Tag Archives: Gender

Wir und die anderen.

Gendermarketing ist das rosa-hellblaue Ungetüm, über dessen Einfluss und Überfluss sich viele einigen können. Wohl deshalb werden wir besonders zu diesem Thema häufiger befragt als zu anderen Phänomenen, die wir mit der Rosa-Hellblau-Falle ins Bewusstsein rufen wollen. Aus unserer Sicht sind ja die alltäglichen Kommentare Erwachsener genauso, wenn nicht präsenter im Alltag und deshalb einschränkender für Kinder. Aber da geht es nicht ums Geld. Da sind auch nicht die anderen schuld. Da geht es darum, sich selbst an die Nase zu fassen. Unangenehm. Wer mag das schon. Verkauft sich deshalb auch nicht so gut als Zeitungsartikel. Wir versuchen es trotzdem immer wieder anzusprechen, denn die meisten gehen davon aus, ihre Kinder „neutral“ zu behandeln, tun es aber nicht, wir auch nicht, weil das gar nicht möglich ist.

Chips aus Italien. Rosa-Hellblaues-Urlaubs-Mitbringsel.

Gendermarketing – die Beispiele haben sich weiter gestapelt in den letzten Wochen, während wir Urlaub gemacht haben. Wir kommen kaum hinterher, sie zu sammeln. Wir sind sie, ehrlich gesagt, längst leid. Immer dieselbe Botschaft: Jungs sind cool, Mädchen hübsch. Langweilt das nicht, wenn man im Marketingbereich arbeitet? Gibt es keine neuen Ideen, Produkte an Kinder zu verkaufen? Wo es doch schon beim Einkaufen nur noch Gähnen und Weitergehen auslöst. Bei mir zumindest. Verena Hasel hat mich für ihren Artikel „Rosa und hellblau.“ in der ZEIT interviewt, und sie listet die vielen Produkte der letzten Monate auf, Zeile um Zeile ein rosa-hellblaues Grauen. Eigentlich veranschaulicht die lange Liste, dass hier etwas schief läuft, sollte man meinen. Also besser nicht die Kommentare lesen, denn nicht alle wollen wahrhaben, dass Werbung unsere Entscheidungen beeinflusst: „Jungs wollen Autos und Mädchen alles in pink. Und das ganz von selbst.“ Ach! Soso! Willkommen in der Rosa-Hellblau-Falle :-)

In einem Pro-Contra-Artikel „Sexistische Werbung verbieten?“ der Zeitschrift ‚Publik Forum‘ argumentiere ich für die Pro-Seite, aber Katja Suding, FDP, meint tatsächlich  „Mein Weltbild sieht den mündigen Menschen vor. Und der ist selbst in der Lage, unangemessene Werbung zu bestrafen, indem er das beworbene Produkt nicht kauft. Als Kundin und als selbstbewusste Frau entscheide ich, ob ich das Frauenbild, das Unternehmen mit ihrer Werbung zeichnen, unterstütze oder ablehne.“ Herrlich naiv, finde ich! Was schert sie der Milliardenumsatz der Werbeindustrie, die Forschung der Werbepsychologie, wie Botschaften aussehen müssen, damit sie unser Unterbewusstsein erreichen, zum Teufel mit all dem Wissen der Minimalgruppenforschung, Studien zum Stereotype Threat? Pfff, mal eben in die Tonne gekloppt, denn mit „mündiger Bürger“, mit „Freiheit“ und Nicht-reinreden-lassen erreicht man mehr potentielle Wähler. Das ärgert mich, wenn eine Politikerin auf diesem Weg Stimmung für sich macht. Deshalb schreiben wir genau darüber einen ausführlicheren Artikel für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (Link folgt) Und auch sonst ist in den nächsten Wochen viel los:

Die Ferien sind vorbei, Schulbeginn in NRW und mit unserer Jüngsten haben wir jetzt alle drei Kinder in der weiterführenden Schule :) Der rosa Schulranzen hat also demnächst ausgedient, wir erreichen das blau-türkis Alter und die Haare müssen laaaang sein (Alles selbst entschieden, loggisch! ;)

Sascha gibt ein rosa-hellblaues Interview für das hr1 Morgenmagazin. Am 3. September sind wir in Kochel am See und geben ein Seminar „MINT-Berufe. Kein Platz für Frauen?“ gemeinsam mit Sylvia Kegel vom Deutschen Ingenieurinnenbund.

Wir sind auf Interviewtour für unsere nächsten, eigenen Radiosendungen, die vorerst gar nichts mit Rosa-Hellblau zu tun haben, denn bei der ständigen Präsenz des Themas, sind wir sehr dankbar, dass wir auch andere Felder beackern dürfen (Wen’s interessiert, hier steht mehr über unsere Radiothemen). Und ich freue mich auf viele Seminare rund um das Themengebiet ‚Kommunikation‘: Vorlesen, Präsentieren und Sprechen am Mikrofon zum Beispiel. Und so werden wir auch beim zündfunk-Netzkongress im Oktober nicht über Rosa-Hellblau sprechen (ok, ein bisschen vielleicht), obwohl das Thema „Mind the Gap“, „Schließt die Lücken!“ ja wie die Faust aufs Auge… violett… Nein, wir haben uns anders entschieden.

Macht aber nichts, denn davor und danach sind wir in Hamburg und in Pforzheim und in Schwäbisch Hall mit Workshops und Lesungen in Sachen Rosa-Hellblau unterwegs, vielleicht auch in Aachen und anderswo. Es verlässt uns also keineswegs das Glitzerkichern und das Monstergrollen und wir freuen uns über Anfragen und Austausch dazu.

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

von Almut

 

P.S.

Wenn Ihr Beispiele habt aus Eurem rosa-hellblauen Alltag, Szenen, Momente, Kommentare, dann teilt sie mit uns. Hier in unsere Sammlung könnt Ihr sie eintragen: >submit<

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfalle :)

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfallen.

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

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Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

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Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

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29.2. ist Equal-Care-Day

Happy Equal-Care-Day!

Alle Infos, Statements,… dazu unter

www.equalcareday.de

(Evtl. den Cache des eigenen Browsers löschen,

kann sein, dass die Umleitung dort noch gespeichert ist und wieder hierher zurückführt.)

 

Equal-Care-Day: er sieht den Dreck nicht, sie ist pingelig?

Bitte kein Heute-putzt-mal-der-Mann-Gedenktag!

Wir setzen uns dafür ein, den 29. Februar als Equal-Care-Day einzuführen, um an diesem zusätzlichen Tag im Schaltjahr auf die mangelnde Wertschätzung und ungerechte Verteilung von Care-Arbeit nicht nur, aber gerade auch in Deutschland aufmerksam zu machen. Die ungleich verteilte Hausarbeit, die ZEIT ONLINE anlässlich unserer Equal-Care-Day-Idee in den Fokus nimmt,  ist zwar Teil dieses Themenkomplexes, doch wir wünschen uns vor allem mehr Aufmerksamkeit für Care-Arbeit im Sinne von Fürsorge, beruflich wie privat, also Kinderbetreuung, Pflege von Alten, BeHinderten, Kranken und auch dem eigenen Körper, sich selbst gegenüber. Denn leider hat sich unsere Gesellschaft dahin entwickelt, dass die Arbeit mit und an Maschinen mehr Lohn und mehr Wertschätzung verdient, als jene, bei der Menschen im Mittelpunkt stehen. 

 Doch offensichtlich regt der Text von Tina Groll viele dazu an, sich übers Putzen, Waschen, Kühlschrank Füllen Gedanken zu machen. Und weil sich in den Kommentaren die #rosahellblaufalle öffnet, sich ein „Ihr Frauen“ vs. „Wir Männer“ und andersherum ausbreitet, wollen wir auch zu diesem Aspekt ein paar Zeilen schreiben. 


Geschlechterkampf ??

Wieso lassen sich so viele in der Diskussion um Zuständigkeiten und Rollenbilder auf ein Gegeneinander ein und unterstützen damit jene, die in unterschiedlichen Kontexten von „Geschlechterkampf“ schreiben? Wir leben in einer Zeit, in der jede dritte Ehe geschieden wird, homosexuellen Paaren die Fähigkeit abgesprochen wird, Kinder großzuziehen, und viele Kinder mit nur einem Elternteil aufwachsen. Eine Zeit, in der gleichzeitig Fernsehshows „Jungen gegen Mädchen. Der Kampf der Geschlechter“ konzipiert werden und der Kinofilm, der Star Wars von Platz eins der Kinocharts verdrängt hat, den Untertitel „Jungs gegen Mädchen“ trägt. Nicht zu sprechen vom Konzept des Gendermarketing, das seit gut 10 Jahren darauf setzt, uns weiszumachen, Frauen und Männer hätten von Grund auf unterschiedliche Interessen, bräuchten verschiedene Versionen von Chips, Bratwürstchen und Socken, von Fahrrädern, Armbanduhren und Nassrasierern. Eine Werbestrategie, die auf ein geschlechtergetrenntes Angebot setzt, als lebten Frauen und Männer in zwei grundsätzlich getrennten Welten. Welchen Nutzen haben wir dadurch? „Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt“, argumentieren die Gegner*innen geschlechtergerechter Pädagogik und kaufen Bücher mit Mars und Venus oder Einparken und Zuhören im Titel. Comediens machen Witze über Seine Einsilbigkeit und Ihre Geschwätzigkeit und wir helfen mit, dass sie damit Turnhallen füllen. Welchen Nutzen sehen wir darin, in einen „Geschlechterkampf“ einzusteigen und dabei zu behaupten, alles wäre nur lustig gemeint, und sowieso gäbe es biologische Gründe für diese Unterschiede? Biologische Gründe für geschlechtergetrennte Deo- und Shampoo-Regale? Und worin bitte liegt der Nutzen bei rosa-geblümten und hellblauen Alternativen bei Putzmitteln für die Scheibenwischanlage? Womit wir zurück wären beim Streit ums Putzen. Nein, bei der Frage, ob das Putzen einen Streit wert ist. Denn die Frage „Wie könnten wir es gemeinsam besser hinbekommen?“, würde dem Thema gut tun. Stattdessen entscheidet sich die Mehrheit für Schuldzuweisungen, Herabsetzungen und Rechthabereien, dies und jenseits des Grabens, der tiefer wird, wenn wir uns nicht endlich unserer Gemeinsamkeiten bewusst werden.

„Frauen sind eben einfach pingeliger!“ ?

Die Entbrannten argumentieren vor allem um zwei Aspekte herum:

1) DIE Männer sähen den Dreck nicht vs. Frauen wären pingelig und bräuchten unnötig Zeit für etwas, das sich schneller erledigen ließe.

2) Frauen übernehmen zwar mehr, dafür arbeiten Männer an anderen Stellen mehr, die da wären: Rasenmähen, Ernährerrolle und Überstunden, Tagebau, Krieg und andere körperliche und seelische Lasten, für die Frau sich zu fein sei (inklusive Plädoyer für eine Quote bei der Müllabfuhr), weshalb Männer im Durchschnitt auch 5 Jahre kürzer leben als Frauen.

„Männer sterben überwiegend aus sozioökonomischen und psychosozialen Gründen 5 Jahre früher als Frauen. Wann wird endlich mal auf diese Ungleichheit hingewiesen?“

Und genau DAS ist der Punkt, deshalb wollen wir einen Equal-Care-Day einführen: Denn SIE ist nicht Schuld, dass sie den Dreck sieht, bevor ER darauf achtet. Es ist auch nicht SEINE Schuld, wenn er es wichtiger findet, die richtigen Getränke im Haus zu haben, wenn Freunde sich angekündigt haben. Sie ist nicht „selbst Schuld“, wenn sie länger braucht, kleinlich ist beim Aufräumen, noch schnell durchsaugt, bevor der Besuch kommt, während er keinen Anlass, keinen Fussel sieht. Auch ER ist nicht Schuld, wenn er der Ansicht ist, sie übertreibe, das Wohnzimmer sei aufgeräumt genug.

„Auch in meiner Ehe macht meine Frau einen Großteil der Hausarbeit – nicht, weil ich sie faschistoid unterdrücke oder heteronormativ-patriarchalisch in die soziokulturelle Schublade „Ehefrau“ einsortiere, sondern weil ich schlicht und einfach zu schlampig bin“ – Kommentar unter o.g. Zeitonline-Artikel

„Natürlich habe ich es viel leichter, das zu sagen, denn das Ergebnis meiner Haltung ist ja: ich muss nichts tun. Das ist ja wunderbar und gemütlich und bequem. Aber wieviel innere Freiheit kann ich mir gegen diese Gewohnheit erkämpfen, muss ich kämpfen oder geht’s nicht auch anders? Und in welchem Maße sollte die andere Seite, dass ich z.B. sage: >Hey, fege doch lieber, wenn die Gäste weg sind, dann lohnt es sich wenigsten, ne!< Ist das jetzt meine Schlampigkeit? Die mit mir als Person zu tun hat? Unabhängig von Geschlecht? Oder ist das auch so eine Nummer, die entsteht durch: >Naja, die Jungs räumen halt nicht auf, machen nicht sauber, die bringen halt Dreck<. Das ist schwer zu trennen. Wieso finde ich es nicht schlimm, dass es dreckig ist, wenn Besuch kommt? Ist das, weil ich es gelernt habe, dass ich das nicht schlimm finden muss, oder ist das, weil ich das aus welchen Gründen auch immer nicht … so wie ich das Bett auch nicht immer mache, wenn ich aufstehe …?“ Marcus im Interview für die Lange Nacht der Geschlechterrollen, Deutschlandfunk

Sie hat gelernt, sich zuständig zu fühlen. Sie hat gelernt, dass sie als Frau verantwortlich sei, sich um ein gemütliches, sauberes Wohnen zu kümmern. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie schon als Kind ihrer Mutter mehr helfen musste, als ihr Bruder. Und selbst wenn ihre Eltern ihr andere Rollenbilder vorgelebt haben, so hat sie im Lauf ihres Lebens hunderte Werbebotschaften über ihre Rolle als Frau gesehen. Darunter viele Werbespots und Anzeigen, die klar machen: Beim Staubsaugerkauf entscheidet er vielleicht noch mit (klar, erstens geht’s um Technik und zweitens ist es sein Geld?!), aber Putzen ist Frauensache …

…wohingegen es bei ihm auf ein paar Krümel nicht ankommt. Der Geizmarkt behauptet noch im Jahr 2015, Staubsauger seien ein passendes Geschenk zum Muttertag. Werbespots für Küchen oder Putzkram, in denen ein Mann auftritt machen klar: ihn fasziniert nicht das Essen in der Pfanne, sondern die Ultra-Laser-Herdtechnik: Platte heiß von 0 auf 100 in 30 Sekunden. Ein richtiger Mann braucht es unkompliziert und schnell, Salat ist nur Deko und auf Besteck würde er am Liebsten verzichten. Deshalb muss er in Spots auch häufig als Haushaltstrottel herhalten, dem sie aus der Putz-Pfütze hilft. Trotzdem entlassen wir sowohl Werbung als auch Väter aus der Verantwortung. Schuld sind die Mütter, schließlich sind sie es, die die nächste Generation Machos aufziehen.

Ungleiche Erwartungshaltung an Töchter und Söhne

Dabei werden bis heute Töchter mehr als Söhne dazu aufgefordert, mit anzufassen, wenn es darum geht, den Tisch abzuräumen, das Wohnzimmer zu saugen, dem kleinen Geschwister die Schuhe zu schnüren. Bis heute bekommen Söhne mehr Taschengeld als Töchter, das sie zudem noch aufbessern können, indem sie Rasenmähen, Straßen kehren oder Schnee schippen – Aufgaben, für die es extra Geld gibt und die Mädchen seltener zugetraut werden, obwohl sich unterschiedliche Muskelkraft doch erst ab der Pubertät bemerkbar macht.

Es liegt weder in Seiner noch in Ihrer persönlichen Verantwortung, dass Männer im Durchschnitt fünf Jahre früher sterben als Frauen, und doch wird dieser Missstand unter jedem Artikel wieder erneut aufgeführt, der in irgendeiner Form von einer Benachteiligung von Frauen spricht. Wir alle sind Teil eines Systems, das Kindern von klein auf beibringt, Jungs könnten ruhig etwas kräftiger mit anpacken, für sie sei es wichtig, sich mit anderen in Mutproben zu messen, und wenn sie sich weh tun, appellieren wir an ihren Stolz und ihre Männlichkeit, während Mädchen in vergleichbaren Situationen meist aufgefordert werden, das nächste Mal doch vorsichtiger zu sein, mehr auf den eigenen Körper achtzugeben, auf seine Unversehrtheit. Warum gilt nicht für beide gleichermaßen: Empathie lernen, Rücksicht nehmen auf sich und andere, nicht mehr, sondern weniger arbeiten, wenn ein Kind unterwegs ist, die eigene Ernährerrolle infrage stellen …

Wenn Er also andere Baustellen früher erkennt, und wenn Sie sich im Haushalt eher zuständig fühlt, dann ist das gelernt, es liegt nicht in ihrer „Natur“, sondern wir reproduzieren täglich das Klischee der weiblichen Fürsorge. Bis heute schafft es ein Politiker als Super-Papa in die Schlagzeilen, nur weil er sich fürs kranke Kind mal frei nimmt. Bei einer Politikerin, die Vollzeit arbeitet, wird angezweifelt, ob sie die Balance Job und Familie wohl hinbekommt.

 


Die Botschaft ist klar und wird so auch öffentlich in Worte gefasst: Mutti hat zu funktionieren, sie nimmt sich nicht frei:

Wer jetzt einwenden möchte, das System, die Gesellschaft, das sind doch wir selbst, deshalb sei schließlich jede*r für sich selbst verantwortlich, wieviel sie*er sich anpasst oder eben keine Rücksicht nimmt auf die Meinung der Nachbarn … und der Eltern … und Freund*innen … der Vorgesetzten….

Halbtagsjob für Ihn, damit er mehr Care-Arbeit übernehmen kann? Eine freie Entscheidung? Wohl kaum. Es ist eben nicht so, dass die Mehrheit ein zu geringes Selbstbewusstsein hat, um für sich selbst einzustehen. Und es ist auch nicht so, dass wir alle unzufrieden wären mit der Rollenaufteilung des Biedermeier. Aber wenn uns die jetzige Situation nicht gefällt, weil sie denjenigen, die anderes wünschen, als es die rosa-hellblau-Zuordnung vorsieht, ein überdurchschnittliches Engangement und Selbstbewusstein abverlangt, und wenn wir uns für die nächste Generation mehr Wahlfreiheit wünschen, dann müssen wir die Rahmenbedingungen ändern. Vor allem müssen wir aufhören, uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben und es der*m anderen vorzuwerfen, wenn er oder sie Verhaltenweisen oder Entscheidungen an bestehende Rollenbilder angepasst hat.

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Wir sind dankbar für die viele, positive Resonanz auf unseren Vorschlag für dieses Anliegen einen Erinnerungstag einzuführen. Nach wie vor freuen wir uns über UnterstützerInnen, die auf diesen Tag hinweisen, den Hashtag #EqualCareDay teilen und unsere Idee weiterverbreiten.

–> Zur Inspiration hier ein paar Fragen.

verbiegen – umerziehen – gendern

„Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen! – Nicht die Kommentare lesen!“ – mein Mantra bei der Lektüre von Artikeln über Gleichstellung und Familienarbeit oder Gendermarketing und Prinzessinnen wirkt nicht so recht, ich verliere mich immer wieder in den wilden Auseinandersetzungen um WIR gegen EUCH im Kommentarbereich. Vielleicht sollte ich es nicht so ernst nehmen? Bin ich humorlos, wenn ich „Geschlechterkrieg“ nicht „witzig“ finde, sondern dieses pauschale Gegeneinander allein aufrund des Geschlechtes ganz grundsätzlich infrage stelle?

Am meisten frustriert mich, wenn SchreiberInnen den Begriff  „Gender“ synonym verwenden mit „Gleichmacherei“, „Geschlechter abschaffen“, „umprogrammieren“, Kinder „verbiegen“. Die „Genderideologen“ wollten Kindern vorschreiben, womit sie zu spielen hätten, wo sich Jungs nun mal mehr für Technisches interessierten, Rollenspiel und Puppen sei eben nicht ihrs, das läge nicht in ihrer Natur. Es folgen die üblichen Argumente, für die gerne auf die Begriffe Steinzeit, Testosteron und Gene zurückgegriffen wird (Antworten darauf haben wir hier schon einmal versammelt).

Nun habe ich gestern via Twitter eine Art Brief des Wetterauer Boten gelesen, der mit seinen beiden letzten Sätzen zeigt, wie sehr Kinder bevormundet und eingeengt werden, wenn die Erwachsenen um sie herum in der Rosa-Hellblau-Falle feststecken und ihre engen Rollenbilder weitergeben. Und warum die kritische Auseinandersetzung damit = geschlechtergerechte Pädagogik (oder „Gender“) mit Individualität und Wahlfreiheit zu haben:

bote

Das Kleid passt und „er findet sich wunderschön darin“. Damit wäre doch eigentlich alles gut, oder? Aber nicht für Boto. Ein Sechsjähriger, der sich als Fee verkleiden möchte, passt offenbar nicht in das Weltbild des Autors (Ich unterstelle mal, dass ein Mann diesen Brief geschrieben hat. Es sind überwiegend Väter, die ein Problem damit haben, wenn der Sohn mit Puppen spielt und ein rosa T-Shirt tragen möchte, und Mütter jene, die das Verbot dann durchsetzen müssen). Dass vermeintlich Weibliches für Jungs tabu ist, gilt schließlich das ganze Jahr über: Rosa ist verdächtig, Puppenspiel ist verdächtig, Ballett geht auch nicht. Warum nicht? Er könnte schwul sein, Alarmstufe Pink! (Welch schräger Gedankengang, dass sich das durch ein Tanz- oder Feenkostüm-Verbot rückgängig machen ließe, von der diskriminierenden Haltung dahinter ganz zu schweigen…)

Nun war zwar Karneval der Anlass für das oben erwähnte Feenkostüm, aber selbst während der „jecken“ (= albern! närrisch!) Jahreszeit haben sich Kinder an die Grenzvorgaben der Erwachsenen zu halten. Folgerichtig wendet sich für den Autor die Geschichte erst dann zum Guten, als die Mutter dieser absurden Idee ein Ende setzt und den Jungen überredet (?) sich als Ritter zu verkleiden. So viel zur Theorie, Kinder selbst entscheiden zu lassen. „Zum Guten gewendet“. Für wen? Die Erwachsenen offensichtlich. Mal wieder.

Twitter-Gewitter (4) ganz in rosa

Wer hat Angst vor Rosa – Lila – Pink?

 

Wir wünschen ein schönes, buntes Jahresende

und alles Gute für 2016!

*ja, auch hier sind wieder total uralte Tweets mit dabei. Sie sind aber schön, passen zum Thema und sind inhaltlich (leider) bisher nicht veraltet. Beschwerden diesbezüglich werden jedoch gerne entgegengenommen und für Sie entsorgt ;)

 

 

 

 

   

 

 

 

Immer wieder staunen wir über den Nachdruck, mit dem die Behauptung „Rosa ist eben eine Mädchenfarbe“ in den Raum gestellt wird. Gerne mit wissenschaftlichem Nachweis: „also die Tochter meiner Nachbarin, die mochte von Anfang an Rosa, die konnte noch nicht mal laufen. Also, was soll da anerzogen sein?“ Dieses logische Gerüst hält auch dann stand, wenn ein Junge ganz offensichtlich Rosa mag – dem haben es die Eltern offenbar aufgezwungen, plötzlich ist „anerzogen“ doch eine Option.

 

Hat ein Kind eine rosa Brotdose und mag sie eines Tages nicht mehr, ist klar, dass die Mutter ihm die Farbe aufgedrängt haben muss. Dass er sie sich vielleicht selbst ausgesucht oder von der Schwester übernommen hat – undenkbar! Dass Jungen und Mädchen ganz unabhängig von ihrem Geschlecht die Farbe Rosa mögen oder eine andere bevorzugen könnten – abwegig! Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Mehr als schade!

 

Doch zum Glück geht es auch anders :)

 

Sohn Monets im rosa Kleid auf seinem Pferde-Dreirad, 1872.

Sohn Monets im rosa Kleid auf seinem Pferde-Dreirad, 1872.

 

 

 

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In diesem Sinne wünschen wir allen gutes Gelingen beim Umschiffen der Rosa-Hellblau-Falle. Unser erster Termin im kommenden Jahr ist in Heilbronn, Anfang Februar sind wir in Salzburg und für April planen wir eine (Süd-)Bayern-Tour. Wer uns empfehlen möchte, findet oben im Menupunkt >Fortbildungen/Infoabend< mehr Informationen.

Mit dabei ab jetzt: Das rosa-hellblau-Team, Geschenk von @leanderbela :)

lego

Rosa-Bann und Hellblau-Falle

Die Feen- und Glitzerwelt eines kleinen Jungen

Radiofeature um 10:05 – 10:30 Uhr

(Link zum Feature in der Mediathek)

Live-Diskussion mit Hörerinnen und Hörern: 19.20 bis 20 Uhr

(Link zum Nachhören)

Puppen und Prinzessinnen, Glitzer und Nagellack, die Sprache der Werbung, Produkt- und Verpackungsdesign vermittelt deutlich, dass all diese Dinge Mädchen vorbehalten sind, für Jungen tabu. Interessiert sich ein kleiner Junge doch dafür, dann erfährt er schiefe Blicke, verletzende Kommentare und Unsicherheit bei Eltern, Erziehern und Lehrerinnen.
Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ haben wir eine junge Familie kennengelernt und begleitet. Deren fünfjähriger Sohn ist fasziniert von einem Lebensbereich, aus dem er sich zugleich ausgeschlossen fühlt. Wie gehen die Eltern damit um?

 

 

 

Heldin im Verborgenen

Heldin im Verborgenen

von Ulrike Draesner

 

Foto: Anne L via flickr cc

Foto: Anne L via flickr cc

Ulrike Draesner, 1962 geboren in München, lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin (www.draesner.de). Ihr erstes Buch, ‚gedächtnisschleifen, Gedichte‘, erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Erzählungen und Romane folgten (März 2014: Sieben Sprünge vom Rand der Welt). Gast- und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des P.E.N Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013 und den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014.
 

Jeder, der es ein paar Mal gemacht hat, kennt den Effekt: kaum erzählt man die eigene Biographie in einer anderen Sprache – wird man eine andere. Ein wenig nur, gewiss – leicht, doch merklich verschoben. Die Übergänge zwischen den Sätzen vollziehen sich auf andere Weise, obwohl doch die ‚Fakten‘ einander gleich bleiben mögen; allein: hier scheint die Abfolge dringender geboten, dort unvermutet, zufälliger. Und  fühlt man sich beim Erzählen nicht auch anders: blickt, unerwartet, neu auf einen sonst übersehenen Lebensabschnitt, wundert sich über sich selbst?

Das kleine Beispiel zeigt, dass unsere Sprache sehr wohl unsere Welt macht. Nicht nur an ihren Grenzen, wie das berühmt-berüchtigte Wittgenstein-Diktum besagt, nein – viel stärker noch, so mein Verdacht, innerhalb dieser Grenzen. Dass Geschlechtsbezeichnungen ihr Teil beitragen, wäre nur logisch; sie tun dies im normalen, also unbemerkten Sprachfließen im Chor mit anderen Kategorien, die wir zum Beispiel zur Identitätsbestimmung verwenden.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Hester Burton: Heldin im Verborgenen. Stgt 1964.

Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich von einer Tante zu Weihnachten ein Buch mit dem Titel Heldin im Verborgenen bekam. Wer wohl Heldin war – die, natürlich, männliche Hauptperson mit dem langen ‚i‘ im Namen? Eines war für mich so klar, dass ich es vor Sonnenklarheit nicht bemerkte: Hauptfiguren von Büchern waren männlich, außer sie erschienen im Doppelpack (Hanni und Nanni), oder als Nesthäkchen. Ich las das Buch; dass Held-i-n nicht vorkam, wunderte mich zunächst nicht; der Titel sagte ja, dass er im Verborgenen handeln würde. Erst auf den letzten Seiten wollte ich daran nicht mehr recht glauben. Ich blätterte zum Ende – und begriff, dass das nervige Mädchen, das von Anfang an durch die Geschichte gehampelt war, die Hauptfigur sein musste. Und dass der Titel Heldin im Verborgenen lautete, mit kurzem ‚i‘. Heldinnen aber gab es nicht…

Heute spricht man davon, dass es in Kinder- und Jugendbüchern wichtig sei, sowohl Jungs als auch Mädchen Figuren anzubieten, mit denen sie sich identifizieren können. Doch sind Kinder darin vielleicht besser als wir glauben? Sprich: wenn Mädchen sich mit Jungs identifizieren können (lesende Mädchen und Frauen haben das über Jahrhunderte hin vorgeführt), warum sollten Jungs sich nicht in Mädchen zu spiegeln vermögen? And they can! An meinen drei Neffen habe ich das oft gesehen. Mehr als das: sie tun es lustvoll. Die imaginäre-phantastische Reise auf die andere Seite der Genderrollen erweitert die Welt. Denn eben das erlaubt Literatur uns wie kein anderes Medium: ich erfahre mich als andere/anderer/anderes. Ich bin das Tier, der Baum, die Vase. Bin der Chinese, der vor 2000 Jahren lebte. Gebt Jungen und Männern „Frauen“-Bücher zu lesen. Erlaubt Männern und Jungs, Röcke anzuziehen, wenn sie wollen. Und lasst uns Sätze ausprobieren wie: „Wer hat ihren Schmöker da liegen lassen?“

Erinnern Sie sich: auch das Wort „Kanzlerin“ klang anfangs sehr komisch.

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Ulrike Draesner haben wir für unser Radiofeature „Eine Lange Nacht der Geschlechterrollen“ für den Deutschlandfunk getroffen. Der folgende O-Ton ist ein Ausschnitt aus dem Interview im September 2014, in dem das Missverständnis um die Buchheldin schon einmal kurz zur Sprache kam:

 

 

Endlich mittendrin in der Gender-Diskussion…

Gleichmacherei | Umerziehung | geschlechtsneutral | Genderwahn | David Reimer | TestosteronSteinzeit

 Artikel überarbeitet 3/2015 und 2/2016

Missverständnisse und scheinbare Argumente gegen … ja was eigentlich?

Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ bin ich immer wieder in Kommentaren und Diskussionen versunken, in denen sich Menschen das Wort ‚Gender‘ um die Ohren hauen. Ideologie schreiben die einen, Schwachsinn die anderen. Sobald das Wort ‚Gender‘ auftaucht, wird gezetert und gefetzt, die Inhalte der einzelnen Artikel, Studien oder Bücher, die individuelle Haltung der Autor*innen werden abgelehnt, selbst dann, wenn sie letztlich dieselbe Meinung Rosa-Hellblau-Falle-Buchcoververtreten wie die Zerfetzer*innen. Gendermarketing verfolgt beispielsweise völlig andere Ziele als Gender Mainstreaming oder Genderforschung und in allen drei Fällen wird der Begriff unterschiedlich verwendet und in der Praxis eingesetzt. Bloß fällt das kaum jemandem auf, weil der Einmischungsreflex schon ausgelöst wurde, noch bevor der Inhalt des jeweiligen Beitrags ankam. Der Begriff Gender polarisiert, viele wenden sich gegen das, was sie damit verbinden, ohne klar formulieren zu können, a) was genau sie daran stört und b) ob das überhaupt Teil des Artikels / Gedankens / Forschungsrichtung / Konzeptes ist, gegen das sie sich wenden.

Und jetzt? Sind wir mittendrin. Beate Hausbichler hat auf dieStandard.at unser Buch vorgestellt, und die Kommentarseiten darunter sind die Fortsetzung dessen, worüber wir schon im letzten Jahr nur staunen konnten. Wenn wir einen Artikel schreiben, ein Interview führen, egal zu welchem Aspekt unseres Buches, immer folgen Vorwürfe und Argumente, die sich ähneln und wiederholen:

Gleichmacherei !

ist der häufigste Vorwurf hinter dem ein (absichtliches?) Missverstehen steckt. Der unglücklich gewählte Begriff des „Gender Mainstreaming“ mag mit dazu beitragen, dass sich weiter verbreitet, das Ziel der dahinter stehenden politischen Entscheidung sei, aus allen eins zu machen. Einheitsgrau. Dabei geht es um das genaue Gegenteil, die Geschlechterforschung setzt sich dafür ein, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen, nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern Vielfalt. Wünschenswert ist doch, dass alle frei wählen könnten abhängig von ihren individuellen Vorlieben und eben nicht, weil andere sie der Gruppe der Männer bzw. Frauen zuordnen und dann darüber befinden, ob das Gewählte nun „typisch“ oder „richtig“ ist. Glitzer oder Matsch, MINT- oder Care-Beruf, sprachbegabt oder sportlich, oder auch alles zusammen – warum setzen wir Verhalten, Beruf und Interessen in Bezug zum Geschlecht?

Den Vorwurf geben wir deshalb zurück: Die Unterschiede zweier Geschlechter über alles zu stellen, bedeutet DIE Männer und DIE Frauen innerhalb ihrer Gruppe einander gleich zu machen. Homogenisierung, also Vereinheitlichung auf beiden Seiten der Mauer ist die Folge. DAS ist Gleichmacherei. Gendermarketing z.B. betreibt sie, indem hier Zielgruppen nach Geschlecht sortiert, typisiert und verallgemeinert werden, so dass sich Stereotype (gerne gerechtfertigt mit ‚Ist doch nur ironisch gemeint‘) vor allem bei Kindern immer stärker verfestigen.

Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, oder Jungen, die sich Freunden gegenüber fürsorglich zeigen, offenbaren nicht ihre weibliche Seite, sondern eine Facette ihrer selbst. Frauen, die sich für technische Abläufe begeistern, und Mädchen, die riskante Spiele lieben, haben keine männliche Ader, sondern sie gehen ihren persönlichen Interessen nach.“

(Die Rosa-Hellblau-Falle. Schnerring /Verlan. 2014)

„Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt!“

Das ist kein Gegenargument, sondern hängt mit dem oben schon genannten Vorwurf der Gleichmacherei zusammen. Und wer ihn vorbringt, ignoriert, dass es hier nicht um zwei gleichwertige Varianten geht nach dem Motto „Wer sich nicht als Prinzessin verkleiden möchte, geht eben als Pirat, es können doch alle, wie sie wollen…“ Nein, so einfach ist es leider nicht, denn es gibt eine Hierarchie zwischen dem was Jungen bzw. Männern als „typisch“ zugeschrieben wird, und dem, was in unserer Kultur als weiblich gilt. Wer das nicht wahrhaben möchte, muss nur einmal die Zuschreibungen vertauschen: Die Tochter als Piratin? Kein Problem. Doch der Sohn möchte als Prinzessin in den Kindergarten gehen? – Da wird klar, dass es so gleichwertig nicht zugeht in der Kinderwelt (Nachtrag: Spielzeug, das „For Boys“ gelabelt ist, hat häufig mit Abenteuer und Spannung zu tun, es wird für Söhne und immerhin auch mal für Töchter gekauft. Doch Produkte rund um Mode, Schönheit, Haushalt, die meist mit rosa Label angeboten werden, landen kaum auf dem Geschenktisch eines Jungen) – genausowenig wie in der Erwachsenenwelt. Eine Frau im Studium zur Maschinenbauerin? Schwierig, aber immerhin anerkannter als noch vor einigen Jahren. Voller Hürden wegen des „Stereotype Threat“ aber wer dann noch über den PayGap hinweg sieht, hat hier einen Beweis in Sachen Gleichstellung und für die Haltung „Heute stehen Frauen doch alle Wege offen“.

Anders, wenn sich ein Mann entscheidet, als Erzieher arbeiten zu wollen: Verdächtig jeden Tag. Was will der in dem Beruf? Ist der schwul? Was macht der mit den Kindern? Achso, will der Hahn im Korb sein…   von wegen männlich und weiblich sind nur zwei gleichwertige Varianten des Menschseins…  :(Bildschirmfoto 2015-03-05 um 13.58.05

–> Blogpost über das Unverständliche: Dass Puppen nicht für alle da sind und was das mit dem CareGap zu tun hat.

Dazu passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane Ehrensaft:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

 

Umerziehung

Beliebtes Ich-bin-dagegen-Argument: „Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit Eurem…!“ – Ja, womit denn genau?

„Schubladendenken!“, möchten wir ergänzen.

Der Vorwurf hinter dem Argument „Umerziehung“: DIE Feministinnen hätten erreicht, dass weibliche Eigenschaften positiv gewertet würden und männliche abgeschafft werden müssten. Und da Erziehungseinrichtungen, Bibliotheken und Grundschulen ja fest in weiblicher Hand sind, hier also weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dominieren, müssten sich die Jungen jetzt anpassen, ihre Art würde nicht mehr wertgeschätzt. Letztlich wollen die Gender-Befürworter*innen Jungen zu Mädchen machen. –  Nö, das steht so nirgends und wenn, ist es eine individuelle und falsche Auslegung, die mit der Gendertheorie oder dem Konzept des Gender Mainstreaming nichts zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Niemandem wird etwas genommen, sondern GenderSuppealle sollen etwas dazugewinnen. Kinder sollten die Wahl haben, sich für alle Dinge, Verhaltenweisen, Berufe, Farben etc.pp zu entscheiden, egal ob sie durch unsere Kultur weiblich oder männlich konnotiert sind. Also über die von Erwachsenen gesetzten Geschlechtergrenzen hinweg. Und zwar ohne Kommentare, ohne Einschränkung durch wiederkehrende Bilder, die Kindern jeden Tag zeigen, wie ein „richtiger“ Junge, ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat. DAS ist genau die Manipulation und Einschränkung, auf die das eingangs zitierte Gegen-„Argument“ hinweist.

Denn mal ehrlich: Vor dem Hintergrund, dass allein die deutschen Firmen insgesamt mehr als 60 Millionen Euro jedes Jahr in ihr Marketing investieren, ist es zynisch, hier von freier Wahl zu sprechen. So wie Rosa und Hellblau und die dazugehörigen Eigenschaften aktuell verkauft, vermarktet und ihre Zuordnung zu nur einem Geschlecht verteidigt werden, ist offensichtlich, dass Kinder eben nicht in Ruhe gelassen werden. Und das liegt nicht an der Genderforschung. Zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften drängen sich tagtäglich in unser Bewusstsein, eine fortwährende Bilder- und Informationsflut, die nur dem einen Zweck dient, Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. „Nun lasst doch die Kinder Kinder sein!“ – Einverstanden! Beginnen wir doch damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken und lassen sie selbst entscheiden.

bote

Wetterauer Wochen-Bote, 3.2.2016

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Geschlechtsneutral

… geht doch gar nicht! – Sagen die Kritiker*innen jedes Gedankens, der den Begriff Gender verwendet. Eben! Geschlechtsneutral geht gar nicht, da sind wir im Grund schon wieder einer Meinung. Wir leben in einer Kultur übertriebener Zweigeschlechtlichkeit und das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie sollte ein Paar sein Kind in ein paar wenigen Jahren all das vergessen machen, es unabhängig von Geschichte, kulturellen Übereinkünften, Ritualen, Haltung, Meinung, Werbung, Produkten… aufwachsen lassen? Familie ist doch keine Insel. Es gibt keine neutrale Erziehung, Mädchen und Jungen wachsen anders auf, werden anders behandelt, stoßen auf unterschiedliche Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dem Sohn eine Puppe zu kaufen und der Tochter eine Carrerabahn, das macht noch keine geschlechtergerechte Erziehung. Erwachsene müssen sich bewusst werden, DASS sie Unterschiede machen. Erst dann können sie ihr eigenes Handeln hinterfragen und ggf. ändern. Und wenn sich ein Mädchen für Glitzer entscheidet, ein Junge auf Actionfiguren steht, dann ist das kein Beweis für biologische Einflüsse, sondern für die Macht der Umwelt. Kinder passen sich an, um Rollenerwartungen zu entsprechen. (Studie)

Bildschirmfoto 2015-03-05 um 14.07.08

Genderideologie, Genderwahn, Genderismus …

Wer mit einem dieser Begriffe hantiert, wirft gern Autor*innen jeden Hintergrunds in einen Topf. Dem einen Artikel wird der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein, obwohl der diesen Anspruch selbst nie erhoben hat. Komplexe fachliche Diskurse von Wissenschaftler*innen werden populistisch verkürzt. Autor*innen von Fachartikeln unterschiedlichster Themenbereiche werden kurzerhand der Genderforschung zugeschrieben, obwohl es die so einheitlich und klar abgegrenzt gar nicht gibt. Es kursieren folglich auch falsche Zahlen über die Anzahl der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen (Der Hart-Aber-Fair-Faktencheck im März 2015 ergab, dass von überteuertem Wahn keine Rede sein kann) Die politische Strategie des Gender Mainstreaming wird gern gleichgesetzt mit dem Konzept Gender. Aufsätze, die sich gegen alles wenden, was ihre Autor*innen mit dem Begriff der Gender Studies verbinden, erheben den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, genügen ihm aber selbst nicht, sondern zeugen vielmehr von fehlendem Erkenntnisinteresse. Manchen Autor*innen genügen deshalb ihre Alltagstheorien oder der angeblich ‚gesunde Menschenverstand‘, um eine ganze Wissenschaft in Frage zu stellen. – ohne Worte.

 

Gender-Experimente und der Fall David Reimer

Die Zuweisung von Geschlecht wird von den Gender Studies eindeutig kritisiert. ‚Gender‘ wird eben nicht im Sinne John Moneys verwendet und die Arbeit des Psychiaters gehört auch nicht zu den Grundlagen der Gender Studies, auch dann nicht, wenn das immer wieder von Gender-Gegner*innen behauptet wird. Money hat das theoretische Konzept ‚Gender‘ nicht erfunden, sowieso gab es auch ohne den Gebrauch des Begriffs ‚Gender‘ verschiedene Theorien über die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln, wie sie sich reproduzieren und wie sich Machtverhältnisse stabilisieren. Innerhalb der Geschlechterforschung gibt es unterschiedliche Debattenstränge, und viele Gendertheoretiker*innen, Judith Butler oder auch Anne Fausto-Sterlin, haben Moneys Arbeit und die geschlechtliche Vereindeutigung von Menschen kritisiert. Vorallem wird die Praxis der Geschlechtsvereindeutigung durch Operationen bei (intersexuellen) Säuglingen bzw. Kleinkindern kritisiert. Der Fall David Reimer taugt also nicht als Argument, um sich für die Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich stark zu machen oder um Gendertheorien im Allgemeinen als Unsinn darzustellen.

Geschlecht ist eben KEINE Kategorie, der jemand eindeutig zugeordnet werden kann oder sollte, also hätte es aus Sicht der Gender Studies in dem vorliegenden Fall auch keine Operation und keine Umerziehungsversuche gebraucht, sie haben im Gegenteil und die sowieso schon schwierige Ausgangssituation noch verschlimmert.

Dazu passt: Heide Oestreich. Vorsicht vor kastrierenden Lesben

 

Und dann war da noch das Argument aller Argumente, das Testosteron, gleich gefolgt von der Steinzeit:

Testosteron

Das Hormon, das für Aggression und die Lust am Wettkampf verantwortlich gemacht wird. Doch effektive Konzentration, Einfluss auf die Gehirnentwicklung sowie Wechsel des Hormonpegels sind längst nicht zuende erforscht, neue Studien widerlegen alten Volksglauben, und wie es sich auf das Verhalten auswirkt ist keinesfalls geklärt. Bekannt dagegen ist die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel irrelevant, denn „Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts.“

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Steinzeit

Sie wird gern als „Das war schon immer so“-Argument in Sachen Rollenverteilung herangezogen, dabei kann sie weder für die eine noch für die andere Variante Belege liefern. Tatsächlich verteidigen die Anhänger der Jäger-Sammlerinnen-

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Ausstellung, Archäologisches Museum im Freiburger Colombischlössle

Theorie eine Aufgabenverteilung, die erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Mitteln der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung installiert und durchgesetzt wurde. Ihre Grundlage ist also nicht der Höhlenmensch sondern das Biedermeier.

(„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ Buch + Ausstellung)

(–> Radiofeature des Deutschlandfunk über Steinzeitklischees)

 

Trotzdem müssen die letzten beiden Punkte immer wieder als angebliche Gender-Gegenargumente herhalten, denn was schon immer so war und sich aus Gewohnheit irgendwie vernünftig anhört, hält sich leider hartnäckig. Das Phänomen des Confirmation Bias sorgt dafür, dass sich sogar widerlegte Informationen fest in unserem Bewusstsein halten. Wer aber offen ist, das eigene Weltbild zu hinterfragen, bisher Gelerntes beiseite zu legen, wird hier überrascht werden. Und hier verweise ich nun wirklich auf unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ insbesondere Kapitel 2 (‚Von Beginn an zwei Welten – Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen‘) und Kapitel 5 (‚Strammer Max und Elfentrank – Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat‘) und freue mich über darauf aufbauende Diskussionen.

 

Vorschlag

Gender wird definiert als «Geschlecht als gesellschaftlich bedingter sozialer Sachverhalt» (Brockhaus 2010: Bd. 8, 2565). Gender meint also gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse, die abhängig von Zeit und Ort sind.

Es wäre schön, Kritik und Kommentare, die darüberhinaus gehen, würden sich konkret mit dem Artikel, Buch, Aufsatz, Autor, der Autorin befassen, gegen die sie sich richten. Ein allgemeines gegen den Begriff Argumentieren führt in die Sackgasse.

Und so geht es mir auch mit den Kommentaren unter der Rezension unseres Buches: Hier werden Fragen gestellt, die im Buch beantwortet und belegt werden, und zugleich Dinge behauptet, die so gar nicht drin stehen. Persönliche Beobachtungen werden angeführt („Also bei meiner Nichte ist das ganz anders“) um Studien zu widerlegen. Deshalb machen mich Reaktionen und Kommentare, die sich scheinbar auf unser Buch beziehen, sich aber nur allgemein mit dem Begriff ‚Gender‘ befassen und alles durcheinander wirbeln, was je dazu geschrieben, behauptet und provoziert wurde, ratlos. Stattdessen freuen wir uns über Rückmeldungen von Menschen, die das Buch gelesen haben oder sich dafür interessieren, wie wir unseren Kindern eine freie Wahl und unabhängige Entwicklung ermöglichen, ohne die Einengung durch rosa und hellblaues Schubladendenken.

 

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Nachtrag:

– von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift

Joachim Schulz hat letztes Jahr nach dem Lesen einer Kommentardiskussion einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Und Antje Schrupp hat vor langem einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus gepostet: „Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.“

Katja Sabisch klärt in ihrem Artikel einige Fakten zur Genderforschung, die im öffentlichen Bewusstsein durcheinandergeraten bzw. noch nie angekommen sind.