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Flaubert, das Spiegelei und die Familienpolitik

Als Schreiberling müsse er kein Spiegelei in der Pfanne sein, um über ein Spiegelei in der Pfanne zu schreiben,

sagte sinngemäß Flaubert.

Und auf meinem Weg in den Journalismus habe ich ihm das geglaubt. Klar kann man über alles gut und anschaulich schreiben, bin ja schließlich empathisch, kann mich einfühlen in andere Lebenslagen und so, durch Recherche die Situation erfassen, von innen heraus, ja ja…

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photo credit: Fried Egg via photopin (license)

Und dann wurde ich Mutter. Und hatte fortan Job und Privat in Einklang zu bringen. Unauffällig bitte, ohne viel drüber zu sprechen, nicht so verkrampft, streng dich ein bisschen an, dann klappt das, wer will, kann auch. Und so kamen Themen wie Mutterrolle, Carearbeit, Familienarbeit, Kinderrechte, Frauenrechte, Gleichstellung … in mein Leben und in mein Schreiben. Und Flaubert? Hat so was von keine Ahnung!

Heute glaube ich ihm kein Wort mehr. Wenn es um unterhaltsame Literatur geht … – geschenkt. Aber Gleichstellungsthemen und die Situation von Frauen zum Beispiel? Man muss kein Spiegelei in der Pfanne sein, um …? Echt jetzt? Von Flaubert ist zum Beispiel auch der folgende Absatz:

Die Frauen haben keine Vorstellung vom Recht. Die Besten haben keine Skrupel, an Türen zu lauschen, Briefe zu öffnen, zu tausend kleinen Betrügereien zu raten und sie zu verüben, etc. All das kommt von ihrem Organ. Wo der Mann etwas Erhabenes hat, haben sie ein Loch! Dieses Erhabene ist die Vernunft, die Ordnung, die Wissenschaft, der Phallus Sonnenplanet, und das Loch, das ist die Nacht, das Feuchte, das Unklare. (Quelle)

So viel also zur Einfühlsamkeit Flauberts. Bei Spiegeleiern mag es ihm ja noch gelungen sein, aber bei Frauen und ihren Rechten? 1880 ist er gestorben. Wie also sieht es heute aus mit dem Spiegelei in der Pfanne? Genügt es, sich seine Situation vorzustellen? Lässt sich das auf die Gleichstellungsthematik übertragen? Ich denke, Sheryl Sandberg wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass man manchmal eben doch ein Spiegelei sein muss, um zu verstehen. Um wirklich beurteilen, um wert- und einschätzen zu können.

Aber was bedeutet diese Erkenntnis für politische Entscheidungen, für Fragen zur Familienpolitik? Wieviel Spiegelei in der Pfanne muss ein Politiker erlebt haben, um die richtigen Forderungen zu stellen, um sich für die für Spiegeleier relevanten Änderungen einsetzen zu können?

Ich jedenfalls kaufe zum Beispiel kein Frauenmagazin, das der Vatikan herausgibt – aus Gründen. Und ich wünschte mir, viel mehr unserer überwiegend männlichen Politikerinnen würden mal mit dem Spiegelei in die Pfanne steigen, um nachzuempfinden, wie das ist: die Auswirkungen der Gleichstellungsdebatte und der Familienpolitik ganz konkret im Alltag von Frauen, von Müttern. Und damit meine ich weder die zwei Vätermonate, noch den einen Tag pro Woche, an dem er seine Tochter von der Kita abholt. Denn um wirklich nachspüren zu können, muss die Pfanne schon ein bisschen heißer sein.

29.2. ist Equal-Care-Day

Happy Equal-Care-Day!

Alle Infos, Statements,… dazu unter

www.equalcareday.de

(Evtl. den Cache des eigenen Browsers löschen,

kann sein, dass die Umleitung dort noch gespeichert ist und wieder hierher zurückführt.)

 

Equal-Care-Day: er sieht den Dreck nicht, sie ist pingelig?

Bitte kein Heute-putzt-mal-der-Mann-Gedenktag!

Wir setzen uns dafür ein, den 29. Februar als Equal-Care-Day einzuführen, um an diesem zusätzlichen Tag im Schaltjahr auf die mangelnde Wertschätzung und ungerechte Verteilung von Care-Arbeit nicht nur, aber gerade auch in Deutschland aufmerksam zu machen. Die ungleich verteilte Hausarbeit, die ZEIT ONLINE anlässlich unserer Equal-Care-Day-Idee in den Fokus nimmt,  ist zwar Teil dieses Themenkomplexes, doch wir wünschen uns vor allem mehr Aufmerksamkeit für Care-Arbeit im Sinne von Fürsorge, beruflich wie privat, also Kinderbetreuung, Pflege von Alten, BeHinderten, Kranken und auch dem eigenen Körper, sich selbst gegenüber. Denn leider hat sich unsere Gesellschaft dahin entwickelt, dass die Arbeit mit und an Maschinen mehr Lohn und mehr Wertschätzung verdient, als jene, bei der Menschen im Mittelpunkt stehen. 

 Doch offensichtlich regt der Text von Tina Groll viele dazu an, sich übers Putzen, Waschen, Kühlschrank Füllen Gedanken zu machen. Und weil sich in den Kommentaren die #rosahellblaufalle öffnet, sich ein „Ihr Frauen“ vs. „Wir Männer“ und andersherum ausbreitet, wollen wir auch zu diesem Aspekt ein paar Zeilen schreiben. 


Geschlechterkampf ??

Wieso lassen sich so viele in der Diskussion um Zuständigkeiten und Rollenbilder auf ein Gegeneinander ein und unterstützen damit jene, die in unterschiedlichen Kontexten von „Geschlechterkampf“ schreiben? Wir leben in einer Zeit, in der jede dritte Ehe geschieden wird, homosexuellen Paaren die Fähigkeit abgesprochen wird, Kinder großzuziehen, und viele Kinder mit nur einem Elternteil aufwachsen. Eine Zeit, in der gleichzeitig Fernsehshows „Jungen gegen Mädchen. Der Kampf der Geschlechter“ konzipiert werden und der Kinofilm, der Star Wars von Platz eins der Kinocharts verdrängt hat, den Untertitel „Jungs gegen Mädchen“ trägt. Nicht zu sprechen vom Konzept des Gendermarketing, das seit gut 10 Jahren darauf setzt, uns weiszumachen, Frauen und Männer hätten von Grund auf unterschiedliche Interessen, bräuchten verschiedene Versionen von Chips, Bratwürstchen und Socken, von Fahrrädern, Armbanduhren und Nassrasierern. Eine Werbestrategie, die auf ein geschlechtergetrenntes Angebot setzt, als lebten Frauen und Männer in zwei grundsätzlich getrennten Welten. Welchen Nutzen haben wir dadurch? „Ist doch schön, dass es Unterschiede gibt“, argumentieren die Gegner*innen geschlechtergerechter Pädagogik und kaufen Bücher mit Mars und Venus oder Einparken und Zuhören im Titel. Comediens machen Witze über Seine Einsilbigkeit und Ihre Geschwätzigkeit und wir helfen mit, dass sie damit Turnhallen füllen. Welchen Nutzen sehen wir darin, in einen „Geschlechterkampf“ einzusteigen und dabei zu behaupten, alles wäre nur lustig gemeint, und sowieso gäbe es biologische Gründe für diese Unterschiede? Biologische Gründe für geschlechtergetrennte Deo- und Shampoo-Regale? Und worin bitte liegt der Nutzen bei rosa-geblümten und hellblauen Alternativen bei Putzmitteln für die Scheibenwischanlage? Womit wir zurück wären beim Streit ums Putzen. Nein, bei der Frage, ob das Putzen einen Streit wert ist. Denn die Frage „Wie könnten wir es gemeinsam besser hinbekommen?“, würde dem Thema gut tun. Stattdessen entscheidet sich die Mehrheit für Schuldzuweisungen, Herabsetzungen und Rechthabereien, dies und jenseits des Grabens, der tiefer wird, wenn wir uns nicht endlich unserer Gemeinsamkeiten bewusst werden.

„Frauen sind eben einfach pingeliger!“ ?

Die Entbrannten argumentieren vor allem um zwei Aspekte herum:

1) DIE Männer sähen den Dreck nicht vs. Frauen wären pingelig und bräuchten unnötig Zeit für etwas, das sich schneller erledigen ließe.

2) Frauen übernehmen zwar mehr, dafür arbeiten Männer an anderen Stellen mehr, die da wären: Rasenmähen, Ernährerrolle und Überstunden, Tagebau, Krieg und andere körperliche und seelische Lasten, für die Frau sich zu fein sei (inklusive Plädoyer für eine Quote bei der Müllabfuhr), weshalb Männer im Durchschnitt auch 5 Jahre kürzer leben als Frauen.

„Männer sterben überwiegend aus sozioökonomischen und psychosozialen Gründen 5 Jahre früher als Frauen. Wann wird endlich mal auf diese Ungleichheit hingewiesen?“

Und genau DAS ist der Punkt, deshalb wollen wir einen Equal-Care-Day einführen: Denn SIE ist nicht Schuld, dass sie den Dreck sieht, bevor ER darauf achtet. Es ist auch nicht SEINE Schuld, wenn er es wichtiger findet, die richtigen Getränke im Haus zu haben, wenn Freunde sich angekündigt haben. Sie ist nicht „selbst Schuld“, wenn sie länger braucht, kleinlich ist beim Aufräumen, noch schnell durchsaugt, bevor der Besuch kommt, während er keinen Anlass, keinen Fussel sieht. Auch ER ist nicht Schuld, wenn er der Ansicht ist, sie übertreibe, das Wohnzimmer sei aufgeräumt genug.

„Auch in meiner Ehe macht meine Frau einen Großteil der Hausarbeit – nicht, weil ich sie faschistoid unterdrücke oder heteronormativ-patriarchalisch in die soziokulturelle Schublade „Ehefrau“ einsortiere, sondern weil ich schlicht und einfach zu schlampig bin“ – Kommentar unter o.g. Zeitonline-Artikel

„Natürlich habe ich es viel leichter, das zu sagen, denn das Ergebnis meiner Haltung ist ja: ich muss nichts tun. Das ist ja wunderbar und gemütlich und bequem. Aber wieviel innere Freiheit kann ich mir gegen diese Gewohnheit erkämpfen, muss ich kämpfen oder geht’s nicht auch anders? Und in welchem Maße sollte die andere Seite, dass ich z.B. sage: >Hey, fege doch lieber, wenn die Gäste weg sind, dann lohnt es sich wenigsten, ne!< Ist das jetzt meine Schlampigkeit? Die mit mir als Person zu tun hat? Unabhängig von Geschlecht? Oder ist das auch so eine Nummer, die entsteht durch: >Naja, die Jungs räumen halt nicht auf, machen nicht sauber, die bringen halt Dreck<. Das ist schwer zu trennen. Wieso finde ich es nicht schlimm, dass es dreckig ist, wenn Besuch kommt? Ist das, weil ich es gelernt habe, dass ich das nicht schlimm finden muss, oder ist das, weil ich das aus welchen Gründen auch immer nicht … so wie ich das Bett auch nicht immer mache, wenn ich aufstehe …?“ Marcus im Interview für die Lange Nacht der Geschlechterrollen, Deutschlandfunk

Sie hat gelernt, sich zuständig zu fühlen. Sie hat gelernt, dass sie als Frau verantwortlich sei, sich um ein gemütliches, sauberes Wohnen zu kümmern. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie schon als Kind ihrer Mutter mehr helfen musste, als ihr Bruder. Und selbst wenn ihre Eltern ihr andere Rollenbilder vorgelebt haben, so hat sie im Lauf ihres Lebens hunderte Werbebotschaften über ihre Rolle als Frau gesehen. Darunter viele Werbespots und Anzeigen, die klar machen: Beim Staubsaugerkauf entscheidet er vielleicht noch mit (klar, erstens geht’s um Technik und zweitens ist es sein Geld?!), aber Putzen ist Frauensache …

…wohingegen es bei ihm auf ein paar Krümel nicht ankommt. Der Geizmarkt behauptet noch im Jahr 2015, Staubsauger seien ein passendes Geschenk zum Muttertag. Werbespots für Küchen oder Putzkram, in denen ein Mann auftritt machen klar: ihn fasziniert nicht das Essen in der Pfanne, sondern die Ultra-Laser-Herdtechnik: Platte heiß von 0 auf 100 in 30 Sekunden. Ein richtiger Mann braucht es unkompliziert und schnell, Salat ist nur Deko und auf Besteck würde er am Liebsten verzichten. Deshalb muss er in Spots auch häufig als Haushaltstrottel herhalten, dem sie aus der Putz-Pfütze hilft. Trotzdem entlassen wir sowohl Werbung als auch Väter aus der Verantwortung. Schuld sind die Mütter, schließlich sind sie es, die die nächste Generation Machos aufziehen.

Ungleiche Erwartungshaltung an Töchter und Söhne

Dabei werden bis heute Töchter mehr als Söhne dazu aufgefordert, mit anzufassen, wenn es darum geht, den Tisch abzuräumen, das Wohnzimmer zu saugen, dem kleinen Geschwister die Schuhe zu schnüren. Bis heute bekommen Söhne mehr Taschengeld als Töchter, das sie zudem noch aufbessern können, indem sie Rasenmähen, Straßen kehren oder Schnee schippen – Aufgaben, für die es extra Geld gibt und die Mädchen seltener zugetraut werden, obwohl sich unterschiedliche Muskelkraft doch erst ab der Pubertät bemerkbar macht.

Es liegt weder in Seiner noch in Ihrer persönlichen Verantwortung, dass Männer im Durchschnitt fünf Jahre früher sterben als Frauen, und doch wird dieser Missstand unter jedem Artikel wieder erneut aufgeführt, der in irgendeiner Form von einer Benachteiligung von Frauen spricht. Wir alle sind Teil eines Systems, das Kindern von klein auf beibringt, Jungs könnten ruhig etwas kräftiger mit anpacken, für sie sei es wichtig, sich mit anderen in Mutproben zu messen, und wenn sie sich weh tun, appellieren wir an ihren Stolz und ihre Männlichkeit, während Mädchen in vergleichbaren Situationen meist aufgefordert werden, das nächste Mal doch vorsichtiger zu sein, mehr auf den eigenen Körper achtzugeben, auf seine Unversehrtheit. Warum gilt nicht für beide gleichermaßen: Empathie lernen, Rücksicht nehmen auf sich und andere, nicht mehr, sondern weniger arbeiten, wenn ein Kind unterwegs ist, die eigene Ernährerrolle infrage stellen …

Wenn Er also andere Baustellen früher erkennt, und wenn Sie sich im Haushalt eher zuständig fühlt, dann ist das gelernt, es liegt nicht in ihrer „Natur“, sondern wir reproduzieren täglich das Klischee der weiblichen Fürsorge. Bis heute schafft es ein Politiker als Super-Papa in die Schlagzeilen, nur weil er sich fürs kranke Kind mal frei nimmt. Bei einer Politikerin, die Vollzeit arbeitet, wird angezweifelt, ob sie die Balance Job und Familie wohl hinbekommt.

 


Die Botschaft ist klar und wird so auch öffentlich in Worte gefasst: Mutti hat zu funktionieren, sie nimmt sich nicht frei:

Wer jetzt einwenden möchte, das System, die Gesellschaft, das sind doch wir selbst, deshalb sei schließlich jede*r für sich selbst verantwortlich, wieviel sie*er sich anpasst oder eben keine Rücksicht nimmt auf die Meinung der Nachbarn … und der Eltern … und Freund*innen … der Vorgesetzten….

Halbtagsjob für Ihn, damit er mehr Care-Arbeit übernehmen kann? Eine freie Entscheidung? Wohl kaum. Es ist eben nicht so, dass die Mehrheit ein zu geringes Selbstbewusstsein hat, um für sich selbst einzustehen. Und es ist auch nicht so, dass wir alle unzufrieden wären mit der Rollenaufteilung des Biedermeier. Aber wenn uns die jetzige Situation nicht gefällt, weil sie denjenigen, die anderes wünschen, als es die rosa-hellblau-Zuordnung vorsieht, ein überdurchschnittliches Engangement und Selbstbewusstein abverlangt, und wenn wir uns für die nächste Generation mehr Wahlfreiheit wünschen, dann müssen wir die Rahmenbedingungen ändern. Vor allem müssen wir aufhören, uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben und es der*m anderen vorzuwerfen, wenn er oder sie Verhaltenweisen oder Entscheidungen an bestehende Rollenbilder angepasst hat.

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Wir sind dankbar für die viele, positive Resonanz auf unseren Vorschlag für dieses Anliegen einen Erinnerungstag einzuführen. Nach wie vor freuen wir uns über UnterstützerInnen, die auf diesen Tag hinweisen, den Hashtag #EqualCareDay teilen und unsere Idee weiterverbreiten.

–> Zur Inspiration hier ein paar Fragen.

Offener Brief an die Leo-Redaktion: Sind Klischees Jungssache oder Mädchensache?

Liebe (Zeit-)Leo-Redaktion,

ich wünschte, Sie würden sich einmal damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn Kinder mit Klischees konfrontiert werden. Ich wünschte, Sie würden sich einmal Gedanken machen über die Wirkungsweise des Stereotype Threat, um dann Ihre ZeitLeo-vollerKlischeesRubrik “… Jungssache oder Mädchensache?” neu zu überdenken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es doch darum, die gewohnten Rollenklischees zu hinterfragen, vielleicht sogar aufzulösen: „Stimmt das überhaupt?“ Die letzten Male gab es immerhin unter den Kindern einzelne Stimmen, die klar machten: diese Zuordnungen sind Quatsch, denn Interessen sind nicht geschlechtsabhängig, sie unterscheiden sich individuell. Doch die aktuelle Ausgabe steckt einmal mehr voller Geschlechterklischees und führt vor: werden Menschen auf Kategorien hingewiesen und in Gruppen eingeteilt, entsteht automatisch ein Wir-Gefühl („Wir Jungs sind eben…“) sowie das starke Bedürfnis, sich von der jeweiligen Fremdgruppe („Die Mädchen sind aber …“) abzugrenzen. Allein durch Ihre Fragestellung verstärken Sie die vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Gruppen und nehmen den Kindern jede Möglichkeit, wirklich unvoreingenommen und individuell zu antworten.

Den Kindern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie übernehmen, was die Erwachsenen ihnen durch Gendermarketing, Werbung, Sprüche, Bilder… täglich vermitteln, sie wachsen hinein in unsere Regelwelt und übernehmen unsere Zuordnungen. Grade deshalb finde ich es für die Redaktion einer Kinder-Zeitschrift inakzeptabel, Sätze wie die folgenden unkommentiert stehen zu lassen: “Die Jungs bei uns können schon ganz gut malen – zumindest für Jungs.”, “Comics sind eine Jungssache, weil sie oft brutal sind.”, “Mädchen schreien immer sofort, wenn es mal zur Sache geht.” Wo bleibt die Einordnung? Wo das Gegenbeispiel?

In der Kinder- und Jugendarbeit sind Pädagog*innen täglich damit konfrontiert, dass sich viele Jungen zu wenig fürs Lesen interessieren, dass es cool ist, Schule blöd zu finden, dass zu viele von ihnen Auseinandersetzungungen nicht verbal sondern körperlich lösen wollen und ihre Probleme externalisieren. Mit ein Grund dafür ist, dass wir ihnen täglich vermitteln: “So sind sie eben, die Jungs und so ganz anders die Mädchen.” Sich diesen Vorstellungen zu widersetzen, sich anders zu verhalten, als es die Umwelt erwartet, wird Kindern immer schwerer gemacht, da folgen sofort komische Blicke und Bemerkungen. Und egal ob Kommentare vordergründig positiv (”toll! … für einen Jungen.”) oder explizit negativ gemeint sind, sie machen Kindern deutlich: das erwartet diese Gesellschaft von Mädchen und von Jungen: Jungs, die brutale Comics gut vertragen, sonst eher wenig lesen, wilde Geschichten brauchen etc. Und Mädchen, die gleich loskreischen, feinmotorisch im Vorteil sind und Pferdegeschichten bevorzugen… – typisch! Der Alltag von Kindern ist doch schon genug nach Geschlecht getrennt, er ist voll von Botschaften zum „normalen“ Verhalten von Mädchen bzw. Jungen. Da erhoffe ich mir, dass wenigstens in einer Zeitschrift, die von Kindern gelesen wird, Widerspruch laut wird.

Denn wenn sich an diesem Jungen- und Mädchenbild etwas ändern soll, dann, indem wir Kindern helfen, Klischees und Verallgemeinerungen wahrzunehmen, indem wir ihre und unsere Zuordnungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen etc. infrage stellen. Und indem wir ihnen helfen, frei zu entscheiden, unabhängig von unseren eigenen, traditionellen Vorstellungen vom “richtigen Kerl” und “echten Mädchen”. Doch Ihre regelmäßige Frage nach Jungssache / Mädchensache fordert Kinder immer wieder dazu auf, sich aufgrund ihres Geschlechts einzuordnen, nicht aufgrund ihrer individuellen Interessen. Sie fordern sie wieder und wieder auf, in rosa-hellblauen Schubladen zu denken, genau jenen, die uns Erwachsenen allzu geläufig sind. Das ist kontraproduktiv und verhöhnt die Arbeit derer, die sich um Gleichstellung bemühen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine Chance haben auf ihr grundgesetzlich zugesichertes Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichstellung beginnt nicht in der Debatte der Erwachsenen um Quoten und PayGap, sondern in der Kinderwelt!

Mit freundlichen Grüßen, Almut Schnerring

hart aber fair stellt Gleichstellungsbestrebungen infrage

Für gestern Abend hatte sich die Redaktion von „hart aber fair“ um Frank Plasberg entschieden, Gleichstellung und damit zusammenhängend, den PayGap zu diskutieren … und das Thema wiederholt auf vergleichsweise lächerliche (edit: in der Kürze missverständlich und herabsetzend, deshalb gestrichen) Nebenaspekte zu reduzieren (Ampelmännchen, Unisex-Toiletten, Hirsche …). Der Moderator hat von Anfang an Stellung bezogen, seine Kommentare, die Zitate und Einspieler waren manipulativ. Dazu passend kamen drei Gäste zu Wort, die sich mit Fragen der Gleichstellung bisher wenig bis gar nicht befasst hatten (S. Thomalla hat vom generischen Maskulinum noch nie gehört und hält die Diskussion darum für Quatsch.), deren Alltagstheorien unwidersprochen blieben vom parteiischen Moderator (W. Kubicki beruft sich auf seine beiden Töchter, um zu belegen, dass es keine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Berufsleben gibt.), die zudem offensichtlich falsch informiert sind über die Inhalte der Genderforschung und Ziele des Konzepts des Gender Mainstreaming (B. Kelle meint, Gleichstellungsbeauftragte förderten nur Frauen, Gender befasse sich nicht mit dem an Jungen vermittelten Männerbild). Die sachlichen Argumente kamen allein von Anne Wizorek und Anton Hofreiter, die andere Seite vertrat die Strategien Herablassung, Ahnungslosigkeit und Ins-Lächerliche-Ziehen.
Zurück bleibt Sprachlosigkeit darüber, dass in der ARD eine Sendung ausgestrahlt wird, die die Gleichstellungsdebatte negativ beeinflusst (Facebook- und Twitterkommentare belegen, dass Plasbergs Botschaft vom Genderwahn ankam), obwohl es den ganzen Abend überhaupt nicht um Gleichstellung ging. Was hat sich die Redaktion dabei gedacht? Toppen hohe Einschaltqoten jedes Argument? Oder gab es darüberhinaus ein überlegtes, inhaltliches Ziel dieser Sendung?

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Nachtrag am 2.4.15:

Der deutsche Frauenrat berichtet von einer Programmbeschwerde der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW gegen die Sendung vom 2.3.15.

Darin heißt es unter anderem:

Die Sendung von Herrn Plasberg hat u.E. gegen die Programmgrundsätze („Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen“) des WDR verstoßen.
Wollen Sie auf diese Art und Weise mehr Frauen und junge Menschen für den WDR begeistern? Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.

Den genauen Wortlaut des Briefes an den WDR, an Tom Buhrow kann man >hier< nachlesen.

 

hart aber fair Programmankündigung ARD

hart aber fair Programmankündigung ARD

Ein Junge, der mit Puppen spielt, wird er später einmal…?

… ein toller, fürsorgender Vater?

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie einen kleinen Jungen sehen, der innig vertieft eine Puppe in seinen Armen wiegt? … Fragen Sie sich, ob er wohl gemobbt wird und ausgegrenzt von anderen Kindern? Oder doch eher, ob mit dem Jungen alles in Ordnung ist?

Chris Hallbeck, maximumble.com

Chris Hallbeck, maximumble.com

In der Erwachsenenwelt werden teure Kampagnen und Projekte gestartet, auf dass sich mehr Männer in der Kinderbetreuung und frühkindlichen pädagogischen Arbeit engagieren, ob als Väter, als Erzieher oder Grundschullehrer. Es scheint also ein gesellschaftliches Ziel zu sein, am heutigen Status Quo etwas zu verändern. Immerhin hat sich in Großbritannien eine Politikerin über den Zusammenhang zwischen kindlichen Spielwelten und dem Gender Care Gap geäußert. (Zur Erinnerung: 80% der Fürsorgearbeiten rund um Kinder, Kranke, Alte, Familie werden von Frauen geleistet). Und trotzdem wird kleinen Jungen das Leben sehr schwer gemacht, wenn sie sich diesen Bereichen spielerisch annähern möchten. Das geht nicht ohne Kommentare ab, manchmal von anderen Kindern, aber mehr noch von Erwachsenen. Und natürlich spüren Kinder eine solche Ablehung:

„Ich habe ja noch ein total schönes Puppenhaus von früher, aber was soll ich damit, ich habe ja zwei Jungs!“ (Mutter beim Flohmarktbummel)

„Was würdet ihr machen  … wie kann man sich helfen lassen …??? Wenn ein 7 j. Junge schon längere Zeit mit Puppen spielt?“

„Seit einiger Zeit sagt er mir immer wieder, dass er so gerne die Puppe hätte, und nun steuert er beim Einkaufen immer in die Puppenabteilung, sagt, dass er sich die so gerne vom Weihnachtsmann wünscht und er jetzt auch immer ganz lieb ist. Was würdet ihr machen? Erklären, dass das doch eigentlich nur was für Mädchen ist?“ (Foreneintrag einer Mutter)

“Mein Mann ist total dagegen. Was denkt ihr? Soll er seine Puppe bekommen auch wenn der Haussegen schief hängt. Mein Mann will ihn auf eine >Actionfigur< lenken.”

Die Verunsicherung ist so groß, dass ein Kaufhaus sich entschieden hat, auf seinen Onlineseiten die Kundschaft zu beruhigen:

Es ist „auch vollkommen in Ordnung, wenn der Sohn plötzlich mit Puppen spielen will – dies ist kein Ausdruck geschlechtlicher Prägung.“

In Kitas, in Filmen und Büchern, in den Spielwarenabteilungen, in der Werbung: auf den Verpackungen sind fast ausschließlich Mädchen abgebildet, und die Texte erklären, dass es hier um die „Puppenmutti“, „Freundin“, „Prinzessin“ geht und natürlich um „Mädchenträume“. Die gesamte Care-Welt schimmert rosa, und das rosa Label bedeutet: Nichts für Jungs! Auch da, wo auf das Etikett „Nur für Mädchen“ verzichtet wurde.puppenshops

Wir diskutieren über den Care-Gap, während Mädchen zu Hause ganz selbstverständlich mehr im Haushalt mithelfen (müssen) als ihre Brüder. Wir streiten über den Pay Gap in der ungerechten Berufswelt, während Jungen im Durchschnitt mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Wir führen eine erbitterte #aufschrei-Debatte, während auf den (Grund-)Schulhöfen ‚Mädchen‘, ’schwul‘ und ‚Bitch‘ ganz selbstverständlich als Schimpfwörter durchgehen. Wir kämpfen für mehr Gleichberechtigung und lassen zu, dass unsere Kinder zunehmend und immer stärker in zwei Schubladen gepresst werden, die außen schön rosa und hellblau sind und innen mit den Rollenklischees längst vergangener Zeiten ausgepolstert, damit das erwachsen Werden nicht so weh tut.

Zeit, die Kinderwelt mit in den Blick zu nehmen bei der nächsten Sitzung, Tagung, bei der Zukunftsplanung. Denn wir werden die Gleichberechtigungsprobleme der Erwachsenenwelt nicht nachhaltig lösen können, wenn wir nicht endlich erkennen, dass die Unterschiede, dass die Ungleichwertigkeit der Geschlechter, dass die Hierarchie ihren Anfang nimmt in der Kita … und noch viel früher.

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Nachtrag vom 19.1.2015:

"Kreise die Fehler ein" Quelle: @Luii_Luise auf Twitter

„Kreise die Fehler ein“, 2003 eingesetztes Schulbuch*
Foto by @Luii_Luise auf Twitter

 *Auch das von @thomas_mohr getwitterte Bild gab Anlass zu Diskussion und Statements über klischeehafte Aussagen in Schulbüchern. Es kam der Einwand, dass ja im dazugehörigen Lehrer*innenheft dazu auffordert werde, Geschlechterrollen mit der Klasse zu diskutieren. Ich fürchte aber, dass das Wissen und das Bewusstsein vieler Pädagog*innen nicht ausreicht, um die auf der Schulbuchseite gelegten Klischees im Gespräch ernsthaft infrage zu stellen und für die Kinder wieder zu öffnen. Denn leider ist ja nach wie vor die Mehrheit davon überzeugt, dass Jungen und Mädchen nunmal unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen haben und findet auch gar nichts Negatives daran. So blieb mit großer Wahrscheinlichkeit auch der oben eingekreiste Junge mit Puppe als „Fehler“ unwidersprochen.

 

Und da ich eben die Mathehausaufgaben meiner Tochter in die Finger bekommen habe, und auch hier die Geschlechter-Klischeeschleuder weitergedreht wird, fange ich mal eben einen neuen Post an zum Thema Schulbücher und lade dort die Matheaufgabe hoch.

 

Typisch Mädchen? Typisch Junge?

Einladung zum Radiohören

Dass Rosa und Hellblau in unserer Kultur und Zeit eben nicht „nur“ Farben sind, sondern mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Dinge assoziiert werden, das wird klar und auch spürbar beim Anblick der Kinderzimmer, die die Fotografin JeongMee Yoon seit 2005 in ihrem „Pink & Blue Project“ festhält. Was in den Fotos übertrieben scheint, findet sich aber auch im Alltag von Vorschulkindern hier und heute. Einmal den Blick geöffnet, einmal das Ohr gerichtet auf Kommentare, Zuordnungen, Bewertungen fällt auf, dass schon die Kleinsten lernen, wie ein „richtiges“ Mädchen zu sein hat und was einen „richtigen“ Jungen ausmacht“.

Zu diesem Thema haben wir ein Radiofeature (25 Minuten) produziert, das am Samstag, 1.2. ausgestrahlt wird wurde – hier geht es zum Audio und zu dem wir gerne einladen wollen:

1. Februar um 8:30 – 9:00 Uhr auf SWR2 und danach auch als Podcast:

Typisch Mädchen? Typisch Junge? –

Geschlechterstereotype im Vorschulalter“

 

Mädchen lieben rosa, und Jungs sind nun mal wild. Was soll man da schon machen als aufgeklärte Eltern? Hat sich an dieser strikten Rollenzuweisung eigentlich etwas Grundlegendes verändert in den letzten Jahrzehnten? In den 1970ern wollten viele Eltern es unbedingt vermeiden, ihre Kinder auf Geschlechterrollen festzulegen. Wie sieht das heute aus? Befinden wir uns auf einem stetig, wenn auch langsam aufsteigenden Weg hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Oder ist rosa vielleicht noch süßer geworden und himmelblau dem Nintendo-Schwarz gewichen? Eine Sendung über Tanzkurs und Fußballtraining, Puppen- und Bauecke, Röckchen und Camouflage-Pullis und über die Rollenvorstellungen in Kindertageseinrichtungen und Kinderzimmern.

Eine Sendung mit Sigrid Schmitz, Professorin für Gender Studies an der Universität Wien. Mit der Diplom-Pädagogin Susanne Wunderer aus Köln, und mit Erzieherinnen und Kindern der KiTa Sonnenblume in Burscheid-Hilgen.

Vielen Dank noch einmal an alle Mitwirkenden!

 Hier der Anfang des Radiofeatures zum Reinhören:

Ausschnitt zum Reinhören

„Typisch Mädchen? Typisch Junge?“ – Ausschnitt zum Reinhören