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#WasAndersWäre – eine Zwischenbilanz

Edit:
Einige der Blogs, die sich von unseren #WasAndersWäre-Fragen angesprochen fühlen, vertreten eine Haltung, die definitiv nicht unserem Weltbild entspricht. Doch wir sind Verfechter*innen der Gewaltfreien Kommunikation und fast immer hoffnungsvoll, dass sich mit letzterer auch zerstrittene Parteien an einen Tisch holen lassen. Aus gegebenem Anlass deshalb hier unsere Meinung zur Kommentarfunktion und zum Vorwurf der Zensur. Bitte *hier weiter*

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Wer hätte gedacht, dass sich Antifeminist*innen für unser Blogstöckchen interessieren? Dass sie es spannend finden, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was anders wäre in ihrem Leben, wenn sie eine Frau wären. Schade, dass manche in ihren Antworten Häme und Stereotype von DER Frau und DEM Mann an sich verbreiten, denn genau in dem Punkt, nämlich bei der Frage „Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?“ sind sich (überraschend?) im Grunde alle einig.

Christian beispielsweise antwortet:

„Das Klischee des gefährlichen Mannes: Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewusstes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.“

Und Matze stimmt ihm in einem direkten Kommentar zu:

“Das Klischee des gefährlichen Mannes. – Ja, so einen Scheiß durfte ich letztes Jahr in einer Zugfahrt erleben. Da war eine Mutter mit zwei Kindern, wahrscheinlich Grundschulalter, unterwegs. Sie saß mit ihrer Tochter auf einem 2er-Sitz, und der Sohn saß alleine auf dem 2er-Sitz daneben. Der Zug war ziemlich voll, ich wollte sitzen, um noch ein bisschen zu lesen, und fragte ob der Platz frei wäre. “Ja, ist noch frei”. Hab dann noch angeboten mich ans Fenster zu setzen. Also hingesetzt Buch rausgeholt und gelesen, sonst nix gemacht, saß auch nicht auf seiner Hälfte oder sowas. Während der ganzen Fahrt hat die Mutter dann immer übermäßig viel Acht auf ihren Sohn gegeben. “Ist es da okay?”, “Willst du lieber hier sitzen?”, “Alles gut?”. Fast im Minutentakt. Das war ein richtiges Scheißgefühl.“

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen. (Ich denke, ich weiß, wovon die beiden reden, ich durfte selbst meine Erfahrungen mit dem Generalverdacht machen.)

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. Wie hat es Dirk Engehausen, damals Europachef von Lego (heute Schleich), in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ausgedrückt: „Bei Jungs geht ’s eher darum, den Schwächling zu besiegen und auszuschließen.“ Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Um also nur ein Beispiel aus den Antworten über einengende Klischees herauszugreifen:

-> Viele Frauen fühlen sich unwohl, haben Angst, wenn ein Mann hinter ihnen läuft, sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, nehmen lieber ein Taxi, fahren mit dem Bus oder haben Pfefferspray, einen Schlüssel zwischen den Fingern …

-> Und viele Männer fühlen sich dadurch zu Unrecht verdächtigt, denn mit ihnen persönlich im Rücken habe frau ja nichts zu befürchten, ihre Angst sei also unberechtigt, ungerecht.

 

Sind nicht beide Perspektiven nachvollziehbar? Braucht es hier wirklich eine Auseinandersetzung darum, wer Recht hat, wer mehr Recht hat? Oder wäre es nicht im Interesse aller, wäre es nicht an der Zeit, an diesem Männlichkeitsbild etwas zu ändern, da es zum einen nicht mit dem Selbstverständnis vieler Männer übereinstimmt, und zum anderen von vielen als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit empfunden wird?

Rollenzuschreibungen scheinen für viele solange akzeptabel, solange sie nicht auf die eigene Person bezogen sind. Betreffen sie einen selbst, sind sich alle einig, dass Klischees einengen. Niemand will aufgrund eines Etiketts, einer Kategorie beurteilt werden, egal ob sie Herkunft, Alter, Geschlecht o.a. betrifft. Doch wenn es um andere geht, soll plötzlich auch Positives an Verallgemeinerungen dran sein (praktisch im Alltag, war schon immer wichtig fürs Überleben, Kategorisierungen sind natürlich und notwendig …). Geht es also um einen selbst, ist das Individuum wichtiger, geht es um die Anderen (Stichwort „Fremdgruppenhomogenitätseffekt“) kommt es auf deren Einzigartigkeit nicht mehr so an?

Die Antworten auf die vierte unserer sechs Fragen zeigen aber, dass wir alle unter Klischees und Vorverurteilungen leiden – vielleicht ist das für einige ein zu starker Ausdruck, aber uns doch unwohl fühlen. Warum überlegen wir dann nicht gemeinsam, wie wir von gegenseitigen Rollenzuschreibungen wegkommen? Wie wäre es, wenn wir gemeinsam als Gesellschaft dazu beitragen, dass sich unser aller Bild vom unabhängigen, coolen, kompromisslosen, allzeitbereiten, und für die Familie nur finanzielle Verantwortung tragenden Mann ändert? Vom Bild der empathischen, irrationalen, technisch unbegabten, sich für die Kinder aufopfernden, allzeit verführenden, aber letztlich passiven Frau? Denn wozu führt eine Schuldzuweisung, die das jeweils andere Geschlecht oder einen wie auch immer definierten „-ismus“ dafür verantwortlich macht, diese Bilder in die Welt gesetzt zu haben und weiter diskriminierende Stereotype zu reproduzieren? Sind es nicht vielmehr Menschen, z.B. in Entscheidungspositionen in den großen Medienhäusern, in den Marketingabteilungen und Forschungsinstituten, die konkret Einfluss nehmen darauf auf das Bild vom „echten“ Kerl und der „typischen“ Frau? Wie wäre es, wir verwendeten nicht so viel Zeit und Energie für Erklärungsversuche, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind, und wer sie zu verantworten hat, suchen nicht wie Kinder im Streit nach den Schuldigen, sondern überlegen, wo die Überschneidungen sind, auf welche Ziele wir uns einigen können.

Vielleicht sollten wir uns als Erwachsene nicht so ernst nehmen und mehr auf die nächste Generation schauen: wie soll die Welt denn aussehen, in die Kinder hineinwachsen, in die hinein wir selbst alt werden? Eine Welt, in der zum Beispiel Jungen mit Puppen spielen können, ohne ausgegrenzt zu werden, sondern sich spielerisch einfühlen können in eine Welt, in der ihnen dann nicht voreilig das Sorgerecht entzogen wird. Eine Welt, in der alle wissen und gelernt haben, dass sich Väter genauso liebevoll und fürsorglich um ihre Kinder kümmern können wie ihre Mütter.