wir uns freiwillig-erzwungen hinein gelebt haben? Ist es da wirklich eine gute Idee, den Klischeequirl noch höher zu drehen? Mit aller Macht zu beweisen, dass ganz bestimmt alles Biologie und Genetik ist, dass wir nichts dafür und nichts dagegen machen können, dass wir machtlos sind. Ich meine, wir könnten es eigentlich besser wissen, und trotzdem lassen wir unsere Kinder in die gleichen Fallen laufen. Hat uns ja auch nicht geschadet, dann kann es für unsere Kinder so schlecht nicht sein. Wirklich? Warum schauen wir so gern auf das, was unsere vorgefertigte Meinung bestätigt, und nicht auf das, was uns eines Besseren belehren könnte?

Also bitte: Es gibt kein Mädchen, an dem ein Junge verloren gegangen ist. Birne Helene oder Strammer Max, Crepe Suzette oder Bauernvesper, Salat mit Putenstreifen oder HolzfällerSteak? –  lasst uns endlich einen Punkt machen mit der Zweiteilung nach Geschlecht. Die Zuweisung  zur männlichen bzw. weiblichen Schublade verdirbt uns sonst mehr als den Appetit!

 

Foto: Nukamari via photopin cc

Foto: Nukamari via photopin cc

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Anmerkung:

Das ist einer der Texte, die es nicht ins Buch geschafft haben. Zu viel bashing… *g* Wer die Fleischinfos also lieber wissenschaftlich unterfüttert möchte, sachlichere Hintergründe darüber lesen möchte, „Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat“, findet die im gleichnamigen Kapitel „Strammer Max und Elfentrank“.

 

 Nachtrag im Oktober:

In engem Zusammenhang steht das Thema Körperbild und Diät. Wieviel darf ein Mädchen essen, und wann wird die Grenze bei einem Jungen gesetzt? Darum geht es im Kapitel 5 der Rosa-Hellblau-Falle: „Strammer Max und Elfentrank. Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat“. Hier ein paar Zeilen daraus:

>>So haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen, die im Rahmen einer Mahlzeit wenig essen, als besonders weiblich erlebt werden: Sie erscheinen attraktiver, besser aussehend und gefühlsbetonter. […] Ganz anders, wenn sie mal „ordentlich zulangt“, sagt die Ernährungs-Soziologin Monika Setzwein, die das Esseverhalten von Männern und Frauen untersucht hat. Zuschlagen und reinhauen gelte als männlich, es zeugt von Kraft und Gesundheit. Er hat einen „gesunden Appetit“, sie dagegen gilt schnell als „maßlos“, wenn nicht spürbar bleibt, dasss sie ihr Gewicht im Blick behält.<<

Hierzu kann man jetzt entweder sagen „So sind sie eben“ und „Boys will be boys“. Das erlaubt einem, sich zurückzulehnen und wegzuschauen. Oder man schaut hin, wie Mareice Kaiser, dann merkt man schnell, dass nichts davon Zufall oder gar angeboren ist. sie erzählt in ihrem Artikel „Kinder, Körper, Kommentare – nur für Mädchen?“  von den Reaktionen auf das Essverhalten ihrer Tochter. Es fängt also an, kaum, dass wir auf der Welt sind.

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

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Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

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Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

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Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

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Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.

Rollenklischees „für Väter und ihre Söhne“

Über die Seite und Tweets von @ichkaufdasnicht bin ich auf dieses tolle Produkt des Kosmos Verlages gestoßen:

„Der einzig wahre Chemie-Experimentierkasten für Väter und ihre Söhne“

Experimentierkasten-kosmos

Da gibt es an sich nichts groß darüber zu schreiben, reiht der sich doch ein in die Liste der Produkte, die gerade zunehmend auf den Markt geschmissen werden und Geschlechtertrennung betreiben, dass einem schwindlig wird, denn Gendermarketing ist offenbar der aktuelle Hit unter den Werber*innen: Klebestifte in rosa, extra für Mädchen. Schnuller in rosa für die „Drama Queen“ und das Pendant dazu für den „Bad Boy“ in Schwarz.

Feentraum-Tee in Rosa, Monster-Alarm-Tee in grün. Eine Spiele-App zum Beine Rasieren und Schnittwunden pflegen. Und eben habe ich noch einen Tweet über eine Kochzeitschrift gelesen, die sich Mutti nennt, darin ein Rezept für „Das Männerbaguette“: Nach Logik des Gendermarketing verkündet der Name einen Belag mit FLaAaaaiSCH! (- mein völlig sachlicher Artikel zu dem Thema ist in Vorbereitung fertig –> *klick*).

Aber erst jetzt sind die Dominosteine in meinem Kopf alle gefallen und mir fällt auf: Experimentierkästen von Kosmos? Das ist der Verlag, mit dem wir ein Interview über ‚Gendermarketing‘ gemacht haben. Unsere beiden Gesprächspartnerinnen des Verlags waren ganz begeistert von diesem Thema (damals ging es noch um eine Radiosendung) und freuten sich, dass daraus sogar ein Buch werden soll. Als das Manuskript der „Rosa-Hellblau-Falle“ dann vorlag, haben sie das Interview zurückgezogen. Sie sahen sich in der abgetippten Version nicht getroffen, so verkürzt wirke das banal und altbacken. Dem konnten wir nicht widersprechen.

Anlass für das Gespräch war eigentlich die Buchreihe „Die drei Ausrufezeichen“, Detektivbücher für Mädchen mit Titeln wie ‚Betrug beim Casting‘, ‚Gefährlicher Chat‘, ‚Gefahr im Fitness-Studio‘,

Foto: kosmos

Foto: kosmos

‚Popstar in Not‘, Gefahr im Reitstall‘, ‚Duell der Topmodels‘. Wir wollten wissen, warum es eine rosa Antwort brauchte auf „Die drei Fragezeichen“, eine Buchreihe mit langer Geschichte und großem Erfolg, in der die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews das Rätsel des Superpapageis, des Karpatenhunds oder des Phantomsees lösen. Und obwohl die Cover schwarz und nicht rosa waren, die drei Fragezeichen darauf keine Gesichter hatten, und obwohl es um drei Jungs ging, besaß ich als Kind einige Bände davon, die anderen holte ich mir aus der Bücherei. Heute stehen sie im Buchregal meiner eigenen Kinder, und ich kann nichts Positives daran erkennen, dass sie nun plötzlich als Jungsbücher gelten sollen.

Wo Bob, Peter und Justus als kluge Experten knifflige Fälle lösten – natürlich, beim Bechdel-Test sind sie durchgefallen, aber warum agieren stattdessen in den Geschichten mit den drei Ausrufezeichen keine taffen Frauen, sondern Mädchen, die Aerobic-Stunden nehmen, sich über Pferde und Schminke unterhalten und sich für ältere Jungs interessieren? Brüder, Väter und Kriminalkommissare springen ein, wenn die Drei mal Hilfe brauchen. Aber gut, lassen wir das mal so stehen, denn das Interview wurde ja zurückgezogen, also landen die Zitate in der Tonne, die verraten, dass Mädchen sich nun mal dafür interessieren und der Verlag ja nichts verstärkt, sondern die Leserinnen nur bei ihren Interessen abholt.

Das darf ich hier schreiben, denn auf diese Antwort hat der Kosmosverlag keinen Alleinanspruch, das sagen nämlich alle, die auf Gendermarketing setzen oder es rechtfertigen: Die Frauen/Männer, die Mädchen/Jungen „bei ihren Grundbedürfnissen abholen“. Als ob es ein Rosa-Gen gäbe, und eins für Pferdeinteressen (uuups, ich selbst habe wohl einen Gendefekt, was ein Glück!) und noch eins fürs Schminken… Und nein, niemand, den wir dazu befragt haben, kein Unternehmen hält sich für einflussreich genug, um Stereotype festzuschreiben. Nach dem Motto ‚Die anderen machen das ja auch‘. Das sagen meine Kinder auch immer, wenn sie verhindern wollen, für den letzten Unsinn alleine zur Verantwortung herangezogen zu werden.

Das Gespräch war trotzdem sehr erhellend, und die Informationen über die Vermarktung von Büchern und Experimentierkästen konnten wir für unser Buch trotzdem verwenden. Zum Beispiel, dass auf Produkten, die sich an Mädchen und Jungen richten, entweder beide Geschlechter abgebildet werden oder aber sicherheitshalber nur Jungs. Dagegen funktioniere ein Experimentierkasten, der für alle Kinder gedacht ist, nicht, wenn darauf nur Mädchen abgebildet sind. Die können sich zwar mit Jungs identifizieren, aber andersherum sagen dann die Jungs ‚Iiih, da ist ja ein Mädchen drauf, das will ich nicht haben‘. Eltern und Großeltern haben sich dann sowieso schon dagegen entschieden. Soviel zum Thema Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Kein Wunder, dass „Du Mädchen“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen ist. Aber da geht’s ja nuuur darum, dass sich Kinder eben vom anderen Geschlecht abgrenzen, das sei ganz normal in dem Alter. Ja, von wegen. Das kann als Argument erst gelten, wenn auch „Du Junge“ zum Schimpfwort taugt, tut es aber nicht.

Abgrenzung bedeutet immer auch Gleichmacherei dies und jenseits der willkürlich gesetzten Grenze. DIE Mädchen im allgemeinen mögen nun mal…, Und Jungs sind eben meistens…  – so so! Erwachsene, die Spielzeug herstellen, bewerben und verkaufen, sollten Kindern helfen, sie zu überwinden, ihre Wertung zu hinterfragen. Stattdessen sorgen die Befürworter*innen des Gendermarketing immer schön weiter dafür, dass Mädchen und Jungen in ihren Schubladen bleiben und sich vom anderen Geschlecht abgrenzen. Warum? Weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Seit es die Drei Ausrufezeichen gibt, sind die Verkaufszahlen beim Verlag insgesamt gestiegen.

Immerhin finde ich den Kasten ‚für Väter und ihre Söhne‘ nicht mehr auf den Kosmosseiten. Die letzten verbleibenden Exemplare werden noch in ein paar Läden verramscht, und das geschieht ihnen ganz recht.

 

 

Sexistische Werbung – wer definiert die Grenzen?

„Sexismus ist nicht zwangsläufig nackt.“

(@JakobTheresa)

 

„Außenwerbung trifft! Jeden. Auf Straßen und Plätzen der Städte, entlang der Autobahnen, an Bahnhöfen, auf Flughäfen sowie im Linien-, Nah- und Fernverkehr steht sie im permanenten Kontakt mit der Bevölkerung. Immer, überall, 24 Stunden an jedem Tag des Jahres, unausweichlich, unübersehbar.“ 

–   So wirbt der Fachverband Außenwerbung e.V. für sich selbst und es klingt wie eine Drohung. Tatsächlich ist es eine, denn die Zeilen macht klar: wir haben keine Chance, der Werbung und ihren überzogenen, angeblich ironischen, klischeehaften Botschaften zu entgehen. Der Fachverband Außenwerbung verstellt uns mit seinen bunten Plakaten über Monate hinweg den Weg: es sind die Bilder von  Models, die mit buntem Puder beschossen, also mit Werbung überschüttet wurden. Der Fachverband Außenwerbung hält uns seine Drohung direkt unter die Nase: Plakate, digitale Bildschirme, Riesenposter, LED-Wände an zehntausenden von hochfrequentierten Stellen im öffentlichen Raum. Werbung für Werbung, die uns zeigt, wer die Macht hat, und wie mit dieser Macht umgegangen wird.

Nun soll es in Berlin-Friedrichshain auf bezirkseigenen Flächen (es geht nur um 4! Wände ) keine sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung mehr geben. Doch weil das geplante Verbot eine Debatte auslöste gibt es jetzt einen Änderungsantrag: Erst werden Plakate gehängt, und wenn es Beschwerden gibt, werden sie überprüft – wie das ablaufen soll, bleibt noch offen. Ich finde Susanne Hellmuths Antwort (Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Queer der BVV Friedrichshain-Kreuzberg) auf Harald Martensteins Beitrag eigentlich deutlich und verständlich genug, sie legt dar, was sie unter diskriminierender Werbung versteht und was nicht, aber die Kommentare darunter zeigen, dass es noch lange keine Einigung geben wird in der Diskussion darum, ob Werbung eigentlich alles darf. Es gibt offenbar keine einheitlichen und schon gar keine für alle nachvollziehbaren Kriterien dafür, wo die Grenzen sexistischer Werbung liegen, und deshalb ist es auch eine schwierige Entscheidung, wer diese Grenzen definieren und setzen darf. Ist es das?

Ich stimme Silke Burmester zu, die froh ist „dass man nicht Frauen fragt, ob Werbung sexistisch ist. Die haben so viel Nagellack im Kopf, Fiat 500 und Milchschaum, die sind so damit beschäftigt, ihre Brüste hochzuschnüren, die können das einfach nicht beurteilen.“ Da schließt sich der Kreis bis hin zum Gender Pay Gap, denn rechnen können sie ja auch nicht.

Im Deutschen Werberat sitzen deshalb überwiegend Männer, erst vor kurzem wurden drei Frauen zusätzlich berufen. So ein Zufall aber auch. Ich kann mir gut vorstellen, wie die zukünftige Argumentationsstrategie des Werberats lauten wird, in etwa so: „Wir haben auch Frauen im Gremium, die kein Problem mit dem von Ihnen kritisierten Werbeplakat haben, da kann es so sexistisch ja nicht sein.“ Auf dieser Schiene argumentierte auch die ARD damals mit ihrem sexistischen Knetmännchen-Spot, bei dessen Produktion auch Frauen beteiligt waren. Doch das ist ein Trugschluss. Nur weil auch viele Frauen sexistische Werbung nicht als solche erkennen, einen Spot lustig-subversiv und ach so ironisch-spaßig finden, ist er deshalb nicht weniger sexistisch. Das läuft nämlich auf derselben Argumentationsschiene, die auch Bushido nutzt: „Ich bin selbst Ausländer, ich kann also kein Rassist sein.“ Von wegen.

Der österreichische Werberat hat klare Kriterien für sexistische Werbung und schreibt: „Die Werbung vermittelt uns Schönheitsideale, Körperbilder, Lebensstile und treibt Menschen zu maßlosen Diätkuren, chirurgischen Eingriffen, lässt sie zu Anabolika und Stereoiden greifen und erhebt die heterosexuelle Mann-Frau-Beziehung zur gesellschaftlichen Norm.“ Dass das so ist, dazu gibt es genug Untersuchungen, die belegen, dass die subjektive Überzeugung, Werbung zu durchschauen, ihr widerstehen zu können nach dem Motto „Also ICH? Nein! Ich lasse mich nicht von Werbung beeinflussen“ schlicht falsch ist.

„Werbung ist wie Fußball: Jeder ist ein Experte und weiß genau, wann, wie und wo sie wirkt. Oder auch, wann sie absolut unwirksam ist: nämlich bei einem selbst. Werbung wirkt immer nur bei den anderen, bei den Doofen. Man selbst ist absolut unbeeinflussbar. Glaubt man wenigstens.
Dabei wissen selbst Experten viel weniger darüber, wie Werbung wirkt oder – schlimmer noch – ob sie überhaupt wirkt. Sie behaupten das nur. In Wahrheit haben sie wenig oder gar keine Ahnung. Die meisten Fragen zur Werbewirkung sind völlig ungeklärt. Doch die Werber in den Agenturen und die Forscher in den Markt- und Mediainstituten erzählen ihren Kunden das Blaue vom Himmel herunter, um ihnen weiszumachen, dass sie alle Werbewirkung bestens im Griff haben. Den Teufel haben sie.“  Wolfgang Koschnick in einem Artikel auf konsumpf.de

Manchmal braucht es keine Argumente in Worten. Dieses Video zeigt, dass dieses „Den Teufel haben sie“ der Realität entspricht:

Doch die Gegner jeder Diskussion, in der es darum geht, sexistische Werbung zu verhindern, schreiben „Zensur!“, „Kontrolle!“ und behaupten, unsere Wirtschaft brauche (wirklich diese Art?) Werbung, sie pochen auf das Recht auf freie Meinungsäußerung. Warum sind viele an dieser Stelle so großzügig und vertreten die Haltung „Man wird es wohl noch sagen dürfen“. Das ist auch Sarrazins und vieler Leute Argument, wenn es darum geht, Unterstellungen, Meinungsmache und Manipulation in die Öfffentlichkeit zu schütten, ohne sich im Anschluss um eine fachgerechte Entsorgung zu kümmern. Die Folgekosten und -schäden sind enorm.

wo

 

Nachtrag:

Hier habe ich eben einen Tweet bekommen, der dieses dolle Phänomen des „Sexismus in Kleidern“ nochmal im Bild vorführt: die ärmellosen Girls  im linken Grüppchen, die Experten auf der rechten Seite gruppiert. Botschaft: Menschen können nur das eine oder das andere sein, Girl oder Expert, Lippenstift oder Krawatte. Und natürlich (pffff) hängt alles davon ob, welches Geschlecht du hast. Echt jetzt?

Markenbewusstsein …

 

Wie klein darf ein Papierschnipsel sein, damit Du den Hersteller trotzdem noch erkennst? Wie tief haben sich Markenlogos in unser Bewusstsein eingegraben? Sogar als Müll wirken sie noch nach und verbreiten ihre Botschaft im öffentlichen Raum.

„Man kann auch mit Müllabfällen schreien“ – Kurt Schwitters (1887-1948)

Werbemenschen lieben Geschlechterklischees

Alles nur ironisch gemeint?

Damit hat sich der Deutsche Werberat schon öfter rausgeredet. Auch als sich Pinkstinks.de gegen sexistische Werbung allüberall ausgesprochen und eine Petition gestartet hatte. Ist doch nichts dabei…, man wird doch wohl mal…, lustig-lustig…

Es ist vorgestrig, dass Frauen in der Werbung ständig auf alte Muster reduziert werden.   Aber glaubt man den Werbemacher_innen, sind Männer und Frauen nun mal fürchterlich einfach gestrickt. „Der Wandel der Gesellschaft fordert Gender Produkte“ weiß die Basler Redaktion von foodnews.ch. Deshalb gibt es einen Chipshersteller, der seit Herbst Chips in zwei nach Geschlecht getrennten Tüten verkauft, die einen für den „Mädels-“ die anderen für den „Männerabend“. Damit da nichts durcheinander kommt, die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Das erkennt mann und frau auch daran, dass Frauen Joghurt soooo sehr lieben. Die Werbung weiß das. Und Sarah Haskins macht sich über diese „natürliche“ Verbindung in ihrer Serie ‚Target Women‘ (die leider inzwischen eingestellt wurde, aber hier kann man sie noch sehen) auf ihre Weise lustig :-)

Walulis informiert dafür in seinem Werbespot zum ‚Pure Beef Burger‘ umfassend über Flaaaiisch für den echten! Mann, ausführlicher und stringenter in der Argumentation ist keine Grill- oder Würstchenwerbung:

 

Vielen Dank auch an Antje Schrupp, die einen Brief von Susanne Enz veröffentlicht hat. Anlass: Frauen- und Männerbratwurst – jawohl, das braucht die Welt – mit den passenden klischeehaften Aufklebern auf der Packung. Und Caprisonne wirbt für den „Elfentrank“, indem sie die Verpackung mit rosa bedruckt: „lässt Mädchenherzen höher schlagen“ – das könnte auch an der Zuckermenge liegen, jede Überdosis geht aufs Herz, aber na gut. Jedenfalls unterscheidet sich der Inhalt nicht wirklich von anderen Caprisonne-Angeboten, aber es steigert den Umsatz, wenn man speziell ein Produkt für Mädchen anbietet und ein zweites, das Jungs anspricht. „Geschlecht ist ein Riesengeschäft“, sagt die Wiener Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner im Gespräch mit Lukas Elsler und Theo Starck im Münchner Studentenmagazin ‚philtrat‘. Gendermarketing ist so erfolgreich, dass dafür sogar das Binnen-i akzeptabel wird: „Für SalatesserInnen“ werben die Fastfood-Leute mit dem gelben M. Um das Binnen-i wird sonst so verbissen gestritten, unnatürlich sei es, es störe den Lesefluss und überhaupt, eine Sprachverhunzung… Aber wenn es um Salatwerbung geht, da passt es plötzlich.

So viel zum Essen, dabei könnte es ewig so weitergehen, nichts davon ist erfunden: Frauen- und Männersenf, Kekse extra für Mädchen… Gendermarketing, Rollenklischees und sexistische Werbung – das Thema hat schon manche_n fassungslos gemacht. „Die Dose trägt Dessous – hi hi“, Silke Burmester findet’s auch total lustig. Aber hey, wer den Sinn sexistischer Werbung nicht versteht „und keinen Humor hat, der sollte in nächster Zeit vielleicht alle Medien meiden“, findet die „nnz-online“-Redaktion in Nordhausen, als die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt eine schlüpfrige Werbeanzeige der Zeitung kritisiert.

Aber wenn ein sexistischer Spot oder ein Plakat witzig sein will und in der Darstelllung übertreibt, dann ist er deshalb immer noch nicht zum Lachen, und zweitens nicht weniger sexistisch. Anita Sarkeesian macht das in ihrem Video über ‚Retro sexism and ironic advertisting‘ an vielen Beispielen anschaulich:

Die Werbewatchgroup Wien fasst zusammen, dass es egal ist, in welcher Rolle Frauen und Männer in der Werbung inszeniert werden, die grundlegenden Geschlechterstereotype blieben immer die gleichen: Frauen würden als abhängig, verständnisvoll und emotional dargestellt, Männer dagegen als unabhängig, dominant und zielstrebig:

„Die Reduktion der Werbung auf die Zweigeschlechtigkeit und auf klassische weibliche und männliche Stereotype ist weit davon entfernt, die Bandbreite der Geschlechteridentitäten, deren Verhaltensweisen und Lebensstile abzubilden. Unsere Lebensrealität ist ungleich vielfältiger und widersprüchlicher, als es uns die Werbung glauben machen will“.

Eine Deutsche Watchgroup gibt es meines Wissens nicht, aber immerhin stellt der Deutsche Werberat ein Beschwerdeformular zur Verfügung, über das Menschen auf derart lustig-ironische Werbung aufmerksam machen können.

„In der kommerziellen Werbung dürfen Bilder und Texte nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen. Insbesondere darf Werbung – gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – nicht den Eindruck erwecken, dass bestimmte Personen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf und Familie willkürlich behandelt werden können“ – so die Grundsätze des deutschen Werberats.

Leider ist für den Werberat die Grenze nur selten überschritten, dort findet Mann seit 40 Jahren (noch nicht so lange wurden drei Frauen „extra berufen“) so manches lustig-ironisch, was weit über „erotisch“ oder „sinnlich“ hinausgeht. Trotzdem hoffe ich, dass viele diese Gelegenheit nutzen, damit nicht noch mehr Küchenparadise mit devoten, Deos mit kopflosen und Speditionen mit nackten Frauen werben.

Wenn das Formular schon mal jemand von Euch genutzt hat und die Antwort hier zitieren möchte, freue ich mich über Infos dazu!

 

„So einfach geht Werbung!“ – wirklich?

 Werbung von oben herab

Werbung und ihre Macher_innen bequatschen uns durch Plakate, Logos, Spots täglich und von allen Seiten. Erst erzählen sie uns, was uns alles fehlt, was wir alles brauchen um richtig zu sein, um sexy zu sein, manipulieren uns mit ihren Texten, Bildern, Botschaften und dann lachen sie auch noch über uns, sagt der Streetart-Aktivist Banksy. Das mag sich übertrieben anhören, es sind doch alles nur Angebote, das gehört zur Marktwirtschaft, jeder informiert so gut er kann über sein Produkt, kauf es oder lass es sein. – Wirklich?

[cryout-pullquote align=“left|center|right“ textalign=“left|center|right“ width=“33%“]“People are taking the piss out of you everyday. They butt into your life, take a cheap shot at you and then disappear. They leer at you from tall buildings and make you feel small. They make flippant comments from buses that imply you’re not sexy enough and that all the fun is happening somewhere else. They are on TV making your girlfriend feel inadequate. They have access to the most sophisticated technology the world has ever seen and they bully you with it. They are The Advertisers and they are laughing at you. – Banksy“[/cryout-pullquote]

Letzte Woche bin ich an einer Kreuzung an einer großen Werbetafel vorbeigefahren (Foto davon siehe oben) und auf dem Rückweg gleich nochmal: eine Rätselaktion mit Lückentext, wir Konsument_innen dürfen lösen, einsenden und gewinnen dann (bestimmt, hmm, klar doch!) ein iPhone oder iPad…

Ich finde ja, dahinter verbirgt sich eine überaus arrogante Haltung. Der Subtext dazu: „Schaut her, wir kriegen euch mit diesen simplen Zeilen dazu, uns eure Adressen zu schicken. So einfach ist Werbung – so leicht beißt Ihr Leute an, seht her, wie wenig wir dafür brauchen. Ein bisschen Gewinnspiel, eine große Fläche und ein leerer Satz.“

Oder kann man’s auch netter lesen? Ist da irgendwas Sympathisches dran, das ich verpasst habe?

 

Adbusting, Culture Jamming und konsumpf.de

 

 

 

Für unsere Radiosendung ‚Kulturelle Störgeräusche‘ hatten wir Anfang des Jahres auch den Konsumkritiker Peter Marwitz getroffen, auf den wir über seinen Blog www.konsumpf.de aufmerksam geworden waren. In seinem „Forum für kreative Konsumkritik“ schreibt er über die Auswüchse von Reklame und Marketing und macht an vielen Beispielen deutlich, dass wir keinesfalls so immun gegen die allgegenwärtigen Logos und Kaufaufforderungen sind, wie wir es gerne wären und wie viele tatsächlich von sich denken. Zwischen 5.000 bis 10.000 Werbebotschaften erreichen uns täglich, schätzen verschiedene Kommunikationsforscher_innen. Marktforschungsinstitute bestreiten diese Zahl natürlich. Henner Förstel, Projektmanager und Werbeforscher, beispielsweise meint in einem Artikel von oekotest.de: „Zählt man nur die Werbespots, die der Konsument aktiv wahrnimmt, so sind das viel weniger, als man glaubt.“ Ein zynischer Einwand von Seiten der Werbeindustrie, beschäftigt sie sich doch seit langem mit dem Einfluss unbewusster Botschaften. Gerade darin liegt doch die Brisanz des Themas.

Adbuster und Culturejammer wie der Kanadier Kalle Lasn, Gründer der Media Foundation und des Adbuster Magazine, kämpfen weltweit gegen die Dauerbeeinflussung der Konsumgüterindustrie. Und auf konsumpf.de findet sich eine spannende Sammlung an Fotos und Artikeln diverser Anti-Werbeaktionen. Marwitz weist zum Beispiel auf eine nette Adbusting-Aktion hin, „Russenkälte“:

Tipps:

  • Kalle Lasn: Culture Jamming – Das Manifest der Anti-Werbung. Freiburg 2005
  • Buy Nothing Day: Kalle Lasn auf youtube
  • Naomi Klein: No logo! München 2001