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Echte Männer tanzen nicht…

„Tanzen? interessiert ja doch eher die Mädchen“

eine self fulfilling prophecy

Anlass für diesen Post ist ein Werbespot für Kekse, in dem ein Junge von drei anderen verprügelt wird, als sie ihn mit einem Koffer sehen, aus dem der Stoff eines rosa Tütü quillt. Am Ende löst sich auf: das Tütü ist ja gar nicht seins, er bringt es seiner Freundin, denn die träumt davon, Ballerina zu werden. Na, dann ist ja alles gut. Denn wenn wer er…, also als Junge… zum Ballett?

Unser Sohn Kay hat als Sechsjähriger seine zwei Jahre ältere Schwester Mika eine Weile zum Tanzkurs begleitet. Kein klassisches Ballett, sondern Kindertanz mit Musik und Bewegung im Raum, kurze Choreographien, Geschichten dazu und auch ein bisschen rosa Tütü. Irgendwann hat er dann einfach mitgetanzt. Er kam gut mit bei den Übungen und Bewegungskombinationen, war mit Spaß bei der Sache, und die Kursleiterin war begeistert. Mal ausprobieren, sich Bestätigung abholen, stolz sein, dafür war es genau richtig, aber da er der einzige Junge war, wollte er nicht mit einsteigen, schon gar nicht bei der Aufführung am Ende des Halbjahres. Wir überlegten, im Freundeskreis herumzufragen, ob nicht einer seiner Freunde mittanzen würde, aber Kay war dagegen. Also haben wir nach einer anderen Gruppe gesucht, bei der auch Jungs mittanzen. Bis wir die gefunden hatten am anderen Ende der Stadt, da war die Schublade schon zu, das Thema durch.

Tanzen oder Fußball?

Stattdessen spielte Kay dann Fußball, obwohl er sich nie dafür interessiert hatte, weder anschauen, noch selber spielen. Erst Mitte der Grundschulzeit fing es an. In den Schulpausen gab es nur noch die Wahl zwischen Fußball mit den Jungs oder Turnen an der Stange mit den Mädchen. Da alle seine Freunde auf nichts anderes mehr Lust hatten, hieß es für Kay plötzlich, sich zu entscheiden: Er konnte entweder die Nachmittage mit seinen Freunden verbringen und sich mit dem Fußballspiel arrangieren oder sich andere Freunde suchen. Schwer zu erraten, wie es weiterging: Kay gehört jetzt zu den Jungs, die Tanzen doof finden und Fußball toll. Typisch Jungs? Tanzen liegt denen eben nicht. Ist das so?

Filme, in denen Jungs tanzen, machen entweder genau diesen Wunsch zum Thema (Billy Elliot) außer es geht um Breakdance und Capoeira. Filme, in denen Männer tanzen, sind „Frauenfilme“, die durch den Bechdeltest fallen, der Superduper-Tänzer (Footloose, Dirty Dancing…) im Zentrum ihres Seins und Denkens. Zum Samstagnacht-Tanzen in der Disco gab es mal eine Studie, die untersuchen wollte, wie Männer tanzen sollten, damit sie bei Frauen gut ankommen. „Das ist die erste Studie, die objektiv zeigt, was einen guten von einem schlechten Tänzer unterscheidet“ (Psychologe Nick Neave, Leiter der Studie). Ob gut oder schlecht entscheiden also Frauen? Warum nicht homosexuelle Männer? Homosexualität wird doch genau jenen unterstellt, aus deren Koffer ein Tütü lugt, oder nicht? Ausnahmesituation: Die Lachnummer „Männerballett“ auf Hochzeiten. Am liebsten mit Tennissocken, Rippshirt und viel behaartem Bauch, damit auch ja keine Zweifel aufkommen: Spaß am Ballett? Natürlich nur beim Veralbern!

Welche Rolle spielt eigentlich das Gefühl des Tänzers selbst? Wenn er tanzt, dann nur für sie? Für Show und Applaus? Wie sieht’s aus mit Tanzen, einfach, weil es sich gut anfühlt? So für sich selbst? Als Ausdruck der guten Laune? Passt nicht ins Männerbild. Denn so oder so dürfen Männer nur tanzen, wenn es gut aussieht. Aber hey, no pressure!

„Welcome to our series on exploring your masculinity. …

Truly manly men do not dance! Under any circumstances. This will be your ultimate test. At all cost avoid rhythm, grace and pleasure. Whatever you do, do not dance! … Men do not dance. They work, they drink, they have bad backs, they do not dance. Hold still, hold tight. Whatever you do: do not dance! … Kick someone, punch someone, bite someone’s ear!

Get a grip!

Supertroopers-Cast-Mocking-One-Directions-Dance-In-a-Music-Video

 

 

hart aber fair stellt Gleichstellungsbestrebungen infrage

Für gestern Abend hatte sich die Redaktion von „hart aber fair“ um Frank Plasberg entschieden, Gleichstellung und damit zusammenhängend, den PayGap zu diskutieren … und das Thema wiederholt auf vergleichsweise lächerliche (edit: in der Kürze missverständlich und herabsetzend, deshalb gestrichen) Nebenaspekte zu reduzieren (Ampelmännchen, Unisex-Toiletten, Hirsche …). Der Moderator hat von Anfang an Stellung bezogen, seine Kommentare, die Zitate und Einspieler waren manipulativ. Dazu passend kamen drei Gäste zu Wort, die sich mit Fragen der Gleichstellung bisher wenig bis gar nicht befasst hatten (S. Thomalla hat vom generischen Maskulinum noch nie gehört und hält die Diskussion darum für Quatsch.), deren Alltagstheorien unwidersprochen blieben vom parteiischen Moderator (W. Kubicki beruft sich auf seine beiden Töchter, um zu belegen, dass es keine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Berufsleben gibt.), die zudem offensichtlich falsch informiert sind über die Inhalte der Genderforschung und Ziele des Konzepts des Gender Mainstreaming (B. Kelle meint, Gleichstellungsbeauftragte förderten nur Frauen, Gender befasse sich nicht mit dem an Jungen vermittelten Männerbild). Die sachlichen Argumente kamen allein von Anne Wizorek und Anton Hofreiter, die andere Seite vertrat die Strategien Herablassung, Ahnungslosigkeit und Ins-Lächerliche-Ziehen.
Zurück bleibt Sprachlosigkeit darüber, dass in der ARD eine Sendung ausgestrahlt wird, die die Gleichstellungsdebatte negativ beeinflusst (Facebook- und Twitterkommentare belegen, dass Plasbergs Botschaft vom Genderwahn ankam), obwohl es den ganzen Abend überhaupt nicht um Gleichstellung ging. Was hat sich die Redaktion dabei gedacht? Toppen hohe Einschaltqoten jedes Argument? Oder gab es darüberhinaus ein überlegtes, inhaltliches Ziel dieser Sendung?

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Nachtrag am 2.4.15:

Der deutsche Frauenrat berichtet von einer Programmbeschwerde der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW gegen die Sendung vom 2.3.15.

Darin heißt es unter anderem:

Die Sendung von Herrn Plasberg hat u.E. gegen die Programmgrundsätze („Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen“) des WDR verstoßen.
Wollen Sie auf diese Art und Weise mehr Frauen und junge Menschen für den WDR begeistern? Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.

Den genauen Wortlaut des Briefes an den WDR, an Tom Buhrow kann man >hier< nachlesen.

 

hart aber fair Programmankündigung ARD

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