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hauteng in lila oder sackweit in blau

Es ist 1 Uhr nachts und ich habe mich in den Kommentaren verhakt. Das Nuf hat einen Blogpost über meinen Nachmittag vorgestern in der Bonner Innenstadt geschrieben, obwohl sie gar nicht mit dabei war. Obwohl sie den Rumms gar nicht gehört haben kann, als mich bei Ernstings-Gedöns der Schlag getroffen hat.


Da steckte nämlich meine Tochter in der Umkleidekabine fest, ich hing davor in einer Ecke mit einem Arm voller Hosen, die ich aus dem Regal eingesammelt habe, über dem ‚Für Jungs‘ oder ‚Boys‘ oder weiß der Geier was steht. Jedenfalls ist ein Junge darüber abgebildet, auf den Hosen steht JuHose und es gibt sie zwar in orange, leuchtendem Blau und einfach jeansfarben, und ich war froh eine scheinbar neutrale Alternative zum Angebot aus der Mädchenecke zu haben. Denn dort war alles entweder in pink-rosé, mit Schmetterlingen oder hauteng. Doch die Alternativhosen sind sackweit, haben einen sehr hohen Bund und werfen Falten auf Hüfthöhe. Meine Tochter steckt also in der Umkleide fest und erklärt mir durch den Vorhangschlitz: „Jetzt habe ich das aber gesehen, dass das eine Jungen-Hose ist, und dann ist die eben gleich ein bisschen komisch, das kann ich jetzt auch nicht mehr vergessen.“

DSCN5343Ich bin total genervt und muss aufpassen, dass ich es nicht an ihr auslasse, denn ich finde, sie kann nichts dafür. Sie kann wirklich nichts dafür, dass alle Mädchen-Unterhemden, die ich finden konnte, Spaghetti-Träger haben. Dass es kaum T-shirts ohne Aufschrift gibt, und keine nicht-gegenderte dabei war. Dass die ganze Warenwelt Kindern in Wort und Bild von allen Seiten eintrichtert: So sind sie, die Jungen, bist du einer, dann kaufe hier. Und so anders sind sie, die Mädchen, bist du eins, dann komm hier rüber. Es ist doch völlig klar, dass es nur die wenigsten Kinder wagen, diese zwar unsichtbare und doch meterhohe Grenze zu überschreiten.

DSCN5339Wenn wir Kinder in zwei Gruppen einteilen, in die Gruppe der niedlichen Mädchen, die Rosa mögen und in die andere Hälfte der coolen Jungs, die auf gedeckte Farben stehen, dann ist doch klar, dass unsere Kinder zu ihrer jeweiligen Gruppe dazugehören wollen. Kinder wollen keine Außenseiter sein. Und wenn es nur um Farben ginge, dann gäbe es dazu gar nichts weiter zu sagen. Wir könnten uns noch ein bisschen ärgern, dass Jungen doch auch Rosa mögen, es wären aber nur Farben! Doch leider geht es ja nicht um die farbige Oberfläche des rosa-hellblau-Themas, sondern es geht um die Eigenschaften und Interessen, die mit diesen Farben verknüpft werden. Bei Schulranzen, Klebestiften und Mäppchen. Bei Freundebüchern, Aufklebern und Bastelsets. Bei Seifenblasen, Bällen und sogar Spielzeugpistolen. Bei Muffinbackmischungen, Brause und Trinkflaschen. Also auch bei Schuhen, Pullis und Unterhosen. Auf „Mädchenkleidung“ sind Schmetterlinge, Perlen, rosa Blümchen, Häschen und Pferde drauf. Auf blau-brauner „Jungenkleidung“ steht ‚Race‘ oder ‚Formel 1‘ und es sind Autos, Skateboards oder wilde Tiere drauf. Und DAS ist doch der große Ärger an der Sache. Nicht die Farbensortierung allein, sondern dass Kinder in ihren Interessen und Eigenschaften eingeschränkt werden auf niedlich-lieb-hübsch-nett auf der einen Seite und mutig-unabhängig-cool und wild in der anderen Abteilung. „Boys will be Boys“ – so sind sie eben, oder wie? Henne oder Ei? Kinder kommen nicht auf die Welt und wollen einen Pulli mit einem bestimmten Aufdruck drauf. Mädchen entscheiden sich nicht – schwupps – kaum auf der Welt, dass sie ab jetzt auf Rosa stehen und Tiere mit Fell süß finden, genausowenig sich wie Jungen von Geburt an für Technik interessieren. Es gibt kein Auto-Gen, kein Prinzessinnen-Gen, nichts, das rechtfertigen würde, warum Kindern verwehrt wird, frei aus dem gesamten Angebot zu wählen. Doch die Verbindung Mädchen = hübsch, Junges = cool wird durch Kleidung, Spielzeug, Buchtitel, Filme, Werbung derart fest gezurrt, dass wir gar nicht mehr sehen, wo überall im Alltag wir sie verstärken. Wir Erwachsenen sorgen schon vor der Geburt dafür, dass unsere Kinder von Anfang an sehen und lernen, welche Hälfte der Welt wir für sie vorgesehen haben. Kleine Kommentare („Hast Du heute das Shirt deines Bruders an?“), aufmunternde Blicke bei der „richtigen“ Wahl, andere nonverbale Zeichen mögen leichter zu übersehen sein. Aber bei der überwältigenden Flut von Bagger-Piraten und Hello Pippi-Aufdrucken auf jeder Art von Produkt, das für Kinder angeboten wird, müsste doch für alle offensichtlich sein, wieviel Einfluss wir hier nehmen. Für viele ist es das bestimmt auch, und vielleicht sind darunter sogar Designer*innen, Werbefachleute, Einkäufer*innen und Ladenbesitzer*innen. Doch sie sind entweder in der absoluten Minderheit, oder sie stellen den finanziellen Gewinn über alles. Ich fürchte, das zweite ist der Fall.

 

Die Lösung? Heute Nacht habe ich sie nicht mehr. Morgen nähe ich ein kunterbuntes Shirt aus Stoffresten fertig. Ich kann nur hoffen, dass mein Sohn es anziehen wird, denn auch er hat längst gelernt, was die Umwelt von einem Zehnjährigen erwartet. Kommentare für sein grünes Nickikleid hat er schon mit drei Jahren einstecken müssen. Heute geht er dieser Art Auseinandersetzung lieber aus dem Weg und passt sich an. Wen wundert’s.

„Alles Scheiße außer Flohmarkt“ (schreibt stilhäschen), und das ist auch mein Motto. Die Suche ist auch dort eher mühsam, aber es gibt wenigstens keine Schilder drüber, die festlegen, dass das rote Shirt für Mädchen sei.

Und in der Zwischenzeit warte ich, dass das Nuf’sche Konzept Wirklichkeit wird:

Ein Laden für Kinderkleidung für Mädchen UND Jungen.

Wirklich völlig abgefahren!