Tag Archives: Geschlechterrollen

Wir und die anderen.

Gendermarketing ist das rosa-hellblaue Ungetüm, über dessen Einfluss und Überfluss sich viele einigen können. Wohl deshalb werden wir besonders zu diesem Thema häufiger befragt als zu anderen Phänomenen, die wir mit der Rosa-Hellblau-Falle ins Bewusstsein rufen wollen. Aus unserer Sicht sind ja die alltäglichen Kommentare Erwachsener genauso, wenn nicht präsenter im Alltag und deshalb einschränkender für Kinder. Aber da geht es nicht ums Geld. Da sind auch nicht die anderen schuld. Da geht es darum, sich selbst an die Nase zu fassen. Unangenehm. Wer mag das schon. Verkauft sich deshalb auch nicht so gut als Zeitungsartikel. Wir versuchen es trotzdem immer wieder anzusprechen, denn die meisten gehen davon aus, ihre Kinder „neutral“ zu behandeln, tun es aber nicht, wir auch nicht, weil das gar nicht möglich ist.

Chips aus Italien. Rosa-Hellblaues-Urlaubs-Mitbringsel.

Gendermarketing – die Beispiele haben sich weiter gestapelt in den letzten Wochen, während wir Urlaub gemacht haben. Wir kommen kaum hinterher, sie zu sammeln. Wir sind sie, ehrlich gesagt, längst leid. Immer dieselbe Botschaft: Jungs sind cool, Mädchen hübsch. Langweilt das nicht, wenn man im Marketingbereich arbeitet? Gibt es keine neuen Ideen, Produkte an Kinder zu verkaufen? Wo es doch schon beim Einkaufen nur noch Gähnen und Weitergehen auslöst. Bei mir zumindest. Verena Hasel hat mich für ihren Artikel „Rosa und hellblau.“ in der ZEIT interviewt, und sie listet die vielen Produkte der letzten Monate auf, Zeile um Zeile ein rosa-hellblaues Grauen. Eigentlich veranschaulicht die lange Liste, dass hier etwas schief läuft, sollte man meinen. Also besser nicht die Kommentare lesen, denn nicht alle wollen wahrhaben, dass Werbung unsere Entscheidungen beeinflusst: „Jungs wollen Autos und Mädchen alles in pink. Und das ganz von selbst.“ Ach! Soso! Willkommen in der Rosa-Hellblau-Falle :-)

In einem Pro-Contra-Artikel „Sexistische Werbung verbieten?“ der Zeitschrift ‚Publik Forum‘ argumentiere ich für die Pro-Seite, aber Katja Suding, FDP, meint tatsächlich  „Mein Weltbild sieht den mündigen Menschen vor. Und der ist selbst in der Lage, unangemessene Werbung zu bestrafen, indem er das beworbene Produkt nicht kauft. Als Kundin und als selbstbewusste Frau entscheide ich, ob ich das Frauenbild, das Unternehmen mit ihrer Werbung zeichnen, unterstütze oder ablehne.“ Herrlich naiv, finde ich! Was schert sie der Milliardenumsatz der Werbeindustrie, die Forschung der Werbepsychologie, wie Botschaften aussehen müssen, damit sie unser Unterbewusstsein erreichen, zum Teufel mit all dem Wissen der Minimalgruppenforschung, Studien zum Stereotype Threat? Pfff, mal eben in die Tonne gekloppt, denn mit „mündiger Bürger“, mit „Freiheit“ und Nicht-reinreden-lassen erreicht man mehr potentielle Wähler. Das ärgert mich, wenn eine Politikerin auf diesem Weg Stimmung für sich macht. Deshalb schreiben wir genau darüber einen ausführlicheren Artikel für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (Link folgt) Und auch sonst ist in den nächsten Wochen viel los:

Die Ferien sind vorbei, Schulbeginn in NRW und mit unserer Jüngsten haben wir jetzt alle drei Kinder in der weiterführenden Schule :) Der rosa Schulranzen hat also demnächst ausgedient, wir erreichen das blau-türkis Alter und die Haare müssen laaaang sein (Alles selbst entschieden, loggisch! ;)

Sascha gibt ein rosa-hellblaues Interview für das hr1 Morgenmagazin. Am 3. September sind wir in Kochel am See und geben ein Seminar „MINT-Berufe. Kein Platz für Frauen?“ gemeinsam mit Sylvia Kegel vom Deutschen Ingenieurinnenbund.

Wir sind auf Interviewtour für unsere nächsten, eigenen Radiosendungen, die vorerst gar nichts mit Rosa-Hellblau zu tun haben, denn bei der ständigen Präsenz des Themas, sind wir sehr dankbar, dass wir auch andere Felder beackern dürfen (Wen’s interessiert, hier steht mehr über unsere Radiothemen). Und ich freue mich auf viele Seminare rund um das Themengebiet ‚Kommunikation‘: Vorlesen, Präsentieren und Sprechen am Mikrofon zum Beispiel. Und so werden wir auch beim zündfunk-Netzkongress im Oktober nicht über Rosa-Hellblau sprechen (ok, ein bisschen vielleicht), obwohl das Thema „Mind the Gap“, „Schließt die Lücken!“ ja wie die Faust aufs Auge… violett… Nein, wir haben uns anders entschieden.

Macht aber nichts, denn davor und danach sind wir in Hamburg und in Pforzheim und in Schwäbisch Hall mit Workshops und Lesungen in Sachen Rosa-Hellblau unterwegs, vielleicht auch in Aachen und anderswo. Es verlässt uns also keineswegs das Glitzerkichern und das Monstergrollen und wir freuen uns über Anfragen und Austausch dazu.

Viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle

von Almut

 

P.S.

Wenn Ihr Beispiele habt aus Eurem rosa-hellblauen Alltag, Szenen, Momente, Kommentare, dann teilt sie mit uns. Hier in unsere Sammlung könnt Ihr sie eintragen: >submit<

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfalle :)

Kinderabteilung. Mailand. Urlaubsfallen.

noch mehr Kleinkram…

Ich habe kürzlich über Schweinekeulen, Zickenkäse und Werbebotschaften, also den „unterschätzen Kleinkram“ im Alltag von Kindern geschrieben. In Ergänzung dazu möchte ich jenen, die das Buch noch nicht kennen, „Typisch Mädchen… Prägung in der ersten drei Lebensjahren“ von Marianne Grabrucker empfehlen (leider nur noch gebraucht erhältlich). FullSizeRenderEs ist ein Tagebuch mit vielen kleinen Momenten aus dem Leben von Anneli, beginnt vor ihrer Geburt in der Schwangerschaft im März 1981, und der letzte Eintrag ist im Januar 1985.

Das Buch ist eine Art Vorläufer für unseres. Es illustriert mit jedem Eintrag unser Anliegen, auf die Klischeefallen im Alltag mit Kindern aufmerksam zu machen. Als ich es zum ersten Mal las, war ich schwanger mit meiner jetzt Vierzehnjährigen. Es hat mich getroffen und beschäftigt. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Lektüre 14 Jahre später „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben hätten, welchen Weg wir eingeschlagen hätten in Sachen Bewusstsein und Wissen rund um Gender.  Ich habe es ein paar Jahre später verschenkt, aber viele Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Und letzte Woche habe ich es mir wieder gekauft, weil ich nicht genug Beispiele haben kann für den unterschätzen Kleinkram. Marianne Grabrucker liefert ein ganzes Buch voll davon. Es ist Gegenargument für jene, die meinen, Medien und Werbung seien Schuld, hier würden Geschlechterklischees vermittelt, zuhause jedoch nicht.

IMG_1395„Nein, wir reichen keine traditionellen Rollenbilder weiter. Wir lassen unseren Kindern die freie Wahl. Wir haben Puppen und Technikzeug, sie können sich wirklich frei aussuchen, womit sie spielen wollen. Meine Tochter mag nun mal Rosa, aber von mir hat sie das nicht…“ – Wer sich mit geschlechtergerechter Erziehung befasst, kennt diese Gespräche unter Müttern Eltern.

FullSizeRender-1

 

Manchmal lasse ich mich darauf ein und erzähle von mir. Manchmal mag ich mich nicht schon wieder unbeliebt machen und sage nichts. Aber vielleicht kaufe ich nochmal ein paar Ausgaben von „Typisch Mädchen…“ und verschenke ab und zu eins. Oder auch nur eine Seite daraus. Zwei Tagebucheinträge sollten genügen.

IMG_1397

 

Dass die Einträge aus den 1980er Jahren sind, schadet dem Ganzen nicht. Im Gegenteil. Ich finde erschreckend, wie wenig sich 30 Jahren verändert hat.

IMG_1398

 

 

Der unterschätzte Kleinkram

Die größte Aufmerksamkeit im Themenkreis Rosa-Hellblau-Falle bekommen Nachrichten über sexistische Produkte, deren Geht-ja-sowas-von-gar-nicht-Level für ganz viele sehr hoch liegt. Aktuelles Beispiel aus meiner Timeline ist die Stellenanzeige einer Metzgerei mit einer Frau im Bikini, die eine (Rinder-?)Keule auf der Schulter trägt. – Nein, kommt nicht infrage, dass ich den Tweet hier einbette, ich finde gruselig genug, dass grade das Posten dieser sexistische Anzeige mir bald 200 Retweets beschert hat. Ein Trauerspiel, wenn ich bedenke, wieviele tolle, wertvolle, aussagekräfige, informative… Tweets ich doch sonst immer… ODER?!! Aber das ist trotzdem kein Beweis für ‚Sex sells‘, nur für höhere Aufmerksamkeit. Die führt nämlich noch lange nicht zum Kauf, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass Leute das Produkt selbst gar nicht wahrnehmen (Die Studie dazu und ein Artikel über dieselbe). Ob die Metzgerin nun durch die Anzeige eine neue Fleischfachverkäuferin gefunden hat, ist damit ja noch nicht raus.

Zurück zum unterschätzen Kleinkram. Heute früh ist @luebue über einen solchen gestolpert und hat ihn nicht unterschätzt, sondern in die Tonne gekloppt:

Genau das sind diese Zuschreibungen im Alltag von Kindern, die wir mit „Rosa-Hellblau-Falle“ meinen. Die sind klein und rutschen uns ganz oft durch im Alltag. Sie kommen nicht Schweinekeule schwingend daher und kündigen sich groß als Sexismus an, sondern reihen sich ein in die Menge der Botschaften, die wir und mehr noch unsere Kinder Tag für Tag aufnehmen darüber, wie mann so tickt und was frau so mag. Und am Ende des Tages finde ich die sehr viel übler, als eine einzelne Stellenanzeige. Deshalb habe ich den Käsetweet mit einem ? versehen und weiterverbreitet.

Nun habe ich auf Twitter seit der Schweinekeulen-Anzeige bestimmt 30 neue Follower. Sind sie alle über diesen Post zu mir gekommen? Dann hat das bestimmt bei manchen falsche Erwartungen geweckt.

Und genau darüber lässt sich streiten. Beziehungsweise prima diskutieren. Auch für den Fall, dass @LesTramms gar nichts von der Schweinekeule weiß und aus ganz anderen Gründen mehr erwartet hatte. Ich finde Käse mit der Aufschrift ‚Lieblingszicke‘ in der Brotdose meiner Kinder nicht banal. Denn ich weiß, dass sie im Lauf des Tages noch sehr viele solcher nach Geschlecht sortierten Botschaften aufschnappen werden. Wir essen zwar keine Herrenkonfiture mit Whiskey zum Frühstück (sonst auch nicht :), ich kaufe kein Feenmüsli und auch unsere Schuhe sind frei von Piraten und Prinzessinnen.

Aber an der Bushaltestelle, an der sie vorbeikommen, hängt eigentlich immer irgendein Plakat mit der Botschaft von einem „echten Kerl“ oder einer Bikinischönheit oder von Vätern und Salat und anderen Geschlechterklischees. Auch auf die Auswahl der Übungsblätter in der Schule habe ich keinen Einfluss. Und auf die Botschaften in der Bäckerei auch nicht.

Kinder bekommen den ganzen Tag über jede Menge, für sich gesehen banale Botschaften mit auf den Weg. Aber in der Summe formt sich so ihr Bild von Mann und Frau und davon, wie wir Erwachsenen, die wir Käse verpacken, Plakate gestalten, Schulbücher machen, Brötchen verkaufen… sie uns vorstellen. Nun kann ich mich entweder zurücklehnen und sagen: „Kann ich nicht ändern. So ist das eben, da müssen sie reinwachsen, früh übt sich [was ein ganzer Kerl werden möchte]!“ oder ich versuche wenigstens hier zuhause die eine oder andere Keule auszusortieren. Ich habe mich entschieden, (Käse-)Botschaften, mit deren Inhalt ich nicht einverstanden bin, nicht auch noch an meine Kinder weiterzureichen, denn ich bin nicht der Meinung, Mädchen seien nun mal ab und an zickig und Jungs liebten eben Hackfleisch-Plätzchen. Ja, das ist anstrengend und an schlechten Tagen nenne ich mich Sisyphus, aber hey, das bisschen Fels! ;-)

tumblr_o15uviwfHa1teuelqo1_1280

 

-> Und hier gehts zum Blogpost von @luebue in Sachen Zickenkäse; der ist wohl zeitgleich entstanden :)

Geschlechtergerechte Pädagogik für ErzieherInnen

„Geschlechterrollenklischees?

Nee, das gibts bei uns nicht!“

Es ist einfach, sich über die rosa-hellblauen Regalmeter im Spielwarengeschäft zu ärgern. Es ist naheliegend, sich irgendwann beim Einkaufen doch einmal über die ewiggleiche, penetrante Zuordnung „blau für Jungs“, „rosa für Mädchen“ zu wundern. Und die Schuldigen sind schnell gefunden, wenn sich der eigene Sohn enttäuscht abwendet, weil er auf einer Verpackung „nur für Mädchen“ liest.

Doch auch ohne Einfluss des Gendermarketing hört die Zuordnung aufgrund des Geschlechts nicht auf.

Wir selbst sind der Stau, über den wir uns ärgern

Und das ist der Aspekt des Themas Rosa-Hellblau-Falle, bei dem die meisten gerne weiterklicken, umblättern, weghören. Denn wenn es um unser eigenes Verhalten geht, wir uns selbst an der Nase fassen sollen, dann wird es plötzlich irgendwie ungemütlich, was ein langer Blogpost, den lese ich später weiter… Fakt ist: Nicht nur beim Einkaufen oder in der Werbung, sondern zuhause, in der Kita, in der Schule werden Kinder alltäglich nach Geschlecht sortiert, auch dann, wenn es für die Situation völlig unbedeutend ist.

„Alle ziehen sich jetzt die Schuhe an, erst die Mädchen, dann die Jungs!“

oder:

„Komm, wir setzen uns drüben zu den Mädchen an den Basteltisch“

oder:

Geschlechtliche Zuordnung von Eigenschaften und Interessen

Dann wieder werden bestimmte Eigenschaften und Interessen dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet, auch wenn die Behauptung „So sind sie eben“ oder „das ist angeboren / biologisch / hormonell…“ durch Studien längst widerlegt wurde. Doch Mythen halten sich leider hartnäckig.

 

Bildschirmfoto 2015-12-03 um 09.18.38

Geschlechtergerechte Pädagogik

In einem Video >Teachings for the whole life spectra<, in dem die Arbeit und das gendersensible Konzept eines schwedischen Kindergartens vorgestellt wird, erklärt eine der ErzieherInnen:

„Children often want to be what we confirm them to be, or what we expect them to be. This is why we avoid categorizing children.“

(Kinder wollen oft das sein, worin wir sie bestätigen, oder wollen so sein, wie wir es von ihnen erwarten. Deshalb vermeiden wir es, Kinder zu kategorisieren.)

Kategorisieren meint, Kinder nach bestimmten Eigenschaften einzuteilen, sie auf etwas festzulegen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens etc.:

Für Kinder (und auch sonst) gilt:

  • Klein ist nicht immer süß
  • Schwer heißt nicht automatisch langsam
  • Sprachliche Schwierigkeiten stehen nicht für weniger Intelligenz
  • Mädchen heißt nicht brav
  • Junge bedeutet nicht Bewegungsdrang

(Alles bekannt? Schnee von gestern? Für Dich / In Deiner Kita kein Thema? –> *klick*)

 

Wieviel Kompromiss ist nötig, um dazuzugehören?

Kinder, die aus dem von der Umwelt als „typisch“ bezeichneten Raster fallen, wird (z.B. durch Kommentare wie oben) täglich bewusst, dass sie „anders“ sind. Doch Kinder wollen dazugehören. Um das zu erreichen, sind sie bereit, zurückzustecken, sich anzupassen, die eigenen Wünsche zurückzuhalten. (s. auch „Kognitive Dissonanz“ / „Dissonanzreduktion“) Jetzt mag eins einwenden: „Kompromisse gehören doch dazu, wenn viele miteinander klarkommen wollen.“ Einverstanden! Aber wie weit sollen diese gehen? Wann machen wir sie zur Bedingung? Wieviel Selbstbewusstsein verlangen wir einem Kind ab, das an etwas festhält, das ihm wichtig ist? (z.B. einem Jungen, der sich gerne mit dem Puppenhaus beschäftigt?)

 


Es ist deshalb Aufgabe der Erwachsenen, sich über die präsenten Kategorisierungen bewusst zu werden, sie infrage zu stellen, sie auch mit Kindern zu thematisieren.

Und gegen diese Haltung gegenüber Kindern stellen sich also ErzieherInnen, PolitikerInnen, EntscheiderInnen, wenn sie meinen, Geschlechtergerechtigkeit vermittle sich irgendwie von selbst? Wenn Sie behaupten, gendersensible Pädagogik sei Gleichmacherei?

 

update Juni 2017:

eine kleine Studie aus Uppsala, Schweden zeigt, dass Geschlechtersensible Pädagogik die Tendenz der Kinder, nach Geschlecht zu trennen und Zuordnungen aufgrund von Geschlecht zu treffen. „Children who attended one gender-neutral preschool were more likely to play with unfamiliar children of the opposite gender, and less likely to be influenced by culturally enforced gender stereotypes, compared to children enrolled at other pre-schools.“

Und hier ein sehenswerter TedX-Talk zum Thema von Lotta Rajalin.

 

Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher

Ich wünschte, mehr Kitas, mehr Erzieherinnen wären offen, sich mit den Inhalten geschlechtergerechter Pädagogik auseinanderzusetzen. Stattdessen sorgt die mangelnde Fachkenntnis derer, die ohne zu reflektieren „Frühsexualisierung“ schreien dafür, dass vielerorts Kinder weiterhin in rosa-hellblaue Schubladen gedrängt, nach Rittern und Prinzessinnen sortiert, in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt werden, mit dem besten Wissen und Gewissen der sie betreuenden PädagogInnen. Und ihre Umwelt meint sogar, sie würde sie durch Ignorieren vorhandener Rollenklischees vor dem Einfluss der „Genderisten“ bewahren. Welche Ironie!

Wer bei den oben genannten Beispielen ein komisches Gefühl bekommen hat, wer sich für die alltäglichen Rosa-Hellblau-Fallen in der Arbeit mit Kindern interessiert, wer nach Strategien sucht, sie zu umschiffen und sich mit anderen darüber austauschen möchte:

unser Rosa-Hellblaues-Köfferchen ist gepackt

– wir freuen uns über Einladungen und/oder Empfehlungen.

koffer

Rosa-Bann und Hellblau-Falle

Die Feen- und Glitzerwelt eines kleinen Jungen

Radiofeature um 10:05 – 10:30 Uhr

(Link zum Feature in der Mediathek)

Live-Diskussion mit Hörerinnen und Hörern: 19.20 bis 20 Uhr

(Link zum Nachhören)

Puppen und Prinzessinnen, Glitzer und Nagellack, die Sprache der Werbung, Produkt- und Verpackungsdesign vermittelt deutlich, dass all diese Dinge Mädchen vorbehalten sind, für Jungen tabu. Interessiert sich ein kleiner Junge doch dafür, dann erfährt er schiefe Blicke, verletzende Kommentare und Unsicherheit bei Eltern, Erziehern und Lehrerinnen.
Bei der Recherche für unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ haben wir eine junge Familie kennengelernt und begleitet. Deren fünfjähriger Sohn ist fasziniert von einem Lebensbereich, aus dem er sich zugleich ausgeschlossen fühlt. Wie gehen die Eltern damit um?

 

 

 

Nora Gomringer: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Mein Name ist Nora Gomringer,

ich bin Lyrikerin und leite als Direktorin eine staatliche Institution. Ich bin einzige Schwester meiner sieben Brüder. Rollenverwirrungen, Travestie, Horror, Körper und Versehrtheit, Theater, Selbstbestimmung und Mode interessieren mich als literarische Stoffe – ich glaube, das prädestiniert mich.

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

  1. Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich wohl anders erzogen worden von meinen Eltern, meiner Umwelt. Das hätte meine Wahrnehmung für die Welt und mich selbst geprägt. Ich hätte andere Freunde, anders gelagerte Komplexe, die sich wahrscheinlich weniger auf generell Körperliches beziehen würden, dafür auf meine Sexualität, meine Leistungsfähigkeit. Ich wäre kompetitiver, geradliniger, aufgeräumter, weniger pathetisch, weniger dramatisch, kontrollierter. Vielleicht wäre ich homosexuell und wenn hetero, wäre ich sicher eher oberflächlich. Ich wäre, je nachdem welche Erfahrungen ich gemacht hätte, sexuell freizügiger. Ich wäre sicherlich sehr daran interessiert, auszusehen wie Steve McQueen oder Paul Newman.

 

  1. Was tust Du nicht / welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann/eine Frau bist?

Weil ich eine Frau bin und dazu eine generell eher unsichere, überlege ich bei Dingen, die mir etwas bedeuten oder Handlungen, die weitreichende Konsequenzen haben intensiv, ob ich sie tun soll, tun darf. Weil ich eine Frau in Therapie bin, versuche ich, aktiv gegen dieses Auferlegte zu gehen und den erhaltenen Ratschlägen zu folgen. Ich glaube, dass ich mich als Mann nicht in Therapie begeben hätte.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Frauen seien schwach. Frauen seien von ihren Gefühlen geleitet und bisweilen beeinträchtigt. Frauen lebten für Männer. Frauen liebten Kinder und alle wären geborene Mütter. Frauen müssten schön sein, sich aktiv für ihre Beziehungen einsetzen, um nicht verlassen, ihre Beziehungen nicht beendet zu sehen. Frauen wären manipulierbar, Frauen manipulierten.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Wenn 10 Dichter bei einem Festival auftreten und nur eine Frau unter ihnen ist, ist diese Frau wie eine Oase. Ich war oft Oase. Mindestens Palme oder Kamel.

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Beim Sex. Bei der Anbahnung ist es sehr wichtig. Beim Akt dann nicht mehr. Überall sonst und generell ist das Geschlecht viel zu entscheidend.

———————-

 

#WasAnderswäre

—> Zur Liste aller Namen und Links derer, die bisher mitgemacht und geantwortet haben

und zum Ausangsartikel des Blogstöckchens.

 femailgmail

Anne Wizorek: #WasAndersWäre

#WasAndersWäre

Der Gastbeitrag ist dieses Mal von Anne Wizorek, die auch in unserem Radiofeature zu Wort kam und die sechs Fragen dafür beantwortet hatte. Hier sind sie noch einmal alle in ungekürzter Form.

(Foto: CC-BY Anne Koch)

(Foto: CC-BY Anne Koch)

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien und lebt im Internet und Berlin. Sie ist Initiatorin des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei und Autorin des 2014 erschienenen Buchs „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute“. Auf dem von ihr gegründeten Gemeinschaftsblog kleinerdrei.org schreibt sie zu Herzenshemen von Politik bis Popkultur.

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Wenn ich das Haus verlasse, ist es für mich ist ein elementarer Bestandteil, dass ich Kopfhörer dabei habe. Nicht nur um Musik zu hören, sondern als Abgrenzung, um blöde Sprüche und belästigende Kommentare, auf der Straße eben nicht mitbekommen zu müssen. Das wäre also wahrscheinlich anders und sorgloser, wenn ich ein Mann wäre. Außerdem glaube ich, dass mir wesentlich mehr Menschen zuhören würden, wenn ich über Feminismus rede, weil das mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn solche Dinge von einem Mann gesagt werden. Es ist tatsächlich schwer, mir das vorzustellen, denn wäre ich Mann, würde ich mich überhaupt so mit Feminismus auseinandersetzen? Denn dann wäre ich ja in der privilegierten Lage, Sexismus auch einfach mal ignorieren zu können im Gegensatz dazu, wie ich es als Frau erfahre. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich dann ein feministischer Mann wäre, und dann wäre ich zumindest ganz schön genervt davon, wie unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch über Männer denkt.

 

  1. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Schminken vielleicht? Als Mädchen oder Frau besteht ja ein ganz anderer Zugang um sich auch über Schminke selbst auszudrücken. Dabei sollte Schminken natürlich weder als Muss für Frauen gelten, noch als „Niederlage“ gegenüber patriarchalischen Strukturen ausgelegt werden, wenn sie es ganz einfach gerne tun. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich als Mann ebenso schminken würde. Also wie es einerseits von Frauen erwartet wird, ist es andererseits für Männer ja total verpönt – weil es eben vor allem mit Weiblichkeit verbunden wird und so das patriarchalische Männlichkeitskonzept in Frage stellt.

 

  1. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Einfach sorglos aus dem Haus zu gehen und die Straße entlang, wenn es dunkel ist zum Beispiel. Also ich denke da schon auch immer noch drüber nach. Auch gerade in Bezug auf Freundinnen, wenn ich weiß, dass sie zum Beispiel ein Blind Date haben. Dann muss auch immer irgendwie eine Absicherung da sein, als dass sie einfach dort hingehen könnten. Sich in solchen Situationen keine Sorgen wegen der körperlichen Sicherheit machen zu müssen, das fehlt.

 

  1. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Was mich immer wieder irritiert, ist wirklich, wie viele Menschen nicht damit klarkommen, wenn Frauen mal nicht nett sind. Das wurde ja auch im Rahmen von #aufschrei nochmal ganz deutlich: Frauen dürfen sich nicht beschweren, denn dann wird es so empfunden, dass sie nur am Meckern und am Rumnölen sind. Frauen haben im Grunde keine legitime Position, um einfach mal sauer über Ungerechtigkeiten sein zu dürfen, sonst sind sie gleich hysterische Zicken, hässliche ungeliebte Männerhasser und was weiß ich nicht alles. Also entweder du hältst die Klappe, dann musst du es eben ertragen, was scheiße ist, oder du regst dich auf, und dann kriegst du die Kritik: „Du regst dich ja immer nur auf!“. Dass das so durch diesen sexistischen Doppelstandard ausgehebelt wird, ist sehr anstrengend. Und ich finde es auch immer wieder krass, wie das bei Männern gewertet wird: „Ja, der haut halt mal ordentlich auf den Tisch, der hat die Hosen an und der sagt halt, was Phase ist!“ Aber wenn Frau das macht, dann ist es einfach nur nervig und sie soll sich mal nicht so haben und nicht so hysterisch sein.

 

  1. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Als ich mal mit meinem Fahrrad unterwegs war und nicht auf dem Radweg fuhr, weil da Glasscherben lagen – Willkommen in Berlin! – und ich dann aber von einer Fußstreife, einem Polizisten angehalten wurde. Der war kurz davor, mir eine Geldstrafe deswegen zu verpassen, legitim, weil ich ja auf dem Bürgersteig gefahren bin. Aufgrund der Tatsache, dass ich so perplex war, hatte ich echt so ein bisschen feuchte Augen und war ziemlich durch den Wind. Und ich fürchte, da hat tatsächlich dieses Mädchenschema gegriffen, dass er dann doch noch ein Auge zugedrückt hat und meinte: „Ja, aber beim nächsten Mal nicht mehr!“

 

  1. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich wünsche mir das, und ich glaube, dass es auch durchaus möglich ist, aber so wie wir alle erzogen und geprägt sind und wie das so viele Aspekte des Alltags durchdringt, glaube ich, ist das derzeit leider nicht möglich. Es spielt ja selbst eine Rolle, wenn ich mich im Internet zum Beispiel in einem Chat als Mann ausgebe, damit ich sonst in Ruhe gelassen werde. Also insofern gibt es solche Räume, glaube ich, leider gerade nicht.

—————–

 

–> Wer gerne weiterlesen möchte, >hier< geht es zur Liste derer, die am Blogstöckchen #WasAndersWäre teilgenommen haben.

#WasAndersWäre – Saschas Antworten

#WasAndersWäre

Sascha Verlan

Wir hatten uns diese Fragen ausgedacht, um die vielen, so unterschiedlichen Menschen, die wir für unser Buch und die ‚Lange Nacht der Geschlechterrollen‚ interviewt haben, auf einer gemeinsamen Gedankenebene zusammen zu führen. Auf dem Weg zum ersten Interview war ich alles andere als überzeugt … ob das wirklich gute Fragen sind? Würden sie sich in der Kürze eines Interviews sinnvoll beantworten lassen, oder bekommen wir doch nur Allgemeinplätze zu hören? Und da die meisten unserer Gesprächspartner*innen tagtäglich mit Genderfragen befasst sind: sind die Fragen überraschend und originell genug, dass da spannende, inspirierte Antworten kommen? Und ich musste mich tatsächlich erst selbst an diese Fragen gewöhnen, den richtigen Tonfall finden, die passende, der Situation angemessene Haltung. Die Fragen sind mit den Interviews gewachsen, ihre Relevanz wurde erst mit der Zeit deutlich.

Erst jetzt, nachdem wir die Fragen schriftlich in die Runde geschickt hatten, ist mir bewusst geworden, dass ich sie mir selbst noch gar nicht ehrlich beantwortet habe. Vielleicht war das notwendig, um in all den Interviews unvoreingenommen, persönlich beteiligt sein zu können, jedes Mal aufs Neue mitdenken, überrascht sein, empathisch, überwältigt auch von der ungefilterten Ehrlichkeit … auf jeden Fall ist jetzt die Zeit:

 

Was wäre anders in Deinem Leben, in Deinem Alltag, wenn Du eine Frau wärst?

Ich weiß nicht, ob ich als Frau auch drei Kinder bekommen hätte. Ich habe abgesehen vom Zivildienst und ein paar kleineren Jobs während des Studiums nie in einem festen Angestelltenverhältnis gearbeitet, war immer freiberuflich und wollte nie etwas anderes. Ich fürchte, dass ich als Mann so aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, dass Kinder in meinen beruflichen Plänen einfach keine Rolle gespielt haben, dass ich sie einfach nicht mitbedacht habe, als ich mich für diesen Weg entschied. Kinder zu bekommen, bedeutete für mich als Mann nicht diesen gravierenden Einschnitt. Der kam erst, als ich wirklich zur Hälfte für sie zuständig war, als mich die Elternschaftsstrafe ereilte, kinderlose Kollegen und Kolleginnen all die spannenden Projekte machen, für die mir die Zeit, mehr noch die Kraft fehlt. Im Rückblick denke ich, dass mir damals die Konsequenzen meiner Entscheidungen einfach egal waren, und wahrscheinlich hätte ich mir bei der Entscheidung für Kinder diese Scheiß-drauf-Haltung als Frau nicht bewahren können – wenn sie mir nicht schon viel früher abtrainiert worden wäre.

 

Was tust Du nur deshalb, weil Du ein Mann bist?

Ich rede wenig, schweige eher, und überlege oft viel zulange, ob und was ich sagen könnte. Ich mag keinen Small-Talk, weil ich das belanglos finde, vor allem aber weil ich mich in solchen Situationen fehl am Platz fühle, also unsicher und gehemmt. Ich hab das einfach nicht gelernt, nie lernen müssen. In unserer Familie hat meine Mutter das Reden für mich und für meinen Vater übernommen. Ich bin immer so durchgekommen.

 

Was tust Du nicht, welche Dinge lässt Du lieber, weil Du ein Mann ist?

Die Frage bedeutet für mich: würde ich gerne etwas anders machen in meinem Leben und tue es nicht, weil es dem verbreiteten Männerbild widersprechen würde. Alles okay soweit. Aber ich gehe definitiv selten zum Arzt, und bisher ging ja alles gut :-) Ich lasse mir definitiv nur selten helfen bei was auch immer, frage ungern um Hilfe, nach dem richtigen Weg, im Zweifelsfall weiß ich ohnehin alles selbst am besten, auch wenn es nachweislich nicht stimmt. Ich externalisiere gerne meine Probleme, meist sind die anderen schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Ich weiß nicht, was davon individuell ist, es entspricht aber schon sehr dem männlichen Klischee.

 

Durch welches Klischee fühlst Du Dich persönlich beeinträchtigt?

Wir hatten für unsere jüngste Tochter einen Kita-Platz bis 14:00 Uhr. Und während morgens und am späten Nachmittag auch einige Väter in der Kita zu sehen waren, die ihre Kinder brachten und abholten, war ich um 14:00 Uhr dort der einzige Mann. Also war ich auch zuständig für die nachmittäglichen Verabredungen. Ich erinnere mich ungern an die Situationen an der Haustüre, wenn mancher Mutter klar wurde, dass meine Frau nicht da ist, dass sie Lili, Marlene, Tom, Jonas nun in meine Obhut übergeben würde. Da war ein kurzes Zurückzucken, ein Flackern im Blick, und auch beim zweiten und dritten Mal noch ein Unbehagen zu spüren, das ich verletzend empfand. Vielleicht war das auch nur mein eigener Film, meine eigene Unsicherheit und Prägung durch ‚Es geschah am helllichten Tag‘, vielleicht auch nicht. Es hat auf jeden Fall meine Freiheit und vor allem meine Unbefangenheit (im Umgang mit den Besuchsfreund*innen meiner Kinder, als sie noch klein waren) eingeschränkt.

 

Erzähle von einer Situation, in der Du bemerkt hast, dass es ein Vorteil ist, zur Gruppe der Männer zu gehören?

Ich war es, der unseren Sohn in die Kita brachte, als er eine Zeit lang Spaß daran hatte, Röcke und Kleider zu tragen. Uns war klar, dass die Scheu der Mütter und Erzieherinnen größer sein würde, mich damit zu konfrontieren oder die Entscheidung infrage zu stellen. Vielleicht, weil ich auch davor schon eher weniger Gespräche mit den vielen Frauen dort geführt hatte, weil ich unnahbarer wirke, eher eine Mir-doch-egal-Haltung ausstrahle. Und so war es dann auch. Unser Sohn konnte unbehelligt im Kleid in die Kita gehen und übernahm dort mit Freude beim Mutter-Vater-Kind-Spiel die Rolle der Mutter. An Tagen, an denen meine Frau ihn brachte, erzählte sie von Kommentaren anderer Eltern, die bei mir nie fielen oder die ich unbewusst ignoriert hatte.

Ein zweites Beispiel ist die (geschäftliche) Verbrüderung unter Männern. Ich weiß, wie dieses Wir-Männer-unter-uns-Spiel läuft, auch wenn es mir nicht gefällt. Da werden ein paar Namen in den Raum geworfen, die Reaktionen abgecheckt und wenn die richtigen Schlagwörter als Antwort kommen, ist der Auftrag unter Dach und Fach. Da braucht es keine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung, stattdessen ein bisschen Namedropping, ein kräftiger Händedruck und die Sache läuft. Über Inhalte wird dann später am konkreten Projekt diskutiert.

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich würde jetzt gerne sagen, dass das Geschlecht in Interviewsituationen keine Rolle spielt, wenn es nur um die Sache geht, um die Geschichte und Gedanken der Person, die mir da gegenüber sitzt. Aber bloß weil ich mich in diesen Situationen als das Medium, also geschlechtslos fühle, heißt das nicht, dass Geschlecht gerade keine Rolle spielt. Dass das Geschlecht gerade auch im Interview eine Rolle spielt, wurde mir vor allem in den Interviews zur ‚Rosa-Hellblau-Falle‘ bewusst. In den Gesprächen mit Frauen hatte ich stets das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen müsste, beweisen, dass ich auf der richtigen Seite stehe, soweit mir das als Mann eben möglich ist. Und in den Gesprächen mit einigen Männern musste ich diese Verbrüderungsversuche abwehren, weil ich eben nicht der Meinung war, dass die Marketingindustrie nur auf die Wünsche und Strömungen der Gesellschaft reagiert, sondern diese Wünsche und Bedürfnisse aktiv steuert. Nein, mir fällt keine Situation ein, in der Geschlecht keine Rolle spielt.

———————-

Wer mit machen möchte,  >hier< gehts zum Blogstöckchen-Artikel

———————-

 

Offener Brief an die Leo-Redaktion: Sind Klischees Jungssache oder Mädchensache?

Liebe (Zeit-)Leo-Redaktion,

ich wünschte, Sie würden sich einmal damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn Kinder mit Klischees konfrontiert werden. Ich wünschte, Sie würden sich einmal Gedanken machen über die Wirkungsweise des Stereotype Threat, um dann Ihre ZeitLeo-vollerKlischeesRubrik “… Jungssache oder Mädchensache?” neu zu überdenken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es doch darum, die gewohnten Rollenklischees zu hinterfragen, vielleicht sogar aufzulösen: „Stimmt das überhaupt?“ Die letzten Male gab es immerhin unter den Kindern einzelne Stimmen, die klar machten: diese Zuordnungen sind Quatsch, denn Interessen sind nicht geschlechtsabhängig, sie unterscheiden sich individuell. Doch die aktuelle Ausgabe steckt einmal mehr voller Geschlechterklischees und führt vor: werden Menschen auf Kategorien hingewiesen und in Gruppen eingeteilt, entsteht automatisch ein Wir-Gefühl („Wir Jungs sind eben…“) sowie das starke Bedürfnis, sich von der jeweiligen Fremdgruppe („Die Mädchen sind aber …“) abzugrenzen. Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Gruppen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.

Den Kindern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie übernehmen, was die Erwachsenen ihnen durch Gendermarketing, Werbung, Sprüche, Bilder… täglich vermitteln, sie wachsen hinein in unsere Regelwelt und übernehmen unsere Zuordnungen. Grade deshalb finde ich es für die Redaktion einer Kinder-Zeitschrift inakzeptabel, Sätze wie die folgenden unkommentiert stehen zu lassen: “Die Jungs bei uns können schon ganz gut malen – zumindest für Jungs.”, “Comics sind eine Jungssache, weil sie oft brutal sind.”, “Mädchen schreien immer sofort, wenn es mal zur Sache geht.” Wo bleibt die Einordnung? Wo das Gegenbeispiel?

In der Kinder- und Jugendarbeit sind Pädagog*innen täglich damit konfrontiert, dass sich viele Jungen zu wenig fürs Lesen interessieren, dass es cool ist, Schule blöd zu finden, dass zu viele von ihnen Auseinandersetzungungen nicht verbal sondern körperlich lösen wollen und ihre Probleme externalisieren. Mit ein Grund dafür ist, dass wir ihnen täglich vermitteln: “So sind sie eben, die Jungs und so ganz anders die Mädchen.” Sich diesen Vorstellungen zu widersetzen, sich anders zu verhalten, als es die Umwelt erwartet, wird Kindern immer schwerer gemacht, da folgen sofort komische Blicke und Bemerkungen. Und egal ob Kommentare vordergründig positiv (”toll! … für einen Jungen.”) oder explizit negativ gemeint sind, sie machen Kindern deutlich: das erwartet diese Gesellschaft von Mädchen und von Jungen: Jungs, die brutale Comics gut vertragen, sonst eher wenig lesen, wilde Geschichten brauchen etc. Und Mädchen, die gleich loskreischen, feinmotorisch im Vorteil sind und Pferdegeschichten bevorzugen… – typisch! Der Alltag von Kindern ist doch schon genug nach Geschlecht getrennt, er ist voll von Botschaften zum „normalen“ Verhalten von Mädchen bzw. Jungen. Da erhoffe ich mir, dass wenigstens in einer Zeitschrift, die von Kindern gelesen wird, Widerspruch laut wird.

Denn wenn sich an diesem Jungen- und Mädchenbild etwas ändern soll, dann, indem wir Kindern helfen, Klischees und Verallgemeinerungen wahrzunehmen, indem wir ihre und unsere Zuordnungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen etc. infrage stellen. Und indem wir ihnen helfen, frei zu entscheiden, unabhängig von unseren eigenen, traditionellen Vorstellungen vom “richtigen Kerl” und “echten Mädchen”. Doch Ihre regelmäßige Frage nach Jungssache / Mädchensache fordert Kinder immer wieder dazu auf, sich aufgrund ihres Geschlechts einzuordnen, nicht aufgrund ihrer individuellen Interessen. Sie fordern sie wieder und wieder auf, in rosa-hellblauen Schubladen zu denken, genau jenen, die uns Erwachsenen allzu geläufig sind. Das ist kontraproduktiv und verhöhnt die Arbeit derer, die sich um Gleichstellung bemühen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine Chance haben auf ihr grundgesetzlich zugesichertes Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichstellung beginnt nicht in der Debatte der Erwachsenen um Quoten und PayGap, sondern in der Kinderwelt!

Mit freundlichen Grüßen, Almut Schnerring

Blogstöckchen #WasAndersWäre

 

(mitgemacht beim Blogstöckchen? –> Artikel gerne hier verlinken!)

Für das Radiofeature die ‚Lange Nacht der Geschlechterrollen‘ haben wir unseren vielen unterschiedlichen Gesprächspartner*innen 6 identische Fragen gestellt. Die Antworten gingen zum Teil in ganz unerwartete Richtungen, wurden persönlicher, empathischer, lustiger, trauriger … und vielleicht laden sie auch andere ein zum Nachdenken über Geschlechterklischees im eigenen Alltag und Lebenslauf. Wir freuen uns, wenn ihr sie beantwortet, aufgreift, euren Überlegungen anpasst, verändert, weiterschickt …  (Die Antworten von Anke Domscheit-Berg haben wir hier verschriftlicht, Sascha hat *hier* geantwortet)

Das sind unsere sechs Fragen, die wir nun als Blogstöckchen in die Runde werfen:

  1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
  2. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
  3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
  4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
  5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
  6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Wir reichen das Stöckchen an 6 Personen weiter und hoffen, dass sie es auffangen. Wenn es bei Dir angekommen sein sollte, dann verlinke doch bitte diesen Beitrag und wirf es weiter an andere Personen, für die das Thema interessant sein könnte.

Bitte verwendet den Hashtag #WasAndersWäre,

wenn Ihr darüber bloggt, twittert, facebooked…, damit wir Euch finden und verlinken können. Und verweist doch bitte auf diese Seite hier. Noch besser natürlich, Ihr schickt uns Euren Link direkt; wäre doch schade, wenn wir nicht alle hier versammeln könnten.

Nachtrag 5. Juni: Wir kommen leider nicht mehr hinterher, deshalb jetzt unten der Button >Add your link<

Wir schicken unsere 6 Fragen an die folgenden 6 Blogger*innen:

@Dr_Indie

@herrpfarrfrau

@dasnuf

@Mama_arbeitet

@DerPapaOnline

@mareicares

Dieses Blogstöckchen hat keine Frist und natürlich können alle daran teilnehmen, die sich von diesen Fragen angesprochen fühlen und Lust haben, Ihre Antworten zu teilen. Wir sind gespannt!

viele Grüße von Sascha und Almut

——————————-

#WasAndersWäre

hier die Antworten auf unsere Fragen:

–> von Anke Domscheit-Berg, @anked, Ihre Antworten hier als Gastbeitrag

–> von Christine Finke, @mama_arbeitet, sie hat hier geantwortet: mama-arbeitet.de

–> von @Robin_Urban auf robinsurbanslifestories

–> von @onyx auf onyxgedankensalat

–> von @tempovoyager auf Wolke Rosa

–> Katja Grach, @krachbumm_com auf krachbumm.com

–> @silkeplagge, @VerenaCarl und @estherlangmaack auf 40-something.de

–> @bee_jenni auf mrschaoslife

–> Sascha auf ich-mach-mir-die-welt.de

–> @ehrlichgesagt

–> munichs-working-mom

–> FalkSchreiber

–> Nicmag.de

–> nur-Miria

–> LuziaPimpinella

–> Paparockt

–> Charis auf wohlgeraten

——————–

#WasAndersWäre – eine Zwischenbilanz

——————-

–> Noch ein Gastbeitrag: die Antworten von Anne Wizorek

–> Mareice aus dem Kaiserinnenreich

–> Mama notes

–> Kolumne über #WasAndersWäre von Nils Pickert auf dieStandard.at

–> Karin von sweetsixty.de

–> Nicole von livelifedeeply-now

–> Feeistmeinname.de

–> Sonea-Sonnenschein.de

–> Große Köpfe

–> Inka auf blickgewinkelt

–> Hans auf tages-gedanken

–>

–>

–>

—————————–

Wir freuen uns sehr über die große Resonanz auf unsere Fragen!

Gerne wollen wir alle Beiträge hier versammeln, aber da wir sicher nicht alle gefunden und verlinkt haben, gibt es hier unten mit dem blauen Button >Add your link< die Möglichkeit, sich selbst einzutragen (ist unser erster Test mit inlinkz, bitten um Nachsicht, falls das noch Überarbeitung braucht).

Oder Ihr hinterlasst unten einen Kommentar und verlinkt auf diesem Weg zu Eurem Blog. Vielen Dank.

Bildschirmfoto 2016-05-12 um 16.53.38